164. Cervantes-Preis an (bei uns) Unbekannten

Der spanische Schriftsteller José Manuel Caballero Bonald erhält den diesjährigen Cervantes-Preis, die bedeutendste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt,  gab Spaniens Kulturminister Jose Ignacio Wert am Donnerstag bekannt.

Der aus Jerez de la Frontera stammende Andalusier, geboren 1926 (…), hatte vor 60 Jahren seinen ersten Gedichtband veröffentlicht. Er wurde zusammen mit anderen Schriftstellern der „Generation der 50er Jahre“ zugeordnet. Von dieser Kategorisierung hielt der Autor jedoch nichts. „Solche Schubladen sind Krücken für die Historiker, die Literaturhandbücher verfassen“, sagte Caballero Bonald. „Das Einzige, was dieser Gruppe gemeinsam war, sind der Widerstand gegen die Franco-Diktatur und ein gehöriger Alkoholkonsum.“

Anfang dieses Jahres erschien sein Buch „Entreguerras“ („Zwischenkriegszeiten“), das nach Worten des Schriftstellers sein bestes und voraussichtlich sein letztes literarisches Werk ist. „Dort habe ich alles zusammengefasst, was ich geschrieben und erlebt habe“, sagte er. Das ungewöhnliche Werk ist ein autobiografisches Gedicht, das aus fast 3.000 Versen besteht. / Der Standard

Nachzutragen 1. die Preissumme beträgt 125.000 Euro, 2. der höchstdotierte Preis geht auffallend oft an Lyriker (so gleich zum Start 1976 Jorge Guillen, so im Vorjahr Nicanor Parra), 3. von dem hochbetagten Autor wurde offenbar nie etwas ins Deutsche übersetzt. (Oder fahndet noch jemand?)

163. Erfolgsautor

»High Windows«, 1974 bei Faber and Faber erschienen, wurde ein Bestseller. Die erste Auflage war innerhalb von drei Wochen ausverkauft und musste mehrmals nachgedruckt werden. In Zahlen stellt sich das Phänomen folgendermaßen dar: Juni 1974 – 6.142 Exemplare; September 1974 – 6.632; Januar 1975 – 5.985; Januar 1976 – 6.110. Zusätzlich erschien 1974 eine US-Ausgabe sowie 1979 die erste britische Taschenbuchausgabe, die es bis 1997 auf 110.000 Ex. brachte: also ca. 25.000 gebundene + zusätzlich 110.000 als Taschenbuch verkaufte Exemplare eines Gedichtbandes. Die spinnen die Briten!

Diese Informationen bietet Klaus F. Schneider in der Rezension einer neuen bibliophilen Larkin-Ausgabe. Und vergleicht mit deutschen Verhältnissen:

Für uns unvorstellbar, selbst um ein, sogar zwei Nullen ärmer, wäre eine entsprechende Auflage hierzulande ein Prestige Erfolg. Und das – darf man annehmen – auch für namhafte Verlage, nicht nur für ein Unternehmen, wie bezeichnenderweise wieder einmal eines wie dieses, das als Ein-Mann-Selbstausbeutung nach Dienstschluss aufgezogen ist und funktionieren muss. Dementsprechend wiederum keine Ausnahme sondern die Regel, dass der bisherige Höhepunkt im Verlagsprogramm, eine vierbändige Werner-Riegel-Werkausgabe (dem früh verstorbenen Weggefährten Peter Rühmkorfs), weitgehend unbeachtet blieb.

Schließlich ein schöner Übersetzungsvergleich, der es nicht bei Behauptungen beläßt, hier der Schluß daraus:

»Aubade« (1977) ist eines der letzten Gedichte, die Larkin veröffentlicht hat, bevor er verstummte, oder – wie er es nannte –  ihm der Zwang oder Druck, Gedichte zu schreiben „the compulsion to write poems“ abging. Am Schluss wendet sich der Blick der unbarmherzig weiterlaufenden Welt zu. Und der ganzen alltäglich erdrückenden, apersonalen Unerheblichkeit und Gleichgültigkeit.

In einer älteren Übersetzung liest sich das so:

Inzwischen machen sich die Telefone fertig,
in verschlossenen Büros zu klingeln, und die ganze
vernachlässigte, verzwickte Mietwelt steht nun auf.
Der Himmel, weiß wie Ton, bleibt ohne Sonne.
Die Arbeit muß getan sein.
Briefträger gehn wie Ärzte nun von Haus zu Haus.

Glabotki zufolge hat Larkin das so weder geschrieben noch intendiert. Bei ihm nämlich ducken sich die Telefone („telephones crouch“), und statt von einer (passiv) „vernachlässigten Mietwelt“ spricht Larkin von der sich (aktiv) nicht kümmernden und überdies nur angemieteten Welt:

Meanwhile telephones crouch, getting ready to ring
In locked-up offices, and all the uncaring
Intricate rented world begins to rouse.
The sky is white as clay, with no sun.
Work has to be done.
Postmen like doctors go from house to house.

In der vorliegenden neuen Übersetzung ist diese Passage sinngemäßer übersetzt und kommt so auch der Larkinschen Satzmelodie wieder nahe:

Jetzt sind die Telephone sprungbereit fürs erste Klingeln
in noch verschlossenen Büros, und ohne sich zu bekümmern,
kommt die ganze geborgte Welt aus dem Nachtschlaf heraus.
Der Himmel ist weiß wie Lehm, ohne Sonnenlicht.
Es gilt Arbeit zu verrichten.
Briefträger gehen wie Ärzte von Haus zu Haus.

/ Klaus F. Schneider, Fixpoetry*)

Philip Larkin: »Aubade. Frühmorgenlied«. Deutsch von Richard Glabotki; mit 7 Illustrationen von Max Perna. 24 Doppelseiten; handgebunden-broschiert; 1. Aufl. – Stuttgart: Literarisches Bureau Christ & Fez 2012. 111 nummerierte und vom Künstler signierte Exemplare; ISBN 978-3-933591-11-1. (Bestelladresse: Postfach 80 04 62, 70504 Stuttgart.)

Werner Riegel: Ausgewählte Werke in Einzelausgaben:

1. Der Admiral. Stuttgart: Literarisches Bureau Christ & Fez, 2006. ISBN 978-3-933591-03-6;
2. Der senkrechte Mitmensch. 2008. ISBN 978-3-933591-05-0;
3. Heiße Lyrik. 2007. ISBN 978-3-933591-04-3;
4. Porträt eines Dichters. 2010. ISBN 978-3-933591-09-8;

*) Ich empfehle unbedingt ganz zu lesen, es gibt mehr Be-denkliches zur Übersetzung! Zeitungen, stockt euer Zeilenhonorar auf und bestellt direkt bei Dichters. Die erste, die meinen Vorschlag aufnimmt kriegt von mir n Abo! Nachweis der Honoraraufstockung per Fax an mich.

162. Geschenk

Samstag, den 15. Dezember, 12-18 Uhr

Lyrik-Bibliothek – Amalienstrasse 83a hinter der Universität

 

Lyrik als Geschenk

Große Verschenk-Aktion im Lyrik Kabinett

mit Dank an den

Verlag im Wald (Rüdiger Fischer)

Rüdiger Fischer, geb. 1943 in Trier, war bis 2004 Lehrer für Fremdsprachen an einem Gymnasium im Bayerischen Wald. 1991 gründete er den Verlag im Wald, in dem seither 140 Titel fremdsprachiger Lyrik erschienen (in ein oder mehrsprachigen Ausgaben): 7 Anthologiebände, 58 Titel aus Frankreich, 10 aus Belgien, des Weiteren Titel von italienischen, neugriechischen, polnischen, israelischen, tschechischen, rumänischen und kolumbianischen und deutschen Verfassern.

Aus gesundheitlichen Gründen stellt der Verleger nun seine Arbeit ein und wünscht sich, dass seine Bücher in die Hände von Lesern gelangen, die sie schätzen können.

Deshalb findet im Lyrik Kabinett eine Verschenk-Aktion von ca. 100 Titeln dieses Verlages statt. U.a. können Sie dort erhalten: Lyrik aus Belgien, Polen, Luxemburg, Frankreich, den USA, der Tschechischen Republik, von Werner Lambersy, Liliane Wouters, Yves Namur, Hélène Dorion, Gérard Bayo u.v.a. Das Programm des Verlags im Wald finden Sie unter: http://www.verlag-im-wald.de/

Kommen Sie, schmökern Sie – bei Kaffee und Kuchen – und bereichern Sie an diesem Tag Ihren Bücherschrank wie Ihren Kopf und diejenigen Ihrer Freunde! Wir freuen uns auf Sie!

Rüdiger Fischer
Dr. Maria Gazzetti
Esther Ackermann
Ursula Haeusgen
Christiane Gerber

(Also nix wie hin! Leider im Norden unabkömmlich, oh oh!)

161. In Staufen

Das Haus Erich Fried in Staufen ist nach jenem Lyriker benannt, den die Nachwelt als großen Humanisten erinnert und dessen schönstes Gedicht, „Was es ist“, jeder kennt, für den Lyrik kein Fremdwort ist.  / Badische Zeitung

160. Versuch

Für wen schreibt der Autor: Nur für sich? Dann hört der Spaß schnell auf. Ein Massengeschmack existiert auch in der Demokratie. Der unpopuläre Autor ist ein Widerspruch in sich, und eine prekäre Existenz. Ich will ein Gedicht auf Jean-Claude Juncker versuchen, den Vorsitzenden der Euro-Gruppe. Sollte es mir gelingen, habe ich mich wirksam in die Demokratie eingebracht. Warum sollte man nur in Nordkorea für die Massen schreiben?

Erster Versuch, ein Gedicht auf Jean-Claude Juncker zu schreiben
Du Sohn eines Hüttenwerkspolizisten
Und stolzer Lenker der Euro-Gruppe
Mit 49 Preisen geehrt
Verteidige die Währungsunion
In diesen stürmischen Tagen
Gib uns sicheres Geld
Der wir dir unsere Stimme geben
Dass nicht nur Luxemburg
Sondern ganz Europa Steueroase wird
Dafür wählen wir dich und
Rufen deinen klingenden Namen
Jean-Claude Juncker

/ Jan Decker, fixpoetry

159. Übersetzung

Derjenige, diejenige, die bloß sagen kann: ich bin Flüchtling, ist Flüchtling. Das nichts begründet den Flüchtling wohl; weniger als fünf Worte begründen ihn.

Das nichts ist eine gute Begründung. Welche Begründung aber verlangt die Genfer Flüchtlingskonvention vom Flüchtling? Die Konvention, in ihrer deutschen Fassung, verlangt – definiert nicht, sondern verlangt -, daß der Flüchtling seine Furcht – die Furcht vor Verfolgung – wohl begründet. Soweit ich die Sache verstehe, gab es einen Originaltext der Genfer Flüchtlingskonvention und dieses Original ist in englischer Sprache verfaßt. Die wohlbegründete Furcht heißt im englischen Original well-founded fearWell-founded bedeutet nicht unbedingt, daß der, der sich fürchtet, die Furcht mit einer Begründung versehen muß. Von den guten Gründen der Furcht ist zwar die Rede, nicht aber vom Begründen. Dem Furchtsamen ist hier keine Aufgabe gestellt – es wird nicht gesagt, daß er begründen soll. Die englische Version sagt, sagt möglicherweise, daß es gute Gründe geben soll – nicht aber, daß der sich Fürchtende die Aufgabe hat, sie aufzuzählen. Mit well-founded ist keine Aussage von dem sich Fürchtenden gefordert. Es soll da nur eine solide, substantielle Basis geben: well-founded, aber nicht notwendigerweise ausführlich und mühsam begründet, gegen Einwände und Zweifel. Die Alternative zur wohlbegründeten Furcht ist nicht die schlecht oder unzureichend begründete Furcht; die Alternative ist die unbegründete Furcht, die Furcht, zu der es gar keinen Grund gibt, die unbegründbar ist. Hören wir in dieser Sache Shakespeare, ‘Macbeth’, Akt III, 4. Szene: “Then comes my fit again. I had else been perfect, whole as the marble, founded as the rock.” Doch kam mein Anfall wieder. Vollkommen wär ich sonst gewesen, wie der Marmor ganz, wie der Fels gegründet. Bei diesem Felsen geht es nicht darum, daß ihn jemand begründet. Ich denke mir: Keine Beweislast oder Begründungslast liegt bei dem Flüchtling.

Um die Sache verzwickter zu machen, heißt es in der deutschen Fassung: “… aus Gründen der Rasse etc. verfolgt zu werden.” Es sieht so aus, als ob diese Gründe die Gründe sind, die die nach Europa Geflüchteten in ihrer Begründung wohl-begründen sollen. Diese Vermischung von wohl-begründen und Gründe findet sich im englischen Text nicht. Dort heißt es well-founded und reasonsA well-founded fear scheint mir eine tiefgehende oder tiefreichende Angst zu sein. Es ist damit wohl eine große Angst gemeint, die so groß ist, daß jemand aus seinem Land flüchtet und alles ihm Wichtige zurückläßt oder verliert.

/ Peter Waterhouse : FÜGUNGEN. Versuch über Flucht und Recht und Sprache, in|ad|ae|qu|at : mitSprache 2012 Dokumentation

158. Die Farben Weiß

2001 erlag Amado vier Tage vor seinem 89. Geburtstag einem Herzinfarkt, seine Asche wurde unter dem Mangobaum in seinem Garten verstreut. Seine Utopie der Mischkultur ist nicht wahr geworden. In Brasilien gibt es immer noch über 140 Namen für die eigene Hautfarbe. Von sehr weiß, blass-weiß, ein bisschen braun, zimtbraun, kaffeebraun, halb-braun, halb-schwarz bis fast schwarz. Und noch immer geht es darum, ein klein bisschen weißer zu scheinen.

Michaela Metz, Süddeutsche Zeitung 21.11.

In dieser Besprechung einer Neuübersetzung zum 100. Geburtstag Jorge Amados geht die Autorin auch auf die Rezeption Amados in beiden Deutschlands ein.

In Westdeutschland schätzte man die Romane Amados, der sich spät doch noch vom Kommunismus abwandte, als eine Art Soft-Porno-Folklore mit braunen Brüsten, prallen Kreolinnen, geschmeidigen Mulattinnen, Samba, Hexerei, Zauber und Fetisch.

Andersherum, man ahnt es, in der DDR:

Wegen seiner politischen Haltung war er in der DDR wohlgelitten.

Das leuchtet so ein (obwohl ich mich erinnere, daß auch wir nach den einschlägigen „Stellen“ suchten). Dann stutze ich doch etwas:

Die Übersetzungen waren jedoch den politischen Vorgaben angepasst, ohne Kenntnis der brasilianischen Kultur und Sprache aus dem Französischen fehlerhaft ins Deutsche übertragen.

Wirklich? Das muß ich überprüfen. Ich nehme die drei ersten Bände in die Hand und finde: Werkstatt der Wunder. Aus dem Portugiesischen von Kristina Hering. Kapitän auf großer Fahrt. Aus dem Portugiesischen von Sigurd Schmidt. Das Nachthemd und die Akademie. Aus dem Portugiesischen von Andreas Klotsch.

Nanu? In meinem Regal stehen 12 Romane Amados im Hardcover, bestimmt noch was in Paperback. Ich ziehe noch einen heraus: Das Land der goldenen Früchte. Aus dem Portugiesischen von Roland Erb.

Das sind Bände aus einer Reihe „Ausgewählte Werke in Einzelausgaben“. Wetten, daß jedes aus dem Original übersetzt wurde?

Meinung statt Recherche, denke ich mal. Das Übliche.

Vielleicht komme ich mal dazu, die Übersetzungen zu vergleichen – auch wegen der eingestreuten Gedichte oder Kultsprüche.

157. Rückspiegel

ENZENSBERGERS JUNI-LEKTÜRE
Der Spiegel 6.6. 1962 *)

GOTTFRIED BENN
„AUTOBIOGRAPHISCHE UND VERMISCHTE SCHRIFTEN“
Limes Verlag, Wiesbaden; 524 Seiten; 25,50 Mark

Gottfried Benn hat sich zeit seines Lebens für einen Denker gehalten. Er neigte zum Pathos der Präzision und nannte sich gern einen „Intellektualisten“: „Das ist wohl jemand, der Begriffe liebt, scharf wie Brotmesser.“ Leser und Kritiker ließen sich blenden und übersahen, was an Benns Gedanken schartig und verrostet war.

Mit Definitionen hielt der Meister sich ungern auf: „Geistanthropologischer Geist, arthaftes Prinzip, Entelechie, Ursein, Bewußtsein.“ Das ist verblasen gedacht und schlammig formuliert. Oder: „Mich sensationiert eben das Wort … rein als assoziatives Motiv, und dann empfinde ich ganz gegenständlich seine Eigenschaft des logischen Begriffs als den Querschnitt durch kondensierte Katastrophen.“ Überhaupt diese unglückliche Liebe zu Fremdwörtern: „Autopsychisch solitär, faulig monokol“; „syndikalistisch-metaphys“: vor derartigen Unfällen hätte den Denker jedes Wörterbuch bewahren können. „Alles ist monistisch, alles ist transzendent.“ Hat sich denn nie jemand gefragt, was solche Sätze bedeuten sollen? Philosophie als Rührei, und im nächsten Atemzug dann die prophetische Gebärde: „Soweit ich viertausend Jahre Menschheit übersehe -“

So ward Benn, der die Feuilletonisten mit Hohn übergoß, selbst zum Musterstück der Gattung. „Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind“, schrieb er, „nennt man in Deutschland Seher.“ Benn indessen war seiner Sprache intellektuell nicht gewachsen: sie lief ihm auf und davon. „Stil“, verkündete er, „ist der Wahrheit überlegen.“ Aber die Wahrheit nahm Rache an seinem Stil. 1932 sinnierte er über die Wirtschaftskrise und kam zu dem Schluß, „daß alle Dinge ihren Widerspruch in sich tragen, daß auch der Weizen umschlagen kann vom Vorteil in die Vernichtung, daß auch die Kornfrucht nicht losgelöst ist aus dem Lebensgesetz tragischer Dialektik“.

Ein Jahr später war die Verfinsterung der Gedanken vollkommen. Die Sprache ging dabei vor die Hunde: die Machtergreifung Hitlers war „eine der großartigsten Realisationen des Weltgeistes“, Treue „das Mark der Ehre“, „‚unerschöpflich“ der „Schoß der Rasse“. „Gegenargumente lagen eigentlich gar nicht vor.“ Hilflosigkeit: „Nun hatte ich mich ja in gewissem Sinne entschieden gehabt, mich der Volksgemeinschaft anzuschließen, aber doch nicht in diesem Sinne.“ Zehn Jahre später, angesichts des Trümmerhaufens, dankte der „Radardenker“ endgültig ab, der einst auf Hegel, auf die „Anstrengung des Begriffs“ sich berufen hatte: „Man kommt den Dingen mit Gedanken nicht mehr nahe.“

*) Tja, damals war ich für den Spiegel zu jung. Heute ist er für mich zu alt. So kommen wir nie zusammen. M.G.

156. Liebesgedicht

Nicht zuletzt weil ein Liebesgedicht meistens angewandte Kunst ist (das heißt geschrieben, um das Mädchen zu kriegen), entführt es den Autor in ein Extrem der Gefühle und wohl auch der Sprache. Die Folge ist, daß er sich selbst – seine psychischen und stilistischen Parameter – besser kennt als je zuvor, wenn er aus einem solchen Gedicht wiederauftaucht, was die Beliebtheit dieses Genres unter seinen Anwendern erklärt. Außerdem kriegt der Autor manchmal das Mädchen.

 

Joseph Brodsky, in: Der sterbliche Dichter. Über Literatur, Liebschafen und Langeweile. Aus dem Amerikanischen von Sylvia List. Frankfurt/ Main: Fischer 2000 (1. Hanser 1998, am. Ausg. New York 1995).

S. 138

155. Ehrenhafte Umbenennung

Schlagzeile und Untertitel stehen in merkwürdigem Kontrast:

Kulturausschuss: Hermann-Stehr-Straße wird umbenannt

Ehrenrettung für einen Heimatdichter

Und es stimmt: auf Antrag der Anwohner wird die Straße in Neuenkirchen im Münsterland umbenannt:

Die Frage der Straßennamen in St. Arnold ist in den vergangenen zwei Jahren zu seinem Steckenpferd geworden. Dürfen Dichter, die den Nazis gehuldigt haben, heute noch mit einem Straßennamen geehrt werden? Diese Frage stand und steht über allem. Agnes Miegel hat es als erste getroffen, Friedrich Castelle und Karl Wagenfeld folgten. Am Montag schloss sich ihnen Hermann Stehr an. Auch diese Straße wird umbenannt; Beschluss: einstimmig.

Eine Art salomonischer Lösung. Die Straße wird einstimmig umbenannt und die „Ehre“ trotzdem nicht verletzt:

War Hermann Stehr Nazi? Die Historikerkommission in Münster unter Leitung von Professor Hans-Ulrich Thamer sieht das so. Stehr habe die Morde im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch 1934 gerechtfertigt und sei „aktiv“ an der Bücherverbrennung beteiligt gewesen. Außerdem habe Stehr 1939 ein Gedicht veröffentlicht, in dem Hitler „in drastischer Weise wie ein Gott verherrlicht wird“.

Hauptamtsleiter Klaus Beckmann kommt zu anderen Ergebnissen. „Diese Behauptungen sind teilweise nicht belegbar beziehungsweise sogar grob falsch“, sagte er am Montag im Kulturausschuss. Die Gemeinde halte es für „richtig und wichtig, dass Menschen, die eine Ehrung nicht verdient haben, heute nicht mehr geehrt werden sollten“. Es solle aber auch niemand zu Unrecht belastet werden. „Aber Stehr war kein Verbrecher und kein Nazi, es liegt deswegen kein zwingender Grund für eine Umbenennung der Straße vor“, so Beckmann. (…)

Beckmann kämpft gegen Rufmord und kommt zu dem Schluss: „Die Wissenschaft arbeitet nicht so, wie sie sollte“ und warnt vor einer „Wissenschafts-Gläubigkeit“, der viele verfallen. „Dann steht es falsch bei Wikipedia, und alle Welt kopiert es dort – zulasten der betroffenen Person“, mahnte Beckmann.

/ Jörg Homering, Münsterländische Volkszeitung

154. Poetik-Dozenten

Christoph Ransmayr und Raoul Schrott als Poetik-Dozenten an der Universität Tübingen

Mit der 26. Tübinger Poetik-Dozentur kommen Christoph Ransmayr und Raoul Schrott an die Universität Tübingen. Die Vorträge finden vom 10. bis zum 14. Dezember 2012 jeweils um 20.15 Uhr im Audimax der Universität Tübingen statt. Am 16.12. liest Christoph Ransmayr um 11.00 Uhr in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall. Die Reihe ist ein Projekt der Adolf Würth GmbH & Co. KG. Sie findet seit 1996 am Deutschen Seminar in Tübingen statt. Einmal im Jahr – in der Regel im Herbst – werden zwei Autoren eingeladen, die öffentliche Vorlesungen halten sowie Seminare und Workshops für die Studierenden der Universität anbieten. In den letzten Jahren waren u.a. Jonathan Franzen, Daniel Kehlmann, Juli Zeh, Feridun Zaimoğlu, Ilija Trojanow, Péter Esterházy, Terézia Mora, Brigitte Kronauer, Lars Gustafsson, Ruth Klüger, Amos Oz und Herta Müller zu Gast.

Atlas eines ängstlichen Mannes – so heißt Christoph Ransmayrs neuestes Werk. Dabei ist Christoph Ransmayr mitnichten ein furchtsamer Autor: Ihm und seiner „außergewöhnliche[n] Sprachbegabung“ (Süddeutsche) gehören die ganz großen Themen. In der Letzten Welt, im Schrecken des Eises und der Finsternis, im ewigen Moor spielen seine Geschichten, immer dort also, wo sich Weglaufen verbietet oder schlicht unmöglich wird. Ransmayr bekennt sich emphatisch zur Literatur als einem Ort, der nicht ins Nebensächliche ausweicht: „Es gibt wahrscheinlich kein Erzählen, jedenfalls keines, das diesen Namen verdient, in dem es nicht irgendwann um Leben und Tod ginge.“ Der Philosoph, Dichter, Bergsteiger und Kosmopolit wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren. Nach einigen Jahren in Irland und unzähligen Reisen – unter anderem mit Raoul Schrott – lebt er heute wieder in Wien.

Wenn es so etwas wie eine Archäologie der Literatur oder der Kultur gibt, dann ist Raoul Schrott ihr einziger legitimer Vertreter. Schrott verteidigt seinen Gestus des Universalgelehrten gegen die moderne Spezialisierung. Seine Provokation liegt in der Überzeugung, die imaginären Fundamente der Wissenschaft mit Hilfe der Poesie zu erschüttern. Raul Schrott wurde 1964 in Landeck (Tirol) geboren. 1988 promovierte er mit einer Arbeit über den Dadaismus zum Dr. phil. Er habilitierte sich am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Innsbruck und hat sich einen Namen als Herausgeber, Lyriker, Romanautor, Übersetzer und als Essayist gemacht.
Eine ausführliche wissenschaftliche Debatte löste er 2008 aus mit einer neuen These zu Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe. Ebenfalls 2008 erschien seine neue Übersetzung der Ilias.

Alle Vorlesungen finden im Audimax der Universität Tübingen in der Neuen Aula (Geschwister-Scholl-Platz) um 20.15 Uhr statt.
Die Veranstaltung richtet sich an alle Interessierten, der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen zu den Autoren und zur Veranstaltung finden Sie unter
www.poetik-dozentur.de.

Termine:

Vorlesungen Christoph Ransmayr
Montag, 10.12., Dienstag 11.12., Mittwoch, 12.12.
Vorlesungen Raoul Schrott
Donnerstag, 13.12., Freitag, 14.12.

16.12.2012 (11.00 Uhr)
Lesung mit Christoph Ransmayr in der Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall

/ idw

153. Der Dreischneuß

Die Ausgabe Nr. 24 der Literaturzeitschrift – Der Dreischneuß – mit dem Thema Geständnisse bringt Lyrik und Prosa als Erstveröffentlichungen folgender Autoren:

Willi Achten, Eva Austin, Rolf Birkholz, Jan Decker, Monika Dieck, Alex Dreppec, Elke Engelhardt, Axel Görlach, Brigitte Halenta, Rouven Hehlert, Sandra Hlawatsch, Klará Hurkvá, Deike Lautenschläger, Herbert-Werner Mühlroth, Angelica Seithe, Michael Spyra, Armin Steigenberger, Rolf Stolz.
Die Federzeichnungen sind von Karin Tauer. Rezensionen von Regine Mönkemeier

Der Dreischneuß, Marien-Blatt Verlag, Lübeck

152. Max Sessner

„Warum die Tage kleiner werden weiß / ich nicht liegt es an Sparmaßnahmen“, fragt der Augsburger Lyriker Max Sessner in seinem neuen Gedichtband „Warum gerade heute“. In seinen Texten wird alles zur Poesie: vom Fußballplatz über die Toilette bis eben zu den Sparmaßnahmen. Es schwebt eine aufmerksame, ja sorgsame Melancholie über seinen Versen, die eine geistige Verwandtschaft mit dem Hainichener Andreas Altmann nahe legt, der gerade mit dem sächsischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde und in seiner Lesung anlässlich der Preisverleihung auch einen Text von Max Sessner zitierte. / Matthias Zwarg, Freie Presse 28.11.

Max Sessner „Warum gerade heute: Gedichte“. Wien, Literaturverlag Droschl; 100 Seiten für 16 Euro.

151. Kärntner Lyrikpreis

  • 1. Preis (3000 Euro): Anna Baar.
  • 2. Preis (1500 Euro): Rebecca Scharf.
  • 3. Preis (800 Euro): Lisa Maria Rakowitz.
  • Sonderpreis des Landes Kärnten (2000 Euro): Delphine Blumenfeld

Preisverleihung: Morgen, 18 Uhr, Festsaal der Stadtwerke Klagenfurt.

Und das war „eine totale Überraschung“, so die 39-jährige: „Als Josef Winkler (Anm.: der Autor ist Jurymitglied) mir das telefonisch mitgeteilt hat, konnte ich es erst gar nicht glauben.“

Denn auch wenn das Schreiben für die Kommunikationsberaterin und Werbetexterin das tägliche Brot ist, war Lyrik für sie ein „absolutes Neuland“: „Ich musste sogar nachschauen, was für eine Gattung das eigentlich genau ist“, gesteht die Klagenfurterin. „Aber die Ausschreibung hat mich so angesprochen, dass ich gedacht habe: Das muss doch zu machen sein.“ (…)

Insgesamt konnte Anna Baar rund 260 Mitbewerber hinter sich lassen. Vergeben wurde von der Jury unter Vorsitz von Manfred Posch auch der Sonderpreis des Landes Kärnten, der – auch für ihr bisheriges Wirken als Lyrikerin – an Delphine Blumenfeld geht.

Aber auch die Stadtwerke selbst dürfen sich über einen Preis freuen: Zum dritten Mal werden sie für ihr Engagement in Sachen Lyrik mit dem Kunstsponsoringpreis Maecenas ausgezeichnet.

/ Kleine Zeitung

150. Fischgedichte

Seine Gedichte sind ganz und gar unpersönlich. Sie beerben Objektivisten wie George Oppen und Dingdichter wie den von Yang mehrfach zitierten Francis Ponge: jeder Text ein aus Lautmaterial, zoologischer Terminologie, philosophischem Gedankengut geborener und schillernd in sich verschlosser Mikrokosmos. Yang, schreibt Eliot Weinberger in seinem Vorwort, führt die US- Dichtung jenseits aller Ironie „auf ihre lyrischen und epischen Funktionen zurück. Episch: als ein Warenlager voller Informationen, gefüllt mit all dem, was eine Kultur von sich und der Natur, von den Göttern und anderen Menschen weiß. Lyrisch: als Feier und vernichtende Kritik zugleich, als Bewunderung der Welt und Empörung darüber, wie sie häufig ist.“ Yangs Bewusstseinsmeer wird durchkreuzt vom hinduistuischen Vishnu und daoistischen Zhuangzi, aber auch von völlig unerwarteten Bewohnern wie Google, Intelligent Design oder den U.S. – letztere „ein kleiner Fisch / mit falschem Kopf, oder ein großer Fisch / mit falschen Schuppen; oder ein Traum / vom perfekten Fisch, / der zum Alptraum wird“. / Gregor Dotzauer, Potsdamer Neueste Nachrichten 27.11.

Jeffrey Yang: Ein Aquarium. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender. Berenberg Verlag, Berlin 2012. 96 Seiten, 19 €. – Autor und Übersetzerin stellen den Band am heutigen Dienstag um 20 Uhr in der Berliner Literaturwerkstatt vor.