Valeria Nowodworskaja, die rebellische russische Aktivistin und Autorin, die am 12. Juli in Moskau starb, war im Ausland praktisch unbekannt und zu Hause von skandalnudelhafter Bekanntheit. Gegner verspotteten sie, oft mit krude misogynen Tönen, als wahnsinnige russenhassende Hexe; selbst für viele Verbündete war sie peinlich, eine lächerliche alte Frau, die das Vorurteil bestärkte, die marginalisierte liberale Opposition sei verrückt. Im Tode wurde sie von ebender Opposition schnell geradezu heiliggesprochen. Viele sagten, sie verstünden erst jetzt, welche große Seele da in ihrer Mitte gelebt hatte. „Was wir nur flüsterten, sagte sie laut heraus“, schrieb der frühere Tycoon und politische Häftling Michail Chodorkowski. „Was wir bereit waren hinzunehmen lehnte sie ab.“ (…)
Es liegt Symbolik darin, daß, wie der russisch-ukrainische Kommentator Vitali Portnikow sagte, Nowodworskaja in dem Augenblick starb, als das Regime Putins sich völlig als der Gangsterstaat entpuppte, von dem sie immer sprach. Einige betrauern ihren Tod als Ende einer Ära und Hinscheiden des „letzten Dissidenten“. Andere sahen in ihrem Leben die Verkörperung unbesiegter Freiheit und hofften, ihr Tod würde andere Kämpfer inspirieren. Ein weitverbreiteter Tweet (fälschlich der populären Sängerin Alla Pugatschowa zugeschrieben) lautete: „Wenn eine Million Menschen in Moskau zu ihrer Beerdigung gehen und nicht wieder weggehen, ist Putin erledigt. Kommt, Russen!“ Das ist nicht geschehen; aber genug Junge und Alte kamen, um sich von dieser einzigartigen Frau zu verabschieden, standen Stunden in der drückenden Sonne und bewahrten den Glauben an ihren Geist. Als ihr Sarg das Sacharowzentrum verließ, sang die Menge: “Heroes do not die.” / Cathy Young, Real Clear Politics
Peter Hacks
Auf die Spaltung der linken Zeitschrift „Sklaven“ in die linken Zeitschriften „Sklaven“ und „Sklaven Aufstand“
Wer untergehen will, muß sich entzwein.
Der Schwache ist am sterblichsten allein.
In: Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 1998, S. 324.
Anmerkung:
Die Überschrift besagt nicht, daß der Dichter Peter Hacks nur einmal irrte; denn auch der Dichter ist nur humanum. Es bezieht sich ausschließlich auf einen einzigen hier dokumentierten Vorgang, insofern der überprüfbar ist.
Die SKLAVEN (erschienen zwischen Mai 1994 und Mai 1999) wurden mit der Nummer 50 eingestellt. Parallel wurden 1998 neun Ausgaben SKLAVEN AUFSTAND (Hefte 44/45, 46, 47/48, 49, 50, 51, 52, 53, 54/55) infolge der Spaltung nach Heft 43 bei Petersen Press herausgegeben. Auf der Titelseite des Abschlußheftes DIE LETZTEN SKLAVEN (Juni-September 1999) wird der Übergang der SKLAVEN zum GEGNER erklärt.
Oktober 1999: Aus Sklaven werden Gegner. Von der Zeitschrift „Gegner“ erscheinen bis 2013 32 Hefte.
Ab März 2014 erscheint die Zeitschrift ABWÄRTS als Gemeinschaftsprojekt folgender Zeitschriften: Es beerbt die seligen Sklaven, den unregelmäßig erschienenen Nachfolger Gegner und integriert die floppy myriapoda (als „Subkommando für die freie Assoziation“), den politjournalistisch ausgerichteten telegraph, der dem katastrophalen Abbau ostdeutscher Ökonomie, Kultur und Identität seit 1989 – als Nachfolgeblatt der Ostberliner Umweltblätter – nachgeht, und den kulturpolitischen Almanach Zonic. Das neue literarisch-politische Periodikum wird ab März 2014 alle zwei Monate herausgegeben.
Gerade erschien Heft 3 von Abwärts. Die Zeitschrift bringt, was man in Baden-Württemberg mit Grundschauer Anarchosyndikalismus nennt, aber auch z.B. Gedichte (Elke Erb, Kai Pohl, Bert Papenfuß).
Wie man hört & hofft, wird zumindest Zonic trotzdem weiter bestehen.
Der mit 15.000 Euro dotierte Wolfram-von-Eschenbach-Preis des Bezirks Mittelfranken geht in diesem Jahr an den Lyriker und Dramatiker Gerhard Falkner. Drei weitere Franken erhalten Förderpreise.
Der 63 Jahre alte Gerhard Falkner wurde in Schwabach geboren und lebt heute in Weigendorf im Landkreis Amberg-Sulzbach und in Berlin. Falkner zählt zu den renommiertesten zeitgenössischen Lyrikern mit hohem nationalem und internationalem Ansehen. Er ist Träger der wichtigsten Literaturpreise und wurde mit herausragenden Stipendien bedacht. Falkner lebte nach abgeschlossener Buchhändlerlehre eine Zeitlang in London und fing Mitte der 70er-Jahre an, Gedichte und Prosa in Künstlerbüchern und Zeitschriften zu veröffentlichen.
Der Wolfram-von-Eschenbach-Preis des Bezirks Mittelfranken wird jedes Jahr an Persönlichkeiten verliehen, die durch Leben oder künstlerisches Wirken besonders mit Franken verbunden sind. Die Preisverleihung findet am 13. Oktober im Bürgersaal der Stadt Wolframs-Eschenbach statt. / BR
Hinter jedem großen Mann steht immer eine liebende Frau, sagte einst Pablo Picasso. Nadjeschda Mandelstam, Jelena Bulgakowa und Marina Malitsch – drei Frauen dreier großer sowjetischer Schriftsteller haben das bewiesen.
Von den achtzig Jahren ihres Lebens verbrachte Nadjeschda Chasina knappe zwanzig an der Seite von Ossip Mandelstam – bis zum Jahr 1938, als der große Dichter in einem Lager bei Wladiwostok ums Leben kam. Als sie von dem Tod ihres Mannes erfuhr, ergriff sie die Flucht. Aus Furcht vor einer Verhaftung wechselte sie zwanzig Jahre lang immer wieder ihren Wohnsitz zwischen Moskau und Zentralasien. Nadjeschda Chasina unterrichtete die englische Sprache und arbeitete an ihrer Dissertation. Und die ganze Zeit bewahrte sie in ihrem Gedächtnis ihren wertvollsten Schatz – einhundert Gedichte ihres Mannes. Um sich gegen eine mögliche Beschlagnahmung ihres Besitzes zu wappnen, lernte sie alle auswendig.
(…)
Im Jahr 1961 nahm ein junger Philologe mit der 67-jährigen Witwe von Michail Bulgakow Kontakt auf. Er hatte das Werk ihres Mannes studiert. Jelena Sergejewna begegnete dem Forscher anfangs mit Misstrauen, bald aber schon ließ sie ihn ein Romanmanuskript lesen, an dem Bulgakow in seinen letzten Lebensjahren gearbeitet hatte. Auf diese Weise wurde zwanzig Jahre nach dem Tod des Dichters sein Roman „Der Meister und Margarita“ neu entdeckt, der zu den Klassikern der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts werden sollte. Jelena hatte das Buch nach seinem Diktat getippt. „Margarita“ übrigens ist niemand anderes als sie selbst. (…)
Mit den Kinderversen von Daniil Charms wurde die ganze Sowjetunion groß. Ihr Autor jedoch, ein Lyriker und Prosaist, einer der ersten Vertreter der russischen absurden Literatur, Exzentriker und Geck, verhungerte in einem Irrenhaus im belagerten Leningrad. Keines seiner Werke für Erwachsene erschien zu seinen Lebzeiten. Bis zu seinem letzten Tag begleitete ihn seine Frau Marina Malitsch, deren Schicksal nicht minder fantastisch als die surrealen Erzählungen ihres Mannes war. / Georgi Manajew, RBTH
Bayerns Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle hat heute in München die bayerischen Kunstförderpreisträgerinnen und -preisträger 2014 in der Sparte Literatur bekannt gegeben. Die mit je 6.000 Euro dotierten Preise gehen an Kenah Cusanit aus Bayreuth für ihren ersten Gedichtband „aus Papier“ und an Manuel Niedermeier aus Regensburg für den Roman „Durch frühen Morgennebel“ (2014).
Der Bayerische Kunstförderpreis in der Sparte Literatur soll begabte Nachwuchsautoren und autorinnen auf ihrem eingeschlagenen Weg bestärken und sie zur weiteren schriftstellerischen Entwicklung ermutigen. Die Preisträger müssen durch literarische Veröffentlichungen hervorgetreten sein, in Bayern wohnen und dürfen höchstens 40 Jahre alt sein. Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle wird alle Bayerischen Kunstförderpreise, die auch in den Sparten Bildende Kunst, Darstellende Kunst sowie Musik und Tanz verliehen werden, am 3. November 2014 um 18.00 Uhr in der Hochschule für Fernsehen und Film in München überreichen.
Kenah Cusanit, geboren 1979, ist Anthropologin und Philologin. 2008 fing sie an, Gedichte und Essays zu veröffentlichen. Ihre Texte erscheinen in verschiedenen Zeitschriften – zuletzt EDIT, Bella triste, SPRITZ – und in der Anthologie „heute.gestern.morgen – Geschichten über den Stadtalltag“. Der Band „aus Papier“, erschienen 2014 beim hochroth Verlag Berlin, ist die erste eigenständige Publikation von Kenah Cusanit und versammelt 33 Prosagedicht-Miniaturen. Die Autorin erhielt bereits eine Reihe von Auszeichnungen, z. B. das Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg 2009, den Feldkircher Lyrikpreis 2010, das Stipendium der Prosa-Werkstatt des LCB Berlin 2011, ein Arbeitsstipendium der Sächsischen Kulturstiftung (beide 2012) sowie im selben Jahr den Literatur Update-Preis. 2013 war sie Open Mike-Finalistin.
Zu „aus Papier“ urteilt die Jury: „Kenah Cusanits Texte, mit suggestiven Klangmustern und Binnenreimen gesättigt und Techniken visueller Poesie einbeziehend, bewegen sich auf zwei Ebenen: Auf den ersten Blick von archetypischen Erlebnissen von Natur- und Häuslichkeit inspiriert, bearbeiten sie in ihrer Tiefenstruktur – u. a. mittels eines Geflechts von intertextuellen und intermedialen Anspielungen – psychologische Funktionsweisen des Erinnerns und die spannungsvolle Binomie des Vertraut-Eigenen und des Fremden.“ / Mehr
Kenah Cusanit
aus Papier. Gedichte
36 Seiten, Broschur – 6 €
hochroth Verlag
Berlin 2014
ISBN: 978-3-902871-52-7
Diesmal im Studio die Münchner Dichterin und Dozentin Andrea Heuser mit neuen Gedichten. Außerdem am Telefon live zugeschaltet zwei Lyriker aus Berlin: Georg Leß liest aus seinem Band „Schlachtgewicht“. Lutz Steinbrück gibt einen Einblick in seine Dichtung und präsentiert einen Song seiner Band Neustadt Band. In unserer Poetikreihe zu den Anfängen der Moderne unterhalten sich Hilda Ebert und Kristian Kühn über den „Würfelwurf“ von Stéphane Mallarmé.
Die Sendung wird produziert und moderiert von Kristian Kühn, Christel und Armin Steigenberger.
Radio Lora (in und rund um München auf UKW 92,4 sowie im Web), 25. Juli, 20 bis 21 Uhr
Das Lyrik Kabinett stellte, nach der Lesung von Les Murray, am 07. Juli einen weiteren englischsprachigen Dichter vor, der hierzulande noch nahezu unbekannt ist.
Geoffrey Hill, 1932 geboren, der derzeit das Ehrenamt des Oxforder »Professor of Poetry« bekleidet, gilt als einer der bedeutendsten und umstrittensten Lyriker Englands.
Anlässlich der kürzlich erschienen Gedichtsammlung seiner Gedichte von 1959-2007, die von Ursula Haeusgen, Michael Krüger und Raoul Schrott herausgegeben und in der Edition Lyrik Kabinett bei Hanser unter dem Titel »Für die Ungefallenen« erschienen sind, leistete das Lyrik Kabinett mit diesem anspruchsvollen Abend Pionierarbeit in Bezug auf den Dialog mit dem deutschen Publikum. Der Sammelband bildet einen Überblick über das Werk des Dichters, der bisher schon 13 Gedichtbände publiziert hat. Benannt ist die Gedichtsammlung nach der ersten Publikation „For the Unfallen“.
Aufgrund der scheinbaren Dunkelheit der Gedichte, die eine hermeneutische Deutung erschweren und dadurch provozieren, fanden sich zwei Kenner, man möchte Exegeten sagen, zu einem Gespräch zusammen. Der Anglist und Komparatist Prof. Dr. Werner von Koppenfels, der an der LMU München lehrte, ist nicht nur Kenner Hillscher Lyrik, sondern auch sein Übersetzer. / Katharina Kohm, Signaturen
Geoffrey Hill: Für die Ungefallenen. Ausgewählte Gedichte 1959 – 2007. Übers. von Werner Koppenfels. München (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser) 2014. 176 Seiten. 14,90 Euro.
In seinem Vortrag „Zwischen Haiku und Artikel 3.3 – zur Lyrik Alfred Anderschs“ untersuchte [Joachim] Jacob dabei am Beispiel des Gedichtes „Artikel 3(3)“ das politische Engagement des Schriftstellers in seinen lyrischen Arbeiten. Die Ausgangsüberlegung: Lyrik scheine in ihrer knappen Form zunächst für Engagement wenig geeignet, auch weil sie „der Wirklichkeit am stärksten entgegengesetzt ist.“ Wie ist das bei Andersch? Der untersuchte Text „Artikel 3 (3)“ sei am 3. Januar 1976 in der Frankfurter Rundschau erschienen und habe einen Skandal ausgelöst. „Als knapp 62-Jähriger fand Andersch zu seiner kämpferisch-radikalen Haltung zurück“, sagte Jacob. Er verwies darauf, dass das Gedicht als Reaktion auf die Praxis des so genannten „Radikalenerlasses“, der unter anderem die politische Überprüfung und gegebenenfalls die Abweisung von Anwärtern etwa mit kommunistischem Hintergrund für den öffentlichen Dienst vorsah, entstanden war.
Ausgehend von seiner Überlegung, ob Lyrik zur engagierten Literatur beitragen könne, untersuchte Jacob zunächst, ob es sich überhaupt um ein Gedicht handelt. Oder eher um „Übungen in schwach rhythmisierter Prosa“, wie der gebürtige Münchener selbst einmal behauptet habe. Der Gießener verwies jedoch darauf, dass der Schriftsteller peinlichst auf die formal korrekte Wiedergabe seines Textes beispielsweise hinsichtlich der Zeilenumbrüche geachtet habe. Auch wegen dieses Formbewusstseins stand für Jacob deshalb fest, dass „Andersch Lyriker ist, auch in seinen politisch engagierten Gedichte.“ (…)
„Es geht ihm in seiner Lyrik darum, konzise und kompakt zu zeigen, was ist.“ Die lyrische Aussage in dem Gedicht, dass das neue KZ schon errichtet sei, sei für uns heute unwahrscheinlich, nicht jedoch für Andersch. Der gegen die Ausschlusspraxis des „Radikalenerlass“ gerichtete provokative Vergleich ist aus dieser Perspektive im Sinne politischen Engagements nachvollziehbar. Auch sei „Artikel 3 (3)“ kein Einzelfall in seinem Werk, sondern Teil eines erinnerungspolitisch bedeutsamen Engagements, resümierte Jacob. / Kreis-Anzeiger
Auch die Schaufenster des ehemaligen Geschäfts bleiben nicht lange ungenutzt, sondern beherbergen heute eine kleine Dauerausstellung über den Schriftsteller Günter Eich: eine Günter-Eich-Dokumentation, die mit Unterstützung der Marktgemeinde Geisenhausen erstellt wurde. Eich lebte von 1945 bis 1954 in Geisenhausen, im Hause der Familie Schmid, mit der er über die Jahre freundschaftlich verbunden war. In der Kirchstraße 4 entstanden zahlreiche Gedichte und wegweisende Hörspiele. Viele wertvolle Originaldokumente, Manuskripte, Briefe und Fotografien aus der Geisenhausener Zeit des Dichters, die sich seither im Besitz der Familie Schmid befinden, werden in der Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Werk und Schaffen von Günter Eich werden auch weiterhin programmatisch in den Produktionen von Schmids Laden eine Rolle spielen.
Judith Zander gelingt mit manual numerale demnach dreierlei: Die Erweiterung ihres lyrischen Wortschatzes um ein neues, hybrides Pop-Vokabular, das ausgelassene Spiel mit den Formen und der Griff zu einem anspruchsvollen ästhetischen Konzept. Ein Mashup-Album für Beatles-Fans und Barock-Exegeten gleichermaßen, oder, um im Musikjournalismus zu bleiben: ein Smash Hit. / Fabian Thomas, Fixpoetry
2014 · 100 Seiten · 14,90 Euro
Wann ist ein Gedicht gut, und wann ist es bloss gut gemeint?
Gesetze für Verse gibt es nicht, Kriterien und Massstäbe aber schon: Die Lyrikerin Kerstin Hensel kennt sie. / Tages-Anzeiger
Die Lyriker Kurt Aebli, Sylvia Geist und Jürg Halter haben neue Gedichtbände veröffentlicht. Sie erkunden darin die Gegenständlichkeit des Alltags. Besprechung von Martin Zingg Mehr
Paradoxien werden kaum mehr ins Surreale verlängert und so ins sprachliche Bild eingeschmolzen, sondern sie bestimmen den Duktus, sie brechen die Verszeile, bringen das Gedicht mit Absicht zum Stottern. Die Irritationen des Alltags irritieren im Text, sie werden dort erst sichtbar, und Aebli erreicht das mit kleinen, feinen lautlichen oder rhythmischen Verschiebungen. Daraus entsteht eine unaufdringliche, präzise und vergnügliche Wahrnehmungskunde.
(…)
Die Schlingen werden immer kürzer, immer enger – daraus wird eine dichte, hochmusikalische Erkundung der Lebenswelt. Diese «Recherche» wird in einem anderen Teil des Bandes anhand von Bildern betrieben. «Die Zitrone auf einem Foto von Twombly» beginnt so: «während nicht entschieden ist, es ist eine und keine auch / gelbliche, runde oder auf andere Art ähnliche / und nicht entschieden, ist es // Poncirus, Citrumelo oder sonst wie nach Art der Rauten / Gewächse, nach einer Frucht überhaupt, oder was es viel / mehr, zweifelhaft, von zu vollständiger Rundheit // und auf die gleiche Art zweifelhafter / Gelblichkeit, dass es an andere Arten aber / an Früchte zu erinnern begibt, an Pomeranze, Pomelo, Paradies».
(…)
Die Feier des Augenblicks kommt bei Halter ohne grosse Worte aus, und wenn grosse Fragen anstehen, kann er auch nahe ans Verstummen heranrücken. Ein Gedicht hat nur zwei Wörter, ist damit kürzer als der Titel – und ruft in seiner provozierenden Kargheit zugleich eine Fülle von Bildern und Gedanken ab, eigentlich alles, was einem einfallen kann zu universalen Themen wie «Werden» und «Vergehen». Ein anderes Gedicht imaginiert wortreich den nicht enden wollenden Moment, da ein Ich nach Feierabend in einer Bar verweilt, eingeschlossen, allein mit der Erinnerung an alle Menschen, die es in Gedanken herbeirufen kann, allein mit sich und vielen Namen. Auch da wird eine Grenzerfahrung beschrieben, eine, die frei ist von Absichten, die ausserhalb des Gedichtes liegen – hier ist das Ende der Musik nie zu befürchten.
Kurt Aebli: Tropfen. Gedichte. Edition Korrespondenzen, Wien 2014. 110 S., Fr. 27.90. Sylvia Geist: Gordisches Paradies. Gedichte. Verlag Hanser Berlin, Berlin 2014. 112 S., Fr. 24.90. Jürg Halter: Wir fürchten das Ende der Musik. Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014. 72 S., Fr. 27.90.
«Über den weissen Weiher / Sind die wilden Vögel fortgezogen. / Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.»
Vom eisigen Wind, der am Abend von den Sternen weht, zu den herbstlichen Wäldern, die am Abend von tödlichen Waffen tönen, ist es im Werkprozess des Lyrikers kein grosser Schritt, nur eine Drehung im Gefüge seiner Verse, an denen er überall arbeitete, wo er ging und stand, geistesabwesend im Dienst, abwesend unter Freunden beim Wein, nun eben auch beim Militär. Der Vater des Schriftstellers Franz Fühmann war zufällig mit Trakl in derselben Einheit. Im Mai 1945 erzählte er seinem Sohn, wie man den Schorschl «mit seinen Gedichten aufgezogen habe, mit seinen Wasserleichen und seinen spassigen Vögeln, da sei er ja manchmal am Tisch aufgesprungen und hab nicht reden können, nur mit den Fäusten schwenken, und dann sei er auch hinausgerannt, dass man gedacht hab, er tue sich was an». / Norbert Hummelt, NZZ
Veröffentlicht am 20.07.2014 von Writers in Prison
Wir sind in großer Sorge um den kasachischen Dichter Aron Atabek, dem es Berichten zufolge gesundheitlich sehr schlecht geht. Er soll von Gefängniswärtern gefoltert, mindestens misshandelt worden sein. Laut der Aussage seines Sohnes wurde Aron Atabek während seiner Inhaftierung im Gefängnis in Pawlodar regelmäßig auf den Kopf und ins Genick geschlagen. Die Anwendung von Folter oder anderer Formen von Misshandlung ist nach internationalem Recht absolut verboten. Der internationale PEN ruft die kasachischen Behörden dazu auf, Aron Atabek vor jeglicher Form von Folter und Misshandlung zu schützen. Die Berichte, dass der Dichter während seiner Haft geschlagen wurde, müssen untersucht und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Außerdem muss Aron Atabek umgehend ausreichend medizinisch versorgt werden.
Im Dezember 2012 (während er aus anderen Gründen inhaftiert war) wurde Atabek zu einer zweijährigen Isolationshaftstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis in Arqalyq verurteilt – 1600km von seiner Familie entfernt – weil er das Buch “Das Herz von Eurasien” geschrieben hatte. In dem Buch hatte er den Präsidenten Nursultan Nazarbayev heftig kritisiert. Im März 2014 war Atabek in ein Gefängnis in Pawlodar verlegt worden (immer noch 1400km von seiner Familie entfernt).
Nach einem Besuch im Gefängnis hatte sein Sohn berichtet, dass Aron Atabek wiederholt in Isolationshaft gesteckt wurde, dass er häufig von den Gefängniswärtern geschlagen wurde, und dass einige seiner Schriften (kritisch gegenüber Präsident Nazarbayev) vom KNB (früher KGB) konfisziert wurden.
Wie sein Sohn berichtet, verweigern die Gefängnisbehörden weiterhin eine adäquate medizinische Behandlung trotz seines schlechter werdenden Gesundheitszustands. Atabek leidet (bzw. hat gelitten) unter den folgenden Beschwerden: koronarer Arterienerkrankung, chronischer Gastritis, Hirnsklerose, Rückenschmerzen, geschwollenen Kniegelenken und einem eingeklemmten Drillingsnerv. Aufgrund seiner Rücken- und Knieprobleme fällt Atabek das Gehen sehr schwer. Wegen des Ausbleibens einer ordentlichen medizinischen Behandlung hat Atabeks Sohn kürzlich versucht, ihn bei einem Besuch mit Medikamenten zu versorgen. Dies wurde von den Gefängniswärtern verhindert. Atabeks Unterstützer haben Medikamentenpakete ins Gefängnis geschickt, darunter sogar Krücken, doch laut seinem Sohn haben diese Dinge den Dichter nie erreicht. / PEN Zentrum Deutschland
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