STANDARD: Tatsache ist, dass Lyrik geachtet, aber wenig gelesen wird.
Krüger: Tatsache ist auch, dass jeder von uns – also auch der größte Verächter von Poesie – ununterbrochen mit den Formen von Dichtung umgeht. Nämlich im Lied, im Song, jeder Rapper ist ein Dichter, jedes Kind lernt Lieder auswendig. Und da jeder Englisch kann, versteht man sogar, was Bob Dylan singt. Was aber verlorengegangen ist, ist das Verhältnis des Einzelnen zu einem einzelnen Text. Das Massengefühl, mit mehreren Tausend Menschen in einer Arena zu sitzen und einem Sänger zuzuhören, kennt jeder. Aber zu Hause zu sitzen und ein Gedicht von Novalis, vom späten Goethe oder von Hölderlin zu lesen ist immer mit einem Müssen verbunden. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ich denke aber, dass vielleicht eines Tages, wenn der Verdruss an der öffentlichen Rede so groß geworden ist, man es einfach nicht mehr aushalten wird.
Als ich den Wahlkampf in Deutschland verfolgt habe, musste ich oft einfach aufstehen und schreien. Ich bin schreiend durch die Wohnung gelaufen und habe mir gedacht: Das darf nicht sein! Es ist einfach unmenschlich, einen zu zwingen, sich diesen Unsinn anzuhören! Mit dem Dichter Joseph Brodsky bin ich folgender Meinung: Unsere Zivilisation sähe anders aus, wenn in den Parlamenten und in den Vorstandsetagen vor jeder Sitzung, bei denen es um wichtige Entscheidungen geht, ein Gedicht vorgelesen wird. Ich bin mir sicher, jeder würde sich anstrengen, anders zu sprechen. Ja, die Welt sähe anders aus.
/ Andreas Puff-Trojan, DER STANDARD, 7./8.12.
Michael Krüger, „Umstellung der Zeit. Gedichte“. € 19,50 / 122 Seiten. Diogenes, Zürich 2013
Herr Krüger, Sie sollen Ihr Büro zum 31. Dezember an Ihren Nachfolger übergeben. Sieht aber nicht so aus, als wäre der Raum je dazu bereit.
Das Schlimmste sind diese Bücher. Wenn ich eins in die Kiste schmeiße, wo drauf steht »Weg damit!«, dann schaut mich das Buch an und sagt: »Hör mal, ich habe dir doch vor 30 Jahren ein paar ganz tolle Stunden unter einem Lindenbaum gegeben – und jetzt willst du mich wegschmeißen?« Dann sage ich: »Nein, nein, das war ein Versehen«, hole das Buch wieder raus und tue es in die Kiste »Aufheben«. Ich finde in den Büchern Briefe, die plötzlich rausfallen. Gestern habe ich eine Postkarte gefunden in einem Buch von Hildesheimer, wo er mir 1982 mitgeteilt hat, dass er nun nicht mehr schreiben werde.
(…)
Haben Sie dem Vorsteher des Börsenvereins schon Ihren Vorschlag unterbreitet, doch endlich einen Preis für Poesie auszuloben?
An dem Brief arbeite ich tatsächlich gerade. Ich glaube, dass unsere Dichter – Lutz Seiler, Jan Wagner, Nora Bossong, Monika Rinck und wie sie alle heißen – wunderbare Schriftsteller sind. Aber selbst, wenn sie Preise für ihre Gedichte kriegen, werden die Auflagen nie höher als 3 000. Meistens bleibt es bei 700, 800 Exemplaren. Deshalb muss es einen großen Preis für Poesie geben. Wir leben jetzt im Zeitalter der Prosa, des zielgerichteten Schreibens. Da sind diese schweifenden, träumerischen, nachdenklichen Typen nicht mehr so gefragt. Deshalb wäre es toll, wenn der Börsenverein so einen Preis erfände – wo dann auch mal für ein, zwei Wochen der Buchhandel mitmacht. Dann hätten wir Fenster voller Poesie. / Börsenblatt für den deutschen Buchhandel
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Sit for an hour in any national airport and you’ll see how each of us differs from others in a million ways, and of course that includes not only our physical appearances but our perceptions and opinions. Here’s a poem by Ada Limón, who lives in Kentucky, about difference and the difficulty of resolution.
What It Looks Like To Us and the Words We Use
All these great barns out here in the outskirts,
black creosote boards knee-deep in the bluegrass.
They look so beautifully abandoned, even in use.
You say they look like arks after the sea’s
dried up, I say they look like pirate ships,
and I think of that walk in the valley where
J said, You don’t believe in God? And I said,
No. I believe in this connection we all have
to nature, to each other, to the universe.
And she said, Yeah, God. And how we stood there,
low beasts among the white oaks, Spanish moss,
and spider webs, obsidian shards stuck in our pockets,
woodpecker flurry, and I refused to call it so.
So instead, we looked up at the unruly sky,
its clouds in simple animal shapes we could name
though we knew they were really just clouds—
disorderly, and marvelous, and ours.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Ada Limón, whose most recent book of poems is Sharks in the Rivers, Milkweed Editions, 2010. Poem reprinted from Poecology, Issue 1, 2011, by permission of Ada Limón and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Heute Abend in der Literaturwerkstatt Berlin: Babelsprech.live!! Es lesen und diskutieren Anja Kampmann (Leipzig), Simone Lappert (Basel), Martin Fritz (Innsbruck) und Jan Skudlarek (Berlin), moderiert von Michael Braun. Es geht um Eigenarten und Perspektiven in der jüngeren deutschsprachigen Lyrik.
(Schreibt einer mit? Babelsprech-Karte?)
Zum Abschluss des Gedenkjahres zum 100. Geburtstag des katalanischen Dichters Salvador Espriu bringt die Zeitschrift Akzente einen seiner bekanntesten Zyklen in einer neuen deutschen Übertragung.
Der Tagesablauf in zwölf Liedern – wobei der Todesgedanke nicht klassischerweise erst gegen Abend, sondern bereits im Morgengrauen präsent ist. Dass Salvador Espriu (1913–1985) trotz seiner eher hermetischen Lyrik im katalanischsprachigen Raum eine ungewöhnliche Beliebtheit erlangte, liegt neben einigen politischen Implikationen nicht zuletzt auch an der Vertonung dieses eigenartigen Zyklus von Tageszeitengedichten durch den Liedermacher Raimon in den 1960er Jahren. Àxel Sanjosé versucht in einer neuen Übertragung, die im Dezemberheft der Zeitschrift Akzente erscheint, möglichst viel von Rhythmus und Tonlage des Originals ins Deutsche zu überführen. / llull.cat
Salvador Espriu
„Cançons de la roda del temps / Lieder vom Rad der Zeit“
In: Akzente 6/2013, Hrsg. v. Michael Krüger, München : Hanser Verlag
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé (mit einer Notiz zum Espriu-Gedenkjahr).
Gedichte stehen am Anfang der Literatur, als Klage, als Bitte, als Götterbesänftigung. Ihrer Form nach haben sie sich wenig geändert, ihre Inhalte sind variabler geworden. Raoul Schrott, Christoph Meckel, Peter Hamm und Durs Grünbein versuchen gemeinsam herauszufinden, warum das so ist, und eröffnen die Münchner Lyrik-Nächte.
[…]
Das Lyrik Kabinett und das Münchner Literaturhaus veranstalten vom 5. bis 8.12.2013 die ersten Münchner Lyrik-Nächte. An drei Abenden lesen namhafte nationale und internationale Lyriker, der Nobelpreisträger Tomas Tranströmer, Nora Bossong, John Burnside, Katharina Frostenson, Durs Grünbein, Lars Gustafsson, Peter Hamm, Christoph Meckel, Raoul Schrott, Jan Wagner und Adam Zagajewski aus ihren Werken. Die Abschlussveranstaltung am 8.12. wird allein Tomas Tranströmer gewidmet sein: Aris Fioretos, Lars Gustafsson und Michael Krüger sprechen mit und über Tomas Tranströmer.
/Münchner Literaturkalender
5. bis 8. Dezember, je 19:30 Uhr
Literaturhaus, Salvatorplatz 1, München
Der revolutionäre ägyptische Poet Ahmed Fuad Negm starb am 3. Dezember im Alter von 84 Jahren. Sein Kampf gegen ägyptische Herrscher von Nasser bis Mursi brachte ihm 18 Jahre Haft ein. Negm wurde 1929 geboren. Sein letzter Tweet vom 18.11. befaßte sich mit der neuen Verfassung und der Moslembrüderschaft. Im September wurde er mit dem niederländischen Prinz-Claus-Preis geehrt. Während der Besetzung des Tahrirplatzes im Januar sangen die Demonstranten immer wieder seine in Zusammenarbeit mit dem Sänger Sheikh Imam entstandenen Lieder.
Die ägyptische englischsprachige Tageszeitung Daily News veröffentlicht sein 1974 entstandenes Gedicht „Bohnen und Fleisch“:
Regarding the question of beans and meat
An alleged official source has decreed,
That medicine has advanced greatly and Dr Mohsen says:
That Egyptian people specifically are
better off eating beans instead of meat,
and that eating Egyptian beans makes you as strong as an ox,
and that such complete protein cannot be found in any other food.
Eat a portion, and Dr Mohsen is responsible.
It gives you great energy and strength,
It makes you big and strong,
It’s vegetarian meat.
Eat a pot and you’ll live long and healthy.
And Dr Mohsen adds that meat is assuredly poison,
It causes stomach pains and turns you into a thief.
It causes a person to sleep more and “blow away” appointments.
In general, those who eat meat will most definitely go to hell.
Oh, chunky Dr Mohsen, you incredible source,
You need to tell the world and the world needs to know,
What does your excellency think of a crazy man who goes around saying:
“Leave us to die from eating meat,
And you can all live on eating beans.”
What do you think, Captain Mohsen?
Isn’t it a great idea?
Ein Kanzlerkandidat, der ein Grass-Gedicht rezitieren kann, macht natürlich Eindruck, zumal bei einem Feuilletonisten, der vorhat, ein Buch über diesen Kandidaten und seinen Wahlkampf zu schreiben. Peer Steinbrück hält jenes Poem aus Grass‘ Tagebuch einer Schnecke gar für „eines der schönsten deutschen Gedichte“. Grass schrieb es an seinen Sohn Franz adressiert. Vor dem Hintergrund des SPD-Wahlkampfs 1969 handelt es davon, sich niemals unterkriegen zu lassen, niemals die Flinte ins Korn zu werfen, gerade auch dann nicht, wenn man sich eigentlich lange aufgegeben hat, „dann stehe auf und beginne dich zu bewegen, dich vorwärts zu bewegen…“ / Die Zeit
L&Poe-Leser klicken sechsmal öfter auf Schreibkraft als auf welt.de. Punkt für die Lyrik!
Der Prix Goncourt für Lyrik – Robert Sabatier wurde dem Schriftsteller Charles Juliet zugesprochen, teilte die Académie Goncourt mit. Der 1934 geborene Autor wird für sein Gesamtwerk geehrt.
Im zweiten Weltkrieg wurde er mit sieben Jahren Waise und kam zu einer Schweizer Familie. Mit 12 kam er als „Kind der Truppe“ an die Militärschule in Aix-en-Provence. Er begann Medizin zu studieren, widmete sich aber dann dem Schreiben und veröffentlichte 1972 sein erstes Buch. Seine Gedichte wurden auch ins Deutsche, Spanische, Englische, Polnische, Japanische, Vietnamesische, Türkische und Chinesische übersetzt und stehen in französischen Schulbüchern. / L’Express
Ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Stellen aus*:
ann cotten: ausreden. Stocherung in den Grundlagen und Vorausannahmen der gegenwärtigen Literatur, in: Schreibkraft
1
Wenn also Germanisten auf die Formel kommen, „der Text erfülle oder erfülle nicht die Ansprüche, die er selbst aufstelle,“ so ist es so falsch nicht, wie man auf Anhieb meinen würde angesichts der Tatsache, dass die Formel meist von in irgendeiner Weise institutionell mit Macht ausgestatteten Interpreten dazu verwendet wird, durch demonstrativ unbestrafbare Missauffassung von Texten ihre Macht einem leidensbereiten Publikum vorzuführen.
2
Cool ist da Laura Riding, die im Laufe ihres denkenden Schreibens zur Erkenntnis kam, dass Poesie Quatsch ist, und aufhörte zu schreiben. Ich möchte mich nicht dabei ertappen, absichtlich so zu denken, dass ich ein solches Ergebnis vermeide. Das wäre unerträglich beschämend und würde mir die Poesie eklig machen.
3
Jetzt ein Panorama an zeitgenössischen Formen der Dichtung, wie sie mir einfallen, in Berlin. Fokussiere ein bisschen auf den alten sogenannten Lyriktrend (…)
4
„Die Mitte ist Peripatie“ „und widersteht jedem Plan“ Dissoziationslyrik „Kirre lässt man sie dösen“ (?) „Sie platzieren alles“ (∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, Horae) Bei ∎∎∎∎∎∎s Lyrik gibt es viele, viele Wörter, und Plausibilität ohne Ende. Sie wirken auf mich wie ein Schmetterlingsschwarm, dessen Mitte und Grund nicht erkenntlich ist, und der mich zum Fuchteln mit den Armen bewegt: Seid doch still und lasst mich herausfinden, was mit euch ist!
5
Auf Begriffe wie „like-like-like-Lyrik“ oder „47-likes-Lyrik“ komme ich bei einer Lesung von ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, einem intelligenten, irgendwie immer mithalten-wollenden, dabei sich selbst irgendwie verpassenden Amerikaner, der in Berlin lebt und im fortgeschrittenen Stadium Deutsch lernt. Seine Texte sind voller guter Ideen, Einfälle, komischer Seltsamkeiten und Schönheiten, und doch – und doch – bleibt alles seltsam optional. Vielleicht ist er der einzige reine Avantgardist, der keine organischen Zweitmotivationen hat, weiß einfach nicht, dass die anderen alle alle mit der Möse schreiben.
6
∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ etc. haben mit ihrem gleichzeitigen performativen und metareflektierenden Diskurs legitimiert, den Boden dafür zementiert, dass Assoziation oder, je nach Akademisierungsgrad, Wordfeldzugehörigkeit (Behördendenken?) als Rechtfertigung gilt für die Anwesenheit von Wörtern.
7
Zwischen diesen kühlen Pfosten möcht ich gern die ganze Herde jagen, deren milde oder krass gemeinte Häufchen- oder Stilleben-Lyrik mir nichts sagt, und ihre Ausreden dafür werden sich mischen zu einem ohrenbetäubenden Gebrüll.
8
∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ auratisiert alles, macht aus den Wolken von Gleißen, die er so geil findet, immer wieder Blitzüberfälle auf politische oder philosophische Themen.
9
∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ und ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ lieben Resultate. ∎∎∎∎∎∎s ∎∎∎∎∎∎protokolle sind denkerischer Trost: in dem Aspekt lassen sie – eine Seltenheit – sehr wohl eine ernsthafte Antwort auf die Frage, wozu, zu. Als Resultate gelten auch Witze!
10
∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ hat gezeigt, dass es Sport sein kann, nutzlose Disziplin und lustig. Dabei gehört er zu den Leuten, die mit dem Fuß aufstampfen könnten, wenn sie betonen, dass Lyrik nicht Kunstturnen sei! Ich glaube, sein perverser Geschmack fürs Bizarre und Opulente, nicht nur in der Dichtung, hat Herzensgründe, wenn auch konstruktionsmäßig alle Gedichte aus Bullshit bestehen.
11
∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎: Das Perverse, der Humor, der Geschmack für Bizarrerie: Vorliebe als Community-bildenden Wert. In welchem Verhältnis steht denn ein Besprechen oder gar Ausschlachten von Fetischen – die man ja in beliebiger Menge nachproduzieren kann –
zu normativen Poetiken oder einer Idee allgemein besprechbarer Qualität? Der Unterschied zwischen ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ und ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ ist übrigens deutlich: ∎∎∎∎∎∎ und ∎∎∎∎∎∎ begrüßen bekannte Topoi und zitieren Genres wie Fußfetischismus und Leichenschändung, die in der Lyrik bislang noch unpassend erschienen. ∎∎∎∎∎∎ erfindet neue Witze mit vielen Tieren und vergessenen Berufen.
12
∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ und diese Kling-Tradition: Dass es historische Referenzen haben kann und schmissig sein zugleich (Gerhard Richter); auffälliges Merkmal: Viel aufzulösendes historisches oder sonstiges Wissen steckt drinnen wie Schinken in einem Quiche, wie Vitamine in einer Brausetablette.
13
Und ein Haufen irgendwie fader Dichter brachten auf die Idee, dass es langweilig wird, wenn es aus der eigenen Lebenswelt gezogen wird; dagegen ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, das ist ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, auch ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ betreiben, wie ein Fitnesscenter, eine kleine Kraftmeierei in krassen, bunten Bildern. Warum soll das langweilig sein? Es ist wie bei den Flarf-Gedichten in ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎‘ Flarf-Anthologie: Es wird alles in einen bestimmten Gedicht-Ton eingespeist, der so langweilig ist.
14
∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ dasselbe in sanft.
15
∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎ aber, was ist ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎? Glatt – geht vielleicht Ideen und Einfällen auf den Leim noch mehr als ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, aber langsamer, nicht so heftig, systematischer, und man genießt diesen Raum – Textur, Figuration als Wert, aber niemand weiß genau, was das ist.
16
Dann gibt es ein paar, die die ärgste Radikalität anstreben, aber die bleibt von der reaktiven Primitivität ihrer Gedanken beschränkt: ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎.
17
∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎: halten noch die Berührung hoch, schlicht, wenn es schlicht IST, und dennoch subtil, Hinweise auf Komplexes, find ich gut die drei. ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, Herausgeber der ∎∎∎∎∎∎ ∎∎∎∎∎∎, glänzt in bitter empfundenen Gedichten über Zivilisationsmüll und Natur, so blöd es klingt, mit Wortspielen, tief empfunden.
18
(∎∎∎∎∎∎)
*) Empfehlung der Red. L&Poe: hier nachsehen ob der eigne oder Lieblings-Gemüsegarten dabei ist und dann draufstürzen.
So etwas hat es hierzulande (und wohl auch andernorts) noch nicht gegeben. Roger Perrets Anthologie «Moderne Poesie in der Schweiz» ist eine editorische und verlegerische Grosstat – und sie ist überdies und keineswegs zuletzt ein glänzendes Zeugnis der Kunst des Übersetzens. Die Anthologie trägt rund 600 Werke von 250 Autorinnen und Autoren aus hundert Jahren zusammen. Alle fremdsprachigen Texte sind – zum Teil erstmals – ins Deutsche übersetzt und werden zweisprachig wiedergegeben. Schliesslich bietet ein Autorenverzeichnis mit stichwortartigen Angaben eine Art Personallexikon der Schweizer Lyrik der letzten hundert Jahre in Kürzestform. So überblickt man mit diesem Kompendium ein stupendes Panorama der Poesie in der Schweiz seit 1900 – und erkennt in Auswahl und Darbietung die eigenwillige Handschrift des Herausgebers.
Dazu gehört ein weit gefasster Begriff des Gedichts. Die Anthologie versammelt manchen lyrischen Prosatext, sie enthält Songtexte (etwa von Sophie Hunger oder Endo Anaconda), und sie zeigt eine bedeutende Auswahl an Textbildern (u. a. von Sonja Sekula, Paul Klee oder Adolf Wölfli). (…) Zur «Poesie in der Schweiz» gehören z. B. auch Else Lasker-Schülers im Zürcher Exil entstandenes Gedicht «Mein blaues Klavier» (leider mit dem Druckfehler aus dem Erstdruck), Rilkes auf Schloss Muzot bei Siders auf Französisch geschriebene «Quatrains Valaisans» oder spanische Gedichte der aus dem Tessin nach Argentinien ausgewanderten Alfonsina Storni. / Roman Bucheli, NZZ
Moderne Poesie in der Schweiz. Eine Anthologie von Roger Perret. Migros-Kulturprozent und Limmat-Verlag, Zürich 2013. 639 S., Fr. 54.–. Buchvernissage am 5. Dezember, 19.30 h im Migros-Hochhaus, Limmatplatz, Zürich.
Im Herbst 2012 trafen sich auf dem ersten internationalen Schamrock-Festival der Dichterinnen 46 deutschsprachige Lyrikerinnen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Finnland und den USA – unter ihnen auch Marlene Streeruwitz, Ilma Rakusa, Ruth Küger, Dorothea Grünzweig, Swantje Lichtentein, Martina Hefter, Lydia Daher und Tanja Dückers – zu einem großen generationen- und grenzüberschreitenden Lesefest in München. Der in der »edition monacensia« erschienene Sammelband ist ein vielstimmiges Dokument dieses ersten Festivals für Lyrikerinnen weltweit, mit einer »Gruszbotschaft« von Friederike Mayröcker. / Münchner Wochenanzeiger
Steffen Popp hat seinen Novalis gelesen. „Alles muss poetisiert werden“, schrieb er in der gemeinsam mit Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson und Monika Rinck verfassten Poetik „Helm aus Phlox“. Popp bekennt sich zur „Poesie als Lebensform“, auf seinem Schreibtisch steht der „frühromantische Elektrochemiebaukasten Friedrich von Hardenbergs“. Enthält er die Mixtur für den Sprung durch die Sprachmauer? Den Dichter drängt es, „das Gedicht zu verlassen, in Richtung auf ein schöner-größer-tiefer angelegtes Ding“. Nicht nur die Sprache, „alle Bereiche des Lebens müssten poetischen Kriterien unterworfen werden“. Popps Poesie artikuliert die Sehnsucht, die Grenzen der Sprache zu sprengen.
„Dickicht mit Reden und Augen“, der Text, der dem neuen Band den Titel gab, ist der Dichterin Elke Erb gewidmet. Im Dialog mit Erbs Gedicht „Die wirkliche Möglichkeit“ treibt Popp sein Spiel mit Wort und Wirklichkeit. (…)
„Das war wie nachts im Stockdunklen da auf Kaninchen zu schießen, wo es gar keine Kaninchen gibt, und ein Gewehr hast du auch nicht“, sagt Elke Erb im Kapitel „Beuteschema“ in „Helm aus Phlox“. Was Steffen Popp an Erbs „Möglichkeits“-Gedicht und anderen Texten aus ihrem Band „Sonanz“ so begeistert hat, ist die Beobachtung, „dass im Gedicht symbolische Bewegungen (des Textes, des Sprechens) Domänen jenseits der Sprache begegnen“. / Frank Kaspar, Die Welt 30.11.
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