92. Serhij Zhadan über die Ukraine

Der Schriftsteller Serhij Zhadan hat auf dem Maidan gekämpft und gegen Putin polemisiert. Im Interview spricht er über den vermeintlichen Rechtsruck und die Zensur russischer Kunst in der Ukraine.

SPIEGEL ONLINE: War die Ukraine den ethnisch russischen Bürgern gegenüber tolerant genug?

Zhadan: Das hört sich so an, als hätte die ukrainische Regierung nur aus ethnischen Ukrainern bestanden und die ethnischen Russen unter Ghettobedingungen gelebt. Und als wären die ethnischen Ukrainer und die ethnischen Russen bis vor Kurzem strikt voneinander getrennt gewesen. Die Ukraine ist ein multiethnisches Land, in der Ukraine herrscht de facto Zweisprachigkeit. Ganz zu schweigen von der medialen Landschaft und vom Büchermarkt, auf dem russischsprachige Medien und Verlage eindeutig dominieren. (…)

SPIEGEL ONLINE: Werden denn ukrainische Literaten, die auf Russisch schreiben, akzeptiert?

Zhadan: Selbstverständlich. Für viele Ukrainer ist Russisch die Muttersprache. Und so gibt es eine Menge interessanter Lyriker und Prosaautoren, die auf Russisch schreiben, zum Beispiel Andrej Kurkow, Alexander Kabanow und Boris Chersonskij, um nur einige zu nennen. Sie sind Teil unserer literarischen Landschaft, ohne sie würde unser kultureller Raum seine Vielfalt verlieren. (…)

SPIEGEL ONLINE: Von westlichen Linken kommt immer wieder der Vorwurf, es seien zu viele Faschisten dabei…

Zhadan: Die westlichen Linken haben meiner Meinung nach ein Terminologieproblem: Faschisten sind diejenigen, die in ihrem Land einen Personenkult installieren und sich gegenüber anderen Ländern aggressiv verhalten. In der Ukraine gibt es weder eine Diktatur, noch Rassismus, noch staatlichen Nationalismus – und behaupten Sie ja nicht das Gegenteil. Im ukrainischen Parlament sitzen weniger Rechte als im Europaparlament. / Spiegel Online

Serhij Zhadan, 1974 in der Nähe von Luhansk geboren, hat sich mit seiner Lyrik und Prosa zur stärksten Stimme der jungen ukrainischen Literatur entwickelt. Im Juli erhielt er für seinen Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ den Literaturpreis „Brücke Berlin“.

91. Kleine Schwester

Auch den Preis der „Hotlist“ [der unabhängigen Verlage] haben bisher noch immer Erzählbände oder Romane erhalten. Das Auswahl-Gremium macht die „Hotlist“ damit stärker zur kleinen Schwester des auf Massenerfolg schielenden Deutschen Buchpreises, als unbedingt nötig wäre. Derart eigensinnige Verlagsprojekte wie die Poesieveröffentlichungen der „Edition Korrespondenzen“ oder die Sachbuchreihen von „Orange Press“ finden sich in dieser mittleren Tonlage kaum angemessen repräsentiert.

Wobei natürlich grundsätzlich fraglich ist, wie die Welt der kleinen unabhängigen Verlage angemessen zu vertreten wäre. Vielfalt lässt sich kaum ohne Verluste über einen Kamm scheren, die Vermarktung als „Indie“-Projekt ist eben auch nur eine Vermarktung. Bei der „Hotlist“ wie bei jedem Buchpreis geht es um Öffentlichkeit, und jedes Gremium wäre schlecht beraten, dabei ganz und gar zu ignorieren, welche Chancen ein Titel bei den Lesern hat. Auf der Webseite der „Hotlist“ ist in diesem Jahr zu lernen, dass der realistischen Prosa auch bei diesem Wettbewerb am meisten zugetraut wird. / FLORIAN KESSLER, Süddeutsche Zeitung 22.7.

90. American Life in Poetry: Column 485

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

No ideas but in things, said one of my favorite poets, William Carlos Williams, and here’s a fine poem by Maryann Corbett of St. Paul, Minnesota, about turning up one small object loaded with meaning.

Finding the Lego

You find it when you’re tearing up your life,
trying to make some sense of the old messes,
moving dressers, peering under beds.
Almost lost in cat hair and in cobwebs,
in dust you vaguely know was once your skin,
it shows up, isolated, fragmentary.
A tidy little solid. Tractable.
Knobbed to be fitted in a lock-step pattern
with others. Plastic: red or blue or yellow.
Out of the dark, undamaged, there it is,
as bright and primary colored and foursquare
as the family with two parents and two children
who moved in twenty years ago in a dream.
It makes no allowances, concedes no failures,
admits no knowledge of a little girl
who glared through tears, rubbing her slapped cheek.
Rigidity is its essential trait.
Likely as not, you leave it where it was.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Maryann Corbett, from her most recent book of poems, Credo for the Checkout Line in Winter, Able Muse Press, 2013. Poem reprinted by permission of Maryann Corbett and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

89. Polish Punk, Reggae and Yiddishkeit

Like Pedaya, but in a very different way, German journalist and music aficionado Alexander Pehlemann finds in Krakow, and in Poland in general, a way to access the musical feature of the Polish longing for the extinguished Jewish culture. Pehlemann, the editor of the Leipzig-based magazine ZONIC, gave a lecture at the festival on „black Judaism“ and on the link between Jamaican reggae and the Biblical Babylon and the Polish punk scene, which even under the restrictive communist regime had the courage to explore Jewish elements of a community that was sent to the gas chambers.

„For years, Polish punk has been inextricably linked to reggae, for religious as well as social reasons having to do with resistance against the regime,“ Pehlemann says. „That is what led the punk scene to delve into Jewish culture. Beyond the punk tendency to provoke and to always adopt the one thing that annoys people most, there is something about this genre that is enormously drawn to cultural clashes, and what is Poland if not a clash between Poles and Jews?“

Pehlemann recalls a performance by the poet Slawomir Golaszewski and his band Catharsis at one of the big underground festivals in Warsaw in 1985, back in the communist era.

„At that show, Golaszewski and his band performed a reggae version of a Jewish prayer. He claimed it was the first time since the war that someone in Poland addressed Jewish culture in any way,“ he said. / Israel Hayom

88. Schluß mit Lyrik

Ein historisches Beispiel:

Puschkin – noch ganz Romantiker – begründete seinen Ruhm noch mit Poemen, Gedichten, mit Lyrik, und begann erst am Schluss seines Lebens, in Prosa zu schreiben. Lermontow feierte seine Erfolge ebenfalls noch mit Lyrik, ging aber sehr bald zu einer Prosa über, die schon Züge des Realismus trägt. Und Gogol feierte seinen einzigen, dafür aber großen Misserfolg mit seiner ersten Veröffentlichung, der Versidylle Hans Küchelgarten (1829). Er verbrannte die Reste der Auflage und „flüchtete“ nach Lübeck, Travemünde und Hamburg. Nie wieder versuchte er sich an der Lyrik; er wurde zum Begründer eines „fantastischen“, eines grotesken Realismus, der bis in unsere heutigen Tage zu einem Spezifikum der russischen Literatur geblieben ist.

Dieser Weg zum Realismus und zur Prosa ist – in dieser russischen Erzählung – aber auch der Weg zum „russischen Volkscharakter“:

Der religiös geprägte Gogol war maßgeblich an dieser „Selbstfindung“ beteiligt, wenn nicht gar ihr Protagonist. Er sah in Sankt Petersburg mit seinem Hofstaat das verkörpert, was er aus tiefster Seele verabscheute: den westlichen Individualismus mit seiner Oberflächlichkeit, die Gier nach Geld und Macht, Korruption, den Geiz, Gottlosigkeit, schlicht das Fehlen jeder gottverbundenen Menschlichkeit. Dieser Welt stellte er den Glauben an die tief im russischen Menschen (und darunter ist der russische Bauer zu verstehen, denn abgesehen von Moskau und eben St. Petersburg gab es in Russland fast nur Landbevölkerung) verwurzelte Frömmigkeit und Gottergebenheit und an dessen Liebe zu „Mütterchen Russland“ gegenüber. (…) Diese Überzeugung brachte in Verbindung mit der offensichtlichen Liebe des Bauern zu seinem „Mütterchen“ den Begriff der „Russischen Seele“ hervor, eine Art Nationalgeist, wie ihn schon der in Russland sehr verehrte deutsche Romantiker Friedrich Schelling für eine Nation entwickelt hatte. Von dieser Vorstellung war es nur noch ein kleiner Schritt zum Empfinden, dass das russische Volk einen eigenen Weg gehen müsse, unabhängig von den Regeln und Überzeugungen des Westens. Der Grundgedanke der Slawophilen war geboren und in den vierziger Jahren fanden sie sich auch als Gruppe zusammen. (…) Zwangsläufig wurde und blieb er bis heute auch Streitobjekt zwischen Westlern und Slawophilen; so ist unter anderem die Renaissance zu erklären, die er im heutigen Russland erlebt.

Zur Herkunft:

Nikolaj Wassiljewitsch Gogol entstammt einer ukrainisch-polnischen Gutsbesitzersfamilie, die eigentlich Janowskij hieß, und kam am 20. März jul / 1. April greg 1809 im ukrainischen Gouvernement Poltawa zur Welt; den Namen Gogol (dt. Schellente) legte sich die Familie 1792 zu, um ihren (etwas fragwürdigen) Adelsstatus nach russischem Recht bestätigt zu bekommen. Sein Vater war ein „Heimatdichter“ und so wuchs Nikolaj mit ukrainischen Geschichten und Märchen, vor allem aber auch in einer sehr religiösen Familie auf; diese Religiosität hat sein ganzes Leben geprägt.

Quelle: russland.RU

87. Palaissommer

Lesenacht des Literaturforum Dresden in Kooperation mit dem Palaissommer

Ein Abend mit Dichtkunst, der inzwischen kaum mehr wegzudenken ist aus dem sommerlichen Kulturkalender der Landeshauptstadt. Ein kleines Fest der Poesie im Barockgarten des Japanischen Palais. Einer der Höhepunkte des alljährlich stattfindenden, eintrittsfreien (!) Palaissommers.

Palais. Poesie ist ein poetisches Sommervergnügen (bei jedem Wetter, notfalls mit Schirm und Regencape), bei dem Dichter dem wandelnden, sitzenden oder liegenden Zuhörern im Park des Japanischen Palais ihre neuesten Gedichte vortragen. Dazwischen gibt es Livemusik.

Musik: Central Boom and Space mit Winterberg (electronics) und Mario Faust (Trompete und Sitar) improvisieren live.

Die Autoren auf der Open Air Bühne:

Kerstin Becker, 1969 geboren, arbeitete als Schriftsetzerin und Friedhofsgärtnerin. Lebt seit 2001 als Lyrikerin, freie Lektorin und Autorin in Dresden. Zuletzt erschien ihr Gedichtband „Fasernackte Verse“, Verlag fixpoetry 2012. Finalistin beim Lyrikpreis Meran 2014.

Verica Trickovic, 1961 in Nerav (Mazedonien) geboren, Lyrikerin und Erzählerin. Lebt in Isernhagen bei Hannover. Bislang drei Gedichtbände, zuletzt: „Als rettete mich das Wort“, Leipziger Literaturverlag 2011.

Marcel Beyer, geboren 1965, lebt seit 1996 in Dresden. Mehrere Romane, Essaysammlungen, Gedichtbände und Libretti, zuletzt: „Kaltenburg“, Roman, Suhrkamp 2008, „Putins Briefkasten“, gesammelte Essays, Suhrkamp 2012 und „Karl May, Raum der Wahrheit“, Semperoper 2014.

Uwe Hübner, 1951 in Gelenau (Erzgebirge) geboren, lebt in Dresden. Arbeitete u.a. als Bibliothekshelfer, Galerist und Maschinist. Autor experimenteller Filme (1982-83), 1986 Text und Regie zur Kammeroper „Monolog des G.“, Dresdner Musikfestspiele 1986. Zuletzt erschienen: „Jäger. Gejagte“, Reihe Neue Lyrik der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, Verlag Poetenladen 2013.

Patrick Wilden, geboren 1973 in Paderborn, studierte Geschichte in Tübingen, Verlagsvolontariat in Stuttgart. Lyriker und Kolumnist, u.a. für das Onlinemagazin „Kultura extra“. Zuletzt: Gedichte in „Versnetze“, Verlag Ralf Liebe. Erhielt 2000 den Würth-Literaturpreis. Lebt und arbeitet als Antiquar in Dresden und Leipzig.

Programmpartner: Literaturforum Dresden e.V.

  • Mittwoch, 13. August
    um 21:00
  • Palaisplatz 11, Park Japanisches Palais, 01097 Dresden

86. Prachtvolle Mitternacht

»Prachtvolle Mitternacht« (Schöffling & Co. 2013) – wer die Droge dieser Gedichte zu sich nimmt, wird ihren narkotischen Sog, den heitermelancholischen Bann nie verlassen können: »in der Salbung genannten Nacht. blau / und silbern schlägt sie auf unsere Augen hernieder. / und so versprechen wir gern, / aus unseren Mördern niemals wieder / Herzen zu machen« (Winkler: Gesang der Feen). / Paul-Henri Campbell, dasgedichtblog

85. American Life in Poetry: Column 484

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’m especially fond of sparklers because they were among the very few fireworks we could obtain in Iowa when I was a boy. And also because in 2004 we set off the fire alarm system at the Willard Hotel in Washington by lighting a few to celebrate my inauguration as poet laureate. Here’s Barbara Crooker, of Pennsylvania, also looking back.

Sparklers

We’re writing our names with sizzles of light
to celebrate the fourth. I use the loops of cursive,
make a big B like the sloping hills on the west side
of the lake. The rest, little a, r, one small b,
spit and fizz as they scratch the night. On the side
of the shack where we bought them, a handmade sign:
Trailer Full of Sparkles Ahead, and I imagine crazy
chrysanthemums, wheels of fire, glitter bouncing
off metal walls. Here, we keep tracing in tiny
pyrotechnics the letters we were given at birth,
branding them on the air. And though my mother’s
name has been erased now, I write it, too:
a big swooping I, a hissing s, an a that sighs
like her last breath, and then I ring
belle, belle, belle in the sulphuric smoky dark.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Barbara Crooker from her most recent book of poems, Gold, Cascade Books, 2013. Poem reprinted by permission of Barbara Crooker and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

84. Herausragende Übersetzungen

Der Paul-Celan-Preis für herausragende Übersetzungen ins Deutsche geht in diesem Jahr an Gerhard Meier.

Das teilte der Deutsche Literaturfonds am Freitag in Darmstadt mit. Meier werde für seine zahlreichen Übersetzungen aus dem Französischen und Türkischen ausgezeichnet. Besonders würdigte die Jury seine sechs Übersetzungen der Werke von Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Darin sei es dem Übersetzer auf bewundernswerte Weise gelungen, die stilistische Eleganz des türkischen Autors auch im Deutschen zu wahren, lautet die Begründung.

83. Preise für alle

Unser beliebter Preise-für-alle-Preis geht an jeden Autor, der nie einen Preis gewann oder wenigstens auf die Shortlist kam. Aber jetzt erfinden sie einen Preis für jemand, der schon alle Preise bekommen hat. Wie soll er heißen? Amos-Oz-Preis lautet ein Vorschlag. Oz, für einige die Stimme der israelischen Literatur, erhielt den Brennerpreis, den Bernsteinpreis, den Bialikpreis, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, den Prix Femina, den Israel-, Ovid-, Goethe-, Wingate-, Jerusalem-Agnon-, Primo-Levi-, Heinrich-Heine- und Franz-Kafka-Preis. Um nur einige zu nennen. 2014 bekam er bislang den Jüdischen Nationalen Buchpreis, eine Auszeichnung durch den spanischen König und ein Honorardoktorat vom Trinitycollege.

Mit einigen dieser Preise ist richtig Geld verbunden, und internationales Profil und gute Übersetzbarkeit sprechen dafür, daß er sein Auskommen hat. Warum also geht der zum erstenmal verliehene Siegfried-Lenz-Preis in Höhe von € 50.000 auch an Amos Oz? Wem nützt das? Antworten an Times Literary Supplement. Aber bitte schnell, bevor er auch noch den Impac- (€ 100.000), den Dorothy and Lillian Gish- ($ 300.000), den Astrid-Lindgren- ($ 700.000) und den Nobelpreis bekommt (Nullen sind uns ausgegangen). / TLS 25.6., S. 32.

82. American Life in Poetry: Column 483

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

The poems of Leo Dangel, who lives in South Dakota, are known for their clarity and artful understatement. Here he humbly honors the memory of one moment of deep intimacy between a mother and her son.

In Memoriam

In the early afternoon my mother
was doing the dishes. I climbed
onto the kitchen table, I suppose
to play, and fell asleep there.
I was drowsy and awake, though,
as she lifted me up, carried me
on her arms into the living room,
and placed me on the davenport,
but I pretended to be asleep
the whole time, enjoying the luxury—
I was too big for such a privilege
and just old enough to form
my only memory of her carrying me.
She’s still moving me to a softer place.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Leo Dangel from his most recent book of poems, Saving Singletrees, WSC Press, 2013. Poem reprinted by permission of Leo Dangel and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

81. Ode an die zwei Brötchen

B[ernhard] K[laus] Tragelehn

Ode an die zwei Brötchen
Für Ch.K.

Sättigende! Billige! Fünf Pfennig das Stück.
Ihr vom Erlös der leeren Milchflaschen
Erschwinglichen! Ihr
In der rauen Zeit vor Honorarempfang
Treuen! Braune, knusprige, innen
weiche und weiße! Erhaltend
Zum Dichten den Dichter:
Euch zu loben, Bescheidene! Nützliche!
Vereinigen sich:
Darm, Gaumen, Brieftasche
Knurrend.

So war das 1961 im Staat DDR. Nicht nur Heiner Müller konnte so sein Leben fristen. Das war eins der Gedichte, die Stephan Hermlin für eine Lesung in der Ostberliner Akademie der Künste aus unveröffentlichten Texten junger Autoren auswählte und vortrug. Ein Auftritt mit Folgen. Wolf Biermann, Volker Braun, Sarah und Rainer Kirsch, Karl Mickel, Bernd Jentzsch, Kurt Bartsch und andere traten an diesem Dezembertag in die Literatur ein. Stephan Hermlin verlor seinen Posten als Sekretär der DDR-Akademie und die Lyrikwelle war geboren, die Mutter der später so genannten „Sächsischen Dichterschule“. Hier ein Radiofeature mit dem Manuskript als Pdf.

80. Poetische Kostbarkeit

(Lyrikzeitung goes Müllhalde)

Gedichtet wird immer, erst recht in Krisenzeiten. Viel schlimme Lyrik beim pro-/neu-/groß-/altrussischen Forum „Наша Одна Родина“ (Unsere Eine Heimat – gemeint ist ein mit den abgefallenen Staaten der Sowjetunion wiedervereinigtes Rußland, für die mit Krim und „Neurußland“ ein Anfang gemacht ist – „Russischer Frühling“ nennen sie das in einer mich pervers anmutenden Wendung). Sie reden sich ein, eine „faschistische Junta“ zu bekämpfen, haben aber kein Problem damit, daß die Rechtsradikalen des Westens (auch die NPD) mit ihnen sympathisieren, daß Söldner aus rechtsradikalen Milieus wie dieser „Freiwillige aus Norwegen“ (bei Falangeeurasia) sich ihnen anschließen. Auch nicht mit täglöichen antisemitischen Ausfällen. Wie bei diesem wackeren (formal nicht einmal ungeschickten) Dichterling.

Michail Aleksanjan heißt er und dichtet eine Art Zauberspruch:

für die judafaschisten wirds eng
und enger und enger
abrakadabra dummkopf obama

жидофашистом меньше стало
а будет больше их меньше
абракадабра дурака барака

zhidofashistom men’she stalo
a budet bol’she ikh men’she
abrakadabra duraka baraka

Übersetzung von Bing: Židofašistom weniger geworden und werden mehr weniger Abracadabra Narr Barack

Variiert bei Google:

zhidofashistom wurde weniger
und sie werden mehr als
Abrakadabra Narr Kaserne

Wer das für unerheblich hält möge bedenken, daß die nationalistischen Verse des ersten Weltkriegs für uns eine zeitgeschichtliche Quelle darstellen. Warum nicht gleich mitlesen?

79. Poetopie

nachts, wenn alles ruhig ist, dröhnt in deinem Kopf der Krieg

Hansjürgen Bulkowski

78. Trakl

Zwei Zitate aus einer Rezension von Fritz J. Raddatz:

Auch Widerlinge haben manchmal recht. Also sprach Martin Heidegger: „Das lyrische Werk Trakls ist ein einziges großes Gedicht.“

Schon das vermutlich früheste Gedicht (fast keines ist exakt datiert) schlägt den lastenden Akkord an. Der Moll-Vokal A – der dann im fiebrigen Farbenrausch dieser Lyrik wie von Wellen getragen umspült wird – ist im Gedicht „Die Raben“ bereits Warn- und Weckruf: „Über den schwarzen Winkel hasten / Am Mittag die Raben mit hartem Schrei. / Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei / Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.“ Wir lesen bei dem protestantisch getauften Salzburger Bürgersohn eine hoch auflodernde Gegenpredigt (gelegentlich durchaus an Rilke erinnernd, der einmal bewundernd fragte „Wer mag dieser Trakl sein?“), immer eines Gottes – und seiner Boten, der Engel – gewärtig, der Erlösung nicht bieten kann den Gepeinigten dieses Jammertals: „An des Einsamen elfenbeinerner Schläfe erscheint der Abglanz gefallener Engel … Aus grauen Zimmern treten Engel mit kotgefleckten Flügeln. Würmer tropfen von ihren vergilbten Lidern.“ / Die Welt

Rüdiger Görner: Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme. Zsolnay, Wien. 352 S., 24,90 €.