80. «gedichtlein tuten at the gedicht»

Seine Sammlung bereits verstreut und teilweise auch erstmals publizierter Gedichte – «und ähnliche Dinge», wie es im Untertitel heisst – nennt Urs Allemann «In Sepps Welt». Das ist Einladung und Warnung zugleich. Wer sie betritt, findet Gedichte wie: «ottis od: / ich in ein wein / esse rot / inke ein.» Sepp lebt in seiner eigenen poetischen Welt, scheint es, und wer in einer eigenen Welt lebt, den bezeichnen wir schnell als verrückt. Sepps Welt ist aber auch unsere Welt, seine Sprache unsere Sprache. In «Sepps» oder: in Urs Allemanns Gedichten, auch wenn sie uns wie ein Narrenhaus vorkommen, finden sich oft nur die uns bekannten Gedichte der Literatur wieder: «the gedicht is aufgetutet. the golden / gedichtlein tuten at the gedicht. hölle!» («gedichtsong»).

Mag die Tradition in Allemanns Transformationen noch so verfremdet, entstellt gar sein: Ohne sie wären sie undenkbar. Die Entfernung von ihr ist immer auch eine Form der Annäherung. Und umgekehrt: Die Näherung geht für Allemann nur über die Entfernung. Das gilt für seinen Umgang mit der Sprache überhaupt. Sie verzichtet, weil sie Kommunikation bleiben will, weder auf Sinn noch auf Strukturen und Regeln. Im Text «kolkwuss», den Allemann als «prosadicht» bezeichnet, kommt dies auf eine geradezu schmerzhafte Weise zum Ausdruck: «‹löffel› buchstabieren so: ‹l› und noch was und noch was und – o von ‹mirmirmir mirmirmirmir› aus. Ich mich nümen nutzen. Numen für schauen da.»

Wir verstehen kaum noch, was da einer sagt, aber wir verstehen doch, dass gerade das es ist, was es zu verstehen gilt. In der Sprachverkrüppelung «äussert» sich die körperlich-seelische Verkrüppelung des Sprechers. Und dies in keiner anderen Sprache als in der, die wir kennen. Eine andere hat er nicht. / Samuel Moser, NZZ

Urs Allemann: In Sepps Welt. Gedichte und ähnliche Dinge. Klever-Verlag, Essen 2013. 145 S., Fr. 27.90.

79. Babylonische Leiter

Eine neue Ausgabe von karawa.net ist erschienen:

# 005  / Babylonische Leiter

Darin u.a.:

  • Политику
    »Algen gab es da – phrygisch, Pentatonik von Kleinigkeiten, / du warst dir selbst bewusst, und wolltest eine Jacht / vor Anker legen in einem Wasserloch, seine Tiefe / überstieg dich (du hättest dich darin verschluckt).« Für Arkadii Dragomoshchenko ist Sprache nichts, das schon immer benutzt und in Besitz genommen wurde, das vorgeformt und präfiguriert wäre. Im Gegenteil, Dragomoshchenko betont: Sprache kann nicht besessen werden, denn sie ist immer unvollständig«. »Je est un autre, die Poesie ist immer woanders.« Drei Elegien in drei Sprachen.
  • Mission
    »die hän s no / im gschpüür / ass er ganz isch / de mensch // … den Lendenschurz / da unten den / haben wir / angebracht / es kommen ja auch / Kinder her …«  Alemannische Gedichte von Markus Manfred Jung nebst Vertonung.
  • Gottesdefinitionen
    Sie sind alle wahr, sie sind alle falsch. Gottesdefinitionen von Parmenides über Augustinus, Mohammed, Lacan bis Rimbaud und Udo Lindenberg, zwischen grenzenlosem Meer, Nihil und Schwein. Zusammengestellt von Valère Novarina
  • PRIMUM MOBILE 10
    »LIP SERVICE ist meine Neufassung von Dantes PARADISO. Seine ›Weihnachten des Herzens in Silben‹ verfolgen Dantes thematische Stichworte & Pfade durch zehn konzentrische Planetenkörper, um das gesammelte poetische Rohmaterial einiger Jahre — über Liebe, erotische Intimität, Gendersozialisierung & den Körper — zu rechoreographieren. […]« (Bruce Andrews).
  • A Test of Poetry
    Ist Pfingsten oder sind wir in Babel? Charles Bernsteins Gedicht »A Test of Poetry«, übersetzt in fünf Sprachen: Deutsch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch und Finnisch.
  • Vom Nachtalpenweg
    Mara Genschel / Valeri Scherstjanoi – weitere Videos
  • Musenschrift
    Hesiods Theogonie ist einer der ältesten Texte der europäischen Literatur. Was bedeutet das für das Verhältnis zwischen Dichtung, Schrift und (Götter-)Welt? Ein Essay von Asmus Trautsch.
  • Ich bin nicht, der ich war
    »Große / Mutter / Lebensträgerin / Großer / Vater / Sternenbefruchter / Nicht Mann / nicht Frau / reiner Glanz / Wurzel der Wurzeln / in nichts verwurzelt« Gedichte von Pedro Favarón

78. Blitze

Der jungen Christine Koschel bescheinigte Nelly Sachs, sie habe „viele Blitze aus den Nächtigkeiten der Worte geschlagen“. Man darf dies eine wahrhaft prophetische Formulierung nennen. Sie lässt sich auf „Den Windschädel tragen“ beziehen, den 1961 erschienenen Debütband der damals Fünfundzwanzigjährigen, aber auch auf das neue Gedichtbuch „Bis das Gedächtnis grünet“. Christine Koschel ist ihren Themen treu geblieben und – alle zeitbedingten Wandlungen eingerechnet – auch ihrer Sprache.

Immer noch erscheinen ihr die Worte nächtig, dem Tagesgebrauch entzogen, und immer noch sieht sie es als die Aufgabe der Dichtung an, Blitze aus dieser sprachlichen Dunkelheit zu schlagen. Mit ihrem engagierten Hermetismus steht Christine Koschel in einer Tradition, die von Mallarmé bis zu Celan und Ingeborg Bachmann reicht. / Harald Hartung, FAZ 16.8.

Christine Koschel: „Bis das Gedächtnis grünet“. Gedichte. Mit einem Nachwort von Ruxandra Niculescu. Edition Rugerup, Berlin/ Hörby, Schweden 2013. 126 S., br., 17,90 €.

77. Früher

Da! Bist das Du auf dem Gipfel des Sturmstill-Berges,
Und trägst einen riesigen Hut in der Mittagssonne?
Wie dünn, wie jämmerlich dünn bist Du geworden!
Du mußt wieder sehr an der Dichtkunst gelitten haben.

Li Bai (701-762), übersetzt von Hans Schiebelhuth, in: Gedichte nach den unsterblichen des Li-Tai-Po, von Hans Schiebelhuth. Darmstadt: Darmstädter Verlag 1948 (unpag.). Das Gedicht trägt die Überschrift: Ein Neckvers an Tu-Fu.

76. In our time

Der amerikanisch-britische Maler R.B. Kitaj (1932-2007) schuf 1969 die Serie „In our time“, basierend auf Photos von Büchern seiner Privatbibliothek. Ausgestellt war sie im Jewish Museum. Hier drei Aufnahmen mit Büchern, die sich mit meiner eigenen Bibliothek kreuzen.

Die Ausstellung schloß am 11.8. Das Museum schreibt:

In turning book covers into works of art Kitaj is offering fragments of a history of knowledge, in which the content of each volume is at once mysterious and absent. Coming from this passionate bibliophile, the series is nothing less than an intellectual self-portrait.

Stylistically, these are hybrid works, influenced by Pop art and the modernist tradition of the Readymade—a work of art created when a mundane found object is named as an artwork and set in an art context. This avant-garde concept had been invented by the Dada master Marcel Duchamp early in the twentieth century. In the 1960s it received renewed attention at a time when artistic norms were once again being questioned. Reacting to Andy Warhol’s Pop imagery, Kitaj poignantly called his repurposed book covers his soup can, his Liz Taylor. The blatant use of images taken directly from commercial sources situates In Our Time as a precursor of appropriation art.

Over the course of his forty-year career Kitaj became increasingly interested in Jewish ideas, particularly Jewish intellectual history and the Holocaust. A man of erudition and contradiction, he saw himself as the quintessential diasporic character: an American in London, a figurative artist working during the reign of abstraction, a modernist who venerated the art of the past, and a pragmatist in thrall to European history and culture.

Norman Kleeblatt, Susan and Elihu Rose Chief Curator – See more here.

75. Die Brücke

1926 haben Freunde geholfen, seinen ersten Gedichtband „White Building“ herauszubringen. Er kann auf lobende, kompetente Worte von Allen Tate und Waldo Frank verweisen:

Seit Whitman ist kein so originelles, so tiefgründiges und – vor allem – kein so wichtiges poetisches Versprechen auf der amerikanischen Szene erschienen.

Die „Weißen Häuser“ werden Jahrzehnte nach Cranes Tod den Literaturwissen – schaftlern James Miller, Karl Shapiro und Bernice Slote von der Universität Nebraska genügen, ihn neben Walt Whitman und Dylan Thomas zu stellen. Die Professoren prägen für deren Dichtung den Begriff „Life poetry“.

„Life poetry“ macht die Aussage eines Gedichts zu einem Erlebnis, das sich nicht vor langer Zeit einmal abgespielt hat und aus dem das Gedicht nachträglich die Schlussfolgerung zieht; sondern das Erlebnis findet im Gedicht selbst statt, und der Erlebende ist der Dichter-Protagonist und an zweiter Stelle der Leser.

(…)

Der Kritiker Harold Bloom nennt Crane „ einen Propheten des amerikanischen Orphismus“.
Dennoch: Die von Crane erfundene „lyrische Kurzschrift“ verunsichert auf den ersten Blick. Wie zum Beispiel sollte man allein schon die ersten vier Zeilen dechiffrieren?

Crane

To Brooklyn Bridge

How many dawns, chill from his rippling rest
The seagulls wings shall dip and pivot him,
Shedding white rings oft tumults, building high
Over the chained bay waters Liberty –

Wie viele Morgen, durchfroren nach ihrer Riffel-Rast,
tauchen der Möwen Flügel ein und um sie drehen,
verbreiten weiße Wirbelringe, dass hoch erbaut
überm Wasserjoch der Bucht die Freiheit –

1. Sprecher

Der Begriff „dechiffrieren“ ist beim Spät-Werk Cranes durchaus angebracht. Klaus Reichert nennt Indizien dafür, warum – im Gegensatz zu Pound, Eliot oder Hemingway – Cranes Hauptwerk so spät, sieht man einmal von seinem spora- dischen Auftauchen in Zeitschriften wie „Akzente“ oder in Anthologien ab,
den deutschen Sprachraum erreicht hat, und er auch heute noch als Geheimtipp gilt.

/ DLR

74. Zitat des Tages

von der New York Times:

„A poet’s job is not to write about love. A poet’s job is not to write about flowers. A poet must write about the plight and pain of the people.“

MATIULLAH TURAB, a poet in Afghanistan who is critical of both the government and the Taliban.

In den 12 Tagen, die ich in New York verbrachte, gab es kein einziges Gedicht in der New York Times (und auch nur in einer Ausgabe der Sonntags-Buchbeilage Lyrikrezensionen). Heute gibt es aus dem Paschto übersetzte Gedichte von Matiullah Turab. Über diesen Artikel bereite ich eine weitere Meldung vor.

73. Haiku-Treffen

Am Samstag, den 28.09.2013, findet im Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft in der Amalienstraße 38 in München ein Deutsch-Japanisches Haiku-Treffen statt.

PROGRAMM

13:30 Uhr Einführung in die Haiku-Dichtung (für Anfänger)

14:00 – 17:30 Uhr Haiku-Workshop

17:30 – 19:00 Uhr Pause

19:00 – 20:30 Uhr Vorträge von Frau Yoshino Yamada und Herrn Prof. Dr. Peter Pörtner

Frau Yamada ist Leiterin der Haiku-Gruppe „Enkô“  in Kôbe; Herr Pörtner ist Professor für Japanologie an der LMU.

Bitte melden Sie sich bis zum Samstag, den 07.09.2013 per E-Mail, Fax. oder per Post (es gilt das Datum des Poststempels) bei der DJG-Geschäftsstelle an. Wir bitten Sie, uns möglichst auch zwei Haiku mitzuschicken.

Thema der Haiku: „ein Baum / Bäume“ oder „ein See / Seen“. Sie können auch nur damit zusammenhängende Wörter verwenden – z. B. Äste, Fichte, Herbstlaub,…bzw. Schilf, Seerose,… Die Haiku sollen im traditionellen Stil geschrieben sein, also in drei Zeilen mit 5-7-5 Silben und einem Jahreszeitenwort. Wenn das Themenwort in Ihrem Haiku keinen Bezug zu einer Jahreszeit hat, müssen Sie zusätzlich ein Jahreszeitenwort nehmen. Die Jahreszeit kann frei gewählt werden.

Ihre Haiku werden wir zum Workshop ins Japanische übersetzen.

Anmeldung bei der Geschäftsstelle der DJG:

Deutsch-Japanische Gesellschaft in Bayern e.V.
Marienplatz 1/II, 80331 München
Tel.: (089) 221863
Fax.: (089) 2289598
E-Mail: djg-muenchen@t-online.de

Teilnahmegebühr:
DJG- und Japanclub-Mitglieder: 8 €
Gäste: 10 €

72. Fremdsprechen

Susanne Burg: Sie haben einmal ein Prosa-Langgedicht über London verfasst, wo sie lange gelebt haben. Sie haben es auf Englisch geschrieben und dieses dann selbst ins Deutsche übersetzt. Die beiden Gedichte wurden nebeneinander abgedruckt. Sie schreiben in Ihrem Essay „Fremdsprechen“: „Ich möchte diese Erfahrungen nicht noch einmal machen.“ Warum nicht?

Esther Kinsky: Deshalb, weil ich glaube, man wird zu stark konfrontiert mit der Unvereinbarkeit der Welten, die die Sprachen im eigenen Kopf darstellen. Man ist als Autor ja auch gleichzeitig der Urheber dieser ursprünglichen – ich nenne das immer mal gerne Vision, ohne irgendeinen spirituellen Beiklang, sondern man hat ja eine ganz bestimmte Vorstellung.

Und diese Vorstellung wird im eigenen Kopf quasi angegriffen durch die Übersetzungstätigkeit. Wenn ich an dem fertigen Werk arbeite, ohne der Inhaber dieser Vision zu sein, also nur als Übersetzer von Lyrik, dann habe ich eine ganz andere Aufgabe, aber wenn ich beides im Kopf habe, die Emotionen, die Vorstellungen, die sich mit den einzelnen Wörtern in der Originalsprache verbinden, die geraten dann zwangsläufig in den Konflikt mit den ganz anderen Konnotationen in der Übersetzungssprache. Und das lässt einen dann schließlich unzufrieden werden. Ich fand da meinen eigenen Text, den habe ich als viel für mich unübersetzbarer empfunden als andere Texte, die ich übersetzt habe.

Burg: Die Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky. Vielen Dank für Ihren Besuch, Frau Kinsky!

Kinsky: Ich danke Ihnen für die Einladung!

Burg: Ihr Essay „Fremdsprechen“ ist im März bei Matthes und Seitz erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,90 Euro.

/ DLR

71. Menschen sind auch rar

Mein Gesicht zum Wein gewandt, habe ich die Abenddämmerung nicht gespürt.
Fallende Blüten haben die Falten meiner Kleidung gefüllt.
Betrunken, stehe ich auf und nähere mich dem Mond im Bach.
Die Vögel sind weit weg, und Menschen sind auch rar.

Früher war Li Bai, der bedeutendste Lyriker der Tang-Dynastie, in China beliebt. Heute ist er in. Seine Gedichte werden in teueren Sinologie-Kursen auswendig gelernt und kalligrafiert. Unternehmensberater, Parteikader, Popstars, Autoverkäufer, alle wollen sie ein paar schöne Vierzeiler draufhaben aus einer Epoche, die als Blütezeit der chinesischen Poesie gilt. Der Dichterfürst Li Bai lebte im 8. Jahrhundert. / Tim Neshitov, Süddeutsche Zeitung 10.8.

70. Bloopers 1

blooper: Versprecher {m}
blooper [coll.]: Schnitzer {m} [ugs.] [grober Fehler]
blooper [esp. Am.]: Outtake {n} [herausgeschnittene (komische) Szene]film
blooper [esp. Am.] [coll.]: Panne {f} [Missgeschick]
Missgeschick {n}: Patzer {m} [ugs.] Ausrutscher {m} [ugs.]
blooper [Am.]: Stilblüte {f}
blooper [Am.] [coll.]: peinlicher Fehler {m}

Am Sonnabend beschloß ich, einen lange gehegten Plan zu verwirklichen und eine neue (gelegentliche)  Kolumne zu starten: Bloopers. Die Idee: bei Gelegenheit einige der Fehler, die bei der täglichen Redaktionsarbeit auffallen, anzumerken. Am Sonnabend las ich etliche Beiträge zum 80. Geburtstag von Reiner Kunze, mit mehreren Bloopers. Ich kam nicht gleich dazu, aber hier die Bloopers vom 17.8.:

In diesen Gedichten wurde ein ganz anderes DDR-Bild gezeichnet als es offiziellen Verlautbarungen entsprach. Das war auch den staatlichen Ideologen bewusst, die ihn deshalb verfolgten, besonders die Germanisten unter ihnen. (Neue Presse)

Na, so wichtig waren die Germanisten auch in der DDR nicht. Natürlich gabs da auch Zuträger und jede handelsübliche Dummheit, dennoch waren die Germanisten weniger (Haupt-)Verfolger, sondern „bloß“ ein bißchen feige. Die eigentlichen Verfolger Kunzes aber waren gewiß die haupt- und nebenberuflichen Büttel in den Partei- und Sicherheitsapparaten sowie im lokalen und überregionalen Kulturbetrieb. Wieviele davon gabs allein in Greiz?

Sein Gedichtband „Brief mit blauem Siegel“, erschienen 1973, wurde zum erfolgreichsten Lyrik-Titel der DDR. (Deutsche Welle)

Wirklich? Solche Sätze, wenn es einen journalistischen Ehrencodex gäbe, würde man nur aufschreiben, wenn man es zuvor überprüft hat. Lyrikbände von Reclam Leipzig konnten eine fünfstellige Auflage haben, aber die DDR war eine Plan- und keine Marktwirtschaft. Bücher eines Dissidenten, wenn sie mal gedruckt wurden, erhielten bestimmt keine marktgerechte Auflagen. Die Papierzuteilung wurde von der Partei kontrolliert. Kunzes Poesiealbum und der Reclamband „Brief mit blauem Siegel“ wurden herumgereicht – weil die Auflage nicht ausreichte. Wenn man den „erfolgreichsten“ Titel an der Auflage mißt, sollte man vielleicht bei Eva Strittmatter oder Heinz Kahlau suchen, die gewiß weit höhere Auflagen hatten.

Denn das sind zwei gute Gelegenheiten auch für jüngere Greizer, eine Ahnung davon zu erhalten, warum der Autor ein Ehrenbürger ihrer Heimatstadt ist, was ihn weit über die Stadtgrenzen hinaus zu seiner Bedeutung verholfen hat. (Ostthüringer Zeitung)

Ich persönlich glaube ja nicht, daß Reiner Kunze weltbekannt wurde, weil er Ehrenbürger von Greiz wurde. Ja, hätte die Stadt ihm vor 1989 ihre Ehrenbürgerwürde angetragen, dann vielleicht. Aber sowas ist wohl nie vorgekommen, nie.

Noch etwas aus der weiteren Welt:

Celan wurde in Nordrumänien in einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren und war ein Überlebender aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Professor Wang zufolge sind Celans Gedichte Zeugnis der schicksalhaften Geschichte der Juden. Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Erlebnissen in Auschwitz sei seine Lyrik „spät“. (china.org)

Tatsächlich gehörte Czernowitz zu Rumänien, als Celan geboren wurde. Richtig ist auch, daß Celan nur zufällig der Judenverfolgung der Nazis entkommen ist, anders als seine Mutter und andere Familienangehörige. Falsch aber ist die Behauptung, er sei Auschwitz-Überlebender. Ein einfacher Blick in Wikipedia könnte den Irrtum aufklären. Vielleicht ist Wikipedia in China nicht oder nur eingeschränkt zugänglich (oder der Auschwitzsatz steht gar in der chinesischen Version?). Das würde den chinesischen Professor zum Teil entschuldigen. Aber sein Blooper steht jetzt im Netz und wird gewiß weiterzitiert.

69. Poetopie

nach dem Unfall löst sich der Stau wieder auf – wir müssen weiterfahren

Hansjürgen Bulkowski

68. Gestorben

Der Brüsseler Architekt und Lyriker Pierre Puttemans starb am Freitag in Brüssel. Er wurde 1933 in Uccle geboren. Als Lyriker war er mit sechs Kollegen der Gruppe Phantomas Anhänger des Surrealismus. / belga

Hier etwas über den bedeutenden, vielfältigen, vergessenen belgischen Surrealismus.

67. Simone Hirth

Der Schwarzwälder Bote sprach mit der Autorin:

Wien ist mir eher „passiert“, ohne, dass ich wusste, warum genau ich hier hergekommen bin. Ich habe davor lange Zeit in Leipzig gelebt, wo ich ja auch schon studiert habe. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, in Leipzig etwas auf der Stelle zu treten. Jetzt bin ich hier und mache im Grunde nichts anderes als in Leipzig, nur unter anderen, neuen Einflüssen, Eindrücken. Ich schreibe, natürlich, verdiene mir den geregelten Lebensunterhalt als Teilzeitkraft in einem Schreibwarengeschäft, habe einen Garten, genieße das „Wien-Gefühl“. Die Wiener sind unheimlich gesellig und auf eine, wie ich finde, angenehme Art langsam und unkompliziert. Das hat mich von Anfang an sehr fasziniert.

66. Herta Müller 60

„Das dümmste ist seit Stunden läuft das Gras in meinem neuen Kleid herum …“ , beginnt die eine Collage, zusammengeschnipselt aus Zeitschriften- und Werbungswörtern in unterschiedlichen Farben und Drucktypen. „In einer Knorpeltasse bot er mir einen Kaffee an und der war schwarzes Haar …“, fängt ein anderes solches Gedicht an.

Herta Müller nutzt die Methode alter Erpresser- und Bekennerschreiben, eigentlich gedacht, um das Individuelle zu verstecken, und bastelt ganz eigene Verse daraus. Vom Verspielten übers Absurde bis zum Bitterbösen bewegen sich diese Bildgedichte. Sie füllen drei Bücher, zuletzt ist „Vater telefoniert mit den Fliegen“ erschienen. (…) 60 Jahre alt wird die Autorin an diesem Sonnabend. / Cornelia Geissler, Berliner Zeitung

„Ich reagierte auf die Todesangst mit Lebenshunger. Das war ein Worthunger. Nur der Wortwirbel konnte meinen Zustand fassen“, beschrieb sie die Anfänge in ihrer anrührenden Vorlesung zum Literatur-Nobelpreis 2009. / Westdeutsche Zeitung