Als die Gegenbeispiele hervorragender Lyrik, die die Überlegenheit der „traditionellen“ über die „experimentelle“ Lyrik belegen, und zuvörderst über die „pseudo-traditionelle oder ‚literarische'“ Lyrik (Swinburne, A. E. Housman) und die „pseudo-experimentelle“ (E. E. Cummings), lobt Herr Winters Robert Bridges – „ein besserer Dichter und klarerer („saner“) Mensch als Pound oder Eliot“ –; T. Sturge Moore (war es Max Beerbohm, der ihn einmal als „Schaf im Schafspelz“ titulierte?); und schließlich Bridges Tochter Elizabeth Daryush, „eine der wenigen Großen unter den lebenden Dichtern“.
/ F. Cudworth Flint: A Critique of Experimental Poetry. Rezension zu: Primitivism and Decadence: A Study of American Experimental Poetry. By Yvor Winters. New York: Arrow Editions. $2.50. In: The Virgina Quarterly, Sommer 1937.
wach bleiben morgen Nacht – wenn Meteoriten ihre wortlose Botschaft in den Himmel schreiben
Hansjürgen Bulkowski
Anfang des Jahres 2013 hat der Walter de Gruyter Verlag die beiden hoch renommierten Fachverlage “Oldenbourg Wissenschaftsverlag” und “Akademie Verlag” erworben und steht gerade im Begriff, die lieferbare Produktion als elektronische Ressourcen in die de Gruyter-Plattform zu integrieren. Die beiden “Marken” Oldenbourg und Akademie bleiben dabei als sog. Verlagsimprints mit eigenem Profil bestehen. Der in Fachkreisen nicht unbedingt für eine zurückhaltende Preisgestaltung bekannte de Gruyter-Verlag hat sich nun als Einstiegsgeschenk etwas tatsächlich ganz besonderes einfallen lassen: für den Monat August 2013 werden alle lieferbaren Publikationen der beiden Neuzugänge kostenlos online zur Verfügung gestellt, und dies, de Gruyter-typisch, ohne nennenswerte Beschränkung der elektronischen Dokumente durch ein digitales Rechtemanagement, mit dem die Konkurrenz so gerne ihre digitalen Produkte vernagelt.
Das bedeutet für Sie: sowohl vom Campus der Universität als auch unauthentifiziert von zu Hause aus können Sie bis zum 31. August alle Oldenbourg- und Akademietitel betrachten und auch kapitelweise herunterladen. Die einzelnen Downloads, die von sich geduldigen Menschen durchaus zu einem gesamten Buch zusammensetzen lassen, erhalten am Fuß jeder Seite lediglich einen Vermerk mit der IP-Adresse des Anfragenden und den Zeitpunkt der Abspeicherung. Im Campusbereich wird hier auch die “Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek” als erkannter Kunde der Plattform mit untergebracht.
Und bevor es jetzt (zu) negativ wird (denn das Vorgehen des Verlags begeistert auch den Blogschreiber, man denke nur an die wochenlang kostenlos zur Verfügung gestellten Oldenbourg-Grundrisse der Geschichte etc.), erhalten ungeduldige Menschen endlich die Zugangsadresse:
Kostenlose Oldenbourg- und Akademie-E-Books und E-Journals
Hier kritische Anmerkungen
Für ganze Bände braucht man etwas Geduld, aber vielleicht lohnt es sich. Zum Beispiel um 55 Bände der Heine-Säkularausgabe des Aufbauverlags herunterzuladen und die Kapitel zusammenzusetzen? Stückpreis als Buch wie als Pdf je über 100 Euro. Oder Plinius- und Ciceroausgaben, Aristoteles Poetik mit Erläuterungen von Arbogast Schmitt (2009), Zeitschriften wie Clio, Philologus,
Historisches Lexikon deutscher Farbbezeichnungen (2013) …
GROB
Von hundert germanisten liebt die dichtung einer
Berufen ist zum germanisten außer diesem keiner
Interpretationshilfe
Außer diesem einen
mag der autor keinen
von Reiner Kunze
erschienen in:
Reiner Kunze, auf eigene hoffnung (1981)
Der aktuelle Hausacher Stadtschreiber Dominik Dombrowski wird heute [30.7.] um 19.30 Uhr im Sitzungssaal des Rathauses seine Antrittslesung halten. Der Schwarzwälder Bote hat dem Lyriker im Hausacher Molerhiisli einen Schreibtischbesuch abgestattet. Eine Libelle manövriert über den entlaubten Tümpel vor dem Molerhiisli. Zwei Bücher, „Code of the Road – Dylan interpretiert“ und der Gedichtband „All of us“ von Raymond Carver – liegen neben Kaffeetasse und Tabak vor Dominik Dombrowski auf dem Terrassentisch. Im sommerliche Sonnenschein wirkt die Szenerie fast urlaubsartig. Doch über den „Code“ Bob Dylans schreibt der 49-Jährige eine Rezension. / Arwen Möller, Schwarzwälder Bote
Die Presse veröffentlicht wie jeden Sommer neue Logikrätsel ihrer Sudoku-Autoren. Heute: die tückischen Hakyuus. Hier Schritt 4 (von 6):
Das einzige Feld von Bereich D, das den Mindestabstand von zwei Feldern zu f2 hat, ist c2. Daraus folgt, dass der Zweier von Bereich G entweder auf d3 oder auf d4 liegen muss. Wir können zwar noch nicht feststellen, wo er sich befindet, aber es hilft, das zu wissen: Beide Fälle schließen einen Zweier auf d5 aus. Deshalb können wir den Zweier von Bereich H auf c5 und den Einser auf d5 einzeichnen. Nun ist es leicht ersichtlich, dass in Bereich K der Zweier auf b6 und der Einser auf c6 liegen muss.
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Quer durch Deutschland führen ihn seine Lesereisen, und so still es im Feuilleton um den Georg-Büchner-Preis-Träger des Jahres 1977 in den vergangenen Jahren auch geworden sein mag, so sehr zählt er nach wie vor zu den ganz wenigen Lyrikern deutscher Sprache, die Säle mit mehr als 500 Sitzplätzen problemlos füllen.
Seit 52 Jahren sind Elisabeth und Reiner Kunze ein Paar; die Geschichte ihres Kennenlernens ist so anrührend, dass man sie für erfunden halten (oder erfinden) müsste, wenn sie sich nicht tatsächlich zugetragen hätte: In den späten 1950er-Jahren hatte die tschechische Medizinstudentin Elisabeth Mifka im DDR-Rundfunk ein Liebesgedicht gehört und wegen des schlechten Empfangs den Namen des Autors nur undeutlich verstanden: „Die liebe / ist eine wilde rose in uns / Sie schlägt ihre wurzeln / in den augen, / wenn sie dem blick des geliebten begegnen / Sie schlägt ihre wurzeln / in den wangen, / wenn sie den hauch des geliebten spüren / Sie schlägt ihre wurzeln / in der haut des armes, / wenn ihn die hand des geliebten berührt / Sie schlägt ihre wurzeln, / wächst wuchert / und eines abends / oder eines morgens / fühlen wir nur: / sie verlangt / raum in uns“.
Elisabeth schreibt auf gut Glück eine Postkarte an Radio Dresden, die über viele Umwege den Weg nach Ostberlin zur Sendungsmacherin und schließlich in die Hände des jungen Dichters findet. Mehr als 400 Briefe später kommt es zu einem ersten handvermittelten Telefonat; es ist zwei Uhr morgens: „Willst du meine Frau werden?“ „Ja.“
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Und wenngleich Reiner Kunze vorwiegend Lyrik geschrieben und übersetzt hat und seine Gedichte in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden sind, ist es doch der Kurzprosaband Die wunderbaren Jahre (1976), der ihm den größten Publikumserfolg beschert hat: Der Titel liegt mittlerweile in der 32. Auflage vor – rund 750.000-mal will der S.-Fischer-Verlag das Buch verkauft haben.
Nach dessen Erscheinen (in Westdeutschland) wird Kunze aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, was de facto einem Berufsverbot gleichkommt. Als Teile des Politbüros einen Prozess gegen ihn anstrengen, „nach dem keiner mehr so anfangen wird wie Heym oder Kunze“ (und Kunze über gezielte Indiskretionen erfährt, dass acht bis zwölf Jahre Haft erwogen werden), stellt er einen Antrag auf dauerhafte Ausbürgerung, der binnen kurzem genehmigt wird. „Honecker war gegen diesen Prozess. Biermann war ja schon ausgebürgert, das internationale Ansehen der DDR sollte nicht weiter beschädigt werden.“
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Man muss weder die zwölf Bände und 3.491 Blätter umfassende Stasi-Akte über Reiner Kunze gelesen haben noch mit Kunzes Agieren auf dem politischen Tagesparkett der BRD – und später des wiedervereinigten Deutschland – einverstanden sein, um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr Kunze diese Diffamierungsversuche getroffen haben müssen: „Über Wochen wurden mir in unregelmäßigen Abständen meine Bücher in zerrissenem Zustand und mit Inschriften wie ‚Strauß-Intimus‘ zugeschickt – ich hatte Franz Josef Strauß bis dahin nur ein einziges Mal gesehen, und das aus der Ferne.“ Helmut Kohl kannte er aus dessen Zeit als Vorsitzender des Bundestagsinnenausschusses, in dessen Zuständigkeitsbereich auch der Freikauf von DDR-Häftlingen gehörte: „Nachdem er Bundeskanzler geworden war, lud er mich als ehemaligen DDR-Bürger ein, ihn auf seinem ersten Staatsbesuch in Israel zu begleiten. Nach unserer Rückkehr schwappte mir aus der gesamten Bundesrepublik eine Flut von Protestbriefen ins Haus, in denen es u. a. hieß, ich hätte mich als Kohl-Begleiter endgültig vor den Karren der Rechten spannen lassen, oder in denen ich unter Androhung eines bundesweiten Buchkauf- und Lesungsboykotts aufgefordert wurde, die Kohl‘ sche Politik zu verurteilen. Eine bekannte Berliner Buchhandlung ließ einen ihrer Kunden wissen, von nun an werde kein Kunze-Buch mehr in ihren Regalen zu finden sein.“ Bis heute erhält er Drohbriefe; erst unlängst einen mit dem Sartre-Zitat „Ein Antikommunist ist und bleibt ein Hund.“
/ Josef Bichler, Album, DER STANDARD 10.8.
Anmerkung: Die numerierten Auszüge, quasi 3 Stationen, sind eine Zutat der Lyrikzeitung. Tatsächlich handelt es sich um einen längeren zusammenhängenden Text.
Das Wortart-Ensemble, welches am Dienstagabend in der ausverkauften Klosterkirche Reichenbach zu hören war, ließ eine Vielzahl zeitgenössischer Dichter zu Wort kommen, unter anderen Wolf Wondratschek, Eva Strittmatter, Nora Gomringer. Ausgewählte Texte dieser Poeten stellten die Basis für die Vertonungen durch die fünf im Jazzgesang ausgebildeten jungen Künstler dar. …
Im zweiten Teil waren vor allem die atemberaubenden Gedichte von Nora Gomringer vertreten: „Haut und Hülle“, „Erdbebenstimmung“ als auch „Ich war schrecklich“. Schwer klang der Schluss bis in die letzte Reihe: „Ohne dich war ich schrecklich. Mit dir war ich schrecklich. Wenn alles nichts mit dir zu tun hat, bin ich tadellos.“
/ Christiane Geier, HNA
Kritiker, lese ich, hoffen auf die Lyrik. Oder in die oder der Lyrik. Das ist doch gut!
Nach Tränenfabrik von 2009 erschien bei Suhrkamp vor Kurzem ihr zweiter Gedichtband Kreuzwort. Eigentlich lebt sie in Amerika. Sie dichtet, übersetzt und lehrt als Assistenzprofessorin an der Cornell University, Ithaka. Unter Kritikern gilt sie als große Hoffnung in der Lyrik. Bereits 2008 zierte sie mit Bubikopf und wachem Blick das Cover des US-Magazins Poets&Writers.
Mort hat sich die Welt mit Worten erobert. Sie stammt aus Belarus, einem Land, das im toten Winkel der öffentlichen Wahrnehmung liegt.1981 wurde sie in der Hauptstadt Minsk geboren, heute besitzt sie die belarussische und amerikanische Staatsbürgerschaft. So selbstverständlich wie zwischen Kontinenten bewegt sie sich auch durch Kreuzberg.
In ihrer Lyrik verrücken Räume, Perspektiven verschieben sich. Das Meer stürzt „wie ein Kettenhund“ auf die Möwen, eine Insel wird „von der Sonne über die Schulter der Welt gespuckt“, „Bücher verwitwen“, ein Vogel „glaubt, das Meer wäre sein Ei“. / Carmen Eller, Die Zeit
Valzhyna Mort: Kreuzwort
Suhrkamp, Berlin 2013; 109 S., 12 €
Valzhyna Mort: Tränenfabrik
Suhrkamp, Berlin 2013; 86 S., 10 €
An den Ufern der Wurm dichtete Nikolaus Becker das Lied „vom freien deutschen Rhein“. Sein „Rheinlied“, das 1841 veröffentlicht wurde, ging wie ein Lauffeuer durch ganz Deutschland.
Reichskanzler Otto von Bismarck lobte den Verfasser ebenso wie König Ludwig I. von Bayern für sein Werk. / mehr
Die wachen Augen blitzen, suchen direkten Kontakt zu den Menschen, die ihm gegenüber Platz genommen haben. Es sind die Augen eines Menschen, der bei sich geblieben ist. Einer, der glaubhaft vom Glück spricht, mit dem sein Geld verdienen zu können, das er am meisten mag: Musik machen, Lieder komponieren, Gedichte schreiben. Konstantin Wecker ist auf der Bühne ein Live-Erlebnis der besonderen Art. / Michael Merkle, General-Anzeiger
„Hereinspaziert! Das ist der Eingang zu einer kleinen, aber gut gehenden Dichterei!“ So charmant begrüßt Heinz Rudolf Unger Besucher seiner Webseite. Literarisch kann der Dichter und Dramatiker aber auch zulangen, was er mit Theaterstücken wie „Zwölfeläuten“ und Liedtexten für die Schmetterlinge unter Beweis stellte. Zuletzt hat er sich mit „Der schweigende Sprachraum“ der zarteren Lyrik zugewandt. Am Mittwoch wird der künstlerische Tausendsassa 75. / Salzburger Nachrichten
Schließlich wird man ermordet, weil man Lyrik liebt und im Internet Gedichte mit stimmungsvollen Fotos kombiniert postet. Allerdings, was wäre, wenn die Gedichte Botschaften enthalten, die nur einige Forumsmitglieder verstehen und die gar nicht so harmlos sind, sondern eher düster, weil es in ihnen um Angst und Tod geht? Der Krimi kostet 16,95, als E-Book 14,99 Euro. / Mitteldeutsche Zeitung
Schon seit zehn Jahren lebt der 1977 geborene Lyrik-Performance-Künstler in Berlin. Der Großvater stammte aus Katalonien, Domeneck ist ein katalonischer Name. Die Großmutter war Italienerin. In München, wo er anfangs Deutsch als Fremdsprache studierte, hatte er es ein knappes Jahr ausgehalten. Die Stadt war ihm zu teuer. Eigentlich wollte Domeneck nur ein Jahr in Deutschland leben, doch dann ist er geblieben. „Europa ist wichtig für meine Arbeit“, sagt Domeneck. „Hier gibt es ein Netzwerk experimenteller Lyrik, Festivals und einen Respekt für die Literatur, der in Lateinamerika oft fehlt.“
Domeneck ist es wichtig, mit seinem Körper zu arbeiten, er bewegt sich auf der Bühne, liest mit schmerzhaft verschränkter Körperhaltung oder verbindet Lyrik mit Tanz. In seinen Texten will er die Trennung zwischen Körper und Geist aufheben. „Ich arbeite an der Grenze dieser Dualität“, sagt er. Er will diese Grenze nicht mehr als Trennung sehen, sondern als Verbindung.
Deswegen bezieht sich Domeneck in seiner Lyrik immer auf den Körper. Der Titel seines kürzlich erschienenen zweisprachigen Gedichtbands lautet: „Körper: Ein Handbuch“ (Corpo: Um Manual). Odile Kennel hat seine collageartigen Texte mit anatomischen Begriffen, Regionalismen, Gay-Slang und Alltagssprache nach Hunderten „Küchengesprächen“ mit dem Autor feinfühlig ins Deutsche übersetzt (Verlagshaus J. Frank, Berlin 2013. 240 S., 16,90 Euro)
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