16. Uwe Grüning

Mit Lyrik und Poesie die Hintergründe des Lebens entdecken – diesem Anspruch stellt sich der Autor Uwe Grüning am Sonntag, den 19. August 2012, 17 Uhr, im Kloster Mildenfurth.* …

Wie schon in den vergangenen Jahren dürfen sich die Besucher der Lesung im Kloster Mildenfurth auf eine exklusiv anlässlich der Veranstaltung angefertigte kleine Publikation mit Werken von Uwe Grüning freuen. / Deutschland today

*) sagt die Website

15. Genialität des Abendlandes

Vor 60 Jahren wurde im Düsseldorfer Eugen Diederichs Verlag unter dem Titel Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße ein kleiner Lyrikband veröffentlicht, der mit seinen 48 Seiten zu einem der erfolgreichsten deutschen Gedichtbücher der frühen Nachkriegszeit werden sollte. Bis 1955 erreichte er acht Auflagen mit insgesamt 21 000 Exemplaren.

Sein angeblich in Indochina verschollener Autor George Forestier erntete nicht nur großes Lob von Gottfried Benn und Karl Krolow, sondern wurde auch von manchen Literaturkritikern als erstrangige lyrische Begabung gefeiert. So schrieb die FAZ, die vorab einige Gedichte aus dem Band abgedruckt hatte, daß Forestier durch alle Stationen des Kreuzwegs seiner Generation die  unruhvolle Genialität des Abendlandes gelebt und gedichtet  habe. Und die Frankfurter Abendpost meinte, Forestier habe alles getan, was ein Mensch von heute für die Lyrik tun kann.

Daß Dichterkollegen, Literaturkritiker und zahlreiche Leser sich offenbar für Verse wie Wenn die Lotosknospe springt, / knallt im Dorf die Handgranate. / Wenn der junge Bambus blüht, / werden die Kanonen reden … begeistern konnten, dürfte in erster Linie auf die Biographie des Autors zurückzuführen sein. George Forestier, der 1921 als Sohn eines Franzosen und einer Deutschen geboren worden war und im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Nazis gekämpft hatte, trat nach Kriegsende in die Fremdenlegion ein und wurde nach Indochina geschickt, wo sich 1951 seine Spur verlor. Vorher hatte er einem Kameraden noch eine Kladde mit Gedichten übergeben..

Schöner kann man die Biographie eines ›Frühvollendeten‹ kaum erfinden. Daß der deutsch-französische Poet George Forestier, der gar mit Rimbaud verglichen wurde, nie existiert hat, wurde 1955 bekannt. / Axel Kutsch, KuNo

14. Neufundland

Köhler komponiert rhythmisch, verschiebt kleinste Bedeutungsträger. In „Neufundland“ kommen Meret Oppenheim, Gertrude Stein und Elizabeth Bishop zu Wort, deren Gedichte sie übersetzt hat. In einem Porträt der mittelalterlichen Mystikerin Mechthild von Magdeburg ist vom „tanz der stimme jenseits von feststellungen“ die Rede. „Sprache in eine liquide Form“ zu bringen, gelingt ihr sowohl in einer virtuosen Betrachtung von Hase und Igel aus dem Grimmschen Märchen als auch im kafkaesken „Berliner Zimmer“ oder unterwegs zum Londoner „End of the World“. Im vierten Gesang der „Odyssee“ hat sie eine Gestalt entdeckt, die in der Fassung Homers seltsam stumm geblieben ist: Eidothea, die Bildergöttin. Aus der fein gewebten kanadischen Reisetextur „Neufundland“ geht einem das Bild eines Jungen nicht aus dem Sinn, der am Highway steht und den Vorbeifahrenden ein Pappschild mit dem Wort „home“ entgegenhält. Weiß denn niemand, wo das liegt? / Dorothea von Törne, Die Welt

Barbara Köhler Neufundland. Edition Korrespondenzen, Wien. 257 S., mit CD, 24 Euro.

13. Atmosphäre

„Die Heiterkeit der Luftschiffer“ („Hundstage“) und das Wahrnehmen einer „Feuer fangenden Zeit“ liegen gar nicht so weit auseinander. Zwischen ihnen entfacht das Gedicht seine knisternde Atmosphäre. Wer anspielungsreiche Verse mag und den Diskurs mit Dichtern wie John Keats, Emily Dickinson oder Johannes Bobrowski, der wird sich bei der Lektüre dieser melancholischen, zeitgeistkritischen Verse aufgehoben fühlen. / Dorothea von Törne, Die Welt

Mirko Bonné Traklpark. Schöffling, Frankfurt/M. 112 S., 18,95 Euro.

12. Korrespondenzen

Im klangvollen Dialog miteinander können beide sich für Augenblicke in alles verwandeln, was ihnen begegnet – ein absurdes Rollenspiel. „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen“ – das Novalis-Zitat des Gedichts „Wer spricht“ könnte über dem ganzen Zyklus stehen. Nur eines scheint sicher: Die beiden sind Gottes Geschöpfe, vorübergehend der „Welt-hinter-der-Welt“ entsprungen, wie auch die Biene im Gedicht „Emily Dickinsons Briefe“. Nicht nur mit Dickinson pflegt Martynova geheime Korrespondenzen, auch mit Shakespeare, Christian Morgenstern, Robert Gernhardt, Ossip Mandelstam und Anna Achmatowa. / Dorothea von Törne, Die Welt

Olga Martynova: Von Tschwirik und Tschwirka. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Droschl, Graz. 96 S., 16 Euro.

 

11. Eigentum

Bob Dylan hat seit jeher eine entspannte Einstellung zum geistigen Eigentum. In seiner Jugend schickte er dem „Herzl Herald“, einer jüdischen Sommercamp-Zeitschrift, ein Gedicht mit dem Titel „Little Buddy“. Er hatte es Zeile für Zeile beim Countrysänger Hank Snow abgekupfert. Dessen ungeachtet setzte er stolz seine Signatur darunter: Bobby Zimmerman. Später klaute er behutsamer, variierte Verse toter Poeten, etwa auf dem Album „Modern Times“ (2006), für das er sich großzügig beim Bürgerkriegsdichter Henry Timrod bediente. Im Song „Spirit on the Water“ paraphrasiert Dylan sachte eine Passage aus Timrods „Two Portraits“: „How then, O weary one!“, heißt es da: „Explain the sources of that hidden pain“. Dylan macht daraus: „Can’t explain/ The sources of this hidden pain“.  / Jan Küveler, Welt

10. Zum Tod von Hanns Grössel

Zwei Schriftsteller leuchten an seinem weitverzweigten Dichterhimmel als Fixsterne, und ihre Poesie wäre dem deutschen Leser nicht so hell aufgegangen, wenn nicht Hanns Grössel ihnen Glanz gesichert hätte: Inger Christensen und Tomas Tranströmer. Wie übersetzt man Lyrik? „Möglichst so, wie es da steht“, antwortete Grössel, als er nach dem Nobelpreis für Tranströmer gefragt wurde, mit gelassenem Understatement: „Lyrik besteht wie Prosa nur aus Wörtern.“ Mit dem schwedischen Dichter stand er, seit er ihn 1977 persönlich kennengelernt hatte, in engem Kontakt, über viele Übersetzungsfragen hat er sich mit ihm ausgetauscht und so das Gesamtwerk mit zuverlässigster Genauigkeit ins Deutsche gebracht. Gezeichnet schon von seiner Krankheit, hat der Übersetzer den Nobelpreisträger seit der freudigen Überraschung, die ihm die Schwedische Akademie bereitete, auf Veranstaltungen begleitet und vertreten. Es blieb die letzte und auch meistbeachtete Etappe in seinem philologischen Wanderarbeiterleben: Am 1. August ist Hanns Grössel, der Sprachliebkoser und – so sah er mit Lessing die Übersetzer – „Wortgrübler“, im Alter von achtzig Jahren in Köln gestorben. / ANDREAS ROSSMANN, FAZ

9. Zeitzeuge

Dieses Gedichtbuch ist leicht lesbar und hat es dennoch in sich. Hier spricht eine überlebende Stimme des zwanzigsten Jahrhunderts. Geschichtliche Räume werden mit knappen Worten umrissen und spürbar gemacht. Die Texte des politischen Publizisten Gerhard Schoenberner enthalten keinen doppelten Boden, weder sprachlich noch inhaltlich; sie sind in ihrer appellativen Symbolik eindeutig: Diese poetischen Notate erschließen sich beim ersten Lesen. Es geht um Krieg und Vertreibung, Flucht und Emigration; es geht um Frieden und Gerechtigkeit, um Menschheitsüberleben und Einzelschicksale. … Stark sind Schoenberners Texte da, wo sie erlebte Geschichte erzählen, das Allgemeingültige im Persönlichen sichtbar machen; banal wirken sie, wo persönliche Impressionen einfach nur registriert werden. Immer jedoch herrscht sprachliche Schlichtheit und Klarheit, eine Brechtsche Knappheit mit didaktischen Botschaften und implizierten moralischen Appellen, nicht selten am Rande des Agitprop. / Martin Jankowski, Fixpoetry

Gerhard Schoenberner: FAZIT Prosagedichte ISBN 3-88619-488-9  Ariadnes Literaturbibliothek Hamburg 2012

8. lyrix-Wettbewerb für Schüler

Der lyrix-Wettbewerb für Schüler geht in die nächste Runde. Einsendeschluss ist der 31. August 2012. Der DLF erklärt die Aufgabe u.a. mit einem Gedicht von Marcus Roloff:

Auf den zweiten Blick ist alles anders. Ob in der Werbung oder im richtigen Leben: Oft wird einem der schöne Schein vorgespielt. Doch was verbirgt sich dahinter? Und wann reizt es euch, den Vorhang zu heben und mal dahinter zu schauen? Sollte man überhaupt einen Blick riskieren? Oder ist es manchmal vielleicht gut, die Fassade zu wahren? Was kann es unter den verschiedenen Oberflächen zu entdecken geben?

Die Wirklichkeit des Betrachters ist oft nicht identisch mit der Wirklichkeit der Situation oder des Objekts, welches er betrachtet. Wie wir etwas wahrnehmen, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Unterschiedliche Menschen können die gleiche Situation zum Beispiel ganz anders wahrnehmen, das gilt nicht nur in der Kunst. Oder ist es ganz anders und „man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, wie Antoine de Saint-Éxupery in seinem „Kleinen Prinzen“ formulierte?

Wir freuen uns auf eure Gedichte und euren Blick unter die Oberfläche!

(…)

Auch der Frankfurter Dichter Marcus Roloff (*1973) hat sich in seinem Gedicht „zyklus“ Gedanken über die Differenz zwischen Sehen und Verstehen gemacht. Es handelt von der Schwierigkeit, Dinge in ihrer Ganzheit wahrzunehmen. Denn bei der ersten Betrachtung bleibt oft Vieles im Dunkeln.

zyklus

allmählich ging mir der mond auf
ich machte mir meine koordinaten
aber der eindruck vom monat war
zunehmend miserabel obwohl ich schon
weit nach mittag des nächsten tages
noch immer auf wahrnehmung lag & die
nichtverstandene nichthergewandte seite
immer noch hinnahm als eine
dämmerungsabsicht

(© Marcus Roloff/Gutleut-Verlag, aus: „gedächtnisformate“, Frankfurt am Main 2006)

7. Bai Juyi

Ein sehr beliebter Dichter der Tangzeit ist Bai Juyi, auch „Pai Chü-i“ geschrieben. Er lebte von 772 bis 846, wurde schon zu Lebzeiten viel gelesen, machte sich aber auch viele Feinde beim Hof durch seine kritische Meinung über soziale Missstände und Krieg.

Es wird erzählt, dass er seine Gedichte einer Bäuerin vorlas und Zeilen änderte die sie nicht verstand.

Das folgende Gedicht ist jedoch gar nicht so einfach, weil es eine tiefgehende Kulturkritik ausdrückt, die auch uns noch angeht. / Jan Kellendonk, lokalkompass.de

6. Gesellschaft

Gesellschaft

Aus einer großen Gesellschaft heraus
Ging einst ein stiller Gelehrter zu Haus.
Man fragte: Wie seid Ihr zufrieden gewesen?
„Wären’s Bücher, sagt‘ er, ich würd‘ sie nicht lesen.“
Johann Wolfgang Goethe

In: Gedichte 1800 – 1832. Hg. Karl Eibl (Sämtliche Gedichte in 2 Bänden), Hg. Karl Eibl, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998, S. 418.

5. Auf Erfolgskurs

Auch im Dschungel der „Kleinverlage“ brauchts Ordnung, deshalb beginnt der Artikel von Christina Eickhorn so:

Literaturkritiker Michael Braun hält ihn für den „derzeit wirkungsmächtigsten unabhängigen Lyrikverlag im deutschsprachigen Raum“. Den Luxbooks-Verlag mit Sitz in Wiesbaden.

Darin heißt es:

Das erste Programm erschien dann im Frühjahr 2008. Die Nische, die sie sich gesucht hatten, war die, amerikanische Lyrik auf Deutsch herauszubringen. „Eine ganze Ära von Literatur war zu diesem Zeitpunkt noch nicht übersetzt worden und somit in Deutschland nicht rezipierbar. Daran wollten wir etwas ändern“, sagt Kühn.

Mittlerweile gehören Gedichtbände von John Updike, H.D. (Hilda Doolittle) oder George Oppen zum Verlagsprogramm. Zu der Reihe „luxbooks.americana“, in der nach wie vor Werke der US-amerikanischen Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts präsentiert werden, sind weitere Reihen hinzugekommen. Sie widmen sich unter anderem experimenteller Lyrik, Lyrik aus Lateinamerika, aber auch verstärkt deutschen Texten.

(Der letzte Satz gibt zu denken.) Geld machen kann man damit nicht. Erfolg läßt sich offenbar vor allem beim Fernsehen beobachten:

Und so ist „Luxbooks“ weiter auf Erfolgskurs. Der vor knapp zwei Jahren in dem kleinen Wiesbadener Verlag erschienene Lyrikband „Ein weltgewandtes Land“ von John Ashbery schaffte es auf Platz eins der SWR Bestenliste und wurde in der ARD-Sendung „Druckfrisch“ besprochen.

Der Ausblick:

Und auch in diesem Jahr wartet der Independent-Verlag mit einer Besonderheit auf: Im Herbst soll der von Kritikern und Rezensenten lang erwartete erste Band der in Berlin lebenden und erst vor wenigen Wochen mit dem Wiesbadener Orphil-Debüt-Preis ausgezeichneten Lyrikerin Simone Kornappel bei „Luxbooks“ erscheinen.

 

4. Grün und Blau

Der Dichter Du Fu war befreundet mit Li Bai und sie werden oft in einem Atemzug genannt. Wie viele andere Menschen mit Herz beklagte er die unstete Zeit mit ihren vielen Scharmützeln und es sind von ihm einige Gedichte gegen die Unmenschlichkeit des Krieges bekannt.
(…)

Er verband Gedanken über die Natur mit seinem eigenen Los, auf eine natürliche Weise, so wie in dem Gedicht:

Der Fluss ist grün | am Himmel Vögel weiß
Gebirge blau | und Blüten grad erglüh‘n
Nun diesen Lenz | auch ihn seh‘ ich vergeh’n
An welchem Tag | wird sein mein Heimkehrjahr?

Die ersten zwei Zeilen beschreiben eine Szene: der Fluss, vielleicht der Große Fluss, der Yangtze, ist grün, und Kraniche oder Reiher ziehen am Himmel vorbei. Kraniche werden oft auf Faltschirmen oder Rollbildern abgebildet. Wie für ein Plakat werden die Farben eingesetzt: Grün, Weiß, Blau und Rot. Kühle Farben und eine warme.
(…)
Ist der Anfang eine große breite, hohe, deutliche Skizze, so ist auch das Ende groß und breit, aber tief im Gefühl.
Für „Fluss“ kann man auch „Bucht“ lesen. Die Zeichen für die Farben „Grün“ und „Blau“ sind eigentlich „jadefarbig“ und „Farbe der Natur“; beide können sowohl Grün als Blau bedeuten. „Am Himmel“ nicht im Original, wo es heißt: „ziehen vorbei“, wodurch es auch Wasservögel sein könnten, aber die Bewegung geht von dem Fluss unten, zu den Vögeln, zu den weiten Bergen die naturgemäß trübe gefärbt sind, hin zu einer inneren Welt der Gedanken. / Jan Kellendonk, lokalkompass.de

Nachtrag

Dank Internet findet man bei Regionalzeitungen Übersetzungen chinesischer Gedichte! Verzichtet auf was ihr könnt (Rainer Kirsch). Ich sage danke. Und suche. Eine Ausgabe der 300 Tang-Gedichte findet man bei buchhandel.de nicht. Immerhin dieses:

Im Zeitmaß des Mondes. I. Frühling
Eine Auswahl chinesischer Lyrik vom 3. bis zum 13. Jahrhundert. Ausgewählt und übersetzt von Frank Kraushaar.
München :
Stiftung Lyrik Kabinett 2003. ISBN: 978-3-9807150-2-7
geheftet

27 S. – 21,8 x 14,7 cm

Ebenso eine Auswahl für Sommer und Herbst, je 4 Euro. [Winter vergriffen]

Wer das Ganze will, ist auf die chinesische und englische Sprache angewiesen. Und auf hunderte Enthusiasten (vor allem in diesen beiden Sprachen), die in wenigen Jahren gewaltige Materialmengen angehäuft haben. Welch ein Gewinn an Freiheit.

Zu diesem Gedicht weiteres Material:

Jueju, No. 2 of 2 (The River’s Blue, The Bird a Perfect White)

Du Fu

江碧鸟逾白
山青花欲燃
今春看又过
何日是归年

jiāng bì niǎo yú bái
shān qīng huā yù rán
jīn chūn kàn yòu guò
hé rì shì guī nián

Wort-für-Wort-Übersetzung:

River blue bird exceed white
Hill green flower about to ignite
This spring see again have
What day be return year

Nachdichtung:

The river’s blue, the bird a perfect white,
The mountain green with flowers about to blaze.
I’ve watched the spring pass away again,
When will I be able to return?

This poem is volume (juàn) 228, no. 21 in the Complete Tang Poems (quán táng shī). It is translated on p. 439 of Owen, and p. 86 of Hinton, and as poem 94 in Watson, p. 112, and poem CCCVII in Hung, p. 244.

Quelle

Günter Eich, selber studierter Sinologe, übersetzt so:

Fremde

Nie war der Fluß so grün, das Weiß der Vögel weißer,
So blau der Berg, das Rot der Blüten heißer,
Und doch vergehts, das Jahr, gleich allen, wies auch brennt,
Und niemand ist, der mir den Tag der Heimat nennt.

In: Lyrik des Ostens: China. München: dtv 1962, S. 92
(vorher bei Hanser, 1958)

3. „Ich weiß von der ersten Zeile“

Natürlich packe ich das Buch rasch aus, erfreue mich sogleich an der Gestal­tung, wiege es in der Hand, in der das leinen­gebundene Werk trotz seines Umfangs angenehm leicht liegt, und lese unverzüglich die ersten Seiten, die sogleich eine Über­raschung darstellen. Das erste Wort: Bekenntnisse. Und tatsächlich, die spontane Vermutung trifft zu: Hier stehen neue Übertragun­gen der Confessiones des Augusti­nus, dessen eine – eingebrannt wie ein Tattoo – mich lebenslang be­gleitet, seit ich sie von frühester Kindheit an während jeder Messe vom katholischen Dorfpfarrer in Bürvenich gesprochen hörte: Un­ruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir, o Herr. / Inquietum est cor nostrum, donec re­quiescat in te, Domine, unpaginiert und im Wechsel mit ringförmigen Zeichnungen des Autors über ein Dutzend Seiten das voluminöse Buch einleitend – und mit einer Sei­te Boethius am Ende das über 700 Seiten starke, auf vier Säulen – Zeichnung, Übertragung, Blocksatz-Ge­dicht in lyri­scher Prosa, die von vielen Vierzeilern (in nihilum album finden sich 3.650 von die­sen Ameisengedichten) eingerahmt werden, die am Ende von Kapiteln die Herrschaft über eine ganze Seite übernehmen – stehende Werk beschließend. (…)

In einer späten Septembernacht beginne ich die Lektüre. Im Nu spüre ich die Wörter in der Brust pochen (geht das überhaupt?), fühle einen pulsierenden Druck, und ich sage nach einigen Seiten laut vor mich hin: Wahnsinn, das ist der helle Wahn­sinn, und lese weiter und weiter und weiter. Ich weiß von der ersten Zeile (Es ist wahr: ich bin stark, ich habe Lunge und Arm, und ich atme), vom ersten Vierzeiler an: Das ist mein Buch, das ist ein Buch zum Mit-Haut-und-Haar-Verspeisen, zum Lesen, bis mir die Au­gen über­laufen von Wörtern und Bildern und

Halb stemmt eine dritte Figur auf ihren himmel­hin erhobenen Sohlen im Korb eine Maulbeere herauf, die Frucht vom Strauch der Raupe, in deren Puppe sich kein Leib verhüllt: bis er zur unsichtbaren Insassin der Schemen mehr inne­hat als ihren Schatten. Der Kirschkernbeißer, ein Unholdvogel, als hornbeschnäbelter Zerschrot­ter dürrster Samen und durch die heftig ankei­fenden Spuckkerne seines Lockrufs: Zick, zick, zieh! Bringt Ingrimm und Stimmen in Syzygie

/ Theo Breuer, KuNo

  • Oswald Egger, Die ganze Zeit, 741 Seiten, Leinen, Lesebändchen, Suhrkamp, Berlin 2010.
  • Oswald Egger, nihilum albumLieder & Gedichte, 150 Seiten, Hardcover mit Schutzum­schlag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
  • Oswald Egger, Tag und Nacht sind zwei JahreKalendergedichte, 36 Seiten, handfadenge­bundene Broschur, Verlag Ulrich Keicher, Leonberg 2007.

2. Elsässischer Autor gestorben

Der elsässische Autor André Weckmann, ein großer Verfechter der Zweisprachigkeit, starb am Sonntag in Straßburg im Alter von 87 Jahren an einer Lungenembolie. Nach einem Sturz in Österreich vergangene Woche lag er in Straßburg im Krankenhaus, aber sein Zustand verschlechterte sich rapide.

Er veröffentlichte mehr als 30 Bücher in drei Sprachen, Französisch, Deutsch und Elsässisch. „Aus dem Dialekt schuf er ein hochwertiges Instrument poetischen Schaffens und bewies, daß Elsässich mehr als eine Sprache der Straße sein kann“, erklärte M. Woehrling, Präsident der Association Culture et bilinguisme d’Alsace-Moselle. / Dernières Nouvelles d’Alsace

Weckmann in der Alemannischen Wikipedia. Zitat:

1943 ésch´r wie àlli Elsasser én sinem Àlter vun de Ditsche Wehrmacht zwàngsrekrutiert wore (de „Malgré Nous“); e Johr spoter ésch´r vum Hitlerkriej desertiert. Nochher het´r én de US-amerikanisch Armee gedient. Nooch´m Kriej het de Weckmann studiert un ésch Lehrer f´r Ditsch wore. Bis 1989 als Professeur d´études (Studienrat) am Lyzeum ze Strosburi.

De Weckmann ésch zitt´r 1970 én de (alternativ) elsassisch Kültürpolitik engagiert un ésch öi én d´Umweltbewegung, bispielswiis geje´s Atomkraftwerk Wyhl aktiv wore.

Ebendaher:

E Gedicht

speak white speak white
redd wiss Sprich weiß
nêger Neger
wiss ésch scheen Weiß ist schön
wiss ésch nôwel Weiß ist nobel
wiss ésch gschît Weiß ist gescheit
wiss ésch fránzeesch Weiß ist Französisch
fránzeesch ésch wiss Französisch ist weiß
wiss un chic Weiß und schick
elsasser Elsässer
elsassisch degaje Elsässisch dagegen
net nicht
zall ésch brimidîv Das ist primitiv
vülgêr vulgär
pfùi! Pfui!
. .
. .
. .
. .
drum redd wiss Deshalb sprich weiß
nêger Neger
dáss d wiss wursch! damit du weiß wirst
andli endlich
wiss un gschît Weiß und gescheit
nêger Neger
wiss un chic! Weiß und schick
wiss wi z báriss Weiß wie in Paris