Für seine Fans ist das Erscheinen eines neuen Bandes des Dichters, der fast durchweg als größter lebender Dichter in englischer Sprache beschrieben wird, ein Ereignis. Zudem tritt es immer häufiger auf, da Geoffrey Hill, der in diesem Jahr 80 wurde, seinen Produktionsausstoß steigert. Ode Barbare (Clutag Press) ist Band 2 in einer auf 5 Bände geplanten Serie Daybooks des Oxford-Professors für Lyrik. Exzentrischerweise ist das der dritte Band nach den schon erschienenen Nummern drei und vier.
Für Neulinge in seinem Werk vielleicht nicht der einfachste Einstieg. An diesen 52 gleichgebauten bardischen Stücken (jeweils in streng sechsstrophig-sapphischer Versform) ist nichts Barbarisches. Ihre Bezüge reichen vom italienischen 19.-Jahrhundert-Dichter Giosuè Carducci (von dem Hill den Titel entlehnt) bis zu jüdischer Theologie, britischen imperialen Mißgriffen, Luftkrieg, klassischem Vers, politischen Theorien und Poetik…
Hills Entschlossenheit, die Sprache zu biegen um sie den Zwängen seiner Form anzupassen verleiht diesen Gedichten außergewöhnliche Beschwörungskraft.
Wenn Hill der große alte Mann der englischen Lyrik ist, dann ist Paul Muldoon vielleicht ihr Hofnarr. / Adam Newey, The Guardian 30.11.
Newey teilt seine Weihnachtsempfehlungen der besten Gedichtbände des Jahres in feste Gruppen ein, beginnend mit einer Spitzengruppe:
Folgen Debütbände:
Dichter in der Mitte ihrer Laufbahn:
Tote Dichter:
Schließlich:
Anekdote = das nicht Herausgegebene
2 Zitate:
Zu Helmut Böttigers Verdiensten zählt der deutliche Hinweis, dass die proklamierten Thesen vom «Nullpunkt» und «Kahlschlag» der Nachkriegsliteratur einem «Wunschdenken» entsprachen. Genauso wichtig ist, dass es Richter und seinen Mitstreitern keineswegs darum ging, eine einförmige Ästhetik zu propagieren. Natürlich dominierten in den Anfängen die Darstellung der Kriegsnachwirkungen und eine Hinwendung zu einer von amerikanischen Autoren beeinflussten schmucklosen Prosa. Doch es ist völlig verfehlt, der Gruppe 47 pauschal einen, wie es Martin Mosebach noch 2011 tat, «sozialdemokratischen Realismus» zu unterstellen.
Böttiger erinnert eindringlich an (Halb-)Vergessene wie Hans Jürgen Soehring oder Gisela Elsner, streicht die zentrale Rolle des Berliner Autors und Germanisten Walter Höllerer heraus, betrachtet kritisch das Chamäleonverhalten Hans Magnus Enzensbergers und verdeutlicht das Scheitern Richters, Exilanten wie Albert Vigoleis Thelen oder Hans Sahl einzubinden. Zudem gab es Autoren, die aus unterschiedlichen Gründen keinen rechten Zugang zur Gruppe fanden und Sonderrollen einnahmen. Arno Schmidt und Wolfgang Koeppen zählen dazu – und Hermann Lenz, der 1951 einen glücklosen Auftritt hatte und sich diese Schmach dreissig Jahre später in seinem Roman «Ein Fremdling» von der Seele schrieb. / Rainer Moritz, NZZ
Martin Mosebach, der eigenwillige Solitär, lehnt die Einladung ab und fragt ironisch: »Muss man bei der Gruppe 97 auch singen, oder braucht man nur nackt vorzulesen?« Und bei einem Gastauftritt der Gruppe im amerikanischen Princeton schließlich würde plötzlich ein junger österreichischer Provokateur mit komischer Frisur namens Clemens J. Setz auftreten und den Autorenkollegen kurzerhand »Beschreibungsimpotenz« vorwerfen – was wiederum diesseits des Atlantiks sogleich literaturhistorische Wellen schlüge.
All das ist eine reichlich unrealistische Fantasie, wie jeder unschwer sieht, der den heutigen Literaturbetrieb einigermaßen kennt. Und doch hat sich all das in der deutschsprachigen Literatur einmal ungefähr so abgespielt, selbstredend mit anderem Personal, jedoch mit enormen Folgen. / Alexander Cammann, Die Zeit
Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012. 480 S., Fr. 37.90. Hans Werner Richter: Mittendrin. Die Tagebücher 1966–1972. Hrsg. von Dominik Geppert in Zusammenarbeit mit Nina Schnutz. Verlag C. H. Beck, München 2012. 383 S., Fr. 39.90.
Schriftsteller aus Mazedonien sind dünn gesät,
so beginnt Jan Koneffke einen Artikel in der NZZ, etwas verkürzt vielleicht, aber nach Sachlage kann er nur „außerhalb Mazedoniens“ meinen, wobei säen ein zu vielerlei Gedanken anregendes Bild wäre / ist. Den Außenfokus nimmt die Fortsetzung des Satzes auf:
und kaum einer weiss, was die mazedonische Kultur ausmacht. Eine Chance, diese näher kennenzulernen, bietet die Lektüre der Gedichte von Nikola Madzirov. Der 1973 in Strumica geborene Autor macht seit einiger Zeit in der internationalen Lyrikszene Furore.
Also lesen wir so: draußen nimmt man fast nur den einen wahr. Und das lohnt sich aus inneren
Nikola Madzirovs Gedichte, mittlerweile im Band «Versetzter Stein» auch auf Deutsch nachzulesen, reiben sich an ganz unterschiedlichen Grenzen: den europäischen Grenzen der Erwartung und den balkanischen des Schmerzes. Wenn es einmal heisst: «Wir warten auf den Wind / wie zwei Flaggen an einem Grenzübergang», spricht er die Grenzerfahrung einer Generation aus, die, ausser in Zukunftserwartung und erinnertem Schmerz zu leben, vor allem in Unsicherheit verharrt. Denn die Grenzen sind nur die eine Seite der Münze, deren andere Seite den Stempel der Unbehaustheit trägt. «. . . durch die Erzählungen meiner Vorfahren», schreibt Madzirov in einem seiner ausserordentlich dichten Essays, «habe ich begriffen, dass das Heim eine Erinnerung ist, die man nicht erben kann. Nach jedem Krieg gibt es viele verlassene Häuser, aber es gibt noch viel mehr verlassene Heime.» Madzirov, dessen Name sich vom arabischen Wort «Madziri» ableitet, einst die Anhänger Mohammeds bezeichnete und heute so viel bedeutet wie: Menschen ohne Zuhause, weiss nur zu genau, dass eine verordnete kollektive Erinnerung die «verlassenen Heime» nicht ersetzen kann.
und äußeren Gründen (und diese beiden Richtungen kreuzen sich wild):
Wir sprachen über die Welt der Poesie und die Weltliteratur, über Kundera, Calvino, Tranströmer, junge und alte Philosophen, zeitgenössische Künstler – für sein Alter war er fast einschüchternd gebildet –, nicht zuletzt über europäische und balkanische Grenzerfahrungen. In allerletzter Minute hatte er das Visum für Slowenien erhalten. Und einige Monate zuvor war ihm fast die Einreise nach Griechenland verweigert worden, in das Land, das seine Vorfahren während der Balkankriege zu Beginn des vorigen Jahrhunderts als Flüchtlinge hatten verlassen müssen. Da der Staat Makedonien von den griechischen Behörden nicht anerkannt wurde, besass auch sein Pass keine Gültigkeit. Was folgte, war stundenlanges Warten, bis man ihm einen Ersatzausweis aushändigte, mit dem er die Grenze überschreiten durfte.
Ein paar Jahre später wiederum, als ich im bulgarischen Veliko Tarnovo Nikola Madzirov und seine Gedichte erwähnte, handelte ich mir einen Rüffel ein: Das Makedonische existiere gar nicht, es sei lediglich eine Spielart des Bulgarischen. Mein kluger, durchaus sympathischer Gesprächspartner, ein Radiojournalist, konnte es sich nicht verkneifen, einen geschmacklosen Witz zum Besten zu geben: «Was ist ein Makedonier, der sich gewaschen hat? – Ein waschechter Bulgare!» Erneut stellte ich fest, dass die kollektive Identität auf dem Balkan (freilich nicht nur dort) nicht selten auf den negativen Prinzipien von Exklusivität und Abgrenzung beruht, einer kulturellen Überheblichkeit, die nur die Kehrseite tief reichender Minderwertigkeitsgefühle ist.
Der Prix Goncourt für Lyrik 2012, der nach dem im vergangenen Juni verstorbenen Schriftsteller Robert Sabatier benannt ist, wurde am Dienstag an den belgischen Autor Jean-Claude Pirotte für sein Gesamtwerk verliehen, teilt die Académie Goncourt mit.
Er wurde 1939 in Namur (Belgien) geboren. 1964-1975 war er Anwalt. Für eine Tat, die er stets geleugnet hat, wurde er zu 18 Monaten Haft verurteilt und floh nach Frankreich, wo er ein Vagabundenleben führte. Erst 1981 nach Ablauf der Verjährungsfrist kehrte er in seine Heimat zurück.
Jean-Claude Pirotte wurde u.a. mit dem Grand prix de poésie der Académie française (2012) und dem Prix Apollinaire (2011), dem Maurice-Carême- und dem Kowalski-Lyrikpreis der Stadt Lyon ausgezeichnet. / L’Express
Acht Schreibende aus der Deutschschweiz, der Romandie und dem Tessin haben am Dienstag die vom Bundesamt für Kultur erstmals vergebenen Eidgenössischen Literaturpreise zugesprochen bekommen.
Die Preise dür Deutschschweizer gehen an Irena Brezná für «Die undankbare Fremde», Arno Camenisch für «Ustrinkata», Thilo Krause für «Und das ist alles genug» und Matthias Zschokke für «Der Mann mit den zwei Augen», wie das Bundesamt für Kultur (BAK) am Dienstag mitteilte.
In die Romandie gehen Auszeichnungen an Marius Daniel Popescu für «Les couleurs de l’hirondelle», Catherine Safonoff für «Le mineur et le canari» und Frédéric Wandelère für «La compagnie capricieuse». Aus dem Tessin wird Massimo Daviddi für «Il silenzio degli operai» geehrt. Die Auszeichnung ist mit je 25 000 Franken dotiert. / Südostschweiz.ch
Zwischen dem 26. Juni und dem 15. August 2012 trafen beim Bundesamt für Kultur 236 Anmeldungen für den Eidgenössischen Wettbewerb für Literatur ein. Die literarische und sprachliche Vielfalt unter den eingegangenen Werken erlaubt es, eine positive Zwischenbilanz zu ziehen. Die französisch- und italienischsprachigen Werke sind im Vergleich zur Vertretung der Sprachgemeinschaften in der Bevölkerung1 leicht übervertreten. 36% der eingereichten Werke sind auf Französisch (20.4% der Bevölkerung ist französischsprachig) und 12.5% der Werke auf Italienisch verfasst (6.5% der Bevölkerung ist italienischsprachig). Nur gerade neun E-Books wurden eingereicht. Mit 146 von 236 Anmeldungen sind Männer besser vertreten als Frauen. Der Altersunterschied zwischen dem jüngsten Autor (20 Jahre) und dem ältesten (93 Jahre) beträgt ganze 73 Jahre.
Der brasilianische avantgardistische Dichter Décio Pignatari starb am 2.12. in São Paulo im Alter von 85 Jahren. „Grand mallarméen“, einen großen Mallarméaner nennt ihn der Le-Monde-Korrespondent Paulo A. Paranagua in seinem Nachruf.
Pignatari gehörte der konkretistischen Bewegung an, einer brasilianischen Avantgardeströmung in Musik, Lyrik und Bildhauerei. 1952 gründete er mit den Brüdern Haroldo und Augusto de Campos die Zeitschrift Noigandres. 1956 veröffentlichte die Gruppe ihren Pilotplan für die konkrete Poesie.
Der Konkretismus richtete sich gegen Subjektivität und Sentimentalismus der romantischen Poesie und attackierte die heiligen Kühe der nationalistischen Kultur. Zusammen mit den Brüdern de Campos veröffentlichte er „Theorie der Konkreten Poesie“ (1965), Mallarmagem (1971) und Ezra Pound – Poesia (1983). Pignatari übersetzte Dante, Goethe, Shakespeare und Marshall McLuhan. Seine gesammelten Gedichte erschienen in Poesia Pois é Poesia (1977).
Hier einige seiner Geschöpfe zum Sehen und Hören.

Die zweite Ausgabe von „LYRIKintern“ ist erschienen. Sie will „Wissenswertes aus dem Literaturbetrieb“ nahebringen. „Geleitet von dem Anspruch, mit nicht alltäglichen Themen zu informieren und zu unterhalten, stellen wir Ihnen mit dem „Lyrik-Kabinett“ in München zugleich eine ungewöhnliche Frau vor. Der leidenschaftlichen Mäzenin Ursula Haeusgen ist die Gründung der Lesegesellschaft zu verdanken, die mittlerweile die zweitgrößte öffentlich zugängliche Poesiesammlung in Europa besitzt. Wir sprachen mit Maria Gazzetti, der Geschäftsführerin des Lyrik-Kabinetts. Unser Interview versucht, dem Balanceakt eines Lyrik-Übersetzers nachzuspüren. Unser Interview-Partner ist der Berliner Übersetzer und Autor Timo Berger. Er übersetzt u. a. die Gedichte des Argentiniers Sergio Raimondi. Lesen Sie selbst, wie viel Mühen Timo Berger auf sich nimmt, um seinen Autor so authen- tisch wie möglich zu übersetzen. Und was ist Authentizität in diesem Zusammenhang überhaupt?“
Verleihung des Rainer-Malkowski- Preises an Christoph Meckel und Lutz Seiler und der Stipendien an Monika Rinck und Ron Winkler
Begrüßung und Vorstellung der Stipendiaten: Michael Krüger
Lesung: Monika Rinck und Ron Winkler
Preisverleihung: Dieter Borchmeyer
Christoph Meckel und Lutz Seiler im Gespräch
Bayerische Akademie der Schönen Künste
Lesung: Christoph Meckel und Lutz Seiler
Donnerstag, 6.12. 2012 Beginn 19 Uhr
Die diesjährige Verleihung des Rainer-Malkowski-Preises verspricht ein großes Poesie-Ereignis zu werden. Christoph Meckel und Lutz Seiler erhalten zu gleichen Teilen den von der Rainer-Malkowski-Stiftung ausgelobten, mit 30.000 Euro dotierten Preis, Monika Rinck und Ron Winkler die Stipendien, die dieses Jahr zum ersten Mal vergeben werden. mehr
Lyrik von Jetzt
Lesung: Monika Rinck, Nico Bleutge, Jan Wagner
Mittwoch,12.12. 2012 Beginn 19 Uhr
Wie aufregend, wie vielfältig die jüngere deutsche Lyrikszene ist, läßt sich seit über einem Jahrzehnt beobachten, nicht zuletzt in Berlin. Drei Vertreter der dortigen Lyrikszene, Monika Rinck, Nico Bleutge und Jan Wagner, stellen sich und ihre Gedichte in einer gemeinschaftlichen Lesung dem Münchener Publikum vor – und zeigen so nicht nur, in welch unterschiedlichen Formen sich die Lyrik heute manifestiert, sondern auch und vor allem, wie lebendig und wie belebend diese Gattung nach wie vor ist. mehr
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen – Kapitel 50
»Seit ich den Leib besser kenne, – sagte Zarathustra zu einem seiner Jünger – ist mir der Geist nur noch gleichsam Geist; und alles das »Unvergängliche« – das ist auch nur ein Gleichniss.«
»So hörte ich dich schon einmal sagen, antwortete der Jünger; und damals fügtest du hinzu: »aber die Dichter lügen zuviel.« Warum sagtest du doch, dass die Dichter zuviel lügen?«
»Warum? sagte Zarathustra. Du fragst warum? Ich gehöre nicht zu Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf.
Ist denn mein Erleben von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe meiner Meinungen erlebte.
Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch meine Gründe bei mir haben wollte?
Schon zuviel ist mir’s, meine Meinungen selber zu behalten; und mancher Vogel fliegt davon.
Und mitunter finde ich auch ein zugezogenes Thier in meinem Taubenschlage, das mir fremd ist, und das zittert, wenn ich meine Hand darauf lege.
Doch was sagte dir einst Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen? – Aber auch Zarathustra ist ein Dichter.
Glaubst du nun, dass er hier die Wahrheit redete? Warum glaubst du das?«
Der Jünger antwortete: »ich glaube an Zarathustra.« Aber Zarathustra schüttelte den Kopf und lächelte.
Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er, zumal nicht der Glaube an mich.
Aber gesetzt, dass jemand allen Ernstes sagte, die Dichter lügen zuviel: so hat er Recht, – wir lügen zuviel.
Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte Lerner: so müssen wir schon lügen.
Und wer von uns Dichtern hätte nicht seinen Wein verfälscht? Manch giftiger Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da gethan.
Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von Herzen die geistig Armen, sonderlich wenn es junge Weibchen sind!
Und selbst nach den Dingen sind wir noch begehrlich, die sich die alten Weibchen Abends erzählen. Das heissen wir selber an uns das Ewig-Weibliche.
Und als ob es einen besondren geheimen Zugang zum Wissen gäbe, der sich Denen verschütte, welche Etwas lernen: so glauben wir an das Volk und seine »Weisheit.«
Das aber glauben alle Dichter: dass wer im Grase oder an einsamen Gehängen liegend die Ohren spitze, Etwas vonden Dingen erfahre, die zwischen Himmel und Erde sind.
Und kommen ihnen zärtliche Regungen, so meinen die Dichter immer, die Natur selber sei in sie verliebt:
Und sie schleichen zu ihrem Ohre, Heimliches hinein zu sagen und verliebte Schmeichelreden: dessen brüsten und blähen sie sich vor allen Sterblichen!
Frauenanteil in einigen Lyrikanthologien 1859-2011 (Prozent)
| Storm Liebesl. 1859 | 2,3 | ||
| Anthologie der Abseitigen 1946 | 6,9 | ||
| Pantheon 1957 | 6,0 | ||
| Hohoff Flügel d. Zeit 1956 | 10,8 | ||
| In dies. bess. Land 1966 | 5,5 | ||
| Lyrik der BRD Reclam Leipzig 1985 | 15,9 | ||
| Die Eigene Stimme DDR 1988 | 16,5 | ||
| Ly-Jb. 9, 1993 | 16,7 | ||
| Quellenkunde 2007 | 33,3 | ||
| BELLA triste 2007 | 29,4 | ||
| Neubuch 2008 | 44,0 | ||
| Laute Verse 2009 | 37,5 | ||
| freie radikale lyrik 2010 | 76,9 | ||
| Ly-Jb. 2011 | 39,1 | ||
Die Lyrikszene ist ja eher von äußerer bemühter Harmonie als klaren Fronten geprägt. Man trifft sich in den gleichen Facebook-Freundschaften, Lesungen, Wettbewerben und Anthologien, und nur ab und zu flackern hitzige Gefechte auf und verlöschen rasch.
Eine alte Idee von mir ist ein Lyrikatlas, in dem man Gruppierungen, Freund- und Feindschaften, Fronten, Kartelle usw. in Karten und Tabellen darstellt. Ich versuche es mal mit einer neuen Rubrik diesen Namens.
Ich beginne mit einer Rezension, Peggy Neidel über Tom Schulz, sie erschien zuerst am 24.11. in der taz und dann bei lyrikkritik.de.
Tom Schulz, Innere Musik: Gedichte, Berlin Verlag, 120 Seiten, 19,99 Euro
Zugegeben, über Grass‘ Schwächen ist ihm mehr eingefallen:
Nicht alles ist dem Lyriker Grass gelungen. Manche Formulierungen sind zu geläufig: Da ist ein Staatsgeheimnis „abgeschottet“ (Ein Held unserer Tage), ein Sturm macht „Schlagzeilen“ (Herbstliche Ernte) oder jemand hält sich „bedeckt“ (Ängstlich besorgt). Als wollte er solche Geläufigkeiten wettmachen, reichert Grass seine Verse gern mit Manierismen an. Dazu gehört die Auslassung des Prädikats, die einen hohen Ton schaffen soll, aber nicht immer einen künstlerischen Sinn hat, wie in den elliptischen Versen von Atempause, dem gelungensten Gedicht über das Altern. Zumindest eigenwillig ist die Verwendung von Wörtern wie „käuflich“, „handlich“ und „hinterdrein“, die mehr Vergnügen am ausgefallenen als am treffenden Wort verraten.
Man kann Grass auch vorwerfen, dass ihm nicht zu allen seinen Themen viel eingefallen ist. Was er über das Warten an roten Ampeln (Aus Sicht des Beifahrers), die Sportschau (Und am Samstag die Sportschau) oder Talkshows (Über verfälschten Geschmack) verlauten lässt, ist nicht tiefer als das, was die meisten darüber sagen würden. Mehr als eine Beobachtung, etwa die über die „Gruppen Japaner“ in Tübingen (Auf Besuch in Tübingen), bleibt gewöhnlich. Mancher Einfall, wie der über Lesen und Riechen inDuftmarken, erfährt nicht die ihm gebührende Ausarbeitung.
Schwache Verse fallen allerdings bei der Beurteilung eines Gedichtbands am Ende nicht immer schwer ins Gewicht – solange es in ihm gute gibt, die sich einprägen, die man wiederlesen kann, ja muss.
Aber er besteht darauf, daß es auch Stärken hat:
Grass sind in diesem Buch nicht nur viele solcher Verse, sondern auch einige solcher Gedichte gelungen. Fast immer sind sie kurz.
/ Dieter Lamping, Literaturkritik.de
Günter Grass: Eintagsfliegen. Gelegentliche Gedichte.
Steidl Verlag, Göttingen 2012.
110 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783869305141
Ich habe einen Freund, der sich Dichter nennt, weil er einmal ein Gedicht veröffentlicht hat, das er dann aus Spaß und um zu sehen ob es klappt, an anderer Stelle wieder veröffentlichte. Nach seiner Zählung hat er es bisher in 11 kleinen Zeitschriften und Webzines veröffentlicht. Es ist das einzige Gedicht, das er je veröffentlichte, und ich muß sagen ein ziemlich gutes Gedicht, obwohl es nach 11 mal lesen etwas gelitten hat – ich weiß, wo seine Überraschungen liegen, die Brüche im Text, der Extrapfeffer durch Zeilenbrüche. Es ist trotzdem ziemlich gut, brauchbar, robust, nicht mit sich selbst beschäftigt und von sich selbst besessen wie so manche Gedichte, ohne plötzlich auftauchende französische oder griechische Wendungen, wie es in kunstvollen Gedichten hin und wieder vorkommt, und, wie er sich ausdrückt, wenn dieses Sprachverbrechen auftritt, möchte man einen stabilen Baseballschläger greifen und dem Kunstpoeten über die Knöchel weil er so ein angeberischer Blödmann ist, obwohl es nicht wohlgelitten ist, Dichtern die Knöchel zu brechen nur weil sie narzistische Tröpfe sind, selbst bei Herausgebern, von denen manche in der Tat Baseballschläger im Büro bereithalten, nur für Notfälle. / Brian Doyle, The Oregonian
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