Der russische Dichter Innokentij Annenskij (1855-1909) treibt seine lyrischen Ich-Figuren ruhelos meditierend durchs Gestrüpp eines paradiesischen Gartens. Der seit der Kindheit herzkranke Grübler und Träumer, der 14 Fremdsprachen beherrschte und als Altphilologe sämtliche Tragödien des Euripides übersetzte, bewegt sich – wie ein Gedichttitel lautet – „zwischen den Welten“. Gennadij Ajdi nannte ihn den größten „Märtyrer der Schlaflosigkeit in der gesamten Weltpoesie“. Mit Wladimir Majakowski konzipierte er eine Zeitschrift , doch zum Futurismus neigte er kaum. Anna Achmatowa betonte später, sie hätte Klarheit und alltägliche Dinglichkeit von Annenskij gelernt. Mehr als der erste Gedichtband „Stille Lieder“ (1904) beeinflusste der zweite, postume Band „Das Zypressenkästchen“ (1910) nachfolgende Generationen. Die erste deutschsprachige Auswahl aus dem Gesamtwerk des melancholischen Dichters setzt hier ihren Schwerpunkt. Besonders die wegweisenden „Dreiblätter“ lassen erkennen, dass der stille Einzelgänger keiner Richtung als der der eigenen Seelenbewegung verpflichtet war. Die Dreiblätter des Feuerglühens, des Eises, des Papiers, der Einsamkeit, des Verhallens und der Verführung sind auf verblüffende Weise assoziativ miteinander verwoben. Lautmalerische Gedichte wie „Glöckchen klingen“ wirken wie Vorgänger moderner Lautpoesie. / Märkische Allgemeine
Außerdem in der Sammelrezension: Steffen Jacobs
Selten gelingt mit einem Debüt ein großer Wurf, der sich ins Gedächtnis der Leser einschreibt. „Alle Lichter“ der 1981 in Berlin geborenen Nadja Küchenmeister hat das Zeug dazu. Die ewigen Themen Leben und Sterben, Willkommen und Abschied, Vergänglichkeit und Einsamkeit laufen als Echos und Spiegelungen zwischen den Worten und Zeilen. Sie grundieren auch die Verse, in denen an der Oberfläche von häuslichen Szenen oder Aufenthalten in Berlin, Potsdam und Edenkoben die Rede ist. Wind, Luft, Schatten und Licht strömen anders als in der Moderne durch Nadja Küchenmeisters poetische Räume. Sie sind mit den metaphorischen Bedeutungen der Elemente verbunden und zugleich lakonisch präzise und klar. / Dorothea von Törne, Märkische Allgemeine
(Und warum nicht mal einen monothematischen Tag. Ausgewogenheit schert mich wenig. Hier noch einmal Alfonsina Storni.)
LAS EUMÉNIDAS BONAERENSES
Con el viento que arrastra las basuras
van a dar al suburbio y se deslizan
amarillas por caños de desagüe
y se amontonan en las negras bocas.
Alzan señales en los paredones
y cuelgan, en las largas avenidas,
de los árboles bajos, como arañas,
y en el verdín del puente se esperezan.
¡Guarda! En baldíos, sobre pies fluviales,
si los cruzas al alba te persiguen
y mueven el botón que se te cae.
¡No alces la chapa! Están agazapadas
con el rostro cruzado de ojos grises
y hay una que se escurre por tu sexo.
Die letzte Zeile heißt in der Übersetzung von Reinhard Streit:
und eine gibt es, die in deinem Körper ein ungezügeltes Leben führt.
(Weiter im Text Milautzckis, #128, dort finden Sie die deutsche Fassung vollständig):
Die letzte Zeile heißt im Original „y hay una que se escurre por tu sexo“, und auch dem Nicht-Spanischsprechenden wird sofort klar, daß die Übertragung nicht ganz gelungen sein kann und tatsächlich nicht ist. Es ist das einzige Manko des Buches. Der Übersetzer Reinhard Streit ging eigenwillige Wege und kommt damit manchmal nicht dort an, wohin die Autorin eigentlich zielte. Oft fehlen die gereimten und rhythmischen Strukturen des Originals völlig, werden kurze Ausrufe in Sätze verwandelt und kurze Sätze in lange Passagen. Da die Gedichte zweisprachig abgedruckt sind, kann man einiges wieder gerade denken, was der Übersetzer glaubte verbiegen zu müssen, und kommt über diesen Umweg zu einem Wissen über die ursprüngliche Melodie und Geste, die bei Alfonsina Storni wesentlich sind.
[Àxel Sanjosé, vielleicht finden Sie Zeit für einen kleinen Kommentar zu dieser Zeile? Und sollte es noch weitere Leser geben, die etwas beitragen können: Wir könnten tatsächlich einen Stornitag abhalten?!]
Der Glaube ist ein Rucksack, den sie auf den Schultern des Mannes spürt, der in ihren Armen liegt. Der Glaube und das angebliche Wissen. „Ich bin schon die Frau, die wachsam lebt, / du der schreckliche Mann, der erwacht.“ Weil sie spürt, wie er mit jedem Stoß aus dem einen in das andere, das gemeinsame Leben dringt, wie er den Rucksack hinter sich läßt und schweißnass aus dem Alten drängt, wie er umarmen lernt und vereinen, glaubt sie doch manchmal an die Liebe. Die Liebesgedichte von Alfonsina Storni gehören zu den intensivsten und schönsten, die man in der Weltliteratur finden kann.
„Nicht du bist es, der mich betrügt; der mich betrügt, ist mein Traum“ – oft klingt sie, als habe sie aufgehört zu hoffen und eine tiefe Trauer liegt in ihrer Stimme. Die Inhalte ändern sich, die Gedichte verändern sich, werden ab 1925 expressionistisch gefärbt, ohne Wortgewalten loszutreten. Die klare Linie bleibt ihr treu, aber die Stadt wird zum Thema, der schlammschwangere Fluß, die Straße als Passage zwischen eingezimmerten Träumen und toten Gedanken. Dennoch taucht die Liebe wieder auf, bleibt und geht, kommt und flieht. „Die Männer laufen frei herum, / wie Hunde ohne Herrn“. Sie kleiden ihr animalisches Erbe in einen Frack und furzen in Champagnerlaune Weltpolitik in die zigarrenschwere Luft. Die dreißiger Jahre sind dekadent und egoman. Der Mann weiß noch nicht, daß er ein Trottel ist und hält sich für den Herrscher der Welt. Er glaubt sich fast alles und anderen nichts. / Frank Milautzcki, fixpoetry.com
Alfonsina Storni: Blaue Fledermaus der Trauer. Gedichte. Zweisprachig Spanisch/Deutsch. Übersetzung von Reinhard Streit. teamart Verlag, Zürich 2009.
Nein, mit Männern soll Alfonsina Storni ihr Lebtag lang kein Glück haben. Sie fühlt sich gedemütigt, geringschätzt, irgendwann wird sie gegen die Machowelt rebellieren, gegen Stereotype, Konventionen, sie wird sich rächen. Mit Versen. »Üble Männer« heißt ein Gedicht. »Geht niemals nachts ins Freie,/ Ihr mit den süßen Lippen.// Geht niemals nachts ins Freie, selbst bei sternklarem Himmel nicht.// Die Männer laufen frei herum,/ wie Hunde ohne Herrn …« / Uwe Stolzmann, ND 30.7.
Alfonsina Storni: Blaue Fledermaus der Trauer. Gedichte, Spanisch/Deutsch. Aus dem Spanischen von Reinhard Streit. Teamart Verlag. 168 S., brosch., 19 €.
Nach wie vor ist die Kunde vom bedeutendsten tschechischen romantischen Dichter nicht über die Grenze gedrungen. Karel Hynek Mácha (1810–1836) ist ausserhalb seiner Heimat kaum bekannt. Dabei bildet sein Werk einen Angelpunkt tschechischer Identität, der auch politisch immer wieder wirksam wurde. …
Denn Karel Hynek Mácha ist viel mehr als nur ein genialer Dichter, der mit dem schöpferischen Kraftakt seines epischen Gedichtes «Mai» die tschechische Literatur aus den Niederungen der patriotischen Reimerei auf ein europäisches Niveau hob und damit einen Massstab setzte, an dem sich bis heute jeder tschechische Dichter – gewollt oder ungewollt – zu messen hat. / Alena Wagnerová, NZZ 24.7.
Für Bilder und Zeiten (FAZ 24.7.) porträtiert Jan Wagner auf einer ganzen Seite den amerikanischen Lyriker Wallace Stevens (1879 bis 1955) unter der Überschrift: „Der junge Dichter als Gott, der alte als Landstreicher“.
Stevens nutzt das ganze Arsenal von Rhythmen und Reimen (darunter so übermütige wie komische Binnenreime wie ‚catarrhs‘ auf ‚guitars‘), um seinen Texten ein Höchstmaß an Musikalität zu verschaffen, die sich stellenweise bis zum Ausruf, zu Lauteruption und schierem Übermut steigert: Wer wagte es noch, stößt er auf Zeilen wie ‚Ho! Ho! // But ki-ki-ri-ki / Brings no rou-cou, / No rou-cou-cou‘ (‚Depression before Spring‘) oder ‚Ohoyaho, / Ohoo‘ (‚Life is Motion‘), Stevens als einen distanzierten, ja verkopften Autor zu bezeichnen?
Aus einem Bericht der FAZ über die Aufnahme des Spötters Heinrich Heine in die bayrische Walhalla:
Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, empfing die [Düsseldorfer] Abordnung mit den Worten: Man freue sich in Bayern ja stets über Besuch, aber in einer solchen Stärke, da sei man doch wieder leicht verunsichert.
Heine selbst, verkörpert durch den Schauspieler Rainer Goernemann, unterstrich die subversive Absicht: „Wenn einst erscheint der rechte Tag; / Dann sollt ihr meine Stimme hören / Das Donnerwort, den Wetterschlag. / Gar manche Eiche wird zersplittern / An jenem Tag der wilde Sturm, / Gar mancher Palast wird erzittern / Und stürzen mancher Kirchenturm!“ Das war vielleicht etwas viel Revoluzzertum so früh am Morgen.
Seine Freude hatte jedenfalls König Seehofer: „Wir in Bayern nehmen Heinrich Heine als Ganzes.“ Und damit nehmen ihn die Bayern ein wenig auch den Düsseldorfern weg.
Aber auch sonst ist Heine der rechte Mann, den Bayern-Preußen-Gegensatz zu überbrücken. Schließlich übergoss der Dichter beide Seiten mit derselben Häme
Jedes Wort des Librettos stammt von Nietzsche, aber der Text ist von Wolfgang Rihm, und bei ihm hat Nietzsche auch Wittgenstein gelesen. Einer älteren Äußerung nach hielt Rihm Nietzsches Texte einst für unvertonbar, aber die Bedenken haben sich erledigt. Seine Musik beweist eher, dass es keine unvertonbaren Texte gibt, während das Bühnenbild von Jonathan Meese und die Regie von Pierre Audi nicht durchgängig beweisen können, dass Rihms „Dionysos“ auf der Bühne schlüssig darstellbar ist. / Hans-Jürgen Linke, FR 28.7.
Bücher lesen? Nö, lieber kicken gehen. Rechtschreibung? Geh mir fort! Der Deutsch-Türke Cumali Zengin, 18, hatte ganz andere Interessen, als sich Gedanken über Sprache zu machen. Doch dann schrieb er Liebeslyrik und ist heute ein preisgekrönter Dichter – mit einer miserablen Deutschnote. / Spiegel
(Eine Gedichtstunde mit Walle Sayer brachte ihn darauf. In einem Lyrikwettbewerb der Mörike-Gesellschaft für Schüler zum Thema „Enttäuschte Liebe“ gewann er einen Preis.)

Der Bernstein-Verlag bereitet die Eröffnung einer trilingualen Weltpoesie-Reihe unter dem Titel »Stimmen der Völker in Liedern/Voices of the World in Song« vor, in der jeweils national-literarische Kostbarkeiten versammelt werden. In der Originalsprache und einer englischen sowie deutschen Übersetzung, nach Möglichkeit auch mit einer Audio-CD der in allen drei Sprachen rezitierten Verse versehen, präsentieren die Bände »Welt-Poesie« – auch und in bewusster Anlehnung an Herders »Stimmen der Völker in Liedern«. Herausgeber der Reihe sind Katharina Mommsen (Palo Alto, Kalifornien) und Martin Bidney (Binghamton, New York). Den Auftakt des Unternehmens werden drei Bände bilden: Adam Mickiewicz, André Bjerke und Alexander Pushkin. / BernsteinBlog
Sie wollte immer ein Apfelbaum sein
Nicht weil Äpfel gut schmecken! Nein
Nur damit jemand kommt und sagt, Da bist du
Nehal Fekri Ershad (iranischer Maler und Dichter)
In diesem Gedicht spricht Nehal über die Freiheit des Ausdrucks in Iran, wo jeder Probleme bekommt, der eine eigene Identität anstrebt. Den Rest von „Apfelbaum“, „Haus meiner Ahnen“ der Dichterin Salma und acht weitere Gedichte von Schülern des Loyola College in Chennai (früher Madras, Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu) kann man an den Zweigen des „Poetree“ (Gedichtbaums) im College lesen. Die Dichter Nehal und Salma weihten den Poetree am Dienstag ein. / Times of India 27.7.
Gedichte von Salma bei Poetry International Web (darunter auch „MY ANCESTRAL HOUSE“)
Sarah Kirsch war schon in ihren frühen Jahren eine berühmte, jedenfalls in der DDR anerkannte Dichterin: Sie wurde 1935 im Harz geboren, sie ging 1977 in die Bundesrepublik. Sie lebte einsam in Schleswig-Holstein und wurde dann, im Westen, offensichtlich unterschätzt.
Die Poesie der jungen Sarah Kirsch, das ist vor allem Lyrik – Lyrik der großen Gefühle und der mächtigen Leidenschaften, des hochgespannten Tons und des dramatischen, wenn auch nicht hochdramatischen Gestus. Daher schwanken diese Verse zwischen den Extremen, zwischen strahlendem Licht und düsterer Nacht. …
Nicht der Klassenkampf zog die junge Sarah Kirsch an, wohl aber die gemeinsame Aktion, nicht marxistische Gedanken faszinierten sie, wohl aber die menschlichen Beziehungen im Zeichen einer nationalen Aufgabe und einer übernationalen Idee. Die Abwendung von der DDR erinnert an den Abbruch einer langjährigen Liebesbeziehung. / Marcel Reich-Ranicki, Faz.net 27.7.
Besser gelang der Auftritt des Lyrikers Hendrik Rost, der sich gar nicht erst auf das angebotene Lesestühlchen setzte, sondern stehend seine kurzweiligen Gedichte vortrug. Ja, Gedichte über das Millerntor, über MySpace, das geht. Überhaupt versteht es Rost, profanen Alltag listig in Szene zu setzen: „Die Mülltonne auf rissigem Pflaster/ im Hof,/ die nach oben offene Mülltonne/ auf Rädern,/ fast ein Anblick, den ich mögen könnte,/ wäre da nicht/ der Müll.“ / Frank Keil, Die Welt
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