55. Stadtschreiber

Der Schriftsteller und Lyriker Marcel Beyer (Foto) ist der neue Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. Der 46-Jährige Autor von „Flughunde“ wird als „meisterlicher und gewissenhafter Erzähler“ ausgezeichnet, so die Jury. / Die Welt

(Ja, manche kriegen den Rachen nicht voll. Schriftsteller und Poet dazu.)

54. Parallelpoesie

Das hat Durs Grünbein erfreulicherweise noch nicht: In seine Gedichte fließen nicht nur antike Versmuster, sondern auch die präzisen Ergebnisse moderner Wissenschaften. Die Verklärung und die Erklärung der Welt, sie gehen in seinen Werken oftmals in eins. Ob im Picknick der Anarchisten, in dem das letzte Jahrhundert „wie ein einziger Arbeitstag“ vorbeizieht, wie in Xylophon, in dem er der phylogenetischen Entwicklung zusieht, wie sie samt Hängehoden auf die Beine kommt – seine Gedichte übersetzen wissenschaftliche Ergebnisse in versteh- und erlebbare Zusammenhänge, die nicht nur einfach „interessieren“. Grünbein löst die Forderung Niklas Luhmanns nach einer „Parallelpoesie“ ein, „die alles noch einmal anders sagt und damit die Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystems zurückweist“. …

Auf wievielen Ebenen ein „Gutes Gedicht“ funktionieren kann, hat Raoul Schrott erläutert – Durs Grünbein illustriert es zum Abschluss noch einmal mit seiner Poesie. In Erklärte Nacht oder Entführung in alte Gefühle fliegen die Echos zum Mund und der Vers ist ein Taucher – „er konspiriert mit den Sternen.“ / Britta Koth, unser lübeck

53. Zeitschriftenlese

Michael Braun bespricht wieder aktuelle Zeitschriften beim Poetenladen:

Vor fast genau einhundert Jahren hat der größte amerikanische Poet des 20. Jahr­hunderts, der damals sieben­und­zwanzigjährige Ezra Pound, einer erstaunten Öffent­lichkeit sein Glaubens­bekennt­nis verkündet. Es war eine Absage an die her­kömm­lichen Rollen, die man den Dichtern der Moderne zuschreibt. „Ihr sprecht von Genie und Wah­nsinn“, so spottet Pound in Richtung der „geknebelten Reze­nsenten“, „Ich aber werde nicht wahnsinnig werden, euch zu Gefallen, / werde euch nicht ent­gegen­kommen mit einem frühen Tod, / Oh nein, ich werd ausharren, / spüren, wie euer Haß sich zu meinen Füßen krümmt …“
Mit dieser trotzigen Selbst­behauptung hat Pound fast prophetisch sein eigenes Dichter­schicksal vor­weg­genommen. Er durchlief bis zu seinem Tod im Alter von 87 Jahren alle Stadien der Exzentrik und der Dissidenz, die ein Dichter in diesem Jahr­hundert absol­vie­ren konnte. Er exponierte sich als Revo­lutionär der Poesie, dann wandte er sich ab von der Idee der radikalen Freiheit und lieb­äugelte mit dem Fa­schis­mus Benito Mussolinis, bis man ihn jahrelang in eine Anstalt für krimi­nelle Geistes­kranke einsperrte.

(…)

Im Gegensatz zu Freud zieht Stekel eine direkte Ver­bindungs­linie zwischen der Dicht­kunst und der Neurose: „Jeder Dichter ist ein Neu­rotiker.“ Freilich sieht er in der neu­rotischen Struktur des Poeten keinen Mangel, sondern einen unerlässlichen Impuls seiner Produktivität.
Mit solchen vulgärpsychologischen Thesen zur Affinität von Genie und Wahn­sinn bleibt die „Krach­kultur“ ihrem ursprüng­li­chen Programm treu, die Lite­ratur aus der Per­spektive einer radikalen Dissidenz zu betrachten.

Krachkultur, Ausgabe 14 (2012)  externer Link  
Martin Brinkmann, Steinstraße 12, 81667 München. 200 Seiten, 12 Euro.

Selbst bei seinen berühmten dadais­tischen Per­formances in der Zürcher Künstler­kneipe „Cabaret Voltaire“ habe Ball immer „den Rhythmus des Psalmo­dierens der missa solemnis der katho­li­schen Kirche“ mit einbezogen. Bei aller lite­rari­schen Radi­ka­lität der Sprach­zertrüm­merung, so glaubt Ponzi, ging es dem Dadaisten Ball doch darum, „die geistige Einfach­heit und die gewählte Armut des heiligen Fran­ziskus“ zurück­zu­gewinnen. Was bei den Auf­tritten von Ball, Hans Arp und Richard Huelsen­beck als „euphorisches Wort­gelage“ erscheinen mochte, war immer auch ein religiöses Ritual.

Hugo Ball Almanach, Neue Folge 3 (2012)  externer Link
edition text + kritik, Levelingstr. 6a, 81673 München, 184 Seiten, 16 Euro.

Mehr

52. Schewtschenko rules

In der ganzen Ukraine stehen sie: Riesige Statuen von Schewtschenko. In Lemberg beispielsweise ziert ein überlebensgroßes Denkmal den Prospekt Swobody, eine der wichtigsten Straßen der Stadt. Daneben schwappt die bestimmt fünf Meter hohe „Die Welle der Volkswiedergeburt“, ein riesiger Bogen aus Metall, aus dem Boden, gesäumt wird das Ganze von stets gut gepflegten Blumenbeeten. Taras Schewtschenko ist ein ukrainischer Volksheld. Der Dichter ist der Goethe der jungen Republik. Keiner beschreibt die Seele des Landes so treffend wie der 1861 verstorbene Lyriker, heißt es. / Die Welt

51. Stolterfoht und Reinecke

Samstag, 16. Juni 2012, 19:30 Uhr, Eintritt 5 Euro / Erm. 4 Euro

Ulf Stolterfoht und Betram Reinecke lesen in der Lettrétage aus ihren aktuellen „roughbooks“

Bertram Reinecke
Mit Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst erscheint nach neun
Jahren Bertram Reineckes dritter Lyrikband. Gemeinsam ist den
Gedichten des Bandes, dass sie alle fremde Textquellen verwenden. Ein
Großteil sind Centos. Bei diesem Verfahren werden Texte vollständig
aus ganzen Zeilen fremder Texte zusammengesetzt.

Ulf Stolterfoht
holzrauch über heslach, so hieß „ein langes ethnologisches Gedicht
über einen Stadtteil in Stuttgart und ein ‚quasi-autobiographisches‘
Gedicht über gesellschaftliche und politische Träume“ von Ulf
Stolterfoht. Der handapparat heslach versammelt die Quellen und
Materialien aus einer untergegangenen Epoche zum Nutzen späterer
Stämme.

50. Auf Schiefertafeln

Andere Völker singen ihre Gedichte…

Hier ein Gedicht von Marina Zwetajewa, gesungen von Jelena Frolowa

[youtube:http://youtu.be/jlzv4qY4fQw%5D

Hier die deutsche Fassung von Uwe Grüning, aus: Marina Zwetajewa, Gedichte und Prosa. Russ. / dt. Leipzig: Reclam 1987, S. 21

Für S.E.

Auf Schiefertafeln schrieb ichs, ließ die Hand
Es auf die Fältchen welker Fächer schreiben,
Schriebs in den Fluß- und in den Meeressand,
Aufs Eis mit Schlittschuhn, mit dem Ring auf Scheiben, – 

In Bäume, die schon hundert Jahre leben. 
Und mit dem Regenbogen setzte ich
Die Unterschrift, es allen preiszugeben, 
Ans Firmament: ich liebe, liebe, liebe dich! 

Wie wünschte ich, daß jeder mit mir blühte –
An meinen Fingern! – ewig, ohnegleichen!
Und dann: wie ich, die Stirn gesenkt, mich mühte, 
Mit einem Kreuz den Namen auszustreichen.

Du, der in eines Schreibers Hand Gelegte,
Stichst mir ins Herz – sie preßt dich, käuflich, feil!
Du, nicht von mir verkauft, der in den Ring Geprägte!
Bleibst auf den Tafeln des Gesetzes heil. 

18. Mai 1920

Марина Цветаева

С. Э.

Писала я на аспидной доске,
И на листочках вееров поблeклых,
И на речном, и на морском песке,
Коньками по льду и кольцом на стеклах, —

И на стволах, которым сотни зим,
И, наконец – чтоб было всем известно! —
Что ты любим! любим! любим! – любим!
Расписывалась – радугой небесной.

Как я хотела, чтобы каждый цвел
В веках со мной! под пальцами моими!
И как потом, склонивши лоб на стол,
Крест – накрест перечеркивала – имя…

Но ты, в руке продажного писца
Зажатое! ты, что мне сердце жалишь!
Непроданное мной! внутри кольца!
Ты – уцелеешь на скрижалях.

18 мая 1920

Marina Zwetajewa wird 1892 in Moskau geboren (am 8.Oktober vor 120 Jahren!). Ihre Mutter war die Tochter eines Deutsch-Serben und einer Polin. So schrieb sie außer Russisch auch einige deutsche Gedichte. Sie lebte einige Zeit in Italien, der Schweiz, 1904/05 in Freiburg/ Breisgau, 1910 in Dresden. Sie liebt Novalis und Hölderlin und studiert in Paris altfranzösische Literatur. Ihr erster Gedichtband wird von Brjussow, Gumiljow, Marietta Schaginjan und Maximilian Woloschin besprochen – was für ein Start. 1912 heiratet sie Sergej Efron, 1914 verliebt sie sich in Sophia Parnok, 1916 kommt es zur Trennung von Efron (S.E.). Sie verkehrt mit Mandelstam, Brjussow, Balmont, Pasternak, Majakowski, Bely, Blok, schreibt sich mit Rilke.  Efron, der gegen die Bolschewiken agiert, holt sie ins Exil, spät erfährt sie, daß er von Paris aus für den sowjetischen Geheimdienst arbeitet. Efron – der in politische Attentate u.a. gegen Trotzkis Sohn verwickelt ist, kehrt 1938 in die Sowjetunion zurück, sie selber 1939. Efron wird 1941 selbst Opfer von Stalins Terror. Marina Zwetajewa erhängt sich im August des gleichen Jahres und wird in einem Massengrab in Tatarien beigesetzt.

Einzelne Gedichte Russisch und Deutsch hier

49. Yves Bonnefoy liest in München

Mittwoch, den 13. Juni, Amalienstraße 83a, 20 Uhr:

Yves Bonnefoy liest aus Raturer outre / Streichend schreiben (Lyrik Kabinett 2012).

Durch den Abend führen Elisabeth Edl und Wolfgang Matz (Lesung französisch – deutsch)

Yves Bonnefoy (Copyright Mathilde Bonnefoy)

——————————-

48. 13. poesiefestival berlin erfolgreich beendet

Mit einem großen Lyrikmarkt ging am Sa, 9.6.2012 das 13. poesiefestival berlin erfolgreich zu Ende.

Über 11.000 Besucher kamen zu den 52 Veranstaltungen, insgesamt waren mehr als 200 Beteiligte aus 51 Ländern zu Gast, darunter u.a. Michael Palmer (USA), Yan Jun (China), Abdelwahab Meddeb (Frankreich/Tunesien), Ngwatilo Mawiyoo (Kenia), Fátima Miranda (Spanien), Monika Rinck (Deutschland) sowie Max Prosa und die Band Erdmöbel.

Das 13. poesiefestival berlin hatte einen politischen Fokus. Autoren aus Syrien sprachen über ihre Sicht auf die Revolution im Land, Dichter aus Äthiopien, Kenia und Ägypten diskutierten über die Situation in den Ländern entlang des Nils und die Rolle, die die Poesie bei der Bewältigung der Probleme spielt. Mit renshi.eu feierte ein Kettengedicht seine Premiere, bei der Dichter aus allen EU-Ländern ihre Gedanken zur Krise Europas zu Wort brachten. Ausgang und Abschluss für das Kettengedicht schrieb der griechische Dichter Yannis Stiggas. Die Texte sind ab 13.9. auf der Webseite www.lyrikline.org zu hören und zu lesen.

Das 13. poesiefestival berlin findet statt vom 1. – 9.6.2012 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg. Weitere Informationen unter www.literaturwerkstatt.org.

47. Dichter des Wortes

Wenn man das Wort Gedicht lang genug auf Käsekuchen anwendet, kommt es als Überraschung zurück, wie hier, frei übersetzt: „Zwei Dichter des Wortes verzaubern ihr Publikum unterm Sternenzelt“.

Vénéjan. Deux poètes des mots enchantent leur public sous un ciel étoilé / Midi libre

46. Politischer Akt

Noch ein Auszug aus Cornelius Wüllenkempers Festivalbilanz (Grass hat mit zwei schnell hingeschriebenen politischen Gedichten tatsächlich geschafft, was ihm zuletzt mit Gedichten nicht mehr gelang, er ist überall dabei):

Selbst bei der eigentlich spielerisch-unterhaltend programmierten Poet’s Corner, bei der Autoren an öffentlichen Orten in Berlin ihre Werke vortrugen, dichtet der deutsche Lyriker Hendrick Jackson in „Das Ende des falschen Propheten“ über den Tod von Osama Bin Ladin:

„Jemand liebt den Tod mehr als die Freiheit
Ein anderer liebt die Freiheit mehr als den Tod
Ein Dritter liebt Freiheit und Tod,
kann sich aber unter beidem nichts vorstellen …“

Beim Poesiefestival war in diesem Jahr vor allem eine junge Generation von Dichtern zu erleben, die, wie es die Britin Jen Hadfield ausdrückte, Lyrik weniger als programmfreie Sprachästhetik versteht, denn als politischen Akt, als die freieste und individuellste Ausdrucksform der persönlichen Weltwahrnehmung. So erklärten sich auch die Organisatoren der Literaturwerkstatt die durchweg große Resonanz beim Publikum damit, dass Lyrik – wie zuletzt bei Günter Grass – heute vor allem dann für Aufsehen sorgt, wenn es um die unmittelbare sprachliche Übersetzung der Weltgegenwart geht. / Cornelius Wüllenkemper, DLF

45. Lübecker Lyrik-Festival

Es ist das erste Lübecker Lyrik-Festival im Grass-Haus; am Donnerstag fand der zweite Abend statt; drei Schweizer AutorInnen reisten aus den Bergen extra für ihn ans Meer: Lea Gottheil, Ilma Rakusa und Christian Uetz. / Unser Lübeck

44. WochenGedicht

Wochengedicht #10: Ulrike Draesner (kommentiert von Rudolf Bußmann) / Tages Woche

43. Erdgebunden

Der Erde, so heißt es in Wulf Kirstens Gedicht „die erde bei Meißen“, schreibe er „beidhändig ins gästebuch“ einen „einsilbigen gruß“. Dieses Gedicht schrieb der 1934 in Klipphausen bei Meißen geborene Steinmetzsohn im Alter von dreißig Jahren. Das darin zum Ausdruck kommende Bewusstsein, nur Gast auf dieser Erde zu sein, hat sich bis in die Gedichte der jüngsten Zeit gehalten.

Eine Sammlung mit Gedichten aus den Jahren von 1954 bis 2004 trägt den Titel „erdlebenbilder“ und im „Stimmenschotter“ – so der Titel des 1993 erschienenen Gedichtbandes – sucht er nach dem verlässlichen und unverwechselbaren Ton. In der Sprache wendet er sich dem Erdreich zu und beide will er in seinen Gedichten kultivieren. Die dadurch entstehenden Sprachskulpturen, zeichnen sich durch einen außergewöhnlichen Reiz aus. Kirsten vermag Punkte in der Landschaft zu einer Linie zu verbinden, die dem Wort Schönheit einen Halt zu geben vermag.

… Diese Naturgedichte sind erdgebunden und weisen doch von der Landschaft immer wieder auch in gesellschaftliche Räume, in die Individuen von einer launischen Natur hineingestellt worden sind. / Michael Opitz, DLR

Wulf Kirsten: fliehende ansicht
Gedichte, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
80 Seiten, 16,95 Euro

42. Konstantin Neven DuMont macht den Grass

Seit die Zeit fleißig gegossen hat, geht die politische Dichtung blühenden Zeiten entgegen. Doch doch. Neustes Beispiel:

Es gibt mal wieder was Neues von Konstantin Neven DuMont: Der Sohn von Verleger Alfred Neven DuMont (u.a. Express, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung) übt sich seit neuestem öffentlich in politischer Dichtkunst. Auf seinem Google+ und seinem Facebook-Profil hat er ein Gedicht in bester Günther-Grass-Manier gegen die Verschwendungssucht der herrschenden Klasse veröffentlicht. Auf Reime habe er “bewusst verzichtet” schreibt Konstantin Neven DuMont dazu.

Hier ein Auszug aus dem politischen Gedicht Konstantin Neven DuMonts.

“Die Armen bekommen Peanuts
damit sie ihre Klappe halten”.

/ meedia.de

41. Neues Interesse an Politik?

Abseits des poetisch-musikalischen Programms des diesjährigen Berliner Festivals standen Themen im Vordergrund, die in Dichterkreisen, wenn überhaupt, bisher gern als zweitrangig betrachtet wurden und mit denen der deutsche Moralpoet Günter Grass erst unlängst für Entrüstung und für Spott gesorgt hatte: unverhüllte politische, gesellschaftliche oder religiöse Gegenwartsfragen. Das Festival-Projekt renshi.eu griff die griechische Krise der EU, die Frage nach Politik, Markt und Solidarität auf. Dichter aus den 27 EU-Mitgliedsstaaten und dem assoziierten Kroatien hatten in Form des Renshi, eines japanischen Kettengedichts, Bilder von Europa versprachlicht.

Die 1980 in Litauen geborene Lyrikerin Gabrielė Labanauskaitė verglich in ihrem Renshi-Beitrag die europäischen Regierungschefs mit Vätern, die Wirtschaft mit Müttern, die Börsenkurse mit Schwestern, das Kapital mit Brüdern und die Presse mit Cousins. Am Ende kam Labanauskaitė zum ernüchternden Schluss, dass sie selbst schon lange Waise sei. / Cornelius Wüllenkemper, DLF