Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann, ist, daß er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst auf der jedesmaligen Stufe eigner und fremder Bildung für recht und nützlich hält.
Goethe: Maximen und Reflexionen. Dritten Bandes erstes Heft (1821). Eigenes und Angeeignetes in Sprüchen
Junge Dichtung gibt es in allen Ländern und wir wissen viel zu wenig davon. Wir von Babelsprech.org wollen mit der Reihe den babelsprech-Kreis junger deutschsprachiger Dichtung in Richtung Europa und darüber hinaus überschreiten. Denn was ist Europa ohne einen Ort gemeinsamer Dichtung? – so kommen also die Autor_innen und ihre Texte in den Raum und werden vorgestellt. Die Vorstellungsrunde beginnt mit einem Beitrag von Oravin zur jungen finnischen Dichtung.
Auszug:
im Kirjailijatalo hält auch ein auf dichtung spezialisierter kleinverlag seine sitzungen ab: Poesia. Poesia ist ein kollektiv, von dichtern selbst geführt. der verlag ist seit einigen jahren im besitz einer eigenen druckerpresse und stellt gedichtbände von hoher qualität und schönheit her, die in den großen verlagshäusern Finnlands keine existenzmöglichkeit fänden. sämtliche bücher sind dabei kostenlos als download auf der homepage des verlags verfügbar, in kombination mit den bibliophilen ausgaben eine zeitgenössische vertriebsform in der aufdämmernden zeit raubkopierter ebooks.
seit den späten 2000er-jahren krempelt Poesia die finnische dichtung um. lange nur insidern bekant, folgte im jahr 2013 erstmals auch öffentliche anerkennung. der verlag und seine autoren gewannen den zentralfinnischen förderpreis für literatur, den Runeberg-Preis und den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis. Helsingin Sanomat ist die größte tageszeitung Finnlands: die junge dichtergeneration ist somit ins blickfeld einer breiten masse von lesern gerückt.vor gut zehn jahren, das höre ich immer wieder, sahen die bedingungen für zeitgenössische lyrik anders aus. es gab keinen einzigen unabhängigen kleinverlag, und die vier großen verlagshäuser behandelten die dichtung stiefmütterlich. austausch mit den europäischen oder amerikanischen szenen fand kaum statt, die finnische dichtung folgte ihren eigenen gesetzen. experimentelle szenen wie Oulipo, FLARF oder Google Poetry, die für die junge szene wichtig werden sollte, waren den etablierten dichtern und ihren lektoren unbekannt. die neue generation begann sich zu vernetzen, unpublizierbare manuskripte wurden herumgereicht. erster anlaufpunkt wurde für viele das bis heute einflussreiche magazin Tuli&Savu (“Feuer&Rauch”). 1994 gegründet, wurde die redaktion des magazins im jahr 2002 von Leevi Lehto übernommen, einem damals fünfzigjährigen, der neuen dichtung aufgeschlossenen lyriker. die ihm nachfolgenden, jährlich wechselten herausgeber stammten selbst aus der jungen dichterszene und machten Tuli&Savu zur wichtigsten plattform neuer lyrik.
Vorgestellt werden: Harry Salmenniemi, V. S. Luoma-aho, Mikael Brygger, Olli-Pekka Tennilä, Kristian Blomberg, Pauliina Haasjoki, Teemu Manninen, Henriikka Tavi, Miia Toivio, Marko Niemi, Mari Laaksonen, Erkka Filander, Harri Hertell, Kasper Salonen, Juho Nieminen, Juho Kuusi, Matinpoika, Eli Solana, Leevi Lehto
/ Oravin, Babelsprech
Schon als Schüler und später auch als Student hatte sich Weller an lateinischen Gedichten versucht. In Ellwangen aber fand er endlich die Zeit, sich intensiv damit zu beschäftigen. Seit 1915 nahm er fast jedes Jahr am „Certamen Hoeufftianum“ teil, einem lateinischen Dichterwettbewerb in den Niederlanden. 1922 errang er erstmals mit der Goldmedaille den Hauptpreis. Insgesamt 12 Goldmedaillen wurden ihm über die Jahre zugesprochen. (…)
In den letzten Jahren hat besonders Wellers lateinisches Gedicht „Y“ Aufmerksamkeit erregt. Der Text, 1936 entstanden, schildert eine scheinbar amüsante Geschichte: Der Ich-Erzähler, nicht zufällig wie Weller Lateinlehrer, nimmt, nachdem er einen weinseligen Herbstabend im Freundeskreis verbracht hat, vor dem Einschlafen ein lateinisches Gedichtbändchen zur Hand. Plötzlich bemerkt er, wie die Buchstaben aus dem Büchlein purzeln. Und nicht nur das – sie streiten und kämpfen miteinander. Das A als erster Buchstabe des Alphabets übernimmt die Führung, fordert seine Kameraden auf, das Y zu verhaften. Es sei ein ausländischer, ein griechischer Buchstabe und habe im lateinischen Alphabet nichts verloren.
Die scheinbar heitere, phantasievolle Geschichte entpuppt sich, wenn man den historischen Hintergrund in den Blick nimmt, als bittere Fabel auf die Zeitläufe: 1935, ein Jahr vor dem Entstehen des Gedichts, hatten die Nazis die „Nürnberger Rassengesetze“ erlassen, die Verfolgung der deutschen Juden, die man als Fremdlinge und „Volksschädlinge“ ansah, wurde immer offensichtlicher und brutaler. Und wenn in Wellers Gedicht vom „Führer A“, dem Anführer der Buchstaben, die Rede ist, liegt auf der Hand, wer damit gemeint ist. Das A hält eine warnende Rede an sein Buchstabenvolk: „Das Ypsilon“, so mahnt er, „versucht allmählich, die lateinische Sprache zu verfälschen: Männer, es geht hier um unseren Staat und unser Leben! Diese verfluchte Pest ist schon bis tief in die Eingeweide eingedrungen. Ihr solltet nicht sorglos dieses Übel ignorieren!“ Fremdartig sei das Y, es gehöre nicht zu unserer Kultur, eine Seuche sei es, ein Virus, zudem heimtückisch und hinterlistig, weil es sich heimlich in unsere Kultur schleiche. / Michael Spang, Schwäbische Post
und das Prüfen kann beginnen!

An der Jahreswende 2013/2014 präsentiert das Kieler Literaturtelefon unter 0431/901-1156 und www.literaturtelefon-online.de den lyrischen Prosatext „Letzte Fragen an das Jahr – oder: In der Atemlosigkeit des Denkens“ des Kieler Dichters Klavki, dessen 5. Todestag wir am 4.4.2014 begehen.
Klavki, aka Oliver Eufinger, geb. Fischer, belebte die Kieler Literaturszene von 2005 bis zu seinem Tode 2009 nachhaltig als Teilnehmer von Poetry-Slams, die er nicht nur in Kiel mehrfach gewann. Seine Lyrik und Prosa beeindruckte und beeinflusste viele Dichterfreunde in Kiel, in Rostock, wo er studierte, und darüber hinaus.
Passend zum Jahreswechsel lesen drei Kieler FreundInnen, Nils Aulike, Kathrin Wortmann und ögyr (aka Jörg Meyer), seinen Text „Letzte Fragen an das Jahr“ in einer von Kathrin Wortmann erstellten mehrstimmigen Fassung. Letzte Fragen, mit denen Klavki auf die Zukunft, die Zeit nach ihm wies. Zeitlos gleichwohl als dichterische Nachfrage, was nach dem Dichten kommen wird und kann.
Literaturtelefons Gruß an das alte wie neue Jahr.
Preisträger der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung ist Werner Fritsch. Der 1960 in Waldsassen in der Oberpfalz geborene Gegenwartsschriftsteller arbeitet seit frühester Jugend über Genregrenzen hinweg an einem rhizomartigen Gesamtkunstwerk. Grundfigur und Auslöser dieses mittlerweile groß angewachsenen Werks ist Wenzel, der sein ganzes Leben als Knecht in der Hendelmühl, gearbeitet hat. Die Hendelmühl ist der Aussiedlerhof an der deutsch-tschechischen Grenze, in dem Werner Fritsch aufgewachsen ist und wo er neben Berlin noch heute seinen zweiten Wohnsitz hat.
(…) Typisch für ihn ist das Arbeiten in verschiedenen Medien, in Prosa, Lyrik, Film, Hörspiel und Theater.
Erstmals wird die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung durch den Lions-Club/München dotiert.
Preisträgerin der durch die Deutsche Schillerstiftung verliehenen Ehrengabe, dotiert aus Mitteln der Eugen Viehof Stiftung, ist die Lyrikerin Sabine Schiffner.
In ihren Gedichtbüchern, unter denen „Dschinn“ (S. Fischer 2007) und „fremd gedanken“ (Horlemann 2012) besonders hervorzuheben sind, vertritt sie eine Poetik, die einmal nicht aus der Kälte kommt – anders als der Hauptstrom der zeitgenössischen Poesie. Zeilen von hoher Sinnlichkeit, genauer Natur- und Alltagswahrnehmung und einer schlafwandlerisch sicheren Verwandlung des Lebensstoffs in poetische Schwebezustände zeichnen Schiffners Gedichte aus. Ohne Rücksicht auf literarische Moden verbindet sie eine Vorliebe für die Tradition des romantischen Kunstlieds mit schmerzlich genauen Aufrissen autobiographischer Motive. Ihre Gedichte entzünden sich an Erinnerungsfetzen und Augenblickswahrnehmungen, kleinen und großen Epiphanien, sie bewahren im Wortsinn Andenken auf, kreisen um die Brüchigkeit menschlicher Bindungen, den Verlust von Liebe und Freundschaft und familiäre Verwerfungen und setzen der Vergänglichkeit immer aufs Neue das Gedicht entgegen. In freien Versen von betörender Schönheit und oftmals verstörenden Details überrascht Sabine Schiffner immer wieder mit neuen Fragmenten einer einzigen großen Erzählung: von den Wunden und den Wundern einer subjektiven Weltaneignung, die zwischen Sehnsucht, erfülltem Augenblick, Bruch und Verletzung das einzige Heil in der Aufzeichnung findet.
Sabine Schiffner wurde 1965 in Bremen geboren. Sie studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Pädagogische Psychologie in Köln, wo sie nach einem mehrjährigen Aufenthalt auf Mallorca heute wieder lebt. In ihrem jüngsten Band „fremd gedanken“ findet sie zu stark anrührenden Versen, die mit einer glücklichen Verbindung aus Tiefe und Leichtigkeit ihr Leben im Süden zwischen Aufbruch und Scheitern Revue passieren lassen. In einem ganz eigenen Ton, der ihre gereifte und sich stets treu gebliebene Gedichtsprache an wechselnden Sujets erprobt, bringt sie in die zeitgenössische Lyrik eine verloren geglaubte Melodie zurück. Ihr Werk umfasst bis heute vier Gedichtbände sowie den mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichneten Roman „Kindbettfieber“ (S. Fischer 2005).
Beide Ehrengaben sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert.
Die Deutsche Schillerstiftung von 1859 ist die älteste bürgerschaftlich organisierte Fördereinrichtung für Literatur und vergibt neben den Ehrengaben und dem Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis auch den Schiller-Ring.
Zu der am 9. Mai 2014 im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar stattfindenden Preisverleihung erfolgt eine gesonderte Einladung.
Marie-Luise Knott betreut für den Perlentaucher eine neue Lyrik-Kolumne. In loser Folge soll sie Beiträge versammeln zu poetischen Neuerscheinungen. Sie beginnt stark (natürlich nicht ohne Lücken – namentlich bei den jüngeren Jahrgängen) mit einem Streifzug von ihr durch das lyrische Jahr 2013.
Der Eingang kann so manche um Realität kreisende Lyrikdebatte beschämen:
„Spätestens seit Christian Morgenstern Anfang des 20. Jahrhunderts die Tagtigall und die Gänseschmalzblume erfand, dürften auch die letzten Zweifler davon überzeugt sein, dass papierne Schöpfungen mitunter eine stärkere Wirklichkeit haben als die schnöde Realität. Sie heben uns vielleicht nicht in die Erhabenheit, wie in alten Zeiten, aber in eine Mimikry unseres Lebens, wo Klang, Ton, Rhythmus, Fluss und Bruch eine Narretei mit uns treiben.“
Im Folgenden Auszüge.
Sie schreibt über den holländischen Dichter Erik Lindner: „Nach Akedia“. Mit einem Nachwort von Ulf Stolterfoht, Reihe Spurensuche des berliner künstlerprogramms des daad, Matthes und Seitz Verlag, Berlin 2013, 170 Seiten, 19,90 Euro.
Wenn es stimmt, dass Gedichte Störmaschinen sind, so ist Lindners Poesie in aller Schönheit eine solche Störmaschine. Das disparate Leben – hier in seiner Kunst kann es oszillieren. „Denk nicht nach, die Schiffe, die sind alle verbrannt“, lautet ein programmatischer Satz in dem Gedicht „Insel“, das wie nebenbei davon erzählt, dass alle Verbindungen zum Festland der Gewissheiten und der Folgerichtigkeiten in der Poesie gekappt sein müssen. Das Glück, das einen beim Lesen von Lindners Gedichten befällt und von dem der Lyriker Ulf Stolterfoht im Nachwort spricht – es besteht auch darin, dass Lindner uns glauben macht, wir vermögen mit unserer Einbildungskraft die Welt immer neu zu erfinden.
Über Esther Kinsky, Naturschutzgebiet, Gedichte und Fotografien, Berlin, Matthes & Seitz, 2013
Im Schutzraum des Gedichtes siedelt Kinsky vom Aussterben bedrohte Bezeichnungen wie „Gottvergess“ (die Schwarznessel) wieder an, lässt Worte, Bilder, Gedanken gehegt wuchern. „Was Grenze ist, irrt hierhin und dorthin“, schließt ein Gedicht. Die Fotos zeigen einen Krankenhaus-Park, der lange sich selbst überlassen in wilder Pracht wuchert und wittert, wie Kinskys Sprache. „Wohin zeigt die Wildnis, wohin die Zähmnis?“ fragt sie, lernt die „sprache der misteln“, beobachtet „krähengeschweif“ und „wurzelbegebenes gesindel“, lauscht „hungergurrigen tauben“. Auf den Fotos, die das durchdringende Licht einfangen, erkennt man – durch das kleine Format wie entrückt wirkend – überwucherte Wegränder und verwitterte Bänke, auf denen einst Patienten und Besucher Hoffnungen und Ängste austauschten. Es ist, als hörte man sie flüstern. „gezeichnetes gelände in gestundeter seligkeit der verwahrlosung“.
Über Julia Hartwig, „und alles wird erinnert“. Gedichte 2001 – 2011, aus dem Polnischen von Bernd Naumann, Frankfurt, Verlag Neue Kritik, 2013
„was wird aus uns / wohin gehen wir / wer wird uns richten / uns erleichtert fallen lassen / uns befreien von den Fesseln der Kunst / die immerzu fordert / Fragen stellt / und leichte Beute verschmäht“ – lautet ein programmatisches Gedicht des Bandes „und alles wird erinnert“ der polnischen Dichterin und Übersetzerin Julia Hartwig. Die autobiografischen Fragmente erzählen lauter kleine Geschichten aus dem großen Leben der mittlerweile über 90-Jährigen, die nach der deutschen Besatzung, und noch vor dem Tauwetter nach Paris reiste, später eine Weile in den USA lebte und dann doch an der Seite von Solidarnosz in Polen das Ende des Kalten Kriegs erlebte.
Über Valzhyna Mort, Kreuzwort, Deutsch von Katharina Narbutovič und Uljana Wolf, Berlin, Suhrkamp 2013
„In der belarussischen Kultur gibt es keinen festen Grund, der Boden bewegt sich unter deinen Füßen und du musst immer neu die Balance finden“, erzählt die aus Weißrussland stammende, heute in Washington lebende Dichterin Valzhyna Mort. Sie schrieb ursprünglich in der zu Sowjetzeiten unterdrückten Volkssprache Weißrussisch („widersprüchliches Konstrukt aus Emanzipation und Einschränkung“), weil das musikalische Moment darin sie anzog, wie sie einmal sagte. Mittlerweile ist Englisch ihre zweite Schreib-Sprache, und der in diesem Jahr erschienene Band „Kreuzwort“, enthält Poesie und Prosa aus beiden Sprachen. Kreuzwort, so will es das Rätselspiel, ist der Ort, an dem sich Buchstaben, die gemeinsam ein Wort bilden, einzeln kreuzen mit je identisch scheinenden Buchstaben aus anderen Worten. Das größte Rätsel ist der „Körper, der ins letzte Kästchen passt“ – vertikal wie horizontal – der mithin die Fäden und Fragen des Einzelnen, des Buchstaben-Legers, bündelt.
… Dank der die Webstrukturen im Original grandios nachbildenden Übersetzungen von Katharina Narbutovič (Prosa) und Uljana Wolf (Lyrik) gewinnt Morts Bildwelt auf bewegtem Grund auch für uns Gestalt.
Über Text und Kritik 198, Gerhard Falkner, Gastherausgeber: Michael Braun, April 2013
Die Autoren des Heftes, fast ausschließlich Dichter-Kollegen, schaffen einen innerpoetischen Dialog mit Falkners Werk, der zuletzt 2012 mit seinen „Pergamon Poems“ für große Aufmerksamkeit sorgte. Mit Worten können wir bekanntlich wachrufen, was verloren ist, und so notierte Falkner darin unter der Überschrift „Herakles“: „ER fehlt! / Nur die Idee kann ihn ergänzen. / Man ahnt die Durchschlagskraft der Zeit / die ihn von dieser Stelle weggefegt./ …./ Vom Löwenfell blieb nur ein Stück der Pranke.“
Seinen Kulturpessimismus, der Handytöne im Museum als Zeichen einer angeblich defizitären Jetzt-Zeit deutet, muss man nicht teilen, doch die rhapsodischen Verse eignen sich nicht nur für den Besuch des Berliner Pergamon-Museums.
Über Park, Zeitschrift für neue Literatur, Herausgegeben von
Michael Speier, Berlin, November 2013 (Schwerpunkt: Gegenwartslyrik aus Irland)
Ob Klänge noch Jahre später im Werk eines Autors nachhallen können? In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Der Park“ hat Falkner sich jedenfalls den „Passat“ zum Liebesnest erwählt: „Wir fanden Freude am Geplänkel / wir lösten im Auto den Augen die / Binde und den Worten die Fesseln: / to screw each others brain out“. Der Rest ist Schweigen – über Vorhandenes, Abhandenes und noch viel mehr.
Über Odile Kennel, oder wie heißt diese interplanetare luft, Gedichte, München, dtv Premium, 2013
Vom Vorhandenen und abhanden Geratenen handeln auch die wundersam wachen und witzigen, zwischendurch auch transzendente Fragen streifenden Verse der Autorin Odile Kennel, die in diesem Jahr unter dem Titel „oder wie heißt diese interplanetare Luft“ erschienen sind. Alltägliches wird reflektiert und bestaunt. Ein Kurzzyklus widmet sich den Tieren und ihrem drohenden Aussterben. „Ach Auerhuhn, ich würde schweigend /mein Heidelbeereis mit dir teilen, zeig / dich nur einmal von weitem, oder bleib / im Gezweig unseres Imaginären, aber bleib“, beschwört sie die Kraft des Wortes.
Über Oswald Egger, Euer Lenz, Berlin, Suhrkamp Verlag, 2013
Was geschieht, wenn man das Material der Sprache – Buchstaben, Worte, Satzgefüge – wie die Würfelpuzzle (bemalte Bauklötze) der Kindheit dreht und wendet, damit sie sich fremd näher kommen, neue Verbindungen mit sich und uns eingehen und sich zwischen uns als Eigenleben ausbreiten können, erfährt man bei Oswald Egger, dessen neuester Band, „Euer Lenz“, auf den Sturm-und-Drang-Dichter Lenz verweisend, mit dem Satz beginnt: „Jetzt müssten die Kirschbäume blühen, dass es heißt: wieder und wieder.“ Überall Sätze voller Wortschöpfungen: „Oft trotte ich doch nur und stoß mich an den vorstolpernden Fuszeln und Staupen“, weshalb Sibylle Cramer den Dichter einen „Neutöner“, und Ilma Rakusa ihn den „Sprachschabernacker“ nennt.
Über Ulf Stolterfoht, wider die wiesel, Ostheim/Rhön, Verlag Peter Engstler, 2013.
Christian Morgensterns eingangs genanntes schöpfendes Spiel könnte auch am Grunde dessen liegen, was der Dichter Ulf Stolterfoht seit Jahren und auch wieder in seinem jüngsten Band „wider die wiesel“ präsentiert: Gedichte und Minidramen, die mit Unterstützung von Computer-Übersetzern zum Lobe und Ruhme des Wiesels anheben. „pop! geht das wiesel, kanister mit diesel, stiefel voll
blut, pop pop! geht das wiesel – und alles wird glut.“ Kein Wunder bei so viel Ansprache, dass das Wiesel – wie die Tagtigall – nicht zu den bedrohten Tierarten gehört.
Auszüge aus dem Bericht von der Diskussion am dritten Abend des Lyrikpreises München am 13.12.:
Bettina Hohoff hatte den Eindruck gewonnen, etwas Rätselhaftes solle in Gumz‘ Gedichten bleiben. Sie führte die Wendung „speere (…) / wiegen sich im wind“ an. Àxel Sanjosé meinte, die Sentenzen am Ende der Gedichte seien etwas dick aufgetragen.Dazu ist zu sagen, daß die einen Sachverhalt umreißenden Einzelsätze Gumz‘ schon überaus markant sind, so daß kaum etwas anderes übrig bleibt, als am Ende, wo das Gedicht sich ja steigern soll, nochmal eins draufzusetzen. Doch der Leser urteile anhand von „ich bin du“ selbst: „ich hüpfe im kreis, winke in kameras, die du nicht kennst. // auf meine lider drücken drei arten beobachtung. // unsere zuschauer versuchen zu verstehen, was wir weglassen. // du bist echter als ich, berechnest meine flugbahn. // unter unserem gespräch beziehen die verschwörer stellung. // beleuchter und statisten räuspern sich. das höre ich bis hier. // ich bin du. du siehst es mir an. // du bist nur ein trick meiner linken hand.“ Das Publikum fand Gumz‘ Gedichte wegen ihres metaphysischen Gehalts interessant.
(…)
Anja Kampmanns Gedichte wurden zunächst als „romantische Symphonien“ charakterisiert. Das hat jedoch auch Vorteile: wenn zwischen Sonne und Mond und Weizenfeld ein Wort wie „geißelschwänzchen“ auftaucht, wirkt es zehnmal so speziell wie in einem Text, in dem nur spezielle Wörter vorkommen. Tom Schulz hob „Maribor“ als das beste Gedicht hervor und fügte hinzu: “Wenn wir nur das Beste herausnehmen, können wir das Ganze als etwas sehr Gutes nehmen.“ Dem widersprach Bettina Hohoff insofern, als sie nichts Überflüssiges in den Gedichten habe entdecken können.
(…)
Als letzter Autor des Abends las der 1963 geborene und als Gräzist an der Universität Greifswald arbeitende Dirk Uwe Hansen. Die meisten seiner Gedichte waren nach Orten benannt; doch herausragend war „Libelle“: „Siehst du sie immer nur da / wo sie schon nicht mehr / siehst nicht den Draht der sie zieht den / zieht sie der reißt Blau / pausen auf mit Facetten von Blicken / nie gesehener Bauten Umfriedung. // Zeichen in farbloser Luft von / Sprachen die zu verstehn vor / Zeiten schon zu schwer befunden.“
Hier wird mit Elementen der sapphischen Strophe, mit einem Wechsel von Trochäen und Daktylen, gespielt; am Ende des drittletzten Verses „farbloser Luft von“ handelt es sich höchst passenderweise um einen Adoneus, der mit dem jung gestorbenen Adonis und seinem Abstieg in den Hades verknüpft ist. Tom Schulz sagte, zweifelsohne sei Hansen ein belesener Autor. Man erkenne das am belesenen Ton. Ihm persönlich sei jedoch beispielsweise der Ausdruck „Zeilen alter Gesichter“ im Lissabongedicht zu abstrakt. Àxel Sanjosé gefiel das Gedicht „Schmetterlingsgalerie“, das mit dem angeführten Libellengedicht in einem Atemzug genannt wurde, wegen seiner Farbenexplosion. Jan Kuhlbrodt sprach von dem Wagnis, Gedichte über Libellen und Schmetterlinge zu schreiben. Meinte er damit Naturgedichte insgesamt; oder solche über Kleintiere mit Fühlern, die zugleich mit der Ausbreitung des Handys die deutsche Lyrik zu dominieren begannen? Bettina Hohoff fand Hansens Naturgedichte einfach gut. Sie erkannte in ihnen das Scheitern der Bemühung, sich in ein Tier hineinzuversetzen.
/ Ausführlich mit Text und Bild über diese und weitere Autoren (Konstantin Ames, Eric Giebel, Andra Schwarz) hier
Einige indische Lyriker sind inspiriert von der reichen poetischen angloamerikanischen Literatur. Andere wiederum holen ihre schöpferische Kraft aus den alten Epen und Mythen Indiens. „Wir können Dinge mit der Syntax anstellen, die die Sprache auf vielfältige und eigene Weise zum Leben erweckt“, schrieb der indischstämmige Dichter Agha Shahid Ali über die Vorzüge seiner Dichtkunst in englischer Sprache. Die Lyrikerin Eunice de Souza war acht Jahre alt, als Indien die Unabhängigkeit erlangte. Ihre Gedichte handeln nicht von den Konflikten einer jungen Frau im unabhängigen Indien, sondern von den Auseinandersetzungen mit der eigenen Identität als Christin mit hinduistischen Ahnen aus der portugiesischen Kolonie Goa. Die Vorfahren von Eunice de Souza gehörten ursprünglich zu einer Brahmanenfamilie. Auf Druck der Kolonialherren wurden aus Hindus Christen mit einem portugiesischen Familiennamen. Was Eunice de Souza in ihren Versen hinterfragt, ist eine Geschichte, die ihre Familie stolz als heroische Vergangenheit pflegt. Die englische Sprache und die portugiesisch-indische Kultur verbinden Eunice de Souza auf zweifache Weise mit Europa. / Clair Lüdenbach, Faustkultur
Begegnung auf einer Londoner Party
Aus: Fünf Londoner Stücke
Für eine Minute standen wir verlegen beieinander
Du fragst Dich in welcher Sprache Du mit mir sprechen solltest
reichst stattdessen eine eingelegte Zwiebel am Spieß.
Du bist jung und hast vielleicht vergessen
daß das Empire lebt
nur in den reinen Vokalen, die ich dir anbiete
über dem Lärm.
Skudlareks Gedichte treffen einen Ton, den man in der deutschen Gegenwartslyrik vermisst: erzählend, gänzlich unangestrengt, mit einer halsbrecherischen Sicherheit für das richtige Bild: „im gras die leere fassung eines / außenspiegels : halt sie dir ans ohr und du hörst / die autobahn rauschen“, heißt es in dem Gedicht „wie wir laborieren“, das zugleich ein Sinnbild für die Arbeit am eigenen wie an den Gedichten anderer sein kann. Denn auch die Arbeit am Gedicht beginnt zunächst einmal mit einem Code, einer Verschlüsselung, die es dann zu entziffern gilt („unterwegs immer wieder vögel, ihr / semiotischer singsang“). Der Quellcode indes erweist sich als unübersetzbar, etwas in Vergessenheit Geratenes vielleicht („wir passieren das gatter, links liegt die / weide, eine aus der mode gekommene wendung“). Doch wer ihn ausbuchstabieren will, der muss ihn neu übersetzen: der Singsang der Vögel, das ist jetzt das Rauschen der Autobahn, ein deutliches Rauschen, oha. Der Außenspiegel wird zum erweiterten Sinnesorgan, einer Quasiverbindung zur Welt.
Formal umgesetzt wird dieses Verfahren dadurch, dass Skudlarek auf Vers und Sinneinheit verzichtet: Alle Gedichte werden wie automatisch im Blocksatz gesetzt, mit großzügigem, hoch aufgelöstem Zeilenabstand. Dem Gedichtband vorangestellt ist ein Zitat von Rolf Hensingmüller, einem unbekannten Göttinger Forscher, der bereits 1911 in einer amerikanischen Südstaatenzeitung vor einem wireless-bedingten Zahnausfall warnte, einer durch die kabellose Telegraphie und Telephonie zu erwartenden um sich greifenden Zerstörung. Skudlarek unterstreicht damit einmal mehr, dass Poesie und Elektrizität etwas Entscheidendes gemeinsam haben: sie sind energetische Quellen sui generis. Auch Elektrosmog will in dieser Hinsicht eine elektromagnetische Quelle sein, ein unruhiges Feld, das sich zwischen Plus- und Minuspol aufspannt. / Peter Neumann, Fixpoetry
Jan Skudlarek
Elektrosmog
Illustration und Covergestaltung: Simone Kornappel
Luxbooks
2013 · 100 Seiten · 19,80 Euro
ISBN: 978-3-939557-74-6
Zonic 20 Zelebration continua mit Ronald Galenza (Berlin):
Ronald Galenza ist als Mit-Herausgeber und Autor von Büchern wie „Wir wollen immer artig sein … Punk, New Wave, HipHop und Independent-Szene in der DDR 1980–1990“ (das gerade in 4.Auflage wieder erschien und bereits als Klassiker gelten darf), der Feeling B-Band-Biographie „Mix mir einen Drink“ oder des Zonic-Spezials „Spannung.Leistung.Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979-1990“ einer der wichtigsten Kenner der DDR-Subkultur. Als letzter Beitrag im Jubiläumsjahr kommt er nun zu einer weiteren Zonic Zwanzig Zelebration nach Leipzig und stellt ein bis dato eher unterbelichtetes Kapitel vor: „Drogen in der DDR“. Gespickt mit zahlreichen Erlebnisberichten aus der Szene, garniert mit Sounds und Bildern aus dem Untergrund. Ein sicher amüsanter, aber auch detailreich informativer Trip in die Bewusstseinsmanipulationsversuche der letzten DDR-Generation – performt im Kultúrny dom b31, dessen Raum damals mehr oder minder illegal Heimat der Galerie EIGEN+ART war.
Kultúrny dom B31
Bornaische Str.31, Hinterhof
Leipzig-Connewitz
19.12.2014
20 Uhr
Eintritt: 3,- Euro
Theodor Fontane
Lebenswege.
Fünfzig Jahre werden es ehstens sein,
Da trat ich in meinen ersten „Verein“.
Natürlich Dichter. Blutjunge Waare:
Studenten, Leutnants, Refrendare.
Rang gab’s nicht, den verlieh das „Gedicht“,
Und ich war ein kleines Kirchenlicht.
So stand es, als Anno 40 wir schrieben,
Aber ach, wo bist Du Sonne geblieben,
Ich bin noch immer, was damals ich war,
Ein Lichtlein auf demselben Altar,
Aus den Leutnants aber und Studenten
Wurden Genräle und Chefpräsidenten.
Und mitunter, auf stillem Thiergartenpfade,
Bei „Kön’gin Luise“ trifft man sich grade.
„Nun, lieber F., noch immer bei Wege?“
„‚Gott sei Dank, Excellenz,… Trotz Nackenschläge…‘“
„Kenn’ ich, kenn’ ich. Das Leben ist flau…
Grüßen Sie Ihre liebe Frau.“
1889
Es gebe bei ihm keine Themen, heißt es, es finde sich bei ihm immer die gleiche Technik des Aussparens, des Abwehrens, des Indirekten, des Neutralisierens, so sei es schwer, Ashberys opakes, intellektuell dichtes und vielfältiges Werk zu fassen, sei es bereits schwer, den Prosasinn eines seiner Gedichte zu paraphrasieren. Und festzustellen sei eigentlich eher eine Abwesenheit von Stoff, von Gegenständen. Der Mangel auch nur einer Andeutung von rationalem Kontext. Nur aufgrund einer ungeheuren hermeneutischen Anstrengung könne man sinngebende Teile aus einem Gedicht reißen, sie zu verbinden versuchen, ohne daß man aber einen ganzen Satz von Ideen oder auch nur Szenen erhält. … Man muß eine enorme Bereitschaft mitbringen, um in den langen Gedichten mitgehen zu wollen oder zu können. (Joachim Sartorius, Nachwort zu „John Ashbery: Eine Welle“, Hanser München 1988)
Der Verlag Luxbooks, der es in seiner Reihe „Americana“ schon unternommen hatte, Ashberys Sammlung „A Worldly Country“ mit Mehrfachübersetzungen deutscher Lyrikerinnen und Lyrikern in einem Bedeutungsfächer zu entfalten (John Ashbery: Ein weltgewandtes Land, Wiesbaden 2010) hat nun einen weiteren Schritt gewagt, diesen – mit bisher etwa 30 Büchern – produktiven Autor bei uns bekannt zu machen: „Flussbild/Flow Chart“ ist ein Langgedicht, das sich über 185 Seiten erstreckt und, mit der deutschen Übersetzung, also 371 Seiten umfasst. Das Langgedicht ist mit seinem Anspruch vom Poesiealbum am weitesten entfernt. Deshalb weckt es unsere Aufmerksamkeit und die Neugier, diesen Anspruch zu erkunden. / Bernd Leukert, Faustkultur
John Ashbery: FLOW CHART / Flussbild
Langgedicht, zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Matthias Göritz und Uda Strätling
Claude Vigée erhält den diesjährigen Grand Prix national de la poésie (Großer nationaler Lyrikpreis). Nach Francis Ponge, Aimé Césaire, Jacques Roubaud, Yves Bonnefoy und Anne Perrier wollte die Jury in diesem Jahr das Werk eines Dichters auszeichnen, „der seine Inspiration aus dem Sieg des Lichts und des Friedens über die Finsternis schöpft“, schrieb das Ministerium für Kultur in einer Mitteilung.
Der fast 93 Jahre alte Claude Vigée, der eigentlich Claude Strauss heißt, wurde am 3.1. 1921 in einer jüdischen Familie im Elsaß geboren. Er verkehrte persönlich und brieflich mit André Malraux, Vladimir Jankélévitch, Jean Wahl, Emmanuel Lévinas oder Stéphane Moses. Seine sämtlichen Gedichte erschienen 2008 unter dem Titel „Mon heure sur la terre“ (Meine Zeit auf Erden) bei Éditions Galaade. Er übersetzte Rilke und T.SW. Eliot ins Französische.
Der 1981 begründete Preis des Ministeriums für Kultur wird jährlich an einen Dichter in französischer Sprache vergeben (mit einer Unterbrechung zwischen 1997 und 2011). / alsace.france3
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