Marie-Luise Knott betreut für den Perlentaucher eine neue Lyrik-Kolumne. In loser Folge soll sie Beiträge versammeln zu poetischen Neuerscheinungen. Sie beginnt stark (natürlich nicht ohne Lücken – namentlich bei den jüngeren Jahrgängen) mit einem Streifzug von ihr durch das lyrische Jahr 2013.
Der Eingang kann so manche um Realität kreisende Lyrikdebatte beschämen:
„Spätestens seit Christian Morgenstern Anfang des 20. Jahrhunderts die Tagtigall und die Gänseschmalzblume erfand, dürften auch die letzten Zweifler davon überzeugt sein, dass papierne Schöpfungen mitunter eine stärkere Wirklichkeit haben als die schnöde Realität. Sie heben uns vielleicht nicht in die Erhabenheit, wie in alten Zeiten, aber in eine Mimikry unseres Lebens, wo Klang, Ton, Rhythmus, Fluss und Bruch eine Narretei mit uns treiben.“
Im Folgenden Auszüge.
Sie schreibt über den holländischen Dichter Erik Lindner: „Nach Akedia“. Mit einem Nachwort von Ulf Stolterfoht, Reihe Spurensuche des berliner künstlerprogramms des daad, Matthes und Seitz Verlag, Berlin 2013, 170 Seiten, 19,90 Euro.
Wenn es stimmt, dass Gedichte Störmaschinen sind, so ist Lindners Poesie in aller Schönheit eine solche Störmaschine. Das disparate Leben – hier in seiner Kunst kann es oszillieren. „Denk nicht nach, die Schiffe, die sind alle verbrannt“, lautet ein programmatischer Satz in dem Gedicht „Insel“, das wie nebenbei davon erzählt, dass alle Verbindungen zum Festland der Gewissheiten und der Folgerichtigkeiten in der Poesie gekappt sein müssen. Das Glück, das einen beim Lesen von Lindners Gedichten befällt und von dem der Lyriker Ulf Stolterfoht im Nachwort spricht – es besteht auch darin, dass Lindner uns glauben macht, wir vermögen mit unserer Einbildungskraft die Welt immer neu zu erfinden.
Über Esther Kinsky, Naturschutzgebiet, Gedichte und Fotografien, Berlin, Matthes & Seitz, 2013
Im Schutzraum des Gedichtes siedelt Kinsky vom Aussterben bedrohte Bezeichnungen wie „Gottvergess“ (die Schwarznessel) wieder an, lässt Worte, Bilder, Gedanken gehegt wuchern. „Was Grenze ist, irrt hierhin und dorthin“, schließt ein Gedicht. Die Fotos zeigen einen Krankenhaus-Park, der lange sich selbst überlassen in wilder Pracht wuchert und wittert, wie Kinskys Sprache. „Wohin zeigt die Wildnis, wohin die Zähmnis?“ fragt sie, lernt die „sprache der misteln“, beobachtet „krähengeschweif“ und „wurzelbegebenes gesindel“, lauscht „hungergurrigen tauben“. Auf den Fotos, die das durchdringende Licht einfangen, erkennt man – durch das kleine Format wie entrückt wirkend – überwucherte Wegränder und verwitterte Bänke, auf denen einst Patienten und Besucher Hoffnungen und Ängste austauschten. Es ist, als hörte man sie flüstern. „gezeichnetes gelände in gestundeter seligkeit der verwahrlosung“.
Über Julia Hartwig, „und alles wird erinnert“. Gedichte 2001 – 2011, aus dem Polnischen von Bernd Naumann, Frankfurt, Verlag Neue Kritik, 2013
„was wird aus uns / wohin gehen wir / wer wird uns richten / uns erleichtert fallen lassen / uns befreien von den Fesseln der Kunst / die immerzu fordert / Fragen stellt / und leichte Beute verschmäht“ – lautet ein programmatisches Gedicht des Bandes „und alles wird erinnert“ der polnischen Dichterin und Übersetzerin Julia Hartwig. Die autobiografischen Fragmente erzählen lauter kleine Geschichten aus dem großen Leben der mittlerweile über 90-Jährigen, die nach der deutschen Besatzung, und noch vor dem Tauwetter nach Paris reiste, später eine Weile in den USA lebte und dann doch an der Seite von Solidarnosz in Polen das Ende des Kalten Kriegs erlebte.
Über Valzhyna Mort, Kreuzwort, Deutsch von Katharina Narbutovič und Uljana Wolf, Berlin, Suhrkamp 2013
„In der belarussischen Kultur gibt es keinen festen Grund, der Boden bewegt sich unter deinen Füßen und du musst immer neu die Balance finden“, erzählt die aus Weißrussland stammende, heute in Washington lebende Dichterin Valzhyna Mort. Sie schrieb ursprünglich in der zu Sowjetzeiten unterdrückten Volkssprache Weißrussisch („widersprüchliches Konstrukt aus Emanzipation und Einschränkung“), weil das musikalische Moment darin sie anzog, wie sie einmal sagte. Mittlerweile ist Englisch ihre zweite Schreib-Sprache, und der in diesem Jahr erschienene Band „Kreuzwort“, enthält Poesie und Prosa aus beiden Sprachen. Kreuzwort, so will es das Rätselspiel, ist der Ort, an dem sich Buchstaben, die gemeinsam ein Wort bilden, einzeln kreuzen mit je identisch scheinenden Buchstaben aus anderen Worten. Das größte Rätsel ist der „Körper, der ins letzte Kästchen passt“ – vertikal wie horizontal – der mithin die Fäden und Fragen des Einzelnen, des Buchstaben-Legers, bündelt.
… Dank der die Webstrukturen im Original grandios nachbildenden Übersetzungen von Katharina Narbutovič (Prosa) und Uljana Wolf (Lyrik) gewinnt Morts Bildwelt auf bewegtem Grund auch für uns Gestalt.
Über Text und Kritik 198, Gerhard Falkner, Gastherausgeber: Michael Braun, April 2013
Die Autoren des Heftes, fast ausschließlich Dichter-Kollegen, schaffen einen innerpoetischen Dialog mit Falkners Werk, der zuletzt 2012 mit seinen „Pergamon Poems“ für große Aufmerksamkeit sorgte. Mit Worten können wir bekanntlich wachrufen, was verloren ist, und so notierte Falkner darin unter der Überschrift „Herakles“: „ER fehlt! / Nur die Idee kann ihn ergänzen. / Man ahnt die Durchschlagskraft der Zeit / die ihn von dieser Stelle weggefegt./ …./ Vom Löwenfell blieb nur ein Stück der Pranke.“
Seinen Kulturpessimismus, der Handytöne im Museum als Zeichen einer angeblich defizitären Jetzt-Zeit deutet, muss man nicht teilen, doch die rhapsodischen Verse eignen sich nicht nur für den Besuch des Berliner Pergamon-Museums.
Über Park, Zeitschrift für neue Literatur, Herausgegeben von
Michael Speier, Berlin, November 2013 (Schwerpunkt: Gegenwartslyrik aus Irland)
Ob Klänge noch Jahre später im Werk eines Autors nachhallen können? In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Der Park“ hat Falkner sich jedenfalls den „Passat“ zum Liebesnest erwählt: „Wir fanden Freude am Geplänkel / wir lösten im Auto den Augen die / Binde und den Worten die Fesseln: / to screw each others brain out“. Der Rest ist Schweigen – über Vorhandenes, Abhandenes und noch viel mehr.
Über Odile Kennel, oder wie heißt diese interplanetare luft, Gedichte, München, dtv Premium, 2013
Vom Vorhandenen und abhanden Geratenen handeln auch die wundersam wachen und witzigen, zwischendurch auch transzendente Fragen streifenden Verse der Autorin Odile Kennel, die in diesem Jahr unter dem Titel „oder wie heißt diese interplanetare Luft“ erschienen sind. Alltägliches wird reflektiert und bestaunt. Ein Kurzzyklus widmet sich den Tieren und ihrem drohenden Aussterben. „Ach Auerhuhn, ich würde schweigend /mein Heidelbeereis mit dir teilen, zeig / dich nur einmal von weitem, oder bleib / im Gezweig unseres Imaginären, aber bleib“, beschwört sie die Kraft des Wortes.
Über Oswald Egger, Euer Lenz, Berlin, Suhrkamp Verlag, 2013
Was geschieht, wenn man das Material der Sprache – Buchstaben, Worte, Satzgefüge – wie die Würfelpuzzle (bemalte Bauklötze) der Kindheit dreht und wendet, damit sie sich fremd näher kommen, neue Verbindungen mit sich und uns eingehen und sich zwischen uns als Eigenleben ausbreiten können, erfährt man bei Oswald Egger, dessen neuester Band, „Euer Lenz“, auf den Sturm-und-Drang-Dichter Lenz verweisend, mit dem Satz beginnt: „Jetzt müssten die Kirschbäume blühen, dass es heißt: wieder und wieder.“ Überall Sätze voller Wortschöpfungen: „Oft trotte ich doch nur und stoß mich an den vorstolpernden Fuszeln und Staupen“, weshalb Sibylle Cramer den Dichter einen „Neutöner“, und Ilma Rakusa ihn den „Sprachschabernacker“ nennt.
Über Ulf Stolterfoht, wider die wiesel, Ostheim/Rhön, Verlag Peter Engstler, 2013.
Christian Morgensterns eingangs genanntes schöpfendes Spiel könnte auch am Grunde dessen liegen, was der Dichter Ulf Stolterfoht seit Jahren und auch wieder in seinem jüngsten Band „wider die wiesel“ präsentiert: Gedichte und Minidramen, die mit Unterstützung von Computer-Übersetzern zum Lobe und Ruhme des Wiesels anheben. „pop! geht das wiesel, kanister mit diesel, stiefel voll
blut, pop pop! geht das wiesel – und alles wird glut.“ Kein Wunder bei so viel Ansprache, dass das Wiesel – wie die Tagtigall – nicht zu den bedrohten Tierarten gehört.
Auszüge aus dem Bericht von der Diskussion am dritten Abend des Lyrikpreises München am 13.12.:
Bettina Hohoff hatte den Eindruck gewonnen, etwas Rätselhaftes solle in Gumz‘ Gedichten bleiben. Sie führte die Wendung „speere (…) / wiegen sich im wind“ an. Àxel Sanjosé meinte, die Sentenzen am Ende der Gedichte seien etwas dick aufgetragen.Dazu ist zu sagen, daß die einen Sachverhalt umreißenden Einzelsätze Gumz‘ schon überaus markant sind, so daß kaum etwas anderes übrig bleibt, als am Ende, wo das Gedicht sich ja steigern soll, nochmal eins draufzusetzen. Doch der Leser urteile anhand von „ich bin du“ selbst: „ich hüpfe im kreis, winke in kameras, die du nicht kennst. // auf meine lider drücken drei arten beobachtung. // unsere zuschauer versuchen zu verstehen, was wir weglassen. // du bist echter als ich, berechnest meine flugbahn. // unter unserem gespräch beziehen die verschwörer stellung. // beleuchter und statisten räuspern sich. das höre ich bis hier. // ich bin du. du siehst es mir an. // du bist nur ein trick meiner linken hand.“ Das Publikum fand Gumz‘ Gedichte wegen ihres metaphysischen Gehalts interessant.
(…)
Anja Kampmanns Gedichte wurden zunächst als „romantische Symphonien“ charakterisiert. Das hat jedoch auch Vorteile: wenn zwischen Sonne und Mond und Weizenfeld ein Wort wie „geißelschwänzchen“ auftaucht, wirkt es zehnmal so speziell wie in einem Text, in dem nur spezielle Wörter vorkommen. Tom Schulz hob „Maribor“ als das beste Gedicht hervor und fügte hinzu: “Wenn wir nur das Beste herausnehmen, können wir das Ganze als etwas sehr Gutes nehmen.“ Dem widersprach Bettina Hohoff insofern, als sie nichts Überflüssiges in den Gedichten habe entdecken können.
(…)
Als letzter Autor des Abends las der 1963 geborene und als Gräzist an der Universität Greifswald arbeitende Dirk Uwe Hansen. Die meisten seiner Gedichte waren nach Orten benannt; doch herausragend war „Libelle“: „Siehst du sie immer nur da / wo sie schon nicht mehr / siehst nicht den Draht der sie zieht den / zieht sie der reißt Blau / pausen auf mit Facetten von Blicken / nie gesehener Bauten Umfriedung. // Zeichen in farbloser Luft von / Sprachen die zu verstehn vor / Zeiten schon zu schwer befunden.“
Hier wird mit Elementen der sapphischen Strophe, mit einem Wechsel von Trochäen und Daktylen, gespielt; am Ende des drittletzten Verses „farbloser Luft von“ handelt es sich höchst passenderweise um einen Adoneus, der mit dem jung gestorbenen Adonis und seinem Abstieg in den Hades verknüpft ist. Tom Schulz sagte, zweifelsohne sei Hansen ein belesener Autor. Man erkenne das am belesenen Ton. Ihm persönlich sei jedoch beispielsweise der Ausdruck „Zeilen alter Gesichter“ im Lissabongedicht zu abstrakt. Àxel Sanjosé gefiel das Gedicht „Schmetterlingsgalerie“, das mit dem angeführten Libellengedicht in einem Atemzug genannt wurde, wegen seiner Farbenexplosion. Jan Kuhlbrodt sprach von dem Wagnis, Gedichte über Libellen und Schmetterlinge zu schreiben. Meinte er damit Naturgedichte insgesamt; oder solche über Kleintiere mit Fühlern, die zugleich mit der Ausbreitung des Handys die deutsche Lyrik zu dominieren begannen? Bettina Hohoff fand Hansens Naturgedichte einfach gut. Sie erkannte in ihnen das Scheitern der Bemühung, sich in ein Tier hineinzuversetzen.
/ Ausführlich mit Text und Bild über diese und weitere Autoren (Konstantin Ames, Eric Giebel, Andra Schwarz) hier
Einige indische Lyriker sind inspiriert von der reichen poetischen angloamerikanischen Literatur. Andere wiederum holen ihre schöpferische Kraft aus den alten Epen und Mythen Indiens. „Wir können Dinge mit der Syntax anstellen, die die Sprache auf vielfältige und eigene Weise zum Leben erweckt“, schrieb der indischstämmige Dichter Agha Shahid Ali über die Vorzüge seiner Dichtkunst in englischer Sprache. Die Lyrikerin Eunice de Souza war acht Jahre alt, als Indien die Unabhängigkeit erlangte. Ihre Gedichte handeln nicht von den Konflikten einer jungen Frau im unabhängigen Indien, sondern von den Auseinandersetzungen mit der eigenen Identität als Christin mit hinduistischen Ahnen aus der portugiesischen Kolonie Goa. Die Vorfahren von Eunice de Souza gehörten ursprünglich zu einer Brahmanenfamilie. Auf Druck der Kolonialherren wurden aus Hindus Christen mit einem portugiesischen Familiennamen. Was Eunice de Souza in ihren Versen hinterfragt, ist eine Geschichte, die ihre Familie stolz als heroische Vergangenheit pflegt. Die englische Sprache und die portugiesisch-indische Kultur verbinden Eunice de Souza auf zweifache Weise mit Europa. / Clair Lüdenbach, Faustkultur
Begegnung auf einer Londoner Party
Aus: Fünf Londoner Stücke
Für eine Minute standen wir verlegen beieinander
Du fragst Dich in welcher Sprache Du mit mir sprechen solltest
reichst stattdessen eine eingelegte Zwiebel am Spieß.
Du bist jung und hast vielleicht vergessen
daß das Empire lebt
nur in den reinen Vokalen, die ich dir anbiete
über dem Lärm.
Skudlareks Gedichte treffen einen Ton, den man in der deutschen Gegenwartslyrik vermisst: erzählend, gänzlich unangestrengt, mit einer halsbrecherischen Sicherheit für das richtige Bild: „im gras die leere fassung eines / außenspiegels : halt sie dir ans ohr und du hörst / die autobahn rauschen“, heißt es in dem Gedicht „wie wir laborieren“, das zugleich ein Sinnbild für die Arbeit am eigenen wie an den Gedichten anderer sein kann. Denn auch die Arbeit am Gedicht beginnt zunächst einmal mit einem Code, einer Verschlüsselung, die es dann zu entziffern gilt („unterwegs immer wieder vögel, ihr / semiotischer singsang“). Der Quellcode indes erweist sich als unübersetzbar, etwas in Vergessenheit Geratenes vielleicht („wir passieren das gatter, links liegt die / weide, eine aus der mode gekommene wendung“). Doch wer ihn ausbuchstabieren will, der muss ihn neu übersetzen: der Singsang der Vögel, das ist jetzt das Rauschen der Autobahn, ein deutliches Rauschen, oha. Der Außenspiegel wird zum erweiterten Sinnesorgan, einer Quasiverbindung zur Welt.
Formal umgesetzt wird dieses Verfahren dadurch, dass Skudlarek auf Vers und Sinneinheit verzichtet: Alle Gedichte werden wie automatisch im Blocksatz gesetzt, mit großzügigem, hoch aufgelöstem Zeilenabstand. Dem Gedichtband vorangestellt ist ein Zitat von Rolf Hensingmüller, einem unbekannten Göttinger Forscher, der bereits 1911 in einer amerikanischen Südstaatenzeitung vor einem wireless-bedingten Zahnausfall warnte, einer durch die kabellose Telegraphie und Telephonie zu erwartenden um sich greifenden Zerstörung. Skudlarek unterstreicht damit einmal mehr, dass Poesie und Elektrizität etwas Entscheidendes gemeinsam haben: sie sind energetische Quellen sui generis. Auch Elektrosmog will in dieser Hinsicht eine elektromagnetische Quelle sein, ein unruhiges Feld, das sich zwischen Plus- und Minuspol aufspannt. / Peter Neumann, Fixpoetry
Jan Skudlarek
Elektrosmog
Illustration und Covergestaltung: Simone Kornappel
Luxbooks
2013 · 100 Seiten · 19,80 Euro
ISBN: 978-3-939557-74-6
Zonic 20 Zelebration continua mit Ronald Galenza (Berlin):
Ronald Galenza ist als Mit-Herausgeber und Autor von Büchern wie „Wir wollen immer artig sein … Punk, New Wave, HipHop und Independent-Szene in der DDR 1980–1990“ (das gerade in 4.Auflage wieder erschien und bereits als Klassiker gelten darf), der Feeling B-Band-Biographie „Mix mir einen Drink“ oder des Zonic-Spezials „Spannung.Leistung.Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979-1990“ einer der wichtigsten Kenner der DDR-Subkultur. Als letzter Beitrag im Jubiläumsjahr kommt er nun zu einer weiteren Zonic Zwanzig Zelebration nach Leipzig und stellt ein bis dato eher unterbelichtetes Kapitel vor: „Drogen in der DDR“. Gespickt mit zahlreichen Erlebnisberichten aus der Szene, garniert mit Sounds und Bildern aus dem Untergrund. Ein sicher amüsanter, aber auch detailreich informativer Trip in die Bewusstseinsmanipulationsversuche der letzten DDR-Generation – performt im Kultúrny dom b31, dessen Raum damals mehr oder minder illegal Heimat der Galerie EIGEN+ART war.
Kultúrny dom B31
Bornaische Str.31, Hinterhof
Leipzig-Connewitz
19.12.2014
20 Uhr
Eintritt: 3,- Euro
Theodor Fontane
Lebenswege.
Fünfzig Jahre werden es ehstens sein,
Da trat ich in meinen ersten „Verein“.
Natürlich Dichter. Blutjunge Waare:
Studenten, Leutnants, Refrendare.
Rang gab’s nicht, den verlieh das „Gedicht“,
Und ich war ein kleines Kirchenlicht.
So stand es, als Anno 40 wir schrieben,
Aber ach, wo bist Du Sonne geblieben,
Ich bin noch immer, was damals ich war,
Ein Lichtlein auf demselben Altar,
Aus den Leutnants aber und Studenten
Wurden Genräle und Chefpräsidenten.
Und mitunter, auf stillem Thiergartenpfade,
Bei „Kön’gin Luise“ trifft man sich grade.
„Nun, lieber F., noch immer bei Wege?“
„‚Gott sei Dank, Excellenz,… Trotz Nackenschläge…‘“
„Kenn’ ich, kenn’ ich. Das Leben ist flau…
Grüßen Sie Ihre liebe Frau.“
1889
Es gebe bei ihm keine Themen, heißt es, es finde sich bei ihm immer die gleiche Technik des Aussparens, des Abwehrens, des Indirekten, des Neutralisierens, so sei es schwer, Ashberys opakes, intellektuell dichtes und vielfältiges Werk zu fassen, sei es bereits schwer, den Prosasinn eines seiner Gedichte zu paraphrasieren. Und festzustellen sei eigentlich eher eine Abwesenheit von Stoff, von Gegenständen. Der Mangel auch nur einer Andeutung von rationalem Kontext. Nur aufgrund einer ungeheuren hermeneutischen Anstrengung könne man sinngebende Teile aus einem Gedicht reißen, sie zu verbinden versuchen, ohne daß man aber einen ganzen Satz von Ideen oder auch nur Szenen erhält. … Man muß eine enorme Bereitschaft mitbringen, um in den langen Gedichten mitgehen zu wollen oder zu können. (Joachim Sartorius, Nachwort zu „John Ashbery: Eine Welle“, Hanser München 1988)
Der Verlag Luxbooks, der es in seiner Reihe „Americana“ schon unternommen hatte, Ashberys Sammlung „A Worldly Country“ mit Mehrfachübersetzungen deutscher Lyrikerinnen und Lyrikern in einem Bedeutungsfächer zu entfalten (John Ashbery: Ein weltgewandtes Land, Wiesbaden 2010) hat nun einen weiteren Schritt gewagt, diesen – mit bisher etwa 30 Büchern – produktiven Autor bei uns bekannt zu machen: „Flussbild/Flow Chart“ ist ein Langgedicht, das sich über 185 Seiten erstreckt und, mit der deutschen Übersetzung, also 371 Seiten umfasst. Das Langgedicht ist mit seinem Anspruch vom Poesiealbum am weitesten entfernt. Deshalb weckt es unsere Aufmerksamkeit und die Neugier, diesen Anspruch zu erkunden. / Bernd Leukert, Faustkultur
John Ashbery: FLOW CHART / Flussbild
Langgedicht, zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Matthias Göritz und Uda Strätling
Claude Vigée erhält den diesjährigen Grand Prix national de la poésie (Großer nationaler Lyrikpreis). Nach Francis Ponge, Aimé Césaire, Jacques Roubaud, Yves Bonnefoy und Anne Perrier wollte die Jury in diesem Jahr das Werk eines Dichters auszeichnen, „der seine Inspiration aus dem Sieg des Lichts und des Friedens über die Finsternis schöpft“, schrieb das Ministerium für Kultur in einer Mitteilung.
Der fast 93 Jahre alte Claude Vigée, der eigentlich Claude Strauss heißt, wurde am 3.1. 1921 in einer jüdischen Familie im Elsaß geboren. Er verkehrte persönlich und brieflich mit André Malraux, Vladimir Jankélévitch, Jean Wahl, Emmanuel Lévinas oder Stéphane Moses. Seine sämtlichen Gedichte erschienen 2008 unter dem Titel „Mon heure sur la terre“ (Meine Zeit auf Erden) bei Éditions Galaade. Er übersetzte Rilke und T.SW. Eliot ins Französische.
Der 1981 begründete Preis des Ministeriums für Kultur wird jährlich an einen Dichter in französischer Sprache vergeben (mit einer Unterbrechung zwischen 1997 und 2011). / alsace.france3
Die moderne Poesie besteht aus Rändern, die sich verzweigen. In ihrer Mitte thront die lyrische Tradition, deren Macht verblasst und herausgefordert wird. Perrets Anthologie versammelt die Zeugnisse einer poetischen Freiheit, die in den letzten hundert Jahren herrlichste Blüten trieb. Allein schon der Umfang ist beeindruckend. Auf 550 grossformatigen Seiten hat er rund 600 Gedichte von 250 Autorinnen und Autoren versammelt, in verschiedensten Formen und Sprachen. Gut 120 davon wurden eigens ins Deutsche übersetzt. Etliche Gedichte erscheinen hier erstmals in Buchform.
Eine Charakteristik der poetischen Moderne ist, dass sie sich auch bildnerischer Formen bedient. Im frühen 20. Jahrhundert wurde sie nachhaltig durch die Art Brut geprägt, deren wilden Arbeiten häufig Text und Bild miteinander verschmelzen. In ihrem Gefolge lösten insbesondere die Künstler des Dada alle formalen Trennungen und Traditionen auf. Roger Perret hat diese Grenzen geöffnet und auch visuelle Gedichte und lyrische Bilder in die Auswahl mit aufgenommen. Adolf Wölfli ist darin vertreten, oder Paul Klee und Hugo Ball. / Beat Mazenauer, Südostschweiz
Roger Perret (Herausgeber): «Moderne Poesie in der Schweiz». Migros Kulturprozent/ Limmat Verlag. 640 Seiten, 40 Abbildungen. 54 Franken.
„Was ich toll finde in der Ukraine: Da sagen die Leute, ich habe keine Zeit, ich muss demonstrieren gehen“, sagt Max Czollek, ein junger Dichter aus Berlin. Er war im Spätsommer als Stipendiat zu Gast in Chernivtsi, einer kleinen* Stadt in der Westukraine, die unter Lyrik-Fans einen großen Namen hat. Zu seinen Freunden hält er derzeit vor allem über die sozialen Netzwerke Kontakt, denn zum Telefonieren haben sie momentan keine Zeit. „Alle Autoren, die ich kenne, sind in Kiew, auch wenn sie irgendwo anders leben, im Ausland studieren. Sie sind alle auf dem Maidan. Mein guter Freund, Andrij Ljubka, sagt, es gibt keinen Autor, der etwas auf sich hält und der nicht gerade in Kiew ist.“ Ljubka ist einer jener jungen Lyriker, gerade mal 26 Jahre alt, der momentan wenig Zeit zum Telefonieren hat.
Den Dichter Serhij Zhadan, Jahrgang 1974, hält es aktuell auch nicht am Schreibtisch. Viele seiner Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Schon 2004, bei der Orangenen Revolution, war er einer der intellektuellen Wortführer. Und jetzt beim „Euromaidan“, wie die Proteste von 2013 genannt werden, ist er wieder vorn dabei. „Wenn die Leute wirklich Veränderungen für dieses Land wollen, müssen sie verstehen, dass wir das nur über aktiven Widerstand erreichen können“, ist Zhadan überzeugt. Das funktioniere nur, wenn man auf die Straße gehe, an den Meetings teilnehme und seine Meinungen vertrete. „Im Büro zu sitzen, zu Hause am Computer – damit erreicht man nichts.“ / Birgit Görtz, Deutsche Welle
*) Klein nicht gerade, mit einer Viertelmillion Einwohner
PEN International begrüßt die Entlassung von Mustafa Balbay nach 4 Jahren und 277 Tagen Haft. Der Autor, Journalist und Abgeordnete der Opposition, der erst im August 2013 zu 34 Jahren und 8 Monaten Haft verurteilt worden war, wurde am 9.12. auf Anordnung des Verfassungsgerichts freigelassen. Seine fortgesetzte Haft sei eine Verletzung seiner parlamentarischen Immunität. Gegen ihn wird aber weiter vorgegangen, der Prozeß könnte sich über Jahre hinziehen. PEN International befürchtet weiterhin, daß eine hohe Haftstrafe gegen ihn wegen seiner angeblichen Verwicklung in das ultranationalistische Netzwerk ‘Ergenekon’, dem Verwicklung in politische Gewaltakte während der 1980er, 1990er und Nullerjahre und ein geplanter Staatsstreich vorgeworfen wird, verhängt werden könnte. Hunderte Personen, darunter Armee- und Geheimdienstoffiziere, Anwälte, Akademiker, Ärzte, Politiker und Journalisten wurden seit 2007 verhaftet. Balbay wird vorgeworfen, an Geheimtreffen mit Generälen teilgenommen zu haben, bei denen ein Staatsstreich beschlossen wurde. Beobachter der Prozesse äußerten Zweifel an ihrer Fairness; so würden „geheime Zeugen“ eingesetzt und Menschen ohne direkte Verbindungen zur Planung und Duchführung von Gewaltakten wegen „Terrorismus“ angeklagt.
… vor 12 Jahren starb der Dichter Christian Loidl.
Durch seinen Tod wird ihm eine Aufmerksamkeit zuteil, die der in Linz geborene Dichter zu Lebzeiten kaum erfahren hatte. In einem Nachruf wird er als „bedingungsloser Verfechter der Poesie“ bezeichnet, seine Beteiligung an der Gründung der „schule für dichtung“ im Jahr 1992 gewürdigt. Bekannt wurde er durch seinen Vortragsstil: Loidl las seine Gedichte nicht fad vom Blatt, er sprach sie auswendig – nein, er sprach sie nicht, er sang sie, spielte sie, schrie sie und spuckte sie förmlich aus. Das Publikum dankte ihm die unterhaltsame Abwechslung, während der Literaturbetrieb Loidls expressiven Duktus lange Zeit misstrauisch beargwöhnte. In diesem kopflastigen Klima spielte er die Rolle eines geduldeten bunten Hundes meist mit Augenzwinkern. Manchmal befiel ihn angesichts des ihm zugewiesenen Platzes am Rand des Betriebs Enttäuschung.
Loidls plötzliches Ableben rief Betroffenheit hervor: War hier ein verkanntes Genie an öffentlicher Nichtbeachtung oder an einem privaten Unglück zerbrochen? / Helmut Neundlinger, datum.at
Vielleicht haben sie eine dunkle Erinnerung an das Prinzip der Differenzialität aus dem Grundstudium (de Saussure und so). Vielleicht fällt ihnen einfach nichts ein, um ihren Gegenstand zu loben; und so bauen sie einen Popanz auf und verglichen mit dem strahlt ihr Objekt. Nicht nur schlechte Rezensenten machen es so, manchmal auch gute, und sogar manche wissenschaftlichen Arbeiten sind nicht frei davon. Man suche zwei Antipoden A und B, die gegensätzlichen Lagern oder Prinzipien zugerechnet werden, und Arbeiten, die mit A oder B sympathisieren, man wird leicht fündig.
Wieviel mehr Gewicht gewinnt diese Kontrastmethode bei schlechten Rezensenten oder Besprechern, besonders wenn sie Lyrik „besprechen“. Einer hebt so an:
N.N. schreibt – das vorweg – Gedichte, die sich sehr zu lesen lohnen. Darüber freut sich der Renzensent natürlich sehr. Immerhin wird man als Lyrik-Besprecher bzw. -Beschreiber mit einer Menge Bücher eingedeckt, wo exakt das Gegenteil der Fall ist. Stets aufs Neue wundere ich mich, was Menschen sich teilweise zusammendichten und was dann auch noch einen Verlag findet. Wen wollen all diese selbsternannten Dichter beeindrucken? Ihre Deutschlehrer? Ihre Väter, von wegen, „Papa, ich kann jetzt schwere Worte“? Durchgeknallte Kritiker mit der Lizenz zum kongenialen sprachlichen Stuss verzapfen? Möge der Mantel des Verschweigens all diese Wirr-Werke für immer zudecken und möge 2014 mehr Verständliches bringen. Bei N.N. liegt der Fall, wie schon erwähnt, anders – und es ist sehr erfreulich, dass hier jemand an die Öffentlichkeit tritt, der etwas zu sagen bzw. zu schreiben hat.
Das ist kein erfundenes Beispiel und keine Karikatur, sondern eine tatsächlich vor kurzem veröffentlichte Notiz zum ersten Gedichtband eines jungen Lyrikers, bei der ich nur den Namen des Autors durch N.N. ersetzt habe. Das Zitat bildet schon mehr als die Hälfte der ganzen Besprechung bei einem öffentlich-rechtlichen Sender. Daß es sich um eine schlechte Kritik handelt, läßt sich beweisen. Die von mir zitierte größere Hälfte enthält weder Argumente noch Beweise, sondern nur Behauptungen, eigentlich nur die eine, daß dieses Buch besser ist als die meisten anderen. Der Großteil des Texts gibt die Gefühle und Überlegungen des Besprechers wider, der von den vielen Büchern erschlagen – in meiner Sicht, ich sags frei heraus: überfordert ist und nun anscheinend eins der seltenen guten oder verständlichen Bücher gefunden hat. Aber was für ein Bild von den Lesern oder Zuhörern haben Schreiber und Sender, wenn sie eine starke Behauptung senden ohne auch nur den Ansatz eines Beweises? Ich kenne mich aus und sags euch? Unser Sender ist das Beste am Westen und ihr könnt uns vertrauen?
Das wird im restlichen Teil der Besprechung nicht anders. Ich rücke auch ihn komplett ein:
Herr N. schreibt nämlich Gedichte, die in ihrem sprachlichen Ausdruck bestechen, die einleuchtende Bilder transportieren und schlüssige Metaphern, und die Inhalte wiedergeben, die nachvollziehbar sind und durchaus auch etwas über die Person verraten, die sie verfasst hat. Es ist eine sensible Poetik, die sich sehr mit der eigenen Existenz beschäftigt und all ihren möglichen finsteren und verlorenen Zuständen. Gedichte über die „kalte spur der stille“, über den „hauch von unbekannt verzogen“ und über das „verlangen nach den leeren räumen“. Großartige junge Dichtung – den Namen dieses Autors sollte man sich merken.
Zu der Hauptbehauptung kommen hier Nebenbehauptungen: bestechender „sprachlicher Ausdruck“, nachvollziehbare „Inhalte“, „sensible Poetik“. Sehen wir von der fragwürdigen Ästhetik dahinter ab – der Besprecher hat gewiß studiert und Differenzierteres über „Inhalt“ und „Form“, Ausdruck, Darstellung oder Struktur gehört. Es folgen in einem Satz drei Zitate ohne Bezug zu einer erkennbaren Argumentation. Das ist großartige junge Dichtung, weil ich es euch sage, so die einzige Aussage. Das alles ist dünn und fragwürdig, aber am schlimmsten ist der Appell an niedere Instinkte als uninformiert und manipulierbar gedachter Leser. Schenkelklatschender Beifall, zustimmendes Gegröle – so sehen Verfasser und Sender solcher „Rezension“ genannter Texte ihre Zuhörer / Leser. Die schlimmste Stelle dieses an schlimmen Stellen reichen Textes sei noch einmal zitiert:
Möge der Mantel des Verschweigens all diese Wirr-Werke für immer zudecken und möge 2014 mehr Verständliches bringen.
So weit so schlecht. – Woher nimmt der Besprecher die Autorität seines Urteils? Nun, das ist einfach. Der besprochene Autor hat einen bedeutenden Preis gewonnen und wurde aus berufeneren Mündern als dem des Radiobesprechers gelobt. Ein halbes Jahr früher schrieb ein renommierter Kritiker in einer Berliner Tageszeitung über dasselbe Buch. Seine Rezension scheint die Quelle dieser Besprecheraussage:
Es ist eine sensible Poetik, die sich sehr mit der eigenen Existenz beschäftigt und all ihren möglichen finsteren und verlorenen Zuständen.
Der berufene Kritiker, einer der bedeutendsten, einer aus der sehr kleinen Schar der professionellen Lyrikkritiker des Landes, drückt das differenzierter aus:
N.N.s Gedichtband „XY“ erzählt von der permanenten Abwesenheit des Subjekts, von seiner Sehnsucht nach Existenzzuständen, in denen das Ich in einen „anderen Zustand“ gelangt und – so formuliert es der Autor in einer Notiz – endlich in der „untersten vulkanischen Tiefe der Existenz“ ankommt.
Der schlechte Kritiker verfährt nach bewährtem Rezept, indem er mehrfach überregional belobte Dichter auch lobt und alle andern pauschal abwertet. Die beiden Rezensionen haben nichts gemein, außer daß sie sich auf den gleichen Band beziehen (und der zweite sich am ersten orientiert). Der gute Kritiker arbeitet professionell, er ist belesen und versteht sein Handwerk – natürlich. Er beschreibt den Platz des lyrischen Subjekts unter Bezug auf Kategorien und Textstellen, das Verhältnis von Narration und Monolog, und wenn er ihn bemerkenswert nennt, hat er im Detail gezeigt, was damit gemeint ist. Man muß nicht seiner Meinung sein – gerade weil er nachvollziehbare Argumente anbringt, kann der Leser zustimmen oder dagegenhalten.
Aber es gibt noch eine Gemeinsamkeit mit dem Text des schlechten Kritikers. Auch in seiner detaillierten Kritik wird die Denk- bzw. Darstellungsfigur der Differenzqualität genutzt.
Der 1980 im nordrhein-westfälischen Meerbusch geborene und heute in der Schweiz lebende N.N. ist eine Ausnahmegestalt unter den jüngeren Lyrikern, die meist eine sprachexperimentelle Neuausrichtung ihrer Gattung anstreben. N. dagegen bekennt sich zu einer Poesie der „Dringlichkeit“, die primär die unsichere Kontur und Selbstwahrnehmung des Ich in den Blick nimmt, seinen Standort in der Verborgenheit „abseits der Dinge“.
Doch ist das Gleiche auch hier nicht Dasselbe. Dieser Kritiker behauptet nicht die Singularität des besprochenen Buches, sondern legt Argumente vor und gibt eine Lesart in Bezug auf verschiedene Gedichttypen. Kritiker A informiert und macht den Leser zum Mitarbeiter, Kritiker B disqualifiziert nicht nur die graue Masse der „Wirrlyriker“, sondern durch die unqualifizierte Art seines Lobes auch den Gelobten. A spricht zu mündigen Lesern, B zum Bauchgefühl der Uninformierten. Kritik B ist ein (öffentlich-rechtliches) Ärgernis. Würde ein so wenig kundiger Kritiker eine Opernaufführung in Bayreuth, Düsseldorf oder München abwatschen, hätte die Redaktion das akzeptiert? Es wäre ein Skandal. Und bei der Lyrik? Stört es vielleicht weniger, weil jeder, der die Bände der neuen Lyrik nicht liest, schon mal davon gehört hat, daß die Lyrik heutzutage unverständlich und schlecht ist? In einer gestern intern geführten Debatte sagte eine Autorin: „Unqualifizierte Rezensionen sind eine Zumutung und respektlos, so einfach ist das.“ So einfach ist das wirklich.
Nachschlag
Vielleicht ist alles auch noch einfacher. Vielleicht hat der Radiokritiker bloß einen anderen Auftrag. Er war nämlich gestern schon Gegenstand einer L&Poe-Nachricht und einer intern bleibenden Debatte. Matthias Ehlers, so heißt der Autor des Radiosenders WDR 5, lobte dort Peggy Neidels und hier, ein paar Wochen früher, Levin Westermanns erstes Buch. (Bibliographische Angaben und Links unten).
Beide von ihm Gelobten sind jung, beide sind Nordrhein-Westfalen*. Sonst nichts. Will sagen, der Sender erfüllt eben einfach seinen kulturpolitischen Auftrag, Leute von uns hervorzuheben. Im Südwesten oder Nordosten die Partnersender haben dementsprechend andere Hierarchien und heben die südwestlichen und nordöstlichen Dichter hoch. Die Kabelbetreiber haben ja sowieso die Verbreitung der Dritten weitgehend eingeschränkt; vielleicht sollte man das radikalisieren, um weitere Mißverständnisse und weiteres Wutvergießen zu vermeiden?
* die geborene Zwickauerin Peggy Neidel studierte in Düsseldorf, war Literaturclub-Mitgründerin in Düsseldorf, jetzt Berlin
Zusatz
Daß der WDR Gedichte junger und alter Dichter sendet, ist höchst löblich. Warum trauen sie sich nicht, sie kommentarlos zu senden?
Literaturhinweise
Doch entsprangen seinen nächtlichen Studien zunächst vor allem lateinische Gedichte im Stil der Erotica Catulls und Tibulls, die Piccolomini später selbst vom Markt zu nehmen versuchte. Am bedeutendsten darunter ist die Novelle mit dem Titel «De duobus amantibus historia», die Geschichte der zwei Liebenden Euryalus und Lucretia, in der Piccolomini weder für noch gegen eine Leidenschaft, weder für noch gegen eine moralische Lösung eintritt, sondern soziale Ausweglosigkeit schildert.
(…) Ein Aufenthalt in Schottland zu wissenschaftlichen Studien brachte neben seriösen Beobachtungen auch naturkundliche und anthropologische Erkenntnisse, wie sie in Caesars Bericht über seinen Britannien-Aufenthalt hätten stehen können: «Die Männer sind klein und wild, die Frauen hellhäutig, anmutig und äusserst lüstern.» / Hans-Albrecht Koch, NZZ
Wen vertritt Rez.? Den Leser? Das Volk? Die Literatur? Den Sender? Es wird nicht immer klar. Meine Rand-, Zwischenbemerkungen wollen nicht kritisieren, sondern verstehen. Deshalb endet jeder (Teil-)Satz mit Fragezeichen.
Rez. hat eine interessante Zeile gefunden – d.h. eine, die er verstanden hat? und vielleicht mehr?:
Peggy Neidel weckte das Interesse des Rezensenten
(er wollte es eigentlich nicht machen, oder sollte er, „du weißt schon, junge Lyrik“, er interessiert sich eigentlich nicht für Lyrik? nicht für neue Lyrik? Er war uninteressiert bis er diese Zeile las? Um einer Zeile willen soll das Werk gerettet werden?)
weckte das Interesse des Rezensenten nach dem Genuss folgender Verse: „dein mund macht mir falten, deine Hände erkälten mich, bisher war zwischen uns überhaupt kein Gefühl, heute ändert sich das“
Vielleicht nicht aufregend, aber doch „gut“ und „wert“? Immerhin war Genuss im Spiel? Wenn auch nachträglich?:
Das klingt nicht spektakulär, aber gut und war es wert weiter in „weiß“, dem ersten Lyrikband der Zwickauerin, zu lesen.
„Darin“ lesen, nicht es ganz, einmal, zweimal, zu lesen? – Daß es ihr erster ist, bringt ihn in eine überlegene Position? Schließlich ist es nicht seine erste Rezension? Oder wenigstens nicht erste Lyrik-, erste Junglyrikrezension? Nicht daß jetzt alles gut ist –?:
Nach der Lektüre bleibt festzustellen: Frau Neidel hat sich noch nicht so ganz entschieden,
Rez. hat zuende gelesen? Und fand nämlich daß keineswegs alle Verse wert und gut waren? aber es gibt Hoffnung?, daß, also ob?
ob sie ihre empfundene Gegenwart in ganzwegs kryptische Worte fassen will, oder in halbwegs klare.
Ganzwegs kryptisch ist noch eine andere Qualität als halbwegs kryptisch? Geht es auch umgedreht, halbwegs kryptische oder ganzwegs klare? Ganzwegs klare wär ihm lieber, aber er bekommt sie nicht? – Rez. wendet sich nun ins Allgemeine, ist er belesen? Er unterscheidet zwischen Dichtern und Dichterinnen älterer Herkunft, die er versteht? oder wenigstens halbwegs? Enzensberger, Krüger, Elke Erb schreiben halbwegs klare „Worte“? Ein Teil der von jüngerer Herkunft auch, aber immer öfter nicht? Gewiß, er will die Novizin vor schlechter Gesellschaft warnen?
Befürchtend, dass immer mehr Dichter oder Dichterinnen jüngerer Herkunft glauben, dass es uncool sei, wenn sie von mehreren Menschen verstanden werden,
Rez. meint es halbwegs gut, er kann diese junge Frau vielleicht noch retten? Immerhin sind ihre Empfindungen, woher kennt er die nur? Schilderungswert? Hat er sie demnach doch halbwegs verstanden? Nein, er muß sie, die – puren? – Empfindungen? von vor der dichterischen Verarbeitung kennen, denn? wenn sie die durchaus schilderungswerten, sagt er? Empfindungen lyrisch verarbeiten will, aus welchem Mustopf hat er nur seinen Literaturbegriff*? dann müßte sie sie, er rät freundlich? dann würde er sie ganz verstehen? Wird das eine Romanze?
sei dieser jungen Frau von Renzensentenseite freundlich geraten, ihre schilderungswerten Empfindungen, so sie die lyrisch verarbeiten will, allesamt in verständliche Verse zu packen.
Denn den Rezensenten? jedenfalls den wohlmeinenden? nicht halbwegs sondern insgesamt glücklich zu machen, wie es Enzensberger & Erb schon jetzt tun? ist die eigentliche Aufgabe der Literatur?jedenfalls der verständlichen?
Die lassen den wohlmeinenden Rezipienten dann insgesamt glücklich zurück, weil er alles verstanden hat. Ein Anfang ist bei Peggy Neidel schon gemacht.
Eine Rezension von Matthias Ehlers
(Hier im Zitat der komplette Text beim WDR)
Was wäre dem hinzuzufügen? Ich überlasse das letzte Wort zwei Altmeistern.
Eigentlich lernen wir nur aus Büchern, die wir nicht beurteilen können. Der Autor eines Buches, das wir beurteilen können, müsste von uns lernen.
Johann Wolfgang von Goethe
… der allgemein verbreitete Irrtum beim Leser ist, weil er lesen kann, könnte er auch jedes Buch lesen, sehen Sie, in der Musik wird das niemandem einfallen, wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege, wird er gern zugeben, daß er nichts, auch gar nichts davon versteht, aber bei einem Buch die Buchstaben sind jedem geläufig, auch einzelne Worte, und so meint jeder, daß er ohne weiteres lesen und vielleicht gar auch schreiben könne, das ist aber ein Irrtum, denn auch in diesem Falle hat sich eben der Fachmann so weit von dem rohen Laien entfernt, daß, das gebe ich Ihnen gerne zu, eine Annäherung da schwer möglich ist, allerdings wenn eine solche Annäherung stattzufinden hat, dann hat sie nicht von der Seite des Künstlers herzukommen, Kunst dem Volke, sondern das Volk, jedermann, hat sich gefälligst zur Kunst hinzubemühen.“
Arno Schmidt **
*) Alles Lyrische muß im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein bißchen unvernünftig sein. (Goethe)
**) Man muß nur statt „Leser“ und „Volk“ „Rez.“ einsetzen, und man wird verstehen, was Arno Schmidt meinte. M.G.
Jetzt ohne Fragezeichen: Rez. sollte seine Hausaufgaben machen, bevor er rezensiert. Also lesen lernen, Goethe hat 80 Jahre gebraucht, man muß es ja nicht übertreiben, ich finde es nicht übertrieben, sich selbst zu verordnen, 100 Bücher gelesen und verarbeitet zu haben bevor man eins rezensiert. Ich sprach von 100 Lyrikbänden! Dann reden wir weiter.
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