Keine Lesart nirgends, Bilder vor allem. Vielleicht merkt man an alldem, daß in Kiarostami auch ein Dichter steckt. Die Lyrik, so hat er einmal gesagt, sei ihm wichtiger als alle seine Filme. Es sind nur wenige Zeilen, die die Gedichte des Abbas Kiarostami ausmachen:
„Hundert ausgetrocknete Quellen / Hundert durstige Schafe / Ein alter Schäfer.“ Oder: „Wie trostlos / Den Vollmond / Allein / Zu betrachten.“
Schnelle Schnitte gibt es nicht bei diesem Kino-Poeten. Alles bleibt offen, manches ungesagt. Die Leerstellen sirren und klingen bei ihm, in den Filmen ebenso wie in den Gedichten.
„In Begleitung des Windes“ heißt dieser schöne Band, der, mit einem Nachwort von Peter Handke versehen, einen ersten Einblick in das lyrische Oeuvre Kiarostamis gewährt. / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten, 28.7.
Abbas Kiarostami: In Begleitung des Windes. Suhrkamp-Verlag, Berlin.
In ihrem ersten Gedichtband teilt Nadja Küchenmeister viel mit, aber plaudert nicht. Die Intensität, mit der sie der Stille, der Dunkelheit oder einer nur sekundenlang anhaltenden Bewegung nachspürt, erfordert bedächtiges Lesen.
Den vollständigen Artikel erreichen Sie im Internet unter der URL
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1237192/
Carola Wiemers
Deutschlandradio Kultur
2.8.2010
Zwischen Erinnerung und Jetzt
Nadja Küchenmeister: „Alle Lichter“, Schöffling, Frankfurt am Main 2010, 104 Seiten
Das Burns Monument Centre in Kilmarnock – „phantastisch“ sagen die einen, „eine Tragödie“ die anderen – ist auf einer Shortlist für den „Carbuncle Cup“, der die ärgste architektonische Monstrosität Großbritanniens „auszeichnet“. Es wurde im vergangenen Jahr neu eröffnet, nachdem ein Feuer 2004 das ursprüngliche Gebäude vernichtet hatte. / Scotsman
„Any explanations poets may give about what they do primarily serve the preservation of a secret. Vague as this secret may be, all poets, in their own individual ways, will hold on to it and barricade themselves behind it.“ —Durs Grünbein, The Poem and Its Secret
The Poem and Its Secret
by Durs Grünbein
from The Bars of Atlantis: Selected Essays,
edited by Michael Eskin; translated by John Crutchfield, Michael Hofmann and Andrew Shields
Michael Angele sorgt sich um die Lyrik (und bespricht die Anthologie der „Ostseegedichte“) im Freitag. Zu einem Bericht im pomlit-Blog schreibt ein Leser:
Passt gut zu Herrn Angele, der den ehemals reichen Kulturteil des Freitag mittlerweile fast lyrikfrei gemacht hat. Oder täuscht mich mein Eindruck?
Außerdem dort: eine Karte der Ortsnamen in dieser Anthologie und, da wir beim Thema Ortsnamen sind, ein Gedicht von Bertram Reinecke zum Thema (Ortsnamen, Namen überhaupt)
Mit großer Begeisterung und mit internationalem Flair ist am Sonnabend im idyllischen Hof des Cottbuser Wendischen Museums das 32. Fest der sorbischen Poesie, zu dem der Sorbische Künstlerbund eingeladen hatte, eröffnet worden. …
Werner Meschkank, Kustos des Wendischen Museums und selbst Dichter, führte zweisprachig durch das bunte Programm. …
Die Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen Festes zu Ehren des sorbischen Malers und Schriftstellers Martin Nowak-Njechornski (1900 – 1990) und der Volksdichterin Agnes Buder (1860 – 1937) gestalteten die sorbischen Literaten Dorothea Scholze, Jan Meschkank, Werner Meschkank, Tomasz Nawka, Bernd Pittkunings, Wora Wiazowa-Lehmann, Benedikt Dyrlich und Jurij Koch gemeinsam mit den tschechischen Dichtern Milan Hrabal (Varnsdorf) und Alica Prajzentová (Usti nad Labem). / Alfons Lehmann, Lausitzer Rundschau
Argentinien wird Gastland der Frankfurter Buchmesse.Die FAZ berichtet über die Literaturlandschaft des Landes, das neben Spanien führendes Buchland der spanischsprachigen Welt ist:
Es sind meist Einzelkämpfer oder kleine Gruppen von Gleichgesinnten, die die erstaunlichsten editorischen Leistungen vollbringen. In Rosario, der drittgrößten Stadt Argentiniens, hat der Germanist, Poet und Übersetzer Héctor Piccoli Gedichte aus allen Epochen der deutschen Literatur ins Spanische übertragen, angefangen beim Minnesang, mit deutlichen Schwerpunkten auf den Barockdichtern und der Zeit der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. Kürzlich erst hat er einen zweisprachigen Band mit Gedichten des nach Buenos Aires ausgewanderten deutschen Dichters Paul Zech (1881 bis 1946) vorgelegt.
Eine Pionierleistung vollbrachte Piccoli mit der Herausgabe einer revidierten Fassung der spanischen Übersetzung von Sigmund Freuds Gesamtwerk als digitaler Ausgabe auf CD (“Freud total 2.0“). Später folgten der „Cherubinische Wandersmann“ von Angelus Silesius und das OEuvre der spanischen Barockdichter Cervantes und Góngora als digitale Ausgaben auf CD, die man zum Teil auch über das Internet herunterladen kann. Für die mit einer Fülle von Kommentaren, Daten und Illustrationen ausgestattete CD mit dem Gesamtwerk der mexikanischen Barockdichterin Sor Juana Inés de la Cruz erhielt der in Rosario ansässige kleine Verlag Nueva Hélade, der inzwischen auch E-Books produziert, einen Preis von Microsoft und der Complutense-Universität in Madrid.
Statt eines Stornitages haben wir fast eine Storniwoche. Ich habe das Gedicht von Alfonsina Storni in Prosa übersetzt, so wörtlich wie mir möglich. Dabei habe ich die Hinweise von Àxel Sanjosé berücksichtigt, gar von ihm gefundene Formulierungen eingebaut und meine Fassung nach seinen kritischen Anmerkungen noch einmal überarbeitet. Ich kenne das Gedicht erst seit zwei Tagen und hab es mir schwer erarbeitet. Jetzt steht es in meiner Anthologie. In der Prosa ist immer noch genug Kraft. Ich danke Àxel Sanjosé für die Hilfe, ohne die ich ein starkes Gedicht nicht so genau kennengelernt hätte.
Die Eumeniden von Buenos Aires
Mit dem Wind, der den Müll mitschleppt,
erreichen sie die Vorstadt und gleiten
gelb durch Abflußrohre
und stapeln sich in schwarzen Mündern[1].
Sie bringen Zeichen auf die Mauern
und hängen in den langen Alleen
von den niedrigen Bäumen, wie Spinnen,
und räkeln sich im Moos[2] der Brücke.
Pass auf! In Brachfeldern, auf Flussbänken,
wenn du sie überquerst, verfolgen sie dich im Morgengrauen
und bewegen den Knopf, der dir herabfällt.
Heb das Blech nicht auf! Sie sind geduckt
mit von grauen Augen durchkreuztem Gesicht
und es gibt eine, die durch dein Geschlecht schlüpft.
[1] Öffnungen, Mündungen
[2] auch: Schimmel, Grünspan
Von Àxel Sanjosé
LAS EUMÉNIDAS BONAERENSES
Con el viento que arrastra las basuras
van a dar al suburbio y se deslizan
amarillas por caños de desagüe
y se amontonan en las negras bocas.
Alzan señales en los paredones
y cuelgan, en las largas avenidas,
de los árboles bajos, como arañas,
y en el verdín del puente se esperezan.
¡Guarda! En baldíos, sobre pies fluviales,
si los cruzas al alba te persiguen
y mueven el botón que se te cae.
¡No alces la chapa! Están agazapadas
con el rostro cruzado de ojos grises
y hay una que se escurre por tu sexo.
Die Eumeniden von Buenos Aires
Mit dem Wind, der den Unrat mitnimmt
gelangen sie zum Stadtrat*), gleiten
gelb durch Regenrinnen hinab
und horten sich in schwarzen Hauseingängen.
Sie hinterlassen Markierungen an den Mauern,
hängen auf den langen Avenidas
wie Spinnen von niedrigen Bäumen,
und lümmeln sich auf dem Grünspan der Brücken.
Vorsicht! Als Landstreicher verfolgen sie dich auf regennassen Füßen
wenn du im Morgengrauen an ihnen vorbeigehst
und schütteln die Knospen, die auf dich herunterfallen.
Erhebe keinen Schild, setz dich nicht zur Wehr! Sie ducken sich,
das Gesicht von grauen Augen durchbrochen;
und eine gibt es, die in deinem Körper ein ungezügeltes Leben führt.
(Deutsche Fassung aus: Alfonsina Storni: Blaue Fledermaus der Trauer. Gedichte. Zweisprachig Spanisch/Deutsch. Übersetzung von Reinhard Streit. teamart Verlag, Zürich 2009)
Die beiden Quartette sind soweit in Ordnung, bis auf den unerklärlichen Aussetzer »Stadtrat« für »suburbio«, was schlicht und einfach »Vorstadt« bedeutet (und bereits bei minimalen Lateinkenntnissen ersichtlich ist)*). »boca« als »Hauseingang« ist unnötig gewagt, liegt doch nahe, die eigentliche Bedeutung, nämlich »Öffnung (z.B. eines Rohres)« zu wählen.
Aber dann: Vorsicht!
»baldío« kann zwar u.U. im übertragenen Sinn so etwas wie »Taugenichts, Vagabund« heißen, aber »als Landstreicher« müsste dann »como [oder: de] baldíos« oder lauten. Warum nicht die ganz normale Hauptbedeutung, nämlich »Brachfeld«? Und »pies fluviales« sind wörtlich »Flussfüße«, also die seichte Zone im Delta (von Regen keine Rede). »cruzar« heißt »(über)kreuzen, überqueren« und bezieht sich auf eben diese Orte. Das ganze ist eine Warnung, die paraphrasiert etwa lautet: ›Pass auf! In Brachfeldern, auf Flussbänken – wenn du sie überquerst, dann verfolgen sie dich‹. Es folgt die bereits beanstandete dritte Zeile: »y mueven el botón que se te cae«, wörtlich ›und bewegen den Knopf, der dir herabfällt‹ (= den du verlierst)‹. Natürlich kann »botón« auch »Knospe« heißen und alles Mögliche andere, aber das ergibt in diesem Kontext überhaupt keinen Sinn. Außerdem ist von einem einzigen »botón« die Rede. »schütteln« wäre »agitar«, und wenn etwas »auf dich herunterfallen« würde, sagte man »te cae encima« oder »cae sobre ti« oder so ähnlich; »se te cae« ist unmissverständlich das Entgleiten aus den Händen oder eben das Herunter- oder Abfallen.
Hat man sich einmal verrannt, gibt es kein Halten. »Erhebe keinen Schild, setz dich nicht zur Wehr!« ist pure Phantasie. Dort steht lediglich »No alces la chapa!«, also wörtlich »Hebe das Blechteil nicht hoch«. Gemeint ist wohl der Knopf, der eben heruntergefallen ist. Von »Schild« weit und breit keine Spur, »chapa« wäre bestenfalls das Material für ein Straßenschild [also das Schild, n.], auch eine Polizeiplakette wäre eine »chapa«, aber hier gibt es keine Amtsperson. Und das willkürlich hinzugefügte »Setz dich nicht zur Wehr« zeigt, dass der »Übersetzer« sein eigenes Konstrukt irgendwie mit einer Deutung versehen musste. Einer völlig aus der Luft gegriffenen und, wie es in solchen Fällen zu sein pflegt, dem Original widersprechenden Deutung. Das ganze steht ja immernoch im Warnmodus, das angesprochene Du soll sich ja hüten, sich also potentiell schützen …
Der Rest ist auch zum Teil schon gesagt. Vor der letzten Zeile noch zwei Unsauberkeiten: »Sie ducken sich« (was wohl als Reaktion auf den imaginären Schild zu verstehen wäre?) eben nicht, sondern befinden sich bereits in geduckter Haltung, also lauernd. Und das Gesicht ist von grauen Augen durchkreuzt, nicht durchbrochen. Die letzte Zeile habe ich schon kommentiert: es geht darum, dass eine »se escurre por tu sexo«, also über das Geschlechtsorgan eindringt. Ob sie dann »in deinem Körper ein ungezügeltes Leben führt«, ts, ts, ts, ist nicht erwähnt.
Kann Herr Streit nicht genug Spanisch? Und hat denn teamart keinen Lektor? Das Schlimmste ist dass dieses großartige, verstörende Gedicht völlig entstellt wird, und zwar nicht nur in der Diktion, sondern hier auch im Kern, der Vision von den Rachegöttinnen, die sich als Mikroben über die Kanalisation ausbreiten und den Menschen auflauern.
*) über den Tippfehler siehe Kommentare
Rolf Dieter Brinkmann übersetzte einmal zusammen mit Ralf Rainer Rygulla ein Gedicht von Guillaume Apollinaire – ohne Französisch zu können. Sie assoziierten einfach ähnlich klingende deutsche oder englische Wörter, nach der Originalanmerkung „nach dem im Augenblick des Lesens sich einstellenden Oberflächenverständnisses“ [sic]. Aus „La jolie rousse“, die schöne Rothaarige, wurde „Der joviale Russe“. Die erste Zeile lautet im Original:
Me voici devant tous hommes pleins de sens
Fritz Usinger übersetzte es so:
Vor allen bin ich ein Mann voll Vernunft
und Gerd Henniger:
Bei allen gelte ich als ein Mann mit Vernunft
Brinkmann und Rygulla schreiben:
Meine Stimme verlangt nach einem Heim plan wie eine Sense
Bertram Reinecke stellte das Experiment nach mit einem Text von Gerardo Diego aus dem Spanischen. Allerdings statt mit spontanen Assoziationen mit Benutzung eines Wörterbuchs – aber ohne Spanischkenntnisse. Àxel Sanjosé kritisierte damals einen Fehler, ohne die Entstehungsumstände zu kennen – und wunderte sich dann, daß „trotzdem“ fast alles richtig war.
2004 Aug #8. Generation von 1927
Vor einigen Tagen brachte L&Poe drei Nachrichten über eine argentinische Lyrikerin, Alfonsina Storni:
Die Rezensenten der kürzlich erschienenen deutschen Ausgabe loben die Dichterin und tadeln die Übersetzung:
Nur mit dem Übersetzer hatte Bochud diesmal kein Glück. Das Nachwort – stilistisch ein Trauerspiel. Und manche Verse holpern, stolpern. Wer mag und kann, halte sich an die unverwüstlichen Originale gleich neben der Übertragung. / Uwe Stolzmann
Die letzte Zeile heißt im Original „y hay una una que se escurre por tu sexo“, und auch dem Nicht-Spanischsprechenden wird sofort klar, daß die Übertragung nicht ganz gelungen sein kann und tatsächlich nicht ist. Es ist das einzige Manko des Buches. Der Übersetzer Reinhard Streit ging eigenwillige Wege und kommt damit manchmal nicht dort an, wohin die Autorin eigentlich zielte. Oft fehlen die gereimten und rhythmischen Strukturen des Originals völlig, werden kurze Ausrufe in Sätze verwandelt und kurze Sätze in lange Passagen. Da die Gedichte zweisprachig abgedruckt sind, kann man einiges wieder gerade denken, was der Übersetzer glaubte verbiegen zu müssen, und kommt über diesen Umweg zu einem Wissen über die ursprüngliche Melodie und Geste, die bei Alfonsina Storni wesentlich sind. / Frank Milautzcki
Vielleicht ist alles noch viel schlimmer. Die von Milautzcki zitierte Zeile machte mich neugierig. Ich googelte nach dem Text und wurde fündig. Allerdings war die gefundene Fassung fehlerhaft. Àxel Sanjosé machte sich die Mühe, die Fehler im Originaltext zu korrigieren. Zur Übersetzung schrieb er einen ausführlichen Kommentar – siehe nächste Meldung.
„In Xanadu ließ Kubla Khan ein stattliches Luftschloss errichten, wo Alph der heilige Fluss lief durch Höhlen, unermesslich dem Menschen, hinab zu einem sonnenlosen Meer.“ Dieses Zitat aus dem Gedicht Kubla Khan von Samuel Taylor Coleridge beschreibt die Suche eines Menschen nach dem wahren Ort des Seins. / Die Welt
Fein, aber warum Luftschloß? Pleasure-dome, steht bei Coleridge, also vielleicht Lustschloß. Freudendom. Ein Gedicht mit einer interessanten Vor- und/oder Nachgeschichte. So fängt es an:
Kubla Khan
.
In Xanadu did Kubla Khan
A stately pleasure-dome decree :
Where Alph, the sacred river, ran
Through caverns measureless to man
Down to a sunless sea.
So twice five miles of fertile ground
With walls and towers were girdled round :
And there were gardens bright with sinuous rills,
Where blossomed many an incense-bearing tree ;
And here were forests ancient as the hills,
Enfolding sunny spots of greenery. / mehr
Die erwähnte Nachgeschichte geht weit über die Geschichte der literarischen Moderne hinaus in Popmusik oder Hypertext.
Robert Herrick (1591-1674)
DREAMS
Here we are all, by day; by night we’re hurl’d
By dreams, each one into a several world.
Die Briten konnten konzise fünfhebige Verse eher als wir. Die Deutschen fingen später an und taten es zunächst lieber den Franzosen nach, die den Zwölfsilbler bevorzugten, den Alexandriner. Der ist im Französischen freilich viel geschmeidiger, so sehr, daß wir bei Baudelaire gar nicht bemerken, daß der Erfinder der modernen Lyrik den im Deutschen arg altmodischen Vers benutzt. Shakespeare und seine Zeitgenossen benutzten den jambischen Fünfheber (iambic pentameter sagt man im Englischen), so auch der jüngere Robert Herrick, der ein älterer Zeitgenosse der deutschen Dichter war, die man später Barockdichter nannte.
Den Deutschen hindert nicht nur verspätete Übung, sondern wohl vor allem, daß wir längere Wörter haben. Herrick hat nur zwei mehrsilbige Wörter, into und several. Im Deutschen sind alle, all, geschleudert, hurled, Träume, dreams mehrsilbig, kommt die Grammatik hinzu: wir brauchen immer mehr Silben als jene. Ich teile nicht die Aversion der Kritiker gegen Biermanns Übersetzung der Shakespearesonette, der aus diesem Befund den Schluß zog, die Zehnsilber zwölfsilbig zu verdeutschen. Das versgetreue Übersetzen nötigt zu mancherlei Willkür im Weglassen und hinzufügen. Über den Chor der Biermannhasser ein andermal. Hier genüge der Hinweis, daß eine Übersetzung, auch seine, ja nicht die anderen verdrängt, sondern nur eine weitere hinzufügt. Reicher wird die Literatur unserer Sprache, nicht ärmer. Arm, zumindest ärmer wäre sie, wären wir bei Schlegel stehengeblieben, der immer noch da ist.
Ich versuchte Herricks Epigramm metrisch und gereimt zu verdeutschen, es gelingt nicht. Zuviel muß weg. Man muß sich entscheiden. Ich verzichte schweren Herzens auf das „geschleudert“, eine großartige Wendung, Auch dann noch will es sich nicht fügen, „jeder“ steht quer. Aber dann, warum nicht aus dem Original borgen, fast jeder Deutsche, der Herrick liest, versteht zumindest ein wenig Englisch. Ich benutze einfach sein Wort, makkaronisch mag man das nennen, dann gehts so:
Träume
Da sind wir alle, tags gut aufgestellt.
Nachts, traumwärts, each in seiner eignen Welt.
Es lesen Augusta Laar, Sabina Lorenz, Gabriele Trinckler, Ruth Wiebusch, Armin Steigenberger, Frank Schmitter, Jürgen Bulla und Markus Breidenich. Moderation: Karin Fellner und Andrea Heuser (München)
Dienstag, 3. August 2010, 19.00 Uhr
Alter Hof, Außenfläche, 80331 München
(bei Regen: Infopoint Museen & Schlösser in Bayern, Alter Hof 1, Gotischer Gewölbesaal)
In der Reihe LYRIKOASE. Eintritt: 5,00 EURO
DIE GANZE WAHRHEIT
26. BIS 29. AUGUST 2010
PROGRAMMINFORMATION
Alljährlich am letzten August-Wochenende bietet das Erlanger Poetenfest Gelegenheit, die literarischen Höhepunkte des Frühjahrs Revue passieren zu lassen und einen ersten Blick auf vielversprechende Bücher des Leseherbstes zu werfen. Zum 30. Erlanger Poetenfest – 26. bis 29. August 2010 – werden rund 70 Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizisten zu Lesungen und Gesprächen erwartet und viele Herbst-Neuerscheinungen erstmals öffentlich vorgestellt. Hans Joachim Schädlich und Volker Braun sind in diesem Jahr große Autorenporträts gewidmet, das Porträt International präsentiert den Ungarn László Krasznahorkai, Rafael Seligmann wird in Erlangen erstmals seine Autobiografie vorstellen. Nachmittags im Schlossgarten lesen unter anderem Mirko Bonné, Dorothee Elmiger, Arno Geiger, Nora Gomringer, Norbert Gstrein, Thomas Hettche, Michael Kleeberg, Georg Klein, Michael Lentz, Adolf Muschg und Peter Wawerzinek. Parallel dazu finden auf dem Jungen Podium Autorenlesungen, Gespräche und Aktionen für Kinder und Jugendliche statt. Die Gespräche und Diskussionen beschäftigen sich unter anderem mit den Grenzen des Wachstums, den blinden Flecken auf der europäischen Landkarte, mit dem Autor im Zeitalter der Digitalisierung, der Zukunft des Lesens und Aspekten der Regionalität in der Literatur. Zu „Lyrik.10“, der Internationalen Nacht der Poesie von Bayern 2, sind neben Volker Braun unter anderem Durs Grünbein und Raoul Schrott eingeladen. Die siebte Erlanger Übersetzerwerkstatt beschäftigt sich erstmals auch mit grafischer Literatur, das Kunstpalais Erlangen zeigt zum Poetenfest eine Ausstellung der Medienkünstler Dellbrügge & de Moll, bibliophile Buchkunst wird bei „Druck & Buch“ präsentiert.
Das 30. Erlanger Poetenfest wird am Abend des 26. August mit „Lyrik.10“, der Internationalen Nacht der Poesie eröffnet, einer Veranstaltung von Bayern 2, die zum zweiten Mal im Rahmen des Erlanger Poetenfests stattfindet und für Radio und Fernsehen aufgezeichnet wird. Diesmal sind neben den beiden Büchner-Preisträgern Durs Grünbein und Volker Braun die Newcomerin Ulrike Almut Sandig, mit dem Publikumspreis der lit.cologne ausgezeichnet, Thomas Meinecke, die Wiener Sängerin Gustav, der polyglotte Dichter und Übersetzer Raoul Schrott sowie das ungewöhnliche Jazz- und Poesie-Duo Vincent Courtois und Ze Jam Afane dabei.
Das erste Autorenporträt (Freitag, 27. August) ist Hans Joachim Schädlich gewidmet. Der 1935 in Reichenbach im Vogtland geborene Schriftsteller hat in seinem jüngsten Roman „Kokoschkins Reise“ ein weiteres Mal seine Meisterschaft bewiesen, Geschichte und Gegenwart, Realität und Fantasie zu vereinen. Ein weiterer Zeitzeuge ist beim zweiten Autorenporträt (Samstag, 28. August) zu Gast: Der Lyriker, Dramatiker und Erzähler Volker Braun, 1939 in Dresden geboren, war ein Kritiker der DDR und attackiert nun Kapitalismus und Werteverlust nach der Wende. László Krasznahorkai kommt zum Porträt International ins Erlanger Markgrafentheater (Sonntag, 29. August). Der 1954 im ungarischen Gyula geborene Melancholiker, der in diesem Jahr mit dem Spycher: Literaturpreis Leuk ausgezeichnet wird, bricht in seinem aktuellen Erzählungsband „Seiobo auf Erden“ zu siebzehn Expeditionen in das geheimnisvolle Territorium unserer Wahrnehmung auf.
Charakteristisch für das Erlanger Poetenfest sind die langen Lesenachmittage im Erlanger Schlossgarten. Am Samstag, 28. und Sonntag, 29. August lesen und diskutieren unter dem Motto „Literatur aktuell“ zahlreiche wichtige Autorinnen und Autoren ihre Neuerscheinungen: Mirko Bonné, Dorothee Elmiger, Ludwig Fels, Arno Geiger, Nora Gomringer, Norbert Gstrein, Thomas Hettche, Michael Kleeberg, Georg Klein, Sabine Küchler, Mariam Kühsel-Hussaini, Rolf Lappert, Thomas Lehr, Michael Lentz, Adolf Muschg, Christiane Neudecker, Sabine Peters, Dirk von Petersdorff, Peter Wawerzinek und Judith Zander. Parallel dazu präsentieren Kinder- und Jugendbuchautoren beim Jungen Podium Literatur für alle Altersgruppen: Milena Baisch, Peter Dempf, Rolf-Bernhard Essig, Mathias Jeschke, Kilian Leypold, Arne Rautenberg, Almut Tina Schmidt und Verena Stössinger.
Zum siebten Mal ist das Poetenfest der Rahmen für das offene Arbeitstreffen der Erlanger Übersetzerwerkstatt. Der Bayerische Rundfunk (Bayern 2) überträgt sein Büchermagazin „Diwan“ live vom Erlanger Poetenfest und der Berliner Verbrecher Verlag setzt die Reihe fort, in der das Erlanger Poetenfest spannende junge Verlage vorstellt. Anlässlich der Neueröffnung der Erlanger Stadtbibliothek und des 30. Geburtstags des Erlanger Poetenfests wird Freitag Nacht (27. August) in allen Räumen der Bibliothek eine „Wandel-Lesung“ mit Texten aus 30 Jahren Erlanger Poetenfest stattfinden, ein „optoakustischer Transfer“ von Béla Hamvas’ Roman „Karneval“ folgt am Samstag (28. August) in den Glocken-Lichtspielen. In Erinnerung des denkwürdigen Erlanger Auftritts von Friederike Mayröcker im Jahr 2006 wird die Regisseurin Carmen Tartarotti ihre neue Dokumentation „Das Schreiben und das Schweigen“ vorstellen. Ebenfalls von einem besonderen Poetenfest-Gast handelt der Film „Die Frau mit den 5 Elefanten. Swetlana Geier – Dostojewskis Stimme“. Das Kunstpalais Erlangen zeigt parallel zum Erlanger Poetenfest die Ausstellung „guerre en forme“ der Medienkünstler Dellbrügge & de Moll, die zum Poetenfest einen „Public Moment“ im Palais Stutterheim inszenieren (Freitag, 27. August). „Druck & Buch“ präsentiert Buchkunst von Kleinverlagen, Editionen und Handpressen aus Deutschland, der Schweiz und Ungarn im Foyer des Erlanger Schlosses (Samstag/Sonntag, 28./29. August).
Die Moderatoren des 30. Erlanger Poetenfests 2010 sind: Maike Albath, Verena Auffermann, Michael Braun, Karl Bruckmaier, Herbert Heinzelmann, Dirk Kruse, Ursula März, Adrian La Salvia, Wilfried F. Schoeller, Hajo Steinert, Florian Felix Weyh und Cornelia Zetzsche.
Veranstalter
Stadt Erlangen – Referat für Kultur, Jugend und Freizeit
Kulturprojektbüro
Gebbertstraße 1, 91052 Erlangen
Tel. +49(0)9131/86-1408, Fax: +49(0)9131/86-1411
E-Mail: info@poetenfest-erlangen.de
Internet: www.poetenfest-erlangen.de
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