„Der Poet als Maskenball. Über imaginäre Dichter“, lautete das Thema der 63. Poetikdozentur, die Jan Wagner am Mittwoch an der Universität mit seinem Vortrag präsentierte. (…) Wagner behauptet, dass man mit all den imaginären Dichtern, die von verschiedenen Schriftstellern geschaffen wurden, „ein Festival feiern könne“, so viele gäbe es davon. Ein Beispiel dafür wäre die von den Autoren Ferdinand Schmatz und Franz Josef Czernin im Jahre 1986 erschaffene „Irene Schwaighofer“, unter deren Namen sie zeitgenössische Lyrik veröffentlichen wollten. „Die Reisen. In achtzig Gedichten um die ganze Welt“ hieß der Gedichtband, der letzten Endes unter dem Namen von Czernin publiziert wurde, obwohl er und Schmatz sich eigentlich einen Spaß daraus machen wollten, besonders schlechte Gedichte zu schreiben.
Die Rezeption war enorm – und als der Bluff aufgedeckt wurde, war der Skandal in Österreich groß. / Wiesbadener Kurier
Der Gegensatz, mit dem Rinck spielt, ist nicht schwer zu verstehen. Eine Langschläferin fühlt sich vom gottgefälligen Leben der Tischler bedrängt. Deren Werte liegen ihr fern, sie lebt in einer anderen Welt und kann deswegen nur vermuten, dass Andere die Emsigkeit zu früher Stunde zu schätzen wissen. Im ersten Moment könnte man also denken, das Gedicht verspotte die tumbe Wiederholung des arbeitsamen Lebens. Redewendungen wie „Oberkante Unterlippe“, „immer dieselbe Platte abspielen“ und idiomatische Ausdrücke wie „Nervensäge“, auf die Rinck anspielt, legen das nahe. Ebenso der Stabreim, der das Thema des Immergleichen auf der Klangeben durchspielt.
Aber wir haben es hier nicht mit einem selbstgewissen Ich zu tun, das spotten könnte. Die Bedrohung ist echt. Die Ausdrücke, die das anzeigen, sind gerade in der Art, wie sie sich verbergen, zu kräftig als dass es nur um ein selbstgefälliges, humoriges Lob des Laissez-faire gehen könnte. Der Schmerz steckt im „scherzerfüllt“, die Todesangst im „dengeln“: ein altes Verb für das Schärfen einer Sense, die im kalten Zustand flach gehämmert und so zugleich gehärtet wird. Der Rhythmuswechsel und der deutlich markierte Widerspruch in der Mitte des Gedichts („doch“) betonen die Furcht vor dem Automatismus des redlichen Lebens, auf dessen Geheiß nicht nur Fenster, sondern auch schon Menschen zertreten wurden. / Insa Wilke in der Frankfurter Anthologie über das Gedicht „die tischlerplatte“ aus dem Band
Monika Rinck: „zum fernbleiben der umarmung“. Gedichte. Mit Zeichnungen von Andreas Töpfer. Kookbooks, Idstein 2007. 78 S., br., 14,90 €.
Das Kofferwort Lytropolis steht für die Synopsis aus Lyrik und Stadt. Mit einem reichhaltigen Programm aus Filmvorführung, Ausstellung, Live-Hörspiel, Performance und interaktiver Installation soll Lyrik künstlerisch und technisch interdisziplinär zurück in die Stadt getragen werden. Dabei wird eine Auseinandersetzung auf mehreren Ebenen angestrebt, bei dem auch auf die Besucher als Konstrukteure statt Konsumenten gesetzt wird.
So wird für das Publikum eine Sprecherkabine gebaut, in der es ein für diesen Anlass geschriebenes Gedicht einlesen kann, während eine Videokamera den Vorgang zusätzlich festhält. Die Aufnahmen werde noch während der Veranstaltung gesichtet und geschnitten, um am Abend im Hauptsaal vorgeführt zu werden.Extra für die Lytropolis werden verschiedene Literatur-Videoclips produziert, wobei der Poetryclip “Afterhour” sozusagen als Pilotfilm dient: Die Künstler des vorgetragenen Wortes inszenieren ihre Texte selbst, die Art der Inszenierung ist dabei frei wählbar.
Zusätzlich wird mit der Ausstellung “Texting and Processing” die Entstehung, von ersten Text-Ideen auf Bierdeckeln, über anfängliche Entwürfe und handschriftliche Korrekturen bzw. Notizen, bis hin zum fertigen Werk, transparent gemacht. Ergänzend dazu setzen Künstler, unter anderem der Cartoonist André Poloczek und der Fotograf René Omenzetter, mit ihren Arbeiten zu Gedichten Zerbolesch’s, weitere Akzente. (…)
Der Wahlwuppertaler Hank Zerbolesch ist seit einigen Jahren als Bühnenliterat und Poetry Slammer deutschlandweit unterwegs. Jüngst hat er es geschafft, mit seinem Projekt Podcastpoesie, der Arbeit vieler Literaten, Autoren und Poeten eine neue Dimension zu verschaffen, in dem er nicht nur für eine Publikationsplattform eingelesener Texte sorgte, sondern auch die Möglichkeit bietet im Haus eigenen Aufnahmestudio Texte einzulesen. Ausserdem engagiert sich Zerbolesch auch beim Kunst-, Kultur- & Musik-blog [talfunk] als regelmäßiger Kolumnist und hat für das Borderline-Magazin einen s.g. Poetryclip mit dem Titel “Afterhour” produziert (Die Premiere fand am 27.2.2013 statt). / Mehr
Der kleine, kräftige Mann, der, akkurat gekleidet, die Tür öffnet, ist einer der einflussreichsten Dichter Israels, seine Lyrik Teil der dortigen Alltagskultur und in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
«Womit versüsst man Tage, wenn nicht mit Gedichten», heisst es in einem seiner Verse. Seit 1955 versüsst der 1930 als Harry Seitelbach in Berlin geborene Zach die Tage, wobei er alles andere als ein poetischer Zuckerbäcker ist. Mit seiner ironischen, pathosfreien Dichtung hat er die hebräische Lyrik in die Moderne geführt. Er prägt sie bis heute – als «bitterer, sehr kalter Romantiker». Umso mehr wundert es, dass erst jetzt im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp ein Buch erschienen ist, das es deutschsprachigen Lesern erlaubt, sich wenigstens mit einem Querschnitt von Zachs Schaffen bekanntzumachen. «Verlorener Kontinent» lautet der Titel der mit siebenundachtzig Seiten viel zu bescheiden ausfallenden Gedichtsammlung. Warum so spät? Der Israelpreisträger gibt sich gleichgültig: «Ich habe eben fünfzig Jahre nichts getan, um ein Buch in Deutschland zu veröffentlichen.» (…)
Vor drei Jahren pries Zach, der in Jerusalem bei Martin Buber, Ernst Simon, Hugo Bergmann studiert und später in England promoviert hatte, in einer TV-Sendung die Kultur der Aschkenasim. Sie sei nicht vergleichbar mit derjenigen orientalischer Juden – denn diese kämen «aus Höhlen». Sein Rassismus erboste viele Intellektuelle, seine Ankündigung, an der nächsten Gaza-Flottille teilzunehmen, hingegen die Politiker. In der Knesset wurde darüber abgestimmt, ob man Zachs Gedichte aus den Schulbüchern entfernen solle. Die Mehrheit war dagegen. Doch Zach sucht keine Mehrheiten. Ihm sind Dissidenten näher und Einzelgänger. Schon in den 1950er Jahren liess er Leonard Cohen bei sich übernachten, später freundete er sich mit Yitzhak Rabin an, traf sich mit Nelson Mandela oder Jürgen Fuchs. (…)
Insgesamt sieben Sprachen spricht er. «Da hat mir mal jemand gesagt, oh, Sie sind ja ein Genie. Ich habe geantwortet: Wer sieben Sprachen spricht, ist kein Genie, sondern ein Flüchtling.» (…)
An der Hebräischen Universität in Jerusalem entwickelte sich Anfang der 1950er Jahre eine neue literarische Strömung: «Likrat» nannte sich eine Gruppe junger Dichter, und ebenso hiess die von ihnen herausgegebene literarische Zeitschrift. Natan Zach war ihr Kopf.
«Likrat» leitete eine Wende in der Lyrik des jungen Israel ein. Sie hatte Auswirkungen sogar auf die Entwicklung der Prosa. Bis dahin hatten Pathos und ein hochtrabender Stil die hebräische Literatur bestimmt; die Lyrik orientierte sich stark am russischen Symbolismus und verherrlichte, auf sozialistisch-zionistischer Ideologie fussend, die neu gewonnene Heimstatt des jüdischen Volkes in Erez Israel. Indem er sich der Alltagssprache bediente, mit Bedeutungen spielte und anstelle der ideologischen die dichterische Weltanschauung in den Mittelpunkt des Schreibens rückte, die individuelle Erfahrung thematisierte anstatt die des Kollektivs, revolutionierte Zach die Literatur des Landes, in dem er mit seinem kulturellen Hintergrund ein Aussenseiter war. / Carsten Hueck, NZZ
Natan Zach: Verlorener Kontinent. Gedichte. Aus dem Hebräischen von Ehud Alexander Avner. Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013. 87 S., Fr. 28.50.
«Es gid der Ziiti, die siin eso tärra, ganz ohni Wiiti und siin eso schwärra; gsehscht niena, das’s epumha Heitri macht, gheit Stäärnen ir chiidigen, fiischterren Nacht!» Mit diesem vertonten Gedicht des Brienzer Dichters Albert Streich beginnt das Stück «Vehsturz» im Landschaftstheater Ballenberg. (…)
«Vehsturz» beruht auf dem Gedicht «Der Vollechiejer» von Albert Streich. Seine Gedichte, vorgetragen und gesungen von den Schauspielern, ziehen sich wie ein roter Faden durch das Stück. Auch der Dichter selbst taucht in der Figur von Elsis Onkel Tschuri (Paul Eggenschwiler) auf und schlägt seine Verse nach und nach in eine alte Schreibmaschine. / Florian Wehrli, Jungfrau Zeitung
Deutsch ist seine Sprache, Lyrik seine Profession, er ist der Autor der deutschen Gegenwartslyrik macht der deutschen Sprache Beine, entdeckt sie neu, findet und erfindet, konzentrierte Begrifflichkeiten die ganze Gedankenwelten zusammenfassen. Lyrik ist kein Allgemeinplatz, die Auflagen der gedruckten Werke bewegen sich im unteren vierstelligen Bereich und doch hat der junge Mann eine wachsende Fangemeinde. Seine Sprache ist anders, sein neuer Band bewegt sich inhaltlich in Grenzgebieten, wie er sagt, in den Dämmerungsatmosphären des Morgens und Abends. Noch nicht ganz wach oder noch nicht schlafend, fließen die Wörter und Sätze aus den Gedichten, es ist feucht, glitschig und ruhig, die Farben, Klänge und Gerüche sind anders, Dämmerung eben, verdecktes Gelände. / Hallertau Info
Feridun Zaimoglu empfiehlt „Was wäre ich am Fenster ohne Wale“
Kunsts Gedichte beginnen mit einer eher beiläufigen Geste, einer Alltagsbeobachtung oder flüchtigen Reise-Impression, begeben sich dann aber in eine Sphäre des Geheimnishaften …
Stand: 08.07.2013

Der Schriftsteller und Künstler Feridun Zaimoglu, der gerade zusammen mit Günter Senkel das biblische Stück „Moses“ auf die Bühne gebracht hat, hält den Schriftsteller Thomas Kunst für „einen der größten lebenden Dichter, die wir im deutschsprachigen Raum haben.“
In dem Gedichtband „Was wäre ich am Fenster ohne Wale“ faszinierten den Autor und Künstler Zaimoglu die „unglaublich schönen, gewaltigen Liebespoeme“, deren Lektüre er allen empfiehlt.
Frankfurter Verlagsanstalt
Lotto Brandenburg setzt sich seit 1993 im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung für die Gegenwartskunst im Land Brandenburg ein, um damit zur Vielfalt und Vitalität des Kunstschaffens insgesamt beizutragen. Die Würdigung einzelner Künstler bedeutet für die LBL, die Werke im eigenen Haus zu präsentieren. Damit wird die Modellhaftigkeit des bildnerischen Denkens der Künstler Ausdruck verliehen und diese der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nach Katalogförderungen bis 1998 und der Vergabe von Arbeitsstipendien für Fotografie von 1999 bis 2003 rief Lotto Brandenburg 2005 erstmals den „Kunstpreis Literatur Fotografie“ ins Leben.
2013 vergibt Lotto Brandenburg zum neunten Mal den „Kunstpreis Literatur Fotografie“. Für jede Kunstform wurden Preisgelder im Gesamtwert von 10.000 Euro ausgelobt.
Der Kunstpreis Literatur 2013 geht für zwei Werke aus der Lyrik an:
Björn Kuhligk (5.000 Euro) für „Die Stille zwischen null und eins“ (Verlag Hanser Berlin)
Tom Schulz (5.000 Euro) für „Innere Musik“ (Berlin Verlag)
Der Kunstpreis Fotografie 2013 geht an:
Ingar Krauss (6.000 Euro) für die Arbeit „Nature Morte“
Julian Röder (4.000 Euro) für die Arbeit „Mission And Task“
Die Werke der Kunstpreisträger werden in einer Publikation als Katalog (Fotoarbeiten) mit Hörbuch (Passagen) vorgestellt. Der Katalog ist zur Preisverleihung am 12. September 2013 und danach auf Anfrage bei Lotto Brandenburg kostenfrei erhältlich.
Weitere Informationen zum Kunstpreis, zu den Preisträgern und Ausschreibungsmodalitäten finden Sie unter http://www.kunstpreis-literatur-fotografie.de .
WDR3: Passagen, 21.05.2013 Rezension: Walter Höllerer, Gedichte aus dem Nachlass, in: randnummer. Rezensent: Ulrich Rüdenauer
O-Ton Marcel Beyer
(…) es hat sehr viel damit zu tun gehabt, der Lyrik das sonntäglich Feierliche zu nehmen. Gedichte sind nicht das, was man zu hören bekommt, wenn Oma 80 wird. Sondern der Gedanke war, eigentlich greifen Gedichte in unser Leben ein, und sie begleiten unser Leben. Wie kann das funktionieren? Und so kam es zu dieser Debatte ums lange Gedicht. Und mit dem langen Gedicht war natürlich auch verbunden, dass das Gedicht in der Lage ist, ungeheuer viel Material in sich aufzunehmen, ohne dass es als Gedicht in seiner Form zerbrechen würde. Das ist ja etwas, worauf man gar nicht häufig genug hinweisen kann. Dies darf in ein Gedicht, nein diese gehört aber nicht in ein Gedicht… Nein, alles kann in ein Gedicht hineinkommen, das ist das Verrückte. Und das Nachdenken, das theoretische, aber auch das lesende Nachdenken über Literatur und über Gedichte hat sich bei Walter Höllerer immer in seinen eigenen Gedichten, in seinen eigenen Texten niedergeschlagen. Das heißt, das sind Gedichte, die nicht verleugnen, dass man auch nachdenken kann. Und das ist doch eigentlich was sehr Schönes.
Sprecher
In „Systeme“ heißt es: „laßt uns / unverbogene-Bilder benützen / nicht die qualvoll abgesperrten / Idyllen“. Im Umfeld dieses Bandes sind noch weitere Gedichte entstanden, die nicht in die Publikation aufgenommen worden sind. Tom Bresemann, selbst Lyriker und Literaturveranstalter, hat sie im Archiv entdeckt – 40 Jahre nach ihrer Entstehung sind sie faksimilierter Form in den Literaturzeitschriften „Sprache im technischen Zeitalter“ und „randnummer“ erschienen. Nun wird der Literaturimpressario endlich wieder als Dichter wahrgenommen, der Impulse bietet und neue Schreibwege eröffnet.
O-Ton Tom Bresemann
Und das ist was, was ich eben heute auch sehe, was ich auch bei vielen Vertretern eigentlich der, sagen wir mal, wie immer zu nennenden avantgardistischen Lyrik sehe: Norbert Lange, Konstantin Ames, auch viele der kookbooks-Leute. Es geht gar nicht darum, das gegeneinander auszuspielen, mir geht es nicht darum, dass Höllerer irgendwie besser ist oder andersrum, sondern es geht eben ganz direkt darum, dass ich Höllerer eigentlich als Zeitgenossen von uns sehe.
Walter Höllerer: Gedichte aus dem Nachlass, in: randnummer (Ausgabe 5), Berlin 2012, 8 Euro sowie in Sprache im technischen Zeitalter (Heft 203) Köln 2012, 14 Euro.
Silben & Sinn – Übungen in Primzahlen
mit gelegentlichen Ausbrüchen.
3/5/3=11; 3/5/3+5/5=21; 5/7/5=17; 5/7/5+7/7=31.
Arnfrid Astel
Aus: Sand am Meer (zikaden.de)
Die Seite ist exakt so lange wie meine Lyrikzeitung im Netz: seit 1.1. 2001 – mit tausenden Texten.

Als ihm Anfang der 70er – kein Text über Astel kommt an dieser bundesrepublikanischen Wegmarke vorbei – der damalige SR-Intendant Franz Mai wegen seiner politischen Unbotmäßigkeit fristlos kündigte, erlangte Astel einige Berühmtheit. Dass ihm dies später als Künstler nicht gelang (mit Ausnahme vielleicht seiner im Zweitausendeins-Band „Neues & Altes vom Rechtsstaat & mir“ 1978 gesammelten, häufig eher platten politischen Lyrik), mag kränkend gewesen sein. Viele kritische Geister solidarisierten sich damals mit ihm. Doch brauchte es drei Arbeitsgerichtsprozesse, ehe Astel 1973 seine Rückkehr auf den Halberg juristisch durchgesetzt hatte.
Über Jahrzehnte hinweg kultivierte er in seiner Sendung „Literatur im Gespräch“ etwas, was man heute vergeblich im Radio sucht: ein unorthodoxes Gespräch über wesentliche Lebensfragen, bei dem der Gastgeber mit Vorliebe entlegene Wege einschlug – festgemacht an alten und modernen Mythen, an Botanik und Semantik, an antiken oder neuzeitlichen Wahrheitsbegriffen. Nicht selten meinte man am Ende mancher Sendung, dass ein Daseinszipfel gelüftet worden war. Vielleicht deshalb, weil Astel in diesen Gesprächen (eine Auswahl ist unter www.literatur-im-gespraech.de abrufbar) im Grunde auf dasselbe zielte, was ihn seit den 80ern in den Kurz-Gedichten seiner nachpolitischen Zeit umtrieb: „die Verwirklichung des Wunsches, dass der Augenblick bleibt“. Astels tausende Kurzgedichte (zu finden unter www.zikaden.de) lassen sich insoweit als Augenblicks-Kondensationen begreifen. Mit den Mitteln einer raffinierten Naivität bringen die besten seiner Drei- und Vierzeiler zusammen, was so noch in keinem Gedankenbett beieinander lag. / Saarbrücker Zeitung
Suffice to say I’ve never encountered a more interesting or eccentric poetry contest than this one recently posted to Craigslist, in which an anonymous benefactor is awarding $10,000 to a promising poet, who has to submit to a job interview and essentially prove they need the money.
Submissions are to be made via email (whisper.river@yahoo.com) by July 19th and should include the poem, the background of the poet/applicant, and descriptions of why you want this grant as well as, if you were selected, how you would use the funds.
The benefactor will select the 10 most intriguing poems and will meet with the writers by the end of July.
The main consideration is that the poem be the best. The secondary consideration will be someone’s need. A letter or note submitted could also have some weight. / mehr
There have been grim indications these last weeks about the breadth and opacity of the U.S. Government’s ability and willingness to track phone conversations, read e-mails, and generally listen in to regular American life: as a person with a non-zero amount of (emotional/psychological rather than legal/punishable, I swear) secrets, I tend to empathize more quickly with the listen-ees than the listen-ers. At the same time, though, as a reader of poetry I’m always hoping to be the kind of person who reads uncompromisingly: I want to dig out the strange and taut relationship between mother and son in Jay Hopler’s poems (This kind of creepiness shows up over and over in his book Green Squall.), for example, and one of my favorite poems will always be William Carlos Williams’s “Danse Russe” (“WCW hosted at the Poetry Foundation.”), for its music, of course, but also because I get to picture the poet flopping around nude in front of a mirror. Lots of poets want people to feel like I do when I read: why aren’t there more readers? And why aren’t they more resolute voyeurs?
I’d never really put these two experiences together, though, until I read “File Zero” 《0档案》 by Yu Jian 于坚. “File Zero” is a 1992 poem that runs about ten pages in the original Chinese — its form is a fancifully elaborate, bureaucratic-style record of an individual’s birth, upbringing, education and adulthood. Here (“From the translation of Maghiel Van Crevel in RenditionsMagazine.”) is a bit from subsection five (“Thought Report”) of Chapter Four (“Daily Life”):
he wants to yell reactionary slogans he wants to break the law and violate discipline he wants to go into a frenzy he wants to degenerate
he wants to rape he wants to go naked he wants to kill a bunch of people he wants to rob banks….
he wants to capitulate he wants to be a traitor he wants to surrender to the enemy he wants to recant he wants to turn against his own side
The poem is far more wide-ranging than this — it covers, as well, the physical location of the file and its use, and does some truly convincing ventriloquizing of government annotations on the contents of the file — but the center of the experience I’m interested in today is this mixture between embarrassing secrets (“he wants to go naked”) that don’t really help or harm anyone in the telling, self-serving secrets (“he wants to kill a bunch of people”) that would cause trouble for the teller if shared, and tactical secrets (“he wants to surrender to the enemy”), the telling of which might well prevent you from doing something you want to do. These different types of drama subside, over the course of the poem, into an atomized, workaday list of things that are in the subject’s apartment: leather shoes, a 1.80 meter-long couch, a copy of the Teach-Yourself Handbook of Chinese.
One effect of reading this poem is a discovery of the arbitrariness of what we withhold: it is as if the surveilling agent wields a powerful telescope. As he zooms in, a picture of interest, to the authorities, at least, comes into focus. As he zooms further, that picture is lost, and the subject’s body fills the frame, then their shoulder, then the pores of the skin. There is a magnification beyond which stories as we know them cease, and what is under inspection is something human, something incontrovertible and, because it is so similar to the shoulder or the couch (“I estimate my couch is 1.6 meters or less. Kind of a love seat.”) of the rest of us, ultimately unpunishable. What’s better, now we have the power to share and keep this data in a file of our own, to make the information we want accessible in the way we want it — I’m reminded of the way in which the last breakfast (“Fried dough mixed with something people have trouble identifying, maybe melons. We’ll never know.”) of the Boston Marathon victim Lü Lingzi represented her on the internet in China.
So I propose a moratorium on the word “oversharing,” not because excessive communication doesn’t exist, but because the term as it’s used today insinuates that there is a type of self-expression that is apolitical, and it reserves the communication of detail for people who aren’t thinking through what they say or do. I propose that we make intentional, intellectual, and consensual operations on the scope of the information that we make public, and that we act with Yu Jian-style boldness and intentionality in producing our own files. (This would take place concurrently, of course, with the struggle to enforce clear, protective boundaries beyond which governments and business interests cannot go.) If we treat being 3D on the internet (“A Usenet post I wrote when I was 17 giving bad advice about Magic: The Gathering”) as if it were an embarrassment, we risk missing what can be accomplished by the dirtily close-up (“Suren Manvelyan’s photographs of the human eye.”). When the time for action comes, or when one needs to get away with something — and we all do — then we will keep it like a secret. As for the rest? Let them choke on it. Let them recognize it.
/ Nick Admussen, Boston Review
Der algerische Schriftsteller Kamel Derdour starb in Annaba im Alter von 58 Jahren an den Folgen einer Herzkrise. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, darunter “Les Consternations”, “Double Spirale” und “Tornade“. Sein letztes Buch erschien im Verlag Arabesques in Tunis, ein wahres Meisterstück für die Freunde der Reimkunst.
Auszug:
“Et ce pas si léger,/Pareil au pas d’un rubis/Respire la primevère…/ Que dire, Quoi dire ?…/Quels mots seraient censés te plaire ?/Je cherche mon vocabulaire/J’avale mes commentaires/Car le temps, insoumis,/Se soumet à ton pas/Si lent à venir,/Si prompt à partir,/Qui sans changer de cadence,/S’accélère et avance…”.
/ Liberté
Ich übersetze nur ein Fragment des Fragments, leider ohne die französischen Kreuz- und Querreime: „Was schreiben? / (…) Ich suche meinen Wortschatz / Ich verschlucke meine Kommentare / Denn die widerspenstige Zeit / unterwirft sich deinem Schritt.“
Hier ganz auf Facebook https://www.facebook.com/notes/kamel-derdour/lombre-dun-rubis/10151231990338785
Nicht ohne Reiz Googles Übersetzung in immer wieder überraschenden Findungen: „Und nicht so leicht, / Wie nicht einem Rubin / Breathe Primel … / Was soll ich sagen, was ich sagen soll .. / Welche Worte würden erwartet Sie bitte / Ich bin für meine suchen werden? Wortschatz / ich schlucke meine Kommentare / Denn die Zeit, rebellisch, in / an Ihrem Schritt submit / Wenn langsam zu kommen, / Wenn prompt aus, / Wer ohne Wechsel der Gangart, auf / zu beschleunigen und zu fördern … „.
Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium 2013
Der Preisträger 2013 ist Christoph Wenzel.
Begründung für die Preisvergabe

Christoph Wenzel, Aachener Lyriker und Literaturwissenschaftler mit westfälischen Wurzeln, hat seine Gedichte über Jahre hinweg beharrlich und konsequent weiterentwickelt. Sein Formbewusstsein hat sich besonders in jüngster Vergangenheit deutlich gestärkt, dies gepaart mit einer gewachsenen Souveränität im Umgang mit dem lyrischen Bild.
Wenzels Gedichte handeln vom ganz Alltäglichen und sie befleißigen sich dabei einer einfachen, verständlichen, nicht aber schlichten Sprache. Er scheut sich dabei nicht, „Heimatlyrik“ in einem guten und ganz neuen Sinne zu schreiben.
Eine „Heimatlyrik“, die sich – natürlich bar jeglicher Tümelei – in buchstäblich bodenständiger Weise mit dem westfälischen Erinnerungsraum, dem Wenzel entstammt, befasst. Er scheut sich nicht einmal, über den „Boden“, also die westfälische „Erde“ zu schreiben, und siehe da, es gelingt, ohne dass auch nur im Keim Missverständliches aufscheinen würde. Denn sein Westfalen besteht nicht aus Mythen und metaphorisch Aufgeladenem, sondern aus dem unmittelbar Gegebenen: realistisch nachempfundenen Kindheitsszenerien, Kleinbürgersiedlungen, Nutzfeldern und nicht zuletzt echten Menschen, knurrig, aber rechtschaffen. Ihre Redensarten und Sprechweisen dringen ein ins Gedicht, impfen die Gedichte gewissermaßen mit einem Authentizitätsserum und weisen ihnen so aufgrund des offenkundigen Montage-Charakters, ohne sich dem Verständnis künstlich zu verschließen, eine mehrschichtige Tektonik zu.
Christoph Wenzel erscheint der Jury des Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendiums gerade wegen seiner entschiedenen und mutigen Arbeit an sich selbst, die sich immer wieder kritisch dem eigenen Schreiben gestellt hat und weiterhin stellt, als geeigneter Kandidat, der mit seiner Einreichung eine neue, beeindruckende Stufe der lyrischen Formgebung erreicht hat.
Dr. Enno Stahl für die Jury
Neueste Kommentare