Doch entsprangen seinen nächtlichen Studien zunächst vor allem lateinische Gedichte im Stil der Erotica Catulls und Tibulls, die Piccolomini später selbst vom Markt zu nehmen versuchte. Am bedeutendsten darunter ist die Novelle mit dem Titel «De duobus amantibus historia», die Geschichte der zwei Liebenden Euryalus und Lucretia, in der Piccolomini weder für noch gegen eine Leidenschaft, weder für noch gegen eine moralische Lösung eintritt, sondern soziale Ausweglosigkeit schildert.
(…) Ein Aufenthalt in Schottland zu wissenschaftlichen Studien brachte neben seriösen Beobachtungen auch naturkundliche und anthropologische Erkenntnisse, wie sie in Caesars Bericht über seinen Britannien-Aufenthalt hätten stehen können: «Die Männer sind klein und wild, die Frauen hellhäutig, anmutig und äusserst lüstern.» / Hans-Albrecht Koch, NZZ
Wen vertritt Rez.? Den Leser? Das Volk? Die Literatur? Den Sender? Es wird nicht immer klar. Meine Rand-, Zwischenbemerkungen wollen nicht kritisieren, sondern verstehen. Deshalb endet jeder (Teil-)Satz mit Fragezeichen.
Rez. hat eine interessante Zeile gefunden – d.h. eine, die er verstanden hat? und vielleicht mehr?:
Peggy Neidel weckte das Interesse des Rezensenten
(er wollte es eigentlich nicht machen, oder sollte er, „du weißt schon, junge Lyrik“, er interessiert sich eigentlich nicht für Lyrik? nicht für neue Lyrik? Er war uninteressiert bis er diese Zeile las? Um einer Zeile willen soll das Werk gerettet werden?)
weckte das Interesse des Rezensenten nach dem Genuss folgender Verse: „dein mund macht mir falten, deine Hände erkälten mich, bisher war zwischen uns überhaupt kein Gefühl, heute ändert sich das“
Vielleicht nicht aufregend, aber doch „gut“ und „wert“? Immerhin war Genuss im Spiel? Wenn auch nachträglich?:
Das klingt nicht spektakulär, aber gut und war es wert weiter in „weiß“, dem ersten Lyrikband der Zwickauerin, zu lesen.
„Darin“ lesen, nicht es ganz, einmal, zweimal, zu lesen? – Daß es ihr erster ist, bringt ihn in eine überlegene Position? Schließlich ist es nicht seine erste Rezension? Oder wenigstens nicht erste Lyrik-, erste Junglyrikrezension? Nicht daß jetzt alles gut ist –?:
Nach der Lektüre bleibt festzustellen: Frau Neidel hat sich noch nicht so ganz entschieden,
Rez. hat zuende gelesen? Und fand nämlich daß keineswegs alle Verse wert und gut waren? aber es gibt Hoffnung?, daß, also ob?
ob sie ihre empfundene Gegenwart in ganzwegs kryptische Worte fassen will, oder in halbwegs klare.
Ganzwegs kryptisch ist noch eine andere Qualität als halbwegs kryptisch? Geht es auch umgedreht, halbwegs kryptische oder ganzwegs klare? Ganzwegs klare wär ihm lieber, aber er bekommt sie nicht? – Rez. wendet sich nun ins Allgemeine, ist er belesen? Er unterscheidet zwischen Dichtern und Dichterinnen älterer Herkunft, die er versteht? oder wenigstens halbwegs? Enzensberger, Krüger, Elke Erb schreiben halbwegs klare „Worte“? Ein Teil der von jüngerer Herkunft auch, aber immer öfter nicht? Gewiß, er will die Novizin vor schlechter Gesellschaft warnen?
Befürchtend, dass immer mehr Dichter oder Dichterinnen jüngerer Herkunft glauben, dass es uncool sei, wenn sie von mehreren Menschen verstanden werden,
Rez. meint es halbwegs gut, er kann diese junge Frau vielleicht noch retten? Immerhin sind ihre Empfindungen, woher kennt er die nur? Schilderungswert? Hat er sie demnach doch halbwegs verstanden? Nein, er muß sie, die – puren? – Empfindungen? von vor der dichterischen Verarbeitung kennen, denn? wenn sie die durchaus schilderungswerten, sagt er? Empfindungen lyrisch verarbeiten will, aus welchem Mustopf hat er nur seinen Literaturbegriff*? dann müßte sie sie, er rät freundlich? dann würde er sie ganz verstehen? Wird das eine Romanze?
sei dieser jungen Frau von Renzensentenseite freundlich geraten, ihre schilderungswerten Empfindungen, so sie die lyrisch verarbeiten will, allesamt in verständliche Verse zu packen.
Denn den Rezensenten? jedenfalls den wohlmeinenden? nicht halbwegs sondern insgesamt glücklich zu machen, wie es Enzensberger & Erb schon jetzt tun? ist die eigentliche Aufgabe der Literatur?jedenfalls der verständlichen?
Die lassen den wohlmeinenden Rezipienten dann insgesamt glücklich zurück, weil er alles verstanden hat. Ein Anfang ist bei Peggy Neidel schon gemacht.
Eine Rezension von Matthias Ehlers
(Hier im Zitat der komplette Text beim WDR)
Was wäre dem hinzuzufügen? Ich überlasse das letzte Wort zwei Altmeistern.
Eigentlich lernen wir nur aus Büchern, die wir nicht beurteilen können. Der Autor eines Buches, das wir beurteilen können, müsste von uns lernen.
Johann Wolfgang von Goethe
… der allgemein verbreitete Irrtum beim Leser ist, weil er lesen kann, könnte er auch jedes Buch lesen, sehen Sie, in der Musik wird das niemandem einfallen, wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege, wird er gern zugeben, daß er nichts, auch gar nichts davon versteht, aber bei einem Buch die Buchstaben sind jedem geläufig, auch einzelne Worte, und so meint jeder, daß er ohne weiteres lesen und vielleicht gar auch schreiben könne, das ist aber ein Irrtum, denn auch in diesem Falle hat sich eben der Fachmann so weit von dem rohen Laien entfernt, daß, das gebe ich Ihnen gerne zu, eine Annäherung da schwer möglich ist, allerdings wenn eine solche Annäherung stattzufinden hat, dann hat sie nicht von der Seite des Künstlers herzukommen, Kunst dem Volke, sondern das Volk, jedermann, hat sich gefälligst zur Kunst hinzubemühen.“
Arno Schmidt **
*) Alles Lyrische muß im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein bißchen unvernünftig sein. (Goethe)
**) Man muß nur statt „Leser“ und „Volk“ „Rez.“ einsetzen, und man wird verstehen, was Arno Schmidt meinte. M.G.
Jetzt ohne Fragezeichen: Rez. sollte seine Hausaufgaben machen, bevor er rezensiert. Also lesen lernen, Goethe hat 80 Jahre gebraucht, man muß es ja nicht übertreiben, ich finde es nicht übertrieben, sich selbst zu verordnen, 100 Bücher gelesen und verarbeitet zu haben bevor man eins rezensiert. Ich sprach von 100 Lyrikbänden! Dann reden wir weiter.
kennst du dich? fang an dich zu ahnen
Hansjürgen Bulkowski
Zu den „Schreckensmännern“, wie Arno Schmidt einst diejenigen Dichter bezeichnet hat, deren Phantasie feindlichsten Lebensumständen abgetrotzt wurde, zählt Hebbel mehr als jeder andere. „Schlag zu, mir tut’s nicht weh!“ – Hebbel wusste, wovon er sprach, und kam immer wieder darauf zurück, was Härte und beispielsweise väterlicher Hass für Kinder bedeutet, die nicht verstehen, was sie erleiden müssen. Für manche von ihnen: die Unfähigkeit, sich selbst leiden zu können. „Für meinen Nächsten würde oft wenig dabei herauskommen, wenn ich ihn liebte wie mich selbst.“
Kinder bevölkern die Gedichte und Reflexionen Hebbels. Kinder, die im Traum fliegen und sich, erwacht, aus dem Fenster werfen, weil es doch soeben noch ging mit dem Fliegen. Kinder, die ihren Eltern pädagogische Bücher mit der Aufforderung bringen, sie danach zu erziehen. Kinder, die von ihren Vätern mit ins Wirtshaus genommen werden, damit sie, die Kinder, ihnen ein gutes Beispiel geben. Hebbel war ein gequälter Mensch, der selbst erstaunt gewesen sein mag, wie sich der gute Wille durch die Härte der Umstände hindurch erhielt. „Mein Leben ist eine langsame Hinrichtung meines innern Menschen. Seis drum.“ / Jürgen Kaube, FAZ 14.12.
Dass es möglich ist, ganz unpolemische und textbezogene Kritik an Hubert Winkels zu formulieren, hat nun in Heft 2/2013 der Zeitschrift „Ostragehege“ die Schriftstellerin Martina Hefter demonstriert. In einem „offenen Brief“ an Hubert Winkels wendet sie sich gegen Argumentationsfigur des Kritikers, der öffentlich sein Bedauern kundgetan hatte, dass Martina Hefter keine Romane mehr schreibe. Im Gegenzug erklärt nun die Autorin, dass ihre Abwendung vom Roman keineswegs einem von außen auferlegten Zwang oder einer Schreibkrise geschuldet sei, sondern sich einer freien künstlerischen Entscheidung verdanke – der Entscheidung für das Gedicht, für die Lyrik als derzeit für Martina Hefter aufregendstem künstlerischen Feld.
Neben dem offenen Brief Martina Hefters finden sich noch weitere lesenswerte Beiträge im neuen „Ostragehege“. Da ist Kathrin Schmidts Porträt des antike-besessenen Dresdner Dichters Gregor Kunz, von dem einige imponierende Gedicht-Exempel abgedruckt sind. Und da sind schöne Gedichte des kaum bekannten Myron Hurna, wunderbare Miniaturen von Jayne-Ann Igel und ein großartiges Vergänglichkeitsgedicht von Dieter Hofmann (…) / Michael Braun, Zeitschriftenschau im Poetenladen
Ostragehege 71 (2013)
c/o Axel Helbig, Birkenstraße 16, 01328 Dresden. 70 Seiten, 4,90 Euro.
Kein Unglücksdatum war Freitag, der 13. Dezember, für 23 Zürcher Kulturschaffende und zwei Kollektive: Stadtpräsidentin Corine Mauch hat an diesem Datum im Kaufleuten nämlich die kulturellen Auszeichnungen 2013 der Stadt Zürich in der Höhe von insgesamt 705 000 Franken übergeben.
(…) In der Abteilung Literatur erhielten Ralph Dutli, Roman Graf, Felix Philipp Ingold, Judith Kuckart, Jens Steiner, Thomas Strässle, Ulrike Ulrich und Urs Widmer Anerkennungsgaben (je 10 000 Franken). Halbe Werkjahre gingen an Tim Krohn und Doris Wirth (je 24 000 Franken), Werkjahre an Thilo Krause, Jonas Lüscher und Bruno Steiger (je 48 000 Franken). / NZZ
Kein Punkt, in dem wir uns nicht mühelos einigen konnten – außer diesem einen: „Der Kampf mit dem Drachen“, so erklärte er mir ebenso schonungsvoll wie nachdrücklich, müsse unter allen Umständen aus der japanischen Version meines Buches eliminiert werden.
Wie, so war ich gespannt, würde er diesen (an und für sich hinnehmbaren) Eingriff argumentieren? Dass Schiller im Gegensatz zu Goethe für den japanischen Leser eine wenig bekannte Größe sei – das konnte doch nur eine Ausrede sein (…) Auf mein Drängen rückte der Übersetzer schließlich mit der Wahrheit heraus:Der böse Drache sei es, der dem in der japanischen Mythologie Verhafteten nicht zugemutet werden könne. Das hehre Symbol des Herrscherhauses, der Inbegriff von Wohltätigkeit und gottgleich verehrte Glücksbringer – ein blutrünstiges Ungeheuer? Undenkbar, ausgeschlossen. Und dann gar noch aus der Feder eines in der japanischen Lesewelt so mäßig verankerten Dichters wie Schiller? Nein, einen solchen Frevel würde man nicht einmal Goethe durchgehen lassen. / Dietmar Grieser, Die Presse
Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
Die langen Gassen brausend fort?
Stürzt Rhodus unter Feuers Flammen?
Es rottet sich im Sturm zusammen,
Und einen Ritter, hoch zu Roß,
Gewahr ich aus dem Menschentroß,
Und hinter ihm, welch Abenteuer!
Bringt man geschleppt ein Ungeheuer,
Ein Drache scheint es von Gestalt,
Mit weitem Krokodilesrachen,
Und alles blickt verwundert bald
Den Ritter an und bald den Drachen.
Horst Tomayer ist tot. Der Schriftsteller ist heute im Alter von 75 Jahren in einem Hamburger Krankenhaus an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Tomayer hatte als Kolumnist von KONKRET („Tomayers ehrliches Tagebuch“), als Buchautor („German Poems“), als Vortragskünstler („Interessieren Sie sich für Sexualität“), im „Sehr gemischten Doppel“ (zusammen mit dem KONKRET-Herausgeber Hermann L. Gremliza) sowie als Darsteller in Fernsehserien („Ein Bayer auf Rügen“, „Tierarzt Dr. Engel“) und in den Otto-Filmen gearbeitet. / konkret
Horst Tomayer hätte es verdient, in einem Atemzug mit der Neuen Frankfurter Schule genannt zu werden, und wahrscheinlich würden das deren noch lebende Vertreter nicht bestreiten. Berühmt werden konnte Horst Tomayer aber schon deshalb nicht, weil er nicht korrumpierbar war. Er hat zwar Tausende von Komposita erfunden – etwa „Fahrraddiebhalsgerichtsordnung“ –, und viele davon sind nur in SMS-Nachrichten und auf Faxpapier erhalten geblieben, aber das Wort Karriereplanung kannte er nicht. / taz
Fünf ganz unterschiedliche Münchner Autoren lesen am kommenden Sonntag im Lesecafé in der Ligsalzstraße. Ein Überraschungsgast kommt auch vorbei.
Schwanthalerhöhe – Lust auf Lyrik? Passion für Prosa? Die Literaturzeitschrift außer.dem lädt am kommenden Sonntag, 15. Dezember, zu einer Lesung ins Kunst- und Textwerk ins Lesecafé in der Ligsalzstraße 13 ein.
Präsentiert wird fünf mal Poesie mit den Autoren Karin Fellner, Gerald Fiebig, Andrea Heuser, Jan Kuhlbrodt und einem Überraschungsgast.
Fünf ganz unterschiedliche Autoren – fünf ganz unterschiedliche Bücher: Karin Fellner aus München präsentiert Gedichte aus ihrem neuesten Manuskript sowie Gedichte aus ihrem yedermann-Band „hangab zur kehle“.
Der Augsburger Gerald Fiebig stellt Texte aus seinem Band „normalzeit“ vor.
Neue Dichtungen gibt es von der Münchnerin Andrea Heuser (zuletzt erschien ihr Gedichtband „vor dem verschwinden“).
Jan Kuhlbrodt aus Leipzig liest aus seinen neuen Werken „Stötzers Lied“ und dem Essayband „Geschichte“.
Last but not least kommt ein Überraschungsgast vorbei.
Wann? Sonntag, 15. Dezember, 20 Uhr.
Wo? Lesecafé im Kunst- und Textwerk, Ligsalzstr. 13.
Die Jury wählte am 13. Dezember
ins Finale.
Damit stehen die Finalisten für den Lyrikpreis München am 22. Februar 2014 fest.
Es sind:
Einblicke in die erste Reise Kavafis nach Griechenland bietet das gleichnamige im Verlag der Griechenland Zeitung erschienene Reisetagebuch, eine deutsche Erstausgabe. Darin finden sich auch einige Gedichte des Autors, die er selbst grob in philosophische, historische und erotische Gedichte unterteilt.
Die Bedeutsamkeit seiner Werke, vor allem seiner Gedichte für die Gegenwart spiegelt sich in der Zeitlosigkeit seiner Dichtkunst wieder. Es scheint, als ob die Gedichte Kavafis die Zeit überdauern würden. Die Aktualität der Lyrik schafft Identifikationsebenen. Die ausdrucksstarken Gedichte mit ihrer bildhaften Sprache, symbolisch und realitätsnah, laden den Leser ein, die Welt genauer zu betrachten. Kavafis setzt auf Tiefgründigkeit.
Die Welt Kavafis’ ist die der griechischen Antike und des byzantinischen Zeitalters. Er entführt uns in die hellenistische Vergangenheit des östlichen Mittelmeerraumes. Kavafis nahm, so die Journalistin und GZ-Mitarbeiterin Marianthi Milona im Berliner Tagesspiegel, „die Antike als Maske, zum Schutz seiner Träume, die ihn aus der engen Existenz eines homosexuellen Dichters in einer Amtsstube hinausführten“. (…)
Auch im öffentlichen Raum war der Auslandsgrieche dieses Jahr in Athen präsent: Auf Bussen, Zügen, Straßenbahnen und in den U-Bahn-Stationen waren Zitate aus seinen Gedichte zu lesen. Bis vor kurzem konnte man im Nationalgarten Athens darüber hinaus Kunstobjekte griechischer und internationaler Künstler betrachten, die sich mit Kafavis beschäftigten. / Griechenland Zeitung
Etwas unter ging dabei ihr kleiner Lyrikband, der mit dem stolzen Titel »Hauptwerk: Softsoftporn« schon im Juni im Verlag Peter Engstler rauskam. Zu Unrecht, denn Ann Cottens Gedichte haben einen Drive, wie er der oftmals völlig verkopften deutsche Gegenwartsdichtung in der Regel völlig abgeht: »Halt mich so, daß er aufrecht steht / dein Wort in meiner Eingeweide / wie ein Licht halt mich jetzt hoch«. Inmitten aller Liebes-Angst-Unsicherheit wird sehr bewußt erzählt, gewollt leger, aber immer wieder atemberaubend. »Wir rauchten voller Verlegenheit / Konsens wie ein rosa Ballon / Konsens wie ein rosa Teich.« Was als eine Arthaus-Version von Sexy Sport Clips beginnt, wird immer mehr zu einer Expedition über grundlegende Fragen. Hoffnungsvolle Hingabe gibt es also genauso wie eine Schlüpfrigkeit, die elegant Distanz aufbaut.
Schreibt die junge Welt und stellt Fragen wie diese:
Betrachten Sie Ihren Lyrikband »Hauptwerk: Softsoftporn« tatsächlich als Ihr Hauptwerk?
Wie es bei Scherzen so ist, gibt es einen Aspekt, der wörtlich ganz so gemeint ist, und zugleich gute Gründe, es nicht ganz ernst zu meinen. Jeder Moment ist jeweils Hauptwerk, das wäre so quasi eine Aussage, die drinsteckte, und ein privates Aushebeln der Bewertung, der immer verblödeten Hierarchien des »Bedeutenden«.
/ Text/Interview: Joshua Groß
Ann Cotten: Hauptwerk: Softsoftporn. Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön 2013, 72 S., 14 Euro
Unter den übrigen lesenswerten Beiträgen in der „Kritischen Ausgabe“ möchte ich drei hervorheben: Da sind zum einen die formal wagemutigen Gedichte von Norbert Lange zu nennen, die in unterschiedlicher Weise eine Radikalisierung lyrischer Rede anstreben. Die hier abgedruckte „siebende Dummkopfelegie“ zielt auf eine kunstvolle Demontage des alten Dichterpriestertums, wie es einst Rainer Maria Rilke in seinen Duineser Elegien verkörperte. Ein weiterer Text heißt „Symmetrische Verwüstungen“ – ein schönes Paradoxon, das die Bewahrung und gleichzeitige Auflösung poetischer Ordnung markiert. Der aus Völklingen stammende und in Berlin lebende Konstantin Ames liefert einen erhellenden Kommentar zu den Gedichten von Norbert Lange und verweist auf dessen Gegenposition zu vorgefundenen Autoritäten und Ordnungssystemen. Die konzentrierteste Gedicht-Exegese in der „Kritischen Ausgabe“ verdanken wir Tobias Amslinger, der sich mit den – wie es heißt – „poetischen Entgrenzungen“ der 1982 geborenen Mara Genschel auseinandersetzt. Die Arbeiten von Mara Genschel stellen den Prozesscharakter des Schreibens in den Vordergrund. Viele Gedichte werden als „Rohtexte“ noch einmal graphemisch bearbeitet, mit Streichungen und kleinen handschriftlichen Ergänzungen versehen. Seit 2012 präsentiert die Autorin zudem ihre Texte in kleinen Heften, die unter dem Titel „Referenzfläche“ in Kleinstauflagen von der Autorin selbst vertrieben werden. In seiner brillanten Analyse verweist Tobias Amslinger auf die Buchstabenvertauschungen in Genschels Gedicht über den heiligen Sebastian: Dieses Gedicht funktioniere wie eine „Kippfigur, in der Großes in Kleines übergeht“ und sich das Heilige unmerklich ins Profane verwandelt. In einer kleinen Inscriptio am Ende der Seite macht Genschel klar, dass der Text selbst zum verwundeten heiligen Sebastian wird: „Er steht dort mit geklebten Haarn / am Wegestand und ohne Schrein // zu Füßen ein geschnitzter Reim/unleserlich, ob Kreuz, ob Arm“. / Michael Braun, Poetenladen
Kritische Ausgabe, No. 25
c/o Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universität, Am Hof 1d, 53113 Bonn. 148 Seiten, 6 Euro.
Neueste Kommentare