90. Klangpoesie in Berlin

28.8. 2013 – 20:30

Altes Finanzamt
Schönstedtstrasse 7
12043 Berlin-Neukölln

„Voice_Voice_Voice_Voice“ Collaborative performance combining extended vocal technique, text, dada, language, poesia sonora

with Tomomi Adachi, Alessandra Eramo, Valeri Scherstjanoi, Gabriel Dharmoo

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31.8.2013  – 19:00 und 22:00

Galerie Haus am Lützowplatz,
Lützowplatz 9
10785 Berlin-Tiergarten

Berlin Sound Poets Quoi Tête

Das internationale Klangkunst-Kollektiv Berlin Sound Poets Quoi Tête, bestehend aus Tomomi Adachi (JP), Ernesto Estrella (ES), Jelle Meander (BE) und Cia Rinne (DE), erforscht in seinen Performances vokalbasierte Poesie in Verbindung mit experimenteller Musik.

Live-Performance jeweils um 19:00 und um 22:00
kuratiert von Wendelin Büchler
Im Rahmen der 33. Langen Nacht der Museen
Tickets: 18€/12€ – Kinder bis 12 Jahre frei

(Ticket gilt für alle Veranstaltungen während der Langen Nacht der Museen)

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4.9. und 5.9. 2013  – 20:30

St- Elisabeth-Kirche
Invalidenstrasse 3, 10115 Berlin-Mitte

Makiko Nishikaze: ppt (UA)

ppt-nishikaze

Räumliche Komposition für das Ensemble Maulwerker: 5 Vokalperformer mit Instrumenten und Objekten
mit Christian Kesten, Ariane Jessulat, Henrik Kairies, Katarina Rasinski, Steffi Weismann
Videoprojektion: Alessandra Eramo, Steffi Weismann

Eintritt: 10 € / ermäßigt 8 € Vorbestellung: office@maulwerker.de

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6.11.2013  – 21:00
Acker Stadt Palast
Ackerstr. 169/170
10115 Berlin-Mitte

Electroacoustic Performance for voice, manipulated tapes and field recordings

Alessandra Eramo and Marta Zapparoli

Vinyl Terror and Horror – visual and sculptural turntablism, cinematic soundscapes

Camilla Sørensen and Greta Christensen

89. Avantgarde im Exil

‚Das Zimmer stank‘, wird Fred Uhlmann über seine erste Begegnung mit Schwitters schreiben. ‚Ein muffiger, säuerlicher, unbeschreiblicher Gestank, der von drei Dada-Plastiken ausging, die er aus Porridge (Haferbrei) gefertigt hatte, da an Gips nicht heranzukommen war. Der Porridge hatte Schimmel entwickelt, und die Skulpturen waren mit grünlichem Haar und bläulichen Exkrementen einer unbekannten Bakterienart bedeckt.‘ Uhlmann hatte Schwitters im Internierungslager auf der Isle of Man kennen gelernt. Gut 250 Werke schuf Schwitters während seines einjährigen Aufenthaltes dort, notiert die Kunstgeschichte, und dass er sich dort vom Abstrakten ab- und dem Gegenständlichen zuwandte. Tatsächlich entstand im ‚Camp‘ eine große Anzahl von Porträts, auch Uhlmann saß dem Künstler für um die fünf Pfund Modell. Allerdings ärgerte er sich, er hätte doch besser in eine Collage investiert, ‚die für 10 Schilling zu haben gewesen wäre‘. Kurt Schwitters, international berühmt, muss geahnt haben, dass Kunst ihn in England nur dann ernähren wird, wenn er die Arbeit an der Avantgarde zeitweise einstellt.

Und so gilt das bisher als ‚Exilperiode‘ abgelegte Spätwerk jetzt als Epoche einer ‚Dialektik des Exils‘, zumindest ist das die Lesart, die eine von der Londoner Tate Britain Gallery ausgehende Schau im Sprengel-Museum Hannover vorschlägt. (…)

Nach dem Krieg, als er in den Lake District zog, unterstützte das Museum of Modern Art die dritte Fortsetzung mit einem Stipendium in Höhe von 1000 Dollar, ein Pachtvertrag soll die Existenz des ‚Merzbarn‘ absichern. Gleichzeitig arbeitete er also wieder am Projekt Moderne – und malte für seinen Lebensunterhalt kleine Bilder für Touristen. ‚In diesen 3 Wochen habe ich verdient, was ich für 5 Wochen brauche‘, rechnet er seinem Sohn in einem Brief vor, dem er auch, ironisch, von seinem Erfolg bei der Blumenschau Ambleside berichtet. ‚Ich habe 6 Blumenbilder eingereicht, 2 davon aus dem letzten Jahr. Mrs Vartis Rosen bekamen den ersten Preis, und Mr Bickerstaffs Chrysanthemen den zweiten.‘ Die Doppelexistenz, die ‚Dialektik des Exils‘, währt nicht lange. Als Kurt Schwitters am 8. Januar 1948 stirbt, hat er nur eine Wand mit Reliefs überzogen. Doch der Schuppen – das Wandfragment wurde in die Hatton Gallery in Newcastle überführt – zeugt bis heute von der außerordentlichen Kraft auch des Spätwerks, das, wie Schwitters, die Begabung hatte, sich als zentrale Position der Avantgarde zu behaupten. / Catrin Lorch, Süddeutsche Zeitung 16.8.

Schwitters in England. Bis 25. August im Sprengel Museum Hannover. Der Katalog kostet 29 Euro.

 

88. Wer ist hier asozial?

…  fragt Burkhard Müller und sagt: Immer das neueste Medium wird verdächtigt, die Gemeinschaft zu sprengen

Ein Medium ist bei Kräften, solang es als Schund gilt. Dass heute allgemeine Einigkeit über den Bildungswert des Buchs besteht, bezeugt dessen mediale Schwäche; und dazu gehört es wohl auch, dass es auf einmal soziale Qualitäten aufweisen soll, die man ihm früher rundheraus abgesprochen hat. Der individuelle Lese-Exzess erscheint am Horizont des kulturellen Lebens nurmehr wie ein ungefährliches Wetterleuchten oder eher noch wie eine Fata Morgana. Stattdessen hat das Buch alle möglichen Modi der sozialen Teilhabe entwickelt, Lesungen, Talkshows mit Autoren, Werbeveranstaltungen aller Art, Darbietungen in Geschenkformen, die es erlauben, sich genau in dem Maß den Mitmenschen zuzuwenden, wie die eigentliche Selbst-Lektüre in den Hintergrund tritt. Man muss ein Buch heute nicht mehr lesen, um ein Verhältnis zu ihm aufzubauen. In gewissem Sinn ist es auf sozialem Weg kastriert worden.

Und nun ist also auf einmal das gute alte Fernsehen mit der Verklärung dran. Zwar sprechen mindestens so viele Gründe wie beim Buch dafür, dass es den direkten sozialen Kontakt schon immer entmutigt hat. Beide Medien, Buch und Fernsehen, gebieten es, dass man, während man sie rezipiert, in Schweigen verharrt. Der Dreinquassler war bestimmt auch schon in den Zeiten der Schrankwand-Familientruhe eine unbeliebte Figur, denn er beeinträchtigte die anderen in ihrem Genuss. Aber wenigstens unmittelbar hinterher soll immer gleich die gehaltvolle Diskussion gelaufen sein. Wer hingegen ein interaktives Medium bedient, das ihm doch den direkten Austausch mit einem, wenn auch abwesenden, Partner möglich macht, der soll ein sozial gestörter Nerd sein. Warten wir den nächsten Schub medialer Innovation ab: Dann nämlich wird es den Kulturkritikern nachträglich wie Schuppen von den Augen fallen, und sie werden das Verschwinden von Facebook mit seinen so offensichtlichen sozialen Qualitäten beklagen. / Süddeutsche Zeitung 12.8.

87. Chirikure Chirikure

Warum schreiben Sie auf Shona? Das ist zwar die Mehrheitssprache in Simbabwe, aber preisgekrönte Autoren aus Ihrer Heimat, wie NoViolet Bulawayo oder Brian Chikwava, schreiben auf Englisch, und auch Sie würden auf Englisch wohl ein größeres Publikum erreichen.

Meine Gedichte kommen zu mir auf Shona. Ich träume auf Shona. Vieles wird eh früher oder später ins Englische übersetzt. Und wenn nicht: Jedes Gedicht lebt sein eigenes Leben, unabhängig vom Publikum.

Hat Ihr Name eine Bedeutung?

Chirikure heißt ‚weit weg‘. Chirikure Chirkure kann man übersetzen als: ‚Was weit weg ist, ist weit weg.‘ So weit weg, dass du es nicht anfassen kannst.

Tim Neshitov befragte den simbabwischen Autor Chirikure Chirikure, Süddeutsche Zeitung 17.8.

86. Fenster zum Garten

Seine Gedichte kommen leise und fragil daher: „Ich gestehe meine Vorliebe für das Unscheinbare, Unspektakuläre, vermeintlich Unvertraute und Periphere.“

Das gilt auch für dieses Gedicht. Wer kennt nicht den Moment des Aufwachens, das erste Öffnen der Augen, in denen noch der Schlaf klebt und die Wimpern deshalb „knistern“? Man muss sich erst orientieren, öffnet vielleicht ein Fenster zum Garten. Hier ist das Fenster ein „großer Garten, das Stille öffnet“: Geräusche dringen nach dem Öffnen herein. / Henning Heske über Jürgen Nendzas Gedicht „Die Wimpern“, Frankfurter Anthologie

85. Geht auch mit Mainz

In Mainz funktioniert der Bahnhof nicht mehr. Aus diesem Anlass habe ich, in der Tradition von Günter Grass, ein politisches Gedicht verfasst: Ein Bahnhof, wo nichts fährt, der ist sein Geld nicht wert. Ein Bahnhof ohne Züge ist eine schlimme Lüge. / Harald Martenstein, Tagesspiegel

84. Münchner Reime

Bei der Erziehung ihrer Fahrgäste greifen die Münchner Verkehrsbetriebe gerne zum Gedicht. Es sind in Jamben und Trochäen verfasste Verse, wie sie auch ein Mörike nicht schöner hätte schmieden können: ‚Aus dem Walkman tönt es grell, / Den Nachbarn juckt“s im Trommelfell‘ oder ‚Ob ihr wirklich richtig steht, / Seht ihr, wenn die Tür zugeht‘. Wer bei dieser Metrik, bei dieser Sprachmelodie nicht sofort an das bekannte ‚Frühling lässt sein blaues Band‘ denken muss, der ist gewiss ein ziemlicher Banause. / Süddeutsche Zeitung

83. Schwere Kost

Die Gedichte des jüdischen Lyrikers Paul Celan (1920-1970) sind schwere Kost

wieso quälen sie sich nur so? Wer keinen Saumagen verträgt, kann ja was Leichteres essen, bloß mal metaphorisch. Natürlich paßt das nicht auf Celan; schon weil er Jude ist…

sind schwere Kost: Seine berühmte „Todesfuge“ thematisiert den Mord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten.

Ach so, deshalb. Wir dachten schon, die Gedichte sind so schwer. Es ist nur das unangenehme Thema. Irgendwie schwermütig:

Seine Lyrik hat die Schwermut eines Menschen, der seine Eltern im Holocaust verlor und als Zwangsarbeiter in rumänischen Arbeitslagern war.

(Nein, ich kommentiere jetzt nicht alles in diesem Gesülze. Alles nicht!) Es gibt ja auch ein bißchen Licht:

Doch wer Celan oft und aufmerksam liest, entdeckt in seinen Versen nicht nur Leid, sondern auch Liebe.

Ja ja, schön! Auch andere quälen sich und werden dafür belohnt:

Der Schauspieler Ben Becker hat dies getan: Er vertiefte sich in Celans Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“, erkundete dessen Vita bis in die Liebesbriefe Ingeborg Bachmanns. Herausgekommen ist ein gemeinsames Programm mit dem in Buenos Aires geborenen Klezmer-Klarinettisten Giora Feidman: „Zweistimmig – Hommage an Paul Celan“.

Er vertiefte sich, erkundete und las sogar. Erkannte also in diesem Leben nicht nur Leid, sondern auch die Liebe. Alles wird gut!

Zitate aus: Evangelischer Pressedienst. Landesdienst Ost.

Ich brauch jetzt Poesie.

Könnte von Bobrowski sein („Wo Liebe nicht ist, sprich das Wort nicht aus“), von Celan („Käme, käme ein Mensch…“), die erste Assoziation kam aber von Unica Zürn:

»ich weiß nicht, wie man die liebe macht«

wie ich weiß, »macht« man die liebe nicht.
sie weint bei einem wachslicht im dach.
ach, sie waechst im lichten, im winde bei
nacht. sie wacht im weichen bilde, im eis
des niemals, im bitten: wache, wie ich. ich
weiss, wie ich macht man die liebe nicht.«

(1959)

82. Gestorben

John Hollander, virtuoser Dichter, der traditionellen Versformen neues Leben einhauchte, starb am Sonnabend in Branford, Conn. im Alter von 83 Jahren. Von „einer technischen Virtuosität ohne Vergleich in der heutigen amerikanischen Lyrik“ sprach die Kritik. Anfangs galt er als Formalist oder Neoklassiker wegen seiner Vorliebe für alte Formen. Mit dem Band “The Night Mirror: Poems” von 1971 aber begann er ein ambitionierteres Programm zu entwickeln, mit oft langen Gedichten von beträchtlicher Schwierigkeit. Doch stellte er seinen Erfundungsreichtum und sein technisches Können weiterhin unter Beweis, so in “The Powers of Thirteen”, einer Sequenz von 169 (13 mal 13) reimlosen 13zeiligen Strophen mit je 13 Silben pro Zeile und in “Reflections on Espionage: The Question of Cupcake” (1976), einem Kommentar zur heutigen Lyrik, dargeboten als codierte Botschaften eines Spions an seine Auftraggeber und andere Agenten. / William Grimes, New York Times 19.8.

81. Das ist das Leben

“Vermutlich im März notiert” ist das kürzeste Gedicht betitelt, das vielleicht am besten die Spontanität und Offenheit (und Schönheit!) von Elke Erbs Lyrik auf den Punkt bringt:

Wenn der Hirsch aus dem Wald tritt – denk nicht, das ist nichts.
Oh, weißt du, das ist das Leben!

2012

/ Fabian Thomas, The daily frown

Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein. Roughbooks, Berlin, Wuischke und Solothurn, 62 Seiten, 7 €

80. «gedichtlein tuten at the gedicht»

Seine Sammlung bereits verstreut und teilweise auch erstmals publizierter Gedichte – «und ähnliche Dinge», wie es im Untertitel heisst – nennt Urs Allemann «In Sepps Welt». Das ist Einladung und Warnung zugleich. Wer sie betritt, findet Gedichte wie: «ottis od: / ich in ein wein / esse rot / inke ein.» Sepp lebt in seiner eigenen poetischen Welt, scheint es, und wer in einer eigenen Welt lebt, den bezeichnen wir schnell als verrückt. Sepps Welt ist aber auch unsere Welt, seine Sprache unsere Sprache. In «Sepps» oder: in Urs Allemanns Gedichten, auch wenn sie uns wie ein Narrenhaus vorkommen, finden sich oft nur die uns bekannten Gedichte der Literatur wieder: «the gedicht is aufgetutet. the golden / gedichtlein tuten at the gedicht. hölle!» («gedichtsong»).

Mag die Tradition in Allemanns Transformationen noch so verfremdet, entstellt gar sein: Ohne sie wären sie undenkbar. Die Entfernung von ihr ist immer auch eine Form der Annäherung. Und umgekehrt: Die Näherung geht für Allemann nur über die Entfernung. Das gilt für seinen Umgang mit der Sprache überhaupt. Sie verzichtet, weil sie Kommunikation bleiben will, weder auf Sinn noch auf Strukturen und Regeln. Im Text «kolkwuss», den Allemann als «prosadicht» bezeichnet, kommt dies auf eine geradezu schmerzhafte Weise zum Ausdruck: «‹löffel› buchstabieren so: ‹l› und noch was und noch was und – o von ‹mirmirmir mirmirmirmir› aus. Ich mich nümen nutzen. Numen für schauen da.»

Wir verstehen kaum noch, was da einer sagt, aber wir verstehen doch, dass gerade das es ist, was es zu verstehen gilt. In der Sprachverkrüppelung «äussert» sich die körperlich-seelische Verkrüppelung des Sprechers. Und dies in keiner anderen Sprache als in der, die wir kennen. Eine andere hat er nicht. / Samuel Moser, NZZ

Urs Allemann: In Sepps Welt. Gedichte und ähnliche Dinge. Klever-Verlag, Essen 2013. 145 S., Fr. 27.90.

79. Babylonische Leiter

Eine neue Ausgabe von karawa.net ist erschienen:

# 005  / Babylonische Leiter

Darin u.a.:

  • Политику
    »Algen gab es da – phrygisch, Pentatonik von Kleinigkeiten, / du warst dir selbst bewusst, und wolltest eine Jacht / vor Anker legen in einem Wasserloch, seine Tiefe / überstieg dich (du hättest dich darin verschluckt).« Für Arkadii Dragomoshchenko ist Sprache nichts, das schon immer benutzt und in Besitz genommen wurde, das vorgeformt und präfiguriert wäre. Im Gegenteil, Dragomoshchenko betont: Sprache kann nicht besessen werden, denn sie ist immer unvollständig«. »Je est un autre, die Poesie ist immer woanders.« Drei Elegien in drei Sprachen.
  • Mission
    »die hän s no / im gschpüür / ass er ganz isch / de mensch // … den Lendenschurz / da unten den / haben wir / angebracht / es kommen ja auch / Kinder her …«  Alemannische Gedichte von Markus Manfred Jung nebst Vertonung.
  • Gottesdefinitionen
    Sie sind alle wahr, sie sind alle falsch. Gottesdefinitionen von Parmenides über Augustinus, Mohammed, Lacan bis Rimbaud und Udo Lindenberg, zwischen grenzenlosem Meer, Nihil und Schwein. Zusammengestellt von Valère Novarina
  • PRIMUM MOBILE 10
    »LIP SERVICE ist meine Neufassung von Dantes PARADISO. Seine ›Weihnachten des Herzens in Silben‹ verfolgen Dantes thematische Stichworte & Pfade durch zehn konzentrische Planetenkörper, um das gesammelte poetische Rohmaterial einiger Jahre — über Liebe, erotische Intimität, Gendersozialisierung & den Körper — zu rechoreographieren. […]« (Bruce Andrews).
  • A Test of Poetry
    Ist Pfingsten oder sind wir in Babel? Charles Bernsteins Gedicht »A Test of Poetry«, übersetzt in fünf Sprachen: Deutsch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch und Finnisch.
  • Vom Nachtalpenweg
    Mara Genschel / Valeri Scherstjanoi – weitere Videos
  • Musenschrift
    Hesiods Theogonie ist einer der ältesten Texte der europäischen Literatur. Was bedeutet das für das Verhältnis zwischen Dichtung, Schrift und (Götter-)Welt? Ein Essay von Asmus Trautsch.
  • Ich bin nicht, der ich war
    »Große / Mutter / Lebensträgerin / Großer / Vater / Sternenbefruchter / Nicht Mann / nicht Frau / reiner Glanz / Wurzel der Wurzeln / in nichts verwurzelt« Gedichte von Pedro Favarón

78. Blitze

Der jungen Christine Koschel bescheinigte Nelly Sachs, sie habe „viele Blitze aus den Nächtigkeiten der Worte geschlagen“. Man darf dies eine wahrhaft prophetische Formulierung nennen. Sie lässt sich auf „Den Windschädel tragen“ beziehen, den 1961 erschienenen Debütband der damals Fünfundzwanzigjährigen, aber auch auf das neue Gedichtbuch „Bis das Gedächtnis grünet“. Christine Koschel ist ihren Themen treu geblieben und – alle zeitbedingten Wandlungen eingerechnet – auch ihrer Sprache.

Immer noch erscheinen ihr die Worte nächtig, dem Tagesgebrauch entzogen, und immer noch sieht sie es als die Aufgabe der Dichtung an, Blitze aus dieser sprachlichen Dunkelheit zu schlagen. Mit ihrem engagierten Hermetismus steht Christine Koschel in einer Tradition, die von Mallarmé bis zu Celan und Ingeborg Bachmann reicht. / Harald Hartung, FAZ 16.8.

Christine Koschel: „Bis das Gedächtnis grünet“. Gedichte. Mit einem Nachwort von Ruxandra Niculescu. Edition Rugerup, Berlin/ Hörby, Schweden 2013. 126 S., br., 17,90 €.

77. Früher

Da! Bist das Du auf dem Gipfel des Sturmstill-Berges,
Und trägst einen riesigen Hut in der Mittagssonne?
Wie dünn, wie jämmerlich dünn bist Du geworden!
Du mußt wieder sehr an der Dichtkunst gelitten haben.

Li Bai (701-762), übersetzt von Hans Schiebelhuth, in: Gedichte nach den unsterblichen des Li-Tai-Po, von Hans Schiebelhuth. Darmstadt: Darmstädter Verlag 1948 (unpag.). Das Gedicht trägt die Überschrift: Ein Neckvers an Tu-Fu.

76. In our time

Der amerikanisch-britische Maler R.B. Kitaj (1932-2007) schuf 1969 die Serie „In our time“, basierend auf Photos von Büchern seiner Privatbibliothek. Ausgestellt war sie im Jewish Museum. Hier drei Aufnahmen mit Büchern, die sich mit meiner eigenen Bibliothek kreuzen.

Die Ausstellung schloß am 11.8. Das Museum schreibt:

In turning book covers into works of art Kitaj is offering fragments of a history of knowledge, in which the content of each volume is at once mysterious and absent. Coming from this passionate bibliophile, the series is nothing less than an intellectual self-portrait.

Stylistically, these are hybrid works, influenced by Pop art and the modernist tradition of the Readymade—a work of art created when a mundane found object is named as an artwork and set in an art context. This avant-garde concept had been invented by the Dada master Marcel Duchamp early in the twentieth century. In the 1960s it received renewed attention at a time when artistic norms were once again being questioned. Reacting to Andy Warhol’s Pop imagery, Kitaj poignantly called his repurposed book covers his soup can, his Liz Taylor. The blatant use of images taken directly from commercial sources situates In Our Time as a precursor of appropriation art.

Over the course of his forty-year career Kitaj became increasingly interested in Jewish ideas, particularly Jewish intellectual history and the Holocaust. A man of erudition and contradiction, he saw himself as the quintessential diasporic character: an American in London, a figurative artist working during the reign of abstraction, a modernist who venerated the art of the past, and a pragmatist in thrall to European history and culture.

Norman Kleeblatt, Susan and Elihu Rose Chief Curator – See more here.