77. Poetopie

hoffnungsfroh, angstvoll stochern wir in der eigenen Zukunft herum

Hansjürgen Bulkowski

76. Von der deutschen Poesie

Benjamin Neukirch: Vorrede

ES giebet viel leute/ welche die deutſche poeſie ſo hoch erheben/ als ob ſie nach allen ſtücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche ſie gantz erniedrigen/ und nichts geſchmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde ſind von ihren vorurtheilen ſehr eingenommen. Denn wie ſich die erſten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miſte gewachſen: Alſo verachten die andern alles/ was nicht ſeinen urſprung aus Franckreich hat. Summa: Es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/ die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet ſie ſelbſt nicht wiſſen/ was in einem oder dem andern gutes ſtecket. Wir dürffen uns mit unſrer Poeſie ſo klug nicht düncken/ daß wir die ausländer dagegen verkleinern wolten. Denn wir haben noch einen groſſen berg vor uns/ und werden noch lange klettern müſſen/ ehe wir auff den gipffel kommen/ auff welchem von denen Griechen Homerus und Sophocles, von denen Römern Horatius und Maro geſeſſen. Mit den Hochzeit-Begräbniß- und Namens-Gedichten/ damit ſich alle knaben in der ſchule qvälen/ iſt es fürwahr nicht ausgerichtet. Es gehöret mehr zu einem dichter; und die vers-macher/ welche uns eine zeitlang her mit regeln überſchüttet/ mögen ſich ſo viel einbilden/ als ſie wollen/ ſo haben doch die meiſten davon die Poeſie mehr verſtümpelt/ als ausgebeſſert. Denn ihr gantzes abſehen iſt/ eine leichtſinnige ſchreib-art einzuführen/ vermöge welcher man einen gantzen bogen voll verſe/ ohne ſonderliche bemühung/ hinſchmieren möge. Von ſcharffſinnigen bey-wörtern aber/ von klugen erfindungen/ und von unterſcheidung der guten und falſchen gedancken/ ſagen ſie nichts; Da doch dieſes die ſeele und die weſentliche theile eines rechtſchaffenen gedichtes ſeyn. Daher entſpringen ſo viel pfuſcher/ welche auff allen hochzeiten die Venus einführen/ bey allen begräbniſſen den tod ausſchelten; Und wenn es ja hoch kommt/ ihrer Phyllis ein lied vom ſterben herſingen/ welches offt mehr todt als der ſänger/ und kälter/ als ſeine gebietherin ſelber iſt. Zwar haben ſie ihre entſchuldigung: Man müſte aus der Poeſie kein handwerck machen/ und die jugend bey zeiten zurück halten/ damit ſie ſich nicht zu ihrem ſchaden darinnen vertieffte. Allein/ wenn die guten leute fein ehrlich ſagten/ was zu einem Poeten erfordert würde/ und nur diejenigen zum dichten ermahnten/ welche die natur dazu erkohren/ andere aber bloß einen verß recht urtheilen und unterſcheiden lehrten/ ſo hätten ſie dieſer entſchuldigung nicht vonnöthen. Es ſind keine ſeltzamere thiere/ als Poeten: Denn ſie laſſen ſich/ wie die paradieß-vögel/ alle tauſend jahre kaum einmahl ſehen. Rom hatte bald acht hundert jahr geſtanden/ ehe es den berühmten Virgilius erlebte; Und es iſt faſt keine provintz/ welche uns nicht etliche helden oder gelehrte gegeben; Aber der gantze kreyß der welt rühmt ſich kaum etlicher rechtſchaffenen Poeten. Darum hat es ſo groſſe noth nicht/ als man meynet; Denn es gehört gar viel dazu/ ehe man ſich in der Poeſie vertieffen kan. Daß aber viel junge leute damit die zeit verderben/ und die andern guten künſte an die ſeite ſetzen/ rühret von der unerfahrenheit ihrer lehrer her/ welche ihnen einbilden/ man brauche zum dichten nichts/ als verße machen; da ſich doch alle wiſſenſchafften in einem Poeten/ nicht anders als in einem centro verſammlen müſſen/ und derjenige nichts gutes ſchreiben kan/ welcher nicht alles/ was es ſchreibt/ mit augen geſehen/ mit ohren gehöret/ und an ſeiner eigenen perſon erfahren hat. Die fürnehmſten von den alten Poeten lebten bey hofe/ und wurden durch öffteres umgehen mit klugen leuten ſo ausgemuſtert/ daß ſie an die ſchulfüchſereyen/ mit welchen wir das papier anietzt beklecken/ nicht einſt gedachten. Sie hatten dabey ſehr wohl ſtudiert; ſie waren die lehrmeiſter der guten ſitten/ und hatten von allem/ was uns nur in den verſtand und in die ſinnen fällt/ eine gründliche känntniß und wiſſenſchafft. Zudem lebten ſie zu einer zeit/ da man die galanten ſtudia ſehr wohl verſtund/ da die Römiſche waffen auffs höchſte ſtiegen/ und unter der glückſeligen regierung des Käyſers Auguſtus ein ieder gelegenheit genug fand/ ſich groß zu machen. Wenn ſie denn etwas dichten wolten/ ſo thaten ſie es entweder zu ihrer luſt/ oder für groſſe Herren/ oder bey ſeltzamen und beſondern begebenheiten. Hernach überlaſen ſie dasjenige/ was ſie machten/ wohl zwantzig mahl/ und ſtrichen offt beßre verße aus/ weder ihre nachfolger geſchrieben haben. Darum konten auch ihre gemächte nicht anders als herrlich ſeyn; und iſt kein wunder/ daß ſie bey allen ihren nachkommen einen ſo unſterblichen preiß und ruhm erworben. Hingegen lernen von uns die meiſten ihre klugheit in der ſchule/ bekümmern ſich mehr um worte als gute ſachen/ und fangen ſchon an Poeten zu werden/ ehe ſie noch einmahl wiſſen was verße ſeyn. Wir leben über dieſes in einem lande/ wo die künſte wegen vieler herrſchafften zertheilet ſind/ wo man mehr von einem glaſe wein/ als liedern hält; Die wenigſten die galanterie noch recht verſtehen/ und die Cavaliers diejenige für ſchulfüchſe ſchelten/ welche die Frantzoſen für beaux esprits erkennen. Wir leben auch zugleich zu einer zeit/ da die Deutſchen faſt nicht mehr Deutſche ſeyn; Da die ausländiſchen ſprachen den vorzug haben/ und es eben ſo ſchimpfflich iſt/ deutſch zu reden/ als einen ſchweitzeriſchen latz oder wamſt zu tragen. Hierzu kommet unſre eigne unachtſamkeit/ daß wir unſere fehler gar zu geringe achten/ alles hinſudeln/ wie es uns in die feder fleuſt/ und lieber zehen bogen ſchlimme verße/ weder ſechs zeilen gute machen; Und denn ferner die thorheit derjenigen/ welche den lorbeer-krantz um 10. thaler erkauffen/ und dadurch den herrlichen namen eines Poeten/ welcher über drey oder vieren in der welt noch nicht gebührt/ vielen ehrlichen gemüthern vereckeln/ ungeachtet ſie nichts davon haben/ als die mühe/ daß ſie bey unterzeichnung ihres namens etliche buchſtaben mehr/ als andere/ ſchreiben. Und dieſes alles iſt urſache/ warum die Poeſie in Deutſchland nicht höher geſtiegen. […]

Quelle: Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesene und bißher ungedruckte Gedichte. Leipzig, 1695.

75. Wortwolke

Das Deutsche Textarchiv bietet E-Ausgaben zahlreicher alter Bücher, so auch dieser berühmten Anthologie (hier der erste Band von 1695 – in den nächsten 30 Jahren erschienen 6 weitere Bände in z.T. mehreren Auflagen, der erste Verkaufserfolg einer Anthologie). Der Herausgeber Benjamin Neukirch sammelt hier besonders die hoch- und spätbarocken Autoren und bringt viele skandalträchtige Texte, die später als Schandzeugnisse einer ästhetisch und moralisch verkommenen Epoche galten, bis vor 100 Jahren diese Epoche mit dem Begriff Barock belegt und aufgewertet wurde.

Zu den schönen Merkmalen des DTA zählt neben der Tatsache, daß sie anders als Google exakt bibliographieren, die Wortwolken

Hoffmannswaldau, Christian Hoffmann von: Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesene und bißher ungedruckte Gedichte. Leipzig, 1695.

Diese Wortwolke basiert auf dem automatischen Lemmatisierungsverfahren historischer Texte (CAB), das im DTA für die Textsuche angewandt wird. Die Lemmatisierung fasst sowohl Transliterationen (also bspw. ſ → s) als auch grammatische Formen (Teil, Theil, Theile, Theiles, …) zusammen. Die Wortformenzerlegung (Tokenisierung) erfolgt mittel DTA-Tokwrap. Die Fontgröße der Lemmata in der Wortwolke ist proportional zur absoluten Frequenz des Lemmas im Dokument.* Lemmata unter einer absoluten Frequenz von 3 werden nicht dargestellt. Es werden nur diejenigen Lemmata dargestellt, die vom Part-of-Speech-Tagger als Substantiv (Klasse NN) klassifiziert werden.

*) Fontgröße hier nicht reproduziert, M.G.


Abgrund Ach Adel Adler Affe Altar Amt Anfang Angedenken Angesicht Angst
Anmut Antlitz Apfel Arbeit Art Arzt Asch Asche Atem Auge Augenblick
August B. Bach  Bahn Balsam Baum Begierde Bein  Berg Beständigkeit Bild
Bildnis  Blatt Blick  Blume Blut Blüte Brand Brief Bruch Bruder  Brunnen
Brunst Brust Buch  Buhle Burg Bär  Bürger Celladon Christ Dach Dampf
Demut Deutsche Diamant Dieb Dienst  Ding Donner  Donner-Keil Dorn
Dunst Ebenbild Ehe Ehre Eifer  Eifersucht Einsamkeit Eis Eitelkeit Ende
Engel Erde Erfahrung Ewigkeit Exzellenz Fahne Farbe Faust Feder Fehler
Feind Feld  Felsen Feuer Finger Finsternis  Fleisch Fleiß Flora Flut Fluß
Franzose Frau Freiheit  Freude Freund Freundin Freundlichkeit Freundschaft
Frieden FristFrost Frucht  Frömmigkeit Funken Fuß Fürst Fürstin Garn
Garten Geburt Gedanke Gedicht Geduld  Gefahr Geist Geld Geliebte Gemüt
Gericht Geruch Geschlecht Gesetz Gesicht Gestalt Gestirn  Gewalt Gift Gipfel
Glanz Glas Glied GlutGlück Gold Gott Gottesfurcht Gottheit Grab Gras  Graus
Grausamkeit Grenze Grieche Gruft Grund Gunst Gut Göttin Güte Haar Hab
Hafen Hals  Hand Hauch Haupt Haus Heer Heiligtum Held Helfenbein Helm
Herr Herz  Himmel Hitze Hof Hoffmannswaldau Hoffnung Holz Honig
Honigseim Horn Huld  Hund Hölle Hügel Indianer Ja Jahr Jammer Jude
Jugend Jungferschaft Keder Kerl  Kerze Kind Kirche Klee Kleid Kleinod
Klugheit Knecht Kopf Koralle Kot Kraft Kranke  Krankheit KranzKraut Kreis
Krone Kummer Kunst Kuß Köcher König Königin  Körper Lager Land
Laster Laub Lauf Leben
Lebens-Kraft Leib Leiche Lende Leser Leute  Liebes-Brunst
Liebes-Flamme Liebes-Glut Liebes-Lust Liebes-Pfeil Lieblichkeit Lied
Lilie  Lippe List Lob Lohenstein Luft Lust Löwe Macht Magnet Mann Mark
Mast Meer Meinung
Mensch Mittel Mißgeburt Mißgunst Mond Mund Muse Mut Mutter Myrte
Mörder Mühe Nacht Nachtigall Nachwelt Name Namen Namenstag Narzisse
Nase Natter Natur Nebel Neid Nelke Not Nymphe Ohnmacht Ohr Opfer
Ort Papier Paradies Pein Person Pfand Pferd Pflanze Pflicht Poesie Poet Possen
Pracht Priester Prinz Psyche Qual Quell Rache Rat Regung Reichtum Reim Rest
Richter Rose Roselinde Rubin Ruhe Ruhm Römer Sache Saft Salz Samen Sand
Sarg Schar Scharlach Schatz Schau Schaum Schein Scherz Schiff Schild Schlag
Schluß Schmerz Schnecke Schnee Schranke Schrift Schutz Schwan Schwert
Schwester Schönheit Seele Segen Seide Seite Seufzer Silber Sinn Sitte Sitz Sklave
Sohn Sonett Sonne Sonnenschein Sorge Spiegel Spiel Spruch Stadt Stein
Sterblichkeit Stern Stirn Strahl Streit Strom Stuhl Szepter Säule Sünde Sünder
Süßigkeit Tafel Tal Tapferkeit Teil Tempel Teufel Tier Tochter Tod Ton Tor Torheit
Tracht Tragödie Traum Traurigkeit Tropfen Trost Tränen-Salz Tuch Tugend Tulpe
Törner Ubeer Ufer Ungeduld Ungemach Unglück Unmut Unrecht Untergang
Ursache Ursprung Urteil Urtele Vater Vaterland Verdruß Vergnügung Verhängnis
Verlust Vernunft Verstand Vertraulichkeit Vogel Volk Vollkommenheit Wachs
Wachstum WaffeWahn Wahrheit Wald Wange Wanken Wechsel Weg Wehmut
Weib Weihrauch Wein Weisheit Welt Werk Wermut Wesen West Wetter Willen
Wirkung Wissenschaft Wohlfahrt Wolke Wollust Wonne Wort Wunderwerk
Wunsch Wurzel Wut Zauberei Zeichen Zeit Zeug Zeugnis Ziel Zierde Zierrat
Zigeuner Zirkel Zorn Zucht Zunder Zunge Zweifel blitzen dingen fesseln feuern
flügeln geistern kernen leiben milchen muscheln not nächst pfeilen platzen
recht schimpfen segeln sein_es siegen stammen stande stengeln tag thronen
wassern welt. witzen wurmen zahlen zieren zuckern zwecken Öl
Überfluß Überschrift

74. Ich verstehe nichts vom Monsun

Erik Münnich: Im September dieses Jahres erscheint* im Greifswalder freiraum-verlag ein neues Buch von dir: „Ich verstehe nichts vom Monsun“. Auf den ersten Blick ein langes Gedicht, trotzdem hast Du es mit „Erzählung“ betitelt. Warum nicht mit „Lyrik“?

Silke Peters: Ich weiß im Moment leider nicht, was ein Gedicht ist. Als ich mein erstes Langgedicht schrieb, merkte ich bei den Lesern, dass sie eine Geschichte beim Lesen konstruieren. Eine Erzählung macht ja glücklich, auch wenn sie eine Lüge ist. Es bleibt also beim Leser, diese Arbeit, diese Erzählung, für sich entstehen zu lassen, wenn sie die Gattungsbezeichnung so ernst nehmen, wie sie sich gedruckt benimmt und er sich mit seiner eigenen Illusionsfähigkeit plagt.

Die Nacht und der Schnee. Die Postkarte kommt immer noch
an. Dieses Dorf ist getarnt eine beleuchtete Sache. Die Scheibe
der Mondfinsternis schiebt sich vor. In den Ereignisraum.

Du kannst es nachrechnen. Die ganze Nacht. Die einsamen
Schritte. Die linearen Prozesse. Das zerknitterte Papier. Die Lade
jault auf. Dies ist eine Zuflucht. Ein Versuch.

Ihm oder vielmehr ihr zu nahe zu treten. Sie sehen nicht mehr
so scharf hin. Die Weiden am Bach. Ach. Mein zurückhaltender
Strich.

Dem die Doppelbilder entfernt wurden. Wenn es denn sein
muss. Wenn Du es hören willst. Wenn. In der dritten Generation.
Die windschiefe Scheune fällt.

Sie werfen Fluggegenstände vom Dach. Die Kinder. Spuren im
stillen Gebiet. Ein Gebet. Wie kommen die Schlingen in den
Bach. Tasten meine Hände.

Morgens beim Aufwachen gegen die Schatten. Kälte und Glück.
Das gezogene Los. Eines muss es ja besiegeln. Die Komposition
dauert an. Im Gebirge ginge ich verloren.

Wer ist der der das Schreiben macht. Die übersprungene Generation.
Einflüsterungen. Alles wird weich. Tauwetter. Der Sinn.
So sagte man dort vielleicht.

Die vergessenen Begriffe. Die unübersichtliche Barriere. Schweigen.
Schwingt. Ich würde so gern sein Wort benutzen. Es bildet
eine dicke Staubschicht.

Auf den zerbrochenen Stallfenstern. Ich mache mich klein im
Wind. Hinter den Scheiben das Meer. Graue Struktur. Total
chaotische Turbation. Ein grammatischer Rest. Eine Neige.

Wir reden über das Tote Meer. Seine Salzkonzentration in
Promille. Wir setzen den Tiefpunkt hier. Den Kara Bogas Gol.
Wir schütten Glaubersalz in den Tee.

Das gibt ein kaltes Fließen. Diese Stelle ist verdorben. Wir
schreiben morgens an einem langen Text. Die Beine erreichen
den Boden nicht mehr. Ich fühlte mich dort sehr zu Hause.

Verantwortlich. Der Tisch leerte sich. Das Bistro schließt. Ein
ausgetrockneter Salzsee ist meine Landebahn. Die Schollen
wölben sich an den Rändern. Rosa. Queller.

Und die Bilder sind überbelichtet. Im Bergwerk. Die Steigleitern.
Das ist die letzte Tageszeile. Fleckig verweht die Spur Schnee. Die 
Raben gehen über den Teich.

Jede Figur muss etwas wollen. Aus jedem Bild wächst ein anderes.
Wir bleiben bei den Fakten. Bei den Übersetzungsprogrammen.
Dem Vorhof der Wörter.

Mit Scilla wahrscheinlich. Skylla. An der Straße. Als wir uns
unverhofft trafen. Ich strich diese Zeile aus. Denn wir hatten
uns verabredet.

Mit den Verspannungen in den Gliedmaßen. Germaine Richiers
Wesen. Das Äußerste tun in den Anweisungen des Gefundenen.
Blaue Kröten fallen vom Himmel. Wir verkaufen nichts.

Die Gespräche drehten sich um Existenz. Poetic justice. Bilder
die sich aus dem Fixierbad unseres Gesprächs entwickelten. Sie
stapeln sich zu unleserlichen Haufen.

Geballte Zonen der Dunkelheit wenn sich die Farben zu gut
mischten. Ich schreibe das jetzt auf. Märzgrau. Ein methodisches
Stochern im Tag. Ich müsste dir antworten.

Das Ende absehen. Den fremden Gedanken verwenden. Was
wird dann aus ihm. In mir. Er wird abgebaut. Verstoffwechselt.
Meine eigene Zeile. Gelöscht.

Auf welche Annahmen stützen wir uns. Beim Gehen. Ich schaue
nicht mehr zurück. Ich überlasse es. Dem Gespräch der Amseln.
Der zähen Feuchtigkeit unter den Fittichen.

So eine schöne Reise. Über das Schwarze Meer. Dorant und
Dosten. Seine Blumen bleiben. Zu sublimen Zwecken. Iasis.
Die Substanz ist unentdeckt. In den Abgründen der Sprüche.

Hier gehen Hirsche auf der Straße entlang. Die Kästen füllen
sich langsam. Mit Abraum. Die Halden dienen jetzt als Wegmarke.
Dort entlang. Ich fahre ans Meer.

Ich bin dazu abgestellt von den anderen. Manches ließe sich
nicht abbilden. Manches schon. Die Möbel sind mein Ideenvorrat
für die nächste Zeit. Daran muss ich denken.

Es ist schon alles da. Einiges wird ausgelagert auf die andere
Flussseite. Ich werde die Fähre nehmen. Der Wind blättert die
Seiten um. Und.

Die Interpunktion hatte mich über den Text gerettet. Ich gehe
von Turm zu Turm durch die vergessene Bürgerlichkeit der
Stadt. Ich winke jemandem Fremden zu.

Ich schäme mich ein paar Minuten lang. Irgendwie hatte ich
vergessen mich aufzuladen. Ich sitze am Tisch. Jemand geht
durch ein Weizenfeld. Die Handlungen werden diktiert.

Es hatte sehr lang gedauert bis ich dort stand. Ich hatte dieses
Viertel noch nicht erreicht. Der saure Geruch des Milchladens
wehte über die Bücher.

Ich vermeide zu viele Eindrücke. Aber wie mache ich das.
Vermeiden. Kosmologisch gesehen. Die Uhr geht nach. Eine
Seite lang geht sie nach.

Die fünf Mykologen auf der Welt die sich noch über auf Pilzen
schmarotzende Pilze unterhalten konnten. Flüssig. Und Ohren
auf. Sonst Kristallbildungen an den Gradierwänden.

Über Schwarzdorn. Über Wolkenbildern die haben ja Konjunktur.
Ein gesprühter Verlauf auf dem Buchschnitt. Ein Rest Farbe
an der Fingerkuppe. Das auch.

Das wirklich gute ist ich verstehe nie etwas. Warum auch. Die
Linien sind ja schon gezogen. Nach denen du peilst. Was danebenfällt.
Ist geschenkt.

Kompost oder einer sammelt es auf. Für das Präparat im Kästchen.
Ein Sammelkästchen. Eine einzelne Seegurke angeklebter
Tang. Bebt. Sinnfällig. Vor und zurück.

Schwer im Geschirr. Kommt. Der Fund in die Trommel. Das
Glas mit Oktopus. Hummer. Hunger. Windbeutelblase. Physa.
Das ist jetzt ausgestellt.

Wir hatten da ein Vokabellager auf der Hafeninsel. Verkauf nach
Gewicht. Reines Maßstück Metall. Maßstück Buche verschollen
bis auf weiteres.

Aber das kann aber das kann rekonstruiert werden. Ja kann
es. Noch. Geschehen denn Vereinsaustritte. Abtritt. 
Hahnenirgendwasmuster.

(…)

*) Interview von 2012, komplett nachlesbar hier:

WP-Magazin 08/2012

Wasserprawda-Magazin 08/2012 Download

Silke Peters, Ich verstehe nichts vom Monsun
Erzählung

freiraum-verlag Greifswald 2012
ISBN 978-3-943672-06-0
110 Seiten
11,95 Euro

73. Weckworte

Die an Demenz erkrankten Bewohner der Hausgemeinschaft Vinzenz von Paul sitzen in einem großen Stuhlkreis und klatschen in die Hände. Der Poetry-Slammer Lars Ruppel ist mit seinem Alzheimer Poesie Projekt „Weckworte“ nach Leutkirch gekommen.

Das Projekt hat das Ziel, dass an Alzheimer erkrankte Personen einen Zugang zu Poesie bekommen und sich an bekannte Gedichte erinnern können. Mit Poetry-Slam habe das Projekt eigentlich nichts zu tun, erklärt Ruppel, die Gedichte müssten anders vorgetragen werden. „Weckworte“ sei eine Pflegetechnik, wie man die pflegebedürftigen Menschen erreichen kann. / Eva-Maria Brändle, Schwäbische

72. Rückert

Rückerts Gedichte (und diese sind Legion) gehörten im 19. Jahrhundert zum bürgerlichen Kanon, trotzdem mokierte sich bereits so mancher Zeitgenosse. Mörike etwa ist hier zu nennen, der es ‚widerwärtig‘ fand, wie bei Rückert ‚ein spitzfindiger Witz … mit der Poesie‘ spiele. Im 20. Jahrhundert war es anders, hier machten sich Lyriker wie Rudolf Borchardt für den Dichtergelehrten stark. Vergebens. Heute ist der 1788 in Schweinfurt geborene Friedrich Rückert nur mehr ein paar Kennern wirklich vertraut. Sieht man einmal von Liebhabern klassischer Musik ab, denen sein Name aufgrund von Gustav Mahlers anrührenden Vertonungen einiger weniger ‚Kindertotenlieder‘ ein Begriff ist. Was viele nicht wissen: Rückert schrieb nahezu 500 von ihnen.

(…) Rückert las und schrieb in insgesamt 44Sprachen, darunter so fernen wie Avestisch oder Pali, er übersetzte den Koran und die älteste Anthologie arabischer Dichtung, die ‚Hamasa‘, alles immer getreu der Maxime: ‚Weltpoesie allein ist Weltversöhnung‘. Ins Ausland reiste er selbst nur einmal: 1817 lebte er für knapp ein Jahr in Rom. / Florian Welle, Süddeutsche Zeitung 9.9.

Rückert-Museum, Friedrich-Rückert-Straße 13, Coburg. Anfragen für Besichtigungstermine unter Telefon 09561/66308. Eintritt frei

71. American Poetry

Louis Simpson (1923–2012)

American Poetry

Whatever it is, it must have
A stomach that can digest
Rubber, coal, uranium, moons, poems.

Like the shark it contains a shoe.
It must swim for miles through the desert
Uttering cries that are almost human.

Louis Simpson, “American Poetry” from The Owner of the House: New Collected Poems, 1940-2001. (BOA Editions Ltd., 2003)

70. Intern

Die Lyrikzeitung hat im Moment eine Praktikantin, die in der nächsten Zeit einmal pro Woche einen Beitrag für die Kolumne „Kalendarium“ schreiben und das alte L&Poe-Archiv hier einarbeiten wird. Die Beiträge erscheinen unter dem Originaldatum (momentan von Anfang 2002) und werden dann bei Schlagwort-, Datum- oder Volltextsuche auffindbar sein. Da es für WordPress „neue“ Beiträge sind, werden sie an Abonnenten der L&Poe-Nachrichten per Mail verschickt. Bitte achten Sie auf das Datum, um olle Kamellen nicht mit dem Allerletzten von 2013 zu verwechseln. Etwa wenn Sie diese Nachricht im Mailfach finden:

Im Alter von 85 Jahren ist gestern in Madrid der spanische Romanautor und Nobelpreisträger Camilo José Cela gestorben. Sein vielseitiges Werk zeugt von grosser, lebensnaher Ausdrucksfähigkeit … Camilo José Cela wurde am 11. Mai 1916 in Iria Flavia (Provinz La Coruña) als Sohn einer englischen Mutter und eines galizischen Vaters geboren. 1925 übersiedelte die Familie nach Madrid. In Madrid begann Cela ein Medizinstudium, wandte sich aber bald der Literatur zu und schloss auch sein Jusstudium nicht ab. In den 30er Jahren arbeitete er als Journalist bei der Zeitung «Arriba». Im Bürgerkrieg schloss er sich den aufständischen Truppen General Francos an und wurde schwer verwundet. Nach dem Krieg schrieb Cela zunächst für Blätter der faschistischen Organisation Falange und arbeitete als Zensor des Franco-Regimes. Sein 1942 erschienener Roman «Pascual Duartes Familie», in dem Cela seine Kriegserlebnisse verarbeitete, fiel allerdings selbst der Zensur zum Opfer und wurde verboten. Mit ihm hatte Cela die realistische Literaturform des «tremendismo» geschaffen, die sich durch eine düstere, raue und gewaltsame Sprache auszeichnete und die Literatur in Spanien und Lateinamerika stark beeinflusste. / Landbote Winterthur 18.1.02 – Nachrufe auch in FAZ, Süddeutsche, NZZ, FR…

„Gestern“ ist darin also der 17.1. 2002. Machen Sie mit der Lyrikzeitung eine Zeitreise mit Ladenhütern und Widergängern!

69. Eichendorff-Preis für Ulrich Schacht

Katarzyna Nowakowska und Robert Malecki sowie Monika Taubitz und Anne Wachter aus Meersburg wollen am 27. September ab 11.30 Uhr im Weberzunfthaus die deutsche Literatur in Polen „hautnah in Lesung und Gespräch“ erfahrbar werden lassen. Nachdem um 15.30 Uhr Klaus Völker (Berlin) den schlesischen Dichter Max Herrmann-Neiße nahe gebracht hat, präsentieren um 19.30 Uhr der Musiker Jozef Kotys und seine Tochter Daria Vertonungen von Gedichten Georg Hauptstocks, in dessen Leben und Werk Johannes Rasim einführen wird.

 

Ebenso interessant dürfte das Gedenken an Otfried Preußler, dem Eichendorff-Literaturpreisträger von 1990, sein. (…)

Den Höhepunkt der Tagung bildet am Sonntag, 29. September, um 11 Uhr in der Bücherei im Kornhaus die Feierstunde zur Verleihung des Eichendorff-Literaturpreises 2013 an Ulrich Schacht. Die Laudation hält Sebastian Kleinschmidt aus Berlin.

Der heute in Schweden lebende Preisträger wurde 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren, wo seine Mutter inhaftiert war. Er wuchs in Wismar auf und studierte evangelische Theologie. 1973 wurde Schacht in der DDR wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt und 1976 in die BRD entlassen. Bekannt wurde Ulrich Schacht durch seine Lyrik und seine Erzählungen sowie durch seinen berührenden Bericht über die Suche nach seinem polnischen Vater. / Vera Stiller, Schwäbische

68. Nachlassendes Interesse

Zur Frage, mit welchen Büchern oder Zitaten aus Büchern ein Mann eine Frau beeindruckt, meinte Michael Krüger: „Als ich jung war, habe ich unvergessliche surrealistische Gedichte geschrieben. Ich habe sie generös an die schönsten Frauen verteilt, in der Hoffnung, dass sie sich davon beeindrucken lassen, was nicht der Fall war. Das zeigt das nachlassende Interesse seit Bretons Tod am Surrealismus.“ / Börsenblatt

67. Nachtgeräusche

Anthologie 87: Conrad Ferdinand Meyer, Nachtgeräusche

Nachtgeräusche

Melde mir die Nachtgeräusche, Muse,
Die ans Ohr des Schlummerlosen fluten!
Erst das traute Wachtgebell der Hunde,
Dann der abgezählte Schlag der Stunde,
Dann ein Fischer-Zwiegespräch am Ufer,
Dann? Nichts weiter als der ungewisse
Geisterlaut der ungebrochnen Stille,
Wie das Atmen eines jungen Busens,
Wie das Murmeln eines tiefen Brunnens,
Wie das Schlagen eines dumpfen Ruders,
Dann der ungehörte Tritt des Schlummers.

Mit diesem Gedicht endete meine (alte)( Anthologie im Jahre 2001. Mit diesem Eintrag ist die Übernahme in die neue Anthologie abgeschlossen. Ab jetzt nur noch neue!

66. U20-Slam

Ken Yamamoto erzählt erstmal einen Witz, zur Auflockerung des zwölften, herbstlichen U20-Poetry-Slams im Stattbahnhof. Aber natürlich will der Mitmoderator aus Neukölln die sieben Nachwuchsdichter nicht ernsthaft daran hindern, sich in die Arme der Musen zu werfen. Ein Leben ohne Poesie wäre auch nicht lebenswert: Darum sucht Schweinfurt eine neue Generation wortgewaltiger, kreativer Slammer. / Mainpost

65. Berühmte Poeten

Luzhong ist eine faszinierende, aber relativ unbekannte chinesische Stadt, sagt ein chinesischer TV-Beitrag. Über 1700 Jahre sei sie alt und sie beherbergte viele berühmte Figuren der Kulturgeschichte, besonders Dichter. Da sie in China (!) nicht so bekannt sei, kämen nicht so viele Besucher undviele Häuser seien heruntergekommen, darunter auch die Häuser der berühmten Dichter. Auch heute sei sie ideal für Dichter, heißt es, ein Ort, wo sich Inspiration von selbst einstelle.

Leider versäumt der Artikel, auch nur einen Namen der berühmten Dichter zu nennen. Sechsmal kommt das Wort „poet“ in dem kurzen Artikel vor, aber kein Vers und kein Name. Wahrscheinlich sagt auch das Fehlen etwas über das heutige China aus?

Google findet hauptsächlich Traktoren aus Luzhong und sonst viele Artikel in merkwürdigem Englisch, offenbar maschinell aus dem Chinesischen übersetzt.

64. Kärntner Lyrikpreis

Die Stadtwerke Gruppe verleiht heuer zum 6. Mal den Kärntner Lyrikpreis.

„Es ist noch nie so viel Lyrik gedruckt worden wie heute“, sagt Manfred Posch, Jury-Sprecher des Stadtwerke-Lyrik-Wettbewerbes, und kann diesen Boom auch mit eigenen Erfahrungen belegen. Als im vergangenen Jahr die Klagenfurter Lyrikerin Anna Baar im Festsaal der Stadtwerke Gruppe mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, waren 300 Literaturbegeisterte mit dabei. (…)

Mittlerweile ist der Preis „ein Fixstern am österreichischen Literaturhimmel“, wie Karré nicht ohne Stolz wissen lässt. Zwei Maecenas-Ehrungen bestätigen ihn jedenfalls in seiner Absicht, das diesbezügliche Sponsoring auch künftig weiterzuführen. Karré: „Wir sind wirtschaftlich erfolgreicher als man es uns zutrauen würde. Wenn die Zahl der Einreichungen so bleibt wie bisher, dann werden wir den Lyrikpreis ein Leben lang haben“. (…)

„Wir rechnen heuer wieder mit 240 bis 280 Bewerbungen“, sagt Stadtwerke-Sprecher Harald Raffer, der als „Juror ohne Stimmrecht“ der Expertenrunde beiwohnen wird. Erstmals mit im Boot ist neben dem Land Kärnten auch die Stadt Klagenfurt. Sie stellt einen Preis in der Höhe von 1500 Euro zur Verfügung. Für Kulturamtsleiterin Manuela Tertschnig ist dies nur ein weiterer, „logischer Schritt, um Literatur im öffentlichen Raum“ sichtbar zu machen.

Bis zum 28. Oktober haben Kärntner Literaten noch Gelegenheit, Texte für den diesjährigen Wettbewerb einzureichen.

Erwartet werden bei freier Themenwahl „sprachkünstlerisch anspruchsvolle Ausdrucksformen lyrischen Sprechens“, wobei beide Landessprachen zugelassen sind. Der Lyrikpreis und die weiteren Auszeichnungen werden dann am 21. November im Rahmen einer finalen Lesung vergeben. (…)

Um Lyrik nachhaltig unters Volk zu bringen, ist daran gedacht, die preisgekrönten Gedichten künftig in den Stadtwerkebussen zu präsentieren. Vorbilder dafür findet man in diversen U-Bahnen oder in den Verkehrsschiffen Venedigs. Motto: „Poesie sul Vaporetto“. Romed Karré: „Das setzen wir um“. / Erwin Hirtenfelder, Kleine Zeitung

63. Mit allen Sinnen

Berühmte Gedichte Annettes können in den Pavillons mit allen Sinnen erlebt und sozusagen begangen werden.

Beispiel:

Entspannt geht es weiter im Pavillon „Im Grase“, wo Kunstrasen unter den Füßen raschelt. Vogelgezwitscher und die bodennahe Wandbemalung mit Gräsern und Wiesenblumen spielen auf die natürliche Umgebung an. Ein mit Kunstrasen bedeckter Pyramidenstumpf in der Mitte lädt dazu ein, sich anzulehnen und so das Liegen im Gras nachzuempfinden. Währenddessen lassen sich die rundum stehenden Texte an den Stellwänden lesen. Die Themen „Ich-Versenkung“, „Lebendige Erinnerung“, „Ich-Zeit“ und „Schreibprogramm“ werden in diesem Pavillon aufgegriffen. Wer vom Ausruhen im Gras noch nicht genug hat, kann anschließend im Garten des Rüschhauses spazieren gehen und ein paar der herunter gefallenen Äpfel, Pflaumen und Birnen aufsammeln.

/ Ellen Bultmann, Westfälische Nachrichten