76. Poetopie

bin ich geheimnisvoll genug, um nicht abgehört werden zu können?

Hansjürgen Bulkowski

75. Watte

Im Zentrum steht Mozarts Konzert für Flöte und Harfe, voll zarter Lyrik, wie in Watte eingepackt. / Die Welt

74. Gedichte wie Frauen

Mit Gedichten ist es ein wenig wie mit dem weiblichen Geschlecht, von dem man früher gerne sagte, Frauen sollten einfach, in ihrer ganzen Schönheit „da sein“; nicht ihr Handeln und ihr Denken mache ihre Anziehung und ihren Wert aus, sondern ihre Existenz als solche genüge. Ihre Meinungen sollten sie für sich behalten und die Männer nicht mit ihrem Geschwätz verunsichern.

Ähnlich solle ein Dichter keineswegs erklären, was er mit seinen Versen sagen wolle. Ein vielzitiertes Wort von einem amerikanischen Dichter lautet dementsprechend: „A poem should not mean, but be.“

Und doch kann keine Ermahnung, sich einem Gedicht einfach hinzugeben und nur den gelungenen Wortlaut zu genießen, uns hinweghelfen über die so verpönte Frage nach dem Inhalt und der Bedeutung der Worte, die eben keine reine Musik sind. Es ist unvermeidlich, dass wir interpretative Fragen stellen, statt einfach „wie schön!“ auszurufen.

Denn ein Problem mit dem Lesen von Gedichten ist ja, dass man oft nicht weiß, was man mit dem einzelnen Gedicht anfangen soll. Mit einer Serie von Gedichten wird es gleich leichter, weil man sie dann in einen Zusammenhang stellen kann; ähnlich verhält es sich mit älteren Gedichten, wo man den biografischen oder historischen Hintergrund nachschlagen kann, was darauf hinweist, dass das Gedicht eben kein „Ding an sich“ im luftleeren Raum ist, sondern ein Teil seiner Umgebung. Welcher Umgebung? Wir stochern am Text herum, versuchen, uns etwas einfallen zu lassen, manchmal kommt was Gutes, dann wieder nicht. Die Dichterin ist meist froh, überhaupt gelesen zu werden, und erwartet nicht, dass sie obendrein noch verstanden wird. Der gemeine Leser fühlt sich vernachlässigt, wenn nicht geradezu verachtet. Die gelehrten wie auch die intuitiven Interpreten sind unzuverlässig. Die verschämte Bescheidenheit aber, die vom Dichter verlangt wird, hindert ihn daran, den falschen Auslegungen zu widersprechen.

Darum schütteln so viele Leute ihren Kopf bei moderner Lyrik und lesen sie kaum oder nie. / Ruth Klüger, Die Welt (auch im Standard)

73. Wilhelm Klemm

Wilhelm Klemm ist als Lyriker heute weitgehend vergessen. Das war nicht immer so: In der von Kurt Pinthus herausgegebenen „Menschheitsdämmerung“ (1919), der erfolgreichsten und bis heute viel zitierten Lyrikanthologie des Expressionismus, war er prominent mit 19 Gedichten vertreten, während sich etwa Gottfried Benn dort mit nur sieben Gedichten begnügen musste. Auch die zuvor in rascher Folge erschienenen Sammelbände „Gloria! Kriegsgedichte aus dem Feld“ (1915), „Verse und Bilder“ (1916) und „Aufforderung“ (1917) hatten Klemms Namen als Dichter (im Umkreis) des Expressionismus der literarisch interessierten Öffentlichkeit nachdrücklich eingeprägt.

Seine seit Oktober 1914 in Franz Pfemferts „Aktion“ vorab gedruckten Kriegs- beziehungsweise Antikriegsgedichte machten Furore, weil sie sich mit ihrer spannungsreichen Mischung aus vitalistischer Kriegsbejahung und unprätenziösem Lakonismus vom schwülstig-militaristischen Hurra-Patriotismus der seit August 1914 üppig ins Kraut schießenden Literaturproduktion (nicht nur) der Poetae minores abhoben und eine völlig andere, mit dem Gütesiegel der Authentizität versehene Sichtweise des Krieges etablierten. (…)

Die vorliegende Edition des lyrischen Gesamtwerks bietet nun die Gelegenheit, sich selbst ein Urteil über die literaturgeschichtliche Verortung und Qualität von Klemms Gedichten zu bilden. Abgedruckt werden die in Pinthus’ „Menschheitsdämmerung“ eingegangene Textauswahl, alle selbstständigen Publikationen von „Gloria! Kriegsgedichte aus dem Feld“ bis zu den „Geflammten Rändern“ und schließlich – in vier werkchronologisch gegliederten Rubriken – sämtliche verstreut publizierten Texte, sofern sie nicht in die davor präsentierten Sammelbände aufgenommen wurden. Da die Ausgabe kein Variantenverzeichnis besitzt, verdunkelt die letztere, editorisch vertretbare Einschränkung allerdings leider den von Ortheil betonten Umstand, dass Klemm bei Paralleldrucken seiner frühen Gedichte in der „Jugend“ oder im „Simplicissimus“ dem patriotischen Zeitgeschmack bisweilen einige Konzessionen machte, die er sich in den für Pfemferts „Aktion“ bestimmten Fassungen derselben Texte verkniff. Die Publikationsstrategien Klemms, die dieser nie als linientreuer Parteigänger agierende Autor – möglicherweise auch später noch – praktiziert hat, können also nicht rekonstruiert werden. Problematisch ist außerdem, dass die an sich philologisch korrekten Quellennachweise nur die abgedruckten Texte berücksichtigen: Die überwiegende Mehrzahl der Erst- beziehungsweise Einzelpublikationen von Klemms Gedichten in literarischen Zeitschriften wird somit bibliografisch nicht erfasst. Da mit einer weiteren Klemm-Edition auf absehbare Zeit nicht zu rechnen ist, wurde hier zweifellos eine Chance vergeben, für künftige Forschungen eine solide Grundlage zu schaffen.

Andererseits muss ausdrücklich hervorgehoben werden, dass sich diese Ausgabe weniger an wissenschaftliche Leser, als an ein gebildetes, bibliophiles Publikum richtet. Und in dieser Hinsicht ist sie in den höchsten Tönen zu loben. Es ist einfach eine Lust, dieses aufwändig und geschmackvoll gestaltete, in einer limitierten Auflage von 400 nummerierten Exemplaren hergestellte Buch in die Hand zu nehmen! / Michael Ansel, literaturkritik.de

Wilhelm Klemm: Gesammelte Verse. Mit Vignetten und Tuschezeichnungen von der Hand des Autors. 
Herausgegeben von Imma Klemm und Jan Volker Röhnert.
Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2012. 
768 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN-13: 9783871620775

72. Karl-Sczuka-Preis für Egger / Drögekamp

Die Macher eines Hörspiels um den Lyriker und Dramatiker Jakob Michael Reinhold Lenz werden mit dem diesjährigen Karl-Sczuka-Preis ausgezeichnet. Die mit 12 500 Euro dotierte Ehrung werde dem Schriftsteller Oswald Egger und der Regisseurin Iris Drögekamp am 20. Oktober bei den Donaueschinger Musiktagen verliehen, teilte der Südwestrundfunk (SWR) am Donnerstag in Baden-Baden mit. Die SWR-Produktion „Linz und Lunz“ war am 7. März 2013 in Radiosender SWR2 gesendet worden. / Südwestpresse

71. „Die man einfach lieben muss“

Immer wieder sind es kurze Augenblicke einer Begegnung, aus denen heraus Thomas Kunst sein Alphabet der Sehnsüchte entwickelt – die Spielorte seiner leisen, menschlichen Dramen reichen dabei von Stralsund über Venedig bis hin zum texanischen Tucson. Eifersucht, Obsession und Schmerz schwingen in diesen Gedichten über die Liebe stets mit, doch sind viele der Texte durchaus ironisch, durchaus komisch. Einmal zum Beispiel verguckt sich ein Mann in eine junge Wissenschaftlerin, deren Vortrag er besucht – die Komik liegt im Detail: Seine umschwärmte Forscherin ist eine Doktorandin aus der Nähe von Paderborn, die in einem Forstmuseum in aller Ausführlichkeit über die Kulturgeschichte der Wäscheklammer referiert.

Die Dresdner „edition Azur“, ein kleiner Verlag mit spannendem und hochkarätigem Programm, bietet mit diesem schön ausgestatteten Band die Gelegenheit, die Arbeiten von Thomas Kunst neu zu entdecken. Denn der Dichter hat es nicht leicht gehabt in den letzten Jahren, zu sehr sperrt sich seine Poesie gegen lyrische Moden und Tendenzen, zu sehr beharrt sie auf ihrer assoziativen Kraft. So versammelt „Die Arbeiterin auf dem Eis“ keine wohltemperierten Gedichte mit intellektueller Aufladung: Leicht macht es Thomas Kunst dem Leser nicht mit seiner sturen und sperrigen Art des Dichtens – hat man sich aber an den unverwechselbaren Rhythmus und Tonfall gewöhnt, dann lernt man die Widerspenstigkeit der Kunst’schen Lyrik zu schätzen – unter die Haut gehende Textkompositionen über die Liebe, die man einfach lieben muss. / Martin Becker, DLR

Thomas Kunst: 
Die Arbeiterin auf dem Eis. Gedichte
edition Azur, Dresden 2013
136 Seiten, 22 Euro

70. Jewtuschenko 80

Da kommen Genossen ins Schwärmen*:

Jewgeni Jewtuschenko. Von Liebe zum Land erhitzt. Und über diese Hitze immer wieder unvergessliche Gedichte, stets nah am Poem: »Hochzeiten«, »Stille«, »Als dein Gesicht …«, »Lektion in Mut«. Im Westen schauten junge Leute nach Woodstock, wir schauten uns russische Birken herbei und sahen den Sowjetstern als natürlichst gewordenen Teil der Natur, die dadurch mehr Werden als Vergehen aufbot. »Revolution und Patschanga«, das kubanische Hohelied: »Die Revolution – ist eine rauhe Sache, /doch hol›s der Teufel, keine fade!/ Alles Aufgeblasene, Rückgratschwache, / Revolution, zerschlage!« Es war die Zeit der Ungebrochenheit, da das vibrierende Lob des geschichtsbestimmenden Bewusstseins auch etwas arg Bewusstloses, blind Besinnungsloses hatte. Aber: schön. Wie jede Illusion in Aufwinden. / Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland

*) Aber „Sowjetischer Schlawiner“ ist eine unangemessene Überschrift. FDJ-Stil, würde ich sagen.

69. Heute

18.7.

  • 1013 (vor 1000 Jahren): Hermann von Reichenau, deutscher Gelehrter und Dichter, geboren. Die Einteilung der Stunde in Minuten (vermutlich für astronomische Beobachtungen) geht vielleicht auf ihn zurück. Er dichtete u.a. das Opusculum Herimanni de octo vitiis principalibus: ein an Nonnen gerichtetes Lehrgedicht über die acht Hauptlaster (1722 Verse).
  • 1195: Die Almohaden siegen über den christlichen König Alfonso VIII von Kastilien in der Schlacht von Alacros.  Die Almohaden („Bekenner der Einheit Gottes“) waren eine fundamentalistische islamische Sekte, die seit 1130 von Marokko aus die iberische Halbinsel eroberte. Sie wollten nicht nur die christliche Rückeroberung (reconquista) stoppen, sondern auch den aus ihrer Sicht laschen und gemäßigten Islam der andalusischen Herrscher zurückdrehen. Damit endete das Goldene Zeitalter Andalusiens mit seiner Blüte von Kunst und Wissenschaft sowie relativer religiöser Toleranz. Zahlreiche Juden, darunter der Gelehrte Maimonides, verließen das Land.
  • 1374: In Arquà stirbt Francesco Petrarca (1304-1374), einer der größten Lyriker Italiens. 1341 wurde er in Rom auf dem Kapitol öffentlich zum Dichter (»poeta laureatus«) gekrönt. Als Hauptwerk gilt sein »Canzoniere«, 1470, 366 Gedichte eines Laura-Jahres.
  • 1536: In England wird die Autorität des Papstes abgeschafft.
  • 1845: Der französische Lyriker Tristan Corbière geboren.
  • 1894: Isaak Babel in Odessa geboren. Sein Hauptwerk ist der Roman „Die Reiterarmee“. 1940 fiel er in Sibirien Stalins Terror zum Opfer. „Es kommt / Babel, Isaak. /Er sagt: Bei dem Pogrom, / als ich Kind war, / meiner Taube / riß man den Kopf ab.“ (Johannes Bobrowski: Holunderblüte).
  • 1918 Nelson Mandela geboren (95. Geburtstag). Erster schwarzer Präsident Südafrikas (1994–1999) und Träger des Friedensnobelpreis 1993, zuvor 27 Jahre in politischer Gefangenschaft (1962–1990).
  • 1922: Der österreichische Schriftsteller und Kabarettist Georg Kreisler („Tauben vergiften im Park) geboren.
  • 1927: Ludwig Harig, deutscher Schriftsteller, geboren. Er übersetzte u.a. „Hunderttausend Milliarden Gedichte“ (sic) von Raymond Queneau.
  • 1933 (vor 80 Jahren): Der russische Lyriker Jewgenij Jewtuschenko („Babij Jar“) geboren.
  • 1943: Tausend Pariser Juden nach Auschwitz deportiert.
  • 1960: Elvis Presleys „It’s Now Or Never“ erschienen.
  • 1982: Der Sprach- und Literaturwissenschaftler Roman Jakobson stirbt in Boston.

68. Buchkauf und neue Formen

Buchreport: Wie lässt sich die Begeisterung von der Festivalebene und digitalen Plattformen auf den Buchkauf übertragen?

Daniela Seel: Hier stehen wir vor der Herausforderung und Frage: Was sind die zeitgenössischen Publikationsformen oder auch Kontexte, in denen sich Lyrik gut vermitteln lässt? Da be­wegt sich gerade sehr viel. Für Autoren wird es im­mer wichtiger, Veranstaltungen zu ma­chen, um den Lebensunterhalt zu verdienen und überhaupt über andere ästhetische Mittel literarischer Kommunikation und Kunst nachzudenken bzw. in solchen zu arbeiten und nicht  allein in klassischen Buchformaten. Auch wenn der Mythos gepflegt wird: Vom reinen Buchverkauf konnten und können Autoren fast nie leben.

Und wo finden Sie Ihr Zielpublikum?

Viel findet sicher über Empfehlungen auf Internetplattformen statt, gerade für Lyrik hat sich hier ein spezielles Feuilleton entwickelt wie z.B. fixpoetry.com oder poetenladen.de. Dann gibt es eine Reihe gedruckter literarischer Magazine, die zum Entdecken neuer Texte und Autoren einladen. Viel Publikumskontakt haben wir bei kleineren Festivals oder Messen. Nicht zu vernachlässigen ist der grafische Aspekt unserer Bücher: Unter den Käufern gibt es einige, die besonders die Illustrationskunst von Andreas Töpfer schätzen, durch die die Kookbook-Titel ein eigenes, be­sonderes Profil haben.

Und der stationäre Buchhandel?

Es gibt einige wenige Buchhändler und Buchhändlerinnen, die der Lyrik ein Forum geben. Durch die aktuellen Veränderungen am Buch­markt – den Rückbau der Fi­lial­buchhandlungen und die Erholung des kleinen, inhabergeführten Buchhandels – könnte es sogar zu einer besseren Darstellung unserer Bü­cher im Buchhandel kommen.

Die Fragen stellte Nicole Stöcker

67. Wir alle wollen Freiheit

Safiye Can im eXperimenta Gespräch mit Rüdiger Heins  über die aktuelle Lage in der Türkei

„De facto ist die Türkei ein Polizeistaat. Führten wir dieses Gespräch in der Türkei,
würde man uns verhaften und eXperimenta müsste schließen.“

eXperimenta: Frau Can, wie schätzen Sie die augenblickliche Lage in derTürkei ein?

Safiye Can: Die momentane Lage ist sehr explosiv. Die türkische Bevölkerung ist in zwei verfeindete Lager geteilt. Erdoğans aggressive Wortwahl und seine Borniertheit hat die Wut der Menschen auf ihn und seine Partei gesteigert. Erdoğans Anhänger helfen der Polizei, indem sie mit Schlagstöcken und Macheten unbewaffnete Demonstranten jagen. Der Polizei kommt das gelegen. Die Widerständler sind aber nicht einzuschüchtern und sie sind sehr kreativ. Eine ihrer Waffen ist die Ironie. Ironie setzt Intelligenz voraus.

eXperimenta: Welche Gründe gibt es, dass so viele Menschen in der Türkei gegen die Regierung demonstrieren?

Safiye Can: Es gibt sehr viele Gründe. Eben dies sorgte dafür, dass Menschen, die sich normalerweise aus dem Weg gingen oder sich untereinander bekriegten, heute Seite an Seite Widerstand leisten. Verfeindete Fußballmannschaften laufen Arm in Arm, Konservative laufen neben Transsexuellen, Atheisten und Muslime zeigen einander mehr Respekt. Aufgrund der Notsituation haben die Menschen mehr denn je Verständnis füreinander. Zeitweise hatte ich das Gefühl, meine Kurzgeschichten werden wahr. Wie unterschiedlich die Menschen auch sind, sie haben am eigenen Leib erfahren müssen, was es bedeutet, wenn die Freiheit eingeschränkt wird und wie manipulativ Medien tatsächlich sind. Die Menschen wollen ihre Freiheit, wir alle wollen sie. Dazu gehört nun einmal auch die Meinungsfreiheit. Der Ministerpräsident Erdoğan hat sich viel zu viel erlaubt und allzu viel haben die Menschen erduldet. Dann reichte bloß noch ein Tropfen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Dieser Tropfen war die unverhältnismäßige Gewalt der Polizei gegen friedliche Demonstranten im GeziPark, die den Park behalten und die Gründung eines Einkaufszentrums verhindern wollten. Eine Frau wurde aus nächster Nähe mit einer Gaspistole attackiert, Menschen wurden im Schlaf mit Gaspatronen angegriffen und ihre Zelte wurden in Brand gesetzt. Dieses brutale Vorgehen trieb die Menschen auf die Barrikaden. Hierzulande wunderte man sich zeitgleich, weswegen es so viel Tumult wegen „ein paar“ Bäumen gab. Freilich stehen diese Bäume auch für sich als Bäume und auch dieser Park hat eine Geschichte, aber die Bäume repräsentieren mehr, sie wurden zum Symbol für die Grundrechte der Menschen, für die Demokratie in der Türkei, sie stehen für alle bisher ermordeten, verschollenen, misshandelten und zu Unrecht inhaftierten Menschen, darunter viele junge Menschen, auch viele Autoren, unzählige Dichter. / mehr

66. Sprachsalz

Die Internationalen Literaturtage Sprachsalz in Hall in Tirol bieten vom 13.–15. September 2013 einmal mehr Begegnungen und Empfehlungen der besonderen Art, wenn drei Tage lang das Parkhotel Hall zur Literaturbühne wird.

Ein Schwerpunkt gilt in diesem Jahr verstärkt der Lyrik: Zu Gast sind die deutsch-türkische Dichterin Zehra Çırak und der mehrfach ausgezeichneten Leipziger Lyriker und ÜbersetzerAndre Rudolph. Die österreichische Autorin Waltraud Haas ist ebenso zu erleben wie der New Yorker Dichter und Romancier Alan Kaufman, der u.a. aus seinem soeben erschienene Lebensgeschichte „Drunken Angel“ lesen wird.

Passend zum Buchmessen-Schwerpunkt Argentinien wird Hernán Ronsino seinem Roman Letzter Zug nach Buenos Aires vorstellen. Kleist-Preisträger Max Goldt verspricht beim großen Sprachsalz-Fest am Samstagabend Amüsant-Bösartiges. Die österreichischen Schriftsteller Hanno Millesi und Michael Stavaric präsentieren ihre aktuellen Romane ebenso wie Markus Köhle und Matthias Mander. 

Starke weibliche Stimmen der zeitgenössischen Schweizer Literatur sind mit der französischsprachigen Autorin und Regisseurin Anne CuneoBettina Spoerri und Ulrike Ulrich zu Gast. Freuen kann man sich weiters auf die slowakisch-schweizerische Schriftstellerin und Journalistin Irena Brezna und die soeben für ihr Gesamtwerk mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnete Grand Dame Erica Pedretti.

Am Festival-Freitag findet wieder eine Kooperation mit den Klangspuren Schwaz statt: Dieser musikalische Abend mit textlichen Interventionen steht ganz im Zeichen des romantischen Erbes: Zu hören sind u.a. Kompositionen von Wolfgang Rihm oder Heinz Holliger. Wie alle Sprachsalz-Veranstaltungen ist auch diese bei freiem Eintritt zu besuchen. / buecher.at

65. Heute

17.7.

  • 1245: Das von Papst Innozenz IV. geführte Konzil von Lyon geht zu Ende mit der Absetzung von Kaiser Friedrich II. Seine Weigerung, das Konzept jüdischer Ritualmorde zu akzeptieren, galt als Ketzerei. Er hat den Beschluß allerdings wenig beachtet. Friedrich II. war ab 1198 König von Sizilien, ab 1211/12 deutscher König und von 1220 bis zu seinem Tod 1250 Kaiser des römisch-deutschen Reiches, ab 1229 außerdem König von Jerusalem. Er war vielseitig künstlerisch und wissenschaftlich interessiert und holte nach arabischem Vorbild viele Dichter an seinen Hof, darunter den Erfinder des Sonetts, Giacomo da Lentini.
  • 1505: Martin Luther tritt in das Erfurter Augustinerkloster ein.
  • 1810: Geburt des Reformjudentums in Seesen (Niedersachsen) mit dem Ziel, das Judentum zu modernisieren und eine Brücke zwischen dem jüdischen Leben und der umgebenden Kultur zu schlagen.
  • 1871: Lyonel Feininger geboren. 1887 verließ er die USA, um in Deutschland Musik (später Kunst) zu studieren. 1937 kehrte er in die USA zurück, warum wohl?
  • 1888 (vor 125 Jahren): Der ungarische Schriftsteller Milán Füst geboren. Er schrieb Gedichte, Dramen und psychologische Romane Auf Deutsch u.a. Herbstdüsternisse : Gedichte, „Aufzeichn.“ / Milán Füst. [Aus d. Ungar. Nachdichtung von Franz Fühmann. Übers. von Paul Kárpáti. Ausw. von Franz Fühmann u. Paul Kárpáti]. Leipzig: Reclam 1974.
  • 1918: Auf Befehl Lenins wird Zar Nikolaus II mit seiner Familie in Jekaterinburg hingerichtet.
  • 1936: Beginn des Spanischen Bürgerkrieges.
  • 1939 Der Musiker Spencer Davis (Spencer Davis Group) geboren.
  • 1940: Ringo Starr (Beatles) geboren. Nächstes Jahr wird er 64 + 10.
  • 1941(22. Tamuz, 5701): 1200 Juden in Slonim, Weißrußland, ermordet.
  • 1961 – Motown Records veröffentlicht die erste Single der Supremes: „Buttered Popcorn“.
  • 1968 – Premiere des Beatles-Cartoons „Yellow Submarine“ in London
  • 1969: Uraufführung des Films „Easy Rider“
  • 1979: Ende des seit 1978 andauernden Bürgerkrieges in Nicaragua mit dem Sieg der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront über die Truppen des Diktators Somoza.

64. Sutzkever 100

Am 15.7. vor 100 Jahren wurde Abraham Sutzkever in Smorgon (heute Weißrußland) geboren, einer der größten jiddischen und israelischen Dichter. Hier einige aktuelle Nachrichten und ein Gedicht

Durch Frejdke Levitan lernte Abraham Sutzkever den Direktor des Instituts Max Weinreich kennen, der ihn mit den wider­strei­tenden Strömungen der jiddischen Avantgarde bekannt­machte. Da gab es »Di chaliastre« (Die Bande), die von romanti­sie­render Städtllyrik Abschied nahm, um den deutschen Expressionisten mit ihrer Groß­stadt­realis­tik nach­zueifern. Zum nicht­natu­ralis­tischen Schöpfungs­akt eines bilder­trunkenen Subjekts wurde das Dichten von den über Europa und Amerika verstreuten »Inzichistn« (Introspektivisten) erklärt. Die links­gerichtete Gruppe »Jung Wilne« (Junges Wilna) faßte Dichtung als politischen Auftrag auf. Ihr schloß Sutzkever sich an, bemühte sich jedenfalls darum. Sein Freund Shmerke Katsherginski sollte rückblickend sagen: »Es war für Sutzkever nicht leicht, in unsere junge Autorenfamilie aufge­nommen zu werden. Deshalb nicht leicht, weil er uns fremd war. Genauer gesagt: sein Werk war uns fremd. Unser Auge war an ausgetretene Wege gewöhnt«. (…)

In Abgrenzung zur Lyrik der klassischen Moderne des Westens entwickelte Sutzkever eine der alter­nativen Moderne des Ostens. »Das progressive Menschen­pack« von Marx sollte mit dieser Dichtung jene Revolution initiieren, in deren Verlauf eine im »universellen Austausch erzeugte Univer­salität der Bedürfnisse, Fähig­keiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen« alltäglich würde. In der Dichtkunst hatte Arthur Rimbaud das multiple Dasein des Individuums erprobt: »Ich – das ist ein anderer.« Was aber ist die Invariante, die in diesem univer­sellen Austausch von Fähig#-keiten und Bedürf­nissen Bestand haben wird?

Sutzkever beantworte diese Frage im Rückgriff auf außer­gewöhn­liche Erfah­rungen: »Ich – das ist die Kind­heit«. Er hatte die Symbo­listen studiert, auch Rimbaud. Der hatte seine Kindheit gehaßt. Sutzkever hingegen entdeckte die Fluß­land­schaft am Irtysch in Sibirien, wohin seine Familie im Ersten Weltkrieg ver­bracht worden war, als Ort des ekstati­schen Aufbruchs. Voll kindlicher Dank­barkeit berauschte er sich am ungebär­digen Leben der Altein­gesessenen und meinte später: »Jeder Mensch, aber besonders ein Schrift­steller, hat in seinem Leben und Schaffen seine Sehnsucht, seine Phantasie. Meine Phantasie ist Sibirien. Ich glaube, daß ich dort schon zum Schrift­steller wurde, obwohl ich damals noch keine Gedichte geschrieben habe.« / Antonín Dick, Poetenladen (auch in junge Welt)

1913: Birthdate of Avrom Sutzkever. Born in Russia, this Holocaust survivor is variously described as “an acclaimed Yiddish poet,” “one of the great poets of the 20th century” and „the greatest poet of the Holocaust.“ According to David G. Roskies, Sutzkever was the greatest poet of the Holocaust, who was also a leader of the Vilna ghetto and a partisan fighter. It would have been enough, he tells us, had Sutzkever been only “a symbol of hope and creative power for the powerless Jews of the ghetto,“ but he was much more. As “the foremost among Jewish poets“ Sutzkever “made the memory of the dead the nexus of his artistic expression.“ In his major prose poem, “Green Aquarium,“ Sutzkever accomplishes the transcendence of the dead by proposing the victory of poetry over death, art over destruction, neo-classical form over chaos, and the beauty of what remains in the universe after barbarism has done its terrible work He passed away in Tel Aviv.  There is no way to do justice to his work, which you can read in English here. / Cleveland Jewish News

Andree Ochodlo: Abraham Sutzkever to jeden z najbardziej cenionych poetów, piszący w jidysz. Przez wiele lat był kandydatem do Nagrody Nobla, był przyjacielem Czesława Miłosza i Polski. W dniu 15 lipca świętowałby swoje setne urodziny. Jeśli ktoś chciałby dowiedzieć się więcej, polecam książkę: „Wilno Jerozolimą było – rzecz o Abrahamie Sutzkeverze“, autorstwa Daniela Kaca, opublikowaną przez Wydawnictwo Pogranicze. / cjg.gazeta.pl

Abraham Sutzkever survived the Holocaust, immigrated to Palestine and was the only Yiddish poet awarded the Israel Prize / Haaretz

In den ersten Jahrzehnten des jüdischen Staates stand die jiddische Sprache nicht hoch im Kurs. Erst 1985 erhielt er als erster jiddischer Dichter den Israelpreis, 2005 erschien eine Ausgabe mit Übersetzungen ins Hebräische.

1948 schrieb er das Gedicht „Jiddisch“ als Reaktion auf Behauptungen, es handle sich um eine tote Sprache.

yidish
(farfast 1948)

zol ikh onheybn fun onheyb?
zol ikh vi avrohom
oys brudershaft tsehakn ale getsn?
zol ikh zikh a lebedikn lozn iberzetsn?
zol ikh aynflantsn mayn tsung
un vartn biz farvandlen
vet zi zikh in oves|dike
rozhinkes mit mandlen?
vos far a katovesdike
vitsn
darshnt mayn poezye-bruder mit di baknbardn,
az mayn mame-loshn geyt bald unter?
mir veln nokh in hundert yor arum do kentik zitsn
un firn di diskusye bay dem yarden.
vayl a shayle noglt un noglt:
oyb er veys genoy vu
di tfile fun berditshever,
yehoyeshes lid
un kulbaks
voglt
tsu dem untergang –
to zol er mir, a shteyger,
onvayzn – vuhin – di shprakh geyt-unter?
efsher bay dem koysel-marovi?
oyb yo, vel ikh dort kumen, kumen,
efenen dos moyl,
un vi a leyb,
ongeton in fayerdikn tsunter,
aynshlingen dem loshn vos geyt-unter,
aynshlingen un ale doyres vekn mit mayn brumen!

ייִדיש

זאָל איך אָנהײבן פֿון אָנהײב?
זאָל איך װי אַװראָהאָם
אױס ברודערשאַפֿט צעהאַקן אַלע געצן?
זאָל איך זיך אַ לעבעדיקן לאָזן איבערזעצן?
זאָל איך אײַנפֿלאַנצן מײַן צונג
און װאַרטן ביז פֿאַרװאַנדלען
װעט זי זיך אין אָבֿותדיקע
ראָזשינקעס מיט מאַנדלען?
װאָס פֿאַר אַ קאַטאָװעסדיקע
װיצן
דאַרשנט מײַן פּאָעזיע־ברודער מיט די באַקנבאַרדן,
אַז מײַן מאַמע־לשון גײט באַלד אונטער?
מיר װעלן נאָך אין הונדערט יאָר אַרום דאָ קענטיק
זיצן
און פֿירן די דיסקוסיע בײַ דעם ירדן.
װײַל אַ שאלה נאָגלט און נאָגלט:
אױב ער װײס גענױ װוּ
די תּפֿילה פֿון בערדיטשעװער,
יעהױעשעס ליד
און קולבאַקס
װאָגלט
צו דעם אונטערגאַנג ־
טאָ זאָל ער מיר, אַ שטײגער,
אָנװײַזן ־ װוּהין ־ די שפּראַך גײט־אונטער?
אפֿשר בײַ דעם קױסעל־מאַראָװי?
אױב יאָ, װעל איך דאָרט קומען, קומען,
עפֿענען דאָס מױל,
און װי אַ לײב,
אָנגעטאָן אין פֿײַערדיקן צונטער,
אײַנשלינגען דעם לשון װאָס גײט־אונטער,
אײַנשלינגען און אַלע דורות װעקן מיט מײַן
ברומען!

/ Bibliotheca Augustana

Jiddisch

Soll ich von Anbeginne anbeginnen? / Soll ich wie Abraham / aus Bruderschaft alle Götzen zertrümmern? / Soll ich mich noch beim Leben übersetzen lassen? / Soll ich meine Zunge einpflanzen / und darauf warten, / bis sie sich in urväterliche / Rosinen und Mandeln verwandelt? / Welche vor Unsinn strotzenden / Witze / predigt mein Poesie-Bruder mit dem Backenbart darüber, / dass meine Muttersprache bald untergehen würde? / Klar ist, dass wir noch in hundert Jahren hier sitzen / und am Jordan die Diskussion führen werden. / Denn eine Frage bohrt und bohrt: / Weiß er denn tatsächlich, wo / das Gebet des Berditschewers, / Jehoasch‘ Dichtung / und die von Kulbak / dem Untergang / entgegenzieht – / Soll er mir also etwa / zeigen, wohin die Sprache untergehend verschwindet? / Vielleicht bei der Klagemauer? / Wenn dem so ist, werde ich dorthin kommen / und den Mund auftun / und wie ein Löwe, / gehüllt in feurigen Zunder, / die Sprache, die da untergeht, verschlingen, / verschlingen – und alle Generationen mit meinem Brüllen wecken!

Deutsch von Armin Eidherr in: Armin Eidherr, Sonnenuntergang auf eisig-blauen Wegen: Zur Thematisierung von Diaspora und Sprache in der jiddischen Literatur des 20. Jahrhunderts
Band 1 von Poetik, Exegese und Narrative / Poetics, Exegesis and Narrative
V&R unipress GmbH, 2012
ISBN 3899719948, 9783899719949
Länge 382 Seiten hier

Yiddish

Shall I start from the beginning?
Shall I, a brother,
Like Abraham
Smash all the idols?
Shall I let myself be translated alive?
Shall I plant my tongue
And wait
Till it transforms
Into our forefathers‘
Raisins and almonds?
What kind of joke
Preaches
My poetry brother with whiskers,
That soon, my mother tongue will set forever?
A hundred years from now, we still may sit here
On the Jordan, and carry on this argument.
For a question
Gnaws and paws at me:
If he knows exactly in what regions
Levi Yitzhok’s  prayer,
Yehoash’s poem,
Kulbak’s song,
Are straying
To their sunset —
Could he please show me
Where  the language will go down?
May be at the Wailing Wall?
If so, I shall come there, come,
Open my mouth,
And like a lion
Garbed in fiery scarlet,
I shall swallow the language as it sets.
And wake all the generations with my roar!

1948

Transl. by Barbara and Benjamin Harshav, in: Sutzkever, A. A. Sutzkever: Selected Poetry and Prose. Berkeley:  University of California Press,  c1991 1991. http://ark.cdlib.org/ark:/13030/ft5q2nb3z7/

63. Kein Abseits

Sechs Wochen lang, bis Ende August, dauert der Lyriksommer im Deutschlandradio Kultur. Während dieser Zeit hören Sie morgens vor 8.00 Uhr und nachts in Fazit – jeweils ein zeitgenössisches deutschsprachiges Gedicht. Außerdem präsentieren wir in den unterschiedlichsten Sendungen, auch in den Lesungen am Samstag immer wieder Lyrik. / Deutschlandradio

Mittwoch, 17. Juli
Gedicht des Tages
Ursula Krechel: „Ein Gedicht entsteht“

Donnerstag, 18. Juli
Gedicht des Tages
Ginka Steinwachs: „Yogalaute II“

Freitag, 19. Juli
Gedicht des Tages
Irmela Brender: „Was ein Kind braucht“

62. Dichtersoll

Eine Version aus der früheren und frühen DDR. 1960 schrieb der Dichter Paul Wiens ein Gedicht im Kontext seiner „Neuen Harfenlieder des Oswald von Wolkenstein“, mit denen er 1957 schon einmal untergegangen war. 1962 druckte es das „Neue Deutschland“, aber der für 1963 angekündigte Band erschien dann doch nicht. Erst 1968 kam ein neuer Band mit einer Auswahl der „Neuen Harfenlieder“, aber ohne „Dichtersoll“ und manche andere. 1972 erschien  in anderem Verlag eine größere Auswahl, umfangreicher wenn auch nicht komplett, aber nun mit dem „Dichtersoll“:

Dichtersoll

Ein spaß für die kleinen,
ein rauch für die reinen,
ein lied für die leisen,
ein blitz für die weisen
und für die jugend
ein traum ohne tugend …

Wenns wir poeten
doch wagten und täten,
nicht selbst uns belögen,
daß wirs zwar vermögen,
daß aber…
……………. Ja, ja,
der staat ist noch da!

Paul Wiens: Vier Linien aus meiner Hand. Gedichte 1943-1971. Leipzig: Reclam, 1972, S. 96.

Von Vian auf Wiens kam ich über einen Reim, der unverhofft aus dem Gestrüpp des Gedächtnisses auftauchte: „Lebte der gute Goethe / er wüßte, was er täte!“ Der Staat? Ist immer  da.