98. Das Feuer machte ihm keiner nach

Versuch über Thomas Böhme

‚Das Feuer machte ihm keiner nach‘ (1) und ich will sehen woher der Rauch kommt über Leipzig – der ehemaligen Kohlestadt. Irgendwo muss er sein, der ‚alte Schnakenhascher‘ (2) und ich folge dem Ruß auf den Wegen dorthin. Hinter einer Landschaft mit ausgeweideten Fabriken und Bahngleisen bündeln sich die dunklen Luftschichten und brechen zusammen in einem Knäuel großmäuliger Plattenbauten: Stadtteil Grünau. Irgendwo dazwischen lese ich Rauchzeichen und ich brauche ihrer Geheimsprache nur zu folgen – in eine Straße mit Zwergenhäusern und dort muss es sein. Das Klingelschild trotzt den fiesen Jahrzehnten, der Rost wäscht die Namen nicht vom Blech: Böhme.

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das feuer machte ihm keiner nach (Martin Holz)

Wie ich das Ende der Hühnerleiter erreiche, die zum Dachboden, dem Arbeitszimmer, führt umzingeln mich Fotografien wie lebendige Fossilien: alle reden ihre Geschichten in verschiedenen Sprachen, sie quengeln und nörgeln, denken aber nicht daran ihre Worte zu übersetzen. Thomas Böhmes Texte tun das oder man glaubt, dass sie das tun, für einen Moment jedenfalls, den, bevor das Schweben einsetzt oder eine Art erotischer Schwerkraft. Sie wickelt sich wie die Wiesen der Kindheit um die Füße und das Rascheln der Gräser dabei – es erzählt einen ‚latenten Roman‘ (3). Es kritzelt ‚Flüchtigkeitsprotokolle‘ (4), ‚die sich der leimgewordenen Wirklichkeit entziehen'(5). Der Duft der Worte droht dabei manchmal die Zirkulation der Texte wie ein Stromnetz zu überlasten und so läuft die Sprache Gefahr sich selbst zu überfrachten. Mit dem gut gehüteten Blick der Kindheit kann man dieser Sinnlichkeit jedoch folgen und die geheimen Schlupfwinkel aufspüren. In manchen Gedichten werden diese Verstecke durchschnitten, aus der eben noch erotischen Schwerkraft wächst ein bedrohliches, aber dennoch anziehendes Du, das die Panzerung abschält im ‚Duft deiner schweren Waffen‘ (6). Magst du ein, zwei Texte hören, fragt er, zündet sich eine Pfeife an und ich habe geglaubt ihm bereits zu zuhören.

Während ich ihm folge, verirre ich mich, ähnlich wie die Figuren Bell und Alker aus ‚Dämmerung mit Dingen‘ (7), deren Bewegungen sich im Verlaufen erschöpften (8). Während diese Figuren als ‚kulinarische Kategorien versagt […] haben‘ (9) laufe ich das eigene Verirren wie eine kreisrunde Route immer wieder ab. Es setzt ein, wenn man nicht bereit ist den Text zu verlassen, denke ich, man steigt in die Haut der Figuren und sie werden das Schneckenhaus der eigenen Handlung. Dieser Gefahr zu verfallen ist leicht, wenn man sein Buch ‚Vom Fleisch verwilderte Flecken‘ (10) gelesen hat, denn es kann sein, dass man dort nicht mehr herauskommt. Welchen Text er an diesem Abend auch liest, er buchstabiert die Buchstaben dieses Buches, das so anfängt, wie es aufhört und das so aufhört, wie es anfängt. Dieses Knäuel tut sich in Böhmes Arbeiten immer wieder auf: eine in Schleifen verknotete Handlung entwirft ein Spinnennetz, in das man hineingeht wie in einen Tunnel. Er endet mit dem Schweigen, dass eimerweise verschüttet wird, wenn die letzte Zeile gesprochen wurde. Ein umgekehrter Brunnen: wenn man nicht aufpasst, bleibt man zurück auf der anderen Seite und sucht die Spindel im Schatten der Buchstaben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es wirklich heraus geschafft habe, als ich die Straße betrat, angestarrt von Zwergenhäusern mit dem Geruch von Ruß in den Ohren.

Anmerkungen
Artikel zuerst erschienen auf www.conquering-places.de
Beitragsbild im ursprünglichen Artikel: Nancy Martin
1 Zit. nach ‚Das Feuer machte ihm keiner nach‘ aus ‚Heimkehr der Schwimmer‘ (Druckhaus Galrev 1996)
2 Zit. aus ‚Der Schnackenhascher‘ (Projekte-Verlag Cornelius 2010)
3 Zit. aus ‚Vom Fleisch verwilderte Flecken‘ (Druckhaus Galrev 1995)
4 Zit. aus ‚Vom Fleisch verwilderte Flecken‘ (Druckhaus Galrev 1995)
5 Zit. aus ‚Vom Fleisch verwilderte Flecken‘ (Druckhaus Galrev 1995)
6 Zit. aus ‚Der Duft deiner schweren Waffen‘ aus ‚Alle Spur wird Fell‘ (Druckhaus Galrev 1998)
7 ‚Dämmerung mit Dingen‘: Roman, Galrev, Berlin 2001
8 Ich paraphrasiere den Klapptext zu ‚Dämmerung mit Dingen‘ verfasst von Thomas Kunst.
9 Ich paraphrasiere den Klapptext zu ‚Dämmerung mit Dingen‘ verfasst von Thomas Kunst.
10 ‚Vom Fleisch verwilderte Flecken‘: Roman, Galrev, Berlin 1995 Weiterlesen

97. Wortlos

Über den Essayisten, Herausgeber und unermüdlichen Chronisten wird unter den Kurz­sichtigen des Betriebs der vielseitige Lyriker Theo Breuer, dessen erstes Gedichtbuch 1988 erschien, gelegentlich gern übersehen. »Wortlos und andere Ge­dichte« heißt, programmatisch, das 2009 erschienene Ly­rikbuch, in dem sich ne­ben neuen Gedichten auch bereits be­kannte Ge­dichte in neuen Fassungen fin­den. Das Buch ist im Anhang mit ausführli­chen Anmerkungen versehen, die ei­nen differenzierten und un­terhaltsamen Einblick in die Textwerkstatt des Autors gewähren.

Ähn­lich »Mittendrin« (1991), »Der blaue Schmetterling« (1993), »Das letzte Wort hat Brinkmann« (1996), »Land Stadt Flucht« (2002) oder »Nacht im Kreuz« (2006) läßt Theo Breuer lite­rarische Heimatkunde auf Exotismus treffen, zeitgenössische Wirklichkeit auf Vergangenheitsgespenster. Es offenbaren sich Reibungsflächen der Moderne, die Gedichte deuten auf ein linguistisches System: Logik, Behaup­tung, Spekulation und Instruktion sind wie beiläufig zu lesen. Was im diesem selbsternannten Hin­terland entsteht, ist ein wortwörtliches oder visuelles Spiel, das der Lyrik offenbar mühelos den Hintergrund verleiht.

»Wortlos« ist wahrhaft wortstark. Gleich das erste Gedicht – »auf der straße« – ist eine Wucht. Und »du! (ruchu dur spruchu ust dus guducht)« sollte auf Pla­katwänden kleben, zu den Favoriten von Sprayern gehören. Theo Breuer ent­deckt die Narreteien der Sprache immer mehr und immer wieder aufs Neue, laufend fällt der Leser in schöne Stolperfelder, drempels bis in die reine visuellpoetische Zeichen­haftigkeit hinein ziehen das Auge an: ‚Sprachstreu­gutbreuergut’. Was auch immer für Erwägungen und Telefonate hinter dem Gedicht »forever young« stecken mögen – ich empfinde es als ein leises und zartes Gedicht mit der herrlichen Wortschöp­fung: »mond­schraubengroßmutter«. Das Gedicht ist natürlich sati­risch, aber auch leise-melancholisch.

/ Matthias Hagedorn über Theo Breuer: Lauschender Leser und redender Schreiber

Mit einem Motto von Gerhard Falkner:

Der Kritiker hasst den Dichter. Weil er wohl seine schwierigen, nicht aber seine einfachen Sätze versteht.

  • Wortlos und andere Gedichte, mit Linoldrucken von Karl-Fried­rich Hacker, 40 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Das gewonnene Alphabet, 89 Gedichte von A bis Z ∙ Glossar ∙ Essay, 121 Seiten, Pop Verlag, Ludwigsburg 2012.

96. Verlorene Piktogramme

Im kommunistischen China wurden die Schriftzeichen vereinfacht. Dadurch sind vielfach die ursprünglichen (bildhaften) Bedeutungen und auch Hinweise auf traditionelle Ideen verlorengegangen. Die Epoch Times gibt verschiedene Beispiele, darunter hier über den Zusammenhang der Zeichen für Mensch, Auge, Hand, sehen und suchen.

Auszug aus dem Artikel:

東 (东) bedeutet Osten und wird Dong ausgesprochen. Die Sonne(日) in der Mitte erhebt sich hinter einem Baum (木), der in Richtung Osten zeigt. Dieses traditionelle Schriftzeichen hat einen sehr engen Bezug zur Natur. In der vereinfachten Form 东 lässt sich dies kaum erkennen, da hier die Sonne fehlt. (…)

Auf den ersten Blick führte die Reform dazu, dass sich die Schriftzeichen einfach schreiben lassen, aber es gibt nun mehr Schriftzeichen, die sich ähnlich sehen, sodass sie leichter verwechselt werden und die Verbindung mit der traditionellen Kultur ist sehr beschnitten, wenn nicht sogar völlig zerstört worden.  / Blake Li, Epoch Times

95. Helga M. Novak †

Die Schriftstellerin Helga M. Novak ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Novak sei an Heiligabend in Rüdersdorf bei Berlin einem langen Leiden erlegen, teilte der Verlag Schöffling in Frankfurt mit.

Für ihre Werke erhielt Novak, die in der DDR aufwuchs und später nach Island ging, zahlreiche Preise, darunter 1997 den Brandenburgischen Literaturpreis, die Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Bad Gandersheim und der Drostepreis der Stadt Meersburg. 1979 war sie Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim in Frankfurt. Novak gehörte dem Verband Deutscher Schriftsteller und seit 1973 dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland an. Der dritte Band ihrer autobiografischen Prosa „Im Schwanenhals“ ist erst im September erschienen.

Helga Maria Novak wurde 8. September 1935 in Berlin-Köpenick als Maria Karlsdottir geboren und wuchs bei Adoptiveltern auf. Nach dem Abitur ging sie nach Leipzig und studierte an der Universität Journalistik und Philosophie, für ein Jahr am dortigen Literaturinstitut „Johannes R. Becher“.

Zuletzt erschien der dritte Band ihrer Prosa „Im Schwanenhals“.
Ihren Lebensunterhalt verdiente sie anfangs als Monteurin und Buchhändlerin. Anfang der 1960er Jahre ging sie nach Island, heiratete ihren Mann und arbeitete dort in verschiedenen Fabriken. 1966 wurde ihr die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt, weil sie regimekritische Texte verteilt hatte. Nach verschiedenen Reisen siedelte sie deshalb 1967 in die Bundesrepublik über.

Literarisch galt Novak lange als Außenseiterin. In ihrer zunächst politisch geprägten Lyrik prangerte sie die Eingriffe des DDR-Regimes ins Privatleben an. Später machte sie mit Natur- und Liebeslyrik auf sich aufmerksam. Sie veröffentlichte verschiedene Bände mit Kurzprosa, Lyriksammlungen und Romane, die die Kritik überwiegend positiv aufnahm. / RBB online

Eine absolut Freie: Mit „Im Schwanenhals“ schließt die Dichterin Helga M. Novak ihre große autobiografische Trilogie ab / Julia Schoch, Die Welt 13.12.

94. Die Nacht

24. Dezember 1828: Der fünfzehnjährige Georg Büchner widmet seinen «guten Eltern» das Gedicht «Die Nacht». Sein «kleines Weihnachtsgeschenk» in Schülerschönschrift hat Trennungsschnörkel zwischen den Strophen. Es beginnt mit den Zeilen: «Niedersinkt des Tages goldner Wagen, / Und die stille Nacht schwebt leis‘ herauf, / Stillt mit sanfter Hand des Herzens Klagen, / Bringt uns Ruh‘ im schweren Lebenslauf.»

Wie hat der jugendliche Georg diese Verse wohl vorgetragen? Im Lichterglanz des Weihnachtsbaums im Wohnzimmer der Familie im grossherzoglichen Darmstadt? Ob es Vater, Mutter und Geschwister irritiert hat, wie viel darin von Tod die Rede ist – aber kein Wort von Geburt? «Und die Sterne funkeln in der Ferne / Schau’nd herab auf Leben und auf Grab.» / Ralf Beil, NZZ 24.12.

Hier in der ersten kritischen Gesamtausgabe von 1879 im DTA

93. Shī

Das chinesische Schriftzeichen 詩 (shī) steht für Poesie oder Gedicht, Vers, Hymne oder Ode.

詩 ist eine phono-semantische Verbindung, und ist einer Art von chinesischen Zeichen zugehörig, die aus einer Klang- und einer Bedeutungskomponente bestehen.

In dem Zeichen 詩 , verweist 言 (yán), der Teil auf der linken Seite auf die Bedeutung, während 寺 (sì) auf der rechten Seite den Klang beschreibt.

寺  ist das Zeichen für „Tempel, Kloster, Gericht oder Büro“, während 言 der Wortstamm oder das Zeichen ist, das sich auf  „Wörter oder Rede“ bezieht, und die Bedeutung „zu sagen“ hat. Es ist ein Ideogramm, das die Idee des Sprechens durch das Bild einer Zunge darstellt, die aus dem Mund herausgestreckt ist.

Die beiden Komponenten zusammen können so verstanden werden, dass sie die Poesie als eine besonders durchdachte Form der Sprache oder Vortrags symbolisieren.

Zu den Begriffen, die das Zeichen 诗 verwenden,  gehören zum Beispiel 詩人 (shī rén) für „Dichter“; 古詩 (gǔ shī) für „klassische chinesische Poesie“, 詩歌 (shī gē), „Oden und Lieder“, wobei 歌 (gē) „Lied“ bedeutet; 詩句 (shī  jù), „Vers“, wobei 句 (jù) „Satz“ bedeutet, und 詩韻 (shī yùn) die Bedeutung hat „Reim von einem Gedicht“.

(…)

唐詩三百首 (tang shī  sān bǎi shǒu) bezieht sich auf die „300 Tang-Gedichte“, eine Zusammenstellung von über 300 der besten Gedichte der bedeutendsten Dichter aus der Tang-Dynastie (618 – 907), dem goldenen Zeitalter der chinesischen Poesie.

Die Sammlung wurde von Sun Zhu (孫誅) um 1763 herum während der Qing-Dynastie (1644 – 1911) erstellt. Sun wählte die Gedichte auf der Grundlage ihrer Popularität und Fähigkeit, den Menschen zu helfen, ihren persönlichen Charakter zu kultivieren oder zu verbessern.

Die Sammlung ist auch heute noch ein beliebter Klassiker, der weithin studiert wird. Es ist zu einem beliebten Spruch geworden, zu sagen: „Wenn du nicht weißt, wie Gedichte schreiben, wirst du das können, wenn du die ‚300 Tang Gedichte‘ auswendig lernst.“ / Cindy Chan, Epoch Times

92. Komparativst

Hilft nix, ich muß noch mal Titanic zitieren:

Neinnein, FAZ.net!

Du hattest schon ganz recht, die Megadiva Madonna qua Schlagzeile als »bestbezahlteste Musikerin« der Welt zu bezeichnen. Und es war völlig unnötig, diese Überschrift nach geschätzten zehn Minuten Onlinezeit von den kleinkarierten Germanistengreisen aus der Redaktionsbesenkammer vom Netz nehmen und durch ein mattes »bestbezahlte« ersetzen zu lassen. Das Immerreicherwerden der Superreichen sprengt nun mal die Grenzen jeder Logik (»Ich bin sogar reicher als ich selbst«, staunte schon Dagobert Duck), und die Grammatik hat sich da anzupassen wie wir anderen alle auch.

Und bedenke, FAZ.net: Wer erwirtschaftet diesen Reichtum nicht zuletzt? Unterbezahlte und unbeaufsichtigte Kräfte in den Online-Redaktionen!

Das Sein bestimmt die Komparationsform

91. Salafisten gegen Adonis

Der syrische Dichter Adonis wurde von einem algerischen Salafistenführer zum Ketzer erklärt. Adonis reagiert mit Verachtung. Seinem Hauptkritiker Abdelfettah Ziraoui Hamadache riet er, er solle erst mal Arabisch lernen, bevor er im Namen des Islam spreche.

Abdelfettah Ziraoui Hamadache ist Chef der nicht zugelassenen Partei der Sahwa-Front. Er ist ein Salafi-Prediger, der lange in Saudi-Arabien lebte. Er forderte die sunnitische Welt auf, die Bücher und Briefe „des Atheisten Adonis“ zu verbrennen. Er wirft ihm vor, berühmte muslimische Führer wie Mouaouia, Khaled Ibn El-Walid, Salaheddine El-Ayoubi (Saladin) zu beleidigen und die Vernichtung sunnitischer Städte wie Damaskus , Homs und Deraa, wo diese historischen Figuren lebten, zu fordern.

Adonis wirft ihm vor, nichts von Poesie zu verstehen und die Feinheiten der arabischen Sprache nicht zu kennen. Man brauche nur die angeblich von ihm stammenden Schmähschriften zu lesen, um zu bemerken, daß sie niemals von ihm sein könnten. Die Erklärung des Salafistenführers sei ein Angriff auf die Kultur und Geschichte des Islam. / Maghreb emergent

90. Deutschest

Ein paar schöne Beispiele für Superlative (siehe hier) hat Titanic ausgegraben:

„Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, / mit Wogenprall und Sturmgebraus, / dann wäre Deutschland nicht zu retten / und gliche einem Irrenhaus.“ Kästner, 1930

Wie sowieso aus Sicht der guten Deutschen, die nach Auschwitz, laut Tagesschau „eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte überhaupt“ (nebst nämlich Bautzen und dem unrechtmäßig verlorenen WM-Endspiel ’66), Tag für Tag die Pflicht reklamieren, der Welt mitzuteilen, was das Menschenrecht sei und was nicht, zumal den alten Kriegsgegnern USA (Stasi 2.0) und Rußland (Lagerhaft für Steuersünder), die sich in Nürnberg noch so aufgeblasen haben. Auch so läßt sich Geschichte entsorgen, und die deutsche Seele ist mittlerweile so randvoll rechtschaffen, daß es uns noch aus den Schnurren im Vermischten entgegensuppt: „Er“ – Jürgen Prochnow als vorbildlich anständiger „Kaleu“ im Nazifilm „Das Boot“ – „ist der dunkle Kommandant für die Drecksarbeit“, die, da hätten die Angeklagten im Auschwitzprozeß, der vor 50 Jahren begann, zugestimmt, halt auch einer machen muß. „Der Kaleu war der zerrissenste Kapitän, insofern ist er … bis heute der deutscheste“ (SZ).

Wie nationale Gesinnung nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Muttersprache auf den Grund schickt; und sich das so furchtbar anständige Deutschland jeden Tag ein bißchen schwerer ertragen läßt.

89. Schönheit des Wassers

Nicht von ungefähr scheint die elementare Gewalt des Wassers gleich im ersten Zyklus auf. Und zugleich taucht mit der Namensgebung des Zyklus (Opheliate) auch das Motiv der Opheliengestalt auf, die seit ihrem Auftritt in Shakespeares Hamlet zu einem Mythos verklärt worden ist, auf den sich insbesondere in der Romantik und im Expressionismus immer wieder sowohl Literaten als auch Bildende Künstler bezogen haben, den Dissonanzen und Koinzidenzen zwischen Schönheit, Schmerz und Tod auf der Spur, diesem vornehmlich weiblichen Tod. Crauss löst sich in seiner Lesart vom Bild der sich opfernden Jungen und Schönen, von Hinfälligkeit gezeichnet, deren Leichnam man dann aus dem Wasser zieht. Vielmehr läßt er das dichterische Ich vom diesseitigen Ufer des (Alb-) Traums ans andere Ufer gelangen, wobei in diesem Falle der tod der fluß, den es gilt zu passieren (OPHELIATE VIII). / Jayne-Ann Igel, Signaturen. November 2013

Crauss: Schönheit des Wassers. 66 pseudoromantische Kalligraphien. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2013. 80 S., 13,90 Euro.

88. American Life in Poetry: Column 446

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Anyone who has followed this column since its introduction in 2005 knows how much I like poems that describe places. Here’s one by Joseph Hutchison, who lives in Colorado. This is the kind of scene that Edward Hopper might have painted. I especially love the way Hutchison captures the buzz of the neon sign.

Winter Sunrise Outside a Café

Near Butte, Montana

A crazed sizzle of blazing bees
in the word EAT. Beyond it,

thousands of stars have faded
like deserted flowers in the thin

light washing up in the distance,
flooding the snowy mountains

bluff by bluff. Moments later,
the sign blinks, winks dark,

and a white-aproned cook—
surfacing in the murky sheen

of the window—leans awhile
like a cut lily . . . staring out

into the famished blankness
he knows he must go home to.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Joseph Hutchison, whose most recent book of poems is Marked Men, Turning Point Books, 2013. Reprinted from Thread of the Real, Conundrum Press, 2012, by permission of Joseph Hutchison and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

87. Poetopie

wer’s auch immer gezeugt, von wem auch für sich beansprucht – am Dienstagabend, wenn die Marktplage vorbei ist, freuen wir uns doch über unser gemeinsames Kind

Hansjürgen Bulkowski

86. „Lyriker“

Schöne Stellen aus dem und über das 19. Jahrhundert zum (verächtlichen)  Status von Lyrik, Lyrikern oder Literaten hat Florian Voß ausgegraben:

Anders stand es bei der Lyrik – sie war auch für Leihbüchereien kein attraktiver Geschäftsgegenstand, und es blieb den gesamten Zeitraum hindurch selbstverständlich, daß der Autor den Druck seiner Gedichte entweder gänzlich selbst bezahlte und dem Verleger gegen einen hohen Anteil am Erlös den Vertrieb überließ oder doch zumindest die Hälfte der Druckkosten bestritt. Dieses Verfahren brachte sehr geringe Auflagen mit sich, für die der Verfasser oft Absatzgarantien übernehmen mußte: etwa 250 – 500 Exemplare galten als üblich.

(Reinhard Wittmann über Lyrikproduktion im 19. Jahrhundert in „Buchmarkt und Lektüre im 18. und 19. Jahrhundert“, Tübingen 1982)

Die Schriftstellerei ist gegenwärtig kein Amt, sondern ein Geschäft, und die freie Concurrenz, das Gesetz der Natur, wie der ökonomische Liberalismus sie nennt, erzeugt überall hunderttausend Bettler als Staffage eines einzigen Millionärs

(Joseph Lukas in „Die Presse“, 1867)

In der Meinung der „soliden“ Leute sowie der hohen Obrigkeit rangiert er zu den Vagabunden und muß es sich gefallen lassen, gelegentlich per Schub transportiert zu werden. Es ist so weit gekommen, daß die Bezeichnung „Literat“ von dem Begriffe der Geringschätzung, der Mißachtung unzertrennlich ist.

(Karl Weller in „Jahrbuch deutscher Dichtung“, 1858)

85. Hüter

DIE JOURNALISTEN spotten gern über DIE DICHTER. Wahrscheinlich nach dem Motto: Wer im Glashaus sitzt, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Auf der der Wahrheit verpflichtetsten (sic) Seite der taz räsoniert Peter Köhler:

Die Dichter sind die Hüter der Sprache, die Schatzmeister des Wortes und die Bewahrer des guten und richtigen Deutsch: Diese lustige alte Auffassung machte vermutlich in den fünfziger, sechziger Jahren ihren letzten Mucks. Falsch war sie bereits damals und vielleicht schon früher.

Oder ist es richtig, wenn Friedrich Schiller in seiner Geschichte über ein „Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache“ von einem Marquis schreibt: „Er rufte einen seiner Leute“? Oder wenn Bertolt Brecht im „Mann-ist-Mann-Song“ so loslegt: „Ach, Tom, bist du auch beir Armee, beir Armee? / Denn ich bin auch beir Armee, beir Armee!“?

Friedrich Nietzsche forderte, man müsse an einer Seite Prosa arbeiten wie an einer Bildsäule; doch ihm selbst ist der Meißel gelegentlich ausgerutscht. So feierte er Zarathustra in seiner Schrift „Ecce homo“ als die „höchste Art alles Seienden“ und die „umfänglichste Seele“, „die nothwendigste“, „die weiseste Seele“ und endlich als „die sich selber liebendste“. Chapeau!

Um Ihre Fragen zu beantworten, lieber Peter Köhler: die Antwort lautet in jedem einzelnen Fall: Ja, es ist richtig. Ist es richtig, wenn Friedrich Schiller in seiner Geschichte über ein „Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache“ von einem Marquis schreibt: „Er rufte einen seiner Leute“? Ja, doppelt und dreifach. Erstens weil Schiller als Dichter, also im Privatgebrauch der Sprache, kein Beamter war und deshalb nicht verpflichtet war, sich an eine mit Staats Segen kodifizierte Sprachregelung zu halten, die ja zweitens erst über 100 Jahre später von Konrad Duden und später seinen Nachfolgern überhaupt geleistet wurde; und drittens, weil er als Württemberger aus dem oberdeutschen Sprachgebiet stammte, und dort hat man die Aufgebung der schwachen Konjugationsform „rufte, geruft“, die im Alt- und Mittelhochdeutschen noch gebräuchlich war, nicht mitgemacht. Siehe z.B. im Grimm:

Schwache und starke formen des verbums im nhd. erst in diesem jahrh. hat die schriftsprache die schwachen formen rufte und geruft, die reste des mhd. rüefen aufgegeben. dagegen ist in oberd. mundarten die schwache flexion zum theil neben der starken gewahrt. bair. ich rueffet, geruefft, gerüefft neben ich rieff, gerueffen Schm. 2, 68, in Tirol rueffen, rüeffen, grüefft Schöpf 566, kärnt. geruoft, girüeft neben giruofn Lexer 210, schweiz. rüeffe, rief und rüefti, grueffe und grüeft

Ebenso in jedem anderen ihrer Beispiele. Weglassen von Lauten aus klanglichen oder rhythmischen Gründen ist im mündlichen und dichterischen Sprechen erlaubt. Ob es ein höchstes Wesen gibt, fragen Sie am besten den Papst, bei notwendigst oder liebendst genügt ein Stilistiker oder besser ein Philosoph. Als Faustregel kann man aber gelten lassen: 1. Alles ist erlaubt, was nicht verboten ist, und 2. Verboten ist der freie Gebrauch der Sprache nur Staatsdienern nach Maßgabe von Dienstvorschriften. Der kann auch Hüter der Sprachrichtigkeit einsetzen: im Schuldienst. Dafür sind die Dichter wirklich nicht zuständig.

84. Adventsrätsel

Sky
00000god
0000000000girl.

Pick out the one
that doesn’t belong.

Auflösung hierunter

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