Ingeborg Bachmanns Prosa und Lyrik war der Schriftstellerin Brigitte Schwaiger, die Ende Juli leblos in der Neuen Donau in Wien treibend entdeckt worden ist, Stütze und Trost.
„Was wahr ist, streut nicht Sand in die Augen … / was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab“, so lautet das Post Scriptum, das Brigitte Schwaiger an den Schluss ihres letzten Werks, „Fallen lassen“, setzte – die Anfangszeile von Ingeborg Bachmanns Gedicht „Was wahr ist“. / Ö1
Ein Ort, der aus seinem Mythos Kräfte saugt: Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi. Dies sei die Stadt, schrieb man einst, «in der die Bürgersteige mit Rosensträuchern gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien». Als wolle man diese Worte für immer festhalten, hat Czernowitz den Rosenstrassenfegern ein Denkmal gesetzt: Die Hand eines Unsichtbaren fegt mit drei Rosen aus Bronze vor einer Hauswand das Pflaster. / Gerhard Gnauck, NZZ 6.8.
Jede Nation im Osten Europas kennt ihre postrevolutionären Frustrationen, doch nirgendwo sind sie so tief wie hier. «Wir sind wieder dort, wo wir standen, als ich vor dreissig Jahren angefangen habe zu schreiben», sagt Andruchowytsch, «auf der Etappe des Sowok.» Dieses Schimpfwort ist – wohlwollend – mit «Sowjetmensch» zu übersetzen. «Wir in Galizien haben es satt, der Sisyphus zu sein.» Andruchowytsch weiss nur einen radikalen Rat: Wenn die Russlandfreunde im Osten denn wollten, dann sollte man sie gehen lassen. Geht doch rüber, werdet die 84. Provinz Russlands, und lasst uns Europäer in Frieden leben! / NZZ 6.8.
Im Grunde waren wir ein Selbstverständigungsorgan: Wir haben geschrieben und gedruckt, was wir wollten. Wir fragten nicht danach, wen das wie stark interessierte. Wir druckten sogar Lyrik, in manchen Ausgaben auf zwei Seiten.
Wollte das jemand lesen?
Sicherlich nur sehr wenige. Aber wir haben es trotzdem gemacht, weil wir das richtig fanden: Endlich gab es mal Platz für etwas, das sonst kaum jemand zur Kenntnis nahm.
/ Torsten Schulz (gründete 1990 in Ostberlin die unabhängige Wochenzeitung „Der Anzeiger“), Gespräch taz 24.4.
„Die Lyriker dieser Welt lieben Jahreszeiten. Herbst, Winter, Frühling und Sommer haben ihre eigenen Färbungen, Stimmungen, Charaktere, die sich trefflich in Verse umschmieden lassen. Kein Poet von Rang hat sich das entgehen lassen, alle haben sie zum Genre der Jahreszeiten-Gedichte beigetragen. Also haben wir immer wieder jahreszeitliche Lyrik vorgestellt, und jedes Mal stießen wir bei Ihnen, den RM-Lesern, auf lebhafte Resonanz. In dieser Woche hat Andreas Öhler drei Lyrikseiten dem Sommer gewidmet, und wenn ich darauf hinweise, dass die Gedichte nicht nur die Schönheiten dieser Monate beschreiben, sondern auch deren Schattenseiten, ist damit nicht etwa der Schutz vor allzu hohen Temperaturen gemeint. Mehr auf den Seiten 7 bis 9″ / Rheinischer Merkur
Der Band «quellen» des Österreichers Ferdinand Schmatz bringt hundertsiebzig Seiten Gedichte in vielfältigen, freien Formen, darunter kürzere, meistens aber längere, einige gar sehr lang. Auf den ersten Blick (mit dem Auge) sind die in konsequenter Kleinschreibung gesetzten «Gesänge» kaum voneinander zu unterscheiden. Sie fügen sich zu einem manchmal engmaschig, manchmal grossräumig fliessenden Poem mit Wiederholungen, Variationen, Verweisen, Echos. Diese auch von weiter her: Hölderlin, Jandl, Mozart, Scelsi, Cage. …
Es geht ihm weder um den Urtext, noch um die Rückkehr zum Einfachen, Reinen, Einen, Wahren. Abstammung verstehen die Baum- und Gartenbewohner, die in seinen Gedichten einwachsen in das, was sie wachsen lassen, viel konkreter: «ab stamm macht es staunen uns an weisen / zu wiegen über den wiesen, was, nass / nur noch darunter, wo es uns wurmte».
Jede Metaphysik ist solch vegetativen Gedichten fern. Ja, es gibt wenig Lyrik heutzutage, die so vital und voller Lust und Witz ist: «als segel ein tuch / vom gaumen quer hin zur lust, / strudelnd vielleicht ab, auch das, / gestocktes lockend, zu fluss». Nicht um Bedeutungen geht es, sondern ums Spiel. Aber auch wiederum nicht um beliebige Wortspielerei, sondern um einen heiteren, bukolischen Tanz. / Samuel Moser, NZZ 20.7.
Ferdinand Schmatz: quellen. Gedichte. Haymon-Verlag, Innsbruck 2010. 170 S., Fr. 30.50
Nicht nur zur Wirklichkeit hat der Dichter ein allergisches Verhältnis, auch den überlieferten Schatz von Weltweisheit, vom Kindervers bis zur absoluten Poesie, wehrt er fuchtelnd ab wie einen Mückenschwarm. In einem ‚Psalm‘ heißt es ‚Vater, schließ den Weltraum / Turnsaal zu, abends wenn ich schlafen / geh, vierzehn Engel bei mir stehn / dreizehn mit Brüsten voll Milch / und Honig, wer singt das Lied / wer nimmt den Hut, es klingt / nach rostigen Klingen, Solingen rostfrei / es klingt‘.
Die tiefe Verstörtheit der ersten Gedichte des Bandes lässt in den folgenden Kapiteln zwar nach, und es gibt viele, bei denen die scheinbar surreale Technik nicht nur Sarkasmus, sondern auch Humor vermittelt wie in ‚Die Holledau, die blöde‘. Aber wie leicht schlägt das um wie in ‚Sommerabend‘ mit einem Vers von Rilke über den Panther: Er reißt einen Abgrund von Nihilismus auf, der sich auch hinter einer sarkastischen Geschmacklosigkeit nicht mehr verbergen lässt: ‚was macht das schon für einen Unterschied, verschwinden oder / herausgestrichen werden aus einem Plan / der nicht aufgeht / nur die lange schweigende Mehrheit der auf dem Grund / der Flüsse röchelnden Fische, die den Rochen voll / und hinter tausend Hefeweizen keine Welt‘. / HANS-HERBERT RÄKEL, SZ 4.8.
TOM SCHULZ: Kanon vor dem Verschwinden. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2009. 96 Seiten, 16,90 Euro.
Vielleicht ist Bulgarien nichts anderes als ein schönes Tier, das der Finger auf der Landkarte entdeckt: «Katze, Maus und Hund / die Erde die ist rund / Amsel Eule Möwe / Bulgarien ist ein Löwe / vor einem Schälchen Meer / der Ozean blutig ringsumher.» Es mag aber auch sein, dass der bulgarische Löwe sich plötzlich in einen Hund verwandelt, der neben einem bulgarischen Hirtenhund einen serbischen Schäferhund und einen albanischen Windhund in sich vereint. Ein solcher «Mischling des Balkans», wie Georgi Gospodinow ihn nennt, scheint ein höchst unberechenbares Wesen zu sein: «er taugt für die Jagd / leckt jedem die Hände / ist nicht böse, wenn man ihn anschreit / nur manchmal nur manchmal / (sehr selten jedoch) / stürzt er los und beisst und beisst und beisst . . .» …
Die Übersetzer, gleich drei an der Zahl, haben Georgi Gospodinows Sprache in ein geschmeidiges Deutsch verwandelt. Sie machen nicht nur die vielen Einsprengsel aus der Alltagssprache hörbar, sondern auch die Kunst des Verses, eines Verses, der den Miniaturen Jan Skácels mindestens ebenso viel verdankt wie den amerikanischen Beat-Poeten. Vielleicht kann man es mit Gospodinows «Technik zum Entgräten von Texten», bei der man alle Konsonanten aus den Wörtern entfernt, so sagen: U E I E E ! Will heissen: UNBEDINGT LESEN! / Nico Bleutge, NZZ 24.7.
Georgi Gospodinov: Kleines morgendliches Verbrechen. Aus dem Bulgarischen von Valeria Jäger, Uwe Kolbe und Alexander Sitzmann. Droschl-Verlag, Graz 2010. 120 S., Fr. 31.50.
Wie tief damals das Niveau des Instituts gesunken war, kann folgende Geschichte bezeugen: Als eine verunsicherte Assistentin die von Rzounek protegierte Dozentin Zdeňka Bastlová halbironisch einmal fragte, wie man an einem Gedicht über den Flug eines Schmetterlings erkenne, ob es sich um ein marxistisches oder ein nichtmarxistisches Gedicht handle und ob es den Interessen der Arbeiterklasse diene, antwortete die Dozentin, ohne zu zögern: «Doch – nach der Art, wie er fliegt.» / Alena Wagnerová, NZZ 15.7. (zu einem Buch über den Lehrstuhl für tschechische Literatur an der Karlsuniversität Prag.
Die Eigenkompositionen der vier erstklassigen Musiker kreisen um die weltverbindende Lyrik des „schwäbischen Türken“ Kürsat Celik. Dieser spielt auch die Saz, die langhalsige türkische Laute, welche den Barden aus Anatolien und am Kaukasus als Begleitinstrument diente. / Augsburger Allgemeine
Auf der Website des Poetry International Web neu: Aufnahmen von Autorenlesungen des diesjährigen Poesiefestivals: Carlos López Degregori (Peru), Erik Spinoy (Belgien), Thomas McCarthy (Irland), Marc Kregting ( Niederlande) und Valérie Rouzeau (Frankreich) sowie Gespräche und Diskussionen von Herausgebern und Dichtern der US-amerikanischen und japanischen Sektion des PIW. Neu in der ersten Augustausgabe Gedichte aus Indien und Irland.
www.poetryinternationalweb.org
45 poetry clips filmed on location at Atlanta Hotel in Rotterdam.
In seinem zweiten Gedichtband, King Log (1968), begann Hill Zeichen von Größe zu zeigen. Man nehme nur seine Folge reimloser Sonette, „Funeral Music“. Im Angesicht der Schrecken der Nachfolgekriege des 15. Jahrhunderts stellt das Gedicht die Sonettform gegen den Schlachtenlärm:
. . . Recall the cold
Of Towton on Palm Sunday before dawn,
Wakefield, Tewkesbury: fastidious trumpets
Shrilling into the ruck; some trampled
Acres, parched, sodden or blanched by sleet,
Stuck with strange-postured dead. Recall the wind’s
Flurrying, darkness over the human mire.
… Die Schwächen der Poesie – ihre Grenzen – anzuerkennen ist Hills Stärke als Dichter. Daher eignet er sich in idelaer Weise als Kronzeuge gegen Adornos berühmtes Verdikt, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. Tatsächlich widmen sich einige der stärksten Gedichte Hills dem Holocaust, wenn sie auch notwendigerweise zugleich auf sich selbst bezogen sind, ihres Status als Literatur eingedenk. Das achtzeilige Gedicht „Ovid im Dritten Reich“ endet:
I have learned one thing: not to look down
So much upon the damned. They, in their sphere,
Harmonise strangely with the divine
Love. I, in mine, celebrate the love-choir.
„Damned“ scheint sich auf die Nazis zu beziehen; aber vielleicht auch auf ihre Opfer – eine Zweideutigkeit, die die Wendung „look down“ sehr hervorhebt. (Ich stelle mir den Sprecher als Aufseher vor, der von einem Wachturm herunterschaut. … Man gewahrt einen Dichter, der zwischen zwei Bildern seiner Kunst hin- und hergerissen ist. Einerseits weiß er, das sich der Gegenstand künstlerischer Interpretation entzieht. Er kann es aber auch nicht lassen. „Die Last, die der Autor aushalten muß“, sagte Hill 1980 mit Bezug auf den Holocaust. / Richard King, The Australian über den neuen Oxford Professor of Poetry Geoffrey Hill
Maria Hebrea (Maria die Jüdin), erstes Jahrhundert v.Ch.*
Die Zahlen
2 sind 1
3 & 4 sind 1
1 wird 2
2 wird 3
Maria die Jüdin war eine Alchimistin im hellenistischen Ägypten. Sie soll die Grundlagen unseres chemischen Wissens gelegt haben. Manche bezeichnen sie als „Mutter der Kunst“. Das obenstehende Zahlengedicht ist ihr einziger überlieferter Text.
Es erinnert, schreibt Jerome Rothenberg in der Anthologie „Exiled in the Word. Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present“, Washington 1989, „an e.e. cummings´ Beschreibung der Strategie des Dichters: zu behaupten, daß zwei mal zwei fünf sind. Oder Edmond Jabès über eine spezifisch jüdische poesis: ´Die Zahl 4´, sagte er, ´ist die Zahl unseres Untergangs. Haltet mich nicht für verrückt. Die Zahl 4 ist gleich 2 mal 2. Es ist diese obsolete Logik, in deren Namen man uns verfolgt. Denn wir behaupten, daß 2 mal 2 auch 5 sind, oder 7, oder 9. Man muß nur die Kommentare unseres Gelehrten nachschlagen, um das bestätigt zu finden. Nicht alles ist schlicht und einfach [simple in simplicity]. Man haßt uns, weil wir nicht in den simplen Rechenaufgaben der Mathematiker aufgehen.´ (Das Buch der Fragen, S. 92).“
Hier enthülle, schreibt Rothenberg weiter, die Gleichung der russischen Dichterin Marina Zwetajewa ihren Sinn: Alle Dichter sind Juden.
Edmond Jabès wurde 1912 in Kairo geboren und während der Suezkrise 1956/57 wie viele Juden aus Ägypten ausgewiesen. Er starb 1991 in Paris.
Zuerst in L&Poe 2004 Feb #74. Zwei gleich eins (Anthologie)
Außerdem:
2005 Aug #46. Mallorquinische Pflanzennamen
*) oder spätes 3. Jh. v. Ch.?
Wirklich belegt ist die inzestuöse Beziehung zwischen den beiden Geschwistern nicht; aber die Schauspieler sind sich einig: Die Gedichte legen den Verdacht zumindest sehr nahe, und darauf baut die Geschichte auf. „Ich glaube, es war so“, meint Baumeister. „Schon weil die Mutter alle Briefe verbrannt hat.“ Und auch Trakl-Darsteller Eidinger ist, nach Lektüre der Gedichte, überzeugt: „Eindeutiger geht’s gar nicht.“ …
Von den Drogen als Vorbereitung hat Eidinger wohlweislich die Finger gelassen. Nur einen Finger hat er sich gelb gefärbt und für die Rolle zu rauchen angefangen. Größte Herausforderung ist indes etwas anderes: „Die Monstrosität des Moments, wenn Trakl seine Schwester küsst.“ Auch wenn die Schauspieler noch nichts verraten dürfen: Harte, explizite Szenen sind zu erwarten. Dabei, erklärt Eidinger, sei es keineswegs Ziel des Films, sich am Inzesttabu abzuarbeiten. „Sondern den Zuschauer dazu zu bringen, sich selbst die Erfüllung dieser unmöglichen Liebe herbeizusehnen.“ / Die Presse 4.8.
„Für immer und ewig“ erzählt die Lebensgeschichte des Dichters Georg Trakl. Der Film wird in Österreich und Luxemburg gedreht, geplanter Fertigstellungstermin ist im Februar 2011.
Sergio Bizzio hat zwölf Romane veröffentlicht und etliche Drehbücher und Theaterstücke geschrieben doch sein allererstes Werk war ein Liebesgedicht. Mit zwölf Jahren schrieb er es für eine Freundin. Doch dieses Gedicht sei nicht für die Öffentlichkeit, zumindest noch nicht, erklärt er schmunzelnd: „Niemals könnte ich ein Gedicht aufsagen, dass ich seit meinem zwölften Lebensjahr geheim halte. Aber ich erinnere mich noch genau an jedes Wort. Eines Tages, wenn das Gedicht und ich beide älter geworden sind, werden wir es vortragen, jetzt wäre es mir peinlich.“ / Ö1
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