75. Die Brücke

1926 haben Freunde geholfen, seinen ersten Gedichtband „White Building“ herauszubringen. Er kann auf lobende, kompetente Worte von Allen Tate und Waldo Frank verweisen:

Seit Whitman ist kein so originelles, so tiefgründiges und – vor allem – kein so wichtiges poetisches Versprechen auf der amerikanischen Szene erschienen.

Die „Weißen Häuser“ werden Jahrzehnte nach Cranes Tod den Literaturwissen – schaftlern James Miller, Karl Shapiro und Bernice Slote von der Universität Nebraska genügen, ihn neben Walt Whitman und Dylan Thomas zu stellen. Die Professoren prägen für deren Dichtung den Begriff „Life poetry“.

„Life poetry“ macht die Aussage eines Gedichts zu einem Erlebnis, das sich nicht vor langer Zeit einmal abgespielt hat und aus dem das Gedicht nachträglich die Schlussfolgerung zieht; sondern das Erlebnis findet im Gedicht selbst statt, und der Erlebende ist der Dichter-Protagonist und an zweiter Stelle der Leser.

(…)

Der Kritiker Harold Bloom nennt Crane „ einen Propheten des amerikanischen Orphismus“.
Dennoch: Die von Crane erfundene „lyrische Kurzschrift“ verunsichert auf den ersten Blick. Wie zum Beispiel sollte man allein schon die ersten vier Zeilen dechiffrieren?

Crane

To Brooklyn Bridge

How many dawns, chill from his rippling rest
The seagulls wings shall dip and pivot him,
Shedding white rings oft tumults, building high
Over the chained bay waters Liberty –

Wie viele Morgen, durchfroren nach ihrer Riffel-Rast,
tauchen der Möwen Flügel ein und um sie drehen,
verbreiten weiße Wirbelringe, dass hoch erbaut
überm Wasserjoch der Bucht die Freiheit –

1. Sprecher

Der Begriff „dechiffrieren“ ist beim Spät-Werk Cranes durchaus angebracht. Klaus Reichert nennt Indizien dafür, warum – im Gegensatz zu Pound, Eliot oder Hemingway – Cranes Hauptwerk so spät, sieht man einmal von seinem spora- dischen Auftauchen in Zeitschriften wie „Akzente“ oder in Anthologien ab,
den deutschen Sprachraum erreicht hat, und er auch heute noch als Geheimtipp gilt.

/ DLR

74. Zitat des Tages

von der New York Times:

„A poet’s job is not to write about love. A poet’s job is not to write about flowers. A poet must write about the plight and pain of the people.“

MATIULLAH TURAB, a poet in Afghanistan who is critical of both the government and the Taliban.

In den 12 Tagen, die ich in New York verbrachte, gab es kein einziges Gedicht in der New York Times (und auch nur in einer Ausgabe der Sonntags-Buchbeilage Lyrikrezensionen). Heute gibt es aus dem Paschto übersetzte Gedichte von Matiullah Turab. Über diesen Artikel bereite ich eine weitere Meldung vor.

73. Haiku-Treffen

Am Samstag, den 28.09.2013, findet im Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft in der Amalienstraße 38 in München ein Deutsch-Japanisches Haiku-Treffen statt.

PROGRAMM

13:30 Uhr Einführung in die Haiku-Dichtung (für Anfänger)

14:00 – 17:30 Uhr Haiku-Workshop

17:30 – 19:00 Uhr Pause

19:00 – 20:30 Uhr Vorträge von Frau Yoshino Yamada und Herrn Prof. Dr. Peter Pörtner

Frau Yamada ist Leiterin der Haiku-Gruppe „Enkô“  in Kôbe; Herr Pörtner ist Professor für Japanologie an der LMU.

Bitte melden Sie sich bis zum Samstag, den 07.09.2013 per E-Mail, Fax. oder per Post (es gilt das Datum des Poststempels) bei der DJG-Geschäftsstelle an. Wir bitten Sie, uns möglichst auch zwei Haiku mitzuschicken.

Thema der Haiku: „ein Baum / Bäume“ oder „ein See / Seen“. Sie können auch nur damit zusammenhängende Wörter verwenden – z. B. Äste, Fichte, Herbstlaub,…bzw. Schilf, Seerose,… Die Haiku sollen im traditionellen Stil geschrieben sein, also in drei Zeilen mit 5-7-5 Silben und einem Jahreszeitenwort. Wenn das Themenwort in Ihrem Haiku keinen Bezug zu einer Jahreszeit hat, müssen Sie zusätzlich ein Jahreszeitenwort nehmen. Die Jahreszeit kann frei gewählt werden.

Ihre Haiku werden wir zum Workshop ins Japanische übersetzen.

Anmeldung bei der Geschäftsstelle der DJG:

Deutsch-Japanische Gesellschaft in Bayern e.V.
Marienplatz 1/II, 80331 München
Tel.: (089) 221863
Fax.: (089) 2289598
E-Mail: djg-muenchen@t-online.de

Teilnahmegebühr:
DJG- und Japanclub-Mitglieder: 8 €
Gäste: 10 €

72. Fremdsprechen

Susanne Burg: Sie haben einmal ein Prosa-Langgedicht über London verfasst, wo sie lange gelebt haben. Sie haben es auf Englisch geschrieben und dieses dann selbst ins Deutsche übersetzt. Die beiden Gedichte wurden nebeneinander abgedruckt. Sie schreiben in Ihrem Essay „Fremdsprechen“: „Ich möchte diese Erfahrungen nicht noch einmal machen.“ Warum nicht?

Esther Kinsky: Deshalb, weil ich glaube, man wird zu stark konfrontiert mit der Unvereinbarkeit der Welten, die die Sprachen im eigenen Kopf darstellen. Man ist als Autor ja auch gleichzeitig der Urheber dieser ursprünglichen – ich nenne das immer mal gerne Vision, ohne irgendeinen spirituellen Beiklang, sondern man hat ja eine ganz bestimmte Vorstellung.

Und diese Vorstellung wird im eigenen Kopf quasi angegriffen durch die Übersetzungstätigkeit. Wenn ich an dem fertigen Werk arbeite, ohne der Inhaber dieser Vision zu sein, also nur als Übersetzer von Lyrik, dann habe ich eine ganz andere Aufgabe, aber wenn ich beides im Kopf habe, die Emotionen, die Vorstellungen, die sich mit den einzelnen Wörtern in der Originalsprache verbinden, die geraten dann zwangsläufig in den Konflikt mit den ganz anderen Konnotationen in der Übersetzungssprache. Und das lässt einen dann schließlich unzufrieden werden. Ich fand da meinen eigenen Text, den habe ich als viel für mich unübersetzbarer empfunden als andere Texte, die ich übersetzt habe.

Burg: Die Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky. Vielen Dank für Ihren Besuch, Frau Kinsky!

Kinsky: Ich danke Ihnen für die Einladung!

Burg: Ihr Essay „Fremdsprechen“ ist im März bei Matthes und Seitz erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,90 Euro.

/ DLR

71. Menschen sind auch rar

Mein Gesicht zum Wein gewandt, habe ich die Abenddämmerung nicht gespürt.
Fallende Blüten haben die Falten meiner Kleidung gefüllt.
Betrunken, stehe ich auf und nähere mich dem Mond im Bach.
Die Vögel sind weit weg, und Menschen sind auch rar.

Früher war Li Bai, der bedeutendste Lyriker der Tang-Dynastie, in China beliebt. Heute ist er in. Seine Gedichte werden in teueren Sinologie-Kursen auswendig gelernt und kalligrafiert. Unternehmensberater, Parteikader, Popstars, Autoverkäufer, alle wollen sie ein paar schöne Vierzeiler draufhaben aus einer Epoche, die als Blütezeit der chinesischen Poesie gilt. Der Dichterfürst Li Bai lebte im 8. Jahrhundert. / Tim Neshitov, Süddeutsche Zeitung 10.8.

70. Bloopers 1

blooper: Versprecher {m}
blooper [coll.]: Schnitzer {m} [ugs.] [grober Fehler]
blooper [esp. Am.]: Outtake {n} [herausgeschnittene (komische) Szene]film
blooper [esp. Am.] [coll.]: Panne {f} [Missgeschick]
Missgeschick {n}: Patzer {m} [ugs.] Ausrutscher {m} [ugs.]
blooper [Am.]: Stilblüte {f}
blooper [Am.] [coll.]: peinlicher Fehler {m}

Am Sonnabend beschloß ich, einen lange gehegten Plan zu verwirklichen und eine neue (gelegentliche)  Kolumne zu starten: Bloopers. Die Idee: bei Gelegenheit einige der Fehler, die bei der täglichen Redaktionsarbeit auffallen, anzumerken. Am Sonnabend las ich etliche Beiträge zum 80. Geburtstag von Reiner Kunze, mit mehreren Bloopers. Ich kam nicht gleich dazu, aber hier die Bloopers vom 17.8.:

In diesen Gedichten wurde ein ganz anderes DDR-Bild gezeichnet als es offiziellen Verlautbarungen entsprach. Das war auch den staatlichen Ideologen bewusst, die ihn deshalb verfolgten, besonders die Germanisten unter ihnen. (Neue Presse)

Na, so wichtig waren die Germanisten auch in der DDR nicht. Natürlich gabs da auch Zuträger und jede handelsübliche Dummheit, dennoch waren die Germanisten weniger (Haupt-)Verfolger, sondern „bloß“ ein bißchen feige. Die eigentlichen Verfolger Kunzes aber waren gewiß die haupt- und nebenberuflichen Büttel in den Partei- und Sicherheitsapparaten sowie im lokalen und überregionalen Kulturbetrieb. Wieviele davon gabs allein in Greiz?

Sein Gedichtband „Brief mit blauem Siegel“, erschienen 1973, wurde zum erfolgreichsten Lyrik-Titel der DDR. (Deutsche Welle)

Wirklich? Solche Sätze, wenn es einen journalistischen Ehrencodex gäbe, würde man nur aufschreiben, wenn man es zuvor überprüft hat. Lyrikbände von Reclam Leipzig konnten eine fünfstellige Auflage haben, aber die DDR war eine Plan- und keine Marktwirtschaft. Bücher eines Dissidenten, wenn sie mal gedruckt wurden, erhielten bestimmt keine marktgerechte Auflagen. Die Papierzuteilung wurde von der Partei kontrolliert. Kunzes Poesiealbum und der Reclamband „Brief mit blauem Siegel“ wurden herumgereicht – weil die Auflage nicht ausreichte. Wenn man den „erfolgreichsten“ Titel an der Auflage mißt, sollte man vielleicht bei Eva Strittmatter oder Heinz Kahlau suchen, die gewiß weit höhere Auflagen hatten.

Denn das sind zwei gute Gelegenheiten auch für jüngere Greizer, eine Ahnung davon zu erhalten, warum der Autor ein Ehrenbürger ihrer Heimatstadt ist, was ihn weit über die Stadtgrenzen hinaus zu seiner Bedeutung verholfen hat. (Ostthüringer Zeitung)

Ich persönlich glaube ja nicht, daß Reiner Kunze weltbekannt wurde, weil er Ehrenbürger von Greiz wurde. Ja, hätte die Stadt ihm vor 1989 ihre Ehrenbürgerwürde angetragen, dann vielleicht. Aber sowas ist wohl nie vorgekommen, nie.

Noch etwas aus der weiteren Welt:

Celan wurde in Nordrumänien in einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren und war ein Überlebender aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Professor Wang zufolge sind Celans Gedichte Zeugnis der schicksalhaften Geschichte der Juden. Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Erlebnissen in Auschwitz sei seine Lyrik „spät“. (china.org)

Tatsächlich gehörte Czernowitz zu Rumänien, als Celan geboren wurde. Richtig ist auch, daß Celan nur zufällig der Judenverfolgung der Nazis entkommen ist, anders als seine Mutter und andere Familienangehörige. Falsch aber ist die Behauptung, er sei Auschwitz-Überlebender. Ein einfacher Blick in Wikipedia könnte den Irrtum aufklären. Vielleicht ist Wikipedia in China nicht oder nur eingeschränkt zugänglich (oder der Auschwitzsatz steht gar in der chinesischen Version?). Das würde den chinesischen Professor zum Teil entschuldigen. Aber sein Blooper steht jetzt im Netz und wird gewiß weiterzitiert.

69. Poetopie

nach dem Unfall löst sich der Stau wieder auf – wir müssen weiterfahren

Hansjürgen Bulkowski

68. Gestorben

Der Brüsseler Architekt und Lyriker Pierre Puttemans starb am Freitag in Brüssel. Er wurde 1933 in Uccle geboren. Als Lyriker war er mit sechs Kollegen der Gruppe Phantomas Anhänger des Surrealismus. / belga

Hier etwas über den bedeutenden, vielfältigen, vergessenen belgischen Surrealismus.

67. Simone Hirth

Der Schwarzwälder Bote sprach mit der Autorin:

Wien ist mir eher „passiert“, ohne, dass ich wusste, warum genau ich hier hergekommen bin. Ich habe davor lange Zeit in Leipzig gelebt, wo ich ja auch schon studiert habe. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, in Leipzig etwas auf der Stelle zu treten. Jetzt bin ich hier und mache im Grunde nichts anderes als in Leipzig, nur unter anderen, neuen Einflüssen, Eindrücken. Ich schreibe, natürlich, verdiene mir den geregelten Lebensunterhalt als Teilzeitkraft in einem Schreibwarengeschäft, habe einen Garten, genieße das „Wien-Gefühl“. Die Wiener sind unheimlich gesellig und auf eine, wie ich finde, angenehme Art langsam und unkompliziert. Das hat mich von Anfang an sehr fasziniert.

66. Herta Müller 60

„Das dümmste ist seit Stunden läuft das Gras in meinem neuen Kleid herum …“ , beginnt die eine Collage, zusammengeschnipselt aus Zeitschriften- und Werbungswörtern in unterschiedlichen Farben und Drucktypen. „In einer Knorpeltasse bot er mir einen Kaffee an und der war schwarzes Haar …“, fängt ein anderes solches Gedicht an.

Herta Müller nutzt die Methode alter Erpresser- und Bekennerschreiben, eigentlich gedacht, um das Individuelle zu verstecken, und bastelt ganz eigene Verse daraus. Vom Verspielten übers Absurde bis zum Bitterbösen bewegen sich diese Bildgedichte. Sie füllen drei Bücher, zuletzt ist „Vater telefoniert mit den Fliegen“ erschienen. (…) 60 Jahre alt wird die Autorin an diesem Sonnabend. / Cornelia Geissler, Berliner Zeitung

„Ich reagierte auf die Todesangst mit Lebenshunger. Das war ein Worthunger. Nur der Wortwirbel konnte meinen Zustand fassen“, beschrieb sie die Anfänge in ihrer anrührenden Vorlesung zum Literatur-Nobelpreis 2009. / Westdeutsche Zeitung

65. Was wollte der Dichter damit sagen?

Scholl: Wir haben vorhin – übrigens eine schöne Koinzidenz heute – dem großen Lyriker Reiner Kunze zu seinem 80. Geburtstag gratuliert. Und er hat einmal gesagt: Nichts vertreibt junge Menschen beim Literaturunterricht mehr als die Frage, was will der Dichter uns damit sagen. Das kennen die Älteren unter uns wohl auch noch gut aus der Schule, so Gedichtinterpretationen, einen Aufsatz muss man schreiben. Wie hält es denn da so die moderne Pädagogik damit an der Universität? Ist diese Frage auch für den Lehrer Detering tabu?

Detering: Sie ist überhaupt nicht tabu. Sie ist ja eine der vernünftigsten Fragen, die man an Texte stellen kann. Es ist nur schade, wenn man keine andere Frage als diese stellt, und es ist auch zumindest unklug, diese Frage gleich als erste zu stellen. Auch Reiner Kunze wird nichts dagegen haben, wenn man bei seinen Texten fragt, was er sich dabei gedacht habe oder was er uns habe mitteilen wollen.

Aber die erste Frage, die ich meinen Studenten, Studentinnen beizubringen versuche, lautet: Beschreibe, was du siehst oder beschreibe, was du hörst. Denn erfahrungsgemäß haben alle Lyrikleserinnen und -Leser die Neigung, möglichst schnell in den vermuteten oder unterstellten Tiefsinn vordringen zu wollen, deuten zu wollen, und dabei so ganz einfache Dinge zu übersehen, wie zum Beispiel die Frage, ob der Text gereimt ist oder nicht, ob er sich bestimmter regelmäßiger Metren bedient oder nicht – all diese formalen Eigenschaften, von denen aus meistens der sehr viel gangbarere Weg in die Frage führt, was wir denn mit diesem Text am Ende anfangen sollen. / DLR

64. Raymond Roussel in Berlin

Raymond Roussel
„The President of the Republic of Dreams“
curated by François Piron
June 28th 2013 – September 7th 2013
Galerie Buchholz, Berlin 2013

Raymond Roussel (1877-1933), the author of The View (1904), Impressions of Africa (1909) and Locus Solus (1913), is still one of the least-known and most mysterious writers of the 20th century, despite the fact that his profound and often subterranean influence spread far among the literary and artistic avant-gardes of the 20th century. In the ten works he published during his lifetime — poems, novels in verse, narratives or plays— he made supreme efforts to create a world from scratch where “imagination is everything”, with nothing real to get in the way of the writing. Rapt in a singular poetic enterprise and convinced of his own genius, he passed through the first third of the 20th century like a man poised between two worlds, paying no attention to political upheavals and their aesthetic consequences, but never quite understanding why the academic public he thought he was writing for showed such indifference to his works or why they were so scandalized by his dramatic adaptations for the stage.

Until 1914, Raymond Roussel lived in the Parisian high society, as described in Marcel Proust’s novels. In his mother Marguerite Roussel’s salon, it was all a form of theatre, with frequent festivities and costumed balls as seen in the photographs of the Roussel family in fancy dress. This society made Roussel aware that social relationships were a form of representation, while his homosexuality led him to distance himself from society, progressively dedicating his entire life to his literary work.

It was above all to channel an unstoppable imagination that Roussel wrote some of his books by resorting to a “very special procedure”, based on combinations of homophonic words and expressions with double meanings. The path traveled between these words, deliberately situated at the beginning and end of a text, provided Roussel with a framework for his writing and inexhaustible material in the form of unexpected images and narratives in which citation and invention are inseparable.

Although it took him a long time to realize it, Roussel won an enthusiastic following during his lifetime among generations of artists and poets. Marcel Duchamp, who, along with Guillaume Apollinaire and Francis Picabia, attended his Impressions d’Afrique at the theatre in 1912, never forgot the experience, and cited it as the main origin of his Grand Verre. For the Surrealists, Roussel was the writer who accomplished “the evasion from the sphere of Reality to that of the Concept” (Michel Leiris).

After a period of neglect, Roussel’s work attracted new interest in the 1960s, especially after the investigations of Michel Foucault and the Collège de ‘Pataphysique. Roussel, who took great care to give as little information as possible about his life, is for many the model of an artist at the heart of the labyrinth of his own work. / mehr

63. QRfeldein

Eine Route durch das Tempelhofer Feld mit Simone Kornappel

Samstag, 17. August 2013, 18 Uhr / Sonntag, 18. August 2013, 11 Uhr

Simone Kornappel, (c) Anette Kühn

Simone Kornappel

Unser Gang durch das Tempelhofer Feld wird von Gedichten grundiert. Zu jedem der aufgefundenen Texte können über QR-Codes weiterführende Dateien und Links abgerufen werden: Hypertext, fiktive Fußnoten, weitere Gedichte. Bei jedem nächsten QR-Code-Aufruf sind andere Dateien und Auszüge hinterlegt.

Um niemanden auszuschließen, wird Simone Kornappel die Dateien auch laut anspielen.

Mitbringen: Smartphone o.ä. mit mobilem Internet

Treffpunkt
Tempelhofer Feld, Eingang Herrfurthstraße/Ecke Oderstraße

Mehr

62. Nachtrag

Bezeichnend für die DDR-Zensur ist auch die Geschichte des Kinderbuches „Der Löwe Leopold“ (1970), das nach der westdeutschen Erstausgabe 1976 auch in einem DDR-Verlag erscheinen sollte. Aber gerade in diesem Jahr, als Reiner Kunze zum „Staatsfeind“ erklärt wurde und der Kulturminister ihn gesprächsweise in Ostberlin wissen ließ, nun könne nicht einmal er einen tödlichen Verkehrsunfall verhindern, wurde die Auslieferung dieses unpolitischen Buches rückgängig gemacht und 15 000 bereits gedruckte Exemplare eingestampft.

Einem mit Reiner Kunze sympathisierenden Drucker hat das nicht gefallen, er hatte konspirativ ein Exemplar abgezweigt und es auf irgendwelchen Umwegen dem Bäcker in Greiz überbracht, bei dem Ehefrau Dr. Elisabeth Kunze morgens immer die Brötchen kaufte. Als sie zu Hause die Brötchentüte öffnete, fand sie zuunterst ein Exemplar des angeblich nie gedruckten Buches. / Jörg Bernhard Bilke, Neue Presse

61. Dann kann Sie auch der Minister nicht schützen

Jayne-Ann Igel, aus: Unversiegelte Botschaften. Anmerkungen zu Reiner Kunzes Dichtung:

Über Jahrzehnte habe ich wohl keine Gedichte von Reiner Kunze gelesen, oder sie doch nur gelegentlich in diversen Jahrbüchern, Anthologien wahrgenommen. Dabei waren sie mir in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre so dringlich und gegenwärtig gewesen, diese zumeist kurzen, streng gearbeiteten Texte, die 1973 in einer aus den in Westdeutschland publizierten Bänden „Sensible Wege“ (1969) und „Zimmerlautstärke“ (1972) kompilierten Auswahl in der DDR erschienen waren, unter dem Titel „Brief mit blauem Siegel“ im Leipziger Reclam Verlag. Zu dieser Zeit erst sollte mir auch der Name ihres Autors bekannt werden, über ein zerlesenes Reclam-Bändchen, das im Freundeskreis von Hand zu Hand ging. Mit Gedichten, von denen sich viele aus meiner Generation angesprochen fühlten, ob ihrer sprach-, zeit- und gesellschaftskritischen Haltung; in ihnen fand sich kaum verschlüsselt auf den Punkt gebracht, was die Verhältnisse in der DDR ausmachte, oft formelhaft, eingängig, zuweilen auch didaktisch (wie wenig später in „Die wunderbaren Jahre“), die Verse dabei von einer Klarheit und Klarsichtigkeit, mit einem Impetus von Aufklärung, in einer Zeit, in der es noch nicht obsolet war, in Zusammenhang mit Lyrik von Botschaften zu sprechen. Reiner Kunzes ab Mitte der fünfziger bis in die siebziger Jahre hinein entstandenen Gedichte sind ohne den Kontext des obrigkeitlich verordneten Schweigens über die tatsächliche Verfaßtheit des Landes, in dem sie verortet, kaum denkbar, sie bildeten nicht zuletzt eine poetische Antwort darauf. Bestechend ist die epigrammatische Kürze vieler Texte, ihre Pointiertheit, die sie mit wenigen Metaphern auskommen läßt – und was die Peripetie, der Umschlag in eine neue Weise des Sehens, der Wahrnehmung, die zumeist in den letzten drei vier Zeilen dieser Gedichte statthat, an veränderten Sichtweisen, Perspektiven generiert, eignet mitunter Sentenzcharakter. Beispielhaft dafür wie auch für die Arbeitsweise des Autors, der sinnliche Eindrücke zu einprägsamen Metaphern zu verdichten weiß, mag hier ein Auszug aus den 21 Variationen über das Thema „Die Post“ stehen:
1
Wenn die post
Hinters fenster fährt blühn
Die eisblumen gelb

2
Brief du
Zweimillimeteröffnung
der tür zur welt du
geöffnete öffnung du
lichtschein,
durchleuchtet, du

bist angekommen

3
Tochter, briefträgerin vom
briefkasten bis zum
tisch, deine stimme ist
das posthorn
[…]

/ Signaturen

Scholl: Daraufhin lud Sie der damalige Kulturminister der DDR zum vertraulichen Gespräch, Herr Hoffmann hieß der, versprach Ihnen Geld und Privilegien noch und nöcher, wenn Sie diese Wahl da in Bayern nur ablehnen würden.

Und als Sie zu allem Nein sagten, sagte der Minister – und man kann es eigentlich heute gar nicht glauben, dass so ein Satz wirklich fällt -, Herr Kunze, dann kann Sie auch der Minister für Kultur nicht mehr vor einem Unfall auf der Autobahn bewahren. Das heißt, man hat Sie wirklich mit dem Tode bedroht, Sie mussten um Ihr Leben fürchten!

Kunze: Ich weiß nicht, ob ich mich tatsächlich habe fürchten müssen, aber damals war es für mich todernst. Und ich habe danach auch vor jedem Fahrtantritt die Kühlerhaube aufgemacht, nachgeschaut, ob der Splint in der Lenkung steckt, und habe die Radkappen mit Vaseline eingerieben, um zu sehen, ob sie abgenommen worden sind …

Scholl: Ob eventuell die Muttern gelöst wurden …

Kunze: … die Muttern gelöst wurden. Daran sehen Sie, dass ich das sehr wohl ernst genommen habe. Und es war Grund, es ernst zu nehmen. Bei Jürgen Fuchs ist ja ein Unfall initiiert worden. / DLR

Kurz nach der Übersiedlung hatte er erklärt, dass die Menschheit von Ländern wie dem, aus dem er gerade gekommen war, für die Zukunft nichts Positives zu erwarten habe. Daraus wurde bald der Vorwurf, er neige zu „eher rechts- denn linksliberalen Kreisen“. Entsprechende Mutmaßungen hat er mehrmals entschieden zurückgewiesen: „Rechtsliberal ist man nicht nur nicht, mit Rechtsliberalen sympathisiert man auch nicht“, sagte er 2004 als Festredner zum Tag der deutschen Einheit in Erfurt. / Thomas Bickelhaupt, Südthüringen

„Dichter dulden keine Diktatoren neben sich“, überschrieben seine Kollegen Günter Kunert und Matthias Buth ein Lesebuch, das sie zum 80. Geburtstag im Verlag Ralf Liebe herausgegeben haben. / Berliner Zeitung

„Dichter dulden keine Autoren neben sich“ haben Buth und Kunert ihr Buch genannt. / Deutsche Welle

Mehr: literaturkritik.de /Badische ZeitungTagesspiegel / Die WeltNeues Deutschland /

Udo Scheer: Reiner Kunze. Dichter sein: Eine deutsch-deutsche Freiheit. Mitteldeutscher Verlag. 271 S., geb., 19,95 Euro

Matthias Buth, Günter Kunert (Hrsg.): Dichter dulden keine Diktatoren neben sich. Ein Lesebuch. Verlag R. Liebe Weilerswist. 313 S., geb., 20 Euro

  • Europäische Ideen. Heft 155: Reiner Kunze 80. Beiträge u. a. von Bender, Corino, Frühwald, Schorlemmer. London, 50 S., 5 Euro.