Es gibt ein bitter-ironisches Abschiedsgedicht von Joseph Brodsky: «Auf die Unabhängigkeit der Ukraine» (1994). Die Menschen (Russen wie Ukrainer) hätten, heisst es darin, das gemeinsame Leid geteilt, aber wenn es darum geht, «am Hühnchen aus dem Borschtsch zu knabbern», zögen die Ukrainer vor, es ohne Nachbarn zu machen. Und weiter: «Na gut, auch wir kommen ohne euch zurecht, doch was die Träne aus dem Auge angeht, / Gibt es keinen Befehl, auf ein anderes Mal zu warten». Dieses Gedicht wurde zum Zankapfel. Für die einen ist es eine Enttäuschung im einst verehrten Dichter, für die anderen eine Bestätigung eigener Vorurteile. Beides ist voreilig geurteilt. Brodsky, der seit 1972 in den USA im Exil lebte, war auf keinen Fall ein Verfechter russisch-imperialer Ambitionen. Er gehörte zur Generation der Sowjet-Intellektuellen, die mit den anderen Völkern des Ostblocks nach dem Motto «Für Eure und unsere Freiheit» den kommunistischen Verbrechen gemeinsam zu widerstehen glaubten. Gewiss konnte er nichts dagegen haben, dass die ehemaligen sowjetischen Republiken zu unabhängigen Staaten wurden. Aber er war enttäuscht, dass die Euphorie der Befreiung auch zur Entfesselung nationaler Egoismen führte. In seinem Gedicht hat er dieses Gefühl sehr direkt geäussert, und auch die unverarbeitete Vergangenheit aus dem Zweiten Weltkrieg angesprochen, der immer noch ein Schlüssel zur neuesten Geschichte Osteuropas darstellt. …
Die erste deutsche Schwalbe der Ukraine-Mode in Buchform war die Anthologie «Zweiter Anlauf» (2004), die acht ukrainisch-sprachige Autoren aus der Ukraine präsentiert, darunter so interessante wie Halina Petrosanjak oder Oksana Sabuschko. Aber auch eine Erzählung von Mykola Rjabtschuk findet sich, deren Ich-Erzähler ignoranten Juden einiges klar zu machen versucht: «Vergeblich versuchte ich zu erklären, dass Bandera keine Pogrome angezettelt hat, ( . . . ) ». …
Die jungen Lyriker beider Länder, die eine im postsowjetischen Raum erstaunliche Selbstorganisationskompetenz entwickelt haben, veranstalten Festivals und übersetzen einander in ihre Sprachen. In einer Befragung der ukrainischen und russischen Autoren anlässlich der 21. Moskauer Buchmesse, wo die Ukraine der Ehrengast war, wirkten jedoch die russischen Autoren mit der ukrainischen Gegenwartsliteratur vertrauter als umgekehrt. Sie wussten auch die Namen der russischsprachigen Autoren der Ukraine zu nennen, die in der offiziellen Ukraine oft als marginale, zweitklassige, unerwünschte Erscheinung gelten. / Olga Martynova, NZZ 16.8.
Ghazi Algosaibi, saudischer Staatsmann und liberaler Schriftsteller, starb am Sonntag mit 70 Jahren an Magenkrebs, teilten Verwandte mit.
„Ghazi war ein Symbol der Moderne in Saudi-Arabien“, sagte Khalid al-Dakhil, ein reformorientierter Politikwissenschaftler an der König-Saud-Universität. Algosaibis moderne Ansichten seien vom jetzigen König Abdullah geschätzt worden. „Er war der erste, der diese Position innehatte…, eine Brücke zwischen Autorität und modernen Ideen.“
Algosaibi war auch ein fruchtbarer Schriftsteller, der Romane, Gedichte und Kolumnen schrieb. Seine Schriften waren in Saudi-Arabien verboten, weil sie häufig Kritik an den herrschenden übten und eine satirische Beschreibung sozialer und politischer Zustände lieferten. / SARAH EL DEEB (AP)
Friedrich Schröder-Sonnenstern
Der moralische Wahrheitsmaler
Ein’n Wahrheitsmaler gibt es auch,
der hat jenen besonderen Brauch,
er malt die Wahrheit, wie sie ist,
so wie sie liebt, frißt, kackt und pißt.
In: Schröder-Sonnenstern: Seelenerkennungsdienst. Sentenzen, Gedichte, Graphiken. Berlin: BasisDruck 2006 (Pamphlete 13), S. 24
(Eingängig, praktisch, gut: wär doch auch was fürn Echtermeyer!)
Ein paar Bilder des Berliner Malers waren vor einigen Monaten in einer Hundertwasserausstellung in Stralsund zu sehen. Hundertwasser hatte 1972 dem Maler zum 80. Geburtstag seine Reverenz erwiesen.
In L&Poe:
2006 Apr #84. Randgruppenlyrik
Mit Deutschlands Wirtschaft geht es derzeit bergauf, steil sogar. Um 2,2 Prozent wuchs sie im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal, wie das Stalinistische Bundesamt bekannt gab.
2010 wird der Dresdner Lyrikpreis bereits das achte Mal vergeben. Die Auszeichnung, von der Oberbürgermeisterin der Stadt Dresden zur Förderung gegenwärtigen poetischen Schaffens ausgelobt, ist mit 5.000 Euro dotiert und richtet sich als kulturpolitischer Brückenschlag an Dichterinnen und Dichter aus der Tschechischen Republik und dem deutschsprachigen Raum. Bewerber aus der Tschechischen Republik, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein können vorgeschlagen werden oder Eigenbewerbungen einreichen. Zwei mit tschechischen und deutschsprachigen Literaturexperten besetzte Vorjurys wählten bis Februar 2010 insgesamt 10 aus dem Pool der Bewerbungen aus, die zum öffentlichen Wettlesen im Rahmen des Poesiefestivals BARDINALE eingeladen werden.
Die deutsche Vorjury hat folgende fünf Bewerber für den Endausscheid zum Dresdner Lyrikpreis 2010 nominiert („Klarnamen*“ noch nicht mitgeteilt):
robin hood
Mondlandetage
Dibbelabbes
Höpftbönnöff
dandelion
Von der tschechischen Vorjury wurden folgende fünf Bewerber für den Endausscheid zum Dresdner Lyrikpreis 2010 nominiert:
MARFALA
vlnolamy
florenc
Erich Uwetell K. Grünbein-Kästner
vlna
Die Lesungen zum Endausscheid finden am 4.9. statt.
Die Preisträger des Dresdner Lyrikpreises 1996 – 2008
(Welches Schwein sich hinter „Hölderlin“ verbirgt: der Stoßseufzer entfuhr der Dichterin Sarah Kirsch vor laufender Kamera, als sie ihre Stasiakte gelesen hatte. Ganz so diabolisch wird es hier nicht sein. Wer mag sich wohl hinter „Erich Uwetell K. Grünbein-Kästner“ verbergen? Wenn die Namen der Endrundenteilnehmer bekanntgegeben werden, können wir ja raten. Wer nannte sich wie? – Hölderlin war der selbstgewählte Deckname der Lyrikerin…; ach nein, ihren Namen spreche ich heute nicht aus. Kenner der jungen DDR-Lyrikszene der 70er Jahre werden sie am Decknamen unschwer erraten können.)
| Braun, Michael / Dittmer, Kathrin / Rector, Martin (Hg.)
Gegenstrophe Blätter zur Lyrik 2 2010, 112 Seiten, Hardcover |
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| »Gegenstrophe. Blätter für Lyrik« erscheint jährlich im Herbst als Forum für Lyrik und Lyrikrezeption. Dieser Band enthält Beiträge von Konstantin Ames, Bas Böttcher, Michael Braun, Timo Brunke, Daniel Falb, Gerhard Falkner, Martina Hefter, Cornelia Jentzsch, Ulrich Koch, Hermann Korte, Martin Rector, Ulrike Almut Sandig, Volker Sielaff, Hans Thill und Anja Utler sowie eine umfangreiche Bibliographie aktueller Gedichtbände. | ||
Beim Aufräumen gefunden:
Der spätromantische rumänische Nationaldichter Mihai Eminescu (1850 bis 1889) ist von den Juden ermordet worden. Diese Ansicht vertritt der Generalsekretär der großrumänischen Partei (PRM), Gheorghe Funar. Anlässlich des 121. Todestags von Eminescu hatte Funar eine Pressekonferenz in der siebenbürgischen Stadt Cluj/Klausenburg einberufen, um seine spektakuläre Verschwörungsthese zu verkünden.
Eminescu, erklärte der frühere Senator des rumänischen Parlaments und nationalistische Scharfmacher, sei gezielt von den Juden getötet worden. Man habe ihn unter dem Vorwand einer Geisteskrankheit in eine Heilanstalt eingeliefert, eine falsche Diagnose gestellt und ihn zum Syphilitiker erklärt. Dann habe der jüdische Arzt Francisc Isack den langsamen Tod des „absoluten Rumänen“ Eminescu durch Quecksilberinjektionen herbeigeführt. …
Eminescu gilt als eine Galionsfigur der rumänischen Nationalisten und wird in den programmatischen Schriften der in der Zeit zwischen den Weltkriegen aktiven faschistischen Eisernen Garde als deren „Apostel“ verehrt. Eminescu hatte behauptet, die Juden hätten die Rumänen mit ihrer „moralischen und physischen Dekadenz angesteckt“, deshalb müsse man diese „unproduktive Rasse“ „zur produktiven Muskelarbeit zwingen“.
Der Eminescu-Kult gipfelte Anfang dieses Jahres in der Forderung einer ultranationalistischen „Schriftstellerliga“ aus Klausenburg/Cluj, den Nationaldichter heiligzusprechen. / taz 17.6.
Klassischer geht’s nimmer. Noch immer (oder besser: wieder) ist „der Echtermeyer“ die deutsche Gedicht-Anthologie schlechthin. Seit 175 Jahren thesauriert sie nun schon das deutsche Schrifttum lyrischer Natur. Das begann schon in der Erstauflage „für die unteren und mittleren Classen gelehrter Schulen“ mit den Merseburger Zaubersprüchen und endete mit den neuesten Namen. Die waren 1836 Herwegh und Freiliggrath (dessen „Auswanderer“ mit ihrem unsterblichen Anfang „Ich kann den Blick nicht von Euch wenden; / Ich muss euch anschaun immerdar“ getreulich durch die Jahrzehnte mitgeführt wurde). Heute sind es die Damen Marion Poschmann oder Ann Cotten. Zumindest bis zur Nachkriegszeit hat diese Auswahl den immensen Vorteil, dass sie bringt, was noch lebt und in unser kollektives Gedächtnis eingelassen ist. Für die Zeit danach hätte man sich mehr Mut zur Schwerpunktsetzung gewünscht. All die routinierten Avantgarde-Adepten à la Haufs und Hilbig, Kling und Koziol hätte man getrost opfern können, um die wirklich wichtigen und unverwechselbar eingängigen Robert Gernhardt, Helga Novak oder Wolf Biermann vielfältiger zu präsentieren. / Tilman Krause, Die Welt*
Echtermeyer Deutsche Gedichte
Herausgegeben von Elisabeth Paefgen und Peter Geist. Cornelsen, Berlin. 942 S., 19,95 Euro.
*) Aber diskutieren lassen Sie das nicht: „WELT ONLINE hat den Kommentarbereich dieses Artikels geschlossen.“
Am 16. August 2010 wäre der US-amerikanische Schriftsteller Henry Charles Bukowski 90 Jahre geworden. Er starb am 9. März 1994 mit 74 Jahren. Ein Nachruf von Wolfgang Weitzdörfer bei suite102
Evelyn Schlags Lyrik vermittelt den Eindruck, als buchstabierte sie immer wieder das Wort Liebe, wobei sie dessen fünf Buchstaben wie Töne behandelt, um aus ihnen ein Lied zu komponieren. „Ihre Sprache ist Herzenssache“, schrieb Rüdiger Görner in der „Presse“. Seit zwei Jahrzehnten stoßen Evelyn Schlags konsequent durchkomponierte Gedichtbände auf internationale Resonanz. Sie zeugen von hoher Musikalität und formaler wie thematischer Vielfalt. Ein feines Gespür für die geheimen Reden der Sprache findet sich auch in jeder Zeile des neuen Buches, das neben dem sinnlichen auch einen anderen, zornigen, Ton anschlägt. Die Liebesgedichte erzählen vom „Ineinander der Kosungen“ eines vertrauten Paares und von der „erfundensten Stadt“ St. Petersburg, von Gewalt, Konsum und den „Umleitungen des Schicksals“. / Ö1
„Sprache von einem anderen Holz“. Gedichte von Evelyn Schlag (Zsolnay Verlag).
Zwischendurch las der ehemalige Fink-Sänger, optisch eine Mischung aus struppigem bildendem Künstler (der er tatsächlich ist) und lässigem Selbstdreher, Gedichte des amerikanischen Hippie-Autors Richard Brautigan vor, jenes großen amerikanischen Verknappers und Lakonikers, der sich 1984 das Leben nahm. Gedichte wie „Kritischer Büchsenöffner“, das so geht: „Mit diesem Gedicht stimmt etwas nicht / Können Sie es finden?“ / Eric Pfeil, FAZ
Der Schriftsteller Roger Munier, Übersetzer von Martin Heidegger und Octavio Paz und Rimbaudspezialist, starb am Dienstag im Alter von 87 Jahren. Außer mit René Char, der ein Vorwort zu einem seiner Bücher schrieb, unterhielt er auch freundschaftliche Beziehungen zu Paul Celan, der ihm eins seiner Bücher widmete*, und mit dem Dichter Yves Bonnefoy. / L’Alsace.fr
*) Celan hat nur eins seiner Bücher, „Von Schwelle zu Schwelle“ (1955), einer lebenden Person gewidmet: seiner Frau Gisèle. (Die Niemandsrose“ ist dem Andenken Ossip Mandelstams gewidmet). Gemeitn ist vermutlich, daß Celan ihm ein Exemplar des Bandes von 1955 mit einer Widmung überreichte – aus diesem Jahr datiert ihre Bekanntschaft.
WENN’S UMS STREIFLICHT geht, näherhin um dessen Verteidigung, greifen wir tiefer als sonst in die Harfe. Heute rufen wir den Dichter Johann Christian Günther in den Zeugenstand, der in seinem Gedicht „Als er von seinem Nebenbuhler abgestochen zu werden besorgte“ – was für ein Titel! – den Frauen dies zum Vorwurf macht: „Ich kenne schon den Unbestand der Weiber, / die nicht so wohl den Mensch als nur das Wams beschaun . . .“ Und was soll damit verteidigt werden? Nichts, denn der Dativ „dem Mensch“, den unsere Leserin K. im Streiflicht entdeckte und mit einem wilden „J’accuse!“ ruchbar machte, ist so falsch, dass ihm hier auf Erden nicht geholfen werden kann, auch nicht durch einen vergleichbaren Akkusativ aus der Poesie. / Hermann Unterstöger, SZ-Sprachlabor
Als
sie sich unter seinem Rock
zum weichen Hügel
vortastet weiß er noch
nicht wie sie sich
das vorstellen wollen es
bleibt auch
ihr nur ührig in einem
Kommentar hinter
her festzustellen ob es
sich um die
Szene einer Ehe gehandelt
hat oder
um einen Bruch derselben
oder ganz ohne
Seitenspiel ging es ihm
um ihren
Schwanz und ihr um
sein Loch
Paul Wühr: Venus im Pudel. München Wien: Hanser 2000, S. 695.
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