61. Rough

Urs Engeler rezitiert im Radio Boris Vian, sagt Dinge über seinen „Mäzen“, die man so noch nicht hörte und spricht über roughbooks:

Bürger: Roughbooks heißt Ihr neues Projekt, ein Internetportal, über das Sie im Direktvertrieb Lyrikbänder vertreiben. Welche Übersetzung schlagen Sie vor für rough?

Engeler: Ich glaube, ich schlage gar keine vor. Mir reicht der Klang, man muss nicht immer alles verstehen. Rough, das klingt schon rough.

Bürger: Das kann elend sein, rau, hart, grob, schroff, stürmisch.

Engeler: Ja, damit hat es auch tatsächlich was zu tun. Im Konzept war mir wichtig, dass ich die Sachen nicht hundertmal hin und her drehe und noch mal überlege und nachfeile. Wir machen die Sachen relativ schnell, wir wollen reagieren können, wenn etwas drängt.

Die Enden vorne und hinten, im Radio werden die ja immer sauber geschnitten, bei uns werden sie unsauber geschnitten. So könnte man vielleicht rough übersetzen.

Bürger: Wie hat sich Roughbooks in den drei Jahren entwickelt?

Engeler: Ich finde es sehr überraschend. Ich hätte vor drei Jahren nicht gedacht, dass ich 20 Titel – die haben wir, glaube ich, oder es sind schon mehr als 20 Titel, 22 – in drei Jahren veröffentliche. Die Abonnenten sind auch erstaunlich treu, darüber funktioniert die Reihe ja wesentlich ökonomisch, dass es Leute gibt, die die ganze Reihe abonnieren, die das Neue zugeschickt bekommen.

Es sind sehr viele, sehr verschiedenartige Dinge gesehen. Wir haben Erstveröffentlichung von jungen Autoren, wir haben Übersetzungen gemacht, also da erscheinen sehr, sehr unterschiedliche, sehr bunte Dinge, und sie erscheinen ohne jeden Druck auch, das ist für mich sehr wichtig gewesen. Ich mache das, wenn etwas da ist, und wenn nichts da ist, machen wir nichts. Das geht, glaube ich, für viele Leute sehr gut auf.

Über gute Gedichte

Bürger: Welche Kriterien legen Sie an an ein gutes Gedicht?

Engeler: Das mit dem Gut – das passiert mir wahrscheinlich selber, dass ich von gut rede, aber es passt mir nicht wirklich. Wer ist so souverän, wirklich zu urteilen, was die Dinge taugen. Ich rede lieber von interessant, und für mich ist ein Text interessant, wenn er mich beschäftigen kann.

Interessante Gedichte, die haben bei jedem Lesen neue Erlebnisse auf Lager für uns. Es gibt ganz viele Dinge zu beobachten, das heißt, man muss schon sehr geduldig sein, um hinter diese Qualitäten zu kommen, aber quasi je nachhaltiger ich beschäftigt werde durch einen Text, desto interessanter scheint er mir, und unterm Strich würde ich dann auch sagen, desto mehr Qualitäten scheint er mir zu haben, sprich, desto besser ist er.

Und das ein oder andre Interessante noch. Wie gut daß das Radio bremst 😉 :

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.**)

**) Sollten Sie in meiner Formulierung Spuren von Ironie finden, wiewohl mir solches Verfahren wie hinlänglich bekannt zutiefst fremd ist, so richtet sie sich gegen Institutionen die sich aus welchen rechtlichen Gründen immer von Äußerungen ihrer Interviewpartner meinen abgrenzen zu müssen als wär der Zuhörer sonst zu blöd um selber zu merken daß da wo B davorsteht B spricht und nicht der Pressesprecher des Senders. Na wenns der Wahrheitsfindung dient… M.G.

Die letzten roughbooks-Titel:

  • Paul Bogaert: Der Soft-Slalom. Das Jahr der Suppe. Das Atmosphäre im Büro ist angespannt. Namen müssen erdacht werden und die Klimaanlage funktioniert nicht wie sie soll. Im Badeparadies herrscht ein enthusiastisches, ja erregtes Klima, vor allem in den Rutschen. Bis der Bademeister in Schwierigkeiten gerät. Er wird verhört von Ertrunkenen und persönlichen Coaches. Der Bademeister versucht sich zu konzentrieren. Aber das Niveau ist gesackt. Das Böse ist geschehen. In „der Soft-Slalom“ richtet Paul Bogaert den Fokus auf den diplomierten Arbeiter in seiner erhitzten Glocke, der bei jedem kleinen Scheiß auf Abruf von hier nach da sputet, in der „possierlichen Langes-Schöpfnetz-Choreographie“. „Der Soft-Slalom“ ist ein langes, eng gefügtes Gedicht, bequem aufgeteilt in lauter einzelne Gedichte, die sich dann aber wiederzu einem ungeheuren, krakenarmigen Ganzen gruppieren. Herausgegeben und übersetzt von Christian Filips.
    Bestellen: Paul Bogaert, Der Soft-Slalom: 66 Seiten, Euro 9,-/ sFr. 11.-
  • Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein. Die neue Sammlung von Texten umfasst die Jahre 2005 bis 2012. Sie erscheint aus Anlass der Verleihung des Ernst-Jandl-Preises für Lyrik an Elke Erb, herausgegeben von Urs Engeler.
    Bestellen

60. Gestorben

Der haitianische Lyriker und Vortragskünstler Lavaud Alexandre, genannt Pyè Lajoa, starb am 5.7. Seit seiner Jugend beteiligte er sich an Kämpfen um die Autonomie der Universitäten. In einem Nachruf wird er ein engagierter Dichter und „Verteidiger der kreolischen Sprache“ genannt. In ihr veröffentlichte er zwei Gedichtbände: « Men de twa kozman/se twokèt la » und « Sou twokèt la nou depoze yon bokit koze ».

/ AlterPresse

59. Der in Versen denkt

Un poète
C’est un être unique
A de tas d’exemplaires
Qui ne pense qu’en vers
Et n’écrit qu’en musique
Sur des sujets divers
Des rouges ou des verts
Mais toujours magnifique.

Boris Vian, aus:  Je voudrais pas crever (1962)

Grob übersetzt:

Ein Dichter
Ist ein einmaliges Wesen
In rauhen Mengen
Der nur in Versen denkt
Und in Rhythmen schreibt
Über allerlei Zeugs
Rotes und Grünes
Aber immer Großes.

Das Gedicht entstand 1951 oder 1952 und erschien zuerst zuerst postum 1962 in dem Band “Ich möchte nicht krepieren” (Je voudrais pas crever). Es findet sich Französisch und Deutsch (von Eugen Helmlé) in dem Band: Boris Vian: Ich möchte nicht krepieren. Gedichte, Lieder und Texte. Frankfurt/ Main: Zweitausendeins, 1985, S. 168f. (Die Rohübersetzung hier ist von mir, M.G.)

58. Zehntausend Lieder

Den Komponisten gaben seine Gedichte die schönste Vorlage für ein Liedschaffen, das zu einer deutschen Besonderheit geworden ist. Mit 10.000 Liedern haben nicht weniger als 2500 Komponisten dem Lyriker Heinrich Heine gehuldigt. Damit wurde er zum meistvertonten deutschen Dichter. Jetzt widmet das Heinrich-Heine-Institut seiner Vaterstadt Düsseldorf diesem Klangwerk eine kleine, feine Ausstellung, in der auch Heines Verhältnis zu seinen Musikern aufgerollt wird. Es stellt sich als keineswegs so ungetrübt heraus, wie man annehmen müsste. / Dankwart Guratzsch, Die Welt

57. Gegen den Krieg

Lass dich, Leser, vom Äußern nicht blenden. Was für Bücher gilt, gilt auch für dieses Heft, das »Poesiealbum neu«, herausgegeben von Ralph Grüneberger im Auftrag der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik. »Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle« lautet sein Titel, in schrillem Cyan auf Grau gestellt, so dass die Schrift wortwörtlich in die Augen sticht, die Autorenliste auf der Rückseite, von Wilhelm Bartsch über Róža Domašcyna und Peter Gosse bis Johano Strasser und Brigitte Struzyk, zu entziffern Mühen kostet. / Jens-Fietje Dwars, ND 16.7.

Poesiealbum neu: Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle. Herausgegeben von Ralph Grüneberger. Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013, 60 S., br., 6 €. Zu beziehen über den Buchhandel oder kontakt@lyrikgesellschaft.de Im September erscheint die Ausgabe als Hörbuch unter dem Titel »Schwarze Ängste«.

56. Ohne Überblick sein dürfen

Für „Howl“ ist Ginsbergs Vortragsart zentral. Er kultivierte eine Art Sprechgesang, der entfernt an Rap erinnert. 2010 erschien ein Film, der den Gerichtsprozess um „Howl“, das als anstößig empfunden wurde, zum Gegenstand hatte. Ginsberg wird als Begründer der Beat-Generation gefeiert. Ihre Geschichte ist inzwischen längst zur Legende geronnen, die als Block im Regal zwischen Che Guevara und Andy Warhol liegt. Lässt sich über Ginsberg überhaupt noch etwas Neues erfahren? Verdecken einem nicht all die populären Ginsberg-Bilder die Sicht?

Der Kurator der Schau, der 1936 in Paris geborene Künstler und Autor Jean-Jacques Lebel, gibt einen sehr direkten Einblick in die Geschehnisse. Etwa zeitgleich zu Ginsberg in Amerika entwickelte Lebel das Happening, Aktionen zwischen Kunst und Politik in Frankreich. Er war mit Ginsberg gut befreundet und übersetzte viele seiner Bücher ins Französische. (…)

Die Presse kritisierte die Ausstellung vielfach als beliebig und kontextfrei. Manchmal aber ist der Kontext tödlich für das Wiederverstehen eines Werkes. Wer Kontext will, soll sich ein Buch kaufen. Vielleicht die kritische Biografie von Michael Schumacher. Für einen neuen Zugang gibt es diese Ausstellung. Schön ist diese Weite, schön ist es, ohne Überblick sein zu dürfen. / RADEK KROLCZYK, taz 8.7.

„Beat Generation/Allen Ginsberg“, noch bis 1. September, Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe

55. Poems by Repetition

Die fotografischen Arbeiten von Natalie Czech (*1976, lebt in Berlin) bewegen sich zwischen konkreter Poesie und konzeptueller Fotografie. Sie thematisiert die Verhältnisse und Wechselwirkungen zwischen Bild und Text, Poesie und bildender Kunst und sucht nach dem lyrischen Potenzial in unterschiedlichen Medien. In ihrer Ausstellung im Kunstverein Hamburg werden nun erstmals die zwei neuen Werkserien „Poems by Repetition“ (Gedichte durch Wiederholung) sowie „Voyelles“ (Vokale) präsentiert.
„Poems by Repetition“ bezieht sich auf Gertrude Steins Theatertext „Saints and Singing“ (1922), in dem diese sich ausführlich dem Wesen und Zweck der Wiederholung widmete. Am Ende des Textes, in dem sie sich ausdrücklich für die Wiederholung ausspricht, offeriert sie verschiedene Möglichkeiten des Umgangs und bezieht sich vor allem auf eine dynamische, prozessuale und rhythmisierende Darstellungsform von Erzählung. Gleichzeitig beinhaltet die Wiederholung des scheinbar Selben hier auch eine klangliche Komponente, ähnlich des Refrains eines Songs oder eines Echos.
Vor diesem Hintergrund wählte Natalie Czech existierende Gedichte aus, die selbst bereits von einem rhetorischen Stilmittel der Wiederholung gekennzeichnet sind, u.a. von Aram Saroyan, Hart Crane, Allen Ginsberg oder Gertrude Stein. (…)

Die zweite neue Arbeit „Voyelles“ geht zurück auf das gleichnamige Sonnet von Arthur Rimbaud aus dem Jahr 1871 sowie auf seine „Lettres des Voyant“ (Briefe des Sehers). In „Voyelles“ weist er jedem Vokal eine bestimmte Farbe zu und versucht dadurch die Verbindung zwischen Ton und Farbe herzustellen. Es ist in dieser Hinsicht sicherlich eines der bekanntesten Gedichte, das sich mit dem Thema der Synästhesie auseinandersetzt. Natalie Czech geht der Frage nach, wie eine Fotografie aussehen könnte, die eine solche Sinnesverschmelzung hervorrufen würde oder ob dieses Phänomen (letztendlich) nur sprachlich wiedergegeben werden kann. Dafür hat sie 10 AutorInnen (Erica Baum, Julien Bismuth, Christian Bök, Federica Bueti, Övül Durmusoglu, Jean-Pascal Flavien, John Holten, Barry Schwabsky, Paul Stephens und Judith Vrancken) eingeladen, sich selbst einen Brief im Namen der Künstlerin zu schreiben. Darin beschreiben sie ein fiktives Foto, welches für sie den Moment von Synästhesie beinhaltet. / art-in.de

Der Kunstverein, seit 1817.
Klosterwall 23
20095 Hamburg
http://www.kunstverein.de/

54. Wär ich ein Pohete

Boris Vian

Si j’étais pohéteû
Je serais ivrogneû
J’aurais un nez rougeû
Une grande boîteû
Où j’empilerais
Plus de cent sonnais
Où j’empilerais
Mon noeuvreû complait.

Google übersetzt:

Wenn ich pohéteû
Ich würde ivrogneû
Ich habe eine Nase rougeû
Viel boîteû
Ich empilerais
Mehr als hundert klingelte*
Ich empilerais
Meine noeuvreû schwelgt.

Der Text wird von den verfremdeten Wörtern vorangetrieben, fast eins in jeder der kurzen Zeilen, so daß diese quasi das voranstürmende Metrum formieren – zusammen mit dem Haufenreim aaaabbbb. Google übersetzt schon einen Teil der Struktur einfach indem es die Neuwörter übernimmt nach dem Motto, nicht das Französische verdeutschen, sondern das Deutsche verfranzösischen. Aus dem Vianfranzösisch von Google, könnte man das nennen.

(Beim Vorlesen der Googlefassung sprech ich automatisch den Reim „Ich empilereh – mehr als hundert klingelteh: Zeichen, daß sich der Motor des Gedichts durchsetzt.)

Ich versuche diesen Motor aus dem Original genauer zu beschreiben. Das Metrum benutzt keine Jamben oder Trochäen, sondern nur Silbenzählung dergestalt, daß vier auf -eû reimende Sechssilber von vier auf -ais reimenden Fünfsilbern gefolgt werden. Der Rhythmus ist energisch vorwärtsdrängend:

toktoktok toktoktok
toktoktok toktoktok
toktok toktok toktok
toktok toktok toktok
tiktik tiktiktik
tiktiktik tiktik
tiktik tiktiktik
tik tiktik tiktik

In französischen Versrhythmen spielen Silbenzahl und Wortgrenzen** offenbar die entscheidende Rolle. Deshalb ist der Unterschied zwischen „metrisch geregelten“ und metrisch ungeregelten Rhythmen nicht so spürbar wie im Deutschen. Der Vater der modernen französischen Lyrik, Charles Baudelaire, verwendet überwiegend gereimte Alexandriner, es tut seiner Modernität keinen Abbruch.

Der zweifache Haufenreim trägt zum Rhythmus bei, aber auch, wie schon oben angedeutet, die Wortverfremdung.  Bildet sie doch ein Gerüst, das in fast jeder Zeile ein tragendes Wort aufweist, in der letzten dann zwei, so entsteht Rhythmus:

– pohéteû
– ivrogneû
– rougeû
– boîteû
– (empilerais)
– sonnais
– (empilerais)
– noeuvreû complait.

Diese Struktur – mehr als die Semantik – bildet das Gedicht. Mit Fausts Schwung („Im Anfang war die Tat“) übersetz ich getrost:

Wär ich ein Pohete
Wüßt ich was ich täte***
Hätt ne rote Neese
Große Gefäße
Darein ich täte
Hundert Sonätte
Darein ich täte
Mein Werk komplätte****

Aus dem Vianfranzösisch von Michael Gratz

Versteht man das? Ich glaube ja.

*) Die Verfremdung der Schreibweise von sonnet zu sonnais bringt Googles Maschine auf den schönen Gedanken, darin das Verb klingeln zu hören, sonner. Tatsächlich ist Klinggedicht ein Eindeutschungsversuch und verkommen deutsche Sonette wegen der Reimarmut unserer Sprache leicht zu Reimklingeleien (während die Reime in den Sonetten in romanischen Sprachen, wo sie offensichtlich unter arabischem Einfluß entstanden, nur ein leichter Gedichtmotor sind).

**) Auch im Deutschen könnte das relevant sein. Klopstock machte mit seinen „Wortfüßen“ einen entsprechenden Vorschlag, dem indes nicht gefolgt wurde. Darüber an anderer Stelle mehr.

***) Eigentlich: Würd ich ein Trinker

****) Unübersetzt  bleibt leider der Viansche Scherz, dem französischen Klang folgend das Werk, das Œuvre, mit dem Auslaut-n des mon zu verbinden, in diesem Fall das n durch seine Schreibweise zu verdoppeln: mon nœuvre, und damit gleichzeitig zu negieren: nœuvre, Unwerk.

Das Gedicht entstand 1951 oder 1952 und erschien zuerst zuerst postum 1962 in dem Band „Ich möchte nicht krepieren“ (Je voudrais pas crever). Es findet sich Französisch und Deutsch (von Eugen Helmlé) in dem Band: Boris Vian: Ich möchte nicht krepieren. Gedichte, Lieder und Texte. Frankfurt/ Main: Zweitausendeins, 1985, S. 142f.

53. Wer versteht hier alles?

„dr paraburi rodt sech im schnee / dr schpallamander ghörsch chyche / ds schwipsell triumphiert barockal / und alli analogiele chömed uf ds mal“. Wer versteht hier alles? Und wer hätte vermutet, dass es sich um Verse von Boris Vian handelt, die Kurt Marti aus dem Französischen in die Berner Mundart übersetzt hat?

Frank Milautzcki in der Fix zone über viceversa 7, das Jahrbuch der Schweizer Literaturen.

52. Moldauische Literatur

Nur sehr selten trifft man im deutschen Sprachraum auf Zeugnisse moldauischer Literatur und daher ist es äußerst verdienstvoll, dass die jüngste Nummer der Grazer Zeitschrift „Lichtungen“ nun Texte einiger repräsentativer Autoren und Autorinnen aus der Republik Moldau vorstellt. So lautet der offizielle Landesname, daneben kursieren auch die Bezeichnungen Moldawien, Moldova oder gar Bessarabien. Gerhardt Csejka bezeichnet dieses Land im Vorwort zu seiner Auswahl als „Ungelöstes Kreuzworträtsel“. Die Verwirrung weiter treiben die Sprachen, in denen die dortigen Schriftsteller ihre Lyrik, Prosa und Dramatik schreiben: Rumänisch, in Abgrenzung zur Amtssprache in Rumänien auch als Moldauisch bezeichnet, oder Russisch, beide in der Vergangenheit abwechselnd zur Staatssprache erhoben. (…)

Gegen die armselige Realität hilft dem beschädigten Menschen die Flucht – allein oder mit Gleichgesinnten – in die Fiktion, sei es schreibend oder lesend, wie es Gârneţ in seinen Gedichten betreibt. „dieses gemeinschaftliche Verseschmieden / nannte ich die schulische Passage unserer Existenz / unser Zwergendelirium / das Trampolin hin zur Lektüre / die allein uns Schutz bietet“.

(…) Intertextualität und Intermedialität sind Kennzeichen des Dichters Emilian Galaicu-Păun, dessen Wortkunst sich aus vielen Quellen speist. Hier kommuniziert er über Heimatlosigkeit zwischen Paris und Czernowitz, zwischen Seine und Pruth. Seine Gesprächspartner sind Paul Celan und die rumänische Avantgarde. Den Auftritt eines ihrer Vertreter, Gherasim Luca, bezieht er direkt in sein Gedicht ein, und zwar durch ein Video, auf das er über einen entsprechenden, als Zeile in das Gedicht eingebunden Internetlink verweist.

schreibt Anke Pfeifer bei Fixpoetry.

Daß nicht alles dort anders ist als hierzulande, zeigt folgender Satz:

Der Dichter Vasile Gârneţ schreibt nicht umsonst: „Meine Generation, die den Glauben an die Poesie hochhält / zog in die Welt hinaus mit dem Fotoapparat in der Hand / und wird doch stets bezichtigt, das Gedichtelesen / in ein Kreuzworträtsel zu verwandeln.“

Neue Literatur aus der Republik Moldau. Idee: Botschafter Dr. Martin Eichtinger, BMEIA, Auslandskultur; Wien Mitarbeit: Karin Cervenka, BMEIA, Auslandkultur; Wien

Auswahl und Übersetzung der rumänischsprachigen AutorInnen: Gerhardt Csejka, Frankfurt/M., Übersetzung des Textes von Nicoleta Esinencu: Eva Ruth Wemme, Berlin, Übersetzung des russischsprachigen Autors: Erich Klein, Wien/Susanne Macht, Kiew. In: Lichtungen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik. 134/XXXIV. Jg./2013, S. 70-119. ISSN 1012-4705. 8 €

51. Poetopie

auf dem stillen Waldwanderweg schreit eine Stimme ihre Verlassenheit ins Mobiltelefon

Hansjürgen Bulkowski

50. Sofagestalt

„Haiku“ heißt das neue Sofa vom dänisch-italienischen Architektenduo Stine Gam und Enrico Fratesi für Fredericia. Und die fanden die Vorlage für „Haiku“ in den gleichnamigen, ultrakurzen Gedichten aus Japan. Die Lyrik fängt sinnliche Wahrnehmungen ein – ein Gefühl, etwas Gesehenes oder Gehörtes – und kleidet sie in Worte. Gam Fratesi lässt sie Sofagestalt annehmen. / Schöner wohnen

49. In Suhl

Mit André Schinkel kommt am Mittwoch, dem 17. Juli 2013, ein preisgekrönter Autor nach Suhl.

In der „Lesereihe 2013“ des Südthüringer Literaturvereins stellt er in der Rim-bachbuchhandlung ab 19 Uhr neue und veröffentlichte Texte vor. Dabei liegt sein Schwerpunkt auf Auszüge aus dem in Thüringen erschienenen Auswahlband „Parlando“, zu deutsch „Sprechgesang“, auf ein paar Skurrilitäten aus dem Buch „In Sina Gumpert war ich jung verliebt“ und neuen Texten. Man darf auf einen hochinteressanten literarischen Abend gespannt sein. / Thüringer Allgemeine

48. Kompost

„Mara Genschel ist Jahrgang 1982.“ „Da muss man schon ziemlich jung sein, um das Spiel noch einmal zu spielen.“ H.H. 2008

„Er muss ein junger Mann sein“ H.H. 2013

H.H. hat seine Meriten (für mich am schönsten die Anthologie „Luftfracht“, sehr nützlich die Fortführung der Höllerer-Anthologie zur „Theorie der modernen Lyrik“). H.H. tanzt auf allen Gassen des Akademie- und Preisbetriebs. H.H. ist ziemlich alt und zerfressen von Neid auf Jugend. Und Lyrik.

H.H. hat beizeiten und quasi abschließend über konkrete und experimentelle Lyrik geschrieben. Er mag es nicht, wenn jemand in seinem abgeschlossenen Sammelgebiet wildert. Er selber schreibt Sonette (800 Jahre) und verwendet deutsche Reime (1200 Jahre), aber was er für Experiment hält, war vor 100 Jahren (August Stramm), vor 50 (Arno Schmidt) oder 20 (Thomas Kling) und darf bitte nicht wiederholt werden.

H.H. schreibt als Harald Hartung (für mich mittelmäßige) Gedichte und Kritiken über Weltlyrik oder gemäßigt-moderne Gegenwartsautoren. Als H.H. schreibt er gern Schmähkritiken über junge Lyriker. Vorgestern Léonce W. Lupette. Er kritisiert Kalauer bei den kritisierten Autoren und kann es sich doch nicht verkneifen, seine Objekte der Kritik kalauernd der schenkelklopfenden Heiterkeit des Publikums dieser Zeitung zum Fraß vorzuwerfen.  Bei Mara Genschel klingt das so:

Dagegen gibt es ein beinah brauchbares Bulettenrezept, brauchbar bis auf den misslaunigen Einschub „pantsch“ und die Aufforderung: „friss frikar / nach Bratzeit sechshundert sekunden.“ Da möchte man doch vom Genuss abraten.

Und bei Lupette:

Und wenn dem Autor einmal ein echter Seufzer zu entfahren droht, dann hebt ihn der orthographische Jux auf: „Main Pfragmain-ta-rüsches Lehm.“

H.H. weiß, was ein Gedicht ist und was nicht. Bei Genschel:

Eine Tagebuchnotiz, typographisch aufgemotzt – aber ein Gedicht?

Bei Lupette:

Ansonsten sind die in Flattersatz gesetzten Blasen von „Tablettenzoo“ das „Gegintayl“ von Dichtung.

Ich empfehle: Hingucken und nicht aufregen.

H.H.: Vom Kompostteller. FAZ 11.7. S. 30.

Léonce W. Lupette: „Tablettenzoo“. Gedichte. Lux Books, Wiesbaden 2013. 116 S., br. 19,80 €

47. Gestorben

Der Dichter Mathieu Bénézet starb am Freitag im Alter von 67 Jahren an den Folgen von Krebs. Geboren am 7. Februar 1946 in Perpignan, wurde er bei seinem Debüt von Louis Aragon anerkannt, der zu seinem ersten Buch „Die Geschichte der Malerei in drei Bänden“ (Gallimard, 1968) ein Vorwort schrieb.

Er arbeitete in allen Genres: Poesie (Le Travail d’amour, Flammarion, 1984 ; Votre solitude, Seghers, 1988 ; L’Océan jusqu’à toi : rime, Flammarion, 1994 ; Et nous n’apprîmes rien, Flammarion, 2002… ), Essay (Biographies, Gallimard, 1970 ; André Breton, rêveur définitif, Editions du Rocher, 1996…), Roman (La Fin de l’homme, Flammarion, 1979 ; Pantin, canal de l’Ourcq, Flammarion, 1981 ; Moi, Mathieu Bas-Vignons, fils de…, Actes Sud, 1999), Zeitung (Roman journalier, Flammarion, 1987) oder das „Melodram“ (L‘Imitation de Mathieu Bénézet, Flammarion, 1978).

2011 erhielt er den Grand Prix de poésie der Académie française für sein Gesamtwerk. / Raphaëlle Leyris, Le Monde