106. Trojanisches Pferd

In der Tat sind seine Gedichte trojanische Pferde, in deren Bäuchen kühne Metaphern versteckt sind, die anarchische Spannungen und Nervenschichten aufleben lassen. Mit dieser Kriegslist demonstriert Popp die Macht der Poesie: »Das Gedicht«, sagt er, »ist in seiner Lebensferne nichts anderes als eben unser Bemühen um dieses Leben.« »Risse gehen durch alles«, heißt es in einem Gedicht, »und nur das Licht geht durch die Risse«. Nicht weniger als diesem alle Zeiten und Räume Durchdringenden spürt Popp nach, mittels Postkarten aus der Sternenstadt kommuniziert er mit den Toten, er legt Drainagen zu Kindheitserinnerungen und zelebriert doch immer die Gegenwart: »Ich wollte immer genau sein, genau // hier«, heißt es im selben Gedicht. Dass er jetzt und genau hier ist, darüber bin ich froh. / Wiebke Schuldt, litlog

105. Laßt viele Anthologien blühn…

Mittlerweile hat sich der von Shafiq Naz so liebevoll dialogisch und kenntnisreich edierte deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht neben dem Jahrbuch der Lyrik und Vers­netze als gleichsam dritte jährlich heraus­gegebene Lyrik­sammel­band­kraft etabliert. Wird die erste Ausgabe von 2005 noch in erster Linie vom Club der toten Dichter dominiert, finden sich seit einigen Jahren unter den jeweils 300 Autorinnen und Autorinnen rund 150 Zeit­genossen. Ich vergleiche die Register der drei aktuellen Sammlun­gen von Buchwald, Kutsch, Naz und komme zu dem Ergebnis, daß die drei Anthologien einander vorzüglich ergänzen. So tauchen, beispielsweise, Nora Gomringer, Marion Poschmann und Monika Rinck 2011 nicht in Jahrbuch oder Versnetze auf, im Lyrik­kalender 2012 (der Ende September 2011 erscheint) finde ich sie – alle drei.

Wir können getrost davon ausgehen, daß schon jede einzelne Anthologie für sich betrachtet mit ihrer spezi­fischen, eigen­willigen Editions­art exemplarisch die Bandbreite von bewährten, mehr oder weniger bekannten hin zu neuen, nahezu unbekannten Autorinnen und Autoren vermittelt, aber eine gleichsam allumfassende Übersicht wird erst durch das Zusammen­spiel aller drei Antho­logien ver­mittelt, deren Herausgebern ich ein langes, langes Leben wünsche, in dem die Lust aufs Heraus­geben von Gedichten – trotz sicherlich manchen Verdrusses bei der wohl nicht nur lustigen Editions­arbeit – nie geringer werden möge. Versnetze-Heraus­geber Axel Kutsch ist übrigens das verbindende Glied in dieser außer­ordent­lichen Antho­logie-Kette, ist er doch als Lyriker immer wieder im Jahrbuch und regelmäßig im Lyrik­kalender vertreten…

/ Theo Breuer, Poetenladen, in 24 Kapiteln incl. Verfasserregister über

Versnetze_vier
Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart
Hrsg. Von Axel Kutsch
Verlag Ralf Liebe 2011

104. JEDEN TAG EIN GEDICHT

ALHAMBRA PUBLISHING präsentiert den Deutschen Lyrikkalender 2012

Die Auswahl von Gedichten umfasst das breite Spektrum mehrerer Jahrhunderte literarischen Schaffens und bietet, neben der Freude an täglich neuer Poesie, einen fundamentalen Querschnitt lyrischen Geschehens. Durch die Ringbindung  des Tischkalenders bleibt jedes Blatt erhalten und macht eine Archivierung im Bücherschrank leicht möglich.

Kerstin Becker, Julietta Fix, Peter Gehrisch, Undine Materni, André Schinkel und Michael Wüstefeld lesen ihre Gedichte und stellen eine Auswahl von Lieblingsgedichten aus dem Kalender vor.
Begegnen Sie klassischen und zeitgenössischen Gedichten auf einer Reise durch Jahrhunderte, Stile und Epochen –   Minnegesang, sozialkritische Lyrik, Barock, Reim und moderne Lyrik im 24 Stunden Takt.

Moderation: Julietta Fix

Buchhandlung LeseZeichen
Priessnitzstrasse 56
01099 Dresden

23. September 2011
Beginn: 20 Uhr

103. Vokale, Phoneme, Vokabeln

Ein Gedicht von Rimbaud in 4 englischen, 2 deutschen und 2 französischen Fassungen

(5 audiovisuell, 3 optisch)

To hear more, go to:

http://writing.upenn.edu/pennsound/x/Bok.php
http://writing.upenn.edu/wh/calendar/1109.php#18

Avant-garde poet Christian Bök reads 3 original translations of Arthur Rimbaud’s „Voyelles,“ a poem which greatly influenced the writing of his book entitled Eunoia. Christian Bök’s „Umlaut Machine: Selected Visual Works“ was featured by the Kelly Writers House Art Gallery on November 18, 2009.

Christian Bök is the author of Crystallography (1994, Coach House Press), a pataphysical encyclopedia nominated for the Gerald Lampert Memorial Award, and Eunoia (2001, Coach House Books), a bestselling work of experimental literature and winner of the Griffin Prize for Poetic Excellence.

Hier liest er es auch auf Französisch:

Voyelles

Arthur Rimbaud

A noir, E blanc, I rouge, U vert, O bleu : voyelles,
Je dirai quelque jour vos naissances latentes :
A, noir corset velu des mouches éclatantes
Qui bombinent autour des puanteurs cruelles,

Golfes d’ombre ; E, candeur des vapeurs et des tentes,
Lances des glaciers fiers, rois blancs, frissons d’ombelles ;
I, pourpres, sang craché, rire des lèvres belles
Dans la colère ou les ivresses pénitentes ;

U, cycles, vibrements divins des mers virides,
Paix des pâtis semés d’animaux, paix des rides
Que l’alchimie imprime aux grands fronts studieux ;

O, suprême Clairon plein des strideurs étranges,
Silences traversés des Mondes et des Anges :
– O l’Oméga, rayon violet de Ses Yeux ! –

Vokale

A schwarz E weiß I rot U grün O blau – vokale
Einst werd ich euren dunklen ursprung offenbaren:
A: schwarzer samtiger panzer dichter mückenscharen
Die über grausem stanke schwirren · schattentale.

E: helligkeit von dämpfen und gespannten leinen ·
Speer stolzer gletscher · blanker fürsten · wehn von dolden.
I: purpurn ausgespienes blut gelach der Holden
Im zorn und in der trunkenheit der peinen.

U: räder · grünlicher gewässer göttlich kreisen
Ruh herdenübersäter weiden · ruh der weisen
Auf deren stirne schwarzkunst drückt das mal.

O: seltsames gezisch erhabener posaunen ·
Einöden durch die erd- und himmelsgeister raunen.
Omega – ihrer augen veilchenblauer strahl.

[aus dem Französischen von Stefan George]

Vokale

A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau – mir ward
der tiefste Sinn von eurem Klang geoffenbart:
A schwarzer Fliegen Schwarm um Aasgestank,
A Schatten, der auf Strand und Hafen sank.

E helle Zelte, Dämpfe, Nebelquellen.
E blendende Gletscher, wehender Gräser Wellen.
I rot gespienes Blut, blutfrischer Lippen Spiel,
die Büßerfieber oder irrer Zorn befiel.

U Kreisen, das in dunklen Fluten bebt,
U Runzeln, welche kluges Studium gräbt,
U Ruh auf kuhbedecktem Flurengrund.

O hohen Hornes toller Ton, Allrund
von Seraphchor und Sonnenstrom durchflogen.
O Omega, der Augen Gottes blauer Bogen.

[aus dem Französischen von K.L. Ammer]

102. Sorbe in Übersee

Jan Kilian, am 22. März 1811 in Döhlen unweit von Bautzen geboren und am 12. September 1884 als evangelisch-lutherischer Pfarrer in Serbin/Texas gestorben, ist für die Sorben bis in die heutige Zeit ein bedeutender Mann. Sie erinnern mit verschiedenen Veranstaltungen an den 200. Geburtstag Kilians.

Als Pfarrer wirkte er von 1837 bis 1848 in Kotitz bei Weißenberg, gründete 1843 die lutherische Gemeinde Weigersdorf/Klitten, war dort Pfarrer sowie auch aktiv in der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Döbbrick in der Niederlausitz, bis er 1854 mit nahezu 600 Sorben nach Texas auswanderte. Dort gründete er 1855 die bedeutendste sorbische Kolonie in Übersee und war bis 1883 Pfarrer sowie bis 1872 Lehrer in Serbin. Er dichtete in sorbischer Sprache Choräle, war Dichter weltlicher Texte und veröffentlichte religiöse Schriften. Bis heute treffen sich in Serbin alljährlich mehr als 2000 Nachkommen der sorbischen Auswanderer zum großen Fest…

Auch der Sorbische Künstlerbund widmet sein 33. Fest der Poesie dem Gedenken an Kilian. Das alljährliche Festival der Lyrik und Musik beginnt am Freitag um 18 Uhr mit einem Literaturabend in der tschechischen Stadtbibliothek Varnsdorf, den sorbische und tschechische Poeten gestalten. In der Kirche zu Hochkirch werden am Sonnabend um 19.30 Uhr beim internationalen Poesieabend Kilians Gedichte in acht Sprachen von sorbischen, deutschen, tschechischen, polnischen, syrischen und amerikanischen Dichtern vorgetragen, darunter auch auf Arabisch und Englisch. / Alfons Lehmann, Lausitzer Rundschau

101. Klassischer Rimbaud

Eine neue zweisprachige Ausgabe der Gedichte Arthur Rimbauds enthält fünf Lateinische Gedichte, die in früheren Ausgaben als Juvenilia weggelassen wurden. Der Band „Rimbaud: The Poems“ wird herausgegeben von Oliver Bernard, dessen Übersetzung von 1962 zum Klassiker wurde. Die Neuausgabe enthält 5 Gedichte, die Rimbaud mit 14 Jahren schrieb, 3 auf Latein geschriebene und 2 aus dem Französischen ins Latein übersetzte. Unter letzteren ist „L’ange et l’enfant“ (Der Engel und das Kind), eine frühe Fassung des Gedichts „Les Etrennes Des Orphelins“ (Die Neujahrsgeschenke der Waisen).*)

Bernard kehrt nach fast 5 Jahrzehnten zu Rimbaud zurück. Die Ausgabe von 1962 war bei Penguin erschienen, die neue kommt bei Anvil Poetry Press. Bernard glaubt, daß die frühen Texte für Rimbauds Leser von Interesse sind, weil sie seine frühesten Erfahrungen mit Form und Grammatik darstellen. „Es scheint mir eine für die europäische Lyrik interessante Frage, wie viele Dichter in der Schule Latein gelernt haben, von Chaucer und Rabelais bis Auden, Housman und Baudelaire, und wie das ihre Syntax beeinflußte, Klarheit und Dichte ihres Stils.“

Peter Jay, Gründer von Anvil, meint, daß es immer noch einen Markt für zweisprachige Ausgaben gebe. „Penguin scheint sich für Übersetzungen entschieden zu haben“, sagte er. „Als Lyrikverleger und Übersetzer finde ich das in Ordnung, aber diese Art zweisprachiger Ausgaben mit einer Prosaübersetzung unten auf der Seite haben auch ihren Platz.“

Anvil bereitet eine Baudelaireausgabe im gleichen Format vor. „So kann man mit Grundkenntnissen einer Fremdsprache das Original lesen, ohne ständig zu Wörterbüchern greifen zu müssen.“ / Matthew Bell, The Independent 18.9.

* mit dem die üblichen Ausgaben seiner „sämtlichen“ Werke beginnen.

 

 

100. Tech-Gedicht

Im Internet tummeln sich so einige interessante Leute. So auch der Twitter-User Tom Flemming aka tfleming223, der scheinbar ein paar neue Informationen zum kommenden Google Nexus Prime ergattern konnte und diese auf seine doch recht eigene Art mit der Außenwelt teilt. Kernaussage seiner Mitteilung ist, dass das Google Nexus Prime aller Voraussicht nach am 3. November bei Verizon in Amerika erscheinen wird.

… Es ist vor allem die Darbietungsform, die sich von der Masse an Mitteilungen abhebt. Denn um seine Informationen mit seinen Mitmenschen zu teilen, schrieb tfleming223 ein doch recht kryptisches Gedicht, in das seine Informationen verpackt wurden. Damit aber nicht genug, denn der Nutzer verfolgte auch gleich noch das Ziel, seine Twitter-Leserschaft zu vermehren. Aus diesem Grund kündigte er an, das er weitere Stücke des Rätselgedichts erst veröffentlichen würde, wenn 1000 Leute ihm via Twitter folgen würden.

(…) Ich bin wirklich gespannt, wie viel an diesem Gedicht dran ist.

Hier auch der Anfang des Tech-Gedichts im Wortlaut.

99. Popular oder elitär?

Am meisten geklickter externer Link in den letzten 7 Tagen war der zu dem Zeitungsartikel über den defizitären Lyrikverlag mit den unverständlichen Gedichten:

Lotto-Brandenburg-ehrt-Kuenstler-Eine-Autorin-und-drei.html (38x).

Gleich danach aber kommen 2 Artikel aus der Boulevardpresse:

berliner-kurier.de/kultur-leute/von-peinlich-bis-erotisch-berliner-supertalente-mit-porno–und-nudeln,7169134,10847184.html (34x)

bild.de/unterhaltung/tv/supertalent/schoene-aische-stoehnt-goethe-20000874.bild.html (28x)

Die Runde geht 1:2 an die Popularen.

Ganz abgeschlagen: dreaming-of-li-po  und  herbert-lomas-obituary – sie mußten mit je 1 Klick auskommen. Ein Vers von Rainer Kirsch besetzt meine Synapsen:

So ist das Recht. Das Recht, beschrieben, tröstet. 

(Trost, Trost, war da nicht was?)

98. Dichter dran

Die Literaturwerkstatt Berlin feierte am Samstag, 17.9.2011 ihren 20. Geburtstag mit „Dichter dran. Das großen Berliner Lyrikfest“.

Bei strahlendem Sonnenschein kamen ca. 5.500 Besucher zu der open-air-Veranstaltung in die Kulturbrauerei, um ein „Volksfest der Poesie“ zu erleben, in dem sie es gestalteten. Das Berlin-Gedicht hatte seine Premiere, der Beschwerdechor brachte am Tag vor der Berlin-Wahl die gesammelten Beschwerden der Berliner auf die Bühne und es fand zum ersten Mal in Berlin ein Lyrikmarkt statt.

Mit dabei waren u. a. die Dichter Andreas Altmann, Ulrike Draesner, Norbert Hummelt, Orsolya Kalász, Björn Kuhligk, Brigitte Oleschinski, Monika Rinck, Valeri Scherstjanoi und Tom Schulz, die Slammer Gauner, Frank Klötgen und Ken Yamamoto, die Bands The Incredible Herrengedeck und Peer sowie die Chöre Männer-Minne, der Berliner Beschwerdechor und der Chor des Jungen Ensembles Berlin. Ab 20.00 Uhr bließ dann die Fanfara Kalashnikov gemeinsam mit Johanna Zeul und FiL im Kesselhaus zum Abschlusskonzert.

Am Tag vor der Berlin-Wahl sang der Berliner Beschwerdechor den Politikern ins Gewissen, was in Berlin alles stört. Aus den über 300 gesammelten Beschwerden der Berliner texteten die Dichter Birgit Kreipe, Björn Kuhligk, Tom Schulz und Florian Voß ein Beschwerdelied, das von Andrés Atala-Quezada musikalisch umgesetzt und vom Chor des Jungen Ensembles Berlin gemeinsam mit dem Berliner Beschwerdechor uraufgeführt wurde. Der Beschwerdechor bestand aus Berliner Bürgerinnen und Bürgern, die sich für diesen Anlass angemeldet hatten. Die Leitung hatte Frank Markowitsch.

In allen Bezirken schrieben Berliner Bürger unter Anleitung eines erfahrenen Dichters ein Gedicht über ihren Bezirk. Herausgekommen ist ein großes Berlin-Gedicht, für jeden der 12 Bezirke je 100 Zeilen. „Das Große Berlin-Gedicht“ (be.bra Verlag) ist als Buch im Handel erhältlich.

Auf dem Lyrikmarkt verführten Verlage und Buchhändler zum Stöbern und Schmökern in lyrischen Neuerscheinungen und Raritäten. Erstmals gab es damit in Berlin einen Markt, der sich ausschließlich der Poesie widmete. Mit dabei waren: be.bra verlag, BELLA triste, Berliner Handpresse, Edit, Edition Rugerup, Hochroth Verlag, Kollwitz Buchhandlung, KOOKbooks, luxbooks, Matthias Wagner Antiquariat, Merve Verlag, Poesiealbum/Märkischer Verlag, poetenladen, Suhrkamp Verlag, Verlag das Wunderhorn, Verlag Hans Schiler, Verlagshaus J. Frank / Berlin, Wallstein Verlag.

97. Reserviert für niemand

MITTWOCH, 21. SEPTEMBER 2011, 20 UHR, CAFÉ SIBYLLE

Reserviert

für niemand

L Y R I K    A U S    V I E R    R I C H T U N G E N

Mit Katja Horn, Kai Pohl, Clemens Schittko, HEL Toussaint

Kai Pohl und Clemens Schittko stellen ihren kürzlich erschienenen Gedichtband da kapo mit CS-Gas vor, Katja Horn (Abseitsmoral) und HEL Toussaint (Nachbarin Dimitrowa) vertreten die Schock Edition

Café Sibylle, Karl-Marx-Allee 72, 10243 Berlin, U5 Strausberger Platz

96. Jandl-Bodenplatte

In der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg feiert die Berliner Literaturwerkstatt ihren zwanzigsten Geburtstag. Hunderte Besucher sind gekommen. Es herrscht Volksfeststimmung zwischen den Ständen der Kleinverlage, dem Bio-Crêpe-Wagen und einigen ‚lyrischen Installationen‘: Etwa einer Bodenplatte, auf der Kinder durch wildes Herumhüpfen einzelne Tonbandzeilen aus Ernst Jandls Ottos-kotzender-Mops-Gedicht auslösen.

Eine Jandl-Bodenplatte für Kinder, Bio-Crêpes und das Projekt eines Beschwerdechors: Im Laufe der vergangenen zwanzig Jahren ist die Literaturwerkstatt immer besser darin geworden, sich zur Stadt hin zu öffnen, gern auch populäre Wege zu ihrem sperrigen Arbeitsbereich Poesie aufzuschließen. Unter den fünf großen Literaturinstitutionen Berlins wirkt sie oft wendig und trendbewusst. Es liegt am Faible ihres Leiters Thomas Wohlfahrt für die Projektemacherei, dass die so lebendige Szene der deutschen Lyrik in der Literaturwerkstatt einen wichtigen Ausgangspunkt finden konnte. Und es liegt auch am Ideenreichtum des langjährigen Teams, wenn an einem Abend wie diesem Poesie in Berlin ein derart großes Publikum interessieren kann. / Florian Keßler, Süddeutsche 19.9.

95. Wilhelm-Lehmann-Literaturpreis für Nico Bleutge

Der 1972 in München geborene Lyriker Nico Bleutge wird mit dem Wilhelm-Lehmann-Literaturpreis 2011 ausgezeichnet. Die gleichnamige Gesellschaft und die Stadt Eckernförde verleihen den mit 10000 Euro dotierten Preis während der Wilhelm-Lehmann-Tage am 19. November zum zweiten Mal. / Süddeutsche 17.9.

94. Pop- & Literaturkritiker oder Lady Gaga darf

Die Kritiker der Popmusik sind leichthändig in der Lage, ganze Traditionsketten einzelner Riffs und überaus subtile Unterscheidungen von Milieu-, Zeit- und Epochenstilen aus dem Ärmel zu schütteln. Sie kennen sich aus in den Genealogien der Sounds, der Kompositionen und der Besetzungslisten. Und so sind nicht nur die Kritiker: Wenn irgendetwas die gegenwärtige Popmusik zu beseelen scheint, von Lenny Kravitz über Adele bis zu Kitty, Daisy & Lewis, ist es der Geist des Archivs. …

Aber wenn in der Literaturkritik ein Rezensent historische Linien zieht oder gar begrifflich argumentiert, mokiert sich darüber garantiert irgendjemand, bevorzugt in einem der großen Organe der Volksaufklärung. Und wenn eine Autorin wie Sibylle Lewitscharoff einen Roman wie ‚Blumenberg‘ schreibt und darin erkennen lässt, dass sie nicht nur gern Umgang mit der Philosophie und der romantischen Literaturtradition pflegt, sondern sich darin auch auskennt, dann wird sie sofort, und mit tödlicher Sicherheit, dem Typus ‚hochliterarischer Liebling der Feuilleton-Germanisten akademischer Prägung‘ zugerechnet.

Denn das Spiel mit den Traditionen der eigenen Kunst ist in der Musik, in der Malerei, im Theater erlaubt. Im Jazz ist es, im kreativen Umgang mit dem ’standard‘, sogar geboten. Aber wer einen lebendigen Umgang mit der Geschichte in der Literatur betreibt, dem wird von den Liebhabern der Authentizität und des Lebens gern das Etikett der ‚Literatur-Literatur‘ angeheftet. Es wurde eigens erfunden, um eine Literatur, die zu erkennen gibt, dass sie weiß, was sie tut und woher sie kommt, zu brandmarken und in das Abseits der Weltuntauglichkeit zu stellen. Lady Gaga darf artifiziell sein, Sibylle Lewitscharoff nicht. / Thomas Steinfeld, Süddeutsche 17.9.

93. Nicht furchtbar

Fast 200 Jahre sind seit der Veröffentlichung von Goethes Doppelband des West-Östlichen Divan (Gedichte / Kommentar) vergangen. Seit 2010 liegt nun erstmals eine vollständige Übersetzung ins Englische vor, meldet Gustav Seibt, Süddeutsche 13.9.:

Es gibt Goethes ‚Divan‘ zum ersten Mal vollständig auf Englisch. Denn das ist die Hauptleistung von Martin Bidney: Er hat nicht nur die Verse, sondern auch die Prosa übersetzt, also auch ‚Notes and Essays for a better Understanding‘. Selbstredend macht er auch hier alles richtig. Den von Thilo Sarrazin gegen den Koran gewendeten Goethe-Satz, dessen Stil sei ’streng, groß, furchtbar, stellenweis wahrhaft erhaben‘, gibt Bidney so wieder: ‚the style is austere, grand, fearsome, and in places truly sublime‘. Das triviale Missverständnis, Goethe habe den Koran ‚furchtbar‘, also ‚terrible‘, genannt, wo es doch um eine ästhetische Feststellung geht, ist damit vermieden – ‚furchterregend‘ ist er.

92. otto mopst

Im anschließenden Vorlesewettbewerb trugen drei junge Damen „otto mopst“ ein Gedicht von Ernst Jandl vor. / wir im vorgebirge