59. Gedichte wurden vorgetragen

Während der Zeremonie trugen die Islamisten Gedichte und Gesänge vor, die den Märtyrer-Tod verherrlichten. / Bild

58. Gedichte sind nicht geschickt worden

Nüchtern kommentiert sie im Zeugenstand am Kieler Landgericht: „Gedichte sind nicht geschickt worden.“ / Wedel-Schulauer Tageblatt

57. Beschwörerin der Worte

„Ich bin in der Anstalt – Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“ heißt das neue Buch der österreichischen Dichterin, erschienen bei Suhrkamp. Beim MDRein Gespräch, das Michael Hametner mit der Autorin führte.

Friederike Mayröcker ist eine der ganz großen Sprachkünstlerinnen und das schon seit mehr als fünfzig Jahren. In ihren Gedichten wie in ihren Prosawerken – der Sprechton in Gedicht und Prosa sind sich bei ihr oft recht ähnlich – wird selten etwas erzählt, was man als Leser einem anderen mitteilen könnte. Die Mayröcker macht alles mit und wegen der Sprache. Sie folgte mit diesem Credo nicht ihrem langjährigen Lebenspartner Ernst Jandl auf dem Weg zur Sprachlyrik, allenfalls ein paar Schritte, sondern sie ist eine Beschwörerin der Worte geworden. Gefühle, begleitet von Sprache – das ist es, was die Mayröcker ihren Lesern bietet.

MDR FIGARO | 10.08.2010 | 18:00-19:00 Uhr

Buchvorstellung und Interview können Sie später hier nachhören.

56. Jean Cocteau

In dem Sterbehaus des Dichters, Zeichners und Cineasten Jean Cocteau, das jetzt in ein Museum verwandelt wurde, lebt sein Geist fort, berichtet  Marc Zitzmann aus Milly-la-Forêt bei Paris. Zitat:

Es ist erstaunlich, wie ein Mann, der den «Künstler» bis zur Karikatur verkörperte (er traute sich z. B. nicht, ein Automobil zu steuern, weil die Überfülle seiner Gedanken ihn daran hindere, sich auf die Strasse zu konzentrieren!), auf Gärtner, Landwirte, Elektriker und Schneiderinnen, kurz: auf «einfache Leute» nicht nur einen tiefen, sondern auch einen zutiefst sympathischen Eindruck machte. / NZZ 9.8.

55. Bad Poems

Vernon Lott stieß beim Aufräumen auf seine Jugendlyrik. Massenhaft schreckliche Gedichte – nach Stücker 100, „viele ganz unverständlich“, war ihm schlecht. „Ich hab 10 Jahre lang wenigstens ein Gedicht am Tag geschrieben. Kein Mangel an schlechten Gedichten.“ / The Wall Street Journal 9.8.

54. Unbekannte Texte von Marilyn Monroe

Eine bisher völlig unbekannte Seite von Marilyn Monroe wird ab Oktober zu entdecken sein: Schriftstücke und Gedichte des vor 48 Jahren verstorbenen Filmstars werden dann veröffentlicht. Das Buch mit dem Titel „Fragmente“ soll zwischen dem 7. und dem 12. Oktober in mehreren Ländern erscheinen, darunter auch in den USA. Der Band umfasst Gedichte, Auszüge aus Tagebüchern und Briefe, welche in 101 Faksimiles abgedruckt und übersetzt werden, sowie 33 persönliche Fotos. Abgedeckt wird darin eine Zeitspanne von 1943 bis unmittelbar vor dem Tod des Stars in der Nacht zum 5. August 1962. Der Mitherausgeber Bernard Comment verspricht keine spektakulären Enthüllungen; aber die Texte liessen jenseits des Klischees vom blonden Pin-up-Girl eine sensible Frau sichtbar werden, die ebenjenen Klischeevorstellungen zu entfliehen versuche. / NZZ 9.8.

Mehr hier (und im alten Archiv, L&Poe 2005    Aug    #29.    Klassische Bildung)

53. American Life in Poetry: Column 281

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Anton Chekhov, the master of the short story, was able to see whole worlds within the interactions of simple Russian peasants, and in this little poem by Leo Dangel, who grew up in rural South Dakota, something similar happens.

One September Afternoon

Home from town
the two of them sit
looking over what they have bought
spread out on the kitchen table
like gifts to themselves.
She holds a card of buttons
against the new dress material
and asks if they match.
The hay is dry enough to rake,
but he watches her
empty the grocery bag.
He reads the label
on a grape jelly glass
and tries on
the new straw hat again.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©1987 by Leo Dangel, whose most recent book of poetry is The Crow on the Golden Arches, Spoon River Poetry Press, 2004. Poem reprinted from Paddlefish, No. 3, 2009, by permission of Leo Dangel and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

52. „Simultanität, Glossolalie, Bedeutungen statt Bedeutsamkeit“

Oswald Eggers „Die ganze Zeit“ ist – salopp gesprochen – ein Ziegel. 741 Seiten in zinnoberrotes Leinen gebunden – ohne Genrebezeichnung: Das Buch ist kein Roman, kein Gedicht oder Epos, kein Traktat. Selbst im Vergleich zu früheren Arbeiten wie die umfangreiche „Herde der Rede“ wirkt „Die ganze Zeit“ wie Eggers Opus maximum. …

Die Leichtigkeit dieser Kurz-Texte verrät einen mitunter schelmischen, feixenden Kommentator der eigene Sache: sie als Gedichte zu bezeichnen fällt nicht nur schwer, weil heute ohnedies niemand mehr weiß, was ein Gedicht ist. Sie verweigern auch jegliche innere Form, die ein Gedicht voraussetzt. Paul Celan nannte das: „Unendlichsprechung vor lauter Vergeblichkeit und Umsonst“. Unendlichkeit heißt bei Oswald Egger Simultanität, Glossolalie; ein Netz von Bedeutungen – anstatt Bedeutsamkeit.

Schon die Menge dieser allem Symbolischen abgeneigten Vierzeiler entwertet alles Epiphanische, alles Erleuchtende eines Gedichtes. Es geht hier viel mehr um Serielles – wie einst in der so genannten Neuen Musik, oder in der Bildenden Kunst. …

Oswald Egger zitiert viel heran, bringt seine Zitate zum Singen, schließlich entwirft er – unter anderem mit Hölderlin – eine Poetik europäischer – einst hieß das abendländischer – Landschaft. Zumindest der südliche Teil mitteleuropäischer Aachen, Bäche und Flüsse mündet in der Donau, also im Schwarzen Meer. /

/ Erich Klein, ORF 8.8.

Oswald Egger, „Die ganze Zeit“, Suhrkamp

51. Norbert Scheuer erhält Literaturpreis der Sparkasse Düsseldorf

Der Literaturpreis der Stadtsparkasse Düsseldorf geht in diesem Jahr an den in der Eifel geborenen Schriftsteller Norbert Scheuer. Der 59-Jährige schreibt Erzählungen, Gedichte und Romane, in denen meist die Menschen seiner unmittelbaren Heimat im Zentrum stehen. …

Der Literaturpreis der Stadtsparkasse Düsseldorf ist mit 15.000 € dotiert. / kuvi.de

50. Bobrowski

Sein besonderer Blick auf geschichtlich geprägte Landschaften, die die Gegenwart in einem anderen Licht erschienen ließ, machte ihn zu einem zentralen Poeten in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Wie von den Gedichten Ingeborg Bachmanns und Paul Celans gingen von seiner „sinnlich vollkommenen Rede“ (Herder) neue Impulse aus. Während sich im Westen Deutschlands die Benn-Euphoriker und die „Nüssebewisperer“ das lyrische Feld teilten und im Osten Brecht-Schüler Hof hielten, entwickelte Bobrowski – von der Hölderlinschen Ode und von Klopstock her kommend – einen freirhythmischen Zeilenfall, der mit einer merkwürdig gefassten Trauer um versunkene Kulturen und menschliche Schuld einherging. / Dorothea von Törne, Die Welt

Nachbarschaft.
Von Johannes Bobrowski. Wagenbach, Berlin. 80 S., 8 Euro.

49. Anleitungen zum Leben

Gut zu wissen, dass es ihn gibt, diesen wundergläubigen Mario Wirz, den Schauspieler, Autobiographen, Erzähler und Poeten. In seinem fünften Gedichtband sind die Lebenszeichen des einst fast Totgesagten milder geworden und nachdenklicher. Aber noch immer wirken die Verse des Schwärmers wie Anleitungen zum Leben selbst. Seit seinem Briefwechsel mit Rosa von Praunheim hat er Schreiben als Widerstand gegen den Tod begriffen und als Überwindung von Angst. Indem ein tödlich getroffenes Ich sich der eigenen Vergänglichkeit stellt, reflektiert es die großen Sinnfragen unserer Existenz zwischen Anfang und Ende, Begrenztheit und Unendlichkeit, Glück und Leid, Erfüllung und Sehnsucht. / Dorothea von Törne, Die Welt

Vorübergehend unsterblich.
Von Mario Wirz. Aufbau, Berlin. 160 S., 17,95 Euro.

48. „Artige Wortmauserei“

Die neun Kapitel sind klar geometrisch geordnet. Da denkt Hefter nach über die Schule des Tanzes, schreibt ein fein gegliedertes „Buch des Körpers“, überrascht mit einem „Pflanzenporno“, mit „Vierschanzengedichten“ über das Skispringen und einem „Handbuch der Pomologie“. Von den seltenen Apfelsorten, die Michael Hamburger einst in seinem Garten in Suffolk züchtete, ist nicht die Rede. Statt Ökologie oder moralischen Geste des Bewahren-Wollens wartet Hefter mit spielerischen Sentenzen über Oberflächenstrukturen, Einkaufsbedingungen und dem Dialekt der Anbauregion auf. Nicht, dass die Verse kein Crossover zu anderen Künsten betrieben: Musik, Malerei, Architektur, Gedanken von Autoren wie John Keats und Simon Dach. Die kommen immer dann ins Bild, wenn sie Assoziationen zu Tanzfiguren wecken: der Schwan, der Pfau, die Hupfdohle. Letztere hätte mit dem Begriff der „artigen Wortmauserei“ der Ironie des von der Debütantin erwähnten Heinrich Heine alle Ehre gemacht. Martina Hefters Gedichte erweitern die Gegenwartslyrik um Bezüge zur Kunst des Tanzes. / Dorothea von Törne, Die Welt

Nach den Diskotheken. Von Martina Hefter. Kookbooks, Idstein und Berlin. 80 S., 19,90 Euro.

47. Liederlich

Der Basler Verleger Urs Engeler, der unter seinem Namen rund 15 Jahre lang ein so verdienstvolles wie hermetisches poetisches Programm konzipierte und darüber nicht nur Geld, sondern schließlich auch die Lust am Weitermachen verlor, dürfte einen Sinn für beide Positionen haben. Was er jetzt unter http://www.roughradio.com als Blog, Backlistverwaltung und Roughbooks-Verlag mit Digitaldrucken im Direktvertrieb fortführt, fühlt sich indes ausdrücklich vom Vorbild Léo Scheers ermuntert – auch wenn das Webdesign für einen, der sonst immer für das schöne Buch wirbt, einigermaßen liederlich wirkt. Solange man dort etwa Werner Hamachers 95 Thesen „Für ,Die Philologie’“ portionsweise lesen kann, lohnt sich ein Besuch jederzeit. / Tagesspiegel

roughradio:

Einigermaßen liederlich? Nur einigermaßen liederlich?

46. Der unbekanntere Härtling

– nämlich der Lyriker und Rezitator – wird am 29. August zum Abschluss der Internationalen Sommerserenaden im Odeon der SMTT in Sindelfingen präsentiert. / szbz

45. Das Erb’sche Prinzip

Mit gewitzter Courage fängt Elke Erb den Alltag in lautmalerischen Fließtexten ein. Rau und formal uneben sind die tagebuchartig komponierten Verse, gespickt mit Prosaspots und Reflexionen. Das Erb’sche Prinzip, eigene und fremde Lebensgrundmuster im Textfluss zu verdichten, kommt hier voll zum Zuge. Das vom Frühjahr 2003 bis Dezember 2009 dokumentierte „Meins“ steht der Auffassung vom Gedicht als rundes, in sich geschlossenes Sprachgebilde entgegen. Es empfängt nicht nur Impulse aus Musik, Malerei und Werken anderer Dichter, sondern korrespondiert auch mit dem Internet. „Das Gedicht grenzt nicht aus, verkleinert die Welt nicht“ heißt es im dritten Teil der Folge „Sätze zur Poetik“, die Elke Erb seit dem 13. Juli 2010 im Internet kundtut. / Dorothea von Törne, Die Welt

Elke Erb: Meins. … wie ja wieder vorhin, als nach der Undeutlichkeit / ein prall sichtbares kieselnarbiges Stück Landweg mir / vorkam, // also muß ich doch, Fazit, kann ich auch denken: / das außen Sichtbare, – nein: es zu sehen, trügt, // – oder ist halt, was es ist – so nicht Meins, / wie es mir guttut / schöntut, doch: gefällt, // sondern nur insgesamt Meins: das da – mit dem, was fehlt.

140 Seiten, Euro 11,- / sFr. 16.- roughbook

„Sätze zur Poetologie“ heißt die Folge und sie findet sich beim roughblog. (Den man täglich konsultieren sollte. „A poem a day“ brachte am 6.8. ein bisher unveröffentlichtes Gedicht von Monika Rinck.)