73. Preis für Kenah Cusanit

Bayerns Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle hat heute in München die bayerischen Kunstförderpreisträgerinnen und -preisträger 2014 in der Sparte Literatur bekannt gegeben. Die mit je 6.000 Euro dotierten Preise gehen an Kenah Cusanit aus Bayreuth für ihren ersten Gedichtband „aus Papier“ und an Manuel Niedermeier aus Regensburg für den Roman „Durch frühen Morgennebel“ (2014).

Der Bayerische Kunstförderpreis in der Sparte Literatur soll begabte Nachwuchsautoren und  autorinnen auf ihrem eingeschlagenen Weg bestärken und sie zur weiteren schriftstellerischen Entwicklung ermutigen. Die Preisträger müssen durch literarische Veröffentlichungen hervorgetreten sein, in Bayern wohnen und dürfen höchstens 40 Jahre alt sein. Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle wird alle Bayerischen Kunstförderpreise, die auch in den Sparten Bildende Kunst, Darstellende Kunst sowie Musik und Tanz verliehen werden, am 3. November 2014 um 18.00 Uhr in der Hochschule für Fernsehen und Film in München überreichen.

Kenah Cusanit, geboren 1979, ist Anthropologin und Philologin. 2008 fing sie an, Gedichte und Essays zu veröffentlichen. Ihre Texte erscheinen in verschiedenen Zeitschriften – zuletzt EDIT, Bella triste, SPRITZ – und in der Anthologie „heute.gestern.morgen – Geschichten über den Stadtalltag“. Der Band „aus Papier“, erschienen 2014 beim hochroth Verlag Berlin,  ist die erste eigenständige Publikation von Kenah Cusanit und versammelt 33 Prosagedicht-Miniaturen. Die Autorin erhielt bereits eine Reihe von Auszeichnungen, z. B. das Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg 2009, den Feldkircher Lyrikpreis 2010, das Stipendium der Prosa-Werkstatt des LCB Berlin 2011, ein Arbeitsstipendium der Sächsischen Kulturstiftung (beide 2012) sowie im selben Jahr den Literatur Update-Preis. 2013 war sie Open Mike-Finalistin.

Zu „aus Papier“ urteilt die Jury: „Kenah Cusanits Texte, mit suggestiven Klangmustern und Binnenreimen gesättigt und Techniken visueller Poesie einbeziehend, bewegen sich auf zwei Ebenen: Auf den ersten Blick von archetypischen Erlebnissen von Natur- und Häuslichkeit inspiriert, bearbeiten sie in ihrer Tiefenstruktur – u. a. mittels eines Geflechts von intertextuellen und intermedialen Anspielungen – psychologische Funktionsweisen des Erinnerns und die spannungsvolle Binomie des Vertraut-Eigenen und des Fremden.“ / Mehr

Kenah Cusanit
aus Papier. Gedichte
36 Seiten, Broschur – 6 €
hochroth Verlag
Berlin 2014
ISBN: 978-3-902871-52-7

72. Ricarda Huch und die Akademie der Künste

Da es für sie nichts Langweiligeres als Akademien und nichts Öderes als Bewunderung gab, bedurfte es der Überredungsgabe eines Thomas Mann, sie zur Annahme der Wahl in die Preußische Akademie der Künste in Berlin zu bewegen. Gequält sagte sie zu, bereute es aber spätestens 1933, als man mit Hitlers Machtantritt begann, die Mitglieder auf die neue Politik einzuschwören. In einer von Gottfried Benn verfassten und nur mit Ja oder Nein zu beantwortenden Umfrage hieß es, ob man bereit sei, „unter Anerkennung der veränderten geschichtlichen Lage“ sich weiterhin der Akademie zur Verfügung zu stellen. Huch lehnte es ab, diese Frage zu beantworten, für sie sei nichts anderes maßgebend als ihre künstlerischen Leistungen und ihre Persönlichkeit. Man wollte sie als Prestigeobjekt jedoch nicht verlieren und schmeichelte ihr. Erbittert schrieb sie zurück, dass sie die „Handlungen der Regierung aufs schärfste missbillige“ und annehme, nun automatisch ausgeschlossen zu sein. Ein nochmaliger dreister Versuch, ihre Ablehnung zu übergehen, stieß auf Huchs sarkastischen Protest: „Was die jetzige Regierung als nationale Gesinnung vorschreibt, ist nicht mein Deutschtum.“ Sie endete mit dem klaren Satz: „Hiermit erkläre ich meinen Austritt aus der Akademie.“ / Barbara Bronnen, Süddeutsche Zeitung 18.7.

71. poesie[magazin]

Diesmal im Studio die Münchner Dichterin und Dozentin Andrea Heuser mit neuen Gedichten. Außerdem am Telefon live zugeschaltet zwei Lyriker aus Berlin: Georg Leß liest aus seinem Band „Schlachtgewicht“. Lutz Steinbrück gibt einen Einblick in seine Dichtung und präsentiert einen Song seiner Band Neustadt Band. In unserer Poetikreihe zu den Anfängen der Moderne unterhalten sich Hilda Ebert und Kristian Kühn über den „Würfelwurf“ von Stéphane Mallarmé.

Die Sendung wird produziert und moderiert von Kristian Kühn, Christel und Armin Steigenberger.

/poesie[magazin] auf facebook

Radio Lora (in und rund um München auf UKW 92,4 sowie im Web), 25. Juli, 20 bis 21 Uhr

70. Für die Ungefallenen

Das Lyrik Kabinett stellte, nach der Lesung von Les Murray, am 07. Juli einen weiteren englischsprachigen Dichter vor, der hierzulande noch nahezu unbekannt ist.
Geoffrey Hill, 1932 geboren, der derzeit das Ehrenamt des Oxforder »Professor of Poetry« bekleidet, gilt als einer der bedeutendsten und umstrittensten Lyriker Englands.
Anlässlich der kürzlich erschienen Gedichtsammlung seiner Gedichte von 1959-2007, die von Ursula Haeusgen, Michael Krüger und Raoul Schrott herausgegeben und in der Edition Lyrik Kabinett bei Hanser unter dem Titel »Für die Ungefallenen« erschienen sind, leistete das Lyrik Kabinett mit diesem anspruchsvollen Abend Pionierarbeit in Bezug auf den Dialog mit dem deutschen Publikum. Der Sammelband bildet einen Überblick über das Werk des Dichters, der bisher schon 13 Gedichtbände publiziert hat. Benannt ist die Gedichtsammlung nach der ersten Publikation „For the Unfallen“.

Aufgrund der scheinbaren Dunkelheit der Gedichte, die eine hermeneutische Deutung erschweren und dadurch provozieren, fanden sich zwei Kenner, man möchte Exegeten sagen, zu einem Gespräch zusammen. Der Anglist und Komparatist Prof. Dr. Werner von Koppenfels, der an der LMU München lehrte,  ist nicht nur Kenner Hillscher Lyrik, sondern auch sein Übersetzer. / Katharina Kohm, Signaturen

Geoffrey Hill: Für die Ungefallenen. Ausgewählte Gedichte 1959 – 2007. Übers. von Werner Koppenfels. München (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser) 2014. 176 Seiten.  14,90 Euro.

69. Zwischen Haiku und Artikel 3.3

In seinem Vortrag „Zwischen Haiku und Artikel 3.3 – zur Lyrik Alfred Anderschs“ untersuchte [Joachim] Jacob dabei am Beispiel des Gedichtes „Artikel 3(3)“ das politische Engagement des Schriftstellers in seinen lyrischen Arbeiten. Die Ausgangsüberlegung: Lyrik scheine in ihrer knappen Form zunächst für Engagement wenig geeignet, auch weil sie „der Wirklichkeit am stärksten entgegengesetzt ist.“ Wie ist das bei Andersch? Der untersuchte Text „Artikel 3 (3)“ sei am 3. Januar 1976 in der Frankfurter Rundschau erschienen und habe einen Skandal ausgelöst. „Als knapp 62-Jähriger fand Andersch zu seiner kämpferisch-radikalen Haltung zurück“, sagte Jacob. Er verwies darauf, dass das Gedicht als Reaktion auf die Praxis des so genannten „Radikalenerlasses“, der unter anderem die politische Überprüfung und gegebenenfalls die Abweisung von Anwärtern etwa mit kommunistischem Hintergrund für den öffentlichen Dienst vorsah, entstanden war.

Ausgehend von seiner Überlegung, ob Lyrik zur engagierten Literatur beitragen könne, untersuchte Jacob zunächst, ob es sich überhaupt um ein Gedicht handelt. Oder eher um „Übungen in schwach rhythmisierter Prosa“, wie der gebürtige Münchener selbst einmal behauptet habe. Der Gießener verwies jedoch darauf, dass der Schriftsteller peinlichst auf die formal korrekte Wiedergabe seines Textes beispielsweise hinsichtlich der Zeilenumbrüche geachtet habe. Auch wegen dieses Formbewusstseins stand für Jacob deshalb fest, dass „Andersch Lyriker ist, auch in seinen politisch engagierten Gedichte.“ (…)

„Es geht ihm in seiner Lyrik darum, konzise und kompakt zu zeigen, was ist.“ Die lyrische Aussage in dem Gedicht, dass das neue KZ schon errichtet sei, sei für uns heute unwahrscheinlich, nicht jedoch für Andersch. Der gegen die Ausschlusspraxis des „Radikalenerlass“ gerichtete provokative Vergleich ist aus dieser Perspektive im Sinne politischen Engagements nachvollziehbar. Auch sei „Artikel 3 (3)“ kein Einzelfall in seinem Werk, sondern Teil eines erinnerungspolitisch bedeutsamen Engagements, resümierte Jacob. / Kreis-Anzeiger

68. Eich im Schaufenster

Auch die Schaufenster des ehemaligen Geschäfts bleiben nicht lange ungenutzt, sondern beherbergen heute eine kleine Dauerausstellung über den Schriftsteller Günter Eich: eine Günter-Eich-Dokumentation, die mit Unterstützung der Marktgemeinde Geisenhausen erstellt wurde. Eich lebte von 1945 bis 1954 in Geisenhausen, im Hause der Familie Schmid, mit der er über die Jahre freundschaftlich verbunden war. In der Kirchstraße 4 entstanden zahlreiche Gedichte und wegweisende Hörspiele. Viele wertvolle Originaldokumente, Manuskripte, Briefe und Fotografien aus der Geisenhausener Zeit des Dichters, die sich seither im Besitz der Familie Schmid befinden, werden in der Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Werk und Schaffen von Günter Eich werden auch weiterhin programmatisch in den Produktionen von Schmids Laden eine Rolle spielen.

/ literaturportal bayern

67. Mashup-Album für Beatles-Fans und Barock-Exegeten

Judith Zander gelingt mit manual numerale demnach dreierlei: Die Erweiterung ihres lyrischen Wortschatzes um ein neues, hybrides Pop-Vokabular, das ausgelassene Spiel mit den Formen und der Griff zu einem anspruchsvollen ästhetischen Konzept. Ein Mashup-Album für Beatles-Fans und Barock-Exegeten gleichermaßen, oder, um im Musikjournalismus zu bleiben: ein Smash Hit. / Fabian Thomas, Fixpoetry

Judith Zander

manual numerale
Ein poetisches Tagebuch, ein lyrisches Handbuch
dtv

2014 · 100 Seiten · 14,90 Euro

ISBN: 978-3-423-26004-6

66. Maßstäbe

Wann ist ein Gedicht gut, und wann ist es bloss gut gemeint?

Gesetze für Verse gibt es nicht, Kriterien und Massstäbe aber schon: Die Lyrikerin Kerstin Hensel kennt sie. / Tages-Anzeiger

65. Neue Gedichtbände

Die Lyriker Kurt Aebli, Sylvia Geist und Jürg Halter haben neue Gedichtbände veröffentlicht. Sie erkunden darin die Gegenständlichkeit des Alltags. Besprechung von  Martin Zingg Mehr

Paradoxien werden kaum mehr ins Surreale verlängert und so ins sprachliche Bild eingeschmolzen, sondern sie bestimmen den Duktus, sie brechen die Verszeile, bringen das Gedicht mit Absicht zum Stottern. Die Irritationen des Alltags irritieren im Text, sie werden dort erst sichtbar, und Aebli erreicht das mit kleinen, feinen lautlichen oder rhythmischen Verschiebungen. Daraus entsteht eine unaufdringliche, präzise und vergnügliche Wahrnehmungskunde.

(…)

Die Schlingen werden immer kürzer, immer enger – daraus wird eine dichte, hochmusikalische Erkundung der Lebenswelt. Diese «Recherche» wird in einem anderen Teil des Bandes anhand von Bildern betrieben. «Die Zitrone auf einem Foto von Twombly» beginnt so: «während nicht entschieden ist, es ist eine und keine auch / gelbliche, runde oder auf andere Art ähnliche / und nicht entschieden, ist es // Poncirus, Citrumelo oder sonst wie nach Art der Rauten / Gewächse, nach einer Frucht überhaupt, oder was es viel / mehr, zweifelhaft, von zu vollständiger Rundheit // und auf die gleiche Art zweifelhafter / Gelblichkeit, dass es an andere Arten aber / an Früchte zu erinnern begibt, an Pomeranze, Pomelo, Paradies».

(…)

Die Feier des Augenblicks kommt bei Halter ohne grosse Worte aus, und wenn grosse Fragen anstehen, kann er auch nahe ans Verstummen heranrücken. Ein Gedicht hat nur zwei Wörter, ist damit kürzer als der Titel – und ruft in seiner provozierenden Kargheit zugleich eine Fülle von Bildern und Gedanken ab, eigentlich alles, was einem einfallen kann zu universalen Themen wie «Werden» und «Vergehen». Ein anderes Gedicht imaginiert wortreich den nicht enden wollenden Moment, da ein Ich nach Feierabend in einer Bar verweilt, eingeschlossen, allein mit der Erinnerung an alle Menschen, die es in Gedanken herbeirufen kann, allein mit sich und vielen Namen. Auch da wird eine Grenzerfahrung beschrieben, eine, die frei ist von Absichten, die ausserhalb des Gedichtes liegen – hier ist das Ende der Musik nie zu befürchten.

Kurt Aebli: Tropfen. Gedichte. Edition Korrespondenzen, Wien 2014. 110 S., Fr. 27.90. Sylvia Geist: Gordisches Paradies. Gedichte. Verlag Hanser Berlin, Berlin 2014. 112 S., Fr. 24.90. Jürg Halter: Wir fürchten das Ende der Musik. Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014. 72 S., Fr. 27.90.

64. Wasserleichen und spaßige Vögel

«Über den weissen Weiher / Sind die wilden Vögel fortgezogen. / Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.»

Vom eisigen Wind, der am Abend von den Sternen weht, zu den herbstlichen Wäldern, die am Abend von tödlichen Waffen tönen, ist es im Werkprozess des Lyrikers kein grosser Schritt, nur eine Drehung im Gefüge seiner Verse, an denen er überall arbeitete, wo er ging und stand, geistesabwesend im Dienst, abwesend unter Freunden beim Wein, nun eben auch beim Militär. Der Vater des Schriftstellers Franz Fühmann war zufällig mit Trakl in derselben Einheit. Im Mai 1945 erzählte er seinem Sohn, wie man den Schorschl «mit seinen Gedichten aufgezogen habe, mit seinen Wasserleichen und seinen spassigen Vögeln, da sei er ja manchmal am Tisch aufgesprungen und hab nicht reden können, nur mit den Fäusten schwenken, und dann sei er auch hinausgerannt, dass man gedacht hab, er tue sich was an». / Norbert Hummelt, NZZ

63. Kasachstan: Sorge um Aron Atabek wegen angeblicher Misshandlungen im Gefängnis

Veröffentlicht am 20.07.2014 von Writers in Prison

Wir sind in großer Sorge um den kasachischen Dichter Aron Atabek, dem es Berichten zufolge gesundheitlich sehr schlecht geht. Er soll von Gefängniswärtern gefoltert, mindestens misshandelt worden sein. Laut der Aussage seines Sohnes wurde Aron Atabek während seiner Inhaftierung im Gefängnis in Pawlodar regelmäßig auf den Kopf und ins Genick geschlagen. Die Anwendung von Folter oder anderer Formen von Misshandlung ist nach internationalem Recht absolut verboten. Der internationale PEN ruft die kasachischen Behörden dazu auf, Aron Atabek vor jeglicher Form von Folter und Misshandlung zu schützen. Die Berichte, dass der Dichter während seiner Haft geschlagen wurde, müssen untersucht und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Außerdem muss Aron Atabek umgehend ausreichend medizinisch versorgt werden.

Im Dezember 2012 (während er aus anderen Gründen inhaftiert war) wurde Atabek zu einer zweijährigen Isolationshaftstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis in Arqalyq verurteilt – 1600km von seiner Familie entfernt – weil er das Buch “Das Herz von Eurasien” geschrieben hatte. In dem Buch hatte er den Präsidenten Nursultan Nazarbayev heftig kritisiert. Im März 2014 war Atabek in ein Gefängnis in Pawlodar verlegt worden (immer noch 1400km von seiner Familie entfernt).

Nach einem Besuch im Gefängnis hatte sein Sohn berichtet, dass Aron Atabek wiederholt in Isolationshaft gesteckt wurde, dass er häufig von den Gefängniswärtern geschlagen wurde, und dass einige seiner Schriften (kritisch gegenüber Präsident Nazarbayev) vom KNB (früher KGB) konfisziert wurden.

Wie sein Sohn berichtet, verweigern die Gefängnisbehörden weiterhin eine adäquate medizinische Behandlung trotz seines schlechter werdenden Gesundheitszustands. Atabek leidet (bzw. hat gelitten) unter den folgenden Beschwerden: koronarer Arterienerkrankung, chronischer Gastritis, Hirnsklerose, Rückenschmerzen, geschwollenen Kniegelenken und einem eingeklemmten Drillingsnerv. Aufgrund seiner Rücken- und Knieprobleme fällt Atabek das Gehen sehr schwer. Wegen des Ausbleibens einer ordentlichen medizinischen Behandlung hat Atabeks Sohn kürzlich versucht, ihn bei einem Besuch mit Medikamenten zu versorgen. Dies wurde von den Gefängniswärtern verhindert. Atabeks Unterstützer haben Medikamentenpakete ins Gefängnis geschickt, darunter sogar Krücken, doch laut seinem Sohn haben diese Dinge den Dichter nie erreicht. /  PEN Zentrum Deutschland

62. „Hilfloses lyrisches Ich“

In der Besprechung des gesamten Gedichtbandes von Karl Mickel heißt es vom gleichen Professor unter der Überschrift „Hilfloses lyrisches Ich“ dann endgültig:

Widerwärtig häuft sich Fäkal- und Sexualvokabular, wo Kraft und Saft nicht ideeller Substanz entspringen. (…) All die be- und verklemmten Gefühle können sich hier nicht im Mittun, in verantwortlicher geistiger Mitwirkung an einem großen, organisierten, kollektiven Werk befreien…

Solche Urteile kommentieren sich selbst, was ihre Verfasser nicht hindert, bei wechselndem Anlaß, wieder laut und mächtig zu werden. Mickels Gedichte teilten die Leserschaft, hinfort sind die Meinungen über Karl Mickel geteilt. Er selbst wird Gegenstand von Gedichten, etwa wenn ihn Volker Braun – in Anspielung auf zitierte Kritiker – im Stile seiner Mottek-Sonette verteidigt:

Du auch hast deine Art, bei Sinnen bleiben
Ohne wie sonstwer daß du alles fliehst.
Den Riß der Welt zwischen den Beinen siehst
Kopiert du annehmbar sich dran zu reiben.

Das hilflose, sagen die Professoren.
Ich, die sich nur behelfen wo sie dürfen
Du aber mußt den Grund der Suppe schlürfen
Wo nichts mehr bleibt. Das nennen die verloren.

Und anders Mottek, der die Zukunft schaut
Und sagt Unsägliches sagbar in deinem Vers.
Nie hat Wissenschaft Kunst so gebaut.

Kühl wie die ist und wahr. Das soll es geben
Hör ich dich murmeln verstanden von keinem.
Und Loch an Loch die Welt aus Gräbern Leben.

/ Gerhard Wolf, die horen, Heft 124, 4. Quartal 1981 Mehr

61. Christine Lavant

Ihren Ruhm begründeten die drei Lyrikbände „Die Bettlerschale“, „Spindel im Mond“ und „Der Pfauenschrei“ mit Gedichten von berührender Intensität, existenzieller Zerrissenheit und großer Sprachkraft – das „elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern mißbrauchten Menschen“ (so Thomas Bernhard). Dass neben Themen wie Gotteshader, Einsamkeit und Außenseitertum auch eine sinnliche Lesart möglich ist – viele der Gedichte entstanden während ihrer Beziehung zum (verheirateten) Maler Werner Berg – wird erst in jüngster Zeit thematisiert.

Der gerade erschienene erste Teil der vierbändigen Werkausgabe, die die Germanisten Klaus Amann und Doris Moser beim Wallstein-Verlag herausgeben, erlaubt nun einen umfassenden Blick auf das lyrische Werk der Lavant. Zahlreiche in Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien erschienene Gedichte sind erstmals wieder zugänglich. Außerdem führen zwei lesenswerte Nachworte in „Christine Lavants Leben als Dichterin“ (Doris Moser) und ihre „Poetik und Rezeption“ (Fabjan Hafner) ein. / Marianne Fischer, Kleine Zeitung

Christine Lavant
Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte
Hg. und mit einem Nachwort von Doris Moser und Fabjan Hafner
Reihe: Christine Lavant: Werke in vier Bänden (Hg. von Klaus Amann und Doris Moser. Im Auftrag des Robert-Musil-Instituts der Universität Klagenfurt und der Hans Schmid Privatstiftung); Bd. 01
€ 38,00 (D) | € 39,10 (A) | SFr 49,40
lieferbar, 720 S., Leinen, Schutzumschlag, 12 x 19
ISBN: 978-3-8353-1391-0 (2014)

60. Literaturkunde

Sitzung einer Lyrikpreisjury. Die siebenköpfige Jury steht vor der Aufgabe, aus über 20 Büchern – jeder der Juroren nominierte etwa 5 Bücher – an zwei Tagen das eine auszusuchen, das den Preis kriegt. Wie vorgehen? Erst mal reduzieren. Jeder Titel der nicht wenigstens 2 Stimmen bekommt fliegt raus. Das scheint in Ordnung. Wenn ein Juror ein Buch vorgeschlagen hat, das alle sechs andern nicht für preiswürdig halten, muß es nicht weiter diskutiert werden. Zwei oder drei Autoren ostdeutscher oder rumäniendeutscher Provenienz werden nur von mir und meinem Freund Peter Geist benannt, das reicht für die nächste Runde.

Am Abend im Restaurant sagt die große Kritikerin einer großstädtischen Zeitung zu Peter und mir: „Ich würde Ihnen empfehlen, mehr Bücher westdeutscher Autoren zu lesen.“ Am nächsten Tag stimmt sie für einen ostdeutschen Autor, den das großstädtische Feuilleton lieber hat als jene zwei oder drei andern. Ich stimme, da die von mir präferierte, in den Vereinigten Staaten geborene, in Berlin lebende Österreicherin nicht mehr dabei ist, für eine rheinländische Autorin. Was nichts beweist als daß es genau so war.

59. Nora Iuga

Nora Iuga, die Grande Dame der rumänischen Lyrik ist schon seit einiger Zeit dabei, Deutschland zu erobern. So wurde sie beispielsweise mit dem Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. In Rumänien ist sie die Übersetzerin von Grass und Jelinek, Pastior und Jünger, Nietzsche und Celan. / Porträt von Dana Ranga, DLR