Heute um 22:15 Uhr bei arte: DIE GLÜCKLICHEN DES AMAZONAS (52 Min.)
Die Sprache der Pirahã kennt weder Wörter für Zahlen und Farben noch Vergangenheits- oder Zukunftsformen und selbst Gott nicht. Erst vor kurzem ist es dem Forscher Daniel Everett als erstem Fremden gelungen, die Sprache zu entschlüsseln. Diese Entdeckung stellt anerkannte linguistische Theorien über die menschliche Sprache infrage.
Pirahã ist eine extrem schwierige Sprache, die Everett lernen muss. Kein Außenstehender hatte das je geschafft. Es ist eine Sprache, die von einer ganz anderen Art zu denken zeugt. Zahlen zum Beispiel kennen Pirahá nicht. Sie zählen nur „einen“ oder „viele“ Haken, stellt Everett erstaunt fest. „Als ich veröffentlichte, dass Pirahá nicht zählen, beschimpfte man mich als Rassisten“, sagt er. „Man warf mir vor, ich halte sie für dumm. Aber sie sind überhaupt nicht dumm. Sie benötigen einfach keine Zahlen in ihrem Leben. Wenn ich in Berlin bin, brauche ich dort auch keinen Pfeil und Bogen.“
Ob sie acht oder zehn Fische erlegen, ist den Pirahá egal. Entscheidend ist, dass sie genug haben. Sie sind selbstbewusst. Sie leben ohne Zahl und Zeit. Denn Everett entdeckt bei seinem Sprachstudium: Die Pirahá kennen keine Form für Vergangenheit, keine für die Zukunft. Sie leben im Augenblick. Für unseren Seinsbegriff ist das unvorstellbar – keine Erinnerungen ans Gestern, kein Blick zurück im Zorn. „Sie wissen schon, was Vergangenheit ist, aber sie reden eben nicht darüber“, so Everett. „Vergangenes, Geschichte, hat keine Bedeutung mehr, ist unwichtig für ihr Selbstbild. Das Einzige, was zählt ist, im Heute zu leben.“
Zufriedenheit statt Ehrgeiz – das spiegelt ihre Grammatik wider, so Everett, der immer mehr zum Sprachforscher wird, aber als Missionar an seine Grenzen stößt. Denn die Pirahã glauben nur an das, was sie sehen. „Sie fragten mich, wie Jesus aussieht“, so Everett. „Ich sagte: ‚Ich habe ihn nie gesehen.‘ ‚Hat dein Vater ihn gesehen?‘ ‚Nein.‘ ‚Hat irgendein Freund ihn gesehen?‘ ‚Nein, niemand hat ihn gesehen. ‚Warum willst du dann, dass wir an ihn glauben?‘ Sie wollten Jesus nicht. Ich fühlte mich wie ein Narr.“
Gomringers zentrale ästhetische Technik ist die Überblendung von realen und fiktiven Menschenmonstern, etwa des „Todesarztes“ Josef Mengele und der Horrorfilmfigur Freddy Krueger. Dazu liefert der Band mit den Illustrationen von Reimar Limmer auch gespenstische Bebilderung, die in diesem Fall Mengele im blutbefleckten Kittel und Kruegers Eisenklaue über eine schlafende Schöne collagiert.
Nicht so schnell vergessen wird man auch Limmers Collage zu der so abwegigen wie ulkigen Phantasie des Prosagedichtes mit dem Titel „P“, der sowohl für „Psycho“ als auch für „Plath“ stehen könnte: Darin verwebt Gomringer die traurige Lebensgeschichte der amerikanischen Dichterin Sylvia Plath mit jener des Frauenmörders Norman Bates aus Hitchcocks Horrorfilm und lässt die beiden zusammen wohnen, bis Sylvia die Scheidung einreicht. Das endet wie folgt: „Sylvia weint und schreibt. Norman zieht in ein großes Haus am anderen Ende des Landes.“ / Jan Wiele, FAZ
Nora Gomringer: „Monster Poems“. Mit Illustrationen von Reimar Limmer. Verlag Voland & Quist, Leipzig 2013. 64 S., Abb., br. mit Audio-CD, 17,90,- €.
Der peruanische Dichter César Vallejo wurde 1892 in Santiago de Chuco als letzter von elf Kindern geboren. Er wandte sich gegen die katholische Orthodoxie, die seine Jugend beherrschte, und wurde Marxist und Antifaschist und aktiver Unterstützer der Revolution in Spanien. Ironie seines Todes im März 1938 — er lebte in Paris, ärmer als bettelarm mit seiner Frau in schäbigen Hotels — daß er an einem Karfreitag geschah, an dem auch noch Francos Armee in Madrid einmarschierte.
Seine Gedichte wurden in den 60er und 70er Jahren in den Vereinigten Staaten viel gelesen und imitiert dank der Übersetzungen von Robert Bly, James Wright und anderen. Diese Dichter verinnerlichten Vallejos kraftvollen Stil und brachten der amerikanischen Lyrik eine neue, eher südamerikanische als französische Spielart des Surrealismus. Das war eine Modeerscheinung, eröffnete aber auch neue Möglichkeiten für Erfindungsgeist und Einbildungskraft.
Für einen Dichter bietet der Surrealismus Befreiung von überkommenen literarischen Gewohnheiten und Konventionen. / David Biespiel, Poetry Foundation
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sagt wordpress. Gestern waren es noch 162, zuzüglich einer Neuanmeldung. Bis es mir gelingt, das Archiv der Lyrikzeitung vollständig aus meinem Computer ins WWW zu übertragen, mehr als 20.000 Nachrichten seit Ende 2000, werde ich vielleicht 90 % der Abonnenten verloren haben – aber dann wird jeder DAS ARCHIV DER LYRIK benutzen können, nicht nur wie bisher ich. Danach wird es wahrscheinlich wieder bergauf gehen. Immer muß man abwägen.
Noch einmal zur Erklärung: Seit August 2009 ist die Lyrikzeitung bei wordpress, wo jeder neue Artikel archiviert und an Abonnenten verschickt wird. Bis dahin gab es schon über 15.000 Nachrichten, die nur in meinem Computer archiviert waren, nachdem die ursprüngliche pom-lit-Adresse verlorenging. Wenn alte Nachrichten ins Archiv eingespeist werden, kann wordpress nicht erkennen, daß es sich nicht um aktuelle Nachrichten handelt und verschickt sie daher prompt an die Leser. Aber das ist ja ein alter Hut, daß nichts Neues unter der Sonne existiert.
Der portugiesische Dichter António Ramos Rosa starb am 23.9. in Lissabon im Alter von 88 Jahren. 1990 bekam er den Großen Lyrikpreis (Grand prix de poésie). In diesem Frühjahr erschien sein letzter Gedichtband. Als Übersetzer vermittelte er das Wort französischer Dichter, darunter René Char und Henri Michaux. Während der Salazardiktatur leistete er Widerstand und kam dafür ins Gefängnis. / Cécile Mazin, Actualitté
Diesem Nachruf übernehme ich ein Gedicht Portugiesisch und Französisch
Uma voz
Quero pertencer à abóbada escura como um amante inerme
e ser o alento do silêncio sobre os ombros das nuvens.
Quero aderir à sombra das palavras da folhagem
e compreender a terra na selvagem seda do desejo.
Une voix
Je veux appartenir à la voûte obscure comme un amant désarmé,
devenir le souffle du silence sur les épaules des nuages.
Je veux adhérer à l’ombre des paroles du feuillage
et comprendre la terre dans la soie farouche du désir.
(Animal Regard, Ed. Unes, 1988)
Weißensee. Ein einzigartiges Archiv hat unter dem Dach des Niles AW-Gebäudes seine Räume: das „Archiv Schreibender ArbeiterInnen“. Nach einer Odyssee durch Berlin hat diese Sammlung literarischer Raritäten in der Gehringstraße 39 hoffentlich eine dauerhafte Bleibe gefunden.
Was sich in diesem Archiv befindet, hat wahrlich Seltenheitswert. Dort finden sich Texte, die von Mitgliedern der Zirkel Schreibender Arbeiter in DDR-Betrieben und -Einrichtungen verfasst wurden. Es gibt Informationen und Bücher von zahlreichen DDR-Schriftstellern, die solche Zirkel leiteten. Des Weiteren liegen auch einige DDR-Brigadetagebücher in den Regalen.
Püttlingen. „Jetzt nageln Sie mich bloß nicht auf Mundart fest”, sagt Georg Fox mit halb ernstem Flehen. Aber genau dafür ist der Püttlinger Autor bekannt, für seine Mundart-Kolumnen, die er für die Saarbrücker Zeitung schreibt, für „Òòmends schbääd”, seine Sendung auf SR 3 Saarlandwelle. Die Bosener Gruppe hat er mitbegründet, die sich mit mosel- und rheinfränkischer Mundart befasst und zu der arrivierte Schriftsteller wie Johannes Kühn, Heinrich Kraus, Peter Eckert oder Hans Walter Lorang gehören.
„Mundart macht nicht mehr als 20 bis 25 Prozent von dem aus, was ich schreibe”, beteuert Fox. Das klingt fast wie Abwehr, doch: „Ich schreibe sie sehr gerne“, versichert er. „Mundart hat eine eigene Duftnote, sie ist eine emotionale Sprache und drückt Dinge aus, die sich so im Hochdeutschen nicht nachspüren lassen.“ (…)
(…) Zeit, auf die Preise zu sprechen zu kommen, die Fox, der auch bildender Künstler und im Brotberuf Schulleiter der Heusweiler Erich-Kästner-Grundschule ist, eingeheimst hat. Den jüngsten, den niedersächsischen Wolfgang-A.-Windecker-Preis 2013, hat er für seine hochdeutsche Lyrik bekommen. / Saarbrücker Zeitung
Nachträglich zum Geburtstag von Eliot eine Klangprobe von youtube: Eliot himself liest The Waste Land. Mit einer Liste von Anmerkungen zum Text, die dem einen oder der anderen nützlich sein könnte (unten die ersten davon). Vor allem: Eliot singing!
01:30 : „And the dead tree gives no shelter, the cricket no relief“ cf Ecclesiastes
01:40 „Only / There is shadow Under this red rock“ refers to Parzival: “ And this stone all men call the Graal […] / As children the Graal doth call them, / Neath its shadow they wax and grow“.
02:00 Tristan und Isolde, I, 5-8
02:40 Words that announce to Tristan that Isolde’s boat is nowhere to be seen.
03:00 „These are pearls that were his eyes“ quotation from The Tempest.
03:48 In the following passage, references to Baudelaire („Fourmillante cité, cité pleine de rêves / Où le spectre en plein jour raccroche le passant“) and to Dante’s Inferno („si lunga tratta / di gente, ch’io non avrei mai creduto / che morte tanta n’avesne disfatta“)
Noch bei Luchterhand erschien 1961 ihr erster eigener Gedichtband, und schon das allererste Gedicht in diesem Buch löste, als es in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vorabgedruckt wurde, einen kleinen Skandal in Form von protestierenden Leserbriefen aus. Man las:
eia wasser regnet schlaf
eia abend schwimmt ins gras
wer zum wasser geht wird schlaf
wer zum abend kommt wird gras
weißes wasser grüner schlaf
großer abend kleines gras
es kommt es kommt
ein fremder
Elisabeth Borchers ist es mit diesem Gedicht ähnlich ergangen wie Paul Celan mit der „Todesfuge“ und Günter Eich mit der „Inventur“: Man hat sie mit diesem Gedicht identifiziert und ihr Werk auf dieses Gedicht reduziert. Natürlich sträuben sich die Autoren mit guten Gründen gegen eine solche Festlegung und Einengung auf nur eines Ihrer Gedichte. Elisabeth Borchers wollte dieses wunderbare surrealistische Gedicht zeitweise sogar aus der Sammlung ihrer frühen Texte eliminiert sehen, die Jürgen Becker 1976 herausgegeben hat. Es erschien dann doch wieder, und ich denke: zu Recht. In diesem Gedicht verbinden sich Partikel des Märchens, des Shantys, der magischen Zauberformel mit Elementen der Realität (Wasser, Gras, Abend) zu einem sinnverwirrenden Gebilde, zu einem Protokoll des Zustands zwischen Tag und Nacht, zwischen Wachen und Traum, in dem die Grenzen zwischen der Wirklichkeit des Bewussten und der des Unterbewussten verschwimmen. Gedichten ist es erlaubt, so schrieb Elisabeth Borchers damals zum Abschluss der heftigen Debatte, „der Realität – dem, was wir Realität zu nennen gewohnt sind und was doch nur unser Dahinleben und Daherreden ist – zu entfliehen, ihre eigene unnütze Realität zu finden und sei es die des Traums, in dem sich alles auf den Kopf stellt, und in dem doch alles geborgen ist in einer süßen Surrealität“. (…)
So vielseitig wie die Töne sind die Formen und Themen ihrer Gedichte. Auf pure Botschaften, auf bloße Zugehörigkeiten lassen sie sich jedoch nie festlegen. Weder für eine ökologische noch für eine feministische, weder für eine experimentell-artistische noch für eine agitatorisch-politische Position können sie in Anspruch genommen werden, obwohl alle diese Dimensionen der Erfahrungswirklichkeit in ihren Gedichten begegnen. Sie wollen nicht mitreden. Sie lassen sich eher als Gegenreden gegen voreilige Übereinkünfte verstehen. Solche Gegenreden auf die einfachste und direkteste, zugleich aber auch bildkräftige und pointierte Formel zu bringen – das ist vielleicht die größte poetische Leistung von Elisabeth Borchers. Am Mittwochabend ist sie mit siebenundachtzig Jahren in Frankfurt gestorben. / Wulf Segebrecht, FAZ
Das Ende der Sowjetunion sollte Solschenizyn im Dezember 1991 erleben. Er starb im August 2008 in Moskau. Der GULag aber existiert bis heute.
Das bezeugt der Offene Brief, den Nadeschda Tolokonnikowa, die Sängerin der Punkband „Pussy Riot“, aus dem Straflager IK 14 in Mordowien, fünfhundert Kilometer von Moskau entfernt, geschmuggelt hat. Sie wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt und sitzt dort noch bis zum Frühjahr 2014 ein. Nadeschda Tolokonnikowa berichtet von einem System, das sich seit der Zeit der Zaren und der Oktoberrevolution nur in Nuancen verändert hat: Menschen werden gedemütigt, entrechtet und zu Tode geschunden. Die Drecksarbeit der Unterdrückung erledigen die Häftlinge dabei selbst. Die Gefängnisleitung gibt die Befehle, die Kapos führen sie aus. Von dem, was hier geschieht, darf nichts nach außen dringen.
„Wenn sie früher entlassen werden wollen, müssen sie Ihre Schuld anerkennen,“ sagt die stellvertretende Lagerleiterin zur Begrüßung. „Wenn Sie nicht gestehen, werden Sie das nicht erleben.“ Die vorgeschriebenen acht Stunden pro Tag wolle sie arbeiten, sagt die Gefangene Tolokonnikowa, wird jedoch sofort eines anderen belehrt. „Sie müssen die Norm erfüllen. Wenn Sie das nicht tun, machen Sie Überstunden. Vorschrift ist Vorschrift. Wir haben schon ganz andere gebrochen.“ (…)
Nadeschda Tolokonnikowa will nicht schweigen. Sie forderte eine Herabsetzung der Arbeitszeit und bekam von der Lagerleitung zu hören, was ihre Mitgefangene wohl davon hielten, wenn sie die Norm nicht mehr erfüllen könnten. Am Montag ist Nadeschda Tolokonnikowa in Hungerstreik getreten. Tags darauf wurde sie in Isolationshaft verlegt, wegen angeblicher Drohungen von Mitgefangenen. Im russischen Behördenjargon heißt das: Sie ist „an einem sicheren Ort“. Dies sei keine Strafe, sondern eine Reaktion auf den Offenen Brief, sagte der Menschenrechtler Gennadi Morosow. / Michael Hanfeld, FAZ
„Verwelkte Blume, Menschenkind, Man senkt gelind, dich in die Erd hinunter, dann wird ob dir, der Rasen grün und Blumen blühn, und du blühst mitten darunter.“ Dieses letzte Gedicht Friedrich Rückerts (1788-1866) trug Hans Schömburg am Grabe des Dichters vor. Er war Begleiter beim Ausflug, den Mitglieder des Rückert-Arbeitskreises zum Alterssitz des fränkischen Dichters in Neuses und weiteren Aufenthaltsorten Rückerts unternahmen, der seine Jugendjahre im Dorf am Haßbergtrauf verbrachte.
(…) Ziel der Fahrt war, andere Wohn- und Wirkungsstätten des in Schweinfurt geborenen Poeten kennenzulernen und Kontakte dorthin zu knüpfen, so Klaus Derleder, der Sprecher des Oberlauringer Rückert-Arbeitskreises. / Mainpost
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