Zugleich kündet Wagners Metapher vom augenzwinkernden Trotz des Dichters: Er koppelt gern die Schwerkraft, von denen die Ambosse erzählen, mit jenen Sehnsüchten nach Leichtigkeit, die den »kopf beinahe in den wolken« schweben lassen.
Quedlinburger Glocken klingen ihm wie Samt, »um nicht das porzellan der luft zu zerschlagen«. Aber doch Zähmungszeit allenthalben: Schlugen den Poeten früher im Frühling die Bäume aus, so sind es heute Rasenmäher hinter den Kleinstadthecken, die den Mai verkünden, und »im garten jener brunnen voller durst«. Er bedichtet Tiere, Irland und Japan, den Hiddenseer Dezember, den Schlamm des Ersten Weltkrieges, und die Qualle ist dem Poeten eine »lupe, die den atlantik vergrößert«.
Diese Lyrik ist das schöne Selbstanschauungstheater eines Dichters, dessen Skepsis nicht überzeugen, sondern überraschen will. Gedichte, denen dies, »fuß um fuß dem epitaph entgegen«, belebend gelingt. / Hans-Dieter Schütt, ND 16.9.
Poesiealbum 295 (Jan Wagner; hrsg. und ausgewählt von Richard Pietraß) und 296 (Heinrich von Kleist; hrsg. von R. Pietraß, Auswahl: Arno Pielenz). Märkischer Verlag Wilhelmshorst. 32 bzw. 30 S., brosch., je 4,90 Euro.
Ökonomisch gesehen ist es keine gute Idee, Dichter zu werden. Abgesehen vielleicht von Billy Collins kann kein amerikanischer Lyriker vom Gedichtschreiben leben. Das liegt daran, daß es praktisch keinen Markt für Lyrik gibt außer den Lyrikern selber.
Zweitens haben sich die Chancen, Gedichte zu veröffentlichen, entscheidend verschlechtert, obwohl sie schon vorher nicht gerade berauschend waren. Die großen Verlage interessieren sich nicht für Gedichtbände und die kleinen verlangen zunehmend einen Eigenanteil bei Satz, Druck, Werbung und manchmal sogar Finanzierung.
Drittens, und vielleicht am wichtigsten: Wenn man Gedichte schreibt, um den quasi mythischen sozialen Status zu erreichen, den man etwa mit Allen Ginsberg verbindet, bewegt man sich auf Gleisen, die schließlich in Frustration und Enttäuschung enden. / Colin Dabkowski, Buffalo News
Aktuell: Am 25.9. liest Johanna Schwedes Lyrik aus dem Band „Den Mond unterm Arm“ mit Thomas Jez (Prosa) zur Finissage einer Ausstellung in der Galerie „Craftraum“. Thüringer Straße 23 (Nähe Spinnerei und Plagwitzer Bahnhof) 04179 Leipzig Weitere Infos
Rabindranath Tagore war der erste Shooting Star der Weltliteratur. Als der 51-jährige Bengale 1912 nach London reiste, kannte ihn im Westen niemand. Der polyglotte Sohn einer Bramahnen-Familie übersetzte rund 100 seiner Gedichte ins Englische, für ihre Veröffentlichung sorgte William Butler Yeats. Ihre nie gehörte Metaphorik faszinierte das Publikum. 1913 erhielt er als erster nichteuropäischer Autor den Nobelpreis.
Bis 1925 erschienen allein in Deutschland 24 Bücher von ihm mit einer Gesamtauflage von rund einer Million Exemplaren. …
In Indien ist sein Rang bis heute unumstritten. Eines seiner Lieder dient als Nationalhymne. Tagore gilt als kultureller Lehrmeister, dessen bildungs- und sozialreformerische Visionen immer noch wegweisend sind. Zum 150. Geburtstag schickt die indische Regierung nun eine Auswahl seiner Gemälde auf Welt-Tournee. 98 sind jetzt in Dahlem zu sehen. / Oliver Heilwagen, Tagesspiegel
Museum für Asiatische Kunst, Lansstr. 8 (Dahlem), bis 30. Oktober, Di–Fr 10–18, Sa/So 11–18 Uhr.
Wie ist doch die Zeitung interessant, dichtete Hoffmann von Fallersleben. Gilt immer noch. Lyriknachrichten von Google:
Wunsch bringt Partygäste zum Stöhnen
Nordkurier
Erklärt habe ich allen in einem Brief, dass das ein scherzhaftes Gedicht mit nur fünf Zeilen ist. In der ersten Zeile wird von einer Person an einem Ort oder von einer Person mit einer bestimmten Eigenschaft berichtet. Die zweite Zeile reimt sich auf …
Peinliche Telefonate belasten Berlusconi
Nachrichten.ch
Fortsetzung Friedrich der Grosse sang vom Orgasmus Berlin – Ein verschollenes Sex-Gedicht Friedrichs des Grossen ist nach einem Bericht der «Zeit» jetzt im Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preussischer Kulturbesitz entdeckt worden. …
Feldzug ins Feuchtgebiet
suedkurier.de
In diese Lücke springt nun die Wochenzeitung „Die Zeit“, indem sie ein verschollen geglaubtes „Orgasmus-Gedicht“ des Preußenkönigs aufgespürt und in voller Länge abgedruckt hat. Die unmissverständlich mit „Die Lust“ (im französischen Original „La …
Alles zu diesem Thema ansehen »
Keine Dichterin deutscher Sprache hat das Publikum so polarisiert wie Ulla Hahn. Die nüchternen „Alltagslyriker“ ärgerte sie Anfang der Achtzigerjahre mit melodiösen Volksliedstrophen. Die Rondos und Sonette der promovierten Literaturwissenschaftlerin knüpften geradewegs an die klassisch-romantische Tradition mit ihrem Regelmaß von Metrum und Rhythmus an. Sowohl Sprachkrisen der Moderne abhold als auch der postmodernen Beliebigkeit, pflegt sie die mit ironischen Schlenkern gewürzte Harmonie in geordneten Strophen und wohltönenden Reimen. Dem Jubel Marcel Reich-Ranickis anlässlich ihres Debüts folgten kritische Hiebe: „Gegenwartsferne liebliche Idyllen!“, „literarisches Biedermeier!“, „Butzenscheibenlyrik!“ konterte der mürrisch verstimmte Teil der Literaturkritik. Nun nähert sich Ulla Hahn ihren Versen von einst aus der Perspektive einer in Jahrzehnten gewonnenen Lebenserfahrung.
Insbesondere ihre ersten vier Gedichtbände: „Herz über Kopf“ (1981), „Spielende“ (1983), „Freudenfeuer“ (1985) und „Unerhörte Nähe“ (1988) bedenkt sie mit temperamentvollen Repliken. Was die „Wiederworte“ so spektakulär macht, ist der Verzicht auf glättendes Tandaradei. Es dominiert die poetische Selbstkorrektur. Das hätte sie angesichts der hohen Verkaufszahlen ihrer Bücher (Lyrikbände mit mehr als 40 000 verkauften Exemplaren) gar nicht nötig. Aber es zeugt von Mut und ungebremster Lebhaftigkeit der Autorin, die sich mehr als Fühlende denn als Denkende begreift: „Herz über Kopf“. / Dorothea von Törne, Die Welt
Ulla Hahn: Wiederworte. DVA, München. 192 S., 16,99 Euro.
Mit dabei sind auch Berliner. Von peinlich bis erotisch. Wie Aische (25), die Sex und Lyrik verbindet und Goethes „Erlkönig“ und „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke rezitiert. Der Clou dabei: Unterbrochen und unterstützt werden die Ballade und das Gedicht von Aisches lautem Stöhnen – und dem gleichzeitigem Strip. So will Aische (Aische studierte Germanistik auf Lehramt) Schülern Lyrik näherbringen. Wenn’s hilft… / Berliner Kurier
Ein anderes Lyrikfachblatt ergänzt:
So haben wir Goethe noch nie gehört! Die schöne Aische (25) rezitierte am Samstagabend für die RTL-„Supertalent“-Jury eine ungewöhnliche Version des „Erlkönigs“. Porno-Poesie nennt sich ihr Talent. „Man nimmt einfach ein Gedicht und stöhnt das“, erklärt Aische BILD.de. (Klicken auf eigene Gefahr)
Lyrik in der Provinz:
Ihr defizitärer Verlag bringt vor allem Lyrik heraus, deren tieferer Sinn sich beim ersten Lesen kaum erschließt.
Insofern haben die Juroren des Lotto Brandenburg Kunstpreises 2011 eine geradezu unpopulistische Entscheidung getroffen. Aus den 134 Einsendungen, meist Prosa, die um die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung konkurrierten, fischte das Gremium 60 Seiten Lyrik von Daniela Seel heraus. Bei der Preisverleihung am Donnerstag las die 37-Jährige mit leicht pathetisch-verträumter Stimme sperrige Texte aus ihrem Debütband „Ich kann diese Stelle nicht wiederfinden“. Dass ihr Vortrag Begeisterung oder Verständnis weckte, ließ sich nicht beobachten. Die Jury hob in ihrer Begründung hervor, dass diese „gedankenvollen Verse eindringliche Bilder für die Erfahrungen vergehender Zeit und verblassender Erinnerungen“ enthielten. / Märkische Allgemeine
Ein Glück, dass die ägyptische Revolution auch die Literatur der Moderne hinweggefegt hat. Die neuen Autoren wollen vor allem leicht und geerdet sein
meint Hamdy Abou Golayyel im Freitag:
Tatsächlich äußerte sich die oppositionelle Haltung der Moderne gegenüber den totalitären Regimes nie als Widerspruch, sondern allenfalls als Einspruch von Anhängern derselben Ideologie. Adonis, der große syrische, im Exil lebende Dichter der Moderne, schrieb: „Es kam ein schöner Sturm, aber die schöne Verwüstung blieb aus.“ Im Klartext – die Dichtung der Moderne muss ja immer erklärt werden – bezieht sich der „schöne Sturm“ auf die Befreiungsbewegung, die wiederum die Diktatur brachte, während die „schöne Verwüstung“, die alles auslöscht, auf sich warten lässt. Vergleicht man nun die Äußerungen von Adonis als berühmter Persönlichkeit der Moderne und die Äußerungen von Gamal Abdel Nasser als berühmter Persönlichkeit der Befreiungsbewegung, so lässt sich in den Ansichten über Modernisierung, Entwicklung und „Ausradieren“ der alten Zeiten, eine Ähnlichkeit, ja beinahe sogar schon eine Deckungsgleichheit feststellen.
Die Moderne war, wegen der Komplexität und Rätselhaftigkeit ihrer mit Bildern überladenen, fast schon karikaturistisch überzeichneten Sprache, ein Unglücksfall für die ägyptische und arabische Literaturgeschichte. (…)
Am schlimmsten war offenbar die ägyptische Lyrik betroffen, während der Roman weitestgehend verschont geblieben war. Zwischen den Gedichten von Osama al-Danasoury, den ich und viele andere auch für den Autor „neuer“ ägyptischer Literatur schlechthin halten, und den Gedichten gekrönter Häupter der arabischen Moderne wie Adonis, oder der ägyptischen Moderne wie Mohammed Afifi Matar, besteht ein gewaltiger Unterschied, allein schon in Bezug auf Sprache, Thematik und Haltung des Autors. Auf der einen Seite die Modernisten, leuchtendes Beispiel für den wortgewandten, gewissenhaften, gut informierten und gerechten Dichter, der sich, jederzeit gesprächsbereit, für die gesamte Nation einsetzt. Auf der anderen Seite Osama al-Danasoury, ein ganz normaler Mensch, der mit sprachlicher Schlichtheit und Leichtigkeit ausführlich Sorgen und Nöte beschreibt, die die finster dreinblickenden Herren Modernisten als banal, ja geradezu belanglos abgetan hätten.
scheiß angst vor der eigenen wut, scheiß wut auf die eigene angst. scheiß liebe zu beidem. scheiß wissen, worauf es bezogen sein könnte. / scheiße was wir geworden sind. scheiß kifferei und scheiß bier und scheiß schwangerschaften, scheiß stammtische-strammtische, selbst noch scheiß waldspaziergang.
Stefan Schmitzer
scheiß sozialer frieden [Gebundene Ausgabe]
89 Seiten
Verlag: Literaturverlag Droschl (12. September 2011)
ISBN-10: 3854207883
ISBN-13: 978-3854207887
Mehr konnte ich leider nicht finden – aber die Information ist ja da:
kunstpreis literatur von lotto brandenburg an daniela seel für „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“, 15.9., preisverleihung in potsdam. mit laudatio und lesung. 19.00 h, haus der brandenburgisch-preußischen geschichte, kutschstall, am neuen markt 9, 14467.
*) auch wenn sie schon einige Preise bekommen hat: 81 ist die Nummer der Nachricht im September
Bedeutet der Name des höchsten afrikanischen Berges, des «Kilimandscharo», nach dem wahrhaft ironischen Understatement des Kiswahili, der am meisten gesprochenen Sprache in Ostafrika, «kleiner Hügel von Njaro»? Oder empfiehlt es sich, seine Spitze – als «den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde» – die «Kaiser-Wilhelm-Spitze» zu nennen, wie es der Deutsche Hans Meyer bei seiner Erstbesteigung am 6. Oktober 1889 unter Aufpflanzung der deutschen Fahne und, begleitend dazu, der dreimaligen Ausrufung eines kräftigen «Hurra» tat? / Ludger Lütkehaus, NZZ 13.9.
Wikipedia bringt je nach Sprache unterschiedliche Berichte (es lohnt sich auch in die Details zu gehen: was nicht nur für Hölderlin-Fassungen gilt):
An alternative theory is as follows: On November 10, 1848, the German missionary Rebmann wrote in his diary: „This morning we discerned the Mountains of Jagga more distinctly than ever.“ Jagga was the pronunciation of Chagga by Europeans. Kilimanjaro may also be the European pronunciation of the Chagga phrase that „Kile-lema-irho“, meaning „we failed to climb it“ in Kiuru, Kioldimoshi, Kimarangu, Kivunjo, Kikibosho, Kimachame and Kirombo, Kichagga in general. If so, name itself, Kile-lema-irho/Kilimanjaro, would have been the Chagga way of explaining to kyasaka (newcomers) when they asked about the shining mountain top of Kibo and Mawenzi Peak. Kibo peak is more visible from the Kibosho Area, and Mawenzi from Maranu.[citation needed]
In 1861 von der Decken climbed Mt. Kilimanjaro together with Richard Thornton (1838-1863)[8], „who got no farther than 8,200 feet“[9] (2,500 metres). In 1862 von der Decken tried a second time together with Otto Kersten. They reached a hight of 14,000 feet (4,280 metres).[10] [11]
In the 1880s, the mountain, at that time spelled Kilima-Ndscharo in German following the Swahili name components, became a part of German East Africa after Karl Peters had persuaded local chiefs to sign treaties (a common story that Queen Victoria gave the mountain to her grandson Kaiser Wilhelm II is not true).[12] In 1889 the peak of Kibo was named „Kaiser-Wilhelm-Spitze“ („Kaiser Wilhelm peak“) by Hans Meyer, on the first ascent to the summit on 5 October 1889. [5] That name was used until 1918, when after World War I the German colonies were handed over to the British empire. When British-administeredTanganyika gained its independence in 1961, the peak was named „Uhuru peak“, meaning „Freedom peak“ in Swahili.
Hans Meyer, a German professor was the first European to conquer Mount Kilimanjaro, accompanied by an Austrian mountaineer named Ludwig Purtscheller and a Marangu Army Scout named Kinyala Lauwo. They completed the climb on the 5 October, 1889. [13]
The Ki- prefix in Swahili has several underlying meanings. The old Ka- diminutive noun prefix (found now only as Kadogo – a small degree), merged with the Ki class. One of its meanings was to also describe something unique of its kind: Kilima, a single peak, as opposed to Mlima, which would better describe a mountain range or undulating country. Several other mountains also bear this prefix, such as Kilima Mbogo (Buffalo Mountain), just north of Nairobi in Kenya. People with disabilities are also placed in this class, not so much as a diminutive idea; but a unique condition they possess: a blind or a deaf person, Kipofu and Kiziwi. This prefix „Ki-“ in no way implies a derogatory sense. The name Kibo in Kichagga means „spotted“ and refers to rocks seen on snowfields. (English)
Den musikalisch dahinströmenden Versen im Zyklus «Sehnarben» stellt sich etwa der herbere, sprödere Modus von «Wintersaat» entgegen. In den «Briefgedichten» entwirft die Autorin sensible, aufmerksame Porträts von Wegbegleiterinnen und Freundinnen, wobei sie die eigene Existenz in jener der dargestellten Frauen spiegeln lässt, um selbstkritisch die Differenz wahrzunehmen. Manche dieser Gedichte, deren Aussagen sich aus dem feministischen Engagement nähren, enthalten indessen programmatische Ansätze, welche die poetische Atmosphäre etwas beeinträchtigen. / NZZ
Brigit Keller: Sehnarben. Gedichte. eFeF-Verlag, Bern 2011. 160 S., Fr. 25.–.
Erst anderthalb Jahre zuvor war sie aus London nicht etwa nach Polen oder Russland gezogen, in Länder, deren Sprachen sie beherrscht, wie ihre mehrfach ausgezeichneten Übersetzungen, unter anderem von Olga Tokarczuk, Hanna Krall und Svetlana Vasilenko, zeigen. Nein, Kinsky zog nach Budapest, ohne Ungarisch zu sprechen. Anderthalb Jahre lebte sie mit dem Gefühl, kein Wort in der schwierigen Sprache sagen zu können. Dann zog sie nach Battonya, legte vor dem «alten, mariatheresiengelben Serbenhaus» einen Garten an, vermietete den Rest des Feldes, erkundete die Gegend und schrieb. «Meine Texte sind aus der Sprachlosigkeit im Alltag entstanden. Die Namen der Dinge bekommen auf einmal einen ganz anderen Wert, wenn man alles neu benennen lernen muss.» «ich nenne die welt / wie ich will», heisst es in «die ungerührte schrift des jahrs»: «mein / abend- und morgenland und / schweige dabei, in der / mundart der dinge / zuhaus.»
Im Banat, das sowohl in Ungarn wie in Rumänien und Serbien liegt, wuchs die Schriftstellerin Esther Kinsky heran. In den achtziger Jahren hatte die Übersetzerin schon zwei Kinderbücher und Gedichte auf Englisch veröffentlicht. Nun erschrieb sie sich unter dem Eindruck der Sprachlosigkeit einen Zugang zur Tiefebene. / Jörg Plath, NZZ 14.9.
Der Junge aus dem Bürgerhaus im Südwesten Berlins ist an Lebensenergie, Neugier und Entdeckerfreude kaum zu übertreffen. Und Ende der Sechziger bietet die Halbstadt jede Menge Schlupfwinkel, in denen Heranwachsende sich ohne Hilfe von außen erwachsen geben können. Hubert schreibt Gedichte und liest sie so vor, dass man glaubt, einem großen zeitgemäßen Ereignis beizuwohnen. Jedenfalls Gleichaltrige glauben das und Mentoren, die, ähnlich wie er, von Amerikas Beat-Poeten bezaubert sind. Andere halten dieselben Zeilen, Schrift und Klang für faulen Zauber.
Diese doppelte Wirkung wird Hubert Skolud sein Leben lang hervorrufen, er wird dem Glück und dem Fluch des Schreibens auch immer entfliehen: Durch Projektplanung, Betreuung fremder Vorhaben, Sprung und Sturz ins Feiern, aber vor allem durch Menschenfang. …
Vielleicht ist es gar nicht erstaunlich, dass jemand, dessen Alltag so oft aus Jonglage von Halbwahrem, Verschwiegenem, Unbewältigtem besteht, sehr nach der Wahrheit verlangt. Im Schreiben wollte Hubert Skolud sie entdecken. Dass wir zu Hause sind, „wo Lügner Lügner Lügner nennen“, dies Nietzsche-Wort zitiert er oft, das gelte es zu überwinden.
Eine Krebskrankheit hat er gerade überwunden, lebt mit frischen Projekten am Start und der jungen Gefährtin seiner letzten Jahre, als er sich nach einer verzweifelten, von Wortwechseln und Telefonaten erfüllten Sommernacht vor ihren Augen aus dem Fenster stürzt. / Manfred Maurenbrecher, Tagesspiegel
Neueste Kommentare