69. Kosmopolitisch

Ernest Farrés Junyent, 1967 in Igualada geboren und in Barcelona und der Welt, insbesondere der Neuen Welt, zu Hause, sieht seine künstlerische Identität wie viele Katalanen heute viel mehr im Kosmopolitismus als im Regionalismus. Und so liegt es nahe, dass er seine Inspiration nicht aus der Bilderwelt eines berühmten katalanischen Malers wie Antoni Tàpies schöpft, sondern aus den Werken des genuin amerikanischen Edward Hopper.

Fünfzig Gedichte widmet Ernest Farrés ebenso vielen gleichnamigen Gemälden Edward Hoppers; berühmte Bilder wie «Nighthawks» (1942), «Gas» (1940) oder «House by the Railroad» (1925) geben – zusammen mit ihrem Entstehungsjahr – die Titel vor. Und bei einer solch engen Verbindung zur anglofonen Kultur ist es kein Wunder, dass zuerst die englische Übersetzung des Bandes internationale Beachtung fand. Nun legt der Mainzer Katalanist Eberhard Geisler mit einer schön gestalteten zweisprachigen Fassung und einem sachkundigen Nachwort Ernest Farrés‘ «Edward Hopper» erstmalig auch einem deutschsprachigen Publikum ans Herz. / Angelica Rieger, NZZ

Ernest Farrés: Edward Hopper. 50 Poemes / 50 Gedichte. Zweisprachig katalanisch-deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Eberhard Geisler. Teamart, Zürich 2012. 142 S., Fr. 26.–.

68. Archipel Lyrikzeitung

Lyrikzeitung & Poetry News
Klicks in einem Jahr

67. Prüfen und Aufbrechen

Das Gedicht natürlich. Einzelgedicht, Zyklus, Buch, Reihe.

Aber manchmal sind es kleinere Einheiten. Das Konzept Haltbare Zeilen verdanke ich einem Gedicht von Rainer Kirsch. „O flaumenleichte Zeit der dunklen Frühe“. „Wer Ohren hat zu sehen der wird schmecken.“ Die Zeile (oder ein Teil davon) ist das Medium des Zitats. Damit kann man nicht nur täuschen, glänzen oder Autorität herreden. Das Zitat als Lebensmittel. Ich lebe damit (und hab schon manchen damit verprellt, nicht zu ändern). „Was ist, ist, weil es ist“ (mehrere). „Nur das Herz schneller“ (R. Kirsch). „Prost Ulla“ (Bellman). Wie oft haben sie mich aufgeheitert oder getröstet. „So ist das Recht. Das Recht, beschrieben, tröstet.“ (Noch einmal Rainer Kirsch) Auch Sarah: „Ich meine, es müßte hier noch andere Tiger geben“. Ja, Bellman darf auch noch mal: „Prost, heilger Vater, und grüß deine Frau!“

Heute war es eine Strophe. Natürlich Teil des Vorgangs, der das Gedicht ist. Aber manchmal leuchtet eine Strophe ganz für sich. Mir heut morgen eine von Hölderlin:

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,
……Und verstehe die Freiheit,
………Aufzubrechen, wohin er will.

(Hier das ganze Gedicht)

66. Prüfen

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Antiquarisch sind ihre kleinen Bändchen heute kaum noch aufzutreiben und die Literaturwissenschaft hat sie ausgeblendet. Einige negative zeitgenössische Urteile, die dann bis heute von der Literaturgeschichtsschreibung immer wieder ungeprüft abgeschrieben wurden, haben sie in Vergessenheit geraten lassen. Dies ist schade – man findet darunter ungemein vitale, witzige und sprachspielerische Texte, ebenso aber auch schneidend zeitkritische oder dunkler gestimmte Verse.

Wohllebens besondere Entdeckung ist hier der völlig verschollene Paul Victor, dessen Lyrik nie in Buchform erschienen ist und der um 1900 herum in geistige Umnachtung versank, sich von Arno Holz verhext wähnend. Ein kundiges Nachwort rundet dieses Bändchen ab, das dazu beitragen sollte, diesen Autoren Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die gewiss Holz-Schüler waren, aber dennoch ihre jeweils eigenen Stimmen haben und vor allem: die einfach gute Texte produziert haben. Auch über den Werkstattcharakter der Holz-Schule erfährt man im Nachwort mehr. Hier kann man echte Entdeckungen machen – fast alle dieser Texte dürften seit über einem Jahrhundert nicht mehr gedruckt worden sein… wenn man sie liest, kann man das kaum glauben. / Ralf Gnosa, Lettretagebuch. Flaneure auf der Leipziger Buchmesse 2013

Robert Wohlleben (Hg.): Antreten zum Dichten! Lyriker m Arno Holz. Leipzig: Reinecke & Voß, 2013.

65. Poetopie

im schaukelnden Bus hält sich eine Lesende mit beiden Händen an ihrem Buch fest

Hansjürgen Bulkowski

64. Und auch Kärnten

Leipzig kann es nicht, Kärnten kann es. Das Land Kärnten und die Stadt Klagenfurt vergeben alle zwei Jahre einen nach dem Schriftsteller Gert Jonke benannten Literaturpreis in Höhe von 15.000 Euro. Dieser wird jeweils abwechselnd in unterschiedlichen Gattungen vergeben. In diesem Jahr ist Dramatik dran, 2015 dann Lyrik.

Der Preis wird dieses Jahr an die Deutsche Friederike Roth und den Tiroler Händl Klaus vergeben. Die Idee für den Preis stammt übrigens von dem Schriftsteller Josef Winkler. Man weiß nicht, was mehr zu loben ist: daß man selbstverständlich außer Romanen auch Dramen und Gedichte auszeichnet, was in Frankfurt und Leipzig undenkbar scheint, oder daß man dort auf einen wie Josef Winkler hört. Welches deutsche Bundesland wäre bereit, einen etwa von Elke Erb vorgeschlagenen Preismodus umzusetzen? Bei uns herrschen die Sekundären oder Tertiären.

Mehr zum Preis: Der Standard

63. Buchmesse 1

Dagmara Kraus und Nicolas Cavaillès in der Lyrikbuchhandlung, 15.3. (Auf der Bank Thomas Kunst)
Dagmara Kraus und Nicolas Cavaillès in der Lyrikbuchhandlung, 15.3. (Auf der Bank Thomas Kunst)
Leipzig baut und liest
Leipzig baut und liest
Auf der Messe geht die Sonne unter
Auf der Messe geht die Sonne unter
Leipzig liest Zeitung
Leipzig liest Zeitung
DSCI2277 Kopie
Die ukrainische Autorin Marysia Nikitiuk
Der tschechische Lyriker Radek Fridrich
Der tschechische Lyriker Radek Fridrich
Silke Peters
Silke Peters
Sascha Kokot und Tomas Kunst in der Lyrikbuchhandlung
Sascha Kokot und Tomas Kunst in der Lyrikbuchhandlung
auch hier
auch hier

62. Tschechisch auf der Messe

Der Magnesia-Literaturpreis gilt als bedeutendster tschechischer Literaturpreis. Er wird jährlich in acht Kategorien verliehen, darunter Prosa, Lyrik und Kinderbuch. Einer der Gewinnertitel der Einzelkategorien wird zusätzlich zum Buch des Jahres gewählt. Gewinner in der Kategorie Lyrik war 2012 Radek Fridrich mit dem Band „Krooa krooa“ (phonetische Nachbildung des Krähenrufs auf Tschechisch und wohl auch auf Deutsch verständlich). Er stellte das Buch heute im Café Europa auf der Leipziger Buchmesse vor (nicht ohne zweimalige geschickte Nachahmung des Krähenrufs – wird später in meiner Radiosendung dokumentiert).

Weitere Lyriklesungen heute zur gleichen Zeit zwischen 16 und 17 Uhr: die weißrussichen Lyriker Viktar Marcinovič und Valzhyna Mort, der Brasilianer Age de Carvalho, der Slowene Aleš Šteger, die Tschechin Kateřina Rudčenková, Nico Bleutge sowie die Übersetzung des klassischen persischen bzw. aserbaidschanischen Dichters Nisami. Da man sich nicht zerteilen kann, habe ich mich für Fridrich und Rudčenková entschieden. Die letzten 3 Lesungen des Tages oder die ersten des Sonnabends zwischen Mitternacht und Eins in der immer noch voll besetzten Lyrikbuchhandlung (u.a. Angelika Janz und Silke Peters). Kompliment für Leipzig!

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61. For the Delhi girl

The shock created by the rape and murder of ‚Nirbhaya‘, the Delhi rape victim, is still creating waves among the people and that fright is being reflected in the social sphere in many ways. The latest example is a book of poems, ‚Delhi Penkutikku‘ (For the Delhi girl), edited and created by the students of Kannur University’s Department of Mass Communication and Journalism.

The book is a poetic homage to the Delhi rape victim and it also strongly criticizes and raises voice against the recent Tirur rape incident and other sexual assaults on women in the state. The book is a collection of 24 poems written by the Journalism Department’s students and teachers. / P Sudhakaran, Times of India

60. Ge“türkt“

Einer anonymen Postkarte verdankte die Florentiner Gazzetta della Domenica 1880 eine Meldung, die Aufsehen erregte: Der bekannte junge Dichter Gabriele D’Annunzio, stand darauf, sei vom Pferd gestürzt und im Alter von nur 16 Jahren gestorben. Die Zeitungen berichteten betroffen.

Der zu diesem Zeitpunkt mitnichten bekannte Jungspund erfreute sich indes bester Gesundheit. Er hatte die Karte selbst geschrieben, um das Interesse an seinem ersten Gedichtband Primo Vere zu steigern. Mit Erfolg. Die getürkte Schlagzeile brachte ihn dem angestrebten Ruhm ein Stück näher. / Isabella Pohl, Der Standard

59. Exhumiert

Die sterblichen Überreste des chilenischen Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda sollen am 8. April exhumiert werden. Das verlautete am Dienstag aus chilenischen Justizkreisen. Ziel der Exhumierung ist es, herauszufinden, ob Neruda an Krebs starb oder ob er vergiftet wurde. / Der Standard

58. Buchpreis für Lyrikband???

LBM_Logo_13_4c_Dat_JahrFür den Preis der Leipziger Buchmesse ist Lyrik an sich nicht vorgesehen. Zu abseitig, nicht vermittel-, nicht zumutbar*.

Die Vorjury hat doch einen Weg gefunden und einen Gedichtband in der Kategorie Übersetzung eingeschmuggelt. Und die Jury hat diesem Gedichtband – schlechtes Gewissen? – nun den Preis zuerkannt. Die Übersetzerin Eva Hesse erhielt den Preis für ihre Übersetzung der Cantos von Ezra Pound. Die Jury lobte ihren (der Übersetzung? der Übersetzerin?) „großen Scharfsinn“. Die 1925 in Berlin geborene Übersetzerin konnte wegen Krankheit den Preis nicht selbst entgegennehmen. Eva Hesse übersetzte u.a. auch E.E. Cummings, T.S. Eliot und Samuel Beckett.

Der Hauptpreis (€ 15.000) geht an David Wagner für seinen Roman Leben, der Sachbuchpreis an Helmut Böttiger für sein Werk Die Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb.

(Und ich geh jetzt zur Moritzbastei, da lesen junge Lyriker).

*) Juryvorsitzender Hubert Winkels: „Wenn wir einen Lyrik-Band auszeichnen würden, würden viele lange Gesichter machen. Man würde auch Schelte bekommen. Bei großen Preisen sollte man keinen exotischen Weg gehen und nach Kleinverlagen mit avantgardistischer Lyrik suchen. Das wäre der falsche Weg. Man adressiert sich an ein großes nationales, ja internationales Publikum. Natürlich freut man sich, ein Buch auszuzeichnen, das anschließend eine große Zahl von Lesern hat.“ (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, 30.9. 12). Vgl. hier https://lyrikzeitung.com/2012/09/27/113-buchpreis/

57. Überlebensmittel

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Manche der aus sechs Nationen stammenden Verfasser haben nur ein Gedicht hinterlassen, andere schrieben drei, vier oder fünf. André Verdet und Yves Boulongne hatten die Texte versteckt und nach Befreiung des Lagers mit nach Frankreich genommen. Schon der Besitz von Schreibmaterial war im KZ Buchenwald strengstens verboten. Gleich nach dem Krieg, 1945, gaben Verdet und Boulongne eine Gedicht-Anthologie in nur drei Exemplaren heraus, eine zweite Auflage ebenfalls in französischer Sprache erschien 1995. Jetzt liegt die mit dem originalen Vorwort von André Verdet eingeleitete Anthologie erstmals auch auf Deutsch vor. Ihre Premiere erlebt die Neuerscheinung aus dem Wallstein Verlag am morgigen Donnerstag zur Leipziger Buchmesse im Rahmen der Reihe „Leipzig liest“ (Sächsische Akademie der Wissenschaften, 18 Uhr). (…)

Die Gedichte waren für die Häftlinge Überlebensmittel, sie halfen ihnen „sich als Mensch zu behaupten und sich selbst zu retten“, beschreibt Annette Seemann. Es geht um den Lageralltag, um Hunger, Kälte, Todesangst, aber auch um Liebe, Heimat, die Solidarität unter den Häftlingen. / Christiane Weber, Thüringische Landeszeitung

In Weimar wird das Buch am Montag, 18. März, 18 Uhr, in der Herzogin Anna AmaliaBibliothek vorgestellt.

56. Überholt

In einem Blog, 28.2. (Auszug):

I want a new pope
One that won’t make me sick
One that won’t make me crash my car
Or make me feel three feet thick

I want a new pope
One that won’t hurt my head
One that won’t make my mouth too dry
Or make my eyes too red

(…)

I want a new pope
One that won’t go away
One that won’t keep me up all night
One that won’t make me sleep all day

One that won’t make me nervous
Wonderin‘ what to do
One that makes me feel like I feel when I’m with you
When I’m alone with you
I’m alone with you baby

I want a new pope
One that does what it should
One that won’t make me feel too bad
One that won’t make me feel too good

(…)

Mehr

55. Von der lit.cologne

Gedichte aus dem LED-Zeitalter also. Das klingt, nun ja, modern? Hell? Erleuchtend? Ein Beispiel. „Was nicht passt, ist die Zukunft von früher.“ Punkt. Schnell wird klar, vor allem sind die Gedichte von Judith Nika Pfeifer eins: kurz. Und: anders. Wieso die künstlerische Epoche Pfeifers als LED-Zeitalter beschrieben wird, leuchtet ein. Ihre Gedichte blinken auf, schnellen für einen kurzen Moment intensiv empor. Und hinterlassen bisweilen Dunkelheit, zumindest in der Verständnisfrage. „Ich muss ehrlich sagen, ich habe kein einziges Gedicht verstanden“, sagt ein Zuhörer.

(…) als die Wienerin ein wenig aufgeregt frei heraus mitteilte, sich bei ihren durchaus speziellen Texten teilweise gar nicht so viel gedacht zu haben. Sie einfach im Kopf gehabt hätte. Und die Interpretation doch den Lesern überlassen wolle. „So einfach ist es nicht“ tadelte sie die vorzügliche Moderatorin, Literaturkritikerin Verena Auffermann. / Michael Krämer, Kölner Stadtanzeiger

Für Schnellleser in Kurzfassung:

Gedichte aus dem LED-Zeitalter also. Das klingt, nun ja, modern? Hell? Erleuchtend? Ein Beispiel. „Was nicht passt, ist die Zukunft von früher.“ Punkt. Schnell wird klar, vor allem sind die Gedichte von Judith Nika Pfeifer eins: kurz. Und: anders. Wieso die künstlerische Epoche Pfeifers als LED-Zeitalter beschrieben wird, leuchtet ein. Ihre Gedichte blinken auf, schnellen für einen kurzen Moment intensiv empor. Und hinterlassen bisweilen Dunkelheit, zumindest in der Verständnisfrage. „Ich muss ehrlich sagen, ich habe kein einziges Gedicht verstanden“, sagt ein Zuhörer.

(…) als die Wienerin ein wenig aufgeregt frei heraus mitteilte, sich bei ihren durchaus speziellen Texten teilweise gar nicht so viel gedacht zu haben. Sie einfach im Kopf gehabt hätte. Und die Interpretation doch den Lesern überlassen wolle. „So einfach ist es nicht“ tadelte sie die vorzügliche Moderatorin, Literaturkritikerin Verena Auffermann.