95. Das „schrägschöne Land Bayern“

Eine neue Lyrikanthologie mit dem Titel „Ois is easy“ versucht, das „ganze schrägschöne Land Bayern“ in all seinen Facetten zu charakterisieren. Dafür hat der Lyriker und Herausgeber der Zeitschrift „Das Gedicht“, Anton G. Leitner, Texte von fast 50 Autoren, die entweder aus Bayern stammen oder im Freistaat eine neue Heimat gefunden haben, zusammengetragen. …

Kritisch setzt sich die Sammlung auch mit der Münchner Schickeria auseinander. Liedermacher Konstantin Wecker sinniert über das „Surfen und Schifahren“, und Alfons Schweiggert spottet: „um das amigodrom der staatskanzlei / scharwenzelt die wallfahrtgeschulte / und rosenkranzdekorierte, / die passionsspielsüchtige, / die lederhosengewappnete und dirndlverkorkste / bussi- und proseccogesellschaft.“ / Die Welt

94. Echoräume von Wörtern

Das Besondere dieses Bandes ist, dass jedes Gedicht in einer bündnerromanischen Fassung (Vallader) und einer deutschen Fassung gedruckt ist. Die Autorin bewegt sich durch beide Sprachen wie durch zwei unterschiedliche Wortlandschaften. Wenn es je zu beweisen galt, dass Gedichte keine Erlebnisberichte über Gedanken oder Gefühle sind, sondern nichts als Echoräume von Wörtern: Hier haben wir diesen Beweis. Darum ist die eine Fassung nicht die Übersetzung der anderen, sondern deren Metamorphose, manchmal Erhellung, manchmal Verdüsterung. Ein Beispiel ist das Gedicht «Davant il serragl dals chucals / Vor dem Schweinepferch» (…). Die rätoromanische Variante spielt anders mit dem Lautmaterial – die Schnalzlaute in «chucal», «vacha», «chavà», «chavra» führen uns geradezu direkt an den Zaun des «Schweine-Serails». / Iso Camartin, NZZ 18.8.

Leta Semadeni: In mia vita da vuolp – In meinem Leben als Fuchs. Chasa Editura Rumantscha, Chur 2010. 138 S., Fr. 32.90.

93. Bodmers Lob der Urrepublik

«Damals pfropften die Väter das Recht, die Tugend und Sitten / in den Busen der Söhne, sie wuchsen darin zum Instinkt. / Man empfand, dass sein Wohlsein im Wohlsein anderer blühte. / Dass man sein eigenes Haus durch Rettung andrer beschützte. / Dass die Tugend, nicht schwer zu tragen, die Stirn nicht durchfaltet.» Solche Verse, im hüpfenden Hexameter geschrieben, beschreiben die idyllische Urzeit der Menschheit, in der alle eine Republik bildeten. Die Zeilen stammen aus Johann Jakob Bodmers Epos «Der Noah. In zwölf Gesängen» (1752). / Bernhard Lang, NZZ 17.8.

Jesko Reiling: Die Genese der idealen Gesellschaft. Studien zum literarischen Werk von Johann Jakob Bodmer (1698–1783). Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2010. 322 S., 139 Fr.

92. Hacks-Kult

An geistesaristokratischer Arroganz war dieser Dichter kaum zu überbieten. Als seine politische Wahlheimat, die DDR, kollabierte, verbreitete er die Mär von einer geheimdienstlichen Verschwörung wider die sozialistische Vernunft. Der Dramatiker und Lyriker Peter Hacks (1928–2003) war sicherlich der unberechenbarste Schriftsteller der Deutschen Demokratischen Republik, ein kommunistischer Dandy, der sich von den Hofschranzen der SED-Kulturpolitik ebenso scharf abgrenzte wie vom Dissidententum jener utopischen Sozialisten, die an die demokratische Reformierbarkeit ihres Staates glaubten. Wegen seiner DDR-Apologetik und seines fortgesetzten Kokettierens mit dem Stalinismus ist dieser Autor auch sieben Jahre nach seinem Tod eine Reizfigur geblieben.

Es gibt indes auch einen Hacks-Kult, der keineswegs nur von den intellektuellen Parteigängern der deutschen Linkspartei betrieben wird, sondern auch von einem bekennenden Konservativen wie Martin Mosebach, der Hacks‘ Poetik des Klassizismus huldigt. …

In einer Anmerkung zu Arno Schmidt hat Hacks schliesslich ein Selbstporträt als souveräner Solitär versteckt: «Was diesen Schriftsteller befähigt, ins Aschgraue hinein so glanzvoll zu schreiben, ist der Entschluss, sich als der zu setzen, der Recht hat, und alle Mitmenschen als die, die Unrecht haben. Was ich sage, sagt er, stimmt: es ist das Jahrhundert, welches insgesamt irrt.» Diesen grossen Furor, gegen das kapitalistische Zeitalter noch auf verlorenem Posten recht zu behalten, hat der Dichter Peter Hacks zur Virtuosität entwickelt. / Michael Braun, NZZ 11.8.

Peter Hacks: Die Massgaben der Kunst. Mit einem Nachwort von Dietmar Dath. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2010. 1302 S., Fr. 89.–.

91. 8. Internationales Lyrikfestival Basel

4. und 5. September 2010 | Literaturhaus Basel

Barfüssergasse 3, 4051 Basel

Samstag, 4. September 2010

19.00 Uhr

Lyrik und zeitgenössische Musik
Trio Tafeal: Mit Vertonungen von Gedichten von Oskar Pastior, Robert Lax und Marin Sorescu.
Anschliessend Podiumsgespräch mit den Komponisten Wanja Aloe und Daniel Fueter und dem Literaturwissenschaftler Karl Pestalozzi.

Sonntag, 5. September 2009

11.00 Uhr

Verleihung des Basler Lyrikpreises
an Werner Lutz

Laudatio: Rudolf Bussmann, anschliessend Apéro.

Werner Lutz (*1930) ist ein Meister der sprachlichen Reduktion und Präzision. Er gehört zu den bedeutendsten Schweizer Lyrikern der Gegenwart. Sein lyrisches Werk geht auf Dinge zu, die sich am Rand der Aufmerksamkeit befinden, zwischen Vergessen und Verdrängen. Seine Gedichte holen ans Licht, was anders nicht in Erscheinung treten könnte: Träume und Ängste, Sehnsüchte und Merkwürdigkeiten des Alltags.

Begegnungen

13.00 – 13.45 Uhr

Konstantin Ames liest und ist im Gespräch mit Urs Allemann. Konstantin Ames will mehr sein als „Kreuzworträtsler und Verfahrenstechniker“, kann auch, traut sich, findet das dionysische Ventil. „zuss, der wimpernknecht“ – der 39teilige Text, den Ames vorstellen wird – ist „ein Vorspiel politischer Liebesdichtung, wie ich sie für wünschenswert erachte“. Wozu ist „zuss“ da? „Belletristische Texte sind dazu da, Lesern eine verschlossene Tür ihrer selbst zu öffnen.“

13.45 – 14.30 Uhr

Elfriede Czurda liest und ist im Gespräch mit Wolfram Malte Fues. Was unterscheidet das Schachspiel vom Sprachspiel? Beim Schachspiel gilt es, in einem vorgegebenen Rahmen nach unveränderbar strengen Regeln eine Kombinatorik zu entwickeln, die sich einer ihr entgegengesetzten als überlegen erweist. Beim Sprachspiel gilt es, in einem Rahmen, den es sich Zug um Zug selber steckt, nach streng veränderlichen Regeln eine Kombinatorik zu entwickeln, die mit sich als ihrem Gegner rechnet und handelt. Elfriede Czurda ist eine Meisterin des Sprachspiels.

15.00 – 15.45 Uhr

Marion Poschmann liest und ist im Gespräch mit Rudolf Bussmann. Marion Poschmann avancierte in den letzten acht Jahen zu „einer der grössten Hoffnungsträgerinnen der jungen Lyrik“ (Frankfurter Rundschau). Ihre Gedichte beruhen auf einfachen Naturbeobachtungen, sind aber so listig angelegt, dass sie nicht selten zum Irrgarten werden. Marion Poschmann stellt unsere Wahrnehmung in Frage, spielt mit Trugbild und Täuschung, Illusion und Spiegelung. Die Gedichte des neusten Bandes „Geistersehen“ stehen wiederum im Zeichen des Sehens – sie entwickeln „eine Wahrnehmungskunst, die neue Massstäbe setzt in der Dichtung des 21. Jahrhunderts“ (NZZ).

15.45 – 16.30 Uhr

Brigitte Fuchs liest und ist im Gespräch mit Martin Zingg. Das „Handbuch des Fliegens“ von Brigitte Fuchs kreist leichtfüssig und variantenreich um das Abheben, Überfliegen. Wer sich darauf einlässt,gerät unversehens in den Luftsog ihrer Poesie, ist kopfüber dabei, fühlt sich leicht, wie schwerelos, bei einer Dichterin, die ironisch, heiterhell oder leise melancholisch phantasievolle Wortbilder schöpft. Ihre sinnliche, farbige Sprache entgrenzt und verführt, die Bodenhaftung scheint aufgehoben.

16.45 – 17.15 Uhr

Oskar Pastior (1927 – 2006), Lyrikperformance mit Urs Allemann

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90. American Life in Poetry: Column 282

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Because I’m a senior citizen I’m easily attracted by poems about my brothers and sisters meandering into their golden years. Here’s a poem by Edward Hirsch, who lives in New York, that offers our younger readers a look at what’s to come.

Early Sunday Morning

I used to mock my father and his chums
for getting up early on Sunday morning
and drinking coffee at a local spot
but now I’m one of those chumps.

No one cares about my old humiliations
but they go on dragging through my sleep
like a string of empty tin cans rattling
behind an abandoned car.

It’s like this: just when you think
you have forgotten that red-haired girl
who left you stranded in a parking lot
forty years ago, you wake up

early enough to see her disappearing
around the corner of your dream
on someone else’s motorcycle
roaring onto the highway at sunrise.

And so now I’m sitting in a dimly lit
café full of early morning risers
where the windows are covered with soot
and the coffee is warm and bitter.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Edward Hirsch from his most recent book of poetry, The Living Fire, Knopf, 2010. First printed in the Northwest Review, Vol. 47, no. 7, 2009, and reprinted by permission of Edward Hirsch and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

89. Rußland – Ukraine: Ein Gedicht als Zankapfel

Es gibt ein bitter-ironisches Abschiedsgedicht von Joseph Brodsky: «Auf die Unabhängigkeit der Ukraine» (1994). Die Menschen (Russen wie Ukrainer) hätten, heisst es darin, das gemeinsame Leid geteilt, aber wenn es darum geht, «am Hühnchen aus dem Borschtsch zu knabbern», zögen die Ukrainer vor, es ohne Nachbarn zu machen. Und weiter: «Na gut, auch wir kommen ohne euch zurecht, doch was die Träne aus dem Auge angeht, / Gibt es keinen Befehl, auf ein anderes Mal zu warten». Dieses Gedicht wurde zum Zankapfel. Für die einen ist es eine Enttäuschung im einst verehrten Dichter, für die anderen eine Bestätigung eigener Vorurteile. Beides ist voreilig geurteilt. Brodsky, der seit 1972 in den USA im Exil lebte, war auf keinen Fall ein Verfechter russisch-imperialer Ambitionen. Er gehörte zur Generation der Sowjet-Intellektuellen, die mit den anderen Völkern des Ostblocks nach dem Motto «Für Eure und unsere Freiheit» den kommunistischen Verbrechen gemeinsam zu widerstehen glaubten. Gewiss konnte er nichts dagegen haben, dass die ehemaligen sowjetischen Republiken zu unabhängigen Staaten wurden. Aber er war enttäuscht, dass die Euphorie der Befreiung auch zur Entfesselung nationaler Egoismen führte. In seinem Gedicht hat er dieses Gefühl sehr direkt geäussert, und auch die unverarbeitete Vergangenheit aus dem Zweiten Weltkrieg angesprochen, der immer noch ein Schlüssel zur neuesten Geschichte Osteuropas darstellt. …

Die erste deutsche Schwalbe der Ukraine-Mode in Buchform war die Anthologie «Zweiter Anlauf» (2004), die acht ukrainisch-sprachige Autoren aus der Ukraine präsentiert, darunter so interessante wie Halina Petrosanjak oder Oksana Sabuschko. Aber auch eine Erzählung von Mykola Rjabtschuk findet sich, deren Ich-Erzähler ignoranten Juden einiges klar zu machen versucht: «Vergeblich versuchte ich zu erklären, dass Bandera keine Pogrome angezettelt hat, ( . . . ) ». …

Die jungen Lyriker beider Länder, die eine im postsowjetischen Raum erstaunliche Selbstorganisationskompetenz entwickelt haben, veranstalten Festivals und übersetzen einander in ihre Sprachen. In einer Befragung der ukrainischen und russischen Autoren anlässlich der 21. Moskauer Buchmesse, wo die Ukraine der Ehrengast war, wirkten jedoch die russischen Autoren mit der ukrainischen Gegenwartsliteratur vertrauter als umgekehrt. Sie wussten auch die Namen der russischsprachigen Autoren der Ukraine zu nennen, die in der offiziellen Ukraine oft als marginale, zweitklassige, unerwünschte Erscheinung gelten. / Olga Martynova, NZZ 16.8.

88. Gestorben

Ghazi Algosaibi, saudischer Staatsmann und liberaler Schriftsteller, starb am Sonntag mit 70 Jahren an Magenkrebs, teilten Verwandte mit.

„Ghazi war ein Symbol der Moderne in Saudi-Arabien“, sagte Khalid al-Dakhil, ein reformorientierter Politikwissenschaftler an der König-Saud-Universität. Algosaibis moderne Ansichten seien vom jetzigen König Abdullah geschätzt worden. „Er war der erste, der diese Position innehatte…, eine Brücke zwischen Autorität und modernen Ideen.“

Algosaibi war auch ein fruchtbarer Schriftsteller, der Romane, Gedichte und Kolumnen schrieb. Seine Schriften waren in Saudi-Arabien verboten, weil sie häufig Kritik an den herrschenden übten und eine satirische Beschreibung sozialer und politischer Zustände lieferten. / SARAH EL DEEB (AP)

87. Meine Anthologie: Wahrheitsmaler

Friedrich Schröder-Sonnenstern

Der moralische Wahrheitsmaler

Ein’n Wahrheitsmaler gibt es auch,
der hat jenen besonderen Brauch,
er malt die Wahrheit, wie sie ist,
so wie sie liebt, frißt, kackt und pißt.

In: Schröder-Sonnenstern: Seelenerkennungsdienst. Sentenzen, Gedichte, Graphiken. Berlin: BasisDruck 2006 (Pamphlete 13), S. 24

(Eingängig, praktisch, gut: wär doch auch was fürn Echtermeyer!)

Ein paar Bilder des Berliner Malers waren vor einigen Monaten in einer Hundertwasserausstellung in Stralsund zu sehen. Hundertwasser hatte 1972 dem Maler zum 80. Geburtstag seine Reverenz erwiesen.

In L&Poe:

2006 Apr #84. Randgruppenlyrik

86. Lesefehler des Tages

Mit Deutschlands Wirtschaft geht es derzeit bergauf, steil sogar. Um 2,2 Prozent wuchs sie im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal, wie das Stalinistische Bundesamt bekannt gab.

85. Dresdner Lyrikpreis

2010 wird der Dresdner Lyrikpreis bereits das achte Mal vergeben. Die Auszeichnung, von der Oberbürgermeisterin der Stadt Dresden zur Förderung gegenwärtigen poetischen Schaffens ausgelobt, ist mit 5.000 Euro dotiert und richtet sich als kulturpolitischer Brückenschlag an Dichterinnen und Dichter aus der Tschechischen Republik und dem deutschsprachigen Raum. Bewerber aus der Tschechischen Republik, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein können vorgeschlagen werden oder Eigenbewerbungen einreichen. Zwei mit tschechischen und deutschsprachigen Literaturexperten besetzte Vorjurys wählten bis Februar 2010 insgesamt 10 aus dem Pool der Bewerbungen aus, die zum öffentlichen Wettlesen im Rahmen des Poesiefestivals BARDINALE eingeladen werden.

Die deutsche Vorjury hat folgende fünf Bewerber für den Endausscheid zum Dresdner Lyrikpreis 2010 nominiert („Klarnamen*“ noch nicht mitgeteilt):

robin hood
Mondlandetage
Dibbelabbes
Höpftbönnöff
dandelion

Von der tschechischen Vorjury wurden folgende fünf Bewerber für den Endausscheid zum Dresdner Lyrikpreis 2010 nominiert:

MARFALA
vlnolamy
florenc
Erich Uwetell K. Grünbein-Kästner
vlna

Die Lesungen zum Endausscheid finden am 4.9. statt.

Die Preisträger des Dresdner Lyrikpreises 1996 – 2008

  • 1996 Thomas Kunst
  • 1998 Petr Hruška & Christian Lehnert
  • 2000 Lutz Seiler
  • 2002 Hendrik Rost
  • 2004 Uwe Tellkamp
  • 2006 Viola Fischerová & Uljana Wolf
  • 2008 Christian Futscher

(Welches Schwein sich hinter „Hölderlin“ verbirgt: der Stoßseufzer entfuhr der Dichterin Sarah Kirsch vor laufender Kamera, als sie ihre Stasiakte gelesen hatte. Ganz so diabolisch wird es hier nicht sein. Wer mag sich wohl hinter „Erich Uwetell K. Grünbein-Kästner“ verbergen? Wenn die Namen der Endrundenteilnehmer bekanntgegeben werden, können wir ja raten. Wer nannte sich wie? – Hölderlin war der selbstgewählte Deckname der Lyrikerin…; ach nein, ihren Namen spreche ich heute nicht aus. Kenner der jungen DDR-Lyrikszene der 70er Jahre werden sie am Decknamen unschwer erraten können.)

84. Gegenstrophe 2

Braun, Michael / Dittmer, Kathrin / Rector, Martin (Hg.)

Gegenstrophe

Blätter zur Lyrik 2

2010, 112 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-86525-178-7
Preis: 12,80 €

Gegenstrophe
»Gegenstrophe. Blätter für Lyrik« erscheint jährlich im Herbst als Forum für Lyrik und Lyrikrezeption. Dieser Band enthält Beiträge von Konstantin Ames, Bas Böttcher, Michael Braun, Timo Brunke, Daniel Falb, Gerhard Falkner, Martina Hefter, Cornelia Jentzsch, Ulrich Koch, Hermann Korte, Martin Rector, Ulrike Almut Sandig, Volker Sielaff, Hans Thill und Anja Utler sowie eine umfangreiche Bibliographie aktueller Gedichtbände.

83. Jüdische Verschwörung gegen Rumänien

Beim Aufräumen gefunden:

Der spätromantische rumänische Nationaldichter Mihai Eminescu (1850 bis 1889) ist von den Juden ermordet worden. Diese Ansicht vertritt der Generalsekretär der großrumänischen Partei (PRM), Gheorghe Funar. Anlässlich des 121. Todestags von Eminescu hatte Funar eine Pressekonferenz in der siebenbürgischen Stadt Cluj/Klausenburg einberufen, um seine spektakuläre Verschwörungsthese zu verkünden.

Eminescu, erklärte der frühere Senator des rumänischen Parlaments und nationalistische Scharfmacher, sei gezielt von den Juden getötet worden. Man habe ihn unter dem Vorwand einer Geisteskrankheit in eine Heilanstalt eingeliefert, eine falsche Diagnose gestellt und ihn zum Syphilitiker erklärt. Dann habe der jüdische Arzt Francisc Isack den langsamen Tod des „absoluten Rumänen“ Eminescu durch Quecksilberinjektionen herbeigeführt. …

Eminescu gilt als eine Galionsfigur der rumänischen Nationalisten und wird in den programmatischen Schriften der in der Zeit zwischen den Weltkriegen aktiven faschistischen Eisernen Garde als deren „Apostel“ verehrt. Eminescu hatte behauptet, die Juden hätten die Rumänen mit ihrer „moralischen und physischen Dekadenz angesteckt“, deshalb müsse man diese „unproduktive Rasse“ „zur produktiven Muskelarbeit zwingen“.

Der Eminescu-Kult gipfelte Anfang dieses Jahres in der Forderung einer ultranationalistischen „Schriftstellerliga“ aus Klausenburg/Cluj, den Nationaldichter heiligzusprechen. / taz 17.6.

82. Krauses Gegenschlag

Klassischer geht’s nimmer. Noch immer (oder besser: wieder) ist „der Echtermeyer“ die deutsche Gedicht-Anthologie schlechthin. Seit 175 Jahren thesauriert sie nun schon das deutsche Schrifttum lyrischer Natur. Das begann schon in der Erstauflage „für die unteren und mittleren Classen gelehrter Schulen“ mit den Merseburger Zaubersprüchen und endete mit den neuesten Namen. Die waren 1836 Herwegh und Freiliggrath (dessen „Auswanderer“ mit ihrem unsterblichen Anfang „Ich kann den Blick nicht von Euch wenden; / Ich muss euch anschaun immerdar“ getreulich durch die Jahrzehnte mitgeführt wurde). Heute sind es die Damen Marion Poschmann oder Ann Cotten. Zumindest bis zur Nachkriegszeit hat diese Auswahl den immensen Vorteil, dass sie bringt, was noch lebt und in unser kollektives Gedächtnis eingelassen ist. Für die Zeit danach hätte man sich mehr Mut zur Schwerpunktsetzung gewünscht. All die routinierten Avantgarde-Adepten à la Haufs und Hilbig, Kling und Koziol hätte man getrost opfern können, um die wirklich wichtigen und unverwechselbar eingängigen Robert Gernhardt, Helga Novak oder Wolf Biermann vielfältiger zu präsentieren. / Tilman Krause, Die Welt*

Echtermeyer Deutsche Gedichte
Herausgegeben von Elisabeth Paefgen und Peter Geist. Cornelsen, Berlin. 942 S., 19,95 Euro.

*) Aber diskutieren lassen Sie das nicht: „WELT ONLINE hat den Kommentarbereich dieses Artikels geschlossen.“

81. Charles Bukowski vor 90 Jahren geboren

Am 16. August 2010 wäre der US-amerikanische Schriftsteller Henry Charles Bukowski 90 Jahre geworden. Er starb am 9. März 1994 mit 74 Jahren. Ein Nachruf von Wolfgang Weitzdörfer bei suite102