31. SIC-Literaturverlag

Die Initiatoren der Literaturzeitschrift SIC, Christoph Wenzel und Daniel Ketteler, haben sich auf ein Wagnis eingelassen und einen Independent-Verlag gegründet. Gestartet haben sie den SIC-Literaturverlag mit Werken des Lyrikers Achim Wagner und von Jürgen Ploog, Urgestein der unabhängigen deutschen Literaturszene. / Enno Stahl sprach mit Christoph Wenzel und Jürgen Ploog, DLF

30. Unsicherheit

Unsicherheit (Bobrowski)

(Lyrikwiki Labor

  • Die Unsicherheit in manchen Gedichten der Annette von Droste beweist die Legitimität ihres dichterischen Ansatzes. Es ist nicht gewiß, wohin es mit den Versen geht.
  • Das Gedicht entsteht in der radikalen Unsicherheit.

Aus: Bemerkungen. In: Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Vierter Band. Die Erzählungen. Vermischte Prosa und Selbstzeugnisse. Berlin: Union Verlag 1987, S. 206

29. Nimm den langen Weg nach Haus

Unter dem Titel „Nimm den langen Weg nach Haus“ legt der Verlag C.H.Beck nun eine Sammlung mit Petersdorffscher Lyrik vor, die aus bereits veröffentlichtem Material und neuen Texten besteht. Angesichts des eingangs erwähnten, wirft das natürlich die Frage auf, ob es sich dabei um die haltbarsten Texte früherer Produktionen handelt, oder wenigstens um Texte, denen der Autor und der Verlag Haltbarkeit ansinnen, zumindest wünschen. Zuweilen scheint mir ein solches Vorhaben eitel, vor allem wenn sich die Texte so etwas wie ein tiefes Gedankentum zu borgen scheinen, wenn sie, wie vor allem im ersten Teil durch die individuelle Bildungsgeschichte des Autors spazieren und mit ausgestelltem Wissen nicht geizen. „wo der Berg ragt/ und die Sprache dünn wird,// wie an Mister Shelley zu studieren ist./…“ (40)

… Diese Texte sind mir zu klug. Zu durchdacht. Der Autor scheint an jeder Stelle genau zu wissen, was er tut, und stellt sich so zuweilen vor die Gedichte.

Hin und wieder aber, in dem Sonetten-Zyklus „Die Vierzigjährigen“ vor allem, durchbrechen Petersdorffs Texte ihre selbst auferlegte akademische Distanz. Dann rücken sie mir auf die Pelle, und ich stelle mich ihnen gern. / Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry

Dirk von Petersdorff: Nimm den langen Weg nach Haus. Verlag C.H. Beck, München 2010.

28. Zwei Dresdner in concert

Es sind wohl auch Fragen von Haltung, hellwachem Geist und einer besonderen Art von Widerspenstigkeit, die Braun und Sommer in eine künstlerische Verwandtschaft rücken. Höchste Zeit also, dass sie sich mal aufeinander einlassen sollten!

Ausgerechnet zur Bardinale, dem nun zum 10. Mal ausgerichteten Treffen der Poesie im sehr selbstbewusst als Dresdner Literaturhaus apostrophierten Alfred-Kästner-Museum am Albertplatz, ist dies nun am ersten September-Sonntag geschehen. Vor vollem Haus im Roten Salon gab es Musik und Text, Jazz und Lyrik, Rhythmus und Wort. Weil Sommer ja nicht nur seine Maschinerie aus Becken, großer Trommel, Gongs und kleinen Trommeln zu bedienen hatte, sondern Brauns Texte auch mitlesen musste, machte er ein „Brillenkonzert“ daraus. Normalerweise konzertiert er ja ohne Sehhilfe. Doch auch hier nutzte er nicht nur das „klassische“ Instrumentarium, sondern ging zu einem sehr melodiösen Ausflug ans Hang und nutzte für einen 360-Grad-Rundumschlag alles, was sich irgend betrommeln oder mit dem Trommelbesen bestreichen ließ. Da musste selbst der Körper des Dichters für rhythmischen Klang herhalten. Volker Braun nahm es mit Vergnügen.

Das Spektrum seiner Texte war ähnlich breit wie der Einfallsreichtum dieses musikalischen Giganten, der das gemeinsame Publikum auch mal zu einem ausgedehnten Solo mitnahm. Braun erinnerte sowohl an seine frühesten Kindheitserinnerungen und musste dazu nur ein Wort wie „Trümmerflora“ bedienen. Er zitierte Texte, die im philosophischen Reibungsprozess am untergegangenen DDR-Staat entstanden – aber beim Wiederhören von beachtenswerter Gültigkeit geblieben sind. Natürlich sezierte der kluge Kopf auch die sogenannte Wende mit all ihren Folgen, schilderte eine Begegnung von Künstlern und Politik im Sächsischen Landtag, tummelte sich gedankenreich über den Dorotheenstädtischen Friedhof von Berlin, brachte die aktuelle Krise ins Spiel, angesichts derer zu fragen wäre, wo all der Mut und das Aufbegehren von 1989 denn hin sind?

Bei vielen, vielen Sentenzen horchten die Gäste zustimmend auf, schmunzelten bei trefflichen Feststellungen („Das Sein und bestimmt das Bewusstsein im Eimer“) und mochten sich mit Volker Braun gefragt haben, wieso angesichts zerfallender Banken im Volk denn nicht mehr Zorn aufkommen möge? „Am Ende des Tages bist du ein Produkt“, resümierte der Dichter bitter, doch ohne verbittert zu sein. / Michael Ernst, Musik in Dresden

27. Aufwartungen im Gehäus

Nach fast fünfzehn Jahren der planvollen Abwesenheit meldet sich Ulrich Zieger mit seinen „Aufwar­tungen im Gehäus“ zurück. Und seine Beschwö­rung einer bibli­schen Urszene, die in der lyrischen Adres­sierung „an den Vater von Sem“ anklingt, nimmt ein Motiv aus „Große beruhigte Körper“ wieder auf. Dort gibt es ein Gedicht, in dem ein im späten Mittel­alter ausgestorbener Vogel, die Dronte, ins Leere fliegt und dabei von einem Engel begleitet wird. Diesen Flug ins Leere scheinen auch die beiden „turtel­tauben“ des vorliegenden Gedichts zu absol­vieren. Dass diese beiden Turtel­tauben offenbar verletzt und blutig ihren Flug über den Köpfen vollziehen, darf man wohl als apokalyp­tisches Zeichen verstehen. / Michael Braun, Poetenladen

Ulrich Zieger, geboren 1961 in Döbeln, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Montpellier und Berlin. Sein Gedicht ist dem Band Aufwartungen im Gehäus entnommen, der in der Edition Rugerup (Berlin/Hörby, Schweden 2011) erschienen ist.

26. Gernhardt-Preis für Gsella und Göritz

Komisch ist die Lyrik von Thomas Gsella (53), auch wenn die Pointen des ehemaligen Chefredakteurs des Satiremagazins „Titanic“ manchmal dafür sorgen, dass das anfangs laute Lachen schnell leiser wird, wenn der Leser sich dabei ertappt, dass er sich über politisch Unkorrektes freut. …

[Er und Matthias Göritz] erhielten gestern im Hessischen Literaturforum den mit insgesamt 24 000 Euro dotierten Gernhardt-Preis, den das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst gemeinsam mit der Helaba und der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen-Thüringen vergibt.

Die beiden so unterschiedlichen Autoren erhielten gestern im Hessischen Literaturforum den mit insgesamt 24 000 Euro dotierten Gernhardt-Preis, den das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst gemeinsam mit der Helaba und der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen-Thüringen vergibt. Da der Preis hessischen Schriftstellern die Realisierung eines „größeren literarischen Vorhabens“ ermöglichen soll, sind die gekürten Werke noch im Entstehen begriffen. …

Der Lyriker und Satiriker Thomas Gsella wurde für sein Lyrikprojekt „Tiere & Reime“ prämiert, dass sich auf Zeichnungen der Karikaturisten Greser & Lenz bezieht. „Beide Kunstformen bereichern sich gegenseitig, sie kommentieren einander, sie kommunizieren miteinander“, urteilte die Jury. / Thomas Scholz, Frankfurter Neue Presse 6.9.

25. Landsberger Poesieautomat

Im Marbacher Literaturmuseum der Moderne (LiMo) entsteht große Lyrik auf Knopfdruck. In der hohen Eingangshalle wird der Gast von einer großen Anzeigetafel empfangen, die der eines Flughafens nicht unähnlich ist. Doch statt profane Abflugzeiten anzuzeigen, spuckt die schwarze Tafel Gedichte im Akkord aus. Es ist der „Landsberger Poesieautomat“, entwickelt vom Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Ein beherzter Druck auf den schwarzen Buzzer, danach 40 Sekunden Bedenkzeit für die Maschine – und mit einem Rattern bilden die Buchstabentafeln immer wieder neue Sechszeiler. „Einstweilen noch zähflüssige Schlussrunden. Grundsätzlich sparen!“, heißt eine Zeile. / Christoph Neethen, Leonberger Kreiszeitung

24. Michael Lentz über Scherstjanoi

Die Vergangenheit hat Begriffe und Namen: russischer Futurismus, Saum’-Sprache; David Burljuk, Welimir Chlebnikow, Alexej Krutschonych, Wladimir Majakowski und – für die jüngste Vergangenheit – Carlfriedrich Claus, den Scherstjanoi 1982 kennenlernte. Ohne die Freundschaft mit Scherstjanoi wäre Claus’ künstlerische Rezeption des russischen (Kubo-)Futurismus auf der (fremd-)sprachlichen Ebene sicher nicht so komplex verlaufen. Auch an Übersetzungsprojekten haben die beiden Künstler zusammengearbeitet. So hat Scherstjanoi im Auftrag von Rudolf Mayer für den Verlag der Kunst (Dresden) Rohübersetzungen der Deklaration der saumnischen Sprache von Alexej Krutschonych angefertigt, die Carlfriedrich Claus seiner Nachdichtung zugrunde legte. Die erstmalig ins Deutsche übersetzte Deklaration wurde 1982 im Katalog figura 3 auf der IBA Leipzig veröffentlicht. (…)

Valeri Scherstjanoi ist der letzte Futurist. Er ist vom Stamme der Lautpoeten mittlerweile einer der Dienstältesten und sicherlich einer der ganz Großen. Er ist kein Stimmartist im Sinne eines stimmlichen Exorzismus, wie ihn Carlfriedrich Claus, Bob Cobbing, François Dufrêne oder Gil Joseph Wolman betrieben haben oder Jaap Blonk betreibt. Seine »extended vocal techniques« schlagen keine Wurzeln in der Neuen Musik. Valeri Scherstjanoi würde nie behaupten, singen zu können wie Diamanda Galas, Meredith Monk oder David Moss. Die Singstimme wäre mit dem Granulat, der Rauheit der lautpoetischen Stimme geradezu unvereinbar. Was Scherstjanois Mund- und Atemwerk fabriziert, besitzt geistigen Tiefgang. Das in die Schrift Eingefaltete, das Überkommene und von ihm erfindungsreich Angereicherte faltet Scherstjanois Stimme wieder aus. In seinem Atem ist die Schrift gegenwärtig – eine Schrift, deren Strich quer durch die Jahrhunderte geht. Auch die »Schrift von keinerlei Sprache«, wie es bei Henri Michaux heißt.

Mehr

Michael Lentz, Nachwort zu: Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus. Matthes & Seitz 2011 

Lyrikwiki Labor über den figura-Katalog (ein entlegener und doch bedeutender Fundort für Grafik- wie Lyrikfreunde!)

23. Das Sa-umnische als sozialer Dialekt der russischen Futuristen

Von Kai Pohl, junge Welt 6.9.

Der soziale Dialekt Sa-um war die Ausrufung einer neuen Sprachpraxis. Nicht die Bedeutung der Worte, allein ihr Lautbild, der Klang zählte: »Ausdruck von Begeisterung!«, »Rebellion, Gewitter, Wirbel, Kampf, Skandal, Brand …« – »Die Gedichte sollen nicht den Frauen ähneln, sondern einer fressenden Säge.« Krutschonychs Gedichte tragen Titel wie »Kriegsruf«, »Die feuchte Scham« oder »Das Gedröhn des Kaukasus«. Die Phonetik des Sa-umnischen ist keine Laut nachahmende; sie baut auf eigenständige und unerwartete Lautverbindungen.

Krutschonych, der nach seiner Aussage »vergessen hatte, sich aufzuhängen«, zog sich 1930, nach dem Freitod von Wladimir Majakowski, aus allen literarischen Tätigkeiten zurück. Seiner Poesie blieb er allerdings treu. Mit der von ihm deklarierten sa-umnischen Sprache war er der Mitbegründer einer »Phono-Logik«, die den Unsinn als den »einzigen Hebel der Schönheit«, den »Feuerhaken des Schöpfertums« ansah. Denn: »Nur der Unsinn gibt der Zukunft den Inhalt.«

* Alexej Krutschonych: Phonetik des Theaters. Herausgegeben von Valeri Scherstjanoi. Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2011 120 Seiten, 10 Euro. ISBN 978-3-9813470-5-0

22. American Life in Poetry: Column 336

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

This week’s column is by Ladan Osman, who is originally from Somalia but who now lives in Chicago. I like “Tonight” for the way it looks with clear eyes at one of the rough edges of American life, then greets us with a hopeful wave.

Tonight

Tonight is a drunk man,
his dirty shirt.

There is no couple chatting by the recycling bins,
offering to help me unload my plastics.

There is not even the black and white cat
that balances elegantly on the lip of the dumpster.

There is only the smell of sour breath. Sweat on the collar of my shirt.
A water bottle rolling under a car.
Me in my too-small pajama pants stacking juice jugs on neighbors’ juice jugs.

I look to see if there is someone drinking on their balcony.

I tell myself I will wave.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Ladan Osman, and reprinted by permission of the poet. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

21. American Life in Poetry: Column 335

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’ve always been fascinated by miniatures of all kinds, the little glass animals I played with as a boy, electric trains, dollhouses, and I think it’s because I can feel that I’m in complete control. Everything is right in its place, and I’m the one who put it there. Here’s a poem by Kay Mullen, who lives in Washington, about the art of bonsai.

Bonsai at the Potter’s Stall

Under fluorescent light,
aligned on a bench

and table top, oranges
the size of marbles dangle

from trees with glossy
leaves. White trumpets

bloom in tiny clay pots.
Under a firethorn’s twisted

limbs, a three inch monk
holds a cup from which

he appears to drink
the interior life. The potter

prizes his bonsai children
who will never grow up,

never leave home.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2006 by Kay Mullen, and reprinted from her most recent book of poetry, “A Long Remembering: Return to Vietnam,” FootHills Publishing, 2006, by permission of Kay Mullen and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

20. American Life in Poetry: Column 334

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Those of us who have gone back home to attend a reunion of classmates may have felt the strangeness of being a vaguely familiar person among others who, too, seem vaguely familiar. Dana Gioia, who served the country for four years as the Chair of the National Endowment for the Arts, is an accomplished poet and a noted advocate for poetry.

Reunion

This is my past where no one knows me.
These are my friends whom I can’t name—
Here in a field where no one chose me,
The faces older, the voices the same.

Why does this stranger rise to greet me?
What is the joke that makes him smile,
As he calls the children together to meet me,
Bringing them forward in single file?

I nod pretending to recognize them,
Not knowing exactly what I should say.
Why does my presence seem to surprise them?
Who is the woman who turns away?

Is this my home or an illusion?
The bread on the table smells achingly real.
Must I at last solve my confusion,
Or is confusion all I can feel?

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Dana Gioia, whose most recent book of poetry is Interrogations at Noon, Graywolf Press, 2001. Poem reprinted from Poetry, September, 2010, by permission of Dana Gioia and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

19. Vergleiche

Als U.S. poet laureate 2001 – 2003 schrieb Billy Collins das Gedicht „The Names„, eine der ersten bekannt gewordenen lyrischen Reaktionen auf die Terrorangriffe von 9/11. In einem Telefoninterview mit der Salt Lake Tribune sagt er auf die Frage, ob er rot wird, wenn er mit Robert Frost verglichen wird:

Nein, ich korrigiere nur schnell den Vergleich. Verglichen mit Frost ähnelt meine Lyrik einem seit 6 Monaten nicht gemachten Bett. Frost war genial im Beachten der formalen Regeln – Reim und Metrum – in Gedichten, die gleichzeitig so natürlich wie ein Lied daherkommen. Das kann ich nicht. Ich klinge natürlich, aber ich befolge weit weniger einschränkende Regeln. Vergleichen kann man uns nur darin, daß wir beide in unserer Zeit viele Bücher verkauft haben.

 

18. Über Lyris

„Über Lyris willst du schreiben? Tja, da bist du zu spät gekommen“: Der Jerusalemer Kreis versammelt die ­letzten deutschsprachigen Autoren aus der Generation Paul ­Celans (…)

Der 1922 geborene Autor und Bildhauer Manfred Winkler kommt wie Shmueli ebenfalls aus der Bukowina, aus Putila, und wie Shmueli veröffentlicht er Lyrik beim Aachener Rimbaud-Verlag. Mit seiner Frau Herma wohnt er in den Bergen bei Jerusalem. Von dort aus schafft er es ebenfalls nicht mehr zu den Treffen. In den Kriegsjahren verlor er sowohl im Zuge der Deportationen der Deutschen als auch der „Umsiedelungen“ der Kommunisten seine gesamte Familie. 1959 erst machte Winkler Aliyah, wanderte nach Palästina aus, denn so lange dauerte es, bis ihm erlaubt war, aus Rumänien auszureisen, wo er zehn Jahre lang lebte, arbeitete und schrieb. Mit einem Mantel und einem Hut, beschreibt Herma Winkler ihren Mann, wie in Europa, so ist er hier angekommen. Und dann so in den Kibbuz Beit Alfa gefahren. Ein Bild für die Götter sei das gewesen.

Jeckes wurden die korrekt gekleideten deutschen Einwanderer damals genannt – manche vermuten, es käme von dem Wort Jacke. Im Kibbuz blieb Winkler nur ein Jahr. Die Erfahrungen, die er im Ostblock mit dem Kommunismus machte hätten ihm gereicht. In Jerusalem besuchte er den Sprachkurs Ulpan, der den Einwanderern in kürzester Zeit ein alltagstaugliches Hebräisch beibrachte, und nach wenigen Monaten schrieb er sein erstes hebräisches Gedicht. Und gewann sofort Preise. Manches macht, dass ich auf Deutsch schreibe, manches, dass ich auf Hebräisch schreibe, sagt er. Alles ist irgendwie in Verbindung. Und jetzt werde ich dir vorlesen, was ich erlebt habe, als ich hier ankam. Nix, nämlich. Alles und nix.

Was er vorliest, ist ein Auszug aus einem Brief an seinen Freund, den siebenbürgischen Autor Hans Bergel. Die Korrespondenz der beiden wird demnächst im Berliner Verlag Frank & Timme erscheinen: „1962 erschien der erste selbstständige Lyrikband (auf Hebräisch). Er war innerhalb von 6 Wochen vergriffen. Im Alter von 40 Jahren wurde ich zu einer Art Wunderkind der hebräischen Literatur. Trotz der fast unsäglichen Schwierigkeiten waren es die glücklichsten Jahre meines Lebens, nicht allein das Gefühl der Freiheit beherrschte mich, sondern auch die Gewissheit, endlich in einem Land Boden unter den Füßen zu haben. Ich war ununterbrochen inspiriert. Die äußeren und inneren Schwierigkeiten wirkten befruchtend auf mich. Die Dynamik, die das Land beseelte und vorantrieb, machte mich besessen.“ / Luise Boege, Freitag

17. Franjo Frančič

Die Anfänge des Dichters Frančič liegen in den späten siebziger Jahren, in einer autoritären Phase des Tito-Sozialismus; für die Kunst ist die bleierne Zeit eine Ära der Experimente, und beides, die Freiheit und den repressiven Geist der Gesellschaft, wird man in Frančičs Werk spüren. Der junge Autor tut sich schwer mit jener Gesellschaft, die der Knabe Franjo nur als Feindin erlebt hat. Die frühen Bücher haben sprechende Titel, «Egotrip», «Heimat, bleiche Mutter», «Nein», «Fuck». Frančič revoltiert gegen Cliquenwirtschaft im Literaturbetrieb, und der Betrieb reagiert beleidigt, mit Ablehnung, Boykott. Seit ein paar Jahren nun kommen sie gut miteinander aus, der Betrieb und der Paria von einst; der Autor wird verlegt und geehrt, bis in die Schulbücher hat er es geschafft.

Frančičs Werk ist ein unüberschaubarer Korpus – Prosa, Lyrik, Stücke, Hörspiele, Drehbücher, Kinderbücher. Es ist ein Strom, der Erlittenes und Erträumtes mit sich reisst, ein ewig mäandernder, sich stetig selbst imitierender Fluss von verborgener Schönheit. / Uwe Stolzmann, NZZ