100. totsein ist gut in amerika

In der zeitgenössischen Lyrik gibt es immer noch ein wichtiges Spannungsfeld, nämlich dass ein Dichter in sich hineinhorcht, dass er versucht, sich bis in die Nervenfasern zu spüren, um empfindsam seine Umwelt in sich aufzunehmen. Und dass er dann im Ausdruck seines Gedichts ein großes Ich in die Welt zu setzen pflegt; zugleich kann er nicht anders, als die völlige Nichtigkeit eines jeden Ichs im Raum-Zeitgefüge zu erkennen – was jedweder empfundenen Einmaligkeit einen relativierenden Dämpfer gibt. In genau diesem Spannungsfeld steckt auch Peter Gizzi. Und er lotet es in vielerlei Richtungen aus: Er fischt nicht mit kurzen Gedichten nach schnellen Pointen, sondern umspult und umgarnt in immer neuen Anläufen Naturbeobachtungen, biografisch-historische Begebenheiten, Phänomenologisches, Wissenschaftlich-Reflektiertes – das, was war, und das, was ist, wird in einen großen Topf geworfen und dann wird ein Feuer darunter entfacht und umgerührt; alles relativiert sich, so die Botschaft, die Gizzi auch in seinem lyrischem Testament, den prosaisch-durchnummerierten „Apokryphen“ weitergibt:

An die Times Roman gebe ich mein Stammeln, meine Verbissenheit, meine Neue-Welt-Gewalttätigkeit, Form und all das, Formulare, und all das Papier, Windstöße. Kleine Strebwerke. 

Ich sende liebe Grüße und Waffen an jeden, der von nächtlichen Visionen besessen ist.

In einem Interview betont Peter Gizzi die Rolle, die das Nichtwissen beim Schreiben seiner Gedichte spielt. Vor allem das Nichtwissen ist in der Lage, Realität in einem Gedicht zu erzeugen, so Gizzi. Man spürt beim Lesen seiner Gedichte, dass sie von einem intuitiven Geist mitgetragen sind. Das macht es dem Leser nicht immer einfach: Gizzi klebt nicht lange an den Bildern, die er entwirft, sondern zwingt seine Leser, ständig im Kopf umzuschalten; es gibt kein mildes Nachschmecken, sondern vielmehr ein Zack! – und ein neues suggestives Bild kreuzt den imaginären Blick, nimmt einen mit in eine wieder andere Gedankendrift. – / Arne Rautenberg, DLF

Peter Gizzi, totsein ist gut in amerika
luxbooks-verlag, 200 Seiten, 24 Euro

99. Phonetisch und gedanklich

Für sie scheint das Deutsche ein Kraftquell der Phonetik zu sein, ihre Lust an der Sprache bewegt sich oft jenseits syntaktischer Zwänge und gedanklicher Logik. Sie fühlt sich dem „Wallungswert“ eines Wortes verpflichtet, einem Begriff, mit dem schon Benn operierte und  der die Kraft eines Wortes jenseits des Bedeutungs- und Informationsgehaltes taxiert. Traumwandlerisch sicher folgen die Gedichte von Dagmara Kraus dem Faszinosum des Klangs, dabei werden sie oft selbst zu einer Worterfindungsmaschine:  „befodsiges gegenrupflein/vonfözen erongbar!/abschwymter/obenpubslein sonderstöpslich!/söser schnades/ unterbubster abquörtling!/ blörscher songser/anstörtzling/entlördtling!/“ Was sich in dem Gedicht „vermotzling“ zunächst wie eine krude Mischung aus lyrischer Flatulenz und obskuren Waldpilz-Sorten anhört, entpuppt sich bei näherem Hinlesen als eine Hommage an den deutschen Umlaut „ö“. Im Grunde hat man an keiner Stelle das Gefühl, dass solche Neologismen reiner Willkür entspringen, sie folgen einem unterschwelligen poetischen Strom, einem intuitiven Flow. Einer Stringenz übrigens, die Bedeutung nicht von vornherein ausschließt. In dem Gedicht „ausdruck, saure wiesen“ lohnt es sich, einmal auf die Adjektive zu achten: „grell trotzt ein kleerot/dem brastigen Krachen/ der mokkagapf gegenüber/lüpft seine serbelnden schatten/an straubigen hängen webt/ginsterersatz müden blust/um hurstige katen.“ Bei diesen Neuschöpfungen hat man durchweg das Gefühl, sie treffen die sinnliche Eigenschaft der benannten Landschaft weitaus besser als konventionelle Adjektive.

„Komplexe Fachsprachverkettungen“ werden den Gedichten von Kraus von der Kritik gern bescheinigt. Das stimmt, aber im Unterschied zu vielen zeitgenössischen Dichter/innen, die sich selbst so gern einen hohen artistischen Anspruch bescheinigen und zur zeitgenössischen poetischen Avantgarde zählen, dienen Neologismen und Fachsprachen bei ihr nicht dazu, den Gedichten mit Vokabeldoping auf die Sprünge zu helfen. Es ist eher eine geradezu lexikalische Lust an Sprache, als gehe sie mit einem Metalldetektor darüber, um Worte und Wortbestandteile mit entsprechender Legierung aufzuspüren. Dass dabei oft nicht nur ein phonetischer, sondern auch gedanklicher Mehrwert herausspringt, ist für den Leser eine beglückende Erfahrung. / Hellmuth Opitz, fixpoetry

Dagmara Kraus: kummerang, kookbooks _ Reihe Lyrik _ herausgegeben von Daniela Seel _ Band 25 80 Seiten, gestaltet von Andreas Töpfer, Broschur mit Umschlag-Poster, 19.90 Euro, ISBN 9783937445502

98. Warum?

Als ob die Frage neu wär. Die Trennung der Dichtung von ihrer mythischen Funktion, passierte das nicht bei den Griechen vor 2500 Jahren? Erfanden die nicht deshalb Literatur und Wissenschaft? Gottfried Benn jedenfalls hat es nicht so mit der Sonderstellung der Lyrik, er fragt: „Warum reimen wir oder zeichnen…“ Honoraraussicht ist es nicht, man weiß. Künftiger Ruhm wohl auch nur bedingt. „Unser Grab erwärmt der Ruhm?“ fragt Heine und erteilt Antwort: „Torenworte! Narrentum! / Eine beßre Wärme gibt / eine Kuhmagd, die verliebt / uns mit dicken Lippen küßt“ pp. Benn weiß die Antwort auch nicht, bzw. gibt sie nur poetisch, auch das ist nicht neu und wird trotzdem gemacht: „Die Poesie ist unentbehrlich – wenn ich nur wüßte, wozu“ (Jean Cocteau). Aber warum leichtfertig die Absage an religiöse Verklärungsmodelle aufs Spiel setzen, wie Benn sie gut Bennsch („Das wollen wir Mosebachs überlassen“) in den ersten 3 Zeilen gibt?

Satzbau

Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
und die ist dringend:
warum drücken wir etwas aus?

Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?

Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehn,
aber heute ist der Satzbau 
das Primäre.

„Die wenigen, die was davon erkannt“ – Goethe –
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau.

Entstanden am 23.3.1950, Erstdruck 1951

Benns Antwort schafft nicht eine neue Verklärung, sondern antwortet charmant poetisch im Sinne seines Absage-Modells. Das kann man interpretieren, es ist genauso billig und daher beliebt wie wenn man es eben weil „sonst“ unbeantwortbar als Atavismus erklärt. „Nein, es ist ein Antrieb in der Hand“ – reicht das nicht? Warum können wir uns nicht damit zufrieden geben, daß es gemacht wird weil es gemacht wird? Nicht eine neue Heilslehre, sondern Artistik selbst als ihr eigener Wert.

Benns Gedicht vermischt wie immer „gut Bennsch“ mit „schlecht Bennsch“. „Auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus“,   ein Unterleibswitz, na gut. Schon zu Benns Zeiten gab es auch Artistínnen. (Fängt nicht die Lyrik mit Sappho an?) Auch ist seine Gegenüberstellung von „Form“ und „Inhalt“ nicht unbedingt auf dem Stand der Diskussion (obwohl heute auch wieder beliebt).

Vielleicht unerwartet kommt Benns frommer Kollege Brockes zu Hilfe. Sein Lebenswerk „Irdisches Vergnügen in Gott“ praktiziert eine Art privaten Gottesdienst ohne Kirche. Man muß nur in den Garten gehen und beobachten. Und Sätze bauen. (Wenn das religiös ist – um so besser!).

Innerhalb des Brockesschen Modells gibt es Spielraum für alles. Die folgende Passage erklärt uns ohne jede Priestergebärde, wozu weltliche Lieder gut sein können:

Stimmt nicht so mancher Handwerks-Mann
Ein frohes Lied bey seiner Arbeit an?
Versüsset er sich nicht dadurch die saure Müh?
Er fühlt nicht einst den Schweiß;
Es mehrt in ihm die Poesie
Die Lust zusammt dem Fleiß,
Und mindert ihm sein Unvergnügen.

Ich mag das Ganze jetzt nicht abtippen und nehme Brockes im Zitat in meine Anthologie. Mit meinen Hausheiligen (Benn & Brockes sind dabei) trotze ich dem neuen Religionssgeschwurbel. Worum gehts hier eigentlich? Ich nehme an, um Satzbau.

97. Kommt, ihr Geister!

In seinem neuesten Buch zeigt Schlaffer, wie eine ganze Gattung die Neuzeit hintergeht. Lyrik ist, so liessen sich Titel und Untertitel erläutern, ein archaisches Sprechen, das seltsamerweise unter Bedingungen der Moderne überlebt hat. Die ältesten überlieferten Gedichte Europas und Asiens sind zweckgebunden: Kultlieder und Zaubersprüche, die «Götter gnädig stimmen, Krankheiten heilen, Missernten abwenden, den Feinden schaden» sollen. Um den übernatürlichen Wesen – Göttern wie Dämonen – Eindruck zu machen, entwickeln die sterblichen Menschen kunstvolle Formen der Anrufung, der Preisung, der Beschwichtigung, der Bannung. Im geschichtlichen Rationalisierungsprozess geht der Zweck dieser «Geistersprache» verloren, die Mittel aber bleiben. Und sie vor allem sind es, denen grosse Poesie ihre Wirkung verdankt.

Gut, wird mancher nun sagen, unbestreitbar geht die Lyrik auf kultische Anfänge zurück. Reden wir heute aber von der «Sprachmagie» eines Dichters, dann ist damit doch nichts anderes gemeint als seine Fähigkeit, seiner individuellen Erfahrungswelt in klangvollen und rhythmisch mitreissenden Versen Gestalt zu verleihen. Genau dieses seit der Goethezeit dominierende Subjektivitätsmodell der Lyrik will Schlaffer jedoch entkräften. Das lyrische Ich auch in neuzeitlichen Texten ist für ihn weit eher eine kultische Instanz als ein Privatmensch, der sich mitteilt. Gedichte, so die aufregende Grundthese, wenden sich von der Sprechhaltung her eigentlich gar nicht an ihre Leser; sie machen diese vielmehr zu Zeugen einer Kommunikation mit dem Übernatürlichen. Nur deshalb können sie ein Publikum «verzaubern». …

Rezepte für den «richtigen» Umgang mit Gedichten gibt er nicht, sondern bekundet am Ende nur seine Skepsis gegenüber der sinnversessenen Interpretation. Dass das Lesen von Gedichten noch in der Moderne ein kultisches Fest ist, wenn auch ein einsames, weist er jedenfalls überzeugend nach. / Manfred Koch, NZZ

Heinz Schlaffer: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. Carl-Hanser-Verlag, München 2012. 204 S., Fr. 29.90.

96. Lyrikseiten

Johanna Nikulski-Dirks

erfassung

dreizehn seiten haut | auf dreißig seiten nacht
vier seiten engel | fünfunddreissig | küsse

vier mal kristalle | einhundertsechsundsiebzig | tränen
zu vierhundertdreiundzwanzig | doppeltes ausrufezeichen | herzen

dreihundertachtzehn himmel | dreiunddreißig mal zittern
neunundzwanzigster februar zweitausendzwölf

95. Gomringer-Film

Jung, weiblich, eigenwillig, kreativ und sehr erfolgreich – mit nur 30 Jahren wurde die fränkische Lyrikerin und Performance-Künstlerin Nora Gomringer Leiterin des Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg, mit 31 erhielt sie den wichtigsten deutschen Sprachpreis, ein Jahr später den renommierten Ringelnatz-Preis für ihr dichterisches Werk. Eine Erfolgsgeschichte im Sauseschritt. …

Nora Gomringer fragte nicht lange und nahm die Herausforderung an, die renommierte Kultureinrichtung des bayerischen Freistaats ohne große Erfahrung zu managen. Nebenher dichtet und performt sie als eine der wichtigsten und eigenwilligsten Stimmen der „Spoken-Word“-Szene Deutschlands mit beachtlichem Erfolg weiter. Zudem etablierte Nora Gomringer als Pionierin der deutschen Slam-Szene das viel beachtete Poetry Slam Festival in Bamberg.

Schreibt der BR unter der Überschrift

Nora Gomringer: Ein Ausnahmetalent made in Franken

Der Film läuft am Dienstag, den 24.7., in der Reihe „Vor Ort“ im BR um 21:15 Uhr.

http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/vor-ort-die-reportage/kulturmanagerin122.html

Für die Gaga-Renommiersprache der Medien kann die Autorin natürlich gar nichts. Der wichtigste Sprachpreis, jaja (auch sehr hoch datiert und nicht ganz unproblematisch, kann man vom BR erwarten, daß er das weiß? Na also.) Die Superlative kommen im Doppelpack. Der renommierte Preis, die renommierte Kultureinrichtung (Superlativ haben sie sich da nicht getraut, aber Hauptsache Renommé). Der eigenwilligsten Stimmen eine, kann sogar sein. Der Erfolg ist beachtlich und das Festival viel beachtet. Und sowieso eine Ausnahme. Ein Ausnahmetalent. In Schwaben gilt das als Regel (der Schiller und der Hegel und so), in Franken halt als Ausnahme. – Normalerweise müßte ein solches Aufgebot skeptisch stimmen, aber wahrscheinlich ist das überinterpretiert. Vielleicht lernt man auf Journalistenschulen einfach nicht, daß man ab und zu ein überflüssiges Adjektiv weglassen kann. Oder verlernts schnell in der Praxis. Der Film aber kann trotzdem gut sein.

94. Metaphern für Schmerz

In einer Veranstaltung in der Pakistanischen Akademie der Künste  – Pakistan Academy of Letters (PAL) – wurde unter dem Titel „Schmerz in eine Metapher verwandeln“ der Gedichtband ‘Write me in Red’ der Lyrikerin Sadaf Raza diskutiert.

Es ist ihr zweiter Band nach ‘Like a Sleepwalker’. Ihr neues Buch soll bei Kampagnen gegen häusliche Gewalt eingesetzt werden.

Publikum und Diskussionsteilnehmer feierten die Freiheit des Ausdrucks, Poesie und den Zauber der Worte. „Write me in Red“ drücke Mut, Haltung und Selbstvertrauen gegenüber von Frauen erlittenes Blut, Leiden und Grausamkeit aus.

Zeilen aus dem Buch wurden vorgetragen: „Ich bin dazu da, in Rot geschrieben zu werden. Es ist die Farbe meiner Wut. Die Farbe meines Aufstands. Die Farbe meiner Unschuld. Rot steht mir.“

Jehan Ara Mueen sagte, daß Sadaf über Frauen schreibe, die ihre Gefühle hochhalten und mit Erinnerungen und Erfahrungen gegen ihre Ketten und die erdrückenden Traditionen unserer Gesellschaft ankämpfen. Mufti Jamiluddin sprach von einer großen Stimme des Aufbegehrens. Samar Minallah las ihr Gedicht ‘Smithereens on Rape’ (Splitter über Vergewaltigung) und sagte, Sadaf habe den Schmerz und das Trauma der Vergewaltigungsopfer und ihrer Familien ausgedrückt. Tahira Abdullah sagte, Sadaf trage die Wut gegen diese ungerechte Gesellschaft in sich, aber das habe sie nicht bitter und zynisch gemacht.

Iftikhar Arif sagte, daß überall in der Welt große Dichtung von Autorinnen geschrieben werde und fügte hinzu, in dieser Zeit müsse sie sich auf all diese Frauen beziehen und sich nicht allein auf Silvia beschränken. Er sagte, man dürfe nicht Liebeslieder singen, wenn das Haus brennt. Sie tue was getan werden müsse. Literatur wolle nicht nur unterhalten, sondern schockieren und im Leser Emotionen wie Wut, Freude, Trauer und Verachtung hervorrufen. / The news 23.7.

93. Eine Schule ohne Gedichte aufsagen …

… fordert, laut Bericht des Lokalteils der Süddeutschen Zeitung, der Philosoph Richard David Precht: „Eine Schule, in der Kinder nicht wie leere Töpfe gefüllt werden, sondern denken und Wissen organisieren lernen“, also „handlungs- undproduktionsorientierter Unterricht“ im Sinne der Reformpädagogik. Denn: „Die Schule bräuchte eine komplette Revision, aber es ist ein System, das sich selbst erhält.“ Recht hat er (finde ich). Und dass er im Deutschunterricht „lieber Gedichte schreiben als zerlegen lassen“ will, scheint mir (solange nicht die komplette Lyrik von vor 2012 über Bord geht) auch nachvollziehbar. Aber dass es „zum Beispiel mithilfe aufstrebender Bachmann-Preisträger, die am Existenzminimum [leben]“, geschehen sollte, das klingt dann doch ein bisschen nach jenem Vorschlag, aus Schlecker-Mitarbeiter/innen, die ihren Job verloren haben, flugs Erzieher/innen zu machen.

92. Kolf aus Braşov

Elke Erb

Erdbeben

Das (gestern Nacht,
als es hier stürmte, Natur sprach, die
strenge draußen, die mir gefiel, eine Strenge
spielte–) Erdbeben in ganz Europa
ließ Hochhäuser einstürzen in Bukarest.
„In der Innenstadt, im Zentrum.“
„Und in Braşov, wo Kolf wohnt.“
„Kolf, welcher Kolf?“
„Kolf aus Braşov.“

März 1977

Aus: Elke Erb: Vexierbild. Berlin und Weimar: Aufbau 1983, S. 7.

91. Für eine Poetik der Anthologie

Selbstanzeige

Nice to have – und mehr als das

Für eine Poetik der Anthologie

Von Felix Philipp Ingold

Anthologien machen einen beträchtlichen Teil der aktuellen Buchproduktion aus – sie kommen dem weit verbreiteten Bedürfnis nach rascher Information, ordnender Übersicht, repräsentativer Auswahl entgegen. Ob „Seneca für Manager“, „Hesse für Minuten“, „Schopenhauer zum Vergnügen“, „Gedichte über den Mond“, „Deutsche Bräuche in Gedichten“ oder einfach „Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart“ – literarisches Kurzfutter dieser Art ist gefragt, wird dementsprechend reichlich produziert und ist gemeinhin stapelweise vorrätig in Grossbuchhandlungen, an Bahnhofskiosken und Autobahnraststätten.

Anthologien sind nice to have, finden sich vorzugsweise im Urlaubsgepäck oder auf dem Klubtisch zwischen TV-Gerät und Sofa. Das Interesse des Feuilletons bleibt dieser Textsorte allerdings ebenso weitgehend versagt wie das der Literaturwissenschaft. Was durchaus nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, dass Anthologien in aller Regel nichts Neues zu bieten haben; dass sie vielmehr darauf angelegt sind (und schon immer darauf angelegt waren), bereits vorhandene Materialien unter bestimmten Gesichtspunkten (nach Epochen, Themen, literarischen Gattungen oder Textsorten) zu kompilieren, sie gegebenenfalls zu bearbeiten, zu kürzen usf.

Als grundlegendes Ordnungsprinzip gilt nach wie vor die Chronologie, unabhängig davon, ob eine Nationalliteratur, ein Epochenstil oder das Werk eines einzelnen Autors in repräsentativer Auswahl anthologisch vorgeführt wird. Als „repräsentativ“ gilt eine „Auswahl“ gemeinhin dann, wenn sie dem Qualitätsprinzip folgt, wenn sie also – dem griechischen Begriff der Anthologie als „Blütenlese“ entsprechend ‒ der Leserschaft „the best of“ vor Augen führt. Es mag sich um „Liebesgedichte“ des Barock, um „Sonette“ von Friedrich Rückert oder Joseph Brodsky, um „Weihnachts-“ oder „Kriegsgeschichten“, um „Prosagedichte“ des Jugendstils handeln – in jedem Fall besteht das Anliegen (auf Herausgeber- wie auf Publikumsseite) darin, die besten Texte zu einer repräsentativen Auswahl zusammenzuführen.

Nur scheint kaum jemand zu bedenken, dass die besten Autoren eine literarische Epoche ebenso wenig zu repräsentieren vermögen wie die besten Texte eines Einzelautors dessen Gesamtwerk. In Bezug auf eine Epoche, auf einen Autor sind nicht die „besten“, mithin die seltensten Texte repräsentativ, sondern jene, die in durchschnittlicher Qualität am häufigsten vertreten sind. Dass auch „beste“ Autoren – von Goethe bis Rilke und Celan ‒ insgesamt weit mehr mittelmässige denn „beste“ Texte geliefert haben, ist durch ihre Werkausgaben klar genug belegt. Kriterien wie „repräsentativ“, „typisch“, „charakteristisch“ haben, entgegen den üblichen Vorurteilen und Erwartungen, primär mit Quantität zu tun, können also logischerweise nicht mit „the best of“ abgedeckt und abgegolten werden.

So betrachtet können Anthologien im Regelfall gerade nicht als stellvertretend gelten für das, was sie angeblich objektiv dokumentieren. Objektivität könnte einzig dadurch erreicht werden, dass die „Blütenlese“ ausser raren Orchideen auch Feld-, Wald- und Wiesenblumen, ja sogar Unkraut in die Auswahl einbezöge, das heisst die gesamte literarische Flora, von der Epochen- und Personalstile gleichermassen geprägt sind. Damit könnte sich die Anthologie von ihrem unbedarften didaktischen Image emanzipieren, könnte zur Fundgrube werden für verkannte, verfehlte, verfehmte Texte, die zusammen mit den Meisterwerken einen Kontext bilden, den man in Bezug auf ihr jeweiliges Zeitliches oder thematisches Einzugsgebiet für repräsentativ halten dürfte. Die Anthologie wäre dann weit mehr als bloss eine Bestätigung des geltenden literarischen Kanons, für den ausschliesslich das Beste gut genug ist und der sich an Leuchttürmen, an Berggipfeln orientiert, ohne auf deren Grundfesten – die Literaturproduktion in ihrer ganzen Breite ‒ zu achten.

II

Solche Beachtung wollte ich der russischen Lyrik der vergangenen zweihundert Jahre verschaffen mit meiner Textsammlung „Als Gruss zu lesen“*, einem zweisprachigen Reader, der sich nach Umfang und Konzept von allen bisherigen Anthologien (nicht nur zur russischen, auch zur deutschen Poesie) markant unterscheidet.

Die Sammlung ist darauf angelegt, neben kanonisierten Meistern auch weniger bekannte und selbst völlig vergessene Dichter zu Wort kommen zu lassen, die zur Lyrik Russlands zwischen Aleksandr Puschkin und Bella Achmadulina das Ihre beigetragen haben, ohne jedoch in die Literaturgeschichte einzugehen oder gar im allgemeinen Leserbewusstsein zu überdauern ‒ einstmals erfolgreiche Modeautoren aus dem literarischen Mittelfeld gehören ebenso dazu wie marginale Talente, die mit vereinzelten hochrangigen Gelegenheitsgedichten aufwarten können, nicht aber mit einem nachhaltigen Lebenswerk, das sich mit ihrem Namen identifizieren liesse.

Die Anthologie „Als Gruss zu lesen“ präsentiert weit über einhundert Autoren mit je einem Gedicht, die meisten davon in deutscher Erstübersetzung. Die Abfolge der Gedichte verläuft umgekehrt zur Chronologie, beginnt mit den jüngsten zeitgenössischen Autoren und Texten und entwickelt sich gleichsam archäologisch zur Vergangenheit hin – der Verlauf entspricht mithin einer gewöhnlichen, um nicht zu sagen: einer natürlichen Retrospektive, die sich vom Gegenwärtigen und Vetrauten allmählich abhebt und durch die Geschichte zu den vorgegebenen Anfängen zurückführt, in diesem Fall zu den Anfängen der neuzeitlichen russischen Dichtung im Zeitalter Puschkins, Shukowskijs, Batjuschkows.

Klar ist, dass ein einzelner Text weder für den jeweiligen Autor noch für die entsprechende literarische Epoche repräsentativ sein kann. Das Ziel besteht hier jedoch darin, aus möglichst vielen, formal wie thematisch möglichst unterschiedlichen Einzelstücken eine repräsentative Bestandsaufnahme der russischen Lyrik insgesamt zu erstellen. Diesem Ziel dient nicht zuletzt der umfangreiche Kommentar, der jeden Autor und jeden Text separat einführt und einordnet. Kanonisierte beziehungsweise schulbuchtaugliche Gedichte haben, der Wirklichkeit des literarischen Lebens entsprechend, am Gesamtbestand der Anthologie einen verhältnismässig geringen Anteil; stärker vertreten sind vergessene Gedichte von kaum noch bekannten Autoren (Batenkow, Liwschiz, Petrowych, Parnok u.a.m.), die aber qualitativ hinter dem Kanon nicht zurückstehen. Andererseits mussten, um die kollektive Repräsentation der neueren russischen Dichtung zu gewährleisten, auch manche Texte minderer Qualität aufgenommen werden, wie sie etwa für die 1860er/1870er oder die 1940er/1950er Jahre charakteristisch und im Literaturbetrieb dominant gewesen sind.

Dazu kommt, dass Russlands literarische Kultur ohne Berücksichtigung der Übersetzung nicht adäquat darzustellen ist. Dichterisches Übersetzen gilt hier als eine Spielart dichterischen Schreibens schlechthin und hat sich seit der Puschkinzeit so weitgehend verselbständigt, dass die Übersetzer in vielen Fällen als Autoren auftreten und ihre Nachdichtungen als Originalgedichte deklarieren. Diese besondere Art des Übersetzens als Poesie bringe ich in meiner Anthologie ebenso zur Geltung (etwa mit Texten von Annenskij, Brjussow, Iwanow) wie das Dichten in Fremdprachen, das in der russischen Exillyrik (etwa bei Nabokow, der Zwetajewa oder Brodsky) zu höchster Qualität entwickelt wurde.

Natürlich hoffe ich und wünsche ich mir, dass meine am Leitfaden der russischen Dichtung hier erstmals angewandte Poetik des Anthologisierens auch in Bezug auf andere Nationalliteraturen produktiv gemacht und allenfalls noch differenziert wird. Darüber hinaus besteht meine Ambition darin, die Anthologie als eigenständige Textsorte plausibel zu machen und durchzusetzen. Wie ungern freilich gängige Erwartungen aufgegeben werden, ersehe ich aus den wenigen bislang vorliegenden Besprechungen.

Als befremdlich wird allein schon die umgekehrte Chronologie empfunden, als noch befremdlicher die Beschränkung auf ein Gedicht pro Autor, und vollends inakzeptabel scheint die Aufnahme solcher Dichter und Texte zu sein, die dem Qualitätsstandard des Kanons nicht entsprechen. Dass eine schockierte Rezensentin eines der von mir präsentierten Gedichte als Druckfehler- beziehungsweise „Buchstabensalat“ verkennt, offenbart ja nicht nur, dass sie meinen Kommentar dazu nicht gelesen hat, es zeigt auch, dass in einer historisch konzipierten Anthologie experimentelle Texte nach wie vor nicht erwartet werden und schon gar nicht gefragt sind. Solchen Vorurteilen entgegenzuwirken, war für mich ein zusätzliches Motiv bei der Ausarbeitung dieses grossen Lyrikbuchs, das nun „als Gruss zu lesen“ ist.

*) Felix Philipp Ingold, „Als Gruss zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-Deutsch. Dörlemann Verlag, Zürich/Hamburg 2012; 533 Seiten, mit Abb.

90. Found poems

Found poems are unintentional poems that are ‘uttered’ in the course of everyday life by a person or event. They are captured into poetic form by someone else who ‘hears’ or ‘sees’ a poem where no poem was intended.

They create an amazing dynamic and prompt all sorts of questions, like:
‘Who is actually the poet?’
‘Would the poem have existed had it not been appropriated and interpreted by someone else?’
‘Is it not impertinent to turn someone’s words or actions into a poem?
‘Do you not need permission to do this?’ / Patricia Schonstein, Südafrika

89. Die deutsche und die rumänische Lyrik

Nora Iuga gehört zu den bedeutendsten rumänischen Gegenwartsdichtern. Ende der 1960er Jahre begann sie ihre literarische Karriere als Mitglied der Literaturgruppe „Grupul oniric“. Neben ihrer dichterischen Laufbahn ist Nora Iuga besonders aufgrund ihrer Arbeit als Übersetzerin deutscher Werke berühmt geworden. 2007 verlieh ihr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland. Trotz ihrer 81 Jahre ist die Dichterin noch sehr aktiv. 2010 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, „Die Sechzigjährige und der junge Mann“. Im Frühjahr überraschte Nora Iuga mit einer weiteren Premiere während der deutschsprachigen Literaturtage in Reschitza. Sie stellte ihre ersten Gedichte in deutscher Sprache vor. Ein Exkurs für die bedeutende Dichterin. ADZ-Redakteur Robert Tari sprach mit Nora Iuga über die Entwicklung der rumänischen Gegenwartsliteratur und ihre ersten dichterischen Versuche in einer anderen Sprache.

Auszug:

Sie haben viel als Literaturübersetzerin gearbeitet und vertreten die Ansicht, dass ein Dichter sich nur in einer Sprache ausdrücken sollte. Was waren die Schwierigkeiten während des Entstehungsprozesses Ihrer ersten deutschen Gedichte? 

Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich mich für meine deutschen Gedichte nicht abmühen musste, eigentlich war es fast schon ein Wunder. Wenn ich das sage, runzeln wahrscheinlich manche Dichter die Stirn. Besonders junge Dichter, die eine andere Vorstellung von Lyrik haben und weniger an eine Form von unbewusster Inspiration glauben, so als wäre das Gedicht einem vorgegeben. Ich aber glaube daran, denn es gibt Augenblicke, in denen man sich in einem Zustand befindet, in dem man den Eindruck hat, eine fremde Stimme würde dir das Gedicht diktieren. Ich habe in letzter Zeit unglaubliche Erfahrungen gemacht. Seit ich älter geworden bin, träume ich nicht mehr in Bildern, sondern eher in Worten und oft wache ich auf, aber wirklich oft – ich bin darüber sehr glücklich – wache ich mit einem neuen Vers auf. Aber diese Verse sind meistens unlogisch, manchmal sind auch die Wörter verdreht, weißt du. Zum Beispiel ging ein Vers so: „Was macht das Wort zwischen zwei Portionen Mörtel?“ Wie du sehen kannst, habe ich es mir sogar gemerkt. Ich bin sofort aufgewacht, ich habe mir den Vers aufgeschrieben und so ein Gedicht angefangen, diesmal auf Rumänisch. Darum sage ich dir auch: Ich schreibe auf eine Art, die du vielleicht als Experiment auffasst. Aber es ist kein Experiment. Es ist eher meine Art zu denken, Dinge miteinander zu assoziieren und besonders mein Vertrauen in meine Träume. Ich glaube an das Unterbewusstsein, ich glaube, dass das Unterbewusstsein unendlich wichtiger ist als Vernunft, wenn man Gedichte schreibt, Logik fällt sogar ganz weg. Denn Logik ist der größte Feind des Gedichtes. Ein Gedicht ist ein Zustand, der dem Unbewussten und also dem Traum sehr nahe steht.

Als Dichterin und Übersetzerin haben Sie einen Einblick sowohl in die rumänische als auch in die deutsche Gegenwartsliteratur. Bestehen Unterschiede?

Es gibt einen sehr großen Unterschied. Ich bin froh, dass du mir diese Frage gestellt hast, weil sie wichtig ist, weil viele unserer jungen Schriftsteller in letzter Zeit auf Auslandsreisen geschickt werden, wo sie an Lesungen teilnehmen können und so deutschen Schriftstellern begegnen. Trotzdem wird es noch lange dauern, bis sie Gedichte mit der gleichen Rhetorik schreiben werden. Ich weiß nicht, ob es unbedingt einen Gewinn darstellen würde, weil die gegenwärtige deutsche Lyrik befindet sich keineswegs in einem guten Zustand. Es gibt einige überaus gute, sie stellen aber nicht die Mehrheit dar. Deutsche Lyrik befindet sich genau wie die französische auf einer Talfahrt. Eigentlich hat der ganze Westen diese Probleme. Ich bin davon überzeugt, dass der Osten eine wesentlich komplexere, dramatischere und stärkere Literatur liefern kann. Das soll jetzt nicht missverstanden werden. Ich beziehe mich dabei nicht auf den Drang zum Pathos. Pathos ist furchtbar, es ist der Feind östlicher Lyrik, besonders rumänische Gedichte leiden darunter. Deutsche Schriftsteller, die uns besucht haben und junge Dichter oder auch die ältere Generation kennenlernten, werfen uns gerade das vor und haben vollkommen recht: Wir sind viel zu pathetisch und viszeral. Wir sprechen ständig über unseren Körper, über dessen Physiologie, über die Organe, über Blut. Das haben sie nicht, sie verhalten sich da diskreter und sind bodenständiger.

/ Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

Auf Deutsch:

  • Der Autobus mit den Buckligen. Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 2003, ISBN 978-3-929085-84-6 (übersetzt von Ernest Wichner).
  • Gefährliche Launen. Ausgewählte Gedichte. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-93765-7 (übersetzt von Ernest Wichner).
  • Die Sechzigjährige und der junge Mann. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2010, ISBN 978-3-88221-532-8 (übersetzt von Eva Ruth Wemme).

88. Ludwig Harig wird 85

Erst kommt das Experiment, dann folgt der Realismus: Weshalb das Zwei-Phasen-Modell im Werk des saarländischen Dichters Ludwig Harig, der an diesem Mittwoch fünfundachtzig Jahre alt wird, zugleich wahr und falsch ist.

Von JOCHEN HIEBER, FAZ:

„Kinderspiel, Gesellschaftsspiel, Sprachspiel: Von Anfang an lief mein Leben aufs Spiel hinaus“, notiert er in der bisher unveröffentlichten Skizze „Meine Siebensachen“, die Ende des Monats im gleichnamigen Band der Werkausgabe erscheinen wird. Auf stolze neun Bände wird es diese von Werner Jung, Benno Rech und Gerhard Sauder seit 2004 betreute Edition dann gebracht haben, ein Ende ist nicht in Sicht. Woraus man entnehmen kann, dass Harig über die Jahrzehnte hinweg ein Wort- und Sprachspiel-Unternehmen von stupendem Ausmaß aufgebaut und ohne jede nennenswerte Schreibkrise auch kontinuierlich erweitert hat.

Auf den ersten Blick bietet es sich an, sein Werk in zwei Phasen zu gliedern. Vom Anfang der sechziger bis zur Mitte der achtziger Jahre dominiert dann eine sprachexperimentelle Grundrichtung, die sich Harig ab 1955 bei seinem Stuttgarter Lehrer, dem existentiellen Rationalisten Max Bense, aneignete. Sie führte ihn literarisch zunächst zur Konkreten Poesie und fand ihren Höhepunkt sowohl in den Hörspielen der sechziger Jahre als auch im Prosatext „Rousseau – Der Roman vom Ursprung der Natur im Gehirn von Ludwig Harig“ von 1978. Legt man das Zwei-Phasen-Modell zugrunde, folgt der allmähliche Übergang in ein traditionelleres Schreiben und – vor allem – Erzählen mit dem programmatischen Essay „Mein realistisches Geschäft“ (1976), ebender „Saarländischen Freude“ sowie der Novelle „Der kleine Brixius“ (1980). Mit den drei autobiographischen Romanen „Ordnung ist das ganze Leben“ (1984), „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ (1990) und „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“ (1996) findet Harig schließlich ganz zu seiner wahren Begabung und gewinnt nun endlich auch ein großes Publikum.

Das Modell ist wahr und falsch zugleich. …

87. Auf eigene Faust

Rund ums Label Kook – übrigens ein englischer Slangausdruck für Spinner – entstanden Literaturzeitschriften, ein Plattenverlag, man fuhr zu Festivals und Lesungen. Dann tauchte dieses Haus in der Schönhauser Allee 167c auf, das ehemalige Institut für Agrarökonomie der Akademie der Wissenschaften der DDR. Man richtete eine Bar ein und eine Bühne. Vor allem aber: Man traf sich regelmäßig zu Workshops, las, dichtete und diskutierte. Es zeichnete sich ab, dass es plötzlich vor allem unter jungen Leuten ein besonderes Interesse an Lyrik gab – in einer Zeit, wo die großen Verlage die Lyrik aus den Programmen nahmen. „Wir entwickelten auf eigene Faust unsere Kriterien für gute Lyrik“, sagt Daniela Seel.

„Und dann“, sagt sie, nachdem sie doch einen Schluck Kaffee genommen hat, „waren da diese Manuskripte.“ Es war 2003 geworden, Björn Kuhligk hatte gerade seine wichtige Anthologie „Lyrik von Jetzt“ heraus gegeben. Sie selbst, die sich bis dahin eher als Autorin verstanden hatte, sah sich zum Handeln gezwungen: „Ich war die Einzige, die sich das ans Bein binden wollte.“

Sie war auch die Einzige, die das konnte. Denn zwischendurch hatte sie eine Ausbildung zur Verlagskauffrau gemacht. Immer noch, sagt sie, habe sie manchmal das Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen. „Wer will schon Verlegerin sein, das ist doch die Arschkarte“, ruft sie aus. Doch in der Art, wie sie das sagt, spürt man, dass sie eigentlich das Gegenteil meint. / Susanne Messmer, taz (Berliner Kleinverlage I)

86. Kosovarischer Dichter in Frankreich gestorben

Der aus dem Kosovo stammende Dichter Ali Podrimja (70) ist am Samstag tot in Frankreich gefunden worden. Das Außenministerium in Pristina bestätigte seinen Tod.

Podrimja hatte am Poeten-Festival „Voix de la Mediterranee“ in der südfranzösischen Stadt Lodève teilgenommen. Nach einer Lesung am 18. Juli war er verschwunden. Auch die Festivalleitung bestätigte der Nachrichtenagentur AFP am Samstag den Tod des Dichters.

Demnach war die Leiche Podrimjas vier Kilometer außerhalb der Stadt in einer bewaldeten Region neben einem Bach entdeckt worden. „Der Verlust (…) eines Dichters von internationalem Ruf ist nicht nur ein Verlust für seine Familie und Freunde, sondern auch für Kosovos Kultur“, sagte in Pristina Außenminister Enver Hoxhaj. / nachrichten.at