104. Gefährlich

Peter Riley in The Fortnightly Review über „Poetry Parnassus“:

Having read carefully the publicity for the event I was at once struck by two things. Firstly, although there is mention of poetry being “one of the most democratic of art forms” (I don’t know why that should be so), it was immediately evident that not all the poets of the world have the same status. Some got to read in the real auditoria of the complex, and you had to pay to hear them, up to £35. These were the special poets – mostly top sellers and prize-winners in U.K. The rest of the poets, which was the vast majority, gave free readings in various foyers and open spaces in which they had to contend with interference from external noise and activity, such as a large and busy bar, as well as a general feeling of camping. The other thing was that although there was supposed to be one poet each of some 200 nationalities, there were evidently plenty of back doors through which British poets could get in on the show, sessions promoted by various book and magazine publishers and organisations, probably not officially within Poetry Parnassus but on the ground very much a part of it and included in the brochure. These had an international content at the discretion of the editors but I reckon that in all some 15 to 20 “extra” British poets took part, some of them (Armitage, Motion and Muldoon) doing extended solo sessions or lectures. I can’t help wondering whether all 200 poets democratically got the same fee, but as there’s no information available on that let’s assume they did.

There was also, of course, quite a lot of tomfoolery, as you’d expect, mostly in the form of participatory sessions aside from the main menu in which people played fun and games with poetry. Here’s one of them:

Saturday, 6pm-9pm. POETRY PYJAMA PARTY

Bring your own torch, some pjs and a copy of The World Record Anthology, then crawl under a blanket and read along with poets by torchlight. Bed sheets provided. (Free).

I have known poets to crawl under a blanket with whom would be an extremely dangerous proposition for almost anybody.

103. Goethe schreibt

An Charlotte von Stein

[Weimar, etwa 8. Januar 1776.]

Ich muss Ihnen noch einen Danck für das Wurst Andencken und eine Gute Nacht sagen. Mein Peitschen Hieb übers Aug ist nur allegorisch wies der Brand an meinem Billet von heut früh auch ist. Wenn man künftig die Fidibus hier zu Lande so galant kneipen wird wie ein süss Zettelgen, wirds ein trefflich leben werden.

Ich bin geplagt und so gute Nacht. Ich hab liebe Briefe kriegt, die mich aber peinigen weil sie lieb sind. Und alles liebe peinigt mich auch hier ausser Sie liebe Frau, so lieb Sie auch sind. Drum das einaugige Gekrizzel zu Nacht.

G.

An Johann Gottfried Herder

[Weimar, 15. Januar 1776.]

Antworte mir schnell wie stehst du mit Jerusalem, ein guter Brief von ihm würde viel thun. Lieber Bruder, wir habens von ieher mit den Scheiskerlen verdorben, und die Scheiskerle sizzen überall auf dem Fasse. Der Herzog will und wünscht dich, aber alles ist hier gegen dich. Indess ist hier die Rede von Einrichtung auf ein gut Leben und 2000 Thlr. Einkünfte. Ich lass nit los, wenns nit gar dumm geht. Leb wohl und schreib und siegle die Briefe wohl und gieb auf die Siegel der meinigen acht.

An Charlotte von Stein

[Weimar, Januar 1776]

Hier noch zur guten Nacht, ein Ragout. – – Allerley – –! Gewürzt –! Sie fühlen mit was!

G.

An Friedrich Gottlieb Klopstock

Weimar d. 21. Mai 1776.

Verschonen Sie uns ins Künftige mit solchen Briefen, lieber Klopstock! Sie helfen nichts, und machen uns immer ein paar böse Stunden.

Sie fühlen selbst daß ich nichts darauf zu antworten habe. Entweder müsste ich als Schul Knabe ein pater peccavi anstimmen, oder mich sophistisch entschuldigen, oder als ein ehrlicher Kerl vertheidigen, und dann käm vielleicht in der Wahrheit ein Gemisch von allen Dreien heraus, und wozu?

Also kein Wort mehr zwischen uns über diese Sache! Glauben Sie, daß mir kein Augenblick meiner Existenz überbliebe, wenn ich auf all‘ solche Briefe, auf all‘ solche Anmachungen antworten sollte. – Dem Herzog thats einen Augen Blick weh, daß es von Klopstock wäre. Er liebt und ehrt Sie. Von mir wissen und fühlen Sie eben das. – Graf Stolberg soll immer kommen. Wir sind nicht schlimmer, und wills Gott, besser, als er uns selbst gesehen hat.

G.

102. American Life in Poetry: Column 390

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
David St. John is a California poet whose meticulous care with every word has always impressed me. This poem is a fine example of how clarity can let us see all the way to the heart.

From a Bridge 

I saw my mother standing there below me
On the narrow bank just looking out over the river

Looking at something just beyond the taut middle rope
Of the braided swirling currents

Then she looked up quite suddenly to the far bank
Where the densely twined limbs of the cypress

Twisted violently toward the storm-struck sky
There are some things we know before we know

Also some things we wish we would not ever know
Even if as children we already knew      & so

Standing above her on that bridge that shuddered
Each time the river ripped at its wooden pilings

I knew I could never even fate willing ever
Get to her in time

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by David St. John, whose new collection, The Auroras, is forthcoming from Harper Collins. Poem reprinted from Poetry, July/August 2011, by permission of David St. John and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

101. Die schlechte war wirklich schlecht

Beim Perlentaucher berichtet der kroatische Dichter Marko Pogačar über Schlägereien in Istanbul und beim Lyrikfestival im polnischen Bydgoszcz und sonstige Integrationserfahrungen. Ein Ausschnitt vom Festival, vor der Schlägerei:

In Polen, weit im Nordwesten, bei Bydgoszcz. Was wolltest du dort? Ich habe an einem Lyrikfestival teilgenommen, ich wollte:nichts. Wie bist du dorthin gekommen? Ich wurde in einem Auto hingefahren. Aus Berlin hat mich ein Freund mitgenommen, ein Pole, der die Sprache kennt und die Straßen. Auf dem Weg fuhren wir durch den Ort Bagdad. Welche Marke hatte das Auto? Ich weiß nicht. Was ist mit dieser Dichtung? Handelte es sich um Chiffren? Ja und nein. Es gab alle Arten von Dichtung, wie das bei Lyrikfestivals so ist. Die schlechte war wirklich schlecht.

100. Nichts genützt

Dies entnahm ich dem Perlentaucher:

Im Schloss Neuhardenberg fand, mitorganisiert vom Goethe-Institut, eine europäisch-chinesische Tagung statt, von der selbst der an sich doch recht regimefreundliche Tilman Spengler wegen allzu kritischer Position ausgeschlossen worden war. Arno Widmann berichtet in der FR: „Als Zhao Tingyang, geboren 1961, Mitarbeiter des Instituts der Philosophie der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften und der chinesische Kurator der Veranstaltung, ausführte, in China könne niemand verstehen, dass Menschenrechte von Kriminellen in Anspruch genommen werden könnten – ‚Wo bleiben da die Opfer‘ -, da intervenierte der Komponist Helmut Lachenmann: ‚Das sind gespenstische Ausführungen.'“

99. Goebbels-Lyrik

Ein Auktionshaus in den USA hat die Versteigerung von Liebesbriefen des NS-Propagandachefs Joseph Goebbels angekündigt. Die Briefe und zahlreiche weitere Dokumente aus Goebbels‘ Nachlass, darunter seine Doktorarbeit und mehrere Gedichte, sollen am Donnerstag in Stamford im US-Staat Connecticut verkauft werden. / Kleine Zeitung

98. Manfred Chobot

„Die einzelnen Textgebilde sind überschaubar, sind meist filigran, aber gerade weil sie so sind, muss man als Leser auf der Hut sein“. Das schrieb der verstorbene Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler über die Poesie des Wiener Stadtlyrikers Manfred Chobot. Und auch Chobots neuem Band „Gefallen Gefällt“ kann man eine gewisse selbstbewusste Kargheit nicht absprechen. Denn die Gedichte wirken auf ersten Blick wie ganz kryptische und völlig unlyrische Prosa, sie erschließen ihre Rhythmik und ihre inhaltliche Tiefe erst beim lauten Lesen. / ORF

„Gefallen Gefällt“. Von Manfred Chobot. Edition Art Science, Reihe Lyrik der Gegenwart, Band 21

97. Atomdichter

Literarisch am impulsivsten reagierte auf die Kriegsfolgen eine Gruppe junger Dichter. Man beschimpfte sie in der aufwallenden Disputation als „Atomdichter“. Sie brachen mit den tradierten Formen isländischer Dichtung und lösten einen Kulturstreit aus, der die junge Republik über Jahrzehnte erschütterte. Island wurde unter Verletzung seiner Neutralität zunächst von den Briten und ab Juli 1941 von den USA besetzt.

„In der Bevölkerung gab es eine heftige Auseinandersetzung darüber, ob Island Mitglied der NATO werden und ob es einen dauerhaften Stützpunkt im Land zulassen sollte. Genau davon handelte der Roman „Atomstation“ von Laxness, der etwa zur selben Zeit erschien, als im Kulturleben der Streit um die Gedichtform, um die bildende Kunst und um die Frage, ob man dies Isländersagas in neuer Rechtschreibung herausgeben darf, entflammte“, erläuterte Schiffer.

Ein Akteur, der in dem Roman von Laxness als „Atomdichter“ tituliert wird, ist ein schlechter Dichter. Entsprechend nutzten die eher am Status quo interessierten Meinungsbildner des isländischen Kulturbetriebes diese Bezeichnung als Kampfbegriff gegen die Protagonisten der literarischen Moderne. Einar Bragi zählte zu den einflussreichsten Kämpfern unter den jungen Wilden und brachte den Konflikt sprachmächtig auf den Punkt:

„Nach meiner Auffassung ist er vor allem eine Rebellion gegen die stagnierten Formen, das mechanische Alliterieren, das unbelebte Gelabere, das geistlose, gezierte Geschwätz (klingt ein wenig nach Rabelais – liebwerteste Gichtlinge und so weiter….gs), die unoriginellen, oberflächlichen Schilderungen, die bilderlosen epischen Gedichte und gegen allerhand gebundenen nationalen Unsinn, der drauf und dran war, das Gedicht zu ersticken – und gleichzeitig markiert er das Streben nach Erneuerung: das Erschaffen neuer Gedichtarten, die Reinigung der poetischen Sprache, neue Ideen für Bilder, Metaphern und Verknüpfungen von Gedanken mit dem Zweck, das Gedicht an sich auf einen Ehrenplatz zu führen.“

In der Kunst führe kein Weg zurück – hoffentlich nicht nur dort.

/ Gunnar Sohn, ne-na.de

96. Anruf bei Goethe genügt

Falkner montiert und verfremdet Bruchstücke, am liebsten von Büchner, Goethe, Hölderlin, immer mit dem Ziel, eine Fallhöhe auszuloten zwischen den Hochphasen abendländischer Kultur und der Welt von heute. Aus einem radikalen Defizitempfinden heraus macht er sich zum Anwalt des hohen Tons, nur um im nächsten Moment dem Pathos die Luft abzulassen: „Wer nicht nach oben blickt / findet das Höhere nie. Ihr glaubt es nicht: Anruf bei Goethe genügt!“

Falkners poetologisches Programm erschöpft sich aber nicht in der spielerischen Dekonstruktion literarischer Vorbilder: Der Clash zwischen Tradition und Moderne, im Gedicht sprachlich ausgefochten, bleibt ohne Aussicht auf den Schlichterspruch. Falkner will die Konfrontation mit den Idealen vergangener Kunstepochen nicht ironisierend abfedern, sondern die Widersprüche gestalten. Diesen hochgesteckten Anspruch löst Falkner ein, wenn er lyrisches Pathos, (manipulierte) Idiome und IT- oder Werbejargon kollidieren lässt. Dazu gehört auch der Mut zu sagen: „Das Beispiel, das die Griechen gaben: / man wird es nicht mehr los“ – und darin weniger eine Zumutung als eine Herausforderung zu erkennen.

Umso bedauerlicher, dass er die durch den ganzen Band hindurch exponierte Diskrepanz zwischen antiker Hochkultur und modernem Alltag im letzten Gedicht in einem kulturpessimistischen Abgesang simplifiziert. Der Mensch im sinnentleerten Hier und Jetzt erlebt „Höhepunkte höchstens noch im Fußballfieber“, bevor sein Leben „im Lustigen verpufft“. Die von den Olympiern im Fries verkörperten Ideale von Größe, Schönheit und Kraft überfordern ihn: „Du sagst: mich lässt der Marmor kalt, die / alten Scherben // … ich habe keinen Sinn für etwas, das mich / übersteigt“. / Angela Sanmann, Tagesspiegel

95. Verbindung von Sterbebegleitung und Lyrik

Franco Rest, geb. 1942, lehrte bis 2007 in Dortmund u. wurde – in umfassender Beschäftigung mit seiner Fächerkombination einerseits und als Betroffener andererseits – zum Mitbegründer des Hospizes in Deutschland. Aus seiner Beschäftigung mit Sterbebegleitung (ein Wort, das er für „Sterbehilfe“ gebraucht) ergab sich für ihn der Schritt zur Lyrik. Franco Rest hält Lesungen, so wie am 22.9.2012 in Nordwalde im Rahmen der „Biografie-Tage“, die eindrücklich und vielfach informativ sind. Nachfolgendes Gedicht entstammt dem Band Trotzdemgesänge 

WIEGENLIED
Im Tode zu singen 

Schlaf, Geliebte, schlaf hinüber in mein Herz;
schlaf in meinen Armen, ruh an meiner Brust;
schlaf in meinen Tränen, in den Träumen ruh dich aus;
und vergiss den Harm und vergiss die Lust.
Vergiss, was alles du erlebt mit mir;
vergiss, wem du gehörst;
vergiss auch, wer du selber bist;
vergiss auch den noch, der so nah bei dir.
Vergiss nur alles, was den Schlaf dir stört;
vergiss den Liebsten für die letzte Ruh;
vergiss dein Leben, deine Sehnsucht, jeden Kuss –
nur schlafe ruhig, schlafe stille du.
[…]
Schlaf! Lass ruhen deine zarten Glieder,
die ich oft mit heißem Drang geküsst;
und vergiss, was ich dir angetan,
denn schon balde kehrest du mir im Schlaf zurück.
Schlaf, Geliebte, schlaf hinüber in mein Herz;
schlaf in meinen Armen, ruhe tief in mir;
schlaf in meinen Träumen, in den Tränen ruh dich aus.
Und dort drüben bin ich ganz bei dir!

Ralf Willms

94. Rollen

Poets.org: Was ist für dich die Rolle des Dichters in der heutigen Kultur?

Mary Jo Bang: Heute gibt es genau wie zu jeder anderen Zeit tausend Rollen für die Dichter: Semiotiker, Elegiker, Spieler, Geräuschmaschine, Musikerin, Lesbe, Theoretikerin, Vaterfigur, Vogelkundler, Videoprojektion eines sich bewegenden Mundes – sie alle in Wittgensteins Fliegenglas gefangen.

Poets.org: Auf welchen Dichtern kommst du in deinem Werk immer wieder zurück?

Mary Jo Bang:  Hopkins. Beckett. Der frühe Eliot. Joyce. Freud. Stein. Manchmal drängelt sich Thomas Hardys „The Voice“ in meine Arbeit. Oder Byrons „So, we’ll go no more a-roving.“ Ich weiß nicht warum. Auch Cummings‚ „Buffalo Bill’s defunct„— die letzte Zeile, „and what i want to know is // how do you like your blueeyed boy / Mister Death“, ist so konfrontativ verrückt. Oder auf so verrückte Weise konfrontativ.

Berrymans 77 Dream SongsPlathRimbaudDickinsonBreton. Barthes. Bei manchen von ihnen ist es nicht so sehr ein „Zurückkommen“ als daß sie mir so gegenwärtig sind, daß sie, ob ich will oder nicht, Teil von mir sind. Und manche sind eigentlich keine Dichter, aber für mich doch.

/ poets.org

Auf Deutsch:

Mary Jo Bang: Eskapaden
Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Barbara Thimm. Mit Illustrationen von Matt Kindt
luxbooks 2011

93. Mütze

Die Wiederbegegnung mit dem ebenso brillanten wie witzigen Tim Turnbull, dessen Gedichte, in Auswahl, 2010 unter dem Titel Es lebt als roughbook #1 erschienen sind, ist ein Grund mehr, die Mütze freudig zu begrüßen. Hier gibt’s sieben neue Gedichte, übersetzt von Dagmara Kraus, die zuletzt mit einem eigenen Gedichtband, kummerang, hervorgetreten ist und auch als kongeniale Übersetzerin von Miron Białoszewski ihre Visitenkarte abgegeben hat. Wie sie hier – um nur zwei klitzekleine Beispiele zu nennen – „Fat Willy’s House of Mirth“ mit „Fettis Freuhaus“ und, kess, „The boss / packs up her bags“ mit „Die Bössin packt ihr Zeug / zusammen“ übersetzt, ist ebenfalls ganz wunderbar. Turnbull kann sich nicht beklagen über seine deutsche Stimme. Die Zitate sind dem Gedicht „On Comedy“ / „Komödie“ entnommen, einem der stärksten. Hervorzuheben auch, und passend zum jüngst (19.9.) gefeierten 25. Geburtstag des Smiley-Emoticons, das Gedicht „Smile“: „I question your intelligence and taste / but add, to show that it was done in jest, / a little animated smiley face.“

Turnbulls Gedichte schreiben klassische Formen fort und machen sie zugleich vergessen. Ganz anders Simone Kornappel. Ihre Gedichte „cellophon“, „pardon et al“ und „muxmäuschen“ können, bezogen auf die technoid anmutende graphische Darstellung, als Computertexte bezeichnet werden. Mit den Herzen und Sanduhren der barocken Figurendichtung haben sie nichts gemein. Wollte man überhaupt nach phänotypischen Ahnen in der Vergangenheit suchen – man würde eher bei M. C. Escher oder in der Op-Art fündig werden.

„cellophon“, ebenso wie „pardon et al“ tetraederförmig angeordnet, ‚beschreibt‘ eine Konzertsituation.

„flügel / türen. […] dahinter / staut sich anstand. beine. artig überschlagen. / dürers handapparat d. h. applaus[.]“, überblendet Kornappel Dürers Betende Hände mit den applaudierenden Händen des Konzertpublikums – ein satirischer Kommentar zur Musikfrömmigkeit des gebildeten Bürgertums (oder was davon übrigblieb, von der Musikfrömmigkeit, vom Bürgertum, von der Bildung). Die „flügel / türen“ werden nicht nur deswegen auf diese Weise aufgeklappt, um sie mit den Mitteln des Gedichts und seiner Typographie ‚abzubilden‘, sondern das Wort oder der Wortbestandteil „flügel“ zitiert auch das bürgerliche Instrument par excellence, das Klavier. Vielleicht meint „pneumatik der gesten“ das Heben der Arme eines Pianisten? / Hotlist online

Bestellen können Sie die Mütze (von der grad #2 erschienhier.

92. Mit Schlaffer wär das nicht passiert

V0r 250 Jahren ist etwas gründlich schief gegangen. Klopstock war der falsche Prophet (oder statt seiner Oden hätten sie den Messias lesen sollen). Heute liest man beides nicht mehr, aber die verhängnisvolle Wirkung besteht fort. Mit fachkundiger Leitung kann man vielleicht den Irrweg der deutschen Poesie korrigieren, entnehme ich einem Zeitungsbericht:

Die deutschen Stürmer und Dränger des 18. Jahrhunderts schrieben Gedichte wie im Rausch. Der Idee vom Ausdruck des ungebändigten Selbst lag jedoch ein liebenswürdiger Irrtum zugrunde: Klopstock, Goethe und Konsorten, die einen beispiellosen Kult der Authentizität veranstalteten, vertaten sich im Studium der ältesten Verskunst.

Schon in der Renaissance beriefen sich Lyriker, die auf die strenge Bindung der Verse durch Rhythmus und Reim verzichteten, auf das Vorbild der Antike. Sie konnten in den Gesängen Pindars, aber auch in den Psalmen der Bibel kein Metrum und keinen Gleichklang der Endsilben entdecken. Erst durch dieses Verhängnis, so der Stuttgarter Literaturwissenschafter Heinz Schlaffer, kamen die dichtenden Feuerköpfe auf die Idee, man könne zügellos drauflosdichten. Dass einer Oden-Strophe des Pindar ein kompliziertes Wechselspiel aus Hebungen und Senkungen zugrunde liegt, war den neuen Hohepriestern des Genie-Kults schlichtweg entgangen.

Schlaffers neuer, formidabler Lang-Essay Geistersprache – Zweck und Mittel der Lyrik (verlegt bei Hanser in München) wird von nun an diejenigen begleiten, die sich, entgegen allen zeitgeistigen Usancen, mit der Lektüre so „unnützer“ Sprachgebilde wie Gedichten herumplagen. In ältester Vorzeit waren die Vorläufer unserer heutigen Gedichte sprachmagische Werkzeuge. Ihrer bediente man sich einzelweise oder im Chor, um sich Götter und Gegenstände gefügig zu machen. Gedichte waren Gesang, und zu diesen beiden gesellte sich der Tanz. Erst durch das Nachstellen ritueller Schrittfolgen wird die Entstehung der „Versfüße“, der Hebungen und Senkungen im Versfluss, plausibel und deutlich.

Schlaffers Beharren auf die ehemals kultische oder liturgische Funktion der Poesie ist wohltuend. Zugleich streicht er das Dilemma aller heutigen dichterischen Bestrebungen genüsslich hervor. Wer das Handwerk der Verskunst aus dem Zusammenhang der kultischen Sinngebung herausreißt, wird mit dem Geschenk der Freiheit belohnt. Der heutige Poet büßt aber auch die Funktionslosigkeit seines Tuns. / Ronald Pohl, Der Standard

91. Lyrik & Geometrie

Für Bernhard Giebel ist Kunst ein Lebensgefühl. Er liebt „das Spiel mit den Gegensätzen, Formen und Farben.“ „Ich möchte die Lyrik mit der Geometrie vermählen“, sagt er im Gespräch. Gemeint sind die Informelle und die Konkrete Kunst. Beide sollen „mit Lust“ nebeneinander bestehen. Wichtig ist ihm nicht das Neue, nein, das Gute. Er sieht zu, „dass neue Musik ins Haus kommt und sagt: Der Klang ist schön“, zitiert ihn Sabine Graf. / Saarbrücker Zeitung

90. Heimat & Lyrik

„Für den einen ist es der Ort seiner familiären Wurzeln, für den anderen der Platz, an dem er Geld verdient“, so Lazay gegenüber der AZ.

Diesen nebulösen Schleier wolle man nun durch Poesie lüften. Daher hat der Heimatbund die Schirmherrschaft für den durch Eckhard Erxleben initiierten Silberberg-Literaturpreis übernommen, der den Heimatgedanken in Gedichtform thematisiert. / Altmark-Zeitung