115. Diplomatenlyrik

Eine wachsende Schar indischer Diplomaten sucht emotionale Erleichterung in Lyrik und kreativem Schreiben, um den Blues des Arbeitsplatzes und den Stress des Entscheidenmüssens zu bekämpfen. Sie ergießen ihr Herz in ihr Schaffen, das oft nahe an den Geist der Rebellion grenzt.

Während Diplomaten wie Vikas Swarup, Navtej Sarna und Navdeep Suri Romane und Kurzgeschichten schreiben, bereicherte der neue indische Botschafter in Argentinien, Amarendra Khatua, das Genre der Diplomatenpoesie mit einem Band Liebesgedichten:  „Love Abracadabra“. / zeenews.india

114. Nicht polemisch

Die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart bietet vor allem in Literaturzeitschriften und im Internet immer wieder einmal Anlaß zu Diskussionen. Dabei geht es großenteils um die Frage, ob sie nicht zu schwierig, verschlüsselt, elitär oder gar unverständlich sei, um eine breitere Leserschaft zu erreichen. Gerade die moderne Poesie war hierzulande nie massentauglich. […] So wird Lyrik weiterhin jenseits der Bestsellerlisten ihr langes Leben fortsetzen und Leser finden, die bereit sind, sich auch auf das Schwierige und mitunter Unverständliche einzulassen.

In Versnetze_fünf wird man zahlreiche Beispiele jener Poesie finden, die sich dem raschen Verstehen entzieht […]. Allerdings lege ich als Herausgeber dieser Reihe auch immer Wert darauf, dem leichter zugänglichen, sagen wir: dem „klaren“ Gedicht ein Forum zu bieten.

Die Versnetze-Bände sind nicht einseitig bzw.  stromlinienförmig ausgerichtet.  […] Die deutschsprachige Dichtung der Gegenwart zeichnet sich nicht zuletzt durch ihre pulsierende Vielfalt aus – sei sie nun schwer oder leicht zugänglich. […]

/ Axel Kutsch in seinem Vorwort zur eben erschienenen Anthologie Versnetze_fünf

Axel Kutsch (Hrsg.): Versnetze_fünf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Weilerswist : Verlag Ralf Liebe 2012

113. Gezwitschert, gegeigt und gesungen (1)

aus einem chat (danke pega mund):

hm. beim frühmorgendlichen stöbern grade das gesehen: http://prominentenraten.blog.de/2012/07/27/brunopoliks-tweets-website-deutschen-bundestages-14261050/

(ja, weiß nicht, was ich von diesem brunopolik halten soll. er ist mir akut grad ein wenig unangenehm mit dieser deus-ex-machina-wadlbeißer-ich-habe-das-patent-rezept-attitüde.)

danke für den link. naja. kann auch nicht jeder im bundestag twittern. genau lesen könnte man trotzdem immer. ich saß gestern abend in lubmin-sur-mer vor einer gaststätte und ließ mir einen eisbecher schmecken. aus dem innern drang laute bumsmusik, klang nach hochzeitsfeier. es störte ein wenig, aber ich saß doch im freien am meer. in der tasche hatte ich was zum lesen für notfälle (andre rudolphs confessional poetry), aber es trat keiner ein. wir hatten einen schönen sommerabend.

auf diesen kleinen zwitscherfenstern bemerkt man den unterschied vielleicht nicht. stimmt aber trotzdem nicht. ein problembär schreibt da:

Der Tanz geht weiter. Die Lyrikzeitung veröffentlichte am 26.07.12 einen Beitrag des Bielefelder Lyrikers Hellmuth Opitz, den sie mit Polemisch titelte. Es geht darin um die Rezeption von heute veröffentlichter Lyrik. In die kompetenten Kommentare habe ich mich mal eingemischt und dem elitären Lyrik-Betrieb meine Poetry entgegengesetzt. Und das vor allem, weil mehrfach beklagt wurde, dass den heutigen Dichtern Realitäts/Wirklichkeitsnähe fehle. Die ist freilich meinen Texten von Reden aus dem Deutschen Bundestag nicht abzusprechen. So erscheinen über Twitter meine Tweets mit diesen Haiku-Strophen sogar immer wieder auf der Website des Deutschen Bundestages. Ich kann dazu nur spotten: Lyrik-Eliten, wo lebt ihr eigentlich?

mit verlaub: keineswegs hat die lyrikzeitung einen beitrag des bielefelder lyrikers veröffentlicht und mit „polemisch“ überschrieben. sondern sie hat bzw. ich hab einen text von ihm zitiert. ich halte das für einen unterschied. vielleicht im zwitscherrahmen nicht darstellbar, aber dafür gibts das spektrum der möglichkeiten. ich würde die kleine debatte und die rolle des problembären darin auch anders fassen, aber geschenkt.

mein gott ja, wenn dieser bruno will, kann er darüber spotten, daß einige immer noch kammermusik mögen. oder neue musik. wo es doch so fidele bumsmusik gibt, die jeder versteht ohne sich in einen elitären konzertsaal begeben und dafür noch zahlen zu müssen. wo ich lebe? jedenfalls nicht in den wandelgängen des bundestags. (wird fortgesetzt)

112. Abenteuerreise in die russische Lyrik

Wir sollten Ingold dankbar sein, denn wenn konservativ bewahrend heißt, dann ist diese Anthologie im Wortsinne konservativ, und sie bewahrt das, was an der russischen Lyrik einmal revolutionär war, oder zumindest eine Ahnung von dem, was im Grunde an ihr noch revolutionär ist, und das war oder ist eben nicht die gereimte Feier der Arbeiterklasse und ihres als Oktoberrevolution bezeichneten Aufstandes, der ja wesentlich nur ein Putsch von sich selbst zur politische Avantgarde erklärenden Bolschewiki gewesen ist. …

Der Gedanke einer literarischen Evolution scheint mir auch einer der grundlegenden dieser Anthologie. Es handelt sich also zum Glück nicht eben um die achtzigste Blütenlese oder um ein Best-of der russischen Lyrik, sondern stellt diese als ein sich entwickelndes, sich ausdifferenzierendes lebendiges Gefüge dar. Und auch deren Geschichte hat unter diesem Gesichtspunkt alle Statik verloren. Deshalb scheint es mir auch folgerichtig, dass in der Präsentation der Texte, die Chronologie umgekehrt wurde. Ich schlage dem Leser demnach auch vor, sich an die vorgeschlagene Reihenfolge im Buch zu halten. Man beginnt also in der unserer Zeit am nächsten gelegenen Textkonstruktionen, zum Bespiel denen Prigovs oder anderen Dichterinnen und Dichtern des Informell, und begibt sich auf eine Abenteuerreise ins Vergangene, das einem zuweilen sehr Präsentsisch erscheint. Und natürlich sind nicht alle Texte von gleichermaßen hoher Qualität. Zuweilen geht es sehr holprig zu auf dem Weg rückwärts durch die Zeit. Umso mehr wird man Entschädigt wenn man auf die Texte der Leuchttürme der russischen Dichtkunst trifft, und Namen wie Achmatowa, Chlebnikow und Charms sind hier nur Beispiele. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

»Als Gruß zu lesen« Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Ausgewählt, herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold
536 Seiten. Leinen mit Leseband € 33.00 ISBN 9783908777656 Dörlemann Verlag Zürich 2012

111. Lyrikdebut

«Auf Gletscherbetten» friert sich hier jemand «um den Schlaf» und klettert «am Nachtseil» in den Spalt hinunter zur Quelle. Oder die Frühlingssonne scheint auf «wintertrockene Haut» und hinterlässt «ein Flirren von lichtweissen Wänden». Man merkt es gleich, wenn man in dem ersten Gedichtband der jungen Zürcher Autorin Anne-Marie Kenessey (geb. 1973) zu lesen beginnt: Hier arbeitet jemand ambitioniert und lustvoll mit der Sprache. Das ist kein alltägliches Reden; auch wenn die Verse vielfach von Alltäglichem handeln. Vielmehr werden hier alle Erscheinungen virtuos in Wortkunst verwandelt. / Roman Bucheli, NZZ

Anne-Marie Kenessey: Im Fossil versteckt sich das Seepferd vor dir. Gedichte. Edition Klaus Isele, Kreuzlingen 2012. 108 S., Fr. 19.90.

110. 32. ERLANGER POETENFEST

32. ERLANGER POETENFEST – 23. BIS 26. AUGUST 2012
PROGRAMMINFORMATION

Das 32. Erlanger Poetenfest lässt vom 23. bis 26. August literarische Höhepunkte des Frühjahrs Revue passieren und wirft noch vor der Frankfurter Buchmesse einen ersten Blick auf viel versprechende Neuerscheinungen des deutschsprachigen Bücherherbstes. Über 80 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizisten kommen zu Lesungen, Gesprächen und Diskussionen nach Erlangen. In großen Porträts werden die international renommierten Autoren Uwe Timm, A. L. Kennedy und Jean-Philippe Toussaint vorgestellt. An den Nachmittagen im Schlossgarten treten unter anderem Olga Martynova, Marcel Beyer, Clemens J. Setz, Dea Loher, Alexander Nitzberg, Anne Weber, Gerhard Seyfried und Jenny Erpenbeck auf, für Kinder und Jugendliche finden Autorenlesungen und Aktionen statt. Gespräche und Diskussionen beschäftigen sich unter anderem mit der Entmachtung der Politik, der Zukunft Europas und der Urheberrechtsdebatte. Anlässlich ihres neuen Romans gibt Ljudmila Ulitzkaja Auskunft über Russland, der Neuseeländer Anthony McCarten kann über einen aktuellen Roman und einen Film-Start sprechen. An die im Dezember letzten Jahres verstorbene Christa Wolf erinnert eine Soirée mit Weggefährten der Schriftstellerin. Bayern 2 überträgt seine „Nacht der Poesie“ live aus dem barocken Markgrafentheater, die Neunte Erlanger Übersetzerwerkstatt, Ausstellungen und Filme sind weitere Programmpunkte des viertägigen Festivals, zu dem einmal mehr über 10.000 Besucher erwartet werden.

Die Bayern 2-Nacht der Poesie mit Tanja Dückers, Nora Gomringer, Uwe Kolbe, Reiner Kunze und Bernhard Wunderlich alias „Wunder“ bildet den Auftakt des 32. Erlanger Poetenfests (23.8., 20 Uhr). Das erste Autorenporträt (24.8., 20:30 Uhr) stellt Uwe Timm, einen der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller vor. Zum Porträt International (25.8., 20:30 Uhr) kommt mit der 1965 im schottischen Dundee geborenen A. L. Kennedy eine der herausragenden Stimmen der britischen Gegenwartsliteratur, die auch als Standup-Comedian auftritt, mit ihrem druckfrischen Roman „Das blaue Buch“ nach Erlangen. Ebenso vielseitig ist der belgische Romancier, Regisseur und Fotograf Jean-Philippe Toussaint (26.8., 20:30 Uhr). Seine Trilogie „Sich lieben“, „Fliehen“ und „Die Wahrheit über Marie“ war ein Bestseller im französischsprachigen Raum, im Herbst erscheint in Deutschland der anlässlich seiner Ausstellung im Pariser Louvre entstandene Essay-Band „Die Dringlichkeit und die Geduld“.

Am Wochenende (25. und 26.8.) lesen und diskutieren nachmittags im Erlanger Schlossgarten: Olga Martynova, Stephan Thome, Marjana Gaponenko, Marcel Beyer, Kerstin Preiwuß, Clemens J. Setz, Rainer Merkel, Dea Loher, Alexander Nitzberg, Benjamin Stein, Nora Bossong, Nicol Ljubić, Arezu Weitholz, Andre Rudolph, Michael Maar, Anne Weber, Julia Schoch, Michael Buselmeier, Gerhard Seyfried und Jenny Erpenbeck. Kinder- und Jugendbuchautoren präsentieren auf dem Jungen Podium Literatur für alle Altersgruppen: Gerald Jatzek, Albert Wendt, Zoran Drvenkar, Michael Römling, Bettina Kupfer, Arend Agthe, Susann Opel-Götz und Katja Behrens.

„Wer hat die Macht im Staat?“, fragt die traditionelle Sonntagsmatinee mit Daniela Dahn, Friedrich Dieckmann, Mathias Greffrath, Roland Roth und Christoph Schwennicke. Dass Europa mehr bedeutet als Bankenkrise und Euro-Rettung, diskutieren Dieter Bachmann, Hans Christoph Buch, György Dalos und Olga Martynova unter dem Titel „Schafft sich Europa ab?“. Florian Felix Weyh will im Gespräch mit Uwe Jochum, Wilfried F. Schoeller und Benjamin Stein der Urheberrechtsdebatte auf den Grund gehen. Mit der „Literatur-Verteidigerin“ Sigrid Löffler und dem „Vor- und Nachdenker der deutschen Einheit“ Friedrich Dieckmann werden zwei Persönlichkeiten gewürdigt, deren Namen eng mit dem Erlanger Poetenfest verbunden sind. Die Reihe zu den großen Mythen des 20. Jahrhunderts setzt Peter Glaser im Dialog mit Florian Felix Weyh unter dem Titel „Rocket Boys“ fort – diesmal zum Thema Raumfahrt. Akustische Erlebnisse verspricht die Vorstellung ungewöhnlicher Hörbuch-Editionen und Bayern 2 sendet sein Büchermagazin Diwan live vom Erlanger Poetenfest. Unter dem Titel „Rede, dass wir dich sehen“ erinnert Friedrich Dieckmann mit Daniela Dahn, Sonja Hilzinger und Kathrin Schmidt an die im vergangenen Jahr verstorbene Schriftstellerin Christa Wolf.

Anlässlich ihres neuen Romans „Das grüne Zelt“ spricht Ljudmila Ulitzkaja über die Chancen für Bürgerrechte und Zivilgesellschaft im heutigen Russland, Jörg Baberowski diskutiert sein mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnetes, nicht unumstrittenes Sachbuch „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“, durch Hanjo Kestings „Grundschriften der Europäischen Kultur“ erfahren wir, „woher wir kommen“ und die Zeichnerin Vika Lomasko dokumentiert jüngste Prozesse gegen russische Künstlerinnen und Künstler. Im Gespräch mit Hajo Steinert stellt Anthony McCarten aus Neuseeland – Gastland der Frankfurter Buchmesse 2012 – seinen neuen Roman „Ganz normale Helden“ und als Preview den Film „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ vor.

Einblicke in die Faszination des literarischen Übersetzens vermittelt das offene Arbeitstreffen der Neunten Erlanger Übersetzerwerkstatt mit Gerhard Falkner, Friedrich Koch, Margitt Lehbert, Constantin Lieb, Nora Matocza, Alexander Nitzberg, Andreas Nohl, Angela Plöger, Hans Raimund und Wolfgang Schlüter. Anlässlich des 100. Todestags von Bram Stoker wird in Gesprächen, Lesungen und Filmausschnitten bis nach Mitternacht die dauerhafte Faszination des Vampirismus analysiert. Mit „Text“ bringt das Theater Erlangen ein Stück von Jérôme Junod zur Uraufführung, in psychedelischer Vernetzung von Free Jazz und Voodoo Rock lässt das Kammerflimmer Kollektief Texte von Dietmar Dath erklingen und Poetry Slammer aus ganz Deutschland treten auf der Open Air-Bühne des Kulturzentrums E-Werk an.

Die Ausstellung „Parcours“ des Kunstpalais Erlangen präsentiert Installationen von Thomas Locher an der Schnittstelle von Bild und Text. Weitere Ausstellungen zeigen Arbeiten von Lorenzo Mattotti zu „Hänsel und Gretel“, Vika Lomaskos Comic „Verbotene Kunst“, ein Experiment zum Thema „Arten“ der Literaturzeitschrift „Blumenfresser“ und – im Rahmen der „Druck & Buch“ – Buchkunst von 24 Kleinverlage aus Deutschland, der Schweiz und Ungarn. Literaturverfilmungen und Dokumentationen sind teilweise in exklusiven Previews zu sehen, musikalisch wird das 32. Erlanger Poetenfest von Benjamin Boone (Saxofon/Live-Elektronik) und Stefan Poetzsch (Violine/Viola/Live-Elektronik) umrahmt.

Die Moderatorinnen und Moderatoren des 32. Erlanger Poetenfests 2012 sind Maike Albath, Verena Auffermann, Niels Beintker, Michael Braun, Friedrich Dieckmann, Herbert Heinzelmann, Dirk Kruse, Adrian La Salvia, Sigrid Löffler, Wilfried F. Schoeller, Hajo Steinert, Florian Felix Weyh und Cornelia Zetzsche.

109. Verfilmt

Das bekannteste Gedicht bzw. Volkslied Australiens – und inoffizielle Nationalhymne – wird auf die große Kinoleinwand gebracht.

Für alle, die den Song von Banjo Paterson noch nicht kennen, hier ein Auszug:

Oh there once was a swagman camped in the billabong,
Under the shade of a Coolobah tree,
And he sang as looked at the old billy boiling,
Who´ll come a-waltzing Matilda with me.

Man muss längere Zeit in Australien gewesen sein, um zu verstehen, von was Paterson hier eigentlich singt. Ein kurzer Crash-Kurs: „Waltzing Matilda“ ist das Herumwandern im Busch, ein „billy“ ist eine Blechbüchse und ein „billabong“ ist nichts weiter als ein Wasserloch. Der Text wurde unzählige Male gecovert und abgeändert. / reisebine.de

Wiki mit dem Text

108. Preis für Ann Cotten

Die Schriftstellerin Annette Pehnt erhält den mit 15 000 Euro dotierten Hermann-Hesse-Literaturpreis. Die 44 Jahre alte in Freiburg lebende Autorin bekomme die Auszeichnung für ihr bisheriges Werk, teilte die Literarische Gesellschaft in Karlsruhe mit.

Dort findet die Preisverleihung am 19. Oktober statt. Die Hermann-Hesse-Stiftung vergibt die Auszeichnung.

Der mit 5000 Euro dotierte Förderpreis geht dieses Jahr an die in Ames (Iowa/USA) geborene Autorin Ann Cotten für «Florida-Räume». Die 30-jährige, in Berlin lebende Lyrikerin zähle mit ihrem Gedichtband zu den großen Hoffnungen der zeitgenössischen Dichtung, so die Jury. / news.de

107. Hilfe für Unkraut

Jetzt liegt eine zweisprachige Auswahl aus dem Werk vor: «Hilfe für Unkraut», erschienen bei Hanser (in der verdienstvollen Edition Lyrik-Kabinett). Elisabeth Edl und Wolfgang Matz haben die Gedichte gleichsam vierhändig übertragen, Philippe Jaccottet hat eine kleine Vorbemerkung beigesteuert. Nun lassen sich die ungewöhnlichen – selbst in der Lyrik der Romandie eher solitären – Gedichte auch auf Deutsch lesen, zusammen mit dem französischen Original.

Dass die Gedichte zweisprachig präsentiert werden, hat seine Vorteile. Wandelères Gedichte nämlich sind nicht leicht, in einigen Fällen gar nur mit Verlusten übertragbar, und das gehört zu ihren Qualitäten. / Martin Zingg, NZZ

Frédéric Wandelère: Hilfe für Unkraut. Gedichte. Vorbemerkung von Philippe Jaccottet. Deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Hanser, München 2012. 143 S., Fr. 24.90. Frédéric Wandelère: La Compagnie capricieuse. La Dogana, Genf 2012. 110 S., Fr. 29.–.

106. Handwritten

Mitte der Fünfzigerjahre trug der amerikanische Dichter Allen Ginsberg erstmals sein bekanntestes Gedicht „Howl!“ vor. Das dreiteilige Poem spritzt so viel Gift wie die wildesten Rock-’n‘-Roll-Songs, die damals aus den Radios brüllten. Was manchen bloß wie selbstbezügliche Glosse anmutete, war eine konzise Reflexion der Kultur der Beat Generation, die mit Jazz, Drogen und Literatur die Welt, wie man sie bis dahin kannte, aus den Angeln zu heben trachtete.

Popmusik und Popliteratur – sie gehen seither öfters Hand in Hand. „Howl!“ heißt auch ein Song auf „Handwritten“, dem vierten Album der aus New Brunswick stammenden Rockband The Gaslight Anthem. / SAMIR H. KÖCK, Die Presse

105. Leipziger Gedichtgeschäft

Die heute in Köln lebende Schriftstellerin beschreibt mit detailverliebter Alltagssprache poetisch-alltägliche Momente des Lebens, des Älterwerdens. Mit großer Geste verschenkt sie ihre Verse wie ein Stück Lebenserfahrung: „He, ihr alten und neuen Menschen, / entschuldigt, daß ich anklopfe und vorbeikomme / mit meinem Buchladen / … Ich muß Euch zurückgeben, / was Euch gehört“. Sie beschreibt „die vielen blutigen Geschichten in der Familie“ – die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts und ihre Spiegelung in den Tischgesprächen einer großen Verwandtschaft. Und sie hat das Träumen nicht aufgegeben: „Mir zugewandt wäre da noch / ein anderer Mensch, / der mir zuhört.“

Fast 60 Jahre jünger ist Michael Fiedler, der zweite Debütant, ein Leipziger. Anders als Anne Dorn erzählt er in seinem ersten Lyrikband „Geometrie und Fertigteile“ nicht – fast könnte man sagen, er zählt statt dessen, reiht Wörter aneinander, die er ihren ursprünglichen Zusammenhängen entnommen hat und die ihm „Herzklopfen bei der Niederschrift“ bereiten, die berühren, assoziieren, auf merkwürdige Weise zu flirren und zu flimmern beginnen und sich in eine andere Bedeutung kämpfen: „Jedes Wort zeichnet sich ab: bruchstückhaft kombiniert…“. Er sucht „unter Steinschuttmassen menschlicher Siedlungen“ nach Wort-Brüchen, entdeckt im „Ausschnitt aus dem europäisch-asiatischen Waldgebiet“ „keine tieferen Einschnitte“. Das ist eine geradezu poetologische Vermessung der Welt und ihrer Zwischenräume, Zwischenzeiten, und erst am Ende könnte man mit Fiedler konstatieren: „Ganz langsam wachsen nun Wunde / u Welt mir wieder zu.“

(…)

Das ist bei Jürgen Nendza, geboren 1957 in Essen, ein wenig anderes. Er geht im „Schlagregen“, denkt über „Waterboarding, weiße Folter“ nach. Findet im belgisch-deutschen Grenzgebiet „ein Moorloch, in dem / das Sterben glänzt bei schönem Wetter.“ und erkennt: „Streng ist / der preußische Spargelblick.“ Nendzas Gedichtband „Apfel und Amsel“ lebt vom klugen Hinschauen, von einem konzentrierten Blick, der die Realität nie aus den Augen verliert, der sie aber in eine Art poetisches Raster verwandelt, das sich über die Wirklichkeit legt und sie gleichzeitig ver- und entzaubert.

Mit seiner Vielfalt an Veröffentlichungen ist der Poetenladen inzwischen einer der wichtigsten deutschen Lyrik-Verlage, der eine Poetengeneration auf der Suche zeigt, fern von didaktischen Absichten, fern auch von Theatralik und pathetischen Gesten. Nicht zu vergessen, dass alle Bücher aus dem Leipziger Gedichtgeschäft wunderschön gestaltet und sorgfältig editiert sind. Lesenswert in jedem Fall. / Matthias Zwarg, Freie Presse

Neue Bücher aus dem Verlag Poetenladen Leipzig: Anne Dorn „Wetterleuchten“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-30-9. Michael Fiedler „Geometrie und Fertigteile“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-31-6. Marie T. Martin „Wisperzimmer“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-33-0. Jürgen Nendza „Apfel und Amsel“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-36-1.

104. Polemisch

Die Luft brennt ober- und unterirdisch. Hier eine Spur, nein ein Bericht aus der Kampfzone (Vorsicht, Stolterfoht ist mit Sätzen bewaffnet, mindestens mit dem einen Satz, gefährlicher als die Schweizergarde):

Ich mag sie nicht, diese „Which side are you on?“-Attitüde, die in der zeitgenössischen Lyrikdiskussion nach wie vor virulent ist, dieses deutsche Lagerdenken „Was bist du – Fundi oder Realo?“ Aber wenn mir jetzt jemand die Pistole auf die Brust setzte, um mich zu einem programmatischen Satz zu zwingen, würde ich sagen: Mich sensationieren nur Gedichte, die einleuchten. Und das meine ich keineswegs nur im logischen Sinne des Einsehens oder Verstehens. Nein, Einleuchten im Wortsinne. Das können auch assoziativer Flow und faszinierende Sprachmontage sein. Einzige Voraussetzung: Das Gedicht trägt eine Spannung in sich, die Kühnheit einer neuen Beobachtung, eines erfrischenden Bildes, eines bislang ungedachten Gedankens, der beim Leser/Hörer ein Kribbeln im Kopf (und anderswo) auslöst, kurz: der ihm eine Chance auf Entdeckerglück bietet. Das können übrigens auch Gedichte leisten, die man auf Anhieb versteht. Sofortiges Verstehen ist kein Kennzeichen für die Flachheit eines Gedichts. Äußert man aber so eine These, da kommen sie in Wallung, die Sprachschichtgeologen und Sprechzonen-Türsteher der deutschen Gegenwartslyrik. Da dräut man mit päpstlichen Dogmen á la „Das Verstehen hat der Teufel gesehen“ und manche, die sich auf junge Wilde föhnen, aber im Grunde nur Elefanten im Paul-Celan-Laden sind, bemängeln, solche Gedichte seien „konventionell“ und würden „kein Wagnis eingehen.“ Dem muss ich energisch widersprechen.

Ich habe solche Avantgarde-Dichter schon bei zahllosen Lesungen erlebt, wie sie ihre aus Versatzstücken und Fertigteilen zusammengeschredderten Gebilde vortragen, ach was, vortragen, den Hörern im Maschinengewehrtempo um die Ohren ballern. / Hellmuth Opitz

103. Gespräch

Heute, 13 uhr, auf BR alpha –

Lyriker und Veranstalter: Alexander Gumz | alpha-Forum | BR-alpha | Fernsehen | BR.de

http://www.br.de

Hier der Text des Gesprächs zum Nachlesen (pdf)

102. Geklärt

Der kosovarische Dichter Ali Podrimja, der am Sonnabend tot in der Nähe von Lodève (Hérault) aufgefunden wurde, ist eines natürlichen Todes gestorben, meldet die Nachrichtenagentur AFP. Der 70jährige Dichter nahm am Festival Voix de la Méditerranée (Stimme des Mittelmeeres) in Lodève teil und war nach seinem Auftritt am Dienstag verschwunden.

101. Schädeldecke und Tradition

Preiwuß’ Gedicht ist der Versuch einer Selbstvergewisserung in einem Moment, da das Ich angesichts eines nahe rückenden Todes verloren zu gehen droht. Wie an Geländern und Wänden tastet es sich an bestimmten, Assoziationen provozierenden Begriffen entlang und in zwölf Kapiteln durch eine durcheinandergewirbelte Welt: Die Schädeldecke ist die äußere Begrenzung, die literarische Tradition innere Quelle für zahlreiche Referenzen. Die Liebe ist in diesen Gedichten das Nicht-Benannte, aber immer wieder umkreiste; das eigene Ich Echoraum und Spielfläche zugleich. Immer nah am Körper, der die Sprache erst hervorbringt, bewegen sich diese Texte. Verschattet erscheinen sie von jenen größeren Fragen, die selbst in den verspielten Passagen stets berührt werden. Die Dämonen sitzen hier nicht nur zwischen den Zeilen.

Preiwuß scheut sich dabei nicht vor einem existenziellen Ton, wie man ihn in der zeitgenössischen Lyrik so lange nicht gehört hat. Es klingen darin Stimmen vergangener Zeiten an, ob Paul Celan oder gar Rilke; aber auch zeitgenössische Dichterinnen wie Friederike Roth scheinen ihre Spuren in rede hinterlassen zu haben. Und doch spürt man die Unbedingtheit dieses lyrischen Ich, sich selbst zur Sprache zu bringen, einen eigenen Sound entstehen zu lassen: „sprache atemluft / sprach pure atemluft / sprach von atmen von purer atemluft“. Eine Notwendigkeit ist hier zu spüren. Sie macht dieses genau komponierte, eine Balance zwischen Leichtigkeit und Ernst suchende Langgedicht zu einem besonderen und Kerstin Preiwuß zu einer eigenständigen, ausdrucksstarken Stimme unter den Lyrikern ihrer Generation. / Ulrich Rüdenauer, Die Zeit

Kerstin Preiwuß: rede
Suhrkamp, Berlin 2012; 87 S., 8 €