42. Verstehen (Lec)

Ich soll so schreiben, daß jeder Wachtmeister es versteht? Nein! Ich beanspruche zumindest einen Hauptwachtmeister!

Stanislaw Jerzy Lec, Das große Stanisław Jerzy Lec Buch. Aphorismen, Epigramme, Gedichte und Prosa. Vorwort von Umberto Eco. München: Goldmann 1990 (1. Hanser 1971 u.d.T.: „Das große Buch der unfrisierten Gedanken), S. 177.

41. Bewegungsschreiber

Bewegungsschreiber. Dichtung trifft Tanz
vier Performance-Abende aus Text und Bewegung

Das Körperliche der Lyrik trifft im Laboratorium Bewegungsschreiber auf die Sprache des Tanzes. Vier Tänzer und vier Lyriker beschreiben, unterlaufen und verschieben die Grenzen ihrer Medien, nehmen Impulse auf und konfrontieren sich mit einer scheinbar fremden Welt des Ausdrucks. Dabei versteht sich Dichtung seit je her als performative Kunst, der – ebenso wie dem Tanz – Rhythmus, Beweglichkeit und Körperlichkeit zu eigen sind.

Welche Sprache spricht man, wenn man tanzt, welche, wenn man Gedichte schreibt? Wann versteht wer was wie? Oder geht es gar nicht so sehr ums Verstehen im herkömmlichen Sinn?

(Un)gleiche Partner begegnen sich im Dialog auf der Bühne. Aber es geht um mehr, als die Arbeit der anderen in eine Interpretation zu bringen, nicht nur Sprache in Rhythmus, Bewegung in Text, Worte in Formen zu übersetzen. Körper, Stimmen und Sätze interagieren auf andere Art miteinander. Die Ergebnisse sind dialogische Werke, die ein Neues, Drittes, jenseits der Gattungen entstehen lassen, eine neue Sprache bestehend aus Worten und Bewegung in gleichen Teilen.

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Letzte Aufführung heute

20:30 Uhr

DOCK 11
Kastanienallee 79
10435 Berlin

40. „Außenseiter“

Aber sobald man über Henri Thomas zu sprechen beginnt, befindet man sich zunächst in einem produktionsästhetischen Aufzählmodus. Denn da sind die etwa zwanzig Romane, die vielen Erzählungen, ein Dutzend Gedichtbände nebst Tagebüchern und Essais, und nicht zu vergessen: zahlreiche Übersetzungen aus dem Deutschen (u. a. Jünger, Goethe, Stifter, Kleist, Achim von Arnim, Brentano), dem Englischen (u. a. Shakespeare, Melville, Faulkner) oder dem Russischen (Puschkin). All das konnte ihn indessen über einen hartnäckigen Insiderkreis hinaus in Frankreich kaum nachhaltig bekannt machen. Leben und Werk beschreiben ihn als einen Aussenseiter des Literaturbetriebs – was im Übrigen auch nur eine abgedroschene Standardfloskel der Rezeption ist.

Auch sonst hielt man sich über Jahre hinweg – vorsichtig ausgedrückt – bedeckt. Deutsche Verlage stuften Thomas bei aller attestierten Wertschätzung als «schwierig» ein (eine Umschreibung für schwer verkäuflich). Vor vier Jahren wagte Suhrkamp mit dem bereits erwähnten «Vorgebirge» einen Vorstoss in Sachen Thomas-Übersetzung. Ein, wie sich herausstellte, durchsichtiges Unterfangen, in erster Linie der Tatsache geschuldet, dass Paul Celan rund fünfzig Jahre zuvor den Grossteil der Übersetzung des mit dem Prix Femina ausgezeichneten Romans «Le promontoire» besorgt hatte (und sich kurz vor Fertigstellung mit dem Verlag überwarf). Entsprechend wurde mit dem Buch geworben: Auf der Banderole war Celans Name grösser verzeichnet als derjenige des Autors. / Thomas Laux, NZZ

39. Raymond Roussel

Sein Leben war wie ein Roman, allerdings wie einer von ihm selbst: Der französische Schriftsteller Raymond Roussel (1877 bis 1933) gibt Rätsel auf. Auch neu erschlossene Texte lösen sie nicht restlos. (…)  alles, was man zu Leben, Werk und Sterben dieses von den Surrealisten gefeierten, von den Autoren der Gruppe Oulipo (vor allem Georges Perec) zum genialen Vorläufer deklarierten und von Michel Foucault, der ihm 1962 sein erstes Buch widmete, zu einem der Gründerväter der strukturalistischen Revolution promovierten Schriftsteller sagen mag, wirkt, man ist geneigt anzufügen: zwangsläufig, wie eine von Roussel selbst inszenierte und orchestrierte Erzählung. (…) Testamentarisch hatte Roussel, der 1877 in Paris als künftiger Erbe eines 40 Millionen Goldfranken schweren Vermögens geboren wurde, schon zu Anfang seines Todesjahres verfügt, dass seine Schrift «Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe» erst nach seinem Tod erscheinen dürfe. Als das Buch dann 1935 vorlag, glaubte man in der Tat, den Schlüssel gefunden zu haben. Roussel erläutert dort zum Beispiel, dass er von zwei gleichlautenden (homofonen) Sätzen oder Wortketten ausgegangen sei, die sich nur in einem Phonem unterschieden (etwa wie, um Roussels Beispiel zu zitieren, «billard», Billardtisch, und «pillard», Plünderer), aber einen jeweils vollkommen verschiedenen Sinn ergäben. / Jürgen Ritte, NZZ 1.12.

Raymond Roussel: Locus Solus. In der Druckfassung von 1914 und ergänzt durch Episoden aus der erstmals veröffentlichten Urfassung. Von Stefan Zweifel entziffert, kommentiert und aus dem Französischen übertragen. Nachwort von Stefan Zweifel. Die Andere Bibliothek, Berlin 2012. 492 S., Fr. 45.90.

38. Reisäuschen

Der belgische Illustrator Carll Cneut malt kurlig-schöne Viecher, deren Gesichter uns bereits eine Geschichte zu erzählen scheinen. Zwei Mäuschen «ballen die fäustchen / und nehmen reissäuschen». / mehr

37. Wortschöpfer

Das Lyrik-Seminar der Q11 unter Leitung von Annett Richter hat sich Jean Pauls Sprache einmal genauer angesehen. Schließlich ist er der Urheber einer ganzen Reihe praktischer Wortschöpfungen, die es leicht in die Alltagssprache schafften: Doppelgänger, Dreckspatz oder Gänsefüßchen sind nur einige davon. Die Seminar-Schüler haben sich schon während der Entstehungsphase der Bilder auf die literarischen Spuren des Dichters begeben. Die neuen Wortschöpfungen, die während des künstlerischen Schaffensprozesses im Geiste Jean Pauls entstanden, „umschreiben“ die bildnerischen Arbeiten des Lugy-Kunst-Kalenders.

So heißt es etwa zum Deckblatt des Kunst-Kalenders: „Julia Meusel aus der Q11 setzt in surrealistischer Manier ihre Vorstellungen von der geistigen Welt des Schriftstellers überzeugend ins Bild. Anspielungen auf Romanfiguren, wie den Advokaten Siebenkäs oder den Luftschiffer Gianozzo zeugen von den genuinen Synapsenaktivitäten Jean Pauls.“ / Frankenpost

36. Vorderwäldler dreht auf

Krause (Krause von der Welt) erklärt die Welt. Sein Thema heute: Ernst Barlach.

Also, der Hans Barlach, was ein Enkel des Bildhauers und Schriftstellers Ernst Barlach ist, will den Suhrkamp-Verlag übernehmen? Wie?? Krause:

Wer knöpft sich endlich mal diesen Hans Barlach vor? (…)

Immerhin verweist er offenbar gern auf seine kulturelle Kompetenz, die er auf die Tatsache zurückführt, Enkel des Expressionisten Ernst Barlach zu sein. Doch abgesehen davon, dass die anti-urbane Klotzigkeit des Güstrower Hinterwäldlers kaum eine Referenz darstellt, sich in der Verlagswelt von heute zurechtzufinden, ist der beschworene Großpapa bekanntlich 1938 verschieden. Da war Hänschen, der im Jahr 1970 das Licht der Welt erblickte, nicht einmal geplant.

Ah, von der Hansestadt Hamburg aus (das Tor zur Welt ist nicht die Welt, wer sagte das noch mal?) liegt Güstrow hinterm Wald. Andererseits, von der Warte des großen Doppelbegabten aus (Ernst Barlach war ein bedeutender Dramatiker und Erzähler; und Expressionist?? Naja…) ist Hamburg auch nicht die Welt.

Dieser Kommentar ist nicht pro Hans Barlach, sondern richtet sich ausschließlich gegen den Hinterwäldler von der Welt. Paradox, daß DER jetzt die Suhrkampkultur zu verteidigen scheint. Wie viele ihrer Autoren hat der eigentlich schon angebellt?

Über Hänschen Barlach sagt ein Anwalt des Verlages:

Der Grundstreit zwischen Familienstiftung und Herrn Barlach liegt darin, dass Herr Barlach nur an den Gewinnen von Suhrkamp interessiert ist, und eine möglichst hohe Ausschüttung erreichen will. Er hat in einer Sitzung gesagt, als über das Budget gesprochen wurde: „Es ist doch viel günstiger, wenn wir gar keine neue Bücher mehr produzieren, sondern nur noch die Backlist bedienen.“ (…) [Barlach] ist überzeugt, dass Suhrkamp viel mehr Geld machen könnte, wenn man diese „literarischen Geschöpfe, die keiner lesen will“ nicht fördern würde.

35. Grass liest

Und wenn er seinen Furor über neue Medien von der Kette lässt („Im Internet habe ich nichts zu suchen“), dann ist da einer, der dem überwiegend reiferen Publikum aus der Seele spricht. (…)

Es waren auch Gymnasiasten da an diesem Abend. Als sich die Jungs draußen vor der Kirche wieder die Stöpsel ihrer iPods ins Ohr steckten, zollten einige dem Dichter das größte Lob, das ihnen zur Verfügung steht: „Cooler Alter.“  / Michael Berger, Lübecker Nachrichten

34. Vogelgespräche

Gibt es in Frankreichs Verlagswelt einen Nischen-Verlag, dann sind es die Editions Diane de Selliers. «Wir veröffentlichen jedes Jahr ein Werk», erklärt die Gründerin und Namensgeberin der NZZ. «Der Verlag hat vor zwanzig Jahren sein erstes Buch herausgegeben, die am 18. Oktober erschienenen ‹Vogelgespräche› von Fariduddin Attar sind also unsere 21. Schöpfung.» (…)

Für deren Ausgabe liess sie 207 persische Miniaturen etwa in Istanbul, Kabul, Kairo, New York, Teheran abfotografieren, deren Szenen oder Bildmotive mit bestimmten Passagen des mystischen Poems in Resonanz treten. Dasselbe gilt für das mit 520 japanischen Malereien illustrierte «Genji Monogatari» und das mit 660 indischen Miniaturen bebilderte «Ramayana». Beide Bände enthalten zudem ausführliche Kommentare zu jedem einzelnen Bild, die von Koryphäen verfasst wurden.

Das «Ramayana» mit seinen 1700 Seiten, seinen 14 Kilogramm Gewicht und seinen sieben Bänden (zuzüglich eines Kommentarbands) ist die bis anhin teuerste Publikation des Hauses. Der Ladenpreis beträgt stolze 950 Euro. Während keines der 21 in der «grande collection» erschienenen Werke unter einem dreistelligen Euro-Betrag zu haben ist, werden vergriffene Titel seit 2007 in der «petite collection» in einem reduzierten Format und zu einem erschwinglicheren Preis wiederaufgelegt. / Marc Zitzmann, NZZ

  • Le Cantique des oiseaux d’‘Attâr illustré par la peinture en Islam d’orient traduction intégrale versifiée par Leili Anvar, commentaires iconographiques de Michael Barry (Diane de Selliers, 2012)
  • Fariduddin Attar: Vogelgespräche und andere klassische Texte. Vorgestellt von Annemarie Schimmel. C.H.Beck
  • Navid Kermani: Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte. C. H. Beck Verlag, München 2005
  • Kenneth Avery, Ali Alizadeh (Hgg.): Attar: Fifty Poems of Attar, re-press 2007, ISBN 978-0-9803052-1-0Online (PDFOpen Access).

33. Buchebners Suche

1948 folgt der Aufbruch nach Wien, wo man «das gedächtnis wie ein klavier dezent auf vergessen stimmt». Buchebner arbeitet am Bau und bei der Bahn; ab 1956 leitet er eine Städtische Bücherei. Er heiratet eine Jugendfreundin, bricht das Studium der Germanistik und Geografie ab – und veröffentlicht erste Gedichte. Als literarische Vorbilder nennt er Paul Valéry, Lorca, Pound oder Majakowski. Im (formal traditionellen) Schriftsteller Hermann Hakel findet er einen Mentor, in (dem experimentelleren) Andreas Okopenko einen inspirierenden Freund. Doch Buchebners Suche nach der eigenen Form gestaltet sich steinig. Die lyrische Avantgarde hält er teils für verrückt (Artmann, Rühm), teils für Rilke-/Trakl-Epigonen im fortschrittlichen Kleid (Celan).

Als «fiebereule von wien» nimmt Buchebner den Posten des scharfen Beobachters und dunklen Boten ein. Allerdings gerät ihm manches Poem – die Jukebox- und Halbstarken-Kultur verdammend, die traditionelle Rolle der Frau beschwörend – noch nicht ganz nach seinen politischen und poetologischen Positionen: Im Manifest «Active Poesie» fordert er staatspolitische Aggression ohne ideologische Verblendung, metallharte Diktion, einen Mix aus transatlantischer Vitalität und «tiefer abendländischer Geistigkeit». Es gelte, den Schlaf des saturierten Bürgers zu stören und «hochtourig» zu fahren wie Kerouac. (…)

Einmal noch kämpft er sich durch bis Paris. Dann, zurück im «gespensterschloss» Wien, läuft er zu letzter Hochform auf – als Lyriker, kurz auch als Maler. Am 4. September 1964 setzt Walter Buchebner seinem «hiobischen» Leben ein Ende. / Ingeborg Waldinger, NZZ 8.12.

Walter Buchebner: ich die eule von wien. Gedichte, Manifeste, Tagebücher, Gouachen. Hrsg. (und Nachwort): Daniela Strigl. Edition Atelier, Wien 2012. 335 S., Fr. 24.–.

32. Vater und Tochter

Erinnert sich noch jemand an Franzobel? Der hielt einmal eine Laudatio auf die Tochter Nora, und da er vor Annahme des Auftrags nichts von ihr gelesen hatte fiel ihm nicht viel ein und er lobte die Tochter indem er in ihrer Gegenwart den Vater als Avantgarde von vorgestern schmähte. In Basel konnte man jetzt beide zusammen hören:

Bei den Worten Lyrik und Poesie glauben die meisten, den vermeintlichen, über die Jahre angesetzten Staub schon beim Aussprechen auf der Zunge zu schmecken. Wer jedoch am Donnerstagabend den Gang durch die Frühwinterkälte ins Literaturhaus gewagt hat, wurde eines Besseren belehrt. Dort bot sich eine der seltenen Gelegenheiten, Nora Gomringer, die vielfach preisgekrönte Lyrikerin, Slammerin und Performerin in einer gemeinsamen Lesung mit ihrem Vater Eugen, dem Begründer der konkreten Poesie, zu hören. Oder vielmehr: zu erleben. Denn wenn die Gomringers anreisen, um «etwas mit der Sprache» zu «machen», wie es in einem von Noras Texten heisst, darf gelacht, gestaunt, dazwischengerufen oder auch einfach mal berührt innegehalten und geschwiegen werden.

Kurz vor der Lesung erst hatten Vater und Tochter an einem Tisch im Café den groben Ablauf der Lesung abgesteckt, und so blieb denn auch der ganze Abend erfrischend beweglich und überraschend, sowohl für das Publikum, als auch einstweilen für die Lesenden selbst. Die beiden interagierten humorvoll, tauschten Blätterstapel und amüsante innerfamiliäre Alltäglichkeiten aus, manchmal schien es, als höre der Vater einen Text seiner Tochter zum ersten Mal, oder zum ersten Mal seit langem wieder, woraus sich dann eine spontane Diskussion ergab. Mal las die Tochter einen Vatertext, mal der Vater einen Tochtertext, mal verschwand ein Blatt ganz ungelesen wieder in der Tasche und ein anderes fand stattdessen seinen Weg auf den Tisch. / Tageswoche

31. Abwesenheit

Kurz vor ihrem Tod im Februar 2012 hat die polnische Lyrikerin Wisława Szymborska, Nobelpreisträgerin von 1996, noch einen Gedichtband zusammengestellt, der auf Deutsch erscheinen sollte: «Glückliche Liebe und andere Gedichte». Nun ist er da, eine Auswahl aus Altem und Neuem, ein kostbares Geschenk. Mit etwas zu essen und diesem Buch vor der Nase könnte man einsame Wochen verbringen. Sie wären angefüllt mit tausend Anregungen, die einen umtreiben, auch wenn sie listiger und einfacher nicht hätten dargeboten werden können.

Schon die ersten Verse warten mit einem Gedanken auf, den man als Leitgedanken fürs Ganze nehmen möchte, obwohl diese Dichterin auf Leitgedanken eigentlich gar nichts gibt. Er lautet: Aus Zufall bin ich da, so wie ich bin, und versuche zu sein. Dieses erste Gedicht, «Abwesenheit», streift jene, die an unserer Stelle leben könnten, die aber aus einem oft unscheinbaren Grund die Existenz verpasst haben: «Es fehlte nicht viel, / und meine Mutter hätte Herrn Zbigniew B. / aus Zdunska Wola geheiratet. / Hätten sie eine Tochter gehabt, wäre das nicht ich gewesen. / Vielleicht eine mit besserem Gedächtnis für Namen und Gesichter . . .» Eine kindlich verrückte Überlegung, die hinter allem steht, was Wisława Szymborska geschrieben hat: All die Ichs auf der Welt machen viel Aufhebens und sind doch haarscharf an der Nicht-Existenz vorbeigeschrammt. / Beatrice von Matt, NZZ 7.12.

Wisława Szymborska: Glückliche Liebe und andere Gedichte, Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Karl Dedecius. Nachbemerkung von Adam Zagajewski, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2012. 103 S., Fr. 27.40.

30. Rosa Socken

Когда умирают люди — поют песни.

Wenn Menschen sterben – singen sie Lieder.

dichtete Welimir Chlebnikow.

Ich passe es der Nachrichtenlage an:

Когда умирают газеты — поют песни.

Wenn Zeitungen sterben – singen sie Lieder.

Manche auch ein paar Jahre früher. Von der Frankfurter Rundschau lese ich:

Der Herausgeber versuchte es mit Gedichten

Als Wolfram Schütte die Rundschau zum Feuilleton der neuen Gedanken machte, wussten die Politikjungs gar nicht, wie wichtig das war, um neben Gewerkschaften, SPD und evangelischer Kirche auch die linksliberalen Studentenkreise und die Kulturszene für sich zu gewinnen. Ganz zu schweigen von damaligen Randgruppen wie Frauen. Die Rundschau war männlich und streng – und basta.

Der legendäre Herausgeber, Chefredakteur und also uneingeschränkte Herrscher Karl Gerold hielt seine eigenen Gedichte zur Propagierung des Linksliberalismus für Kultur. Er publizierte sie gnadenlos auf Seite 3, obwohl sie nach Einschätzung von sachverständigen Zeitzeugen „fürchterlich“ waren: „Kaum einer sieht, wie hinterrücks der fahle / Faschismus rings um diesen Erdball rennt.“ / taz 1.12.

Frauen und andere Randgruppen. Lyrikleser zum Beispiel. (Schreiber brauchen wir nicht – das macht der Chef selber).

Heute bei der abschiednehmenden Financial Times Deutschland:

Zum Abschluss ein Abgesang auf die FTD des geschätzten Kollegen Georg Dahm in Reimform:

Auf rosa Socken

Seit Jahren kommst du, Nikolaus,
zu uns mit schönen Gaben.
Wie schade, dass in unsrem Haus
die Socken Löcher haben.

In deiner Güte brachtest du
uns jedes Jahr Millionen.
Doch jetzt lässt du dein Säcklein zu
und willst uns nicht mehr schonen.

Es ist dir zu viel Geld zerronnen,
du traust dem Strumpf nicht mehr.
Denn all die Ehr‘, die wir gewonnen,
nährt nicht den Aktionär.

Die rosa Socken bleiben leer,
der Wind pfeift durch die Maschen,
das Licht geht aus, das Herz wird schwer,
die Redaktion leert Flaschen.

Wo sollen wir ab Montag schreiben,
was die Nation bewegt?
Was Banker, Bonzen, Kanzler treiben
und Leser schwer erregt?

Ach, unsre Leser, schenkst du sie
nach Düsseldorf und München?
Nach Frankfurt gar, wo man sie braucht,
um den Verlust zu tünchen?

Dort sind die Socken fest und warm,
hat man dir stolz gesagt.
Doch glaub uns: Auch dort ächzt das Garn;
der Tod ist nur vertagt.

Wir wollten doch die Löcher flicken!
Die Nadel lag bereit!
Doch man vergaß, uns Garn zu schicken,
und nun ist Abschiedszeit.

29. Horst Samson liest in München

Zu einer Autorenlesung von Horst Samson lädt das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS) für den 7. Dezember um 18.30 Uhr nach München ein. Veranstaltungsort ist das Internationale Begegnungszentrum der Wissenschaft München e.V. (IBZ), Amalienstraße 38, in München, zu erreichen mit der U3 oder U6, Haltestelle „Universität“. Der Eintritt ist frei. Website: www.ikgs.de.

Der Lyriker Horst Samson ist einer der wichtigen Vertreter der jüngeren rumäniendeutschen Literatur, zu der auch Autoren und Autorinnen wie Herta Müller, Richard Wagner, William Totok, Johann Lippet und Ernest Wichner zählen. Er wurde 1954 als Kind von Banater Schwaben im Weiler Salcîmi/Rumänien in der Bărăgansteppe geboren, wohin seine Eltern deportiert wurden. Nach seiner Ausbildung wird er zunächst Grundschullehrer in Busiasch im Banat. Zwischen 1977 und 1984 arbeitet Samson als Journalist bei der Neuen Banater Zeitung (Temeswar) sowie als Redakteur der Neuen Literatur (Bukarest). Der Schriftsteller stand der regimekritischen Aktionsgruppe Banat (1972-75) nahe und war zwischen 1981 und 1984 Sekretär des Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreises in Temeswar. 1985 erhält er Schreibverbot und ist permanenten Repressionen und Bedrohungen durch die Securitate ausgesetzt. Schließlich reist Samson mit seiner Familie 1987 in die BRD aus; heute lebt er in Neuberg in Hessen und arbeitet als Redaktionsleiter des Bad Vilbeler Anzeigers in der Nähe von Frankfurt am Main. Nach der späten Freigabe der Securitate-Unterlagen im Jahre 2006 konnte Horst Samson Einsicht in seine Akten nehmen. Sie belegen eine beinahe lückenlose Überwachung des Schriftstellers, der vom rumänischen kommunistischen Geheimdienst als „schädliches Element“ und „westdeutscher Spion“ geführt wurde.

Horst Samson veröffentlichte in Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland bislang sieben Lyrikbände. Für sein Werk wurde er mehrfach mit literarischen Auszeichnungen (u.a. Lyrikpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes 1981, Stipendiat des Deutschen Literaturfonds Darmstadt 1988/89, Meraner Lyrikpreis 1998) geehrt. Texte von Samson sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden, so ins Englische, Französische, Russische, Rumänische und Ungarische.

/ Siebenbürgische Zeitung 

28. Doppelpack

07.12.2012
LESEBÜHNE HUGENDUBEL  ab 18 Uhr  Helmfried von Lüttichau liest aus was mach ich wenn ich glücklich bin, live illustriert von Anja Nolte.
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Gedichte im Doppelpack: Helmfried von Lüttichau & Markus Hallinger

Helmfried von Lüttichau und Markus Hallinger lesen in der Gemeindebücherei Weyarn.
Schauspieler und Dichter, das ist Helmfried von Lüttichau, bekannt aus der TV-Serie Hubert & Staller, in der er zusammen mit Christian Tramitz als Polizist auf Verbrecherjagd geht. Das Gedichteschreiben verbindet ihn mit Irschenberger Markus Hallinger. Kennengelernt haben sich die beiden als Stipendiaten des Lyrikkabinetts München und haben just ihr erstes Buch veröffentlicht. „was mach ich wenn ich glücklich bin“ heißt von Lüttichaus Buch erschienen im Fixpoetry-Verlag. In der Lyrikedition 2000 erschien zeitgleich „Das Eigene“ von Hallinger. Dass Lyrik nicht nur heimlich unter der Decke zu lesen ist, wie Tramitz vermutet, sondern überraschend und manchmal komisch sein kann, und dabei immer subversiv ist, zeigen die beiden.
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