Sie zeigt auf, wie problematisch das Leben einer jungen, aber mittellosen Adeligen war, die zudem noch als Dichterin arbeiten wollte, jedoch mit einer anspruchsvollen Dramatik, die man einer Frau Anfang des 19. Jahrhunderts schlichtweg absprach.
Vertonungen der reichhaltigen Lyrik Günderrodes gibt es erst in jüngster Zeit, obwohl sie von ihren männlichen Zeitgenossen wie Johann-Wolfgang von Goethe hoch geschätzt wurde, berichtete Illert. Ausgewählt hat sie fünf Gedichte der Günderrode, die von dem zeitgenössischen Komponisten Wolfgang Rihm vertont wurden. / Gießener Anzeiger
Anmerkungen zu Elke Erbs Gedichtband Meins. Von Jayne-Ann Igel
Ich hielt mich auf in der Unsicherheit betitelt Elke Erb eines ihrer Gedichte, und vermittelt den Eindruck, daß die Unsicherheit ein Raum, in dem ein Sich Bewegen möglich, oder sie ein Mantel (ja, eingedenk der stehenden Redewendung: im Mantel des Schweigens gehüllt) – wir sehen eine auf wackligen Beinen stehende Alte, in den Mantel ihrer Unsicherheit gewandet, die sich kaum über die Straße wagt und uns veranlaßt, herbeizueilen … Diese Interpretation erscheint nach Art ihrer Dichtung und ihres dichterischen Selbstverständnisses nur konsequent, denn sowohl die Sprache als auch der Textkörper bilden für sie gleichsam Instrumentarium wie Raum für die Erkundungsgänge, auf die sie sich begibt.
(Zuerst in der Zeitschrift Ostragehege Nr. 62/2011)
Wie gut, daß es die Forschung gibt. Wie sollte sonst das Journalistenvolk bescheidwissen?
Agnes Miegel: Die Lyrikerin wurde 1879 in Königsberg geboren und schrieb Gedichte und Erzählungen, die nach Meinung der Forschung auf eine tiefe Verbundenheit zu Adolf Hitler schließen lassen. Sie wurde auch als „Mutter Ostpreußens“ bezeichnet. Im Oktober 1933 gehörte sie zu den 88 Schriftstellern, die das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ für Adolf Hitler unterschrieben haben, wie auch Ina Seidel. 1940 trat sie in die NSDAP ein. / General-Anzeiger
Wüßten Sie’s? Urteilen Sie selbst! 2 Strophen der Dichterin aus dem Gedicht „Dem Schirmer des Volkes“:
Und er lehrte dich, o Volk, erkennen:
Du bist aller Zukunft Herz und Pfand!
Wenn aus deinem First die Flammen steigen,
wird des weißen Mannes Welt entbrennen,
wenn sich deine Sonnenfahnen neigen,
sinkt die Nacht über das Abendland!
…
Laß in deine Hand,
Führer, uns vor aller Welt bekennen:
Du und wir,
nie mehr zu trennen,
stehen ein für unser deutsches Land!
Es ist klar, dass ein Haus, das sich der Literatur verschrieben hat, Rudolf Hagelstange, den Schriftsteller und Dichter aus Nordhausen, der am 14. Januar 2012 seinen 100. Geburtstag hat, in das Programm aufnimmt… / Neue Nordhäuser Zeitung
… auch die Auftritte der beiden Lyriker des Literaturgesprächs: Grünbein, dessen in die klassische Form gegossenen Rom-Gedichte vor Welthaltigkeit und Gedankenreichtum vibrieren; und die diesjährige Huchelpreisträgerin Marion Poschmann, deren Lyrik gegen die erbarmungslose Eindeutigkeit modernen Lebens eine Ästhetik der Unschärfe konzipiert. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung
Brahms hatte das Hölderlin-Gedicht, das in der ersten Strophe die göttliche Glückseligkeit im Jenseits und in der zweiten die Hoffnungslosigkeit des irdischen Daseins beschreibt, während eines Besuches bei Freunden gefunden und war davon so fasziniert, dass er noch am gleichen Tag mit der Vertonung begann. / Rheinische Post
Im Jahre 1868, nach der Bremer Erstaufführung des “Deutschen Requiem”, komponierte Johannes Brahms sein opus 54, das “Schicksalslied”, auf ein Gedicht aus Hölderlins “Hyperion”. Da er sich über die kompositorische Gestaltung des Schlusses zunächst im unklaren war, wurde das Werk erst 1871 vollendet. Dieser Schluß, den Brahms bereits damals gegen seine Freunde verteidigen mußte, ist bis heute umstritten. Man wirft dem Komponisten vor, das abschließende Orchesternachspiel stehe im Widerspruch zur Hoffnungslosigkeit der letzten Textworte, er deute damit die Aussage des Gedichtes um. Manche deuten das als eine Korrektur im christlichen Sinn, indem “Hölderlins heidnisch-fatalistische Antithese von Götter- und Menschenwelt durch die tröstliche Botschaft der Hoffnung auf ein Jenseits überwunden wird” (Joseph Groben, Konzertprogramm). Für andere stellt dieses Nachspiel geradezu einen Stein des Anstoßes dar; so schrieb etwa Gerhard R. Koch in einer Konzertkritik (FAZ vom 30. Mai 1996), Brahms habe “Hölderlins Fatalismus doch arg ins Tröstliche abgewandelt.” / casagrandefred.de
Hyperions Schiksaalslied
Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, seelige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.
Schiksaallos, wie der schlafende
Säugling, athmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seeligen Augen
Bliken in stiller
Ewiger Klarheit.
Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
Text nach Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hg. D.E. Sattler. Bd. 4: Oden I. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1985, S. 30.
Das Gedicht entsteht nach einem ersten Entwurf vom Herbst 1796 in der Frankfurter Zeit und steht im zweiten Band des Hyperion-Romans im 28. Brief:
Ich wollte mich stärken, ich nahm mein längstvergessenes Lautenspiel hervor, um mir ein Schiksaalslied zu singen, das ich einst in glüklicher unverständiger Jugend meinem Adamas nachgesprochen.
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hg. D.E. Sattler. Bd. 11: Hyperion. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1984, S. 193.
Es handelt sich um eine von fünf rhapsodischen Odenentwürfen Hölderlin – rhapsodisch im Sinne von metrisch ungebunden. Ich vermute, die Bezeichnung rührt von dem Negativimage, das die griechischen Rhapsoden schon im 5. Jahrhundert v.d.Z. hatten, als fehlerhafte Überlieferer. Platons Ion rechnet mit dem Stand ab. Wer das Schicksalslied googelt, kann sich leicht von heutigem Rhapsodentum in diesem Sinn überzeugen.
Man wird das Gefühl nicht los, dass sich ein 1969 geborener Gegenwartslyriker einen Lyriker wie eine Romanfigur erfindet, welcher dann gleich Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ eremitisch in der weiten, rauschenden Landschaft steht, als gäbe es keine sieben Milliarden Menschen, keine Vernetzung, keine Globalisierung, keine Fernseher, keine Flughäfen, keine Discounter, keinen Sex und kein Fußballspiel. Die Ausklammerung der realen Welt mit all ihren Begrifflichkeiten wird in einem Maße überstrapaziert, dass einem nur wenig Raum zur Identifikation bleibt. Man assoziiert ständig einen Klausner in stachliger Kutte, barfuß, nach Beeren suchend. Selbstredend geht es beiAufkommender Atem um die Kultivierung einer Ausnahmesituation, um die (Re-) Mystifizierung des Individuums im Glauben, doch bergen die Gedichte konzeptionell eine mitunter ärgerliche Realitätsferne, beinahe einen aufkommenden Eskapismus, beispielsweise, wenn Lehnert für den Sommer die chronologisch dem Jahreslauf folgenden Gedichte nach Lanzarote verlagert, um die Kulisse für seinen tragischen Gegenstand weiterhin aufrecht erhalten zu können: Der schwarze Sand verrinnt. Die schwarzen Burgen / am Wasser, schwarze Steinchen auf der Haut: / Weißt du, wie lang es ist bis zum Erwachen? (S.54), Ein schwarzer Strudel, dessen Maß noch fehlt / folgte der menschenhohen Lavawelle (S. 56).
In diesem Sinne spricht auch die Umschlagabbildung Auferstehung, eine Radierung des 1968 (sic!) geborenen Künstlers Michael Triegel, der in der Manier alter Meister, besonders der späten Renaissance tätig ist, für sich. Ich kann feststellen, dass ich die Gedichte des Pfarrers Christian Lehnert nicht unbedingt für das schätze, was sie sind, sondern eher für das, was sie – für einen exkursiven, nostalgischen Novembernachmittag mit meiner Katze und einem Kaffee – innerhalb der heutigen Lyrik, aber nur ausnahmsweise, auch mal nicht sind. Aber wer es tatsächlich vermag, sich mit dieser Poesie nachhaltig zu identifizieren, der hat ein Luxusproblem. / Dominik Dombrowski, fixpoetry
Christian Lehnert, Aufkommender Atem, 99 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
Renommierte Dichter zu Gast im „deutsch-arabischen lyrik-salon“
Vor mehr als 6 Jahren gründete der aus Syrien stammende deutschsprachige Dichter, Übersetzer, Herausgeber und Publizist Fouad El-Auwad den „deutsch-arabischen lyrik-salon“. Zur illustren Gästeschar seiner bisherigen Festivals zählten u.a. Reiner Kunze, Raoul Schrott, Evelyn Schlag und Fuad Rifka. Nunmehr findet der „lyrik-salon“ zum vierten Mal statt. Zu Gast sind diesmal bei der poetischen Begegnung der Kulturen neben Fouad El-Auwad auf deutschsprachiger Seite Ulrike Draesner, Eva Förster, Ludwig Steinherr, Suleman Taufiq und Christoph Leisten. Auf arabischsprachiger Seite werden Naim Talhouk (Libanon) , Maram Massri (Syrien), Hanane Aad (Libanon), Aisha Bassry (Marokko), Rim Najmi ( Marokko) und Sarjoun Karam (Libanon) zu hören sein. Zum „4. lyrik-salon“ erscheint unter dem Titel „dOrt“ eine von Fuad El-Auwad herausgegebene deutsch-arabische Lyrik-Anthologie beim Shaker Verlag. Die zweisprachige Lesung aller Gedichte wird musikalisch begleitet durch den Oud-Virtuosen Raed Khoshaba. Sie findet statt am Samstag, dem 26. November 2011, 19 Uhr, im Festsaal der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn (Am Hof 1, 1. Obergeschoss). Der Eintritt beträgt 10,- Euro (ermäßigt 6,- Euro). – Weitere Informationen: www.lyrik-salon.de
Der australische Dichter Les Murray gilt seit Jahren als Literaturnobelpreisanwärter. In seinen Versen überträgt er die Sprache der Natur in geschmeidige Rhythmen, versetzt sich in Fauna und Flora hinein, beobachtet „grasende Tiere / an den Steilhängen der Erde“. Mit Pferden, Fischen, Spinnen, Katzen und Vögeln belebt er die weiten Landstriche seiner melodiösen Verse. Zwischen lichtdurchfluteten Eukalyptuswäldern, Prärie und Ozean hört er das Wollhaargras wachsen. Der Einklang dissonanter Sinneseindrücke macht die Verse dicht und zugleich offen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Les Murray: Größer im Liegen. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. Edition Rugerup, Berlin. 160 S., 19,90 Euro.
In allen Schaffensperioden kommen archaisch anmutende Landschaften ins Bild, deren provinzielle Enge sich mühelos ins Universelle weitet. Worte werden ausgekostet, eine ganze widersprüchliche und doch harmonische Poetologie entsteht unter Sprachklängen, bei denen Vokale als Leitmotiv dienen. Fließend sind die Übergänge zwischen konkreten Gegenständen und Traumfantasien, zwischen Erlebnis und Philosophie. Der hier spricht, weiß sich eingebettet in die Historie eines Menschenschlages, zu dem irische Bauern und Handwerker gehören, die inmitten von Licht und Schatten, Bewegung und Ruhe oft nur noch in den von ihnen geschaffenen Sachen anwesend sind. Gleich ihnen weiß sich der Dichter aufgehoben in Raum und Zeit. / Dorothea von Törne, Die Welt
Seamus Heaney. Die Amsel von Glanmore Gedichte 1965 – 2006. A. d. Engl. v. Uli Aumüller u.a. S. Fischer, Frankfurt /Main. 430 S., 16,99 Euro.
beim Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin. In der vergangenen Woche wurden 20 hochroth Bände gestohlen. Wir sind erschüttert, aber fühlen uns geehrt. Wir bitten dennoch von Nachahmungen abzusehen!
Von: hochroth Verlag
Neuerscheinungen: Liao Yiwu / Ivo Sachs / Sandra Beasley
hochroth ist ein Modellprojekt zur alternativen Verlagsszene. Durch neue Produktions- und Vertriebswege werden schwerverkaufbare Bücher unters Volk gebracht. Die Finanzierung erfolgt allein aus dem Buchverkauf.
Aufgabe
Förderung innovativer Schriften; insbesondere Lyrik.
Die Bücher sind bei Dussmann das Kulturkaufhaus (Berlin, Friedrichstr.) erhältlich.
Das vollständige Verlagsprogramm kann im Lyrikkabinett, München eingesehen werden.
Es gibt eine Wiederkehr des Totgeglaubten. Die alten Formen erblühen aus den Relikten der Avantgarde. Nicht Gott ist tot, sondern der Atheismus. Religiöse Themen erscheinen den jüngeren Autoren wieder interessant, ja zwingend. Die Weltlage legt sie nahe, manchmal auch die eigene Biographie. Der Lyriker Christian Lehnert ist solch ein Dichter der Wiederkehr. Er schreibt Sonette und sogar Paraphrasen alter Kirchenlieder. Man darf ihn einen religiösen Dichter nennen. …
Lehnert ist ein diskreter Metaphysiker. Er schwenkt kein Weihrauchfass und verfällt nie ins Predigen. Er gewinnt auch den skeptischen Leser – wenn nicht unbedingt für die Sache, so doch für das Gedicht. …
Erstaunlich ist, wie gut hundert Jahre nach Rainer Maria Rilke eine Sprach- und Stil-Lage wiederkehrt, die die Moderne für längst erledigt hielt. / schreibt Harald Hartung über Christian Lehnert, FAZ
Christian Lehnert: „Aufkommender Atem“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 99 S., geb., 19,90 €.
Café Sonntag
Sonntag
20. November 2011 09:05 Ö1
Zum Thema „Kunst und Krempel“. Valie Export, Medienkünstlerin | Annamateur | Ernst Jandl „wien: heldenplatz“
Die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector (1920–1977) war eines der stärksten und vielseitigsten Talente der südamerikanischen Erzählliteratur. Zu Lebzeiten als Ikone der Moderne gerühmt und als Feministin vereinnahmt, ist sie heute nur noch ein Geheimtipp. Eine Wiederentdeckung tut dringend not, meint Felix Philipp Ingold in der NZZ:
Ebenso eigenartig, ja einzigartig wie die erratische Sprachform und die abrupte Erzählweise ist das literarische Weltbild, das sich in die Lispectorschen Texte eingezeichnet findet. Dieses kabbalistisch anmutende Weltbild ist dominiert von der Bipolarität Ich/Gott, die aber nicht auf punktueller Gegenüberstellung beruht, die vielmehr als ein wechselseitiges Ineinanderfliessen vorgeführt wird, bei dem alles mit allem gleichrangig zu korrespondieren scheint. So wie «Gott» alles und zugleich eins ist, nämlich identisch mit der Gesamtheit der Ding- und Sprachwelt, ist «Ich» zugleich jemand selbst und alle andern, zu fassen nur in seiner Unfassbarkeit als Mann/Frau, Mensch/Tier, Leib/Wort, Person/Name, Individuum/Kollektiv. Die Dialektik des Entweder-oder löst sich auf im Sowohl-als-auch gleichgültiger (heisst: gleichermassen gültiger) Multioptionalität, die zuletzt auch grosse Antagonismen wie Liebe/Hass, Lust/Schmerz, Glauben/Wissen sich verflüchtigen lässt.
Als Zugabe ein Gedicht der Autorin
(Die Neue Zürcher beweist auch in diesem Fall ihre Welthaltigkeit. 2002 las ich da: «Ich schreibe Gedichte, nicht um Dichter zu werden, sondern um meine Seele zu üben» nzz 9.2.02)
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