Evelyn Schlags Lyrik vermittelt den Eindruck, als buchstabierte sie immer wieder das Wort Liebe, wobei sie dessen fünf Buchstaben wie Töne behandelt, um aus ihnen ein Lied zu komponieren. „Ihre Sprache ist Herzenssache“, schrieb Rüdiger Görner in der „Presse“. Seit zwei Jahrzehnten stoßen Evelyn Schlags konsequent durchkomponierte Gedichtbände auf internationale Resonanz. Sie zeugen von hoher Musikalität und formaler wie thematischer Vielfalt. Ein feines Gespür für die geheimen Reden der Sprache findet sich auch in jeder Zeile des neuen Buches, das neben dem sinnlichen auch einen anderen, zornigen, Ton anschlägt. Die Liebesgedichte erzählen vom „Ineinander der Kosungen“ eines vertrauten Paares und von der „erfundensten Stadt“ St. Petersburg, von Gewalt, Konsum und den „Umleitungen des Schicksals“. / Ö1
„Sprache von einem anderen Holz“. Gedichte von Evelyn Schlag (Zsolnay Verlag).
Zwischendurch las der ehemalige Fink-Sänger, optisch eine Mischung aus struppigem bildendem Künstler (der er tatsächlich ist) und lässigem Selbstdreher, Gedichte des amerikanischen Hippie-Autors Richard Brautigan vor, jenes großen amerikanischen Verknappers und Lakonikers, der sich 1984 das Leben nahm. Gedichte wie „Kritischer Büchsenöffner“, das so geht: „Mit diesem Gedicht stimmt etwas nicht / Können Sie es finden?“ / Eric Pfeil, FAZ
Der Schriftsteller Roger Munier, Übersetzer von Martin Heidegger und Octavio Paz und Rimbaudspezialist, starb am Dienstag im Alter von 87 Jahren. Außer mit René Char, der ein Vorwort zu einem seiner Bücher schrieb, unterhielt er auch freundschaftliche Beziehungen zu Paul Celan, der ihm eins seiner Bücher widmete*, und mit dem Dichter Yves Bonnefoy. / L’Alsace.fr
*) Celan hat nur eins seiner Bücher, „Von Schwelle zu Schwelle“ (1955), einer lebenden Person gewidmet: seiner Frau Gisèle. (Die Niemandsrose“ ist dem Andenken Ossip Mandelstams gewidmet). Gemeitn ist vermutlich, daß Celan ihm ein Exemplar des Bandes von 1955 mit einer Widmung überreichte – aus diesem Jahr datiert ihre Bekanntschaft.
WENN’S UMS STREIFLICHT geht, näherhin um dessen Verteidigung, greifen wir tiefer als sonst in die Harfe. Heute rufen wir den Dichter Johann Christian Günther in den Zeugenstand, der in seinem Gedicht „Als er von seinem Nebenbuhler abgestochen zu werden besorgte“ – was für ein Titel! – den Frauen dies zum Vorwurf macht: „Ich kenne schon den Unbestand der Weiber, / die nicht so wohl den Mensch als nur das Wams beschaun . . .“ Und was soll damit verteidigt werden? Nichts, denn der Dativ „dem Mensch“, den unsere Leserin K. im Streiflicht entdeckte und mit einem wilden „J’accuse!“ ruchbar machte, ist so falsch, dass ihm hier auf Erden nicht geholfen werden kann, auch nicht durch einen vergleichbaren Akkusativ aus der Poesie. / Hermann Unterstöger, SZ-Sprachlabor
Als
sie sich unter seinem Rock
zum weichen Hügel
vortastet weiß er noch
nicht wie sie sich
das vorstellen wollen es
bleibt auch
ihr nur ührig in einem
Kommentar hinter
her festzustellen ob es
sich um die
Szene einer Ehe gehandelt
hat oder
um einen Bruch derselben
oder ganz ohne
Seitenspiel ging es ihm
um ihren
Schwanz und ihr um
sein Loch
Paul Wühr: Venus im Pudel. München Wien: Hanser 2000, S. 695.
Vielleicht wird man einst das Kalevala – das finnische Nationalepos – und sein lyrisches Seitenstück, die Kanteletar, zusammen mit dem Kalevipoeg, dem estnischen Pendant dazu – als die einzigen Hinterlassenschaften des Nationalstaatgedankens betrachten, die es wert wären, dem kulturellen Gedächtnis der Menschheit erhalten zu bleiben. Alle drei Textsammlungen wurden im 19. Jahrhundert kompiliert, redigiert und ergänzt; in Finnland von Elias Lönnrot, in Estland von Friedrich Kreutzwald. Damit gelangte die ostseefinnische Kultur als letzte zu einer nationalen Identität auf der Grundlage antiker, bis dato mündlich überlieferter Schöpfungsmythen und Heldensagen. Was ethnografischer Fleiß und tiefenhistorische Anamnese der Herausgeber zutage förderte und durch Zusammenstellung und Nachdichtung gleichsam neu erfand, harrt außerhalb des Baltikums immer noch der Entdeckung als Zeugnis ebenso versponnener wie vergleichsweise friedfertiger Gründungsmythen. Dabei verdienen die zum Teil aus vorchristlicher Zeit stammenden Lieder und Epen schon deshalb unsere Aufmerksamkeit, weil sie mit erstaunlicher Zähigkeit 700 Jahre Fremdherrschaft ohne schriftliche Fixierung überdauert haben. Noch mehr befremdet die Paradoxie, daß die Herkunft dieser Texte, die doch den Korpus jeweils staatstragender literarischer Denkmäler ausmachen, die nationalen Grenzen zwischen Finnland, Russland und Estland gänzlich ignoriert. / Daniele Dell’Agli, Perlentaucher 5.8.
Fremdes in uns
Fremdes in uns muß nicht schlecht sein. Im Orakel sprach nicht der arme sterbliche Mensch. Ist nicht meine Krankheit eine „Rollen-Krankheit“? Erst zersplittere ich. Nun zersplittert mein Leben. Hat der Schizophrene die Eigenart, zwischen Rollen zu pendeln? die Macht, als Schreibender in sich selbst Kraft zu sein und Bewegung. Energie und Drang in geheimnisvoller Zielrichtung. Das Kosmische ist im Leib des Körpers, in der Gestalt der Wolke ebenso wie im Sprachleib. Nimmt er immer allzu gierig das Fremde an, wie R.M. Lenz immer wieder Goethe kopierte, ihn nicht schädigend sondern im Motiv eher bestätigend oder ihn erst im Äußersten erschaffend nachlebte? Wie unbewußt ist solch ein Zerrissener: auch „gegen seine Intentionen“ sind Dinge in seinen Texten, um „die es sich lohnt“. Er ist sich selbst und Späteren ein Steinbruch, in dem es knirscht, Pulver steigt auf, aber es gibt auch Funkeln und Glitzern aus Kanten und Brüchen. Emanationen. Strahlungen. Lauter kleine Teile, kein Klumpen zu einem Buch. Im TAROT gibt es zwei volle Kugeln. Ich lege die Karten: Schicksal, Königin, Gerechtigkeit.
Wie schmal und klar dein Gesicht ist
-Gerechtigkeit-
wie überdimensional das Schwert
und wie zärtlich die Waage,
die du vorsichtig hältst
Nimm doch die krankenschwesterhafte
Krone vom Haupt, -Königin-
die Haare sind so strähnig so blond
so mädchenhaft wie der ungeküßte Mund
Das -Schicksal- hat eine freie Brust
die volle zwei Kugeln hat
und gleichgerichtet in die Luft
nach vorne nach oben steht
/ Wilhelm Fink (Hamburg)
Tablet-Computer wie Apples Ipad gelten als neue Hoffnung für die Medien- und Buchindustrie. Verglichen mit anderen E-Book-Lesegeräten bieten sie dank Touchscreen, stärkerer Prozessorleistung und buntem, zur Video wiedergabe fähigem Bildschirm allerlei Möglichkeiten, E-Books multimedial und interaktiv aufzurüsten. Doch während damit experimentiert wird, Bücher mit Videoclips anzureichern, sie mit Soundtracks zu unterlegen oder mit Videospiel -Elementen zu versehen, ist eine entscheidende – und der Literatur vielleicht besonders gerechte – Möglichkeit bisher kaum beachtet worden: Die Lettern können endlich beweglich werden, die Wörter Laufen lernen. …
Mit dem Ipad und anderen Tablets werden bald schon Kanäle zur Verfügung stehen, die es solchen Präsentationen ermöglichen, ein Publikum zu erreichen, das weitaus größer ist als bisher, da diese Präsentationen nur am Computer zu konsumieren waren. Und indem sie auf einem Lesegerät – und eben nicht auf einem Computerbildschirm – konsumiert werden, wird man diese Werke weniger als Videopräsentation denn als Texte wahrnehmen.
Wer sich eine Reihe solcher Präsentationen anschaut, wird schnell feststellen, dass die Typografie darin eine herausragende Rolle spielt: Die Buchstaben entwickeln hier ein expressives Potenzial, das ihre verschiedensten Aspekte wie Schriftschnitt, Zeichengröße, Farbe, Körperlichkeit, Hintergrundfarbe und Geschwindigkeit des Ablaufes einschließt. Das meiste hiervon war auch auf Papier möglich, hat sich dort abgesehen von künstlerischen Experimenten (wie etwa in Dada-Werken) aber nie wirklich durchgesetzt. Gänzlich neu ist jedoch die Dimension der Zeitlichkeit, der Geschwindigkeit des Ablaufs, in dem diese Typografie vor die Augen des Betrachters gebracht wird. Damit steht eine zusätzliche Darstellungsdimension zur Verfügung, die die anderen Aspekte der Typografie erst recht zur Geltung bringt. Genau dies macht diese neuen Darstellungsmöglichkeiten attraktiv auch für literarische und fiktionale Texte, in denen es nicht darum geht, etwa Video- oder Fotobelege aus der realen Welt einzubinden, sondern sich im Textmedium auszudrücken und dabei die medialen Bedingungen von Sprache und Text selbst in die künstlerische Auseinandersetzung mit einzubeziehen. Text kann jetzt stocken, fließen, sich überschlagen wie Sprache von jeher. …
Der Gedanke, dass bald nicht nur Werkderivate (also Adaptionen traditioneller Literatur, Filme oder Songs in die animierte Typografie), sondern originäre Werke der animierten Typografie entstehen werden, ist reizvoll. Für Lyrik scheint die neue Werkform auf den ersten Blick besonders geeignet: Ich wäre beispielsweise ausgesprochen neugierig auf eine Adaption von Mallarmes „Coup de des” in bewegten Lettern. / Tanz der Lettern. Von Thomas Rohde. Perlentaucher 19.5.
Eine richtig richtig richtig böse Liste mit den „15 am meisten überschätzten Autoren“ hat Anis Shivani für Huffington Post zusammengestellt. Bei den meisten handelt es sich um staubtrockene Lyriker, die hierzulande völlig unbekannt sind, aber ein paar Promis stehen auch drauf, zum Beispiel Jonathan Safran Foer…
das meldet der geschätzte Perlentaucher. Ich suche mal die Lyriker raus: John Ashbery, Mary Oliver, Sharon Olds, Jorie Graham, Louise Glück, Billy Collins. Ob 6 von 15 die meisten sind, mal dahingestellt. Ob sie überschätzt sind, oder staubtrocken, könnte man durch Lesen überprüfen. Ob sie „hierzulande völlig unbekannt sind“? Man könnte in einer guten Buchhandlung nachfragen. Von den meisten gibt es Gedichte auf Deutsch, Gedichtbände, von etlichen mehrere.
Man kann auch hier nachsehen:
Aber naja mein Gott naja: irgendwie muß man die Spalten ja füllen…
Der bekannte turkmenische Dichter Gozel Shagulyeva begeht seinen 70. Geburtstag. Der Präsident Gurbanguly Berdimuhamedov nennt ihn in einer Grußadresse „einen herausragenden Dichter des unabhängigen neutralen Turkmenistan, der viel dafür getan hat, die Poesie und Literatur seines Landes zu fördern“.
(Unabhängig oder nicht, die Nachricht findet sich auf turkmenistan.ru)
heute in Urs Engelers roughblog.
Regelmäßig reist Leisten nach Marokko, wo 2009 auch in arabischer Übersetzung sein faszinierender Prosaband „Marrakesch, Djema el Fna“ erschien, und die Eindrücke, die er dort und auch in zahlreichen Ländern Europas gesammelt hat, finden sich in seinen neuen Gedichten wieder. Er ist ein Dichter, bei dem Text und Auftreten zueinander passen. Er spricht mit ruhiger Stimme. Wenn er seine Texte vorträgt oder von seinen Aufenthalten in Marokko berichtet, dann mischen sich Glück und Nachdenklichkeit mit einer bedächtigen Melancholie – was vielleicht genau die Stimmung ist, die es braucht, um die arabische Seele verstehen zu können. In einem Gedicht mit Eindrücken aus dem Ourika-Tal heißt es: „in dieser höhe / gehört dein vertrauen jemandem, stumm, // den du nicht kennst, ohne ihn wärest du / hier verloren. in die luft buchstabierst du // die einzigen wörter, die dir erinnerlich sind. / das echo allahs ruft uns zurück, // ein windhauch, der in dir verschwindet.“ …
… Denn Leisten reibt dem Rezipienten seine Intertextualität nicht so aufdringlich und pseudointellektuell unter die Nase, wie es heute so mancher Lyriker gerne tut, um in erster Linie von der Gehaltlosigkeit seiner Gedichte abzulenken. Nein, im Gegenteil, Christoph Leisten nimmt den Leser nicht nur bei der Hand, er nimmt ihn auch bei all seinen Sinnen, und er lässt ihn immer im richtigen Augenblick los, um ihn seine eigenen Schlüsse ziehen zu lassen, wie zum Beispiel hier: „aschewolken, blaupausen, unsichtbare / fesseln des himmels. leer bleibt die luft / in diesen tagen. schon scheinen die vögel // anders zu singen, aber wer wüsste dies // zu deuten. täglich sondersendungen, / simulatoren, krisenstäbe, im konjunktiv // parlierend, bis die ultimaten sich wieder / verschieben. dann erneut: homerisches gelächter. gehen wir zurück in die geschichte.“ Und auch hier, aus dem Zusammenhang gerissen, weil solche Verse auch ohne Kontext leuchten können: „müdigkeit, die liebe, sehnsucht / nach schiffchen aus papier, wo / alles tragende ansonsten versiegt.“ / Gerrit Wustmann, cineastentreff
Der Bochumer Kabarettist und Schriftsteller Fritz Eckenga, Jahrgang 1955, erhält in diesem Jahr den mit 5000 Euro dotierten Peter-Hille-Literaturpreis ‚Niemheimer Schuhu‘. Die Jury des alle drei Jahre verliehenen Preises hob das kritische Zeitbewusstsein des Autors ebenso hervor wie seine hohe sprachliche Virtuosität. / Süddeutsche 7.8.
Mit ihrem Gedichtband „Mein lieber Fisch“ hat Arezu Weitholz das schwierige Feld der Lyrik aufgelockert. Die ehemalige Journalistin schreibt in Berlin-Kreuzberg an ihrem nächsten Buch und arbeitet seit Längerem mit Herbert Grönemeyer zusammen. / Bettina Ritter, DLR 11.8.
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