65. Angst, die Dinge zu benennen

Dieser Dichter hat eigentlich Angst, die Dinge zu benennen, und es gelingt ihm, diese Angst auch uns einzuflößen. Wie besessen holt er Wörter hervor, welche zwar nicht die Dinge sind, aber doch so nahe bei ihnen, dass sie stellvertretend deren Härte, Geruch, Farbe und Geschmack simulieren können, vor allem auch ihre Aggressivität oder Zärtlichkeit. Aber kaum genannt, lässt er sie fallen, kalauert sie weg, deutet sie um.

Die Gedichte, oft aus drei- oder vierzeiligen Strophen gebaut, sehen auf dem Papier sehr ordentlich aus, aber kaum ein Satz passt in einen Vers, und kaum ein Strophenende gibt Zeit zum Atemholen. Der Tänzer auf einer Herdplatte: Wohin er auch tritt, ist es zu heiß, um nur eine Sekunde auszuharren. / HANS-HERBERT RÄKEL, Süddeutsche 4.8.

TOM SCHULZ: Kanon vor dem Verschwinden. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2009. 96 Seiten, 16,90 Euro.

64. Ernst Jüngers erster LSD-Trip

Albert Hofmann, der Erfinder des LSD, und der konservative Schriftsteller Ernst Jünger lernten sich 1949 kennen. Nach gemeinsamen Experimenten mit der halluzinogenen Droge schrieb Jünger das 1952 erschienene Buch ‚Besuch auf Godenholm‘. Hofmann veröffentlichte seine Erinnerungen an die Versuche erstmals 1979 in ‚LSD mein Sorgenkind‘. Klett-Cotta hat das Buch nun wieder aufgelegt. Samt der Schilderung des ersten gemeinsamen LSD-Trips der beiden Herren im Jahr 1951… / Süddeutsche 3.8.

63. Tippfehler

Aus London kommend breitet sich seit dem iPad-Start unter jungen Autoren eine Mode aus, ein radikales Retro-Experiment für potentielles Schreiben: Sie kaufen sich Olivettis und andere Schreibmaschinen aus der ersten Hälfte des zurückliegenden Jahrhunderts. Dann berichten sie mit glänzenden Augen von ihren Schreibexperimenten jenseits aller Verführungspotentiale des Internets und davon, wie herrlich sich die fehlende Löschtaste und das sich daraus ableitende Prinzip Erst-Denken-Dann-Tippen auf die Qualität und Dichte ihrer Texte auswirken. Auch ergäben sich auf diesen alten Schreibmaschinen interessante neue Wörter und Satzwendungen, weil Schreibfehler nun einmal stehenbleiben müssen. Ein sehr poetisches Verschreibbeispiel aus einer anderen Zeit stammt von Ingeborg Bachmann und geht so: ‚Und nun km auch ein tewades und wipüpte drett und hilfsbereit vor den beiden Damen.‘ / EVELYN ROLL, Süddeutsche 3.8.

62. Wutfreies Howl

Im Beirut39.blogspot spricht der seit 2002 in Madrid lebende ägyptische Dichter Ahmad Yamani über sein Gedicht „Die Utopie der Friedhöfe“, das ins Englische übersetzt wurde. Darin über den Unterschied zwischen Zynismus und Satire:

Der Zyniker spricht von einem höheren Standpunkt und verströmt das Gefühl der Überlegenheit, während der Satiriker zuerst und vor allem sich selbst kritisiert. Deshalb hält man Sokrates für einen Zyniker und Nietzsche für einen Satiriker.

Über das „Prosagedicht“ (er plant eine Dissertation darüber):

Die spanische Prosalyrik hat dieselben Probleme wie die arabische: Vermischung mit anderen literarischen Genres wie freier Vers und lyrische Prosa.

Siehe auch Al Ahram Weekly (Ägypten) vom 5.8. über sein neues Buch „Amakin Khati’ah“ (Wrong Places, Cairo: Dar Miret, 2009). Youssef Rakha schreibt:

Mehr als andere Prosadichter der Neunziger Jahre, die in Standard-Arabisch schrieben, bezichtigte man Ahmad Yamani der hartalah, im zeitgenössischen Slang Geschwätz, Gefasel. Damals lebte er in Talbiyah, der halbprovinziellen Pyramidenvorstadt, wo er 1970 geboren wurde. Keiner bezweifelte sein Talent, doch selbst die Quasi-Beatniks von Kairo waren auf den total respektlosen Verzicht auf Politur nicht vorbereitet. Sein erstes großes Gedicht, „Air that stopped in front of the House“, war ein abwechselnd romantisches und Kafkaeskes, wutfreies Howl aus dem postsowjetischen Kairo.

61. Keine kommt gut davon

Über jede noch so nicht nennenswerte Stadt hat er ein Gedicht geschrieben und wirklich keine kommt gut davon. Sei es nun Paderborn, Kassel, Madrid oder Stockholm – er schafft es, sich in jeder Stadt die Ehrenbürgerschaft zu vermiesen. / Südkurier über Thomas Gsella

60. Hier ist Iran

Als der politische Druck für sie zu groß wurde, flüchtete Sanaz Zaresani 2008 nach Deutschland. Seither übt sie öffentlich regelmäßig Kritik an den Zuständen in ihrer Heimat, vor allem an den ständigen Repressalien, die unter Präsident Mahmud Ahmadinedschad stark angestiegen sind.

In ihrem Erstlingswerk nutzt sie ihre gewonnene publizistische Freiheit, um Missstände unverhohlen aufzuzeigen. Worte wie: „Hier ist Iran / Hier / verfaulen all die Gräber / in der unaufhörlichen Aufeinanderfolge / der Vergangenheit“ wirken wie ein Urteilsspruch auf die Bilanz der vergangenen Jahrzehnte. / kreiszeitung.de

Sanaz Zaresani: „Die Geschicklichkeit begrenzter Buchstaben“, erschienen im Sujet Verlag.

59. Gedichte wurden vorgetragen

Während der Zeremonie trugen die Islamisten Gedichte und Gesänge vor, die den Märtyrer-Tod verherrlichten. / Bild

58. Gedichte sind nicht geschickt worden

Nüchtern kommentiert sie im Zeugenstand am Kieler Landgericht: „Gedichte sind nicht geschickt worden.“ / Wedel-Schulauer Tageblatt

57. Beschwörerin der Worte

„Ich bin in der Anstalt – Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“ heißt das neue Buch der österreichischen Dichterin, erschienen bei Suhrkamp. Beim MDRein Gespräch, das Michael Hametner mit der Autorin führte.

Friederike Mayröcker ist eine der ganz großen Sprachkünstlerinnen und das schon seit mehr als fünfzig Jahren. In ihren Gedichten wie in ihren Prosawerken – der Sprechton in Gedicht und Prosa sind sich bei ihr oft recht ähnlich – wird selten etwas erzählt, was man als Leser einem anderen mitteilen könnte. Die Mayröcker macht alles mit und wegen der Sprache. Sie folgte mit diesem Credo nicht ihrem langjährigen Lebenspartner Ernst Jandl auf dem Weg zur Sprachlyrik, allenfalls ein paar Schritte, sondern sie ist eine Beschwörerin der Worte geworden. Gefühle, begleitet von Sprache – das ist es, was die Mayröcker ihren Lesern bietet.

MDR FIGARO | 10.08.2010 | 18:00-19:00 Uhr

Buchvorstellung und Interview können Sie später hier nachhören.

56. Jean Cocteau

In dem Sterbehaus des Dichters, Zeichners und Cineasten Jean Cocteau, das jetzt in ein Museum verwandelt wurde, lebt sein Geist fort, berichtet  Marc Zitzmann aus Milly-la-Forêt bei Paris. Zitat:

Es ist erstaunlich, wie ein Mann, der den «Künstler» bis zur Karikatur verkörperte (er traute sich z. B. nicht, ein Automobil zu steuern, weil die Überfülle seiner Gedanken ihn daran hindere, sich auf die Strasse zu konzentrieren!), auf Gärtner, Landwirte, Elektriker und Schneiderinnen, kurz: auf «einfache Leute» nicht nur einen tiefen, sondern auch einen zutiefst sympathischen Eindruck machte. / NZZ 9.8.

55. Bad Poems

Vernon Lott stieß beim Aufräumen auf seine Jugendlyrik. Massenhaft schreckliche Gedichte – nach Stücker 100, „viele ganz unverständlich“, war ihm schlecht. „Ich hab 10 Jahre lang wenigstens ein Gedicht am Tag geschrieben. Kein Mangel an schlechten Gedichten.“ / The Wall Street Journal 9.8.

54. Unbekannte Texte von Marilyn Monroe

Eine bisher völlig unbekannte Seite von Marilyn Monroe wird ab Oktober zu entdecken sein: Schriftstücke und Gedichte des vor 48 Jahren verstorbenen Filmstars werden dann veröffentlicht. Das Buch mit dem Titel „Fragmente“ soll zwischen dem 7. und dem 12. Oktober in mehreren Ländern erscheinen, darunter auch in den USA. Der Band umfasst Gedichte, Auszüge aus Tagebüchern und Briefe, welche in 101 Faksimiles abgedruckt und übersetzt werden, sowie 33 persönliche Fotos. Abgedeckt wird darin eine Zeitspanne von 1943 bis unmittelbar vor dem Tod des Stars in der Nacht zum 5. August 1962. Der Mitherausgeber Bernard Comment verspricht keine spektakulären Enthüllungen; aber die Texte liessen jenseits des Klischees vom blonden Pin-up-Girl eine sensible Frau sichtbar werden, die ebenjenen Klischeevorstellungen zu entfliehen versuche. / NZZ 9.8.

Mehr hier (und im alten Archiv, L&Poe 2005    Aug    #29.    Klassische Bildung)

53. American Life in Poetry: Column 281

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Anton Chekhov, the master of the short story, was able to see whole worlds within the interactions of simple Russian peasants, and in this little poem by Leo Dangel, who grew up in rural South Dakota, something similar happens.

One September Afternoon

Home from town
the two of them sit
looking over what they have bought
spread out on the kitchen table
like gifts to themselves.
She holds a card of buttons
against the new dress material
and asks if they match.
The hay is dry enough to rake,
but he watches her
empty the grocery bag.
He reads the label
on a grape jelly glass
and tries on
the new straw hat again.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©1987 by Leo Dangel, whose most recent book of poetry is The Crow on the Golden Arches, Spoon River Poetry Press, 2004. Poem reprinted from Paddlefish, No. 3, 2009, by permission of Leo Dangel and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

52. „Simultanität, Glossolalie, Bedeutungen statt Bedeutsamkeit“

Oswald Eggers „Die ganze Zeit“ ist – salopp gesprochen – ein Ziegel. 741 Seiten in zinnoberrotes Leinen gebunden – ohne Genrebezeichnung: Das Buch ist kein Roman, kein Gedicht oder Epos, kein Traktat. Selbst im Vergleich zu früheren Arbeiten wie die umfangreiche „Herde der Rede“ wirkt „Die ganze Zeit“ wie Eggers Opus maximum. …

Die Leichtigkeit dieser Kurz-Texte verrät einen mitunter schelmischen, feixenden Kommentator der eigene Sache: sie als Gedichte zu bezeichnen fällt nicht nur schwer, weil heute ohnedies niemand mehr weiß, was ein Gedicht ist. Sie verweigern auch jegliche innere Form, die ein Gedicht voraussetzt. Paul Celan nannte das: „Unendlichsprechung vor lauter Vergeblichkeit und Umsonst“. Unendlichkeit heißt bei Oswald Egger Simultanität, Glossolalie; ein Netz von Bedeutungen – anstatt Bedeutsamkeit.

Schon die Menge dieser allem Symbolischen abgeneigten Vierzeiler entwertet alles Epiphanische, alles Erleuchtende eines Gedichtes. Es geht hier viel mehr um Serielles – wie einst in der so genannten Neuen Musik, oder in der Bildenden Kunst. …

Oswald Egger zitiert viel heran, bringt seine Zitate zum Singen, schließlich entwirft er – unter anderem mit Hölderlin – eine Poetik europäischer – einst hieß das abendländischer – Landschaft. Zumindest der südliche Teil mitteleuropäischer Aachen, Bäche und Flüsse mündet in der Donau, also im Schwarzen Meer. /

/ Erich Klein, ORF 8.8.

Oswald Egger, „Die ganze Zeit“, Suhrkamp

51. Norbert Scheuer erhält Literaturpreis der Sparkasse Düsseldorf

Der Literaturpreis der Stadtsparkasse Düsseldorf geht in diesem Jahr an den in der Eifel geborenen Schriftsteller Norbert Scheuer. Der 59-Jährige schreibt Erzählungen, Gedichte und Romane, in denen meist die Menschen seiner unmittelbaren Heimat im Zentrum stehen. …

Der Literaturpreis der Stadtsparkasse Düsseldorf ist mit 15.000 € dotiert. / kuvi.de