Jedes Jahr beklagt jemand den Tod der Lyrik – 1993 war das nicht anders. John Singletons Film Poetic Justice bewies, dass Lyrik immer noch relevant ist. Er bereitete Filmen wie Slam (1998) den Weg, der Poetry Slam in den Mainstream bugsierte. Auch 2013 wird geklagt – aber viele junge, begabte, schwarze Dichter blamieren die Neinsager. Lese ich hier*. Actually nicht in Midtown, sondern unter der Brooklynbridge sitzend bei gutem Bier, gutem Essen, Wetter, Musik, Umgebung – alles gut.
Übrigens: When you’re alone and life was making you lonely you can always go Downtown & Brooklyn.**
*) mit Links und Bildern
**) sonst natürlich auch.
Karkowsky: Sie hören Yoko Tawada im Lyriksommer 2013 im Deutschlandradio Kultur. Frau Tawada, ich finde, dazu passt auch Ihr Gedicht „Die zweite Person Ich“. Auch das würden wir gerne hören, und das lasse ich mir dann auch von Ihnen erklären.
Tawada: Die zweite Person Ich. Als ich dich noch siezte, sagte ich ich und meinte damit mich. Seit gestern duze ich dich, weiß aber noch nicht, wie ich mich umbenennen soll.
Karkowsky: Das lässt sich natürlich erklären aus dem, was Sie mir gerade erzählt haben, dass, wenn jemand ein Buch gibt, dann gibt er das Buch, und es ist nicht wichtig, dass er es mir gibt, sondern es ist wichtig, dass er gibt, richtig? Mit dem Ich ist es so ähnlich.
Tawada: Ja, genau, und vor allem die Richtung des Gebens, das kommt ja aus dem Körper heraus, das spürt man, auch wenn man das nicht ausspricht. Und in diesem Gedicht habe ich mir auch gedacht: Komisch, es gibt ja Beziehungen zwischen zwei Menschen, also es ist ja nicht einseitig, es ist die Beziehung. Wenn das Wort Du von Sie zu Du ändert, dann muss ich auch zu etwas ändern, das geht ja nicht, dass man einseitig etwas ändert, und ich bleibt immer ich. Das ist doch komisch.
(…)
Tawada: Ich glaube, in der deutschen Sprache stehen die Dichtung und die Philosophie sehr nahe aneinander. Und das ist, finde ich auch, sehr spannend. Das ist halt Denken mit Dichten zusammen, das ist dann, das erlaubt auch diese Sprache, und das hat auch diese Geschichte, das ist sehr vorteilhaft. Die japanischen Gedichte haben eine ganz andere Tradition, da ist es nicht das logische Denken, was als Nachbarschaft der Dichtung steht, sondern etwas anderes.
In der Haiku-Dichtung, was ja nur eine Form der vielen Formen ist, aber trotzdem eine wichtige Form, da ist es das Japanische quasi, das heißt, eine Welt ohne Ich, also Dichter als Ich, der die Welt wahrnimmt und die Welt oder die Natur, die wahrgenommen wird, diese Trennung nicht mehr existiert, dass es vollkommen verschwindet. Ich meine, die japanische Sprache tendiert zwar dazu, aber in der Alltagssprache gibt es immer noch natürlich die Menschen, die etwas machen und sehen, und die Dinge, die gesehen werden. Aber das braucht man gar nicht mehr, wenn man ganz extrem in diesen Bereich der Haiku hineintritt. Und das ist das Spannende. / DLR
Die literarische Landkarte des schwarzen Kontinents wäre entscheidend leerer ohne die im Heidelberger Wunderhorn Verlag herausgegebene Reihe „AfrikAWunderhorn“. Nach Einzelstimmen aus Uganda und Zimbabwe nun eine Lyrikanthologie aus Südafrika: Verse von vier Dichterinnen und vier Dichtern, geboren zwischen 1958 und 1983. Aus Charl-Pierre Naudés Gedicht „Hausrezept“ stammt der Titel: „Ankunft eines weiteren Tages“.
Besonders das Frauen-Quartett lässt aufhorchen. Kabeba Baderoon zieht in ihren nachdenklichen Versen eine vorläufige Bilanz der politischen und kulturellen Umbrüche in den vergangenen 20 Jahren. „Um mich ist die Luft schwer von Geschichte“ heißt es in ihrem szenischen „Ausblick auf Schönheit und Unrecht“. (…)
Karin Schimkes Gedichte berichten von verwundeten Seelen in versehrten Körpern. „Der Wind bei Uilenkraalmond“ singt in ihren Knochen. In erotischen Gedichten wird nicht der Körper der Frau zum Objekt, sondern der Körper des Mannes. Das lyrische Ich schlüpft in die Rolle einer mörderischen Kämpferin und zerstört den Körper des eroberten „Brandschatzes“. Der Liebesakt gerät zur kannibalischen Orgie. Frau rächt sich an der Krieg führenden Männerwelt: „Du machst ein Zeughaus aus mir“. Die rauschhaft aggressive Bildlichkeit ist für Leser aus mitteleuropäischen Zonen gewöhnungsbedürftig. Auch unsere Sprache kennt Eroberungsmetaphern in Liebesangelegenheiten. Aber Schimke treibt die Bildwelt auf die Spitze. Sie setzt Schock- und Mystery- Elemente aus einer vorzeitlichen Drachenwelt ein und kombiniert sie mit Assoziationen zu neuzeitlichen Selbstmordattentaten. / Dorothea von Törne, Tagesspiegel
Indra Wussow (Hrsg.): Ankunft eines weiteren Tages.
Zeitgenössische Lyrik aus Südafrika.
Englisch-Deutsch.
Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2013. 157 Seiten, 19,80 €.
36,6° – die Körpertemperatur der Erdkugel
Hansjürgen Bulkowski
Das Gedicht heißt „zeitpunkt“ – und es besteht tatsächlich nur aus einem Punkt. Man könnte ihn auch einen schwarzen Fleck nennen. Ein anderer Text heißt „u“ und besteht nur aus einem einzigen Buchstaben: „x“.
Das ist natürlich ein bisschen wie mit den schwarzen oder weißen Bildern, auf denen nichts weiter zu sehen ist als eben schwarz oder weiß: Man muss drauf kommen, und dann kann man es aber nur einmal machen. Und was dem einen originell erscheint, entlockt dem anderen nur ein müdes Lächeln.
Dennoch beschreiben diese kürzesten seiner Gedichte die Lyrik Peter Seglers in seinem neuen band „taxi taxi – Verdichtungen“ sehr treffend. Der 1964 in Freiberg geborene und dort lebende Verleger und Fotograf reduziert seine Texte auf das Nötigste und erreicht damit oft eine überraschende, manchmal bestürzende Brillanz, erzeugt beim Leser oder der Leserin ein Staunen, ein manchmal ungläubiges Lächeln und manchmal – bewusst – auch erschrockenes Innehalten.
Denn Peter Segler sieht genau hin und er vermag die Worte auf ihr Wesen, ihre tatsächliche Bedeutung hin zu befragen oder ihnen eine überraschende neue, manchmal auch alte Bedeutung zu verleihen. Die Kleinschreibung hat dabei ihren Sinn, denn sie verschafft vielen Worten einen doppelten Boden, auf dem man beim Lesen schon mal ins Straucheln geraten kann.
Wenn der Autor etwa das „deutsche Reinheitsgebot“ beschreibt: „eine hand wäscht / die andere“, oder wenn er über „erdöl“ nachdenkt: „nie genug / zu kriegen“, dann wird Peter Segler der Forderung Franz Fühmanns gerecht, der da verlangte, ein Gedicht müsse vor allem eins sein: „dicht“. / Matthias Zwarg, Freie Presse 30.7.
Auf der diesjährigen Hong Kong Book Fair zeigt sich ein erneuertes Interesse an Lyrik. Die chinesische Lyrikerin Xi Murong ist die gefeierte Gastautorin der Messe.
Die Lyrikerin, Essayistin und Malerin wurde in Chongqing in Südwestchina geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Hong Kong und ging dann mit ihrer Familie nach Taiwan.
In den 1980er und frühen 90er Jahren machte sie sich als Lyrikerin einen Namen u.a. mit den Bänden „Seven-li Scent“ und „Unregrettable Youth“. Damals schrieben andere populäre Lyriker wie Hai Zi, Gu Cheng, Bei Dao und Shu Ting, Gedichtelesen kam in Mode.
Doch etwa im letzten Jahrzehnt schwand die Lyrik allmählich aus dem Leben der Leute und man hörte nur wenige neue Lyriker. Auf der Messe geben manche Besucher zu, daß sie kaum Gedichte lesen, „obwohl sie Lyrik mögen“.
Die Collegeschülerin Chen sagt, warum Lyrik nach ihrer Meinung aus der zeitgenössischen Kultur verschwindet:
„In unserer Gesellschaft leben die meisten Menschen in Hast und haben keine Zeit zu meditieren. Leute die Gedichte schreiben wollen finden vielleicht nicht die Zeit, ihre Gedanken zu sortieren. Und Leute die Gedichte lesen wollen haben nicht den Luxus, sich zu entspannen und ein gutes Gedicht zu genießen.“
Und die 71jährige Frau Wang glaubt, daß es an der Bildung liegt. „Die gegenwärtige Ausbildung fokussiert sich aufs Geldmachen und hat die Literatur vergessen. Kein guter Nährboden für Dichter.“
Xi Murong erinnert daran, daß auch heute viele Leute in China Gedichte schreiben. Sie betont, Lyrik sei ein Nischenmarkt für eine kleine Gruppe, nicht für jedermann. „Doch Dichter und Dichtung wird es immer geben. Es gibt sie in jedem geschichtlichen Moment. Vielleicht hatten sie manchmal mehr Einfluß als heute. Doch wie jemand gesagt hat: Gedichteschreiben ist ein natürlicher Antrieb genau wie Gedichtelesen. Deshalb wird die Lyrik nie sterben.“
People Daily http://english.peopledaily.com.cn/90782/8337090.html
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Perhaps there’s a kind of afterlife that is made up of our memories of a departed person, especially as these cling to that person’s belongings. Bruce Snider, who lives and teaches in California, suggests that here.
Afterlife
I wake to leafless vines and muddy fields,
patches of standing water. His pocketknife
waits in my dresser drawer, still able to gut fish.
I pick up his green shirt, put it on for the fourth day
in a row. Outside, the rusty nail he hammered
catches me, leaves its stain on everything.
The temperature drops, the whole shore
filling with him: his dented chew can, waders,
the cattails kinked, bowing their distress.
At the pier, I use his old pliers to ready the line:
fatheads, darters, a blood worm jig. Today, the lake’s
one truth is hardness. When the trout bite,
I pull the serviceable things glistening into air.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Bruce Snider from his most recent book of poems, Paradise, Indiana, Pleiades Press, 2012. Poem reprinted by permission of Bruce Snider and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts
Zwei Neuheiten unter den ersten drei finden sich auf der ORF-Bestenliste im August. Mit Fernando Pessoas Gedichtband „Mein Blick ist offen wie eine Sonnenblume“ belegt einer der bedeutendsten Lyriker Portugals aus dem 20. Jahrhundert Platz eins.
Der Erzählband „Die kleinen Widrigkeiten des Lebens“ der US-amerikanischen Autorin Grace Paley rückt auf Platz zwei vor. Die gleiche Punkteanzahl erreicht Elfriede Gerstls Textsammlung „Behüte, behütet“, der zweite Band der auf vier Bände ausgelegten Werkausgabe der Wiener Dichterin.
Mehr dazu in tv.ORF.at
Probleme mit Denkmälern. In Washington wurde das Lincolndenkmal besprayt. Während das für Martin Luther King von Staats wegen bereinigt wurde. Der chinesische Bildhauer Lei Yixin hatte den Auftrag, ein inkriminiertes Zitat zu entfernen. Unter den Kritikern war auch die Lyrikerin Maya Angelou. Das Zitat besagte: „I was a drum major for justice, peace and righteousness.“ Drum major, wie nennt man den Typen, der mit einem Stab wedelnd vor der Kapelle marschiert, auf Deutsch? Jedenfalls das Zitat war verkürzt und nach Meinung der Kritiker verfälscht. Wirklich gesagt hat er: „Wenn ihr mich einen Drum major nennen wollt, dann sagt ein Drum major für Gerechtigkeit, ein drum major für Frieden, ein drum major für Aufrichtigkeit.“ Die Korrekturen sollen bis zum 28. August abgeschlossen werden, den 264. Geburtstag Goethes, äh, falscher Ordner, den 50. Jahrestag des Marsches auf Washington.
Literatur geht besser wenn sie vertont, vertanzt, veropert wird. Heute hat Oscar Wilde eine halbe Seite in der Times unter der Maske einer Oper von Theodore Morrison. Sie erfüllt gleich zwei Bedingungen für öffentliche Aufmerksamkeit: zur Medialisierung kommt der Fokus auf Wildes Leben, also seine damals ungesetzliche sexuelle Orientierung. Wenn sie ein interessantes, hartes, verpfuschtes Leben haben, lieben wir die Dichter(biographien). Hier gibts eine Gemeinsamkeit mit den Politikern, deren Sexualleben die Amerikaner im Moment wieder jeden Tag beschäftigt, täglich von Seite 1 an. In der Oper, „Oscar“, tritt Walt Whitman als eine Art Zeremonienmeister auf – Whitman kannte Wilde, lebte aber zum Zeitpounkt der Handlung nicht mehr. Noch die Artikelüberschrift nachzutragen, „When a Poet’s Life And the Law Are at Odds“. Wenn das Leben eines Dichters mit dem Gesetz kollidiert.

Julia Graf: Ich habe ja im Berlin Verlag angefangen als sehr junge Lektorin, und dort war Mathias Gatza, der inzwischen selbst Autor ist, und der hat immer die Theorie gehabt, man muss die jungen Lyriker alle in die Verlage bringen, denn die werden vielleicht auch mal Romane schreiben, und überhaupt ist die Lyrik die Königsgattung der Literatur. Und er hat damals Björn Kuhligk und Jan Wagner in den Verlag geholt, und ich habe dann eben auch mit ihnen zusammengearbeitet und bin dann über diesen Weg so dazugekommen.
Liane von Billerbeck: Über diese beiden Bände werden wir gleich sprechen, die Sie da herausgegeben haben, aber was Sie da eben sagten, das finde ich ja interessant, diese Äußerung, die über Lyrik in die Verlage bringen, damit die dann mal einen Roman schreiben. Das heißt ja, Lyrik ist so eine Art Durchgangsstadium.
Graf: Nein, das ist missverständlich. Ich habe ja dazu gesetzt, dass es ja eigentlich die Ursprungsgattung, aus der sämtliche Literatur kommt, ist. Aber es ist natürlich so, dass viele sehr junge Autoren, wenn sie so mit ihren ersten Schreibversuchen …, ist es doch bei vielen so, dass sie zunächst Lyrik schreiben, und gerade bei Jan Wagner und Björn Kuhligk haben wir eigentlich den Fall, das sind zwei Autoren, die Vollblutlyriker sind, obwohl ja Björn Kuhligk jetzt zusammen mit Tom Schulz auch einen wunderbaren Reiseband über neue Wanderungen in der Mark Brandenburg schreibt, und Jan Wagner auch ein glänzender Essayist ist, aber sie sind doch in erster Linie Lyriker.
von Billerbeck: Diese beiden Bände haben Sie herausgegeben bei Hanser Berlin, zwei von Ihnen lektorierte Gedichtbände, Jan Wagner ist schon erwähnt worden und Björn Kuhligk, und in dem Vorwort von Jan Wagner, da schreibt er, Dichter seien so eine Art Verborgene, eben weil sie mit ihren Gedichten, auch mit ihren Gedichtbänden relativ wenige Menschen erreichen. Teilen Sie diese Ansicht, dass es Verborgene sind?
Graf: Na ja, es ist schon so, dass, wenn man so in der S-Bahn schaut, was lesen die Leute, dann sind es doch eher Romane bis Schmonzetten, die die Menschen dort auf den Knien haben. Ich glaube aber, dass allein schon so Lyrik – wie eng soll man den Begriff fassen?
Jeder hat Lieblings-Popsongs, das ist auch eine Art von Lyrik. Und ich glaube, dass Lyrik diese unmittelbare Weise, wie sie uns anspricht, dass die jeden Menschen anspricht, und sich dem Zauber eines gelungenen Gedichtes wirklich niemand entziehen kann. Also der Überzeugung bin ich ganz sicher, Lyrik nutzt sich ja auch nicht ab – es ist ja erstaunlich, dass man irgendwie einen hundertmal durch die Mangel gedrehten Eichendorff, wenn man den plötzlich hört oder so aus dem Zusammenhang genommen liest, oder plötzlich seinem Kind vorspricht, dass man das gleiche Glücksgefühl haben kann, als ob man es zum ersten Mal hört, und das zeichnet eben gelungene Lyrik aus.
Es ist ja so, dass man bei Lyrik – da zeigt sich das Misslungene, glaube ich, besonders blitzartig, aber eben auch dieses Glück eines perfekten Kunstwerkes, das kann sich natürlich in der Lyrik auch auf einen Blick sozusagen demonstrieren, durch die Kürze der Form, und das ist eben das besondere Glück, glaube ich, das man empfinden kann.
von Billerbeck: Trotzdem ist es ja so, dass nicht so viele Menschen von diesen Gedichten erfahren, weil die Lyrikauflagen sind doch eher klein. Was macht das mit Dichtern, wenn sie kaum wer kennt, und wenn sie vielleicht wollen, dass sie eine Million Leser haben, aber eben doch nicht die eine Million bekommen?
Graf: Also ich vermag es nicht ganz zu sagen, ob sie sich heimlich grämen. Aber ich glaube, dass eigentlich gerade jetzt im Moment die Lyrikszene eine Blüte erlebt, sie sind sehr vernetzt, es gibt unglaublich viele Veranstaltungen, also Jan Wagner tourt unglaublich viel durch die Landschaft und ist immerzu auf Veranstaltungen, es gibt fast in jeder Stadt ein Poetikfestival, und auch Björn Kuhligk kann sich der Anfragen oft auch gar nicht erwehren, also ich glaube, dass es vielleicht nicht die großen Millionenauflagen sind, aber dass doch die Lyriker das Gefühl haben können, dass sie durchaus wahrgenommen werden, und das ist eigentlich sehr schön. / DLR
Ich habe in der Tat stets eine Leidenschaft für Fähren besessen; sie sind für mich einzigartige, fließende, niemals versagende, lebende Gedichte. Die Fluß- und Buchtlandschaft überall in New York, zu jeder beliebigen Zeit eines schönen Tages – die eilenden, sprizuenden Meeresströmungen – das wechselnde Panorama von Dampfern aller Größen, oft eine ganze Kette der größeren auf der Heimreise zu fernen Häfen – die Myriaden weißer Segel von Schonern, Schaluppen, Skiffen und die unglaublich hübschen Jachten – die majestätischen Sundboote, da sie die Battery umsegelten und nachmittags gegen fünf herankamen, unterwegs nach Osten – den Blick nach Staten Island gerichtet oder hinunter nach Narrows oder in die andere Richtung, den Hudson hinauf – welche Erfrischung des Geistes mir doch solche Schauspiele und Erlebnisse vor Jahren (und noch viele Male seither) gaben!
Walt Whitman: Tagebuch. Aus dem Englischen von Götz Burghardt. Leipzig: Reclam, 1985, S. 17f
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Those of us who have been fortunate enough to have been new parents will recognize the way in which everything seems to relate to a baby, who has by her arrival suddenly made the world surround her. D. Nurkse lives in Brooklyn.
First Night
We brought that newborn home from Maimonides
and showed her nine blue glittering streets.
Would she like the semis with hoods of snow?
The precinct? Bohack’s? A lit diner?
Her eyes were huge and her gaze tilted
like milk in a pan, toward shadow.
Would she like the tenement, three dim flights,
her crib that smelled of Lemon Pledge?
We slept beside her in our long coats,
rigid with fatigue in the unmade bed.
Her breath woke us with its slight catch.
Would she approve of gray winter dawn?
We showed her daylight in our cupped hands.
Then the high clocks began booming
in this city and the next, we counted for her,
but just the strokes, not the laggards
or the tinny echoes, and we taught her
how to wait, how to watch, how to be held,
in that icy room, until our own alarm chimed.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by D. Nurkse from his most recent book of poems, A Night in Brooklyn, Alfred A. Knopf, 2012. Poem reprinted by permission of D. Nurkse and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Leserbrief an die New York Times: „Wer sind Papst Franz und seine Vorgänger, um Frauen zu beurteilen, die Priester werden möchten? Diese Tür, auf verrosteten uralten Scharnieren, bleibt zu. Neuer Papst, alte Geschichte.“
Zu Hause, lese ich, schimpft Jan immer noch gegen diverse US-Kritiker. Gut, daß ich in den Staaten bin. In der Arts-Beilage am Mittwoch ein interessanter Artikel über die Tanzszene in Downtown Manhattan, sonst Film und Musik, Lyrik Null (Ich beobachte nur). Am Donnerstag wie immer, nur in die Musikberichterstattung schleicht sich Poesie via Singer/Songwriter ein. Bombino, eigentlich Omara Moctar, ein in Niger geborener Tuareg, der auch in Algerien, Libyen und Burkina Faso lebte, sang in seiner Muttersprache Tamaschek in Brooklyn. Tuaregmusik erinnert manchmal an Blues, sagt der Artikel. Bombino lernte in Algerien von Jimi-Hendrix-Videos. Seine Texte handeln von Liebe, Wüste und Bewahrung des Erbes.
Über eine Million Amerikaner kriegen kein Konto wegen kleiner Verfehlungen (einmal 40 Dollar überzogen). Ihre Datenbanken speichern alles und vergessen nichts. Ob den Spekulanten, die Nationen ins Unglück stürzten, die Konten entzogen wurden, bleibt unerwähnt.
Interessanter Unterschied: Wenn Busfahrer in Deutschland leer ins Depot fahren, weil sie Feierabend haben, steht dran: „Dienstfahrt“. In Amerika: „Not in Service“.

Granderath empfindet es als großes Geschenk, dass sie Menschen für Gedichte begeistern kann. Auch wenn sich mit Lyrik nicht viel Geld verdienen lässt, wie sie aus eigener Erfahrung weiß. Die Düsseldorferin ist seit Jahren auch als Moderatorin unterwegs.
Sie steht für die Poesieschlacht im Zakk, war selbst lange als Slammerin unterwegs. In Workshops und Schreibwerkstätten bringt sie jungen und alten Menschen bei, wie aus ihren Gedanken und Gefühlen Literatur wird. „Jeder hat die Fähigkeit, Inneres aufzuschreiben“, erklärt sie. Wenn Jugendliche Wörter wie „Klappkaribik“ für Sonnenbank schöpfen, dann ist das für Granderath wertvoll. Eine Unterscheidung in richtige und nicht richtige Literatur gibt es bei ihr nicht.
Sie selbst habe einen Hang zu kantigen Wörtern. Praktizieren, so etwas bleibt hängen und rutscht nicht durchs Ohr, sagt sie. Oder Krustenbraten. Manchmal kann sie auf Zuruf ein Gedicht verfassen. Und manchmal schleppt sie im Kopf einen Satz lange mit sich rum.
„Aber wenn der Lyrikspeicher voll ist, dann muss etwas abgelassen werden.“ Granderath schreibt mit Bleistiften in ein kleines Buch. Gerne unterwegs oder in der Straßenbahn. „In der Dichterstube ist eben nicht so viel los“, sagt sie. Am Versmaß arbeitet sie dann aber konzentriert zu Hause. Vieles ist konstruiert, sie begeistert sich für Konkrete Poesie. Auch die Typographie, das Erscheinungsbild ihrer Wörter und Zeilen ist der Dichterin wichtig. / Marion Troja, Westdeutsche Zeitung
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