Stuttgarts langjähriger und am Donnerstag verstorbener Oberbürgermeister Manfred Rommel war nicht nur Politiker, sondern auch Literat.
Er habe seine alten Tage weithin dazu verwendet, Gedichte zu schreiben – nachdem er ja bereits während seiner Amtszeit, etwa wenn er Sitzungen leitete, erfolgreich geschrieben habe. Das sagte Manfred Rommel im Jahr 2005 – allerdings auf einer Faschingsveranstaltung. Tatsächlich veröffentlichte er von 1981 an rund 15 Bücher, darunter Lyrik- und Aphorismenbände, aber auch Gedanken über Politik und Kultur. (…) schließlich hatte schon Rommel geschrieben: „In unserer Welt wird mehr geschrieben als gelesen.“ Und er sagte bei jener bereits erwähnten Faschingsveranstaltung: „D’Leut könnet nix Lang’s vertraga.“ Deshalb habe er immer nur eine Strophe geschrieben, an die könne man sich erinnern. / Stuttgarter Nachrichten
Wenn Àxel Sanjosé von einem „Rätsel“ schreibt ˗„es ist nicht blau, es ist nicht bunt, / es ist nicht gross und auch nicht rund“ ˗, könnte damit immer auch das Gedicht gemeint sein. Denn die „zehn Beine“, die er erwähnt, mögen an die Versfüsse des Gedichts erinnern, und jenes „Loch“, das in seiner Mitte klafft, deutet darauf hin, dass es beim Gedicht weitaus Wichtigeres gibt als das Verstehen. „Wir kennen′s nicht aus der Natur“, heisst es einmal. Dafür kennen wir es bei Sanjosé aber aus dem Barock, aus der Romantik oder aus der Tradition der Haikus. Ganz unaufdringlich zeigt er noch im Stillleben, dass ein Gedicht aus Sprache gemacht ist. Und aus „Klirren“ und aus „Kuckucksfedern“ und aus „Singsang“. Àxel Sanjosé, der 1960 in Barcelona geboren wurde und seit bald 35 Jahren in München lebt, hat sich lange Zeit gelassen für seinen zweiten Band. Das vielleicht schönste Stück darin ist ein „südliches Sonett“, das in strenger Form den Schatten und den Staub eines sommerlichen Platzes aus den Worten hervorlockt, um sich bald schon dem „Rausch“ des Meeres hinzugeben. Wie hier das „Ich“ in den Silben nachklingt, wie es sich entfaltet und doch zugleich spürbar werden lässt, es könnte nichts sein als blosse Gischt ˗ das ist eine Kunst für sich, und keine kleine.
/ Nico Bleutge, NZZ vom 29.10.2013
Die Gedichte sprechen miteinander, in meinem Kopf.
Ernst Jandl
schwarnze fahne
schwarnze fahne
ooooooooooooooodrünes dach
ooooooooooooooodrünes dach
schwarnze fahne
schwarnze fahne
ooooooooooooooodrünes dach
oooooooooooein drünes dach
(1957)
aus: ernst jandl: serienfuss. darmstadt u. neuwied: hermann luchterhand. 1. aufl. mai 1974, 5. aufl. september 1984, S. 46.
Für Marcel Reich-Ranicki gehört das Gedicht „Schwarze Bohnen“ von Sarah Kirsch, „diese schwermütige Hymne“, zu „den Höhepunkten der deutschen Poesie nach 1945. Ich verneige mich vor Sarah Kirsch respektvoll und dankbar.“ (FAZ Frankfurter Anthologie). Darüber sind die Meinungen geteilt, wie über alles andere auch. Aber ich denke, er schätzt es irgerndwie aus den falschen Gründen. Irgendwie liest er es genauso wie die Kulturfunktionäre der DDR, die das nicht mochten. Und er mag das. Er schreibt:
Ich leide. Oder: Ich bin unglücklich. Oder: Ich bin verzweifelt. Das ist alles, was uns Sarah Kirsch in diesem Gedicht zu sagen hat. Wirklich nicht mehr? Nein. Wozu auch?
Mir ist das zu inhaltistisch gedacht. Muß man immer gleich „etwas ausdrücken“? Muß das dann immer gleich einer breittreten? „ach geht mir weg ihr“.
Schwarze Bohnen
Nachmittags nehme ich ein Buch in die Hand
Nachmittags lege ich ein Buch aus der Hand
Nachmittags fällt mir ein es gibt Krieg
Nachmittags vergesse ich jedweden Krieg
Nachmittags mahle ich Kaffee
Nachmittags setze ich den zermahlenen Kaffee
Rückwärts zusammen schöne
Schwarze Bohnen
Nachmittags ziehe ich mich aus mich an
Erst schminke dann wasche ich mich
Singe bin stumm
Von Dieter Lamping
Hier ist ein Mensch, höchst mangelhaft:
Voll großer und kleiner Leidenschaft,
Ehrgeizig, eitel, liebegierig,
Verletzlich, eifersüchtig, schwierig,
Unzufrieden, maßlos, ohne Halt,
Bald überstolz und elend bald,
Naiv und fünfmal durchgesiebt,
Weltflüchtig und doch weltverliebt,
Sehnsüchtig, schwach, ein Rohr im Wind,
Halb seherisch, halb blöd und blind,
Ein Kind, ein Narr, ein Dichter schier,
Schmerzlich verstrickt in Will’ und Wahn,
Doch mit dem Vorzug, daß er Dir
Von ganzem Herzen zugethan.
Diese beredten, aber etwas ungelenken Verse, „ganz in Wilhelm-Busch-Manier“, wie der Biograf vermerkt, sandte 1903 ein junger Schriftsteller an einen jungen Maler, in den er verliebt war. In die große Ausgabe seiner „Gesammelten Werke“, die 15 Jahre nach seinem Tod erschien, sind sie nicht aufgenommen worden. Die kleine Abteilung „Gedichte“ im neunten Band umfasst ohnehin lediglich sieben Texte. Keinen von ihnen würde man unverzichtbar nennen. Sie sind nicht einmal vergessen – sie sind nie durchgedrungen. Es ist nicht schwer zu begreifen, warum.
Thomas Mann war nicht mehr als ein Lyriker zur linken Hand. Er dichtete nur nebenbei, meist zu bestimmten Anlässen wie etwa Weihnachten oder um jemanden für sich einzunehmen. Das Versemachen war für ihn eine kleine Nebentätigkeit, wenn nicht bloß eine Freizeitbeschäftigung. / literaturkritik.de
Der Dichter und Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda ist nach Auffassung von Gerichtsmedizinern nicht ermordet worden, sondern an seiner Krebserkrankung gestorben. Gewebeproben des 1973 gestorbenen chilenischen Schriftstellers hätten keine Hinweise auf eine Vergiftung ergeben, sagte am Freitag Patricio Bustos, Direktor der chilenischen Gerichtsmedizin, unter Bezugnahme auf eine monatelange Untersuchung von 15 Forensikern, Biochemikern und Biologen. / Spiegel
In den frühen Morgenstunden des 24. Juli 1966 wurde am Strand von Fire Island, New York, Frank O’Hara von einem Strandbuggy angefahren und schwer verletzt. Am folgenden Tag erlag er seinen Verletzungen. Begraben ist O’Hara auf dem Springs Cemetery auf Long Island. Gemeinsam mit Barbara Guest beispielsweise, mit James Schuyler und Harry Mathews (der ganz wunderbar auch über Bamberg und Bayreuth geschrieben hat), mit seinen Mitstudenten in Harvard, Kenneth Koch und John Ashbery, gehörte O’Hara der New York School an, der New Yorker Dichterschule, die in den sechziger Jahren eng verbunden war mit abstrakt-expressionistischen Malern wie Jackson Pollock, Franz Kline, Willem De Kooning.
In seiner Lyrik reagierte O’Hara auf deren Bilder, auf Literatur und Film, auf seine (homosexuellen) Liebschaften, auf den New Yorker Alltag zwischen Zeitungslektüre, Kaffee aus Pappbechern und seiner Arbeit als Kurator am MOMA, dem Museum of Modern Art. Sein Schreiben nahm er nicht wirklich ernst (ein sympathischer Zug). Er behielt keine Abschriften oder Durchschläge seiner Gedichte, von denen nach seinem vorzeitigen Ableben ein Großteil nur deshalb ans Licht kam, weil er sie in Briefen an Freunde festgehalten hatte.
Einer, der in seinen Texten wie O’Hara ebenfalls den Alltag immer wieder ins poetische Licht rückte, und der denn auch „als Importeur und Erbe der amerikanischen Pop-Lyrik, vor allem Frank O’Haras“ (Wolfgang Rothe) gilt, war Rolf Dieter Brinkmann. Der, wie der New Yorker, überfahren wurde, eine Woche nach seinem Fünfunddreißigsten. / Chrysostomos, Bamberger Onlinezeitung
Das ZKM vernimmt mit tiefer Trauer, dass mit dem Tod von Wolf Pehlke ein großer Künstler und Dichter die Welt verlassen hat. In großer Dankbarkeit erinnern wir daran, dass er erst vor Kurzem dem ZKM durch eine Schenkung das große und wichtige Werk „Keta (Hommage an Mao und George Bataille)“, (1990/91) vermacht hat. Im Jahr 2010 hat das ZKM durch die Ausstellung „Vor dem ZKM. Projekt 99,9% und Kunst im Hallenbau 1980-1994″ auf seine Verdienste und seine Bedeutung hingewiesen. Über viele Jahre hinweg war Wolf Pehlke dem Haus eng verbunden und hat die Kulturszene Karlsruhes sehr aufmerksam und kritisch begleitet.
„Maler greift als Bezeichnung für Wolf Pehlke zu kurz. Denn der Künstler hat nicht nur ein umfangreiches, weithin noch unentdecktes grafisches und malerisches Werk vorzuweisen, er ist auch als pointierter Autor in der Nachfolge der Beat Generation hervorgetreten. Pehlke, 1955 in Sinzheim geboren, hat von 1978 bis 1984 bei Per Kirkeby an der Kunstakademie Karlsruhe studiert. Früh zeigte sich eine subversive Ironie, die zu den Merkmalen seiner Kunst gehört. Werke von Wolf Pehlke waren zuletzt im ZKM Karlsruhe und in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen.“
(Michael Hübl, BNN 08.10.2013)
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Tracy K. Smith won the Pulitzer Prize for her book of poems, Life on Mars, from which I’ve selected this week’s poem, which presents a payday in the way many of us at some time have experienced it. The poet lives in Brooklyn, New York.
The Good Life
When some people talk about money
They speak as if it were a mysterious lover
Who went out to buy milk and never
Came back, and it makes me nostalgic
For the years I lived on coffee and bread,
Hungry all the time, walking to work on payday
Like a woman journeying for water
From a village without a well, then living
One or two nights like everyone else
On roast chicken and red wine.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Tracy K. Smith from her most recent book of poems, Life on Mars, Graywolf Press, 2011. Poem reprinted by permission of Tracy K. Smith and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Angefangen hat alles mit dem Gedicht «A Soldier’s Dream» des englischen Soldaten Billy Little. Gion Stump las diese Zeilen eines Abschied nehmenden Soldaten und schrieb einen Song dazu. Im Sommer 2012 spielte er mit seiner Band im englischen Suffolk – und Billy Little persönlich kam ans Konzert und weinte vor Rührung. «Da wusste ich, dass ich mehr solche Gedichte vertonen wollte», sagt Stump. Der 22-Jährige sammelte weitere Soldaten-Lyrik und schrieb die Musik dazu. «War Poems» heisst die Komposition, die am Wochenende Premiere feiert, mit Gion Stump als Solosänger.
Eigentlich sollte die dreijährige Gulnigor ein Gedicht über die tadschikische Fahne vortragen. Doch als der Hubschrauber des Präsidenten auf dem Flugplatz ihrer Heimatstadt Farchar landete und Emomali Rachmon über den roten Teppich ging, sagte sie nur, ihr sei kalt. Seit 6 Uhr morgens hatte sie an diesem Tag Ende Oktober mit anderen Kindern gewartet, um den tadschikischen Staatschef zu begrüßen. Rachmon zeigte sich verwundert und unzufrieden, dass wegen seines Besuchs Kinder leiden müssen. Es sei doch nicht seine Schuld, dass das tadschikische Volk ihn so sehr liebe, will er offenbar jedes Mal demonstrieren. „Rachmon, du bist die Sonne! Unser Glück! Unsere Zukunft!“, so wird dem Präsident in Liedern gehuldigt… / Die Welt
„Bei einer Wahlbeteiligung von 86,3 Prozent (3,640 Millionen Wähler) haben 83,6 Prozent [gestern] für Emomali Rachmon gestimmt“, teilte der Leiter der Zentralen Wahlkommission, Schermuhammad Schochien, am Donnerstag in der Hauptstadt Duschanbe mit. … Emomali Rachmon leitet die ehemalige Sowjetrepublik Tadschikistan, das ärmste zentralasiatische Land, seit 1992 und bekleidet seit 1994 das Präsidentenamt.
Die nächsten Präsidentenwahlen, bei denen Rachmon laut der Verfassung nicht mehr kandidieren darf, sollen 2020 stattfinden. / ria.ru
(Aber vermutlich wird er vorher die Verfassung erneut ändern!)
Der Dissident Liao Yiwu scheut sich nicht, die Kommunistische Partei Chinas zu kritisieren. Ein Gedicht brachte den Schriftsteller ins Gefängnis, seit 2011 lebt er im Exil in Berlin. Am Samstag, 9. November bekommt er den Aschaffenburger Mutig-Preis. / Main-Echo
Die Techniken der Überblendung und des zerspaltenen Versbruches stellen einen Zusammenhang der inneren und äußeren Welt her, der in seinem Spiel der Figur des Apokoinu ähnelt – das läuft nicht immer bruchlos über die Schwelle, aber gerade in Bezug auf die Brüche, die rauen Flächen unter den semantischen Fingerkuppen, könnte es der Dichter noch mehr absehen. Denn in den Unebenheiten steckt in diesem Falle die größte lyrische Spannung – gerade wenn sie so sorgsam und wortgenau auch über Sprachen hinweg gesetzt sind wie bei Hansen. Die letzten beiden Verse des Bandes, im Gedicht Schmetterlingsgalerie, benennen in diesem Sinne die Technik der Gedichte und geben Ausblick auf ihre erhoffte Verschärfung: Schwarz auf Glas das Muster gebrochen; Farbe / bricht sich Bahn an den Schnitten verschwindet das Weiß.
zwischen unge / sehnen orten eröffnet die neue Silbende Kunst-Reihe im gleichnamigen Verlag, hervorgegangen aus der gleichnamigen Zeitschrift, von der seit 2010 acht Ausgaben erschienen sind. Die kleinen Hefte wirken zwar nicht allzu robust, aber strahlen die zierliche Selbstverständlichkeit und Leichtgängigkeit aus, die Lyrik in unserer Gesellschaft haben sollte; nicht nur im Sinne des erlösenden salto mortale hinter die funktionale Differenzierung zurück. / Tobias, Roth, Signaturen
Dirk Uwe Hansen: zwischen unge/sehnen orten. Gedichte. Köln (silbende_kunst) 2013. 44 S., 7,50 Euro.
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