Bei aller Liebe zur deutschen Sprache fällt doch unangenehm auf, wie viele unserer Wörter auf der hässlichen Nachsilbe -zeug enden: So sagen wir Werkzeug, Spielzeug, Flugzeug, Schlagzeug, wo etwa das Englische tool, toy, plane und drums verwendet. Allein der Verlust für die Lyrik ist unübersehbar, wenn man überlegt, dass sich auf die genannten englischen Wörter etwa fool, boy, insane und bums reimen, womit jede Menge Assoziationen geweckt, ja ganze Pop-Opern angedeutet werden.
Auf Bettzeug, Badezeug, Fahrzeug, Flickzeug, Handwerkszeug, Regenzeug, Schreibzeug, Schuhputzzeug, Unterzeug, Zaumzeug usw. jedoch reimt sich eigentlich gar nichts. Sie sind lyrische Sackgassen. / Alan Posener, Die Welt
„Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird“, stellte er [Mosebach] fest – und bekam wütende Reaktionen.
Allerdings erging es dem examinierten Volljuristen wie gelegentlich kirchenkritischen Satirikern, man verstand ihn nicht. Er forderte nicht den Staat auf, Gotteslästerung unbedingt härter zu strafen, sondern mahnte vor allem die Künstler zu einer Kunst, die eine solche Strafbarkeit respektieren würde. Nicht alles aussprechen zu dürfen, könne auf die Fantasie überaus anregend wirken, schrieb er, Zensur verfeinere den Stil und inspiriere „zu den kühnsten Lösungen“.
Trotzdem muss er nun dulden, dass die „Titanic“ in ihrer neuen Ausgabe – neben einem erneuten Papst-Titelbild – auch ihn aufs Korn nimmt. Sie druckt eine Porträtkarte Mosebachs zum Ausschneiden mit dessen Unterschrift und dem Text: „Liebe Muslime. Allah ist ein ziemlicher Eumel. Herzlichst, Ihr Martin Mosebach“. Kunst soll wieder gefährlich werden, meint „Titanic“. Sie wolle helfen, Mosebach zu „inspirieren“. / Tagesspiegel
Die britische Clitheroe Advertiser and Times berichtet über eine Anthologie von Gedichten über das Essen:
“Flavoured as Much as Coloured: 13 Poems About Food”, hg. Jo Harding und Theresa Robson, Clitheroe Books Press.
Darin Gedichte von Rachel Davies, die einen Wissenschaftsgrad hat, der in Deutschland wohl nicht existiert: „MA Poetry“. Erworben hat sie ihn an der Manchester Metropolitan University, unterrichtet wurde sie von führenden Dichtern, darunter Poet Laureate Carol Ann Duffy und Simon Armitage.
Clitheroe Books Press has published two previous anthologies: “Slip Through the Silence: Facing Adversity with Verse” (2008) and “Here is Where the Candy Sticks: Poems About Shopping in Clitheroe” (2010).
Its next anthology, “The House at Black Moss: 13 Poems Commemorating the Lancashire Witches”, will be published in October.
In einer angestrengten Satire schreibt ein gewisser Laf Überland über Lyrik und die Olympiade. Jeder Satz hämedurchtränkt: über die Briten (sie sind zu dick und nennen die Turnhalle „gymnasium“, oder andersrum?: „schließlich heißt ‚Gymnasium‘ auf Englisch ja ‚Turnhalle'“) und ihre verrückte Idee, zur Olympiade auch Lyrik aufzubieten, über die Dichter und die hehre Kultur. Kostprobe:
Ja, die Engländer sind das wahre Volk der Dichter, die BBC hat einen „Poet in residence“, und in Wimbledon rezitierte 2010 dieser Tennispoet.
Und erst recht zur Olympiade brauset ein Sturm der Lyrik über das Land! In komplizierten Verfahren ausgewählte Verse wurden auf Mauern, an Bäume und Skulpturen im Olympischen Park geheftet – zur Erbauung der gestählten Athleten wie der wabbeligen Besucher gleichermaßen.
Immerhin enthält die folgende Passage eine fast neutrale Information, hart gerahmt von Häme:
Viel, viel Mühe gab sich deshalb jetzt im olympischen Umfeld der schottische Verein „Written World“, und jetzt sendet die BBC noch bis zum 4. August jeden Tag ein oder zwei Gedichte aus jedem der 204 teilnehmenden Länder: Das sind Poeme des irischen Dichters Matthew Sweeney über das Erdbeeren-Pflücken im Garten ebenso wie das des nigerianischen Englischprofessors Niyi Osundare über die Freude zur Ankunft der Regenzeit. Vorgetragen werden die Poeme von Landsleuten der Dichter, ergänzt um zwei, drei Minuten über ihre Heimat – wie die Malediven, woher Farah Didis „Wirklichkeit des Insellebens“ stammt.
Wir, die KREATIVEN, liegen am liebsten mit der EVOLUTION im Bett. Jeden Morgen wachen wir bei IHR auf. Wir lieben SIE und SIE mag uns wohl auch sehr. Wie die Geliebte in Rainer Kirschs „Sonett“ antwortet SIE auf unsere Frage nach IHREM Befinden: „Genug, .., ist“s nie“. SIE sagt uns also, wo es lang geht. SIE will, dass wir SIE immer wieder fassen, auf dass SIE uns stets mit IHREN Ideen erreicht und erregen kann. SIE versetzt uns damit immer wieder in die unternehmerische Lage und in die Stimmung, uns erneut zu versuchen und aufzubrechen. Auf IHRE Genialität kann man bauen. Auf die „Genialität-in-den-Dingen“ wie Goethe diese Realität benannte, auf die „Genialität-im-Evolutionsprozess“, wie ich sie erfahren habe, habe ich mich seit 25 Jahren verlassen können. SIE hat mir schon zu Beginn meiner kreativen Widerstandskarriere die evolutionsprozess-aktuelle Geniepunkt-Innovation verraten.
Wie Ihr wißt, ist es der EPIKUR-Projektlohn – ein energie- und sachkapital-steuerfinanziertes Zweit-/Grundeinkommen für Jedermann. Der EPIKUR-Lohn wird alle weiteren Tariflohnerhöhungen in Deutschland ersetzen und dadurch ein Momentum auslösen, das den Exodus aus der globalen Wachstumszwang-Tyrannei starten wird. Auf diesen Exodus will SIE hinaus. Danach wird unser aller göttliches Genug-ist“s-nie-Weibwesen mit Namen EVOLUTION uns helfen, die Weltherrschaft des KREATIVEN über den Globalisierungsprozess aufzurichten:
„SIE hat geschickte Lippen.“
Wenn die 68er diese KREATIVE Genug-ist’s-nie-DRITTE schon so wahrgenommen, erkannt, erlebt und kommuniziert hätten …
Es grüßt Euch ganz herzlich,
Euer Rüdiger
Erlangen, am 11./15.1.2008
Mehr (mit dem Text des Sonetts)
Afghanistan ist auch das Land der Poeten. Selbst Menschen, die sonst mit Waffen sprechen, schreiben Gedichte. Sie fassen das Elend der jüngeren Geschichte in Verse – auf Persisch, Paschtu, Usbekisch, Tadschikisch, Turkmenisch oder Belutschisch. Ein Besuch. Von Tim Neshitov, Süddeutsche Zeitung 20.7.:
Mehrdad sagt, die afghanische Dichtung müsse sich von alten Formen lösen, Dichter müssten nach neuen Wegen suchen, wie seinerzeit Partaw Naderi. Als es dunkel wird, entdeckt Mehrdad ausgerechnet diesen Partaw Naderi im Keller des Schriftstellerhauses. Der Meister sitzt im Schneidersitz in einem grün beleuchteten Raum neben der Bibliothek und spricht etwas müde zu einer Handvoll Zuhörer über die Besonderheiten altpersischer Dichtung. ‚Wollen Sie etwas mit uns trinken?‘ Er verspricht, sich am nächsten Tag interviewen zu lassen.
Unter den Sowjets verbrachte Naderi drei Jahre im berüchtigten Pul-e-Charkhi-Gefängnis, im Bürgerkrieg blieb er im zerbombten Kabul. Er sah, wie eine der islamistischen Milizen Hunderte Bücher aus den Beständen des Schriftstellerverbandes verbrannte. Im Juni 1994 schrieb er ein kurzes Gedicht mit dem Titel ‚Verwüstung‘: ‚In die Linien deiner Hände / haben sie das Schicksal der Sonne hineingeschrieben / Steh auf / erhebe deine Hand – / die lange Nacht erstickt mich.‘ (…)
Ein englischer Verlag hat kürzlich eine Sammlung von Taliban-Poesie herausgegeben. Die Autoren sind keine PEN-Mitglieder, sie veröffentlichen ihre Gedichte auf der Internetseite der Taliban.
‚Die süßen Augenblicke des süßen Lebens gehen sehr schnell vorbei‘, schreibt ein Abdul Hai Mutma’in. Er schildert eine Menschenmenge, die den Sonnenuntergang genießt. ‚Die Sonne ist wie ein Geist in der bunten Mischung des späten Nachmittags. / Wenn die Sonne geht, bleiben die Menschen nicht mehr beieinander. / Dieser gelbe Nachmittag ist ein Beispiel des süßen Lebens. / Wenn der Geist geht, bleibt alles zurück.‘
Wäre der Mensch das perfekte Instrument zum Dechiffrieren eines Palimpsests, dann würde er vor der Seite sitzen, den Text mit dem Finger abfahren, ihn mit den Lippen Wort für Wort nachbilden und seine Struktur als Hypertext in alle Verkettungen nachvollziehen. So zumindest wurde es in mittelalterlichen Skriptorien gelehrt, wobei es einen Unterschied macht, ob man – wie es die Mönche glaubten – den Text in Abhängigkeit von der Heilsgeschichte liest, als Metatext mit einem deutlich abgesteckten Rahmen – Tradition 1 – oder vor einem diffus sich in alle Richtungen ausbreitenden Raum, wie ihn ein zweiter Begriff von Tradition bietet.
Norbert Lange: Quellenkunde – Palimpsest und Persönlichkeit. In: Norbert Lange, Das Geschriebene mit der Schreibhand. Aufsätze. Leipzig: Reinecke & Voß 2010, S. 27.
Der Dichter Li Po war eine Art Bohemien der lieber auf Reisen war als sich in Hofintrigen zu verstricken:
Gedanken einer ruhigen Nacht
Vor meinem Bett | das klare Mondlicht streift
Ich dacht‘ es sei | am Boden lauter Reif
Ich heb das Haupt | und schau den klaren Mond
Und senk das Haupt | ein Heimweh mich ergreift
In der Rezitation, die Sie hier hören können, folgen Titel, Namen des Dichters und die 4 Zeilen unmittelbar auf einander:
Jìng Yè Si, Li Bai
Chuáng qián . míng yuè guang
Yi shì . dì shàng shuang
Jû tóu . wàng míng yuè
Di tóu . si gú xiang
Es sind 4 Zeilen mit 5 Schriftzeichen, gruppiert in 2 und 3, die selber nur einen einzigen Klang haben. Reime sind daher immer männlich. Zeile 3 fängt oft eine Änderung an, hier das Heben des Hauptes vom Blick nach unten hoch zum Himmel, zum Mond hin, und reimt sich nicht mit den andern Zeilen. Die 4. Zeile bindet die vorigen Zeilen zusammen: alles was die Augen gesehen haben, auch die Illusion des Reifes, erlangt eine innere Wahrheit: zu lang ist man auf Reisen und die Sehnsucht nach der Heimat kommt auf.
/ Jan Kellendonk, Klever Wochenblatt – vgl. hier
Selbst wenn ich Technologiekritik gemeinhin hoch schätze, vermag ich weder das Problem noch den Pessimismus Kurt Drawerts nachzuvollziehen. Jedenfalls, solange unsere Kultur noch so etwas wie die Lyrikreihe des Hochroth-Verlags hervorbringt und ich die Option habe, meine Abendlyrik in einem stillen Zimmer vom Papier abzulesen. Ich wüsste nicht, welcher Techniker mir das nehmen wollte. Und daher bleibt mir die ganze Aufregung fremd – in einer unangenehmen Weise. / Ben Kaden, Libreas
Vgl. L&Poe 119 hier
Kein anderer namhafter Komponist hat sich in den letzten Jahrzehnten so beharrlich auf das Lied eingelassen wie Wolfgang Rihm. Als bürgerliche Kunstform par excellence war gerade das Klavierlied in der Nachkriegsmoderne in eine Krise geraten. Rihm konnte es für sich zurückgewinnen, indem er in den 1970er Jahren ein Projekt über die Krise des bürgerlichen Subjekts daraus machte – mit Vertonungen grenzgängerischer Dichter wie Hölderlin, Celan oder Ernst Herbeck. Vergleicht man die expressive Überschärfe und das versehrte Singen im grandiosen «Wölfli-Liederbuch» von damals mit Fluss und Melos in den Rilke- oder Goethe-Stücken der letzten Jahre, wird der weite Weg deutlich, den Rihm seither stilistisch gegangen ist. / NZZ 5.7. über
Etwas Neues entsteht im Ineinander. Wolfgang Rihm als Liedkomponist. Die Gedichtvertonungen. Hrsg. von Hansgeorg Schmidt-Bergmann. Rombach-Verlag, Freiburg im Breisgau 2012. 228 S., € 22.–.
Der Literaturpreis 2012 des sächsischen Kunstministeriums geht an den Lyriker Andreas Altmann. Mit seinem Schaffen habe er sich im gesamten deutschsprachigen Raum einen Namen gemacht, begründete das Ministerium am Sonntag in Dresden die Auszeichnung. Die Dichtung des 1963 in Hainichen nordöstlich von Chemnitz geborenen Mannes, der heute in Berlin lebt, zeichne sich durch magische Bildkraft und einen unaufdringlichen Ton aus. Der mit 5500 Euro dotierte Preis soll im Herbst übergeben werden. /Mehr: Die Welt
aus einem thread :
Michael Gratz konkret: in wenigen tagen werd ich ein doppelt großen eReader haben, mit elektronischem stift zum dreinschreiben. dann fängts an ernst zu werden.Freitag um 15:19 · Gefällt mir
Michael Gratz es fängt an ernst zu werden / es hört auf spiel zu sein / und zwei ist eins. oder soFreitag um 15:19 · Gefällt mir
Richard Duraj solange sie nicht wie gedruckte bücher sind, könnte es spannend werden. ist schon schlimm, wenn im neuen medium dem alten hinterhergehechelt wird. denke da zb an fixpoetrys autorenbücher, die sich „blättern“ lassen. sowas erinnert nur daran, was es nicht ist, nicht, was es sein könnte.Freitag um 16:06 · Gefällt mir
Michael Gratz im internet „browsen“ zehrt ja auch von der bildlichkeit, wie auch „lesezeichen“, ja „webseite“ Freitag um 16:09 · Gefällt mir
Michael Gratz wie schon buch von den buchenholztafeln kommt, auf die man zuerst schrieb, bei den germanen, weil man keine wachstafeln wie die römer auf lager hatte. auch in buchstabe lebt die pucklichte verwandtschaft fort. buch, als ursprünglicher haufen buchentafeln, auf die man „stäbe“ einritzt, wie die runen, die aus einer senkrechten linie (stab) und paar verzweigungen bestanden. ebuch ist also eine lustige mischung römischer, germanischer, neuzeitlicher von handschriften bis buchdruck und elektronischer schichtenFreitag um 16:26 · Gefällt mir
Armin Steigenberger kennt ihr drawerts jüngsten artikel „der entrissene text“ (NZZ 21.07.?) da geht es auch um site und seite und e-book usw. ich fand das sehr differenziert dargestellt, auch sehr kritisch, allerdings ist nur die entgegnung dazu bereits online http://libreas.wordpress.com/2012/07/25/derentrissene_text/ dennoch scheint mir drawerts statement nicht ganz ohne zu sein, wenn auch auf libreas einige punkte stehen, die abzuwägen sind… eine der thesen lautet, dass literarische texte im netz verlieren, sie „klingen“ in diesem referenzrahmen anders, das medium verändert auch die inhalte usw.
It’s the frei< tag> 2012-Countdown (22): Kurt Drawert und der entrissene Text
libreas.wordpress.com Ben Kaden zu Kurt Drawert: Der entrissene Text. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 168, 21.07.2012, S.21 (bislang nicht online) „Das bleibt nun so: ein Leben mit hübschen Maschinen, fortschrittlich, ohn…
Gestern um 03:07 · Gefällt mir
Michael Gratz danke für den hinweis. drawerts text wird für nichtabonnenten wohl nicht online gestellt. (vor gut 15 jahren war die nzz fast komplett frei online. heute, wenn ich sie lesen wollte, müßte ich, in greifswald, mich für ein digitales abo entscheiden, denn das geschätzte blatt schafft es zwar bis berlin, aber nicht bis zu mir. nicht am gleichen tag). und ehrlich gesagt reicht mir die entgegnung mit den paar zitaten schon. denn natürlich ändert sich immer alles. die verschriftlichung hat die griechische literatur verändert, das haben genausoviele als skandalon empfunden wie heute die digitalisierung. sapphos texte wurden für den mündlichen vortrag geschaffen, aber in ihrer lebenszeit begann das aufschreiben. sonst hätten wir vermutlich garnichts mehr von ihr. die erfindung des buchdrucks vernichtete die herrliche kultur des abschreibens und der buchmalerei, das ist auch schon eine weile her. kann auch nicht jeder mönch werden. eine option bleibt es dennoch immer. nein, ich kann dem gejammer wenig abgewinnen. ich halte es mit dem dichter uwe greßmann: „in den kurven spielen / straßenbahnen geige. / ach so mancher denkt da / seiner freundin oder / träumt von kommenden dingen / aber die meisten klagen / und nennen es ohrenbetäubenden lärm (…) / ganz einfach weil sie wie so oft / die feier im alltag nicht sehen // der der die seitenstraße langgeht kann ja / sucht er die eintrittskarte / in der manteltasche auch / das konzert der fahrzeuge da schon hören / falls er keine zeit mehr hat / die musische stätte direkt aufzusuchen.“ jetzt aus dem gedächtnis zitiert aber garantiert fast wörtlich, weil ich es so oft gelesen und vorgelesen habe daß ichs auswendig kann. das bleibt mir offen trotz schrift und buchdruck. und mein lesegerät, falls es heute kommt, wird mir meine bibliothek nicht wegnehmen, ebensowenig wie mein gedächtnis.Gestern um 05:46 · Gefällt mir
Armin Steigenberger drawerts artikel ist auch nicht völlig polemikfrei. so klingt eben der zitierte satz, er habe noch nie ein e-book in der hand gehabt, eingebettet in die „gesamt“polemik, doch viel ironischer und auch humorvoller, als es der ausschnitt glauben lässt. Gestern um 13:49 · Gefällt mir
Zu Kurt Drawerts Artikel in der NZZ (21.07.2012) und Ben Kadens Replik auf http://libreas.wordpress.com/2012/07/25/derentrissene_text/ vom 25.07.2012
Armin Steigenberger Es scheint, dass derjenige, der auch nur irgendwas gegen das Internet vorbringt, heute sofort unter Generalverdacht steht, was ich eigentlich genauso eindimensional finde. Insofern ist Ben Kadens Replik in summa eine ziemlich vorhersehbare Reaktion und an neuen Argumenten, die mich wirklich überrascht hätten, kommt gar nichts.
Stattdessen ist die Methode ja die althergebrachte: Man entreiße (!) Textteile dem Kontext, füge ihn in einen anderen Kontext ein und prügle polemisch auf ihn ein. Ben Kaden hat durch Verkürzung etliche bedenkenswerte Aspekte mal eben weggewischt. Die Argumentationen, man habe ja noch ein Leben „neben“ dem Computer (und in diesem alle Freiheit?), sind eigentlich allesamt auch recht banal: dass Herr Ben Kaden in der Schlange auf der Post anstehen muss, um sich danach wieder im Büro einzufinden, ist ein denkbar schlecht gewähltes Beispiel für die Freiheiten des RL. Und so bleiben solche Reflexe nur die typischen und auch typisch langweiligen Konterkarierungen. Schon die von Kaden verwendeten Schnipsel aus dem Originaltext lesen sich ganz anders, wenn man etwas mehr „Fleisch“ mitliefert.
Im Prinzip geht es doch nur darum, dass ein Text in einem Buch gelesen ganz anders wirken kann als ein Text, der (irgendwo immer zwischen Tür und Angel) auf dem Bildschirm gelesen, anders rezipiert wird, werden muss, weil das Internet als „Resonanzraum“ kein störungsfreier Raum ist, sondern nebenher allerhand „Interferenzen“ passieren, wo man auch permanent zusätzliche Infos bekommt, die man nicht bestellt hat, die aber die Rezeption, das „sich-Einlassen“ stören; z. B. all diese Werberahmen und Nachrichtenticker (mit Katastrophenmeldungen u. v. m.) oben und unten schaffen eine permanente (auch emotionale) Parallelrezeption, die sich nicht ausblenden lässt. „Die beschriebene Seite Papier, abgelegt auf unserem Schreibtisch, kann absolut sein. Nichts greift sie an, was ausserhalb ihrer selbst ist. Allenfalls ein paar aufgeschlagene Bücher in näherer Umgebung könnten zu einem Anlass werden, Sätze zu vergleichen und ins Verhältnis zu den eigenen zu bringen. Aber alle diese Prozeduren sind bereits durchlaufen, das haben wir in zäher Mühe schon überwunden. Dieser gleiche souveräne Text aber, der eine Person symbolisch verkörpert, zerfliesst, sobald er in die virtuelle Maschine, in die Megabox eingespeist wird – er wird semantisch entrissen.“
Hinzu kommt die Tatsache, dass Drawerts NZZ-Artikel nicht im Netz verfügbar ist, was gewissermaßen gewollt ist – alles andere wäre ja wieder eine Einladung zum Entreißen, würde seine These nur belegen, dass eben alle Texte verlieren, sobald sie online sind und somit zu Verkürzung und Überlassung einladen. Denn diesen Text im Blog zu besprechen wäre vergleichbar damit, eine Blogdiskussion über die These abzuhalten, ob Blogdiskussionen nicht per se haltlos sind: eine contradictio in adiecto. Insofern wird Drawerts Artikel nun selbst „entrissener“ Text, in Ausschnitte zerbröckelt und unterlegt mit Bockwurst und Bier. „Der entrissene Text kann sich in keiner Weise je wieder finden. Hier und dort tauchen ein paar Reste von ihm auf, bleiben Spannungen, die immanent sind, erhalten, aber sein einzigartiger Komplex, seine semiologische Architektur ist beschädigt. Es ist, wie einen Pianisten der Philharmonie ans Klavier auf den Marktplatz zu zerren: Was immer er spielt, es klingt nach Bockwurst und Bier. Die Signifikanten des Raumes stören die des Textes ununterbrochen, und diese Okkupation ist nur zu verhindern, indem der Raum gemieden und das Medium ausgelassen wird. Es wäre konsequent, aber nicht praktisch, und deshalb bedienen wir es weiter. Und damit jetzt nicht der Eindruck einer singulären Klage entsteht eines Schreibers und seines Textes, auf den die Welt gut verzichten kann – es geht hier nicht nur um eine Produzentenkrise, sondern ebenso um die Krise des Konsumenten, der um seine Möglichkeiten des Lesens gebracht und um jede Form der Nachhaltigkeit betrogen wird.“
Nebeneinander stehen zwei Freiheitskonzepte: Freiheit des Netzes vs. Freiheit der Buchrezeption. Auch wenn ich das Bild der „saugenden“ Röhre nicht durchweg gelungen finde, weil angstgesteuert, will sagen technikfeindlich und irgendwie zu allgemein-apokalyptisch, so zeigt es doch, dass etwas passiert, sobald man sich dem Bildschirm zuwendet, und eben nicht nur psychologisch. „Die Veränderung der Textintention durch die Verschiebung des Textes in ein anderes Medium wollen wir beobachten und stellen fest, dass es keine Verbindlichkeit der Signifikate gibt. Die Flüchtigkeit des Netzes wird zur Flüchtigkeit des Textes. Wir lesen auch schneller auf einem Bildschirm als in einem Buch, weil der Fliesstext unterhalb des Textes permanent mitläuft, gleichviel, ob wir ihn sehen – wir denken ihn mit. Es ist schlichter Unfug, von einer Freiheit des users zu sprechen, wenn dieser schon präfiguriert ist, noch ehe er eingeschaltet hat. Wie eine Ratte, die unter Reizstrom steht, erinnert er sich an die subtile Forderung der Maschine, sich hineinziehen und die Texte entreissen zu lassen. Diese Prozedur ist Minimalkonsens und, wie in einem Gang in die Sauna, Entkleidungsverpflichtung.“
So ist für mich der Drawert-Artikel wesentlich vielschichtiger, als die Ben-Kaden-Replik wahrhaben will.
Heute um 13:29 · Gefällt mir
Michael Gratz klar sind da bedenkenswerte gedanken drin. aber das apokalyptische finde ich schon nervend. ich würd den spieß umdrehen: ich seh die hektik auf seiten der warner und mahner. (ähnlich wie dort opitz schrieb: „wenn man mir ne pistole auf die brust setzte“, was gar nicht drohte. sondern er suchte nur nen aufhänger für seine attacke auf den vom papst abgesegneten stolterfohtsatz oder sowas.
Heute um 14:19 · Gefällt mir
Ohne die Lyrikanthologien von Axel Kutsch wäre das literarische Leben im deutschen Sprachraum deutlich ärmer. Lyrik erreicht seit jeher ihre Leser vorzugsweise über Sammelbände, und immer wieder leisten diese zusätzlich Erweckungsdienste für junge Autorinnen und Autoren, die hier Vorbild und Meister entdecken und hoffentlich auch die Erkenntnis, daß fast noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Lyrik ist nie homogen, resultiert sie doch aus zahllosen Stimmen und Stilen, die hier eine Reihe von Berührungspunkte aufweisen, dort aber auch kaum eine Ähnlichkeit aufweisen. Den 50.000 ernsthaft um eigene Lyrik bemühten Autoren stehen vielleicht 500 Lesern gegenüber, die Lyrikbände käuflich erwerben – und zwar jeweils nur den besten eines Jahrgangs. Gottfried Benn hat behauptet, von seinen Einnahmen aus der Lyrik habe er die Kosten für seine Zündhölzer bestritten. Um Geld kann es also nicht gehen.
Die Stimmenvielfalt in »Versnetze_eins« bis »Versnetze_fünf« erscheint wichtiger als die Auslese. (…)
Die gegenwärtige deutschsprachige Lyrik ist von einer ungeahnten Produktivität und Vielfalt. In den letzten Jahren haben sich unzählige neue Stimmen gemeldet – mit sehr unterschiedlichen Ansätzen und nicht selten in einer intensiven Auseinandersetzung mit der lyrischen Überlieferung.In den Traditionslinien, die Axel Kutsch in »Versnetze_eins« bis »Versnetze_fünf« aufzeigt, geht es um die Rückkehr zur Aufklärung. Axel Kutsch stimmt dem zu, aber nicht zu derselben Art von Aufklärungsliteratur. Einfach mit Aufklärung oder Klassik weiterzumachen geht gerade dann nicht, wenn man besonders stark damit sympathisiert. Das ist ein großer Gedanke Ezra Pounds: »Um etwas wieder zu tun, muß ich es neu machen. « / Matthias Hagedorn, Fixpoetry
Bücherliste
Etliche Dichter und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts waren fasziniert von den wald- und wasserreichen Landschaften Brandenburgs und suchten sich dort ihre Refugien – in Dörfern, Kurorten, Villenkolonien.
Als Freizeitsitz oder fürs ganze Leben. 16 dieser Autoren stellt Edda Gutsche in ihrem soeben erschienen Buch über Schriftstellerorte in Brandenburg vor. Darunter auch Bertolt Brecht in seiner „Eisernen Villa“ in Buckow in der Märkischen Schweiz, Einsiedler Franz Fühmann in seiner Waldhütte bei Märkisch Buchholz, Peter Hacks auf seinem burgähnlichen Landsitz bei Mittenwalde, Eva Strittmatter in Schulzenhof im Ruppiner Land, wo sie seit 1954 zusammen mit Erwin Strittmatter lebte und Verse auch aus der Stille schöpfte. Oder der Erfinder der „Heiden von Kummerow“, Ehm Welk. An seinem Geburtshaus in Biesenbrow steht einer von Welks Sinnsprüchen: „Heimat ist nicht immer dort, wo wir zur Welt kommen – Heimat ist, wo wir lieben.“ / Christoph Stollowsky, Tagesspiegel
„Ich musste auf’s Land, das war mir klar ….“, Schriftstellerorte in Brandenburg von Edda Gutsche, vbb-Verlag, 19.95 Euro.
Lesen (Nietzsche)
Aus: Lyrikwiki
23 [22] Fast bei allen Philosophen ist die Benutzung des Vorgängers und die Bekämpfung desselben nicht streng, und ungerecht. Sie haben nicht gelernt ordentlich zu lesen und zu interpretiren, die Philosophen unterschätzen die Schwierigkeit wirklich zu verstehen, was einer gesagt hat und wenden ihre Sorgfalt nicht dahin. So hat Schopenhauer ebensowohl Kant als Plato völlig mißverstanden. Auch die Künstler pflegen schlecht zu lesen, sie neigen zum allegorischen und pneumatischen Erklären.
Aus: Friedrich Wilhelm Nietzsche: Fragmente 1875-1879, Band 2 – Kapitel 24
[ENDE 1876 – SOMMER 1877]
[Dokument: Mappe loser Blätter]
Anmerkung:
pneu|ma|tisch <gr.-lat.>:
1. (Philos.) das Pneuma (1) betreffend.
2. (Theol.) geistgewirkt, vom Geist Gottes erfüllt;
pneumatische Exegese: altchristliche Bibelauslegung, die mithilfe des Heiligen Geistes den übergeschichtlichen Sinn der Schrift erforschen will.
Duden – Das Fremdwörterbuch, 9. Aufl. Mannheim 2007 [CD-ROM]
Pneu|ma das; -s <gr.; Hauch, Atem>:
1. (Philos.) in der Stoa ätherische, luftartige Substanz, die als Lebensprinzip angesehen wurde.
2. (Theol.) Geist Gottes, Heiliger Geist
Duden – Das Fremdwörterbuch, 9. Aufl. Mannheim 2007 [CD-ROM]
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