125. „Tradition“

Vor allem aber ist Agualusa diese Reise Anlass, ein betörendes Porträt des multikulturellen Afrika zu zeichnen. Natürlich kennt der Kontinent die Gewalt zur Genüge, Agualusa hat es im «Lachen des Geckos» hinreichend angedeutet. Aber Afrika kennt neben Gewalt auch offene, dynamische, aus den unterschiedlichsten Quellen sich speisende Kulturen, weit weg von jenen umhegten, mit Kulturerbe-der-Menschheit-Mitteln auf Eis gelegten Reservaten, wo selbsternannte Traditionswächter aus dem Norden die indigenen Schöpfungen vor dem Kontakt mit dem korrumpierten Kapitalismus schützen wollen. Die Traditionen, sagen diese Sittenwächter, müssten geschützt werden. «Wirklich?», entgegnet einer der Protagonisten. «Welche Tradition denn? Die Portugiesen brachten den Karneval nach Angola und ihre Sprache, Jesus Christus, Stockfisch, Palmöl, Mais, die Gitarre, das Akkordeon, Fussball und Rollhockey. Ausserdem brachten die Portugiesen uns Syphilis, Tuberkulose, Strandflöhe und den Teufel noch dazu. Sie haben den Sklavenhandel eingeführt und mit ihm eine Reihe von anderen ehrenwerten Traditionen. Tradition. Schon das Wort lässt mich schaudern.» / Kersten Knipp, NZZ 25.8.

José Eduardo Agualusa: Die Frauen meines Vaters. Roman. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. Verlag A 1, München 2010. 381 S., Fr. 38.50. – Ders.: Das Lachen des Geckos. Roman. Verlag A 1, München 2008. 381 S., Fr. 29.90.

124. Ludvík Kundera gestorben

Der tschechische Lyriker und Übersetzer Ludvík Kundera (ein Cousin des Romanciers Milan Kundera) starb am 17.8. im Alter von 90 Jahren in seiner Heimatstadt Kunštát (Mähren). Kundera war ein bedeutender Vermittler zwischen der deutschen und tschechischen Literatur. Er übersetzte u.a. Trakl, Rilke, Brecht, Benn, Peter Weiss, Peter Huchel, Reiner Kunze, Franz Fühmann, Günter Kunert, Heinz Czechowski, Hanns Cibulka und Erich Arendt ins Tschechische und edierte und übersetzte tschechische Dichter für uns. 1966 gab er gemeinsam mit Franz Fühmann die Anthologie „Die Glasträne. Tschechische Gedichte des 20. Jahrhunderts“ heraus (Berlin: Volk und Welt). Nach 1970 stand er in seinem Land unter Publikationsverbot. Bei Reclam Leipzig erschien 1987 die zweibändige Anthologie „Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten“ . In der „Tschechischen Bibliothek“ der DVA gab er zusammen mit Eduard Schreiber zwei Bände heraus: Adieu Musen. Anthologie des Poetismus“ (2004) und „Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920“ (2006). Seine eigenen Gedichte erschienen in Anthologien (u.a. „Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen“ (Piper 1994) und in Einzelbänden („Erinnerungen an Städte/Stätten, wo ich niemals war“ 2004; „El do Ra Da (da) : Gedichte, Erzählungen, Erinnerungen, Bilder„, 2006/2007; Poesiealbum 281, 2008).

Nachrufe: Tagesspiegel / Radio Prag (dt.) / Prager Zeitung

Eins seiner Gedichte:

Woronesh

Gleich im geschwätzigen Bahnhofsgewimmel:
ein Mann im Totenhemd!
Herr Ossip, erlauben Sie, daß ich
den Staub von Euren Schuhen wisch.

Er erlaubte nicht.

In: Erinnerungen an Städte/Stätten, wo ich niemals war. Edition Thanhäuser, S. 40. (Deutsch von Eduard Schreiber)

  • Ludvík Kundera: el do Ra Da (da). Gedichte. Erzählungen. Essays. Bilder. Aus dem Tschechischen übertragen und mit einem Nachwort von Eduard Schreiber. Arco Verlag, Wuppertal 2008. 412 S., 26 €.
  • Poesiealbum 281: Ludvík Kundera. Ausgewählt und nachgedichtet von Eduard Schreiber. Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2008. 31 Seiten, 4 €. (Kontakt über http://www.maerkischerverlag.de)
  • Ludvík Kundera: Erinnerungen an Städte/Stätten, wo ich niemals war. Aus dem Tschechischen von E. Schreiber. Edition Thanhäuser, Ottensheim 2005. 112 S., 24 €.

In L&Poe:

  • 2001     Dez     #     Der  Leipziger Buchpreis
  • 2002     Mrz     #     Ostig-schnuckelige Messe
  • 2004     Mai     #30.     Poetismus einer Welt, die lacht
  • 2004     Jun     #5.     Inger Christensen in Dresden
  • 2005     Mai     #91.     Vitalitätsschub gegen die Mono-Leit-Kultur
  • 2007     Jun     #9.     Karel Hynek Mácha
  • 2007     Okt     #41.     Emil Juli  deutsch
  • 2007     Dez     #61.     Ludvík Kundera
  • 2008     Jan     #91.     Tschechische Lyrik
  • 2008     Aug     #88.     František Listopad
  • 2009            Mai            #75.            Ludvík Kundera ein Surrealist?

(alle im Archiv vorhanden)

neue Beiträge hier: https://lyrikzeitung.wordpress.com/tag/ludvik-kundera/

123. Tabubruch

Das neue Internetportal Qadita.net sieht auf den ersten Blick aus, wie viele andere arabische Webseiten. Aber wer genauer hinsieht, bemerkt, dass Qadita.net ein lang gehegtes Tabu in der arabischen und islamischen Welt bricht: Auf der Webseite veröffentlichen schwule arabische Autoren unter Pseudonymen ihre Erzählungen und Gedichte in einer speziellen Rubrik, die – zumindest für Insider eindeutig – mit Regenbogenfarben gekennzeichnet ist. …

Insbesondere in der islamischen Literatur der Vergangenheit haben Homosexuelle deutliche Spuren hinterlassen. In der Zeit der Abbasiden-Dynastie von 749 bis etwa 1258 waren schwule Dichter berühmt für Gedichte über die Freuden des Weins und der Knabenliebe. Obwohl Teil des arabischen Kulturerbes, würden solche Werke seit Jahrzehnten zunehmend an den Rand gedrängt, erklärt Bathish: „Die Entwicklung des Patriarchats hat in den letzten Jahrhunderten einen dunklen Schatten auf sie geworfen. Homosexualität bedroht die Autorität. Deshalb wird sie unterdrückt.“ / Emad M. Ghanim, Deutsche Welle

122. Bürger seiner Gelehrtenrepublik

Im Freitag vom 11.8. schrieb Stefan Amzoll eine Erinnerung an den Schriftsteller Karl Mickel anlässlich seines 75. Geburtstags:

Karl Mickel war Dichter und Gelehrter in einem. Parallele Fälle aus der Gegenwart zu nennen, dürfte schwer fallen. Gleichfalls, diese beiden sich beißenden Sphären zusammen zu denken. Mickel hat Wirtschaftsgeschichte studiert, und zur Dichtung kam er spät, mit 30 Jahren. Neben Karl Marx zählte Eric Hobsbawm, Erforscher des Banditenwesens, Autor von Das Zeitalter der Extreme und in jungen Jahren Jazzkritiker, zu den Gelehrten, die den Dichter mehr als andere anzogen.

Eben weil Mickel sich selbst als einen Gelehrten begriff. Oder besser: als Bürger seiner selbst kreierten Gelehrtenrepublik. Wie Literatur lief Musik in seinem Leben immer mit: Bach, Mozart, Schubert, Weber, Schönberg, Dessau, Nono, Henze, Schenker. Aufführungen in Oper, Theater, Konzert, die er genoss, der Stücke wie Libretti schrieb, sind nicht zu zählen.

Seine Zeit, wie sie auch wechselte, hielt der alternde Poet, wie er das immer tat, im Blick – nämlich merkwürdig. Presse und Fernsehen interessierten ihn kaum, allenfalls Fußball- und Tennisübertragungen.

121. Niuwgieric ûf allez

In Urs Engelers roughblog heute als Gedicht des Tages nach jüngst Altgriechisch-Hölderlin eine weitere spannende Übersetzung mit Pasolini / Filips. Auszug:

Wênen vür allez,
vür allez lachen,
ein houpt bewarn,
niuwgieric ûf allez.

Planzi di dut,
ridi di dut,
vej un sarviél
curiòus di dut.

***
Aus Dunckler Enthusiasmo, Friulanische Gedichte von Pier Paolo Pasolini, Urs Engeler 2009, S.119
Ausgesucht und übersetzt von Christian Filips

120. Fogwill †

Er nannte sich Fogwill, ohne Vornamen, so stand es auf seinen Büchern. Sokrates und Hegel seien ja auch ohne Vornamen ausgekommen, pflegte er zu sagen. Rodolfo Enrique Fogwill, wie man ihn der Vollständigkeit halber einmal nennen muss, war ein glänzender Vermarkter seiner selbst und die schillerndste Figur der argentinischen Literaturszene der letzten Jahrzehnte. …

Von seinen vielen, meist auf seine Heimat bezogenen Büchern, die kaum je ins Deutsche übersetzt wurden, ließ er vor allem zwei Gedichtbände und drei Romane gelten, darunter auch das Werk, das zum Auftritt Argentiniens auf der Frankfurter Buchmesse erstmals auf Deutsch erscheint: „Die unterirdische Schlacht“. / Paul Ingendaay, FAZ

Mehr: Latin American Herald Tribune / Buenos Aires Herald / La Razón (Argentina)

119. Camus und Char

Camus selbst war ein Mann von aufrechtem, freilich auch unbeugsamem Charakter. Der Kritiker eigener Schwächen und Fehler mass seine Zeitgenossen mit der gleichen Elle, was das intellektuelle Milieu von Paris gern hysterisch und mit Empörung quittierte. Ein einziger Schriftsteller von Format hielt dieser Prüfung stand, weil er von ähnlicher Wesensart war: René Char. Anfangs den Surrealisten verbunden, während der deutschen Besetzung im Widerstand engagiert, nach 1945 quer zu allen Moden ein Schöpfer von Wort und Klang mit starkem metaphysischem Anspruch – so trat er in Erscheinung, im eigentlichen Sinn: der Dichter. …

Der Beginn der Freundschaft datiert, wie die Korrespondenz ersichtlich macht, von 1946. Das Ende fällt mit Camus‘ Tod im Automobil von Michel Gallimard in den ersten Januartagen 1960 zusammen. Auf dem Schreibtisch des Hauses in Lourmarin ist damals ein Band mit Gedichten Chars aufgeschlagen. Kein zufälliges Zeichen der Sympathie – bei vielen Gelegenheiten tat Camus kund, dass er René Char für den grössten Dichter Frankreichs seit Apollinaire hielt. / Martin Meyer, NZZ 24.8.

Albert Camus – René Char: Correspondance 1946–1959. Gallimard, Paris 2010. 265 S., € 20.–.

118. Leistens Landschaften

Leisten will nach eigener Aussage nicht die Unterschiede von Kultur- und Gefühlswelten gegeneinander ausspielen, «sondern im Fremden das Eigene und im Eigenen das Fremde neu entdecken.»

Ineinander verflochtene Satzübergänge führen tief hinein in diese bewegenden Sprachlandschaften, die uns bis nach Rom oder Nordwestafrika mitnehmen – schließlich bis ans Ende des Lebens, das in diesem Poem aufscheint: «Was ein Glück, wenn wir uns noch erkennen im letzten Moment.» Und den schönen Satz enthält: «wir brauchen bilder, die sich in unsere Träume legen.» / Grit Schorn, Aachener Nachrichten

Am Samstag, 28. August, liest Christoph Leisten im Haus Löwenstein, Markt 39, aus seinem neuen Gedichtband «bis zur schwerelosigkeit». Die Lesung beginnt um 12 Uhr.

Christoph Leisten: «bis zur schwerelosigkeit», Gedichte. Rimbaud Verlag, 59 Seiten, 15 Euro.

117. Halters Bombe

Am 10. September erscheint auf dem Berliner Label Traumton Records das Debüt-Album von Schule der Unruhe, Jürg Halters neuer Band. Titel des Albums: la bombe.
Mehr hier: http://www.juerghalter.com
Hier sind vier ganze Songs von «la bombe» zu hören:http://www.myspace.com/schulederunruhe

116. Verborgene Seele

Wenn Alexandra Amort etwas erlebt, was sie irgendwie bewegt, dann setzt sie sich oft hin und schreibt. Am liebsten reimt die Riedlingerin dabei. Nun ist ein Gedichtband mit dem Titel „Empfindungen einer verborgenen Seele“ erschienen.

Die Gedichte zeigen der 30-Jährigen zufolge, wie sie die Welt erlebt „und wie ich sie mir manchmal wünsche“. Oft geht es um Abschied, Tod, Gott oder Engel. Es handle sich um „eine Gefühlsreise durch mein Leben“, berichtet Alexandra Amort. Sie leidet an Schizophrenie und am Asberger-Syndrom, einer leichteren Form von Autismus. / Augsburger Allgemeine

Der Gedichtband „Empfindungen einer verborgenen Seele“ von Alexandra Amort ist erschienen im Deutschen Lyrik Verlag in Aachen. ISBN 978-3-89514-962-7.

115. Fotos und Gedichte aus Litauen in Münster

Die eindringlichen Schwarz-Weiß-Fotografien aus Litauen sind zugleich Dokumente auch der jüngsten Zeitgeschichte des baltischen Staates. Am Mittwoch, 25. August, bietet das Stadtmuseum um 16 Uhr einen besonderen Rundgang durch diese Foto-Ausstellung an. Die Aufnahmen werden kontrastiert durch Gedichte litauischer Autoren wie Antanas Venclova, Sigitas Geda oder Ricardas Gavelis. Bilder und Worte geben einen intensiven Eindruck davon, was Menschen in der osteuropäischen Republik in den vergangenen 60 Jahren bewegt hat. / presse.service.de

114. American Life in Poetry: Column 283

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’ve read dozens of poems written about the events of September 11, 2001, but this one by Tony Gloeggler of New York City is the only one I’ve seen that addresses the good fortune of a survivor.

Five Years Later

My brother was on his way
to a dental appointment
when the second plane hit
four stories below the office
where he worked. He’s never
said anything about the guy
who took football bets, how
he liked to watch his secretary w
alk, the friends he ate lunch with,
all the funerals. Maybe, shamed
by his luck, he keeps quiet,
afraid someone might guess
how good he feels, breathing.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Tony Gloeggler, whose most recent book of poetry is The Last Lie, New York Quarterly Books, 2010. Poem reprinted from Paterson Literary Review, Issue 37, 2009/2010, by permission of Tony Gloeggler and the publisher.

Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

113. Benns Geliebte

Benns Geliebte waren Dichterinnen und Journalistinnen wie Erna Pinner, Gertrud Zenzes, Doris Hahn, Mopsa Sternheim oder Käthe von Porada. Sie waren Schauspielerinnen und Sängerinnen wie Ellen Overgaard, Lili Breda, Elinor Büller oder Tilly Wedekind. Allerdings bekennt er 1926: „Mit der Liebe ist es nicht mehr weit her, es vergehen Wochen und Monate ohne Abenteuer und dann waren sie nachher doof.“ Der Gedichtentwurf „Liebe von 1952“ beginnt mit den Worten: „Liebe – / dies Wort wollen wir gar nicht in die Diskussion werfen / ich bleibe ja doch in mir allein / aber ich sehe dich gern an / ich fühle dich gern an / ich esse gerne mit dir / wir sprechen so freundschaftlich mit einander / sind den ganzen Tag auf einer zärtlichen Ebene ach – morgen / weisst du was davon.“ / Joachim Dyck, Tagesspiegel

112. Siebenbürgische Elegien

Der Sammelband besteht aus zwei Teilen, in acht bzw. zehn Kapitel gegliedert, mit Titeln wie „Transsylvanische Todesarten“, „Abschiedsschwere“, „Die Kunst der Wiederkehr“, „Exil“, „Siebenbürgisches Requiem“, „Erinnerung und Mutters Sprache“, „Rote Zeit – Tote Zeit“ etc. Es ist der Versuch, die Vielzahl der Gedichte der 44 Autoren thematisch zu ordnen. Die Texte sind in deutscher, rumänischer, ungarischer Sprache sowie in sächsischer Mundart und in der Mundart der Roma verfasst. Alle Gedichte sind aus der jeweiligen Muttersprache ins Deutsche oder Rumänische übertragen, Schlesaks Gedichte von Cosmin Dragoste und Andrei Zanca. Einige Beispiele seien hier genannt und Schlesaks Eingangsgedicht „Schwach nur“ auszugsweise zitiert: „Schwach nur / ein Echo/ von Nirgendwo// Der Auszug// Geschwärzte Chroniken leuchten/ In Museen// Von Westen her täuschend/ Ein Licht, gekonnte/ Sonnenuntergänge/ Rot/ Freizeit Ferienfreude Und/ Zweihundertfünfzig Sorten Brot// (…) Schön dieses Mutter/ Land// Woher wir kamen/ Vor fast tausend Jahren/ Dort kommen wir wieder an/ Mit Grabsteinen im Gepäck.“

Die teilweise trügerischen Verlockungen des Westens und die Untergangsstimmung der Exilanten werden hier in wenigen Worten bildhaft beschworen. In der sächsischen Fassung lauten die Verse: „Schwach/ Nor an Echo/ (hier fehlt leider die entsprechende Zeile der deutschen Fassung)// Der Auszach// (…) Wohär mar kaamen/ Vur fast tausend Johren/ Do kun mar wedder un/ Mät Grawstienen/ äm Gepäck.“ …

Einige von Schlesaks Texten sind schon in dem Gedichtband „Weiße Gegend – Fühlt die Gewalt in diesem Traum“ 1981 im Rowohlt-Verlag erschienen, werden in der vorliegenden Ausgabe um weitere Strophen ergänzt, z. T. mit verändertem Druckbild, darunter „Deutsch in Transsylvanien“ und „Von Nachgeborenen“, nicht zuletzt die Erinnerung „Für O.P.“: „Ossi isst auf russisch sein Gesicht auf/ Dann schwimmts richtig konturlos zu den harten Kernen./ Er isst Naturgesetze auf.“ Darin wird die Rolle des Essens für den in Russland hungernden Oskar Pastior lange vor Herta Müllers „Atemschaukel“ thematisiert. Auch dieses Gedicht wird nach dem Tod des Freundes mit einer zweiten Strophe zum Epitaph, das sein Weiterleben in den Gedichten apostrophiert: „Er starb plötzlich. Er starb unerwartet./ (…)/ Er starb lautlos kurz vor dem Auftritt/ mit Laut Gedichten./ (…)/ Der Tod holte ihn/ vom Schreibtisch. Gedichte blieben dort liegen./ Sie sind seine Stimme. Solange wir leben/ hören wir seine Gedichte mit seiner Stimme.“

Außer Schlesaks Gedichten kommen nur wenige deutsch schreibende Dichter zu Wort: Carmen Elisabeth Puchianu, Christel Ungar und Joachim Wittstock. Die überwiegende Mehrheit der Gedichte stammt von rumänischen Autoren, ein paar von ungarischen (Martha Iszak, Géza Szöcs, Zsófia Balla), eines („Jahreszeit in Hermannstadt“) von Luminiţa Mihai-Cioaba ist in Romanes geschrieben, von ihr ins Rumänische übersetzt und ins Deutsche gebracht von Beatrice Ungar: „Anotimpo ando Sibio“ („Anotimp in Sibiu“/ „Jahreszeit in Hermannstadt“). Ein kurzer Ausschnitt soll die Poesie des Romanes illustrieren: „Akharal ma o Sibio ande reat/ Pe la droma cinora pherde divanuri“ (= Mă cheamă Sibiul în noapte/ Pe străzile înguste şi pline de soapte = „Ruft mich Hermannstadt in der Nacht/ In die engen Gassen voller Flüstern.“) / Konrad Wellmann, Siebenbürgische Zeitung

Dieter Schlesak: „Transilvania mon amour. Siebenbürgische Elegien/ Elegii ardelene“, Editura hora Verlag, Hermannstadt 2009, 376 Seiten, ISBN 978-973-8226-82-1, Preis: 17 Euro (56 Lei).

111. Intelligenz

… schon die Frage „Was ist Intelligenz?“ ist nicht ganz einfach zu beantworten. Einer userin, die mich fragte, antwortete ich: – Intelligenz, du wirst damit geboren, Jennifer. Wenn die Eindrücke in dich hineinpurzeln, wenn du darauf mit einem Schwall von Ideen antwortest, und wenn du auf einen Klumpen total neuer Dinge triffst und du in sie eindringst, mühelos, wie ein heisses Messer in die kalte Butter, dann, Jennifer, hast du Intelligenz.

… quälend allerdings ist es für helle Geister (Glück ist die Geschwindigkeit des Denkens, Nietzsche), sich mit solchen Menschen auszutauschen, die von der Natur eher stiefmütterlich ausgestattet sind. Sie haben dann wenig Neugier, ihr Denkvermögen ist schwergängig (nicht bergfreudig), ihr Gedächtnis lahmt, Kombinationsgabe ist nur schwach ausgebildet, Vorstellungskraft und Pfadfindermut auf verschlungenen geistigen Wegen, – sie fehlen ihnen. – Es tut regelrecht weh, wenn du (und nicht die/der andere) ihn hüpfen und leuchten siehst, den springenden Punkt. Und du hast keinen, der dein Aha-Erlebnis teilt. – – Übrigens – ebenso wie eine hohe Empfindlichkeit für alle Phänomene der sinnlichen Welt (zu hören, zu schmecken, zu sehen, zu riechen, zu ertasten) kann auch eine überragende Intelligenz das soziale Leben komplizierter machen.

/ Wilhelm Fink, Hamburg