Christian Lehnert: Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus. Suhrkamp, Berlin 2013. 283 S., Fr. 34.90.
Jede Dichtung spricht über die Situation ihrer Herkunft. Das Schreiben wird durch das schreibende Analysieren gebrochen. Wie jeder Lyriker erschafft Sophie Reyer eine ganz eigene Wahrnehmung, eine Beobachtung, die sich sowohl aus dem kollektivem wie auch individuellem Bewußtsein speist. Sie bricht die Idee vom objektiven Ich und vom subjektiven Ich auf und thematisiert in ihrer Poesie Verletztheit, es ist eine wohltuend unsentimentale Sichtweise auf die Welt und ihre Mechanik. Auch die Mechanik der Liebe. Sie mißtraut dabei jedoch den Heilversprechungen ebenso, wie den Momenten des aufrichtigen Glücks. Reyer hat einen charmanten Spleen, ein Gefühl für schräge Situationen und einbrechende Absurditäten. Mit ihrer Wahrnehmungslyrik werden die existentiellen Abgründe durch ein absurdes Element geradezu abgemildert und dem Intellekt erträglich gemacht. In diesem Kontext wirken ihre Liebesgedichte fragil, berührende, beinahe tröstlich. die gezirpte Zeit ist eine feinziselierte Sprachpartitur mit überraschenden Überlappungen und Überlagerungen. / Matthias Hagedorn, KuNo
die gezirpte Zeit, von Sophie Reyer Neue Lyrik aus Österreich Band 2., 64 Seiten, 12 x 19 cm, franz. Broschur. 1. Auflage 2013
Heute vor hundert Jahren wurde Salvador Espriu geboren.
Mentre sèiem al cancell, en la vetlla d’estiu,
en el repòs de l’aire,
i el llum feia de sobte més trista la claror,
arribaven pels rials lladrucs llunyans dels gossos
de les altes masies de la nit.
Car tota la carena era nit, i la fressa
d’un vianant cansat aixecava
de la fosca, a poc a poc, la basarda.
Aleshores algú va dir: «He vist avui
moltes orenetes, com pardals, damunt els camps.»
I una altra veu: «Potser plourà aviat.»
I jo vaig cloure els ulls i els mirava
un a un, ja en la pau, els meus morts.
I sabia aquest camí sense ells per sempre més
i com passen també els dies que vindran
per la llarga buidor del sorral.Während wir im Windfang saßen, in der sommerlichen Nachtwache,
in der Ruhe der Luft,
und die Lampe plötzlich die Helligkeit trauriger machte,
kam über die trockenen Bachbetten das entfernte Gebell der Hunde
aus den hohen Gehöften der Nacht.
Denn der ganze Berggrat war Nacht, und die Schritte
eines müden Wanderers hoben
aus dem Dunkeln nach und nach das Grauen.
Da sagte einer: »Ich habe heute
viele Schwalben auf den Feldern gesehen, wie Spatzen.«
Und eine andere Stimme: »Vielleicht wird es bald regnen.«
Und ich schloss die Augen und schaute
sie alle einzeln an, schon im Frieden, meine Toten.
Und ich wusste diesen Weg für immer ohne sie
und auch, wie die Tage vergehen, die noch kommen
über die lange Leere der Sandfläche.Nr. IV aus Llibre de Sinera [Buch von Sinera], 1963
(Übertragung à.s.)
Bereits vor seiner Flucht aus Deutschland Anfang 1937 hatte er, angetan von der Schwärmerei der Dadaistin Hannah Höch für Norwegen, einige Sommerurlaube dort verbracht und 1932 auf der Insel Hjertøya für 99 Jahre eine alte Schmiede gemietet. Am 2. Januar 1937 verließ er schließlich gemeinsam mit seinem Sohn Ernst Deutschland in Richtung Norwegen, um nie wieder zurückzukehren. Im gleichen Jahr wurden seine Freunde Christof und Luise Spengemann wegen antifaschistischer Aktivitäten verhaftet und er selber von der Gestapo in Hannover gesucht, nachdem seine Merzkunst in der Ausstellung »Entartete Kunst« gezeigt und diffamiert worden war. Im begleitenden Führer zur Ausstellung heißt es zu Schwitters: »Dieser Abteilung kann man nur die Überschrift ›vollendeter Wahnsinn‹ geben. Auf den Bildern und Zeichnungen dieses Schauerkabinetts ist meistens überhaupt nicht mehr zu erkennen, was den kranken Geistern vorschwebte. Der eine ›malte‹ schließlich nur noch mit dem Inhalt von Mülleimern.«
Das »Land des Irrsinns«, wie Schwitters Deutschland in einer Textsammlung nannte, hatte er noch rechtzeitig verlassen, während seine Frau Helma immer wieder zurückkehrte, um sich um die Hannoveraner Wohnungen zu kümmern und die Kunstwerke ihres Mannes, soweit möglich, außer Landes zu schaffen. (…)
Schwitters hatte sich nie als politischer Künstler verstanden. Eine der wenigen radikalen Gesten, die von ihm bekannt sind, ereignete sich 1934 bei einem Empfang des Futuristen und Ministers des faschistischen Italien, Filippo Tommaso Marinetti, in Berlin. Fiske hat die Szene in seinen Comic aufgenommen, in der Schwitters, »eingeklemmt zwischen dem Leiter der nationalsozialistischen Organisation für Volkskultur und dem Leiter von ›Kraft durch Freude‹«, wie die ebenfalls anwesende Dramaturgin, Schauspielerin und Kunstkritikerin Sibyl Moholy-Nagy berichtete, angetrunken zu einem Monolog anhob: »Ich liebe Sie, Sie Kulturvolk und Freude. Ehrlich, ich liebe Sie. Sie glauben, ich sei es nicht wert, Ihre Kammer zu teilen, Ihre Kunstkammer für Kraft und Volk, he? Auch ich bin ein Idiot, und ich kann es beweisen.« Später intonierte er lautstark sein Gedicht »Anna Blume«. »Den Lärm protestierender Stimmen und scharrender Stühle übertönend«, klammerte er sich schreiend an seine Kunst, die er als Gegenmittel zur Uniformität der Nationalsozialisten verstand. 1931 hatte er in einer der zahlreichen von ihm herausgegebenen Zeitschriften geschrieben: »Ihr aber, Ihr politischen Menschen, wenn Ihr eines Tages mal die Politik recht satt habt, so kommt zur Kunst, zur reinen unpolitischen Kunst, die ohne Tendenz ist, nicht sozial, nicht national, nicht zeitlich gebunden, nicht modisch.«
Gerade die Widersprüche der Person Schwitters faszinieren Fiske, was sich in den unterschiedlichsten Zeichenstilen zeigt, die verschiedene Einflüsse und Schaffensperioden von Schwitters spiegeln, aber auch seine Unsicherheit, zu politischen Fragen Stellung zu beziehen. Auf der einen Seite zeigte Schwitters während eines Treffens deutscher Maler Bilder von Hitler und Goebbels mit den Worten herum: »Gut, hier sind sie, Leute, wollen wir sie aufhängen oder an die Wand stellen?«, und musste als »entarteter Künstler« verfemt aus Deutschland fliehen, während er andererseits auf der Autonomie der Kunst beharrte und dieser jeglichen politischen Anspruch absprach: »Die Gazelle zittert, weil der Löwe brüllt, Die Hyäne wittert. Doch die Kunst erfüllt.« Politische Botschaften verachtete Schwitters, was ihn schon in den Zwanzigern der Häme der politischen Berliner Dadaisten aussetzte. Huelsenbeck nannte ihn einen »hochbegabten Kleinbürger« und lediglich Hannah Höch und Raoul Hausmann aus dem Umfeld der Berliner Dadaszene schätzten ihn – vermutlich ebenfalls gerade wegen seiner Widersprüche. / Jonas Engelmann, Jungle World
Lars Fiske: Kurt Schwitters – Jetzt nenne ich mich selbst Merz, Herr Merz. Avant-Verlag, Berlin 2013, 112 Seiten, 29,95 Euro
Schwitters in England, 2. Juni–25. August, Sprengel Museum Hannover
In London wurden die Shortlists für die Forward-Preise veröffentlicht. Die Vorsitzende der Jury, Jeanette Winterson, sprach von einem „starken Jahr für die Lyrik“. Die weiteren Jurymitglieder waren die Lyriker Paul Farley und Sheenagh Pugh, der Schauspieler Samuel West und der Journalist David Mills. 69 Verlage reichten 162 Bände ein.
Die Verkaufszahlen für Lyrik sind im vergangenen Jahr um 15,9 % zurückgegangen. Der gesamte Lyrikmarkt im Vereinigten Königreich belief sich 2012 auf nur noch £6.7 Millionen.
Die Gewinner werden am 1. Oktober bekanntgegeben.
Für den £10,000 schweren Preis für den besten Lyrikband kandidieren:
FELIX DENNIS PRIZE FOR BEST FIRST COLLECTION (£5,000)
THE FORWARD PRIZE FOR BEST SINGLE POEM (£1,000)
/ Guardian
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Laura Dimmit is from Joplin, Missouri, and her family survived the fierce tornado of May, 2011. The entire area was strewn with debris, and here’s a poem about just one little piece that fell from the sky.
School photo, found after the Joplin tornado
“Joey, 4th grade, 1992”
He’s been on the fridge since it happened,
sneaking glances from underneath the cat
magnet at our dinners, coffee habits, arguments.
We posted him on the database of items found,
hoping that someone would recognize his messy
hair, Batman t-shirt, blue eyes, but no one
answered the post or claimed him.
Somewhere a childhood photo album is not
quite complete, or a grandmother’s mantelpiece;
an uncle’s wallet. One afternoon I got restless,
flipped through my old yearbooks, trying to find him,
looking to see how he might have aged: did he lose
the chubby cheeks? dye his hair? how long
did he have to wear braces? But he’s too young
to have passed me in the halls, the picture just
a stranger, a small reminder of the whirling aftermath
when Joplin was clutching at scraps: everything displaced,
even this poor kid who doesn’t even know he’s lost.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Laura Dimmit, and reprinted by permission of the poet. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
In letzter Zeit wird ein Zitat von Robert Walser wiederholt gegen die „akademische“, die „Germanistenlyrik“ in Stellung gebracht. Die irgendwie als Gegenpart der herz- und blutvollen wahren Lyrik erscheint. Als ob Germanisten keine Herzlyrik schrieben. Als ob Walser ihresgleichen sei. Aber dem ist nicht so. Walser, der sein „Blödsein“ gegen die Feinsinnigkeiten Georges oder Rilkes setzt – in diesem Sinne gewiß Avantgarde. (Das ist doch nichts Statuarisches, wie alle Enzensberger nachplappern).
Hier nur aus „Zeit“-Gründen ein sehr kurzes Gedicht, um 1900 entstanden:
Zeit
Ich liege hier, ich hab ja Zeit,
ich sinne hier, ich hab ja Zeit.
Der Tag ist dunkel, er hat Zeit,
mehr Zeit, als ich mir wünsche, Zeit
hab ich zu messen, lange Zeit.
Das Maß wird größer mit der Zeit.
Nur etwas übersteigt die Zeit,
das ist die Sehnsucht, keine Zeit
ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit.
Robert Walser: Die Gedichte. Zürich und Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1986, S. 31f.
Die deutschsprachige Literatur ist gegenwärtig von drei ästhetischen Tendenzen bestimmt: radikaler Individualismus, Popliteratur und eine dritte, für die unterschiedliche Namen kursieren, „kookbooks-Ästhetik“ oder „Neue Berliner Avantgarde“. Zu den Autoren dieses Kreises, überwiegend Lyriker, gehören Monika Rinck, Uljana Wolf, Ann Cotten, Hendrik Jackson, Daniel Falb. Sie alle publizieren beim Berliner Verlag kookbooks oder sind zumindest eng mit ihm verbunden. Daniela Seel hat den Verlag vor zehn Jahren gegründet (F.A.Z. vom 18. Mai), in dessen Jubiläumsprogramm auch Steffen Popps neuer Lyrikband Platz gefunden hat. (…)
Wenn Steffen Popp „Poesie als Lebensform“ versteht, ernennt er sie zu einer solchen unhintergehbaren Tatsache der Wirklichkeit. Wie ein Integral ist das Poetische allen Lebensbereichen von der Natur über die Ökonomie bis zur Religion eingeschrieben und reicht somit weit über die Literatur hinaus. Diese Auffassung berührt sich mit dem romantischen Vers: „Schläft ein Lied in allen Dingen“. Allerdings hat die Neue Berliner Avantgarde mit Wittgensteins „Lebensform“ auch seine Sprachskepsis übernommen. Popp bezeichnete die Sprache einmal als das „lebensfernste Medium“. In der Folge verbietet es sich, wie bei Eichendorff mit „Wünschelrute“ und „Zauberwort“ durch die Lande zu ziehen, um sie zu poetisieren.
„Poesie als Lebensform“ bedeutet vielmmehr, die Wirklichkeit mit Hilfe der Sprache abzutasten und präzise zu erfassen, „inwieweit die für poetisches Sprechen konstitutiven Verfahrensweisen etwas mit denen anderer Lebensbereiche gemein haben, und vor allem …, ob sie nur neben anderen relevant sind oder essenzielle Funktionen bezeichnen“. Popp wendet Eichendorffs Vers formalistisch. Er sucht nicht mehr nach dem schönen Lied, sondern nach den poetischen Verfahren in der „lebendigen Wirklichkeit“. Für dieses Vorhaben wäre die Waldeinsamkeit der falsche Ort. Die heutigen Poeten experimentieren, diskussions- und theorieaffin, kollaborativ und doch jeder für sich auf seine Art. Erst der gemeinsame ästhetische Bezugspunkt ermöglicht die individuellen poetischen Praktiken. (…)
Popp experimentiert mit Klängen, Rhythmen, Metrik und Syntax. Als versierter Morphologe legt er ein besonderes Augenmerk auf die Form des Gedichts. Zu Beginn erprobt er eine Konstruktion aus sechs plus vier respektive vier plus sechs Versen, die er in der zweiten Hälfte des Buches zur Sonettform überführt. Seit zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts der sogenannte „Sonettenkrieg“ durch die deutschen Schreibstuben tobte, gilt das Sonett als programmatisches Gedicht. Wer es verwendet, will sich grundsätzlich über Dichtkunst verständigen. Popps Arbeit am Sonett schließt selbst das anfängliche Vier-plus-sechs-Format ein. Quartett und Sextett entsprechen der geometrischen Grundform des Sonetts. Kompositionsmuster dieser Art durchziehen die Textur des Bandes. Über Jagd, Dickicht, Beute („Kaninchenfell“) mündet die Bewegung des Textes auf Rilkes Spuren im „Jardin des Plantes, Paris“. Der Streifzug durch Natur- und Lebensformen schließt dort, wo die Wildnis gebändigt wird. Popp löscht bei seinem Besuch den schweifenden, unscharfen Blick von Rilkes Panther im gefiederten Gesicht einer Eule aus. Nach dem nervösen Zeitalter bleiben heute „null Augen / die das blicken“. Während eine Eule den Umschlag des Buches ziert, galoppiert zuletzt das alte Wappentier der Dichter aus dem Band. Popp versteht, „wie ein totes Pferd dennoch zu reiten sei – / das lebend nicht mal Pferd war“. / CHRISTIAN METZ, FAZ 27.6. hier
Steffen Popp: „Dickicht mit Reden und Augen“. Gedichte.
kookbooks, Berlin 2013. 87 S., br., 19,90 [Euro].
Im Salon Littéraire auf in|ad|ae|qu|at:
Margret Kreidl : 4 Gedichte , übersetzt
4 Urtexte ( aus Laute Paare , 2002 ) , 4 Übertragungen von Rosmarie Waldrop ( aus DICHTEN = No. 10, ed. by Rosmarie Waldrop , 2008 ) und 4 Lesefassungen , gesprochen von John Lowther

Rosmarie Waldrop (ed.)
Dichten = [number ten], 16 new (to American readers) German poets
144 pp. burning deck books. Paper. US $14. ISBN 978-1-886224-92-6
(Besprechung hier)
Auszug aus
ADAM UND EVA
Was tragen Damen? fragt Adam. Eva ist nackt.
Fransenstola Taftfaltenrock? Zu brav! Eva lacht.
Lackstring Lochstrumpfhose transparenter Mini.
Adam kichert. Spitze! High Heels mit Fesselriemchen.
Beine rasieren nicht vergessen! Wachs oder Creme?
Heiß heiß! Adam schreit. Eva leise: Damen leiden.
Adam weint. Eva lächelt. Tränen machen häßlich.
Abdecken pudern Cremerouge. Kußechter Lippenstift.
Adam will schmusen. Denk an deine Frisur! Haare
toupieren Nägel lackieren! Eva zufrieden: Sehr feminin.
Adam trippelt zum Spiegel. Eva ist nackt. Setzen Adam!
(…)
ADAM AND EVE ( translated by Rosmarie Waldrop )
What do ladies wear? asks Adam. Eve is naked.
Fringed scarf? Pleated taffeta skirt? Too proper, laughs Eve.
Patent leather G-string fishnets transparent mini.
Adam giggles, Tops! High heels with ankle straps.
Don’t forget shaving the legs. Wax or cream?
Hot, hot, cries Adam. Eve softly: ladies suffer.
Adam weeps. Eve smiles. Tears make ugly.
Foundation powder rouge. Kissproof lipstick.
Adam wants to smooch. Think of your hairdo. Hair
to tease nails to polish. Eve contented: very feminine.
Adam minces to the mirror. Eve is naked. Sit down Adam.
Münchens Lesereihe für neue Lyrik
18.07.13 mit TRAXLER, WESTHEUSER und ROTH
Vor Kurzem hatten wir die Freude, für jetzt.de das ABC der jungen Münchner Literaturszene schreiben zu dürfen („Zum Rauchen in die Bibliothek“, SZ vom 31. 5.). Zwei Punkte schienen uns dabei wichtig: Zum einen stimmt das Vorurteil nicht, dass man junge Literat_innen vornehmlich in Städten wie Berlin, Leipzig und Hildesheim antreffen kann. Auch in München ist die Zahl der jungen Schreibenden groß, viel größer, als man denkt. Zum anderen sind diese aber schlechter vernetzt als in jenen Zentren der jungen Literatur, weniger aktiv und präsent im Kulturleben der Stadt.
Deshalb war es von Anfang an das Anliegen unserer Lesereihe, einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich das ändert. Als Lesereihe für junge Lyrik in München geht es uns um die Begegnung mit anderen Szenen: der jungen Kunst-Szene der Stadt und den Lyrik-Szenen im ganzen deutschsprachigen Raum. Dabei stehen wir für ein Verständnis von Kunst, das in Künstler_innen nicht introvertierte, geniale Einzelgänger_innen sieht, sondern Akteure im sozialen Raum. Ihr Vermögen besteht in ihrem je speziellen Zugriff auf diesen Raum, nicht darin, den Zugriff zum eigenen Werk möglichst exklusiv zu gestalten. Als Beschäftigung mit kollektiv interessanten Themen, ist Kunst kollektive Praxis.
Es ist aus dieser Perspektive nicht übertrieben, für unsere Sommerlesung von einem Highlight zu sprechen. Mit Mathias Traxler und Linus Westheuser kommen zwei Lyriker aus Berlin, die jede Lesung in ein Ereignis verwandeln: Nicht nur entsteht ihr Text jeweils erst beim Lesen, sondern geschieht dies auch mit sensibler Berücksichtigung der Lesesituation. Der Münchner Tobias Roth setzt dem ein Langgedicht entgegen, das die Leerstelle nach dem Erdbeben in Mantua literarisch zu füllen sucht. Konfrontiert wird dies mit der Kunst Andreas Peiffers, dessen Installationen für die alten Bierlagerhallen des Einstein geradezu prädestiniert sind.
LYRIK
Mathias Traxler, 1973 in Basel geboren, lebt seit 1999 in Berlin. Im gleichen Jahr wurde im Theaterdiscounter Berlin die szenische Lesung »WALLeinsamkeit« mit Gedichten und Texten von ihm aufgeführt. Mathias Traxler hat seither in zahlreichen Leseauftritten und zusammen mit anderen Autor_innen die Möglichkeiten der Improvisation mit eigenen und Texten anderer weiterentwickelt. 2011 erschien sein Debüt „You’re welcome“ bei kookbooks.
Linus Westheuser wurde 1989 in Berlin geboren, wo er nach Aufenthalten in Oldenburg, San Francisco und London heute wieder lebt. Er ist Mitglied des Lyrikkollektivs G13, war Finalist beim 20. open mike und arbeitet derzeit an seinem ersten Gedichtband, der ebenfalls bei kookbooks erscheinen wird.
Tobias Roth, 1985 in München geboren, arbeitet als freier Autor, Übersetzer, Kritiker und Literaturwissenschaftler. Der Münchner gewann nach anderen Auszeichnungen beim diesjährigen Literarischen März in Darmstadt den „Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis“. Sein Debüt „Aus Waben“ erschien im selben Monat beim Verlagshaus J. Frank.
KUNST
Andreas Peiffer, geboren 1982 in Marktheidenfeld, lebt in München. Er studierte Freie Kunst an der Muthesius Kunsthochschule Kiel und absolvierte an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Olaf Metzel. Seine Arbeiten befragen in großformatigen und raumgreifenden Umsetzungen die Dynamiken von Größe, Material und Gewicht, die sich zwischen Objekt, Raum und Betrachter_in entfalten.
Zeit: 20 Uhr
Ort: Einstein Kultur, Einsteinstraße 42 (U 4/5 Max-Weber-Platz)
Eintritt: 4/6 Euro
Moderation: Tillmann Severin und Tristan Marquardt
Nur eine einzige Handschrift Heines von seiner beliebten „Loreley“ ist erhalten. Das hochempfindliche Papier lagert in einem Depot des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf, der Geburtsstadt des spöttischen Dichters (1797-1856). Für drei Wochen ist die Reinschrift des Gedichts bis zum 31. Juli in einer Ausstellung des Instituts zu sehen. Nur alle paar Jahre dürfe die einst für einen französischen Sammler angefertigte Reinschrift aus dem Jahr 1838 dem Licht ausgesetzt und öffentlich präsentiert werden, sagt Kurator Jan-Birger von Holtum. Das Besondere an dem Dokument auf blassblauem Papier sei, dass Heine wohl das einzige Mal auch den Titel „Loreley“ über die Verse geschrieben habe. / Stern

Im Wikipedia-Artikel zur aktuellen Gothic-Szene heißt es: “48 % (der Gothics, Anm.d.R.) beschäftigen sich mit Lyrik und Poesie und verfassen eigene Texte und Gedichte“. Doch eins fällt auf: Es sind überwiegend die alten Meister von Edgar Allan Poe über Lovecraft bis hin zu Baudelaires, die in der Szene zu Ruhm kommen. Aktuelle lyrische Ergüsse sind offenbar für viele Szene-Mitglieder nicht geeignet, um sich darin zu verlieren. Oder gibt man aktuellen werken nur keine Chance? Vielleicht sollte man manchmal zweimal hinschauen.
Beispielsweise bei Martin Piekar.
Schreibt spontis.de über ein Interview mit ebendem. Auszüge:
Die Frage was Lyrik IST, ist wie ein Schlag mitten in die Fresse. Die Frage ist nicht per se falsch, aber der Gefragte (hier ich) ist erstmal in Bedrängnis. Ich denke, Lyrik ist, sie existiert, aber was Lyrik sei? Lyrik kann! – Lyrik kann alles: Es gibt Dichter, die Schreiben nur nach Klang, da ist die Bedeutung des Begriffs unerheblich, es geht nur um die erzeugte Harmonie/ Disharmonie, den Rhythmus, die Klangfarben. Dann gibt es Lyriker, die mit Metaphern aufwartet. Ich meine nicht, dass sie sich so verzweigt, dass sie nicht zu entschlüsseln ist – darum geht es nicht, es geht nie um das Verstehen von Gedichten, es geht darum, wie man mit einem Gedicht umgeht. Es gibt Lyriker die sagen: Weg von der Metapher,- reine coole, ästhetische Beschreibung, es gibt Ironiker, es gibt Alberne, es gibt diejenigen, die keinen Pathos wollen: weg von der Gefühlsduselei. Und andere brauchen Pathos um überhaupt zu schreiben. Die Antwort: Lyrik kann – sie kann politisch, emotional, deskriptiv, kritisch, ironisch, konzeptionell, satirisch, phonetisch, verwirrend sein: Lyrik kann – Kunst ist immer ein Bedürfnis eines Menschen, das nach Außen drängt, viele Dichter sprechen bei Texten von Dringlichkeit, ich eher von Dranghaftigkeit, jedenfalls bei mir. (…)
Mit Lyrik verdien ich kein Geld, nicht genug um Miete zu bezahlen, oder generell etwas, mit diesem Geld kann man nämlich nie rechnen, entweder man bekommt etwas oder nicht, das ist nie sicher. Träume? Einen Verlag zu finden, war mein Traum seit ich 14 bin, jetzt bin ich 22 und das wunderbare Verlagshaus J Frank hat mein Manuskript angenommen. Übrigens bin ich darüber so froh, weil schon Kollegen von mir ganz wunderbare Bände dort veröffentlicht haben, es ist also ein Verlag, den ich auch persönlich gerne lese! Ich habe vertrauen in den Verlag und kenne das Programm, ich stehe hinter dem Motto des Verlages: Poetisiert euch! – und weiter Träume für die Zukunft? Leute, die meine Gedichte lesen, mal schauen, ob sich das erfüllt.
Der Apostel Paulus ist ein schwerer Brocken für viele, er lässt sich nicht so einfach schlucken wie die Häppchen moderner Wohlfühlreligiosität. So sind auch Christian Lehnerts «Korinthische Brocken» nicht für den schnellen Verzehr bestimmt, sondern etwas zum Kauen und bedächtigen Verdauen – aber sie lohnen sich. Denn der «Essay über Paulus» ist sprachlich wie gedanklich gute Kost. Der in Dresden geborene Dichter und Theologe schreibt über einen Dichter und wortschöpferischen Theologen, den grössten des Urchristentums, und er versucht ihn zu verstehen – was bekanntlich nicht immer eine leichte Sache ist. Dies in einer dezidiert subjektiven, immer wieder frisch ansetzenden Sprach- und Denkbewegung, die neue Zugänge zu Paulus sucht und findet. / Niklaus Peter, NZZ 2.7.
Christian Lehnert: Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus. Suhrkamp, Berlin 2013. 283 S., Fr. 34.90.
Junge deutschsprachige Dichtung
In den vergangenen Jahren ist Bewegung in die deutschsprachige Dichtung gekommen – eine neue Generation erobert die literarische Bühne. Das Projekt „Babelsprech. Junge deutschsprachige Dichtung“, initiiert von der Literaturwerkstatt Berlin und dem Literaturhaus Wien, möchte über drei Jahre eine Diskussion anregen, die zur Selbstverständigung des Dichtens im deutschsprachigen Raum führt. Das Projekt startet mit einem ersten Netzwerktreffen in Lana (Südtirol): Durch das Poesiefestival, den Lyrikpreis und das Literaturstipendium stellt die Stadt einen zentralen Ort lyrischer Begegnung über nationale Grenzen hinweg dar. Das Treffen dient der Selbstverortung einer neuen Generation von Dichtern, der Vernetzung von bislang getrennt agierenden Lyrikszenen der Schweiz, Österreichs und Deutschlands sowie der Vorbereitung eines Webblogs, der als Plattform junger Lyrik dienen soll. Gleichzeitig ist das Treffen der Auftakt der Lesereihe „Babelsprech. Live“, die in vier Durchgängen von 2013 bis 2015 in Wien, Berlin und der Schweiz stattfinden wird. Zum Abschluss der dreijährigen Projektphase führt die Sammlung „Lyrik von Jetzt3“ die wichtigsten neuen Stimmen aus dem deutschsprachigen Raum zusammen. Kuratiert wird „Babelsprech“ von Lyrikern der jungen Generation: Max Czollek (Deutschland), Michael Fehr (Schweiz) und Robert Prosser (Österreich) haben durch ihre eigene Arbeit wichtige Einblicke in die aktuelle Entwicklung der jungen Lyrik in den drei Ländern. Der Verein Literatur Lana, der Veranstalter Kaufleute Zürich, das Robert-Walser-Zentrum sowie der Wallstein Verlag konnten als Kooperationspartner gewonnen werden. Die Pro Helvetia fördert das Projekt in der Schweiz.
Künstlerische Leitung / Kuration: Max Czollek, Michael Fehr (CH), Robert Prosser (AT)
Künstler/innen / Autor/innen: Dagmara Kraus, Martin Fritz (AT), Anja Kampmann, Sophie Reyer (AT), Eva Seck (CH), Reinhard Lechner (AT), Tim Holland, Patrick Savolainen (CH), Yevgeniy Breyger, Michelle Steinbeck (CH), Christiane Heidrich.
Termine:
Symposium Lana, Südtirol: 26. – 29.9.2013;
Literaturwerkstatt Berlin, Literaturhaus Wien, Kaufleuten, Zürich, Robert-Walser-Zentrum, Bern: 1.11.2013 – 14.5.2015
Kontakt:
Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei)
10435 Berlin
www.literaturwerkstatt.org
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