61. Neue Lyrik-Lesereihe in Hamburg

„Lyrik im Café“ heißt eine neue Lesereihe in Hamburg, die am 21. September um 19.00 Uhr startet. Im Kulturcafé „Chavis“ (Detlef-Bremer-Str. 41) stellen die Initiatoren Charlotte Ueckert und Peter Engel das Programm vor und lesen eigene Texte. An jedem dritten Mittwoch im Monat sind Lesungen geplant, wobei neben den wichtigsten Hamburger Lyrikern auch auswärtige Gäste vorgestellt werden sollen. Vereinbart sind bereits Termine mit Carsten Klook, Herbert Hindringer, Judith Sombray und Ralf Thenior.

60. Shenandoah

After sixty years of publishing print editions filled with memorable writing, Washington and Lee’s Shenandoah is now online. See it here.

59. Offener Brief

Offener Antwortbrief an Stefan Weidle und die Kurt-Wolff-Stiftung

Urs Engeler | 12. September 2011

Lieber Stefan

Heute hat mich Deine E-Mail erreicht, die ich hier, weil sie mir eine Sache von öffentlichem Interesse zu betreffen scheint, wiederholen und beantworten will:

„Lieber Urs, wir hatten uns bei der Kalkulation des neuen Katalogs der Stiftung vertan und mußten einen Verlag rausnehmen. Leider hat es Dich getroffen. Der Grund ist, daß wir doch einige feste Bedingungen setzen: Die Bücher müssen eine ISBN haben und der Verlag eine Auslieferung. Und die Bücher müssen der Preisbindung unterliegen. Alle Kriterien erfüllen Deine Bücher nun nicht. Außerdem scheint Roughbooks ein Schweizer Verlag zu sein (auf Deiner Website fehlt das Impressum!). Deshalb mußten wir, als es darum ging, einen Verlag zu streichen, aus formalen Gründen den Deinen wählen. – Sehen wir uns denn in Frankfurt? Herzlich, Dein Stefan“

Nicht, dass ich wirklich enttäuscht bin, nicht im „Katalog der Stiftung“ zu stehen. Ich fand die formalen Vorgaben, denen man sich zu beugen hat, immer schon sehr beengend und das Resultat entsprechend uninspiriert. Sehr zweifelhaft scheint mir überdies Reichweite und Wirksamkeit der Broschüre. Ich bin also nicht gegen den Ausschluss. Ich finde sogar, er trifft in mir, der dem Bemühenden solcher Veranstaltungen immer fern und ferner steht, den richtigen.

Peinlich überrascht bin ich aber von Deinen Gründen: keine ISBN, keine Auslieferung, keine Buchpreisbindung, und dann auch noch Schweizer!

Eine E-Mail von Dir als Vorsitzendem des Vorstandes der Kurt-Wolff-Stiftung in der Sache „es geht um das Buch“ des Inhalts: Wir beginnen an der Wirksamkeit unserer Publikation  zu zweifeln, und wir würden uns deshalb mit Dir als einem Verleger, der nach neuen Wegen und Ideen sucht, gerne über andere Möglichkeiten unterhalten – eine solche mail hätte ich produktiver gefunden.

Es könnte der Stolz der Kurt-Wolff-Stiftung sein, dass sie Verleger auszeichnet und fördert, die in schwieriger Lage (in denen sich wohl fast alle Bücher und ihre Macher und Verkäufer befinden) Neues, auch Ungewohntes und Unübliches, versuchen. Es müsste Teil der Arbeit der Kurt-Wolff-Stiftung sein, die Erfahrungen mit diesen neuen Wegen und Ideen auszuwerten und Interessierten zu vermitteln. Es geht schliesslich um das Buch.

Aber offenbar geht es eher um den Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Das ist sehr bedenklich.

Wenn Du mal in die buchpreisbindungsfreie Schweiz fahren willst, dann bist Du mir in Solothurn herzlich willkommen. Ich weiss, Du magst guten Wein, und ich koche gern. Dann können wir fern vom Reich des Börsenvereins über Bücher sprechen – und über das, worum es geht.

Mit herzlichem Gruß
Urs

58. Meine Anthologie: Assejew, unser Kläuschen

1973 erschien ein Gedichtband von Nikolaj Assejew in der „Weißen Lyrikreihe“ des Verlages Volk und Welt. Ich kaufte ihn, wie die ganze Reihe, las aber wenig darin. Assejew schien mir der Inbegriff des (langweiligen) Sowjetdichters. Ich kannte Achmatowa (schon 1967 in der Reihe), Jessenin, Mandelstam und Majakowski, die waren interessant. Assejews Ruf spiegelt sich in einem Gedicht von Adolf Endler, das alle „langweiligen“ Dichter aufzählt – um den Namen Achmatowa zu vermeiden:

Besuch aus Moskau 1955

Fadejew! – Paustowski! – Korneitschuk!
Issakowski! – Bashan! – Schtipatschtow!
Ketlinskaja! – Kassyl! – Katajew!

»Ach, lebt die Achmatowa noch?«

(…)

Perwomaiski! – Fedin! – Lukonin!
Ja, sie lebt!, nun hören Sie doch!
Assejew! – Ashajew! – Fadejew!

»Sie lebt, die Achmatowa, noch?«

(Mehr hier)

Stschipatschow (Schtschipatschow), den kannte ich auch aus einem Gedicht von Jewtuschenko: „Fehlte nur noch, daß ich Stschipatschows Gedichte wiederkau!“ Nein, die interessierten mich nicht. Ich hatte Solshenizyn für mich entdeckt und, vor allem, die guten Lyriker. (Majakowski war auch im Schulkanon, aber für mich privat trotzdem ein Guter.)

Bei Majakowski fand ich dann den Hinweis auf Assejew. Der war zuerst von den Symbolisten beeinflußt, hatte sich dann für Chlebnikow und den Futurismus begeistert und gehörte in den 20er Jahren zur LEF, Linken Front, einer („abweichlerischen“) linksradikalen, noch vom Futurismus geleiteten Gruppierung, die damals nicht geliebt wurde, aber noch geduldet. Noch nicht ins Gulag gebracht (oder vorerst nur wenige – Gumiljow und Stschusj waren damals schon erschossen).

Dann fand ich den Namen Assejew bei Majakowski wieder. Am 6.6. 1924 wurde in der Sowjetunion der 125. Geburtstag Alexander Puschkins gefeiert. Der Klassiker war ein Haßthema mancher Avantgardisten, wie Goethe manchem in Deutschland („Und Goethe glänzt aufrecht und widerlich“, Johannes R. Becher). Majakowski hat kein Problem, den Klassiker von Kollege zu Kollege anzusprechen.

    Александр Сергеевич,
                  разрешите представиться.
                                   Маяковский.

        Дайте руку!
             Вот грудная клетка.
                        Слушайте,
                            уже не стук, а стон;

Ungefähr: Alexander Sergejewitsch, gestatten Sie mir mich vorzustellen: Majakowski. Geben wir uns die Hand! Hier mein Brustkorb. Hören Sie: das ist kein Klopfen, das ist schon Stöhnen. (Юбилейное, „Jubiläumsverse“). Er plaudert ein Stündchen mit dem Kollegen. Erzählt ihm, wie er verleumdet wurde – Puschkin kannte sich da auch aus.

    Vielleicht
             bin ich
                    der einzige
                           der aufrichtig bedauert,
    daß Sie nicht leben –
                    heute,
                          unter uns.
    Wir hätten uns
              im Leben
                      gut verstanden.   
    Bald
        sterbe nun
                auch ich,
                       verstumme jäh –

(Deutsch von Hugo Huppert, Majakowski: Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1966, 3. Aufl. 1975, S. 102)

Bald sterbe nun auch ich? Majakowski wird gerade 31. Aber die Meute hetzt. Nach dem Tode, erklärt er dem Älteren, stehn wir nah beieinander, „Ich unter M, Sie unter P. Ach, zwischen uns steht Nadson. Kann man sich dagegen wehren? Antrag: man reih ihn hinten wo ins Alphabet.“ (ebd. 103). Nekrassow, ja, der kann stehenbleiben, „unser Kumpan“. Und die Zeitgenossen? Ein Gähnen! Jessenin? Bastschuhkunst fürs Dörflein.  Besymenski? Nicht übel, wie Mohrrübenkaffee.

Und jetzt kommt Assejew:

    Da ist
           zwar noch
                     Assejew,
                         unser Kläuschen.
    Der kann was.
             Hat die Spannweite
                               von mir.
    Doch ach, man muß verdienen,
                            denn man hat im Häuschen
    Familie,
        wenn auch klein,
                        man sorgt doch für.

(ebd. S. 104).

Das Gedicht entsteht im Juni 1924, wird gedruckt im gleichen Jahr in der Zeitschrift Lef, in der auch Assejew publiziert. Weihnachten 1925 nimmt sich Jessenin das Leben. Majakowski schreibt ein Gedicht gegen den Selbstmord – er will verhindern, daß das Beispiel Schule macht. Dichtung war eine Sache auf Leben und Tod. (Ist uns fremd – aber gestorben wird auch heute). Majakowski hat keine 5 Jahre mehr, dann setzt auch er „auf die Stirn einen Schlußpunkt aus Blei“.

Jedenfalls las ich dann auch Assejew. Hier ein Gedicht, das mir gerade wieder vor Augen fällt, aus dem gleichen Jahr 1924:

А. А. АХМАТОВОЙ

Не враг я тебе, не враг!
Мне даже подумать страх,
Что, к ветру речей строга,
Ты видишь во мне врага.
За этот высокий рост,
За этот суровый рот,
За то, что душа пряма
Твоя, как и ты сама,
За то, что верна рука,
Что речь глуха и легка,
Что там, где и надо б жёлчь, –
Стихов твоих сот тяжёл.
За страшную жизнь твою,
За жизнь в ледяном краю,
Где смешаны блеск и мрак,
Не враг я тебе, не враг.

18 апреля 1924

Meine Rohübersetzung:

Für A.A. Achmatowa

Nicht Feind bin ich dir, nicht Feind!
Ich wage nicht mal zu denken,
du,  im Wind der strengen Rede,
sähst in mir deinen Feind.
Auf deinen hohen Wuchs,
auf deinen herben Mund,
auf deine aufrechte Seele,
aufrecht wie du,
darauf, daß ruhig die Hand,
daß deine Rede dicht und schlicht,
daß du Galle speist, wo es not, –
darauf deiner Gedichte Zahl.
Auf dein schreckliches Leben,
auf das Leben im Eisland,
wo sich Glanz mit Dunkel mischt,
nicht Feind bin ich dir, nicht Feind.

Assejews Gedicht auf die Achmatowa (deren Ex-Mann Alexej Gumiljow 1921 zum Vorsitzenden der Petrograder Dichtervereinigung gewählt wurde und ein paar Wochen später als Konterrevolutionär erschossen) ist ein aufschlußreiches Zeugnis, aber auch ein aufregendes Gedicht. Natürlich nur im Original. Jeder Vers hat exakt sieben Silben und drei Hebungen (wenn man will, hier wäre es vielleicht sinnvoll, von Füßen zu sprechen, hat jeder Vers zwei Jamben und einen Anapäst, fast immer nach dem Muster J-A-J). Das regelmäßige Muster bewirkt, daß die Zeilen wie Peitschenhiebe Schlag auf Schlag knallen. Der Paarreim ist – für russische Verhältnisse selbstverständlich – assonantisch frei gehandhabt (er mag das von Majakowski gelernt haben, der schreibt darüber in seinem Buch „Wie macht man Verse“, das zwar später erschien, nach Jessenins Selbstmord, aber sie werden darüber gesprochen haben; aber vielleicht war dies ohnehin, in Rußland vor 90 Jahren, Gemeingut. Während unsere deutschen Hirnis bis heute in der Schule, oder im Studium, lernen, „unreine“ Reime herauszupicken. Ach, ach und ach, und kein aber denne.)

Assejews Gedicht ist von Jürgen Rennert übersetzt (beteiligt waren weiter Jens Gerlach, Wilhelm Tkaczyk, Kito Lorenc, Martin Remané und Oskar Törne). Seine Fassung ist nicht schlecht, aber ein völlig anderes Gedicht. Nicht „schlicht und dicht“, wie Achmatowa und Assejew, sondern, wahrscheinlich notgedrungen, aufblähend. Schon von der Silbenzahl her: statt der 7 hat Rennerts Fassung regelmäßig 10, 12, 13. So beginnt er:

Bitter der Gedanke, du habest gemeint,
ich wollte dir übel, ich wäre dir feind,
dir, der Gestrengen, der Winde nicht wagen,
leichtfertige Reden zu hintertragen.

Zum Nachlesen:

  • Nikolai Assejew: Stählerne Nachtigall. Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1973.
  • Wladimir Majakowski: Wie macht man Verse? edition suhrkamp 1964
  • Wladimir Majakowski: Gedichte. Berlin (Ausgewählte Werke, Bd. 1 von 5): Volk und Welt 1966

57. Westfälische Lyrik

Drei Dortmunder Autoren stellten die neue Nottbeck-Reihe „Roter Faden“ vor.

In ihr soll künftig in mehreren Lieferungen pro Jahr alte und neue Lyrik aus Westfalen veröffentlichen wird. Nach Grußworten von Museumsleiter Prof. Dr. Walter Gödden erläuterte der Schriftsteller Ralf Thenior („Mister Nottbeck“) Absicht und Programm der neuen Reihe, die demnächst noch in einer inszenierten größeren Veranstaltung präsentiert werden soll. Aus den ersten vier vorliegenden Heften der Edition trugen Ellen Widmaier, Thomas Kade und Ralf Thenior jeweils drei bis vier ihrer Gedichte vor… / Die Glocke

56. Mondgedichte

„Die Sterne beugen sich nieder,
und der Mond fließt den Fluss hoch“,

ist Teil eines Gedichtes von Du Fu (712-770 n. Chr.).

„Der Mond, voll ausgewachsen über dem Meer,
Den ganzen Himmel richtigstellend“,

von Zhang Jiuling, ein Premierminister während der Tang-Dynastie.

In der Tang-Dynastie schrieb der berühmte chinesische Dichter Li Bai (701-762 n. Chr.) ein Gedicht mit dem Titel „Allein mit dem Mond zu trinken“. Das Gedicht scheint über die Verblendung und Einsamkeit der Menschheit zu reden, die sich nach einer Verbindung mit dem Himmel sehnt.

„Aus einem Krug Wein inmitten der Blumen, trank ich alleine.
Es war niemand bei mir – bis, meine Tasse hochhebend,
ich den leuchtenden Mond fragte,
mir meinen Schatten zu bringen damit wir zu dritt sind.“

/ Zhi Zhen, The Epoch Times 12.9.

Hier mehr Li Bai (Li Tao-Po) und Mond

Gemälde von Xiao Yun nach einem Gedicht des berühmten Dichters Li Bai aus der Tang Dynastie. „Allein mit dem Mond trinken“. Foto: The Epoch Times

 

55. Axel Marquardt gestorben

Mit seiner Anthologie „100 Jahre Lyrik! Deutsche Gedichte aus zehn Jahrzehnten“, die 1992 im Haffmans-Verlag erschienen war, sorgte Axel Marquardt seinerzeit unter Lyrikkennern für einiges Aufsehen und gelegentliches Kopfschütteln. Stein des Anstoßes war vor allem sein Verdikt, daß Autoren, deren Namen in diesem Sammelband nicht auftauchen, „schlechte“ Autoren seien. In der umfangreichen Sammlung, die – zeitlich rückwärts strukturiert – Gedichte von Oskar Pastior bis zu Frank Wedekind enthält, zeigt Herausgeber Marquardt unter anderem Ingeborg Bachmann, Karl Krolow, Christian Morgenstern, Stefan George und Rainer Maria Rilke die kalte  Schulter. Alles „schlechte“ Autoren?

Danach wurde es zunehmend still um Axel Marquardt, der im Fahrwasser Robert Gernhardts selbst Gedichte der humorvollen Art veröffentlicht hat („Standbein Spielbein“) und Mitbegründer des Münsteraner Lyriktreffens war. Wie einem kurzen Nachruf bei Zweitausendeins.de zu entnehmen ist, starb der 1943 in Insterburg (Ostpreußen) geborene Schriftsteller und Herausgeber bereits am 31. August 2011. Ansonsten scheint er weitgehend vergessen zu sein. Nach anderen Nachrufen sucht man jedenfalls vergeblich.

Axel Kutsch

54. Dichter dran. Das große Berliner Lyrikfest

Sa 17.9.2011 ab 14.00 Uhr, Kulturbrauerei

Eintritt frei

Die Literaturwerkstatt Berlin feiert ihren 20. Geburtstag, feiern Sie mit! Bis in die Nacht verwandelt sich die Kulturbrauerei in einen lyrischen Abenteuerpark. Sie sind herzlich eingeladen, zu entdecken und zu experimentieren und mit uns auf eine Reise durch alle Spielarten der Poesie zu gehen.

Eingang über:
Knaackstr. 97
10435 Berlin 
Verkehrsverbindung:
U2 Eberswalder Straße
Tram 12/M1/M10 Eberswalder Straße

Aus dem Programm:

Große Bühne

14:00 Eröffnung und Auftakt
Die Dichter und Dichterinnen des großen Berlin-Gedichts werden vorgestellt und machen ausschnittsweise Lust darauf. Es spielt PEER und Erich Kästners »Berlin in zahlen« wird aktualisiert.
16:30 Quizshow mit Knut Elstermann
Hier können alle mit ihrem Wissen über Lyrik, Dichter und Denker punkten. Teams aus dem Publikum treten gegeneinander an. Natürlich gibt’s auch einen Publikumsjoker. Es winken tolle Preise!
18:20 Frank Klötgen: Kottbusser Tor
Frank Klötgen rast in fünf Minuten durch 35 Klassiker der deutschen Dichtkunst. Schulbuch-Lyrik revisited.
18:30 Poetry Slam
Bühnen-Lyrik zwischen Rap, Freestyle und Goldschnitt-Poesie mit Gauner, Ken Yamamoto und Frank Klötgen.
19:00 Das Große Berlin-Gedicht
Finale.
19:15 Beschwerdesingen
Die Beschwerden der Berliner, vertextet von der 1. Lyrischen Inter­nationale Neuköllns (Björn Kuhligk, Tom Schulz, Birgit Kreipe, Florian Voß), und uraufgeführt vom Chor des Jungen Ensembles Berlin und Bürgern der Stadt. Am Tag vor der Berlin-Wahl wird den Politikern ins Ohr gesungen, was verbessert werden muss. Musik: Andrés Atala-Quezada, Leitung: Frank Markowitsch.

Kleine Bühne: Das Große Berlin-Gedicht

Moderation: Peter Winkels

In den zwölf Bezirken der Stadt schrieben 75 Berliner Bürger unter Begleitung je eines erfahrenen Dichters ein Gedicht über ihren Bezirk. Die Autoren laden Sie ein zu zwölf lyrischen Spaziergängen durch die Stadt.

15:00 Pankow Mentor: Norbert Hummelt
15:20 Reinickendorf Mentor: Ron Winkler
15:40 Spandau Mentor: Michael Speier
16:00 Mitte Mentorin: Orsolya Kalász
16:20 Lichtenberg Mentor: Andreas Altmann
16:40 Marzahn-Hellersdorf Mentor: Valeri Scherstjanoi
17:00 Friedrichshain-Kreuzberg Mentor: Björn Kuhligk
17:20 Charlottenburg-Wilmersdorf Mentorin: Kerstin Hensel
17:40 Steglitz-Zehlendorf Mentor: Michael Lentz
18:00 Tempelhof-Schöneberg Mentor: Ulf Stolterfoht
18:20 Neukölln Mentor: Tom Schulz
18:40 Treptow-Köpenick Mentorin: Brigitte Oleschinski

Das Buch »Das Große Berlin-Gedicht« (be.bra verlag) erhalten Sie auf dem Lyrikmarkt.

Lyrikcamp

ab 15:00 Valeri Scherstjanoi: Herstellen einer Stimmcollage
Kunstaktion mit Hilfe des Publikums.
ab 15:00 Frank Köllges: Guerilla-Poesie
Extraterrestrische Überraschungsangriffe im Laufe des Nachmittags.
15:00 Monika Rinck: Kritische Masse
Poetische Experimente auf Kosten Ihrer Garderobe. Teilnahme auf eigene Gefahr.
15:00 Brigitte Oleschinski: Zerstörungsprüfung
Wir verformen ein Gedicht, bis es Ihnen ganz persönlich passt.
15:00 Haiku-Wettbewerb mit Claudia Maaß
Es muss nicht immer 5–7–5 sein! Folgen Sie den japanischen Kurzgedichten auf ihrer Reise über die Kontinente und durch die Jahrhunderte. Die besten Gedichte werden prämiert.
15:00 Poesie für Kinder mit Sybille Hein
15:30 Ulrike Draesner: Gedicht auf Zuruf

Spontandichtung, Vernichtung aller vorhandenen Gedichte, Entdeckung neuer Wortarten.
15:30 Poesie für Kinder mit Sybille Hein
15:40 Poesiesprechstunde: Kerstin Hensel
Was Sie schon immer einen Dichter fragen wollten. Eigene und vor Ort gefundene Texte können mitgebracht werden.
15:40 Metaphernmaschine mit Claudia Maaß
Metapherwürfel schaffen amüsante, bezaubernde oder rätselhafte Bilder, die zum Weiterträumen und Ausfantasieren einladen.
16:00 Poesiesprechstunde: Ulrike Draesner
Was Sie schon immer einen Dichter fragen wollten. Eigene und vor Ort gefundene Texte können mitgebracht werden.
16:00 Lesung: Tom Schulz, Björn Kuhligk
Berlin-Gedichte aus 200 Jahren.
16:20 Lesung: Ulf Stolterfoht
16:20 Poesiesprechstunde: Tom Schulz
Was Sie schon immer einen Dichter fragen wollten. Eigene und vor Ort gefundene Texte können mitgebracht werden.
16:20 Haiku-Wettbewerb mit Claudia Maaß
Es muss nicht immer 5–7–5 sein! Folgen Sie den japanischen Kurzgedichten auf ihrer Reise über die Kontinente und durch die Jahrhunderte. Die besten Gedichte werden prämiert.
16:30 Monika Rinck: Kritische Masse
Poetische Experimente auf Kosten Ihrer Garderobe. Teilnahme auf eigene Gefahr.
17:00 Ulrike Draesner: Gedicht auf Zuruf
Spontandichtung, Vernichtung aller vorhandenen Gedichte, Entdeckung neuer Wortarten.
17:00 Poesiesprechstunde: Ulf Stolterfoht
Was Sie schon immer einen Dichter fragen wollten. Eigene und vor Ort gefundene Texte können mitgebracht werden.
17:00 Lesung: Orsolya Kalász
»Schöne Heimat, ich habe dich geliebt« (István Kemény).
Auswahl ungarischer Gedichte der Gegenwart.
17:30 Poesiesprechstunde: Ulrike Draesner
Was Sie schon immer einen Dichter fragen wollten. Eigene und vor Ort gefundene Texte können mitgebracht werden.
17:30 Poesie für Kinder mit Rainer Stolz
17:40 Lesung: Andreas Altmann
Andreas Altmann erforscht seine Schreibgründe.
17:40 Lesung: Norbert Hummelt
Berlingedichte.

Maschinenhaus

15:00–17:00 Jugendprogramm
Hereinspaziert! – Lyrik zum Anfassen, Gestalten und Aufessen – ein Mitmachprogramm für alle (ab 12 J.) mit Claudia Maaß.

lechts und rinks kann man nicht velwechsern
Spiele rund um und mit Lyrik: Gedichtepuzzle, Reimscrabble, Reißverschlussgedichte, Reim dich oder ich fress dich.
Das kann sich sehen lassen!
Bildcollagen zu Gedichten entwerfen und visuelle Poesie gestalten und plakatieren.
17:00 Auf die Bretter! Fertig! Los!
Performanceworkshop zu einem Gedicht von Kurt Schwitters mit abschließender Inszenierung (ab 14 J., in Teams).

ab 20:00 Uhr Lounge

1. Berliner Lyrikmarkt

Stöbern Sie in lyrischen Neuerscheinungen und poetischen Raritäten in den Ständen von be.bra verlag, BELLA triste, Berliner Handpresse, Edit, Edition Rugerup, Hochroth Verlag, Kollwitz Buchhandlung, KOOKbooks, luxbooks, Matthias Wagner Antiquariat, Merve Verlag, Poesiealbum / MärkischerVerlag, poetenladen, Suhrkamp Verlag, Verlag das Wunderhorn, Verlag Hans Schiler, Verlagshaus J. Frank / Berlin, Wallstein Verlag

53. internationales literaturfestival berlin

Aus dem Programm des internationalen literaturfestivals berlin (Forts.)

Poetry Night IV

12.09.2011 20:30 Uhr

Literaturen der Welt
Fokus Asien-Pazifik

Haus der Berliner Festspiele
Seitenbühne

Autoren Constantin Abăluţă, Tomasz Rózycki, C.K. Stead
Moderation Silke Behl
Sprecher Friedhelm Ptok

Preis 6 Euro / ermäßigt 5 / Schüler 4

In den Gedichten von Constantin Abǎlutǎ (Rumänien), der sich selbst als »Dichter des Banalen« bezeichnet hat, scheint unter der banal-absurden Oberfläche immer auch eine harte, entbehrungsreiche Realität durch, die er kritisch beleuchtet. Seine Gedichte bedienen eine Bandbreite von der Art japanischer Haikus bis zu langen Gedichten epischen Ausmaßes.

Der Lyriker und Übersetzer Tomasz Różycki (Polen) wurde vor allem bekannt durch sein an den großen polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz angelehntes Poem »Zwölf Stationen«, ein Stück Heimat- und Reiseliteratur, in dem man Geschichte und Gegenwart ehemaliger polnischer Randgebiete entdeckt – und auch so manchem Fabelwesen begegnet.

Die Gedichte von C. K. Stead (Neuseeland) der auch als Romanautor, Literaturwissenschaftler und Herausgeber bekannt geworden ist, demonstrieren sprachliche Leichtigkeit, gepaart mit kreativer Disziplin, und thematisieren den persönlichen Erfahrungshorizont des Lyrikers.

Treffen junger Autoren

14.09.2011 21:00 Uhr

Collegium Hungaricum Berlin

Autoren Yevgeniy Breyger, Charlotte Busch, Olga Galicka, Marie Michael, Rick Reuther, Max Wallenhorst
Moderation Rabea Edel

Preis 6 Euro / ermäßigt 5 / Schüler 4

Texte des literarischen Nachwuchses präsentiert das tja, mit dem die Berliner Festspiele seit über 25 Jahren auf der Suche nach jungen literarischen Talenten sind. Das tja steht für Begegnung der Teilnehmer: in Lesungen, in Gesprächen, in Workshops, in denen die jungen Talente an ihren Texten arbeiten. Sie werden in offener, kreativer Atmosphäre professionell betreut und in ihrem Tun bestärkt. Manchmal beginnt hier der Weg in den professionellen Literaturbetrieb.

Czesław Miłosz: Die Welt des polnischen Lyrikers

16.09.2011 22:30 Uhr

Erinnerung, Sprich

Haus der Berliner Festspiele
Seitenbühne

Sprecher Stephan Stroux, Peter Franke, Barbara Nüsse
Musiker Julia Marcell

Preis 6 Euro / ermäßigt 5 / Schüler 4

Die Texte des polnischen Literatur Nobelpreisträgers Czesław Miłosz stehen »immer auf der Seite des Lebens, auch wenn er sich durch Schmerz und Gewalt durchringen muss, immer wieder findet er zu einer großen Kraft im Kämpferischen und zur Leichtigkeit des Seins«.

Die berührende und reiche Lyrik steht vor dem Hintergrund der politischen und sozialen Zusammenhänge, die sein Leben zwischen 1911 und 2004 in Polen und im Exil in Frankreich und den USA geprägt haben. Gleichzeitig mit der Veranstaltung wird ein Audiobook präsentiert, das in zehn Sprachen und Ländern als eine der kulturellen Initiativen zur EU-Präsidentschaft von Polen erscheint.

Aga Zaryan: Konzert mit Kompositionen zu Gedichten von Czesław Miłosz

17.09.2011 20:00 Uhr

Haus der Berliner Festspiele
Große Bühne

Musiker Aga Zaryan

Preis 12 Euro / ermäßigt 10 / Schüler 8

Die international renommierte und vielfach ausgezeichnete Jazzsängerin interpretiert in ihrem Konzert Gedichte des polnischen Literaturnobelpreisträgers Czesław Miłosz, den Joseph Brodsky als den größten Dichter unserer Zeit bezeichnet hat, sowie Gedichte von Anna Świrszczyńska, Denise Levertov und Jane Hirshfield. Ihr Musikprojekt »Księga Olśnień« zeigt vor allem die menschlichen Seiten des Lyrikers, dessen Werke für die Sängerin prägend waren.

52. Sächsische Kulturstiftung begründet Buchreihe: „Neue Lyrik“

Bisher gibt es in Sachsen keine Buchreihe, die qualitätsvolle Gegenwartslyrik präsentiert. Deshalb beginnt die Kulturstiftung im Herbst 2011 gemeinsam mit den Schriftstellern Jayne-Anne Igel und Jan Kuhlbrodt als Mitherausgeber und dem Leipziger Verleger Andreas Heidtmann eine vorerst auf sechs Bände angelegte Reihe von Gedichten. Pro Jahr sollen zwei Gedichtbände von herausragender Qualität, kommentiert und mit einem Nachwort versehen, im Leipziger poetenladen Verlag erscheinen. Dabei soll jeweils ein bekannter Autor und ein Debütant im Wechsel publiziert werden. Das Projekt ist vorerst auf drei Jahre (sechs Bände) angelegt. Im Herbst 2011 beginnt die Reihe mit einem Gedichtband von Anne Dorn, es folgt im gleichen Jahr das Debüt von Michael Fiedler.

Die Autoren

Band 1: Anne Dorn, „Wetterleuchten“: Anne Dorn wurde 1925 in Wachau bei Dresden geboren und lebt heute als Schriftstellerin in Köln. Sie wird der so genannten „Kölner Schule des neuen Realismus“ zugerechnet. Anne Dorn verfasste mehrere Romane, Hörspiele und arbeitet für das Fernsehen. Ihre Gedichte erschienen regelmäßig im „Jahrbuch der Lyrik“. Beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 ging auch ein großer Teil ihrer Originalmanuskripte verloren, die sich dort – neben den Nachlässen von Heinrich Böll und Dieter Wellershoff – als Vorlass befanden. So ist es ein Glück, dass ihr Gedicht-Manuskript erhalten blieb. Es ist das dichterische Debüt der viel beachteten Autorin.

Band 2:, Michael Fiedler, „Geometrie und Fertigteile“: Michael Fiedler wurde 1981 in Leipzig geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet. Neben Cut-ups schreibt er Teaser-Texte für Theaterstücke, Flyer und Webseiten. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und veröffentlichte in Anthologien und Zeitschriften. Im April 2011 erschien eine Auswahl seiner Gedichte in der renommierten Lyrik-Zeitschrift „zwischen den zeilen“ (Heft 31), herausgegeben von Urs Engeler. Der Gedichtband „Geometrie und Fertigteile“ ist Michael Fiedlers Debüt als Autor.

Mehr

51. Kunsts Lebensroman

„Der nie enden wollende Abschied vom Sonett“ könnte man den Lebens- und Schreibroman des Thomas Kunst nennen. Nach dem reinen Sonettenband Estemago legt er  nun den mit Sonetten zumindest durchsetzten Band „Legende vom Abholen vor“. Hier nimmt er die angekündigte Abkehr von dieser Form eindrucksvoll zurück. Schon das erste, nennen wir es „kämpferische“, Kapitel „Schulstoff für gleich“ bedient sich ihr durchgängig, und gipfelt in einer Sonetthaften Aufzählung von Namen, denen sich der Autor verbunden fühlt. Das muss man vermuten, da die Namensliste nicht kommentiert wird. Der eine oder andere erwähnte Name wird einem zumindest als Anklang bei der Lektüre des Buches wieder begegnen. Ganz sicher Bove, Vian, Blanchot und Cortazar.
Konst kommt vom Sonett nicht los, und so muss er es wohl auf die Spitze treiben, und, soviel scheint derzeit wohl sicher, er wird es tun.

Im folgenden bewegen sich die Gedichte mit einer gradezu traumwandlerischen Sicherheit durch Literarische Weltlandschaften, durch einen Raum von Marseille bis Nordamerika, machen Urlaub bauen Häuser indem sie sie entkernen.  „Die Straßen Amerikas kannten sich doch/ Fast alle noch von früher…“ (s. 51) heißt es. Und jeder Gedichtanfang stellt diese Literarizität her, macht klar, in welcher Welt wir uns befinden.  In einer Welt der dauernden Endlichkeit auch von Liebesbeziehung. Denn der Band endet immer wieder wie die Kapitel eines guten Romans, bei sich selbst. Bei einer gewissen Einsamkeit des Helden, einer Verlassenheit des Ich, einer Geworfenheit… Und daraus speist sich auch seine Melancholie, jeder Beginn ist mit Ende gleichsam aufgeladen. Volle Packung. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

Die Legende vom Abholen, Thomas Kunst, Edition Rugerup 2011

50. außerbetrieb

Das junge Literaturhaus Lettrétage wird fünf Jahre alt und gibt zu diesem Anlass den Schlüssel einen Monat an das Team der Berliner Lesereihe Kreuzwort ab…

Kreuzwort wird ein Jahr alt – wie lange kann man den Debütantenstatus noch für sich beanspruchen? Das etablierte Kreuzberger Literaturhaus Lettrétage besteht schon bald fünf Jahre – ist der jugendliche Eifer der Routine gewichen?

Zeit für ein Experiment: Die Lettrétage ergibt sich von Mitte September bis Mitte Oktober lang der Willkür der Kreuzwort-Mitglieder. Jenseits der gemütlichen Kneipenlesungen wird der Zufall regieren, Grenzen werden angetastet, ausgetestet und -gelotet, es wird Kurs auf das Außergewöhnliche gesetzt, jenseits aller Betriebsblindheit wird zum aktiven Dialog aufgefordert.

Die Versuchsanordnung: Der übliche Lettrétage-Alltag wird außer Betrieb gesetzt. Das Kreuzwort-Team übernimmt für einen Monat das Programm in der Methfesselstraße in Kreuzberg. Umgekehrt werden die Kreuzwort-Lesungen von denjenigen bestritten, für die das Hobby von Damals bereits zum Beruf geworden ist.

Was ist möglich abseits von Wasserglaslesungen, Podiumsdiskussionen und Buchpremieren? Die Lettrétage hat es vorgemacht: Es wurde gecovert, geskypt und immer wieder über den europäischen Tellerrand geschaut. Etwas Neues zu bewegen ist nicht einfach. Doch wir wollen ihn zumindest erproben, den Ausnahmezustand – und rufen den außerbetrieb aus.

Aus dem Programm:

Mittwoch, 14. 9.11, 19.30 Uhr
außerbetrieb: Willkürliche Würfel – außerbetrieb beginnt mit dem Ende von Lesenden und Publikum. Der Text überlebt und wird dem Zufall preisgegeben. Wo der Zufall zu regieren scheint, ist die Willkür nicht weit – sie wird, ebenso wie der Text, angetragen von jedem, der kommt.
Die Konvention ist außer Betrieb, die Würfel entscheiden den Abend. Jeder bringt Texte mit, jeder liest.

Mittwoch, 21. 9.11, 19.30 Uhr
Netzbetriebe Lyrik: Leipzig, Hildesheim, Berlin – Sie gelten gemeinhin als die drei Zentren für junge und jüngste Literatur. Das etablierte Deutsche Literaturinstitut Leipzig, die Universität Hildesheim mit ihrem breiten Angebot an literaturorientierten Fächern und Berlin mit seiner lebendigen Szene von JungschriftstellerInnen. Getroffen wird sich meistens nur auf Festivals, Preisverleihungen oder ähnlichen Großevents – und dort nur in der Rolle des Besuchers. außerbetrieb bringt junge Dichtende in einem öffentlichen Workshop zusammen. In zwei Sitzungen werden Lyrik und Prosa gelesen und diskutiert.
Mit Manuel Stallbaumer, Michael Spyra, Friederike Scheffler, Alexander Kappe, Yevgeniy Breyger und Kathrin Bach.

Mittwoch, 28. 9.11, 19.30 Uhr
Lost in Postpoetry: Poetic Performance – Der Autor und sein Text – eine Beziehung ohne Entkommen? Wie steht der Autor zum Text und inwieweit entfernt sich dieser von seinem Urheber, verfolgt andere Richtungen oder wird verloren?
Jinn Pogy hat die Autoren Norbert Lange und Mara Genschel sowie die Soundkünstlerin Elen Flügge eingeladen, sich gemeinsam in den Orbit der poetischen Relationen, Navigationen und Verluste von Text, Laut und Poesie zu begeben.

Freitag, 30. 9.11, 19.30 Uhr
Literatur-Wissenschaft: Anknüpfung – Die Berührungspunkte sind eigentlich offensichtlich und trotzdem widmen sich wenige Akademikerinnen und Akademiker der Gegenwartslyrik, noch seltener jene, die nicht sowieso mit dem Literaturbetrieb in Berührung stehen. Es ist nicht nur an der Zeit, nach den Gründen zu suchen, es ist vor allem dringend notwendig, dies zu ändern. Vier Autorinnen und Autoren stehen vier Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftleern gegenüber, der Text bleibt Mittelpunkt. Es wird Zeit, wieder anzuknüpfen.
Mit: Prof. Dr. Remigius Bunia (Freie Universität Berlin), Dr. Michael Gratz (Universität Greifswald), Dr. Tim Lörke (Freie Universität Berlin), Johannes Schüller (Master-Student Freie Universität Berlin), Daniela Seel, Norbert Lange, Steffen Popp und Tom Schulz.

Samstag, 1.10.11, 19.30 Uhr
Splitterpole: Traditionslinien – In der Vielfalt der Stimmen, die die deutsche Gegenwartslyrik ausmachen, meinen wir immer wieder Traditionslinien ausmachen zu können, sprechen von Einflüssen und sogar Epigonentum. Sechs Autoren stellen sich dem Versuch, die Linien offen zu legen, miteinander ins Spiel zu bringen und werden dabei Überraschendes aufdecken. Auf einen Abend mit Diskussion folgt die performative Probe aufs Exempel: Wie werden sich die sechs Autorinnen und Autoren mit ihren Texten positionieren?

Mit Ulf Stolterfoht, Max Czollek und anderen.

Mittwoch, 5.10.11, 19.30 Uhr
Netzbetriebe Prosa: Leipzig, Hildesheim, Berlin – Sie gelten gemeinhin als die drei Zentren für junge und jüngste Literatur. Das etablierte Deutsche Literaturinstitut Leipzig, die Universität Hildesheim mit ihrem breiten Angebot an literaturorientierten Fächern und Berlin mit seiner lebendigen Szene von JungschriftstellerInnen. Getroffen wird sich meistens nur auf Festivals, Preisverleihungen oder ähnlichen Großevents – und dort nur in der Rolle des Besuchers. außerbetrieb bringt junge Dichtende in einem öffentlichen Workshop zusammen. In zwei Sitzungen werden Lyrik und Prosa gelesen und diskutiert.
Mit Hakan Tezkan, Isabel Bredenbröker und Juan Gosze.

Mittwoch, 12.10.11, 19.30 Uhr
transsub: Lyrische Cover mit Untertitel – Kein Text ist frei von Referenzen. An diesem Abend werden Einflüsse offen gelegt und Stammbäume ausgebreitet – es wird gecovert. Lyriker suchen nach Anregungen bei Kollegen und Klassikern gleichermaßen. Der Blick über den medialen Tellerrand darf hierbei auch nicht fehlen: Dieser Abend liefert eine Übersetzungsarbeit zwischen Texten und anderen Medien, bei denen die Untertitel jederzeit mitlaufen.
Performative Lesung der Texte von Luise Boege, Katharina Schultens, Tom Bresemann, Richard Duraj, Philip Maroldt, Lissy Pernthaler, Tobias Roth, Stephan Reich, Stefan Schmitzer, Jan Skudlarek und anderen. Mit Live-Illustrationen von Johannes Boegle und anderen.

Sonntag, 16.10.11, 19.30 Uhr
Offen beendet: Ein vorläufiger Abschluss – Unsere einmonatige Lettrétage-Besetzung und somit vier Wochen Programm außerbetrieb wollen wir in sonntäglich-träger Runde ausklingen lassen. Die Beteiligten werden nochmals zusammen kommen und den Monat Revue passieren lassen, Gäste haben die Möglichkeit des Austauschs mit den Autoren und Künstlern. Auch werden die Nachfolge-Projekte von außerbetrieb präsentiert und gemeinsam Erinnerungen festgehalten. Essen und Showeinlagen inklusive.

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49. Irrealis und zurück

Mal begegnen wir ihm als Ritter im ’sprachturnier‘, mal als ‚hirten mit flöte‘ oder gar als dichtendem Huhn, dessen ‚gefiedertes herz‘ flimmert. Fast immer ist dieser ernüchterte Dichter unterwegs, ohne dass man ihn doch als Reisepoeten bezeichnen könnte, der nur touristische Impressionen sammeln würde. Vielmehr huscht Ališankaüber die Kontinente wie jener Geist, den er einmal besingt. Claudia Sinnig zeigt in ihren Übersetzungen großes Gespür für die ’separatistische stimmung‘ in Ališankas Kopf. Mit schnellen Zeilensprüngen legt er seine freien Rhythmen über die Seiten. Manchmal benutzt er die Verse ein wenig zu deutlich, um das Tagesgeschehen zu kommentieren. Meist aber hüpft er leichthin ‚aus dem präsens in den irrealis‘ und zurück. / NICO BLEUTGE, Süddeutsche Zeitung

EUGENIJUS ALIŠANKA: exemplum. Gedichte. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 112 Seiten, 14,90 Euro.

48. Sprachlüstling

Allen, die die Lyrik schon abgeschrieben haben, sei als Therapie eine Reise nach Hall dringend empfohlen. Da spielt der hierzulande wegen seines legendären Auftritts beim Bachmann-Preis noch dunkel in Erinnerung gebliebene Urs Allemann mit der Sprache, dass sogar Gerhard Rühm erblassen könnte. Es schüttelt und reimt nur so, dass man ganz schwindlig wird. Keineswegs zu Unrecht wurde der Schweizer Dichter deshalb als Sprachlüstling, Spielgott und Poesieperformer vorgestellt. „wer ohne maul im rohr der sprache steckt“, wie es bei Allemann heißt, der kann auch eine erfinden. Und das tat er denn auch am Abend, als er Gedichte in „Tölk“ las; der Sprache einer Insel in der Nordsee, die laut Allemann manchmal untergeht und immer wieder auftaucht.

Tradition hat bei den „Sprachsalz-Tagen“ die Lyrik der Beat Generation nach Allen Ginsberg. Diesmal war Gerald Stern zu Gast, dessen Eltern von Russland nach Amerika ausgewandert waren. / Harald Klauhs, Die Presse

47. Meine Anthologie 74: Anthologia Graeca (Poseidippos/ Asklepiades/ Nossis)

(Beitrag von 2001. Mehr von der Griechischen Anthologie hier)

I PRELUDE

POSIDIPPUS

Jar of Athens, drip the dewy juice of wine, drip, let the feast to which all bring their share be wetted as with dew; be silenced the swan, sage Zeno, and the Muse of Cleanthes, and let bitter-sweet Love be our concern.

V, 134

Poseidippos

Spende uns reichlich vom Tau des Bakchos, kekropische Flasche,
Tropfen seien geweiht unserem neuen Beschluß!
Nichts mehr von Zenon, dem weisen Schwan, und dem Dichter Kleanthes!
Leiten soll mich als Herr Eros, so bitter wie süß.

(Bd. 1, S. 108)

II LAUS VENERIS

ASCLEPIADES

Sweet is snow in summer for the thirsty to drink, and sweet for sailors after winter to see the garland of spring; but most sweet when one cloak shelters two lovers, and the tale of love is told by both.

V, 169

Asclepiades

Freudig genießt der Dürstende sommers den Eistrank, mit Freuden
grüßt der Seefahrer den Boten des Frühlings, den Kranz.
Größere Freude bereitet verliebten Pärchen ein Deckbett
und ein gemeinsames Lob für Aphrodites Geschenk.

(Bd. 1, S. 117)

III LOVE’S SWEETNESS

NOSSIS

Nothing is sweeter than love, and all delicious things are second to it; yes, even honey I spit out of my mouth. Thus saith Nossis; but he whom the Cyprian loves not, knows not what roses her flowers are.

V, 170

Nossis

„Lieben bedeutet das höchste Glück. Ihm folgen die andern
Glücksgüter. Honig sogar spiee für jene ich aus.“
So spricht Nossis. Die Frau, der Kypris die Liebe versagte,
kennt nicht die Schönheit, mit der blühend die Rose sich schmückt.

(Bd. 1, S. 117)

So übersetzt Friedrich Rückert:

Süßer denn alles ist Liebe, und über Lieb‘ ist auf Erden
Nichts; auch Honig und Meth reizet den Gaumen mir nicht.

So spricht Nossis, doch wen nicht Cypria liebte, der kennet
Ihre Rosen auch nicht, weiß nicht, wie lieblich sie blühn.

Plus doux que l’Amour, il n’est rien ! Les autres bonheurs ne viennent
Qu’en second : de ma bouche, j’ai même recraché le miel.
Voilà ce que dit Nossis. Celle que Cypris n’a pas embrassée,
Celle-là ne sait pas reconnaître les roses parmi les fleurs.

Griechisch hier

ANTHOLOGY

SELECT EPIGRAMS FROM THE GREEK ANTHOLOGY

by J. W. Mackail
First Published 1890 by Longmans, Green, and Co.
Etext prepared by John Bickers, jbickers@ihug.co.nz and Dagny, dagnyj@hotmail.com

hier

Deutsche Fassungen von Dietrich Ebener,
aus: Die griechische Anthologie in drei Bänden. Erster Band, Buch I ? VI. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1981

Die Anthologia Graeca

enthält mehr als 6000 Epigramme von über 300 Autoren vom 7. Jahrhundert vor bis zum 10. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Sie ist offenbar noch nicht im Netz zu finden – anders als Mackails Auswahl auf englisch bei Gutenberg (Adresse oben).Poseidippos (von Pella): 3. Jh. v.u.Z.

Asklepiades (von Samos): um 300 v.u.Z., ein Freund des Dichters Theokrit. Für seine Bedeutung spricht die Tatsache, daß eine der klassichen Odenformen nach ihm benannt ist: die asklepiadeische. Von ihm erhalten sind nur die (mehr als 40) Epigramme in der Anthologie. Welcher Barbar hat seine Oden verbrannt, weggeworfen, mißbraucht?

Nossis (von Lokroi): die Dichterin lebte um 300 v.u.Z.

Poesie und Genauigkeit.

Mackails Prosaübertragung von 1890 ist offensichtlich unendlich poetischer als die metrische Übertragung Ebeners. So sehr, daß ich meine, selbst mit einer Übersetzung der englischen Fassung ins Deutsche wäre der deutschen Poesie und ihren Freunden ein Dienst erwiesen.

Ich gehe noch weiter. Kann man Hölderlins (epigrammatische) Kurzode über Weisheit und Eros verstehen, wenn man die griechische Poesie aus deutschen Fassungen wie den obenstehenden kennt? Man lese die englischen Übertragungen – und dann Hölderlin:

Sokrates und Alcibiades

»Warum huldigest du, heiliger Sokrates,
»Diesem Jünglinge stets? kennest du Größers nicht?
»Warum siehet mit Liebe,
»Wie auf Götter, dein Aug‘ auf ihn?

Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste,
Hohe Jugend versteht, wer in die Welt geblikt
Und es neigen die Weisen
Oft am Ende zu Schönem sich.

(Stuttgarter Ausgabe, Band 1, Seite 260 – Frankfurter Ausgabe Bd. 4, Oden 1)

Buch XII der Griechischen Anthologie übrigens heißt: Die Knabenmuse. Hölderlin knew.).

Übrigens war es der deutsche Dichter Hölderlin, der – auf Klopstocks Spuren – entdeckte, daß die exakte Nachbildung der griechischen Grammatik im Deutschen poetischer sein kann als die nach den Schulregeln des guten Stils (siehe seine Pindarübertragungen). Mackail sagt wie der Grieche (und die Griechin !): bitter-sweet love, Ebener: Herr Eros, so bitter wie süß.

Nachtrag 2011:

In der Übertragung von G. Economou:

Shower us, Attic jug, let Bacchus wet us down.
Yes, shower us and refresh our drinking party.
Quiet, Zeno, learned swan, and Kleanthes´ Muse,
the only singing here´s of sweet-then-bitter love.

Sweet in summer
to a thirsty man
is a drink of snow.
Sweet to sailors
after wintry weather
to feel spring´s Zephyr.
But sweeter´s still
the praise of Kypris
by two lovers
under a shared cloak.

Nothing is sweeter than love, all of life´s blessings
come in second. I have even spat out honey.
I, Nossis, say this, but one Kypris has not kissed
will not ever know what roses her flowers are.

(Aus dem Kommentar von Dirk Uwe Hansen)