53. Sonanz

Kollegialer Gruß über den großen Teich:

Elke Erb

Für sich sein (Studie)

Ein junger Amerikaner, schmal, sensibel, G.I.
(nach den Kriegen, großen Kriegen. Ausdehnungen
dieses Krieges,

nach den großen sich leerenden Dimensionen)
(Stiefel, freilich, unterwegs Stiefel, neben einem stehend,
Pause, Wiese).

Aber hier für sich sein, Mansarde Einfamilienhaus Ausland,
und die Dose aufziehn, löffeln die süße Kondensmilch,
schmökernd.
Die blassen Fensterle-Kreuze, Kieshof, Kastanienblüte.
Wegen der Blütenkaskaden ein hoher Grad Anwesenheit
der gezimmerten Meinung.
In der Dose unten ausgefällt Kalk, kleinkörnig.
Zarter Abschluß des Zeitteils.

9.7.06

Aus meinem unterschwelligen Bewußtsein trat an die Oberfläche die Vorstellung von Keith Waldrop als amerikanischer Soldat am Kriegsende und behauptete sich auf der letzten Seite meines Buches “Sonanz” (Urs Engeler, 2008).

(Übernahme von Postkultur)

52. Keith Waldrop 80

Der amerikanische Dichter, Übersetzer und Verleger Keith Waldrop feiert am 11. Dezember 2012 seinen 80. Geburtstag. Wir gratulieren und hoffen, dass sein Werk in den nächsten Jahren auch in Deutschland eine weitere Aufnahme findet. Mit Hilfe Ben Lerners und des Verlages Luxbooks werden wir in der nächsten Zeit einen erneuten Versuch in dieser Hinsicht starten.

Happy Birthday Keith Waldrop

Dieser wie auch einige weitere Posts in freundlicher (nicht feindlicher – wir sind nicht Suhrkamp) Übernahme von Jan Kuhlbrodts Blog Postkultur.

51. Klangspiele und Wörternester

Meist schreibt Bulatovsky in Reimen und verwendet Einsprengsel aus unterschiedlichen Sprachen zum Bau seiner «Wörternester», Begriffe aus der Sowjetzeit etwa oder aus religiösen Sprachspeichern. Zugleich reflektiert er ironisch das eigene Tun: «Schattenwurf, Schattenwurf, Schattenwurf», heisst es da einmal in Daktylen, bevor das Ich mit leichtem Herzen seine Kugel fängt, «zurück aus des Gässchens Trochäus». Die vier Übersetzer haben all diese Klangspiele und rhythmischen Schlenker auf je eigene Weise ins Deutsche geholt. So folgt man Bulatovsky gern in seine poetischen Gärten, wo es viel Licht gibt und «Vöglein, ewige Subbotniks, / den heissen Staub von Körpern picken». / NZZ

Igor Bulatovsky: Längs und Quer. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew, Olga Martynova, Gregor Laschen und Elke Erb. Wunderhorn-Verlag, Heidelberg 2012. 88 S., Fr. 27.90.

50. Tschwirik und Tschwirka

„Von Tschwirik und Tschwirka“ ist ein besonderer Gedichtband. In erster Linie handelt es sich um eine Eigenübersetzung der Dichterin und Schriftstellerin Olga Martynova – der diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin –, die sie als Gemeinschaftswerk zusammen mit Elke Erb, ebenfalls Schriftstellerin und verdiente Übersetzerin aus dem Russischen, vorgelegt hat. Zweitens vereint dieser Band zwei Gedichtbände, die 2007 und 2010 in Moskau in der Originalausgabe erschienen. (…)

Gedichte, und diese Gedichte insbesondere, wollen gesprochen werden. Sie haben einen Resonanzkörper, der mit einer Stimme zum Klingen gebracht werden soll. Eine wiederholte Lektüre wird nicht nur den Text beleben, sondern einen meditativen Zustand des Lesenden herbeiführen und es ihm so ermöglichen, sich auf die Inhalte dieser Gedichte voll einzulassen. Zugegeben, es ist eine anspruchsvolle und aufwendige Lektüre. Manche Gedichte magnetisieren uns, lassen uns nicht aus ihrem Bann. Die Frage, wer denn Tschwirik und Tschwirka sind, bleibt offen. Ihre vogelartige Erscheinung und ihr menschenähnliches Wesen sind in vielen Kulturen anzutreffen: ob im babylonischen Gilgamesch oder beim hinduistischen Glücksgott Ganesha. Wie mit einem Zauberstab lässt Olga Martynova sie beide in der Figur des Balletttänzers Marius Petipa durchschimmern. Wie in einem Ballettflug gleiten die Buchstaben vorüber, einer Choreographie der Alliterationen, Vokaldehnungen, Abzählreime oder der Logik des Absurden gehorchend: „Die nassen Frösche im Frühling, die dünnen Wurzeln im Winter.“, „bach ach dach knach / omen ofen oder opel /wotan wonne monat mai.“ / Natalia Shchyhlevska, literaturkritik.de

Olga Martynova: Von Tschwirik und Tschwirka. Gedichte.
Übersetzt aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova.
Literaturverlag Droschl, Graz 2012.
96 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783854208310

49. Autohitparade (mit Lyrikwoche)

107. Ausgabe vom 11. Dezember 2012

Veröffentlicht am 11. Dezember 2012 von zuendapp

  • Platz 1 (-): Konstantin Ames – sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen
  • Platz 2 (-): Cornelia Vismann – Das Schöne am Recht
  • Platz 3 (2): Cyrus Console – Brief Under Water
  • Platz 4 (3): Jan Wagner – Die Eulenhasser in den Hallenhäusern
  • Platz 5 (-): Mütze #3
  • Platz 6 (1): Michael Farrell – open sesame
  • Platz 7 (4): Subaru Libero
  • Platz 8 (5): Bénédicte Vilgrain – Une grammaire tibétaine
  • Platz 9 (7): Sam Langer – CAFETERIA
  • Platz 10 (8): Peugeot Partner
  • Platz 11 (6): Georges Perec – Die Maschine
  • Platz 12 (10): Citroen Berlingo

48. Kampf gegen „Volksfeinde“

Iulia Motoc, die im Verfassungsgerichtshof dem Neototalitarismus der USL entgegentritt, wurde von Antena 3 als „psychisch krank“ diffamiert. Cristi Danilet, der als Richter seine Unabhängigkeit beweist, wurde von dem Sender wegen eines Fotos, das ihn mit seiner Tochter zeigt, Pädophilie unterstellt.

Horia-Roman Patapievici, einer der prominentesten Intellektuellen des Landes, ist seit mehreren Monaten arbeitslos. Der 55 Jahre alte Physiker und Philosoph bewohnt eine Zweizimmerwohnung in einem Plattenbau am Stadtrand von Bukarest. Seine Nachbarn haben aufgehört, ihn im Stiegenhaus zu grüßen. Auf der Straße beschimpfen und bespucken ihn Unbekannte, bei der Eröffnung der Bukarester Buchmesse wurde er vor wenigen Tagen von einem Besucher attackiert. Patapievici war Mitarbeiter des Instituts für das Studium der Dokumente des kommunistischen Geheimdienstes Securitate und leitete zuletzt sieben Jahre lang das Rumänischen Kulturinstitut (IRC). Er verwandelte dessen ausländische Dependancen, die mit vergilbten Prospekten für rumänische Folklore warben, in Zentren der kulturellen Begegnung, die ein neues, weltoffenes Rumänien präsentierten.

Während die rumänischen Kulturinstitute in Stockholm, Wien und Istanbul, in Paris, London und New York Lob und Anerkennung ernteten, setzte in Bukarest eine beispiellose Kampagne gegen den IRC-Präsidenten ein. Jahrelang verleumdete der TV-Sender Antena 3 Patapievici als „Pornograph“, als „Zerstörer der Nationalkultur“ und „Feind des Volkes“, der eigentlich gar „kein Rumäne“ sei. Dieser Hass, sagt Patapievici, habe mitten in der Gesellschaft eine Atmosphäre entstehen lassen, wie sie in Deutschland in den dreißiger Jahren geherrscht habe. Er sei dieser Hetze ohnmächtig ausgeliefert: „Wie soll ich mich verteidigen? Soll ich etwa im Fernsehen auftreten und sagen, dass ich kein Pornograph und kein Volksfeind bin?“ In den Wohnungen des Plattenbaus, in dem er wohnt, läuft Antena 3 ununterbrochen. Im Juni wurde Patapievici von der Regierung Ponta mit Hilfe einer Notverordnung in einem Handstreich abgesetzt. (…)

Ein Haupt, das sich beugt, schlägt das Schwert nicht ab, lautet ein altes rumänisches Sprichwort. Um den Gehorsam zu erzeugen, der in den Jahrhunderten der osmanischen Hegemonie und in den Jahrzehnten des kommunistischen Terrors von den Rumänen erlernt wurde, reicht es, ein paar Dutzend durch Rufmord hinzurichten. Die anderen ducken sich, aus Furcht, sonst selbst an die Reihe zu kommen. In dem Land, das seit 2007 der EU angehört, regiert die Angst. (…)

(…) wieder erteilt „Die Stimme Russlands“, der Auslandsfunk des Putin-Regimes, der USL Ratschläge. Im Sommer hatte die rumänische Redaktion des Senders Ponta dazu aufgerufen, den Forderungen der EU-Kommission nicht nachzugeben und Băsescu notfalls durch den Druck der Straße aus dem Cotroceni-Palast zu vertreiben, dem Amtssitz des Staatsoberhauptes. Jetzt rät der russische Sender dazu, die Reputation der drei rumänischen Persönlichkeiten zu zerstören, die im Westen den Eindruck erweckt hätten, in Rumänien gehe es um einen Kampf zwischen dem Rechtsstaat und einer kriminellen politischen Kaste. / Karl-Peter Schwarz, FAZ 3.12.

47. Kritik der Kritik

Matthias Hagedorn schreibt:

Die Kritik neigt dazu, klüger als die Kunst sein zu wollen. Sozusagen die Kunst und noch etwas mehr. Dabei ist sie naturgemäß weniger, gackert, wo andere Eier legen (Guareschi) reduziert das Vieldeutige, kappt den semantischen Überhang, indem sie stets alles auf einen Nenner bringen will. Auch wo sich die Kritik gönnerhaft pseudokünstlerisch geben mag, praktiziert sie Reduktion, schließt aus. Die Überheblichkeitsgeste der Kritik ist die Kompensation dieses Umstands. Sie weiß das selbst und ärgert sich grün. Vielleicht deshalb dieser Furor – sowohl beim Verriss wie beim Lob? Ist doch nur Kunst, könnte man dagegenhalten, tut doch keinem weh. Aber in beiden Fällen sind es Machtdemonstrationen, die um so forcierter ausfallen, je deutlicher die Kritik der Kunst zu verstehen geben will, daß sie den längeren Füllhalter hat. Insofern steckt noch in der größten Laudatio ein Kern Verachtung.

Diese Pose ein klein wenig ins Wanken zu bringen – jedenfalls nicht selbst zu kultivieren – sind die Kulturnotizen am 10. Dezember 2011 angetreten, ein erstes Resümee ist hier zu lesen: http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=8716.

Herzliche Grüße, Matthias Hagedorn

46. Nobel-Zoff

Streit gibts immer wieder um den Literatur-Nobelpreisträger Mo Yan, der als stellvertretender Vorsitzender der Allchinesischen Schriftstellervereinigung ein Stück weit das offizielle China repräsentiert. Dazu paßt, daß er die Zensurpraxis in China verteidigt, indem er sagt, die Behörden müßten eben prüfen, ob etwas der Wahrheit entspreche oder nicht. (Offenbar haben die chinesischen Beamten das Problem der Wahrheit in der Kunst gelöst). Der Künstler Ai Weiwei kritisierte ihn scharf als „Wächter des Systems und zugleich Nutznießer“.

Chinesisch-schwedischen Zoff auf Bierkutscherebene – nein, das ist eine Beleidigung des Standes der Bierkutscher – auf akademischer Ebene gibt es zwischen dem in Schweden lebenden Autor und Übersetzer Li Li und dem Akademiemitglied Göran Malmqvist. Li Li hatte ein chinesisches  Gedicht veröffentlicht, in dem es um reiche alte Männer mit jungen Frauen geht. Malmqvist (88) und desssen Ehefrau (43) bezogen das auf sich und waren empört. Er werde ihn „wie eine Laus mit dem Daumennagel zerquetschen“, schrieb Malmqvist an seinen Akademiekollegen Per Wästberg. Nicht nur das. In einem durchgesickerten Mailwechsel der beiden Akademiemitglieder verabreden die sich, dafür zu sorgen, daß Li Li „keine Stipendien von irgendwoher“ mehr bekommen werde. Akademiemitglieder können das auch unabhängig von ihrer Daumennagelstärke.

Zum Nachlesen: taz 8.12., S. 2 und 12.

45. Luxbooks startet durch

Dank eines „mäzenatischen Investors“ startet Luxbooks, ab kommendem Jahr in Form einer GmbH geführt, neu durch. „Es geht hier nicht um eine harte Rendite, sondern darum, dass sich der Verlag selbst trägt“, erklärt Christian Lux im Gespräch mit boersenblatt.net (vgl. Interview). Vom Buchhandel möchte man dabei, so der selbstbewusste Anspruch,  als „postmoderner Verlag zwischen Nische und Mainstream“ erkannt werden. (…)

Das Luxbooks-Programm erweitert sich ab Frühjahr 2013 um Prosa und essayistisches Sachbuch – ein Plan, den das Verlegerpaar schon lange in der Schublade hatte und der nun, dank finanzieller Rückendeckung, endlich umgesetzt werden kann. Den Auftakt der Belletristik-Reihe „Ohrensessel“ bilden der New-York-Times-Bestseller „Der Spender“ des US-Autors Sam Lipsyte sowie ein erster Erzählungsband der Short-Story-Klassikerin Amy Hempel. Die Reihe „Luftraum“ wird daneben streitbare Essays zu brennenden Zeitfragen versammeln. Dass Kühn und Lux, bei aller Aufbruchs-Euphorie, nicht ihre Wurzeln vergessen, zeigt ein Lyrik-Mammut, der ebenfalls im Frühjahr erscheinen soll: Mit John Ashberys „Flow Chart“ legen sie in der Reihe „Americana“ ein Langgedicht von 500 Seiten (!) vor, das als zentrales Spätwerk des Amerikaners gilt, auf deutsch jedoch bislang unveröffentlicht blieb. Insgesamt umfasst das Frühjahrsprogramm sieben Titel.

Die Lyrik, so Lux, bleibe eine Nische, Prosa- und Sachbuchveröffentlichungen seien jedoch potenziell mainstreamtauglich … / Börsenblatt

44. Freiheit

Ich fühlte mich an vielen Stellen peinlich an mich selbst erinnert. Das ist es nicht, was Knackis sich vom Knast erzählen, weil sie sich als Befreite in der Rückschau immer schon als Freie sehen. Aber das trifft es nicht. Nachdem die Ketten gesprengt sind, beginnt auch der langwierige Prozess der sprachlichen Befreiung. Zunächst war Freiheit uns formal gegeben worden, dann mussten wir sie Schritt für Schritt realisieren, und wahrscheinlich sind wir noch dabei. Wir haben uns aufgerichtet. Jetzt müssen wir uns dehnen und die Glieder ausschütteln.

Und was macht Kolbe?!  Er legt sich neue, diesmal formale Ketten an, und schreibt Sonette. Als hielte er die Freiheit nicht aus. Was dabei aber geschieht ist einzigartig, der äußere Zwang, die Macht der vierzehn Zeilen schafft innerhalb der Texte Luft, macht Räume auf. Souveränität.

 

Im letzten Gedicht des Bandes Das Buch heißt es

 

ich folge seinen Sätzen, die Augenlider schälen

                                   Schlag um Schlag den Blick,

und lege meine Hand auf jene Seite,

                                   die ich eben las, und so ist Lesen Leben.

/ Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

 

Exklusivbeitrag

Uwe Kolbe: Lietzenlieder. Gedichte.  ISBN 978-3-10-040222-6,  € 16,99 Verlag S. Fischer Frankfurt am Main 2012.

43. Dies ist eine neue Lyrik

Mittwoch, den 12.12.12 um 20 Uhr
Café Provinz, Bouchéstraße 79a, 12435 Berlin

Benachbarte Sprachorte
Ralf B. Korte und Clemens Schittko lesen Prosa und Lyrik

 

Ralf B. Korte ist Verfasser komplexer Prosa und Essays, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „perspektive“ und seit 2003 Mitveranstalter von „Text Total“, einem kritischen Literatursalon zu aktuellen Entwicklungen in der Lyrik.

Clemens Schittko ist Lyriker, veröffentlicht in Literaturzeitschriften und Anthologien. 2010 erhielt er den „lauter niemand preis für politische lyrik“. Letzte Buchveröffentlichung: „Und ginge es demokratisch zu“ (SuKuLTuR, Berlin 2011).

Dies ist eine neue Lyrik.
Dies ist Lyrik nicht nur zum Schieben und Schmieren.
Dies ist Lyrik nicht nur zum Hinlegen.
Dies ist Lyrik zum Umdrehen, Einschlafen und Sterben.

(C S)

 

Eintritt frei

eine Veranstaltung der KungerKiezInitiative e.V., moderiert von Katrin Heinau
gefördert vom Berliner Autorenlesefonds in Kooperation mit der Mittelpunktbibliothek Köpenick

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42. Verstehen (Lec)

Ich soll so schreiben, daß jeder Wachtmeister es versteht? Nein! Ich beanspruche zumindest einen Hauptwachtmeister!

Stanislaw Jerzy Lec, Das große Stanisław Jerzy Lec Buch. Aphorismen, Epigramme, Gedichte und Prosa. Vorwort von Umberto Eco. München: Goldmann 1990 (1. Hanser 1971 u.d.T.: „Das große Buch der unfrisierten Gedanken), S. 177.

41. Bewegungsschreiber

Bewegungsschreiber. Dichtung trifft Tanz
vier Performance-Abende aus Text und Bewegung

Das Körperliche der Lyrik trifft im Laboratorium Bewegungsschreiber auf die Sprache des Tanzes. Vier Tänzer und vier Lyriker beschreiben, unterlaufen und verschieben die Grenzen ihrer Medien, nehmen Impulse auf und konfrontieren sich mit einer scheinbar fremden Welt des Ausdrucks. Dabei versteht sich Dichtung seit je her als performative Kunst, der – ebenso wie dem Tanz – Rhythmus, Beweglichkeit und Körperlichkeit zu eigen sind.

Welche Sprache spricht man, wenn man tanzt, welche, wenn man Gedichte schreibt? Wann versteht wer was wie? Oder geht es gar nicht so sehr ums Verstehen im herkömmlichen Sinn?

(Un)gleiche Partner begegnen sich im Dialog auf der Bühne. Aber es geht um mehr, als die Arbeit der anderen in eine Interpretation zu bringen, nicht nur Sprache in Rhythmus, Bewegung in Text, Worte in Formen zu übersetzen. Körper, Stimmen und Sätze interagieren auf andere Art miteinander. Die Ergebnisse sind dialogische Werke, die ein Neues, Drittes, jenseits der Gattungen entstehen lassen, eine neue Sprache bestehend aus Worten und Bewegung in gleichen Teilen.

4 Trailer hier

Letzte Aufführung heute

20:30 Uhr

DOCK 11
Kastanienallee 79
10435 Berlin

40. „Außenseiter“

Aber sobald man über Henri Thomas zu sprechen beginnt, befindet man sich zunächst in einem produktionsästhetischen Aufzählmodus. Denn da sind die etwa zwanzig Romane, die vielen Erzählungen, ein Dutzend Gedichtbände nebst Tagebüchern und Essais, und nicht zu vergessen: zahlreiche Übersetzungen aus dem Deutschen (u. a. Jünger, Goethe, Stifter, Kleist, Achim von Arnim, Brentano), dem Englischen (u. a. Shakespeare, Melville, Faulkner) oder dem Russischen (Puschkin). All das konnte ihn indessen über einen hartnäckigen Insiderkreis hinaus in Frankreich kaum nachhaltig bekannt machen. Leben und Werk beschreiben ihn als einen Aussenseiter des Literaturbetriebs – was im Übrigen auch nur eine abgedroschene Standardfloskel der Rezeption ist.

Auch sonst hielt man sich über Jahre hinweg – vorsichtig ausgedrückt – bedeckt. Deutsche Verlage stuften Thomas bei aller attestierten Wertschätzung als «schwierig» ein (eine Umschreibung für schwer verkäuflich). Vor vier Jahren wagte Suhrkamp mit dem bereits erwähnten «Vorgebirge» einen Vorstoss in Sachen Thomas-Übersetzung. Ein, wie sich herausstellte, durchsichtiges Unterfangen, in erster Linie der Tatsache geschuldet, dass Paul Celan rund fünfzig Jahre zuvor den Grossteil der Übersetzung des mit dem Prix Femina ausgezeichneten Romans «Le promontoire» besorgt hatte (und sich kurz vor Fertigstellung mit dem Verlag überwarf). Entsprechend wurde mit dem Buch geworben: Auf der Banderole war Celans Name grösser verzeichnet als derjenige des Autors. / Thomas Laux, NZZ

39. Raymond Roussel

Sein Leben war wie ein Roman, allerdings wie einer von ihm selbst: Der französische Schriftsteller Raymond Roussel (1877 bis 1933) gibt Rätsel auf. Auch neu erschlossene Texte lösen sie nicht restlos. (…)  alles, was man zu Leben, Werk und Sterben dieses von den Surrealisten gefeierten, von den Autoren der Gruppe Oulipo (vor allem Georges Perec) zum genialen Vorläufer deklarierten und von Michel Foucault, der ihm 1962 sein erstes Buch widmete, zu einem der Gründerväter der strukturalistischen Revolution promovierten Schriftsteller sagen mag, wirkt, man ist geneigt anzufügen: zwangsläufig, wie eine von Roussel selbst inszenierte und orchestrierte Erzählung. (…) Testamentarisch hatte Roussel, der 1877 in Paris als künftiger Erbe eines 40 Millionen Goldfranken schweren Vermögens geboren wurde, schon zu Anfang seines Todesjahres verfügt, dass seine Schrift «Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe» erst nach seinem Tod erscheinen dürfe. Als das Buch dann 1935 vorlag, glaubte man in der Tat, den Schlüssel gefunden zu haben. Roussel erläutert dort zum Beispiel, dass er von zwei gleichlautenden (homofonen) Sätzen oder Wortketten ausgegangen sei, die sich nur in einem Phonem unterschieden (etwa wie, um Roussels Beispiel zu zitieren, «billard», Billardtisch, und «pillard», Plünderer), aber einen jeweils vollkommen verschiedenen Sinn ergäben. / Jürgen Ritte, NZZ 1.12.

Raymond Roussel: Locus Solus. In der Druckfassung von 1914 und ergänzt durch Episoden aus der erstmals veröffentlichten Urfassung. Von Stefan Zweifel entziffert, kommentiert und aus dem Französischen übertragen. Nachwort von Stefan Zweifel. Die Andere Bibliothek, Berlin 2012. 492 S., Fr. 45.90.