8. 0x0a.li online

Hannes Bajohr teilt in seinem Blog mit:

Gregor Weichbrodt und ich haben ein Textkollektiv gegründet – es heißt 0x0a. 0x0a ist der Hexcode für den Zeilenumbruch. Es ist ein Zeichen, das es im Analogen nicht gibt, nicht gesprochen werden kann und nur als “Steuerzeichen” existiert – und damit ideales Symbol für den Versuch, genuin Digitale Literatur zu produzieren.

0x0a soll ein Workshop, Labor, Schaufenster und eine Anlaufstelle für digitale konzeptuelle Literatur werden und die Diskussion über diese Literaturform in Deutschland anregen. Wir laden ein, mitzudiskutieren und selbst Texte einzureichen, und hoffen, dass wir in Zukunft die Autorenliste erweitern können.

Für diese Website heißt das, dass ich in Zukunft Literarisches auf 0x0a unterbringen werde und hannesbajohr.de für Hinweise und Akademisches freihalte. Nach und nach werden auch die längeren Texte dorthin umziehen.

7. Preis für Friederike Mayröcker

Die Dichterin Friederike Mayröcker erhält für ihr jüngstes Werk „Cahier“ (Suhrkamp) den Johann-Beer-Literaturpreis. Die mit 7.000 Euro dotierte Auszeichnung wird der 89-Jährigen am 25. November von der oberösterreichischen Ärztekammer und der Deutschen Bank in Linz verliehen, wie heute in einer Aussendung bekanntgegeben wurde.

Der Johann-Beer-Literaturpreis zeichnet ein aktuelles Werk eines österreichischen Schriftstellers aus, das „von den Unwägbarkeiten des Lebens und vom Umgang mit existenziellen Anforderungen und Nöten“ erzählt. In den vergangenen Jahren wurden unter anderen Robert Schindel, Monika Helfer und Arno Geiger mit der Auszeichnung bedacht. / ORF

Johann Beer, * 28. Februar 1655 in St. Georgen im Attergau, Oberösterreich; † 6. August 1700 in Weißenfels, Schriftsteller und Komponist. Seit 2009 wird in Österreich der Johann-Beer-Literaturpreis gemeinsam von der Ärztekammer in Oberösterreich und der Deutschen Bank vergeben. Der Preis ist mit € 7.000,- dotiert.

 

6. „Schatten“ der Sprache

Nachdem eines ihrer auf Bengali verfassten Gedichte falsch ins Englische übersetzt worden war, zog die in Delhi lebende indische Künstlerin Mithu Sen Konsequenzen. (…)

Sen hat ihre Lyrik nun auf den „Schatten“ der Sprache reduziert: verfasst in einer „asemischen“ Pseudoschrift und – wie in ihrer Soloperformance I Am a Poet zur Eröffnung ihrer Schau – als klangmalerische Sound-Poetry vorzutragen. In einem der Räume der Galerie ist ein Pult mit Mikrofon aufgestellt, an dem die Besucherinnen und Besucher selbst Lautmalerei betreiben können. / HELMUT PLOEBST, Der Standard 12.9.

Mithu Sen bei Poetry International Web (Bengali, Englisch)

Gedichtbände

  • Bashmati Sarir Bagan Ba Gaan, (1995-2005), Nandimukh, Kolkata, 2007
  • Visual Rhapsody (along with other artists/poets, edited by Debashis Chanda),New Delhi, Niyogi Offset, 2005
  • Ma Jai Boluk, Prothom Alo Publications, Dhaka, 2000

Hier zwei ihrer Zeichnungen zum Thema männlicher sexueller Angst.

„I am a Poet: Not bound by rules of grammar, diction, vocabulary and syntax, a book of my poems in an abstract, asemic writing with an effort on my part to give and collect the unsaid, unspoken margins, which have been forgotten in the language-power structures, to empower this lone struggle into collective resistance.“ — Mithu Sen

 

5. Poetopie

Touristenreisen ins Weltall – das Schönste dabei wäre die Rückkehr

Hansjürgen Bulkowski

4. Morgenfeier

Das Schicksal von Insekten als mikroskopische Kurzschrift für das menschliche Leben. In einem Essay beschrieb Virginia Woolf den Tod einer Motte so, als wäre es der des ganzen Universums. Grillparzer schrieb ein Gedicht über eine müde Winterfliege, Wisława Szymborska eines über einen toten Käfer. Der verrückte Quirinus Kuhlmann verfasste als junger Mann innige Grab-Epigramme auf tote Bienen und Ameisen. Neben Insekten wird der Mensch riesengroß, ein grotesk den Raum ausfüllendes Wesen, eine Schlafwalze. Ernst Jandls „morgenfeier“ war das erste Gedicht, das mich zu Tränen rührte. Ich muss etwa sechzehn gewesen sein. Ich lag auf der Couch bei uns zu Hause, hielt das Buch über mir und heulte. / Clemens J. Setz, Frankfurter Anthologie

3. Hans Keilson

Hans Keilsons Tagebuch hat sich erst im Nachlass des 2011 im Alter von fast 102 Jahren gestorbenen Dichters und Psychoanalytikers gefunden. Seine Witwe Marita Keilson gibt es jetzt heraus. Es handelt sich um ein vollkommen einzigartiges Dokument. Denn es beschreibt nicht nur den Alltag eines Gejagten, der immer wieder Todesangst auszustehen hat. Es bildet auch die Gewissenserforschung eines Schriftstellers ab, der noch im Werden ist (seit seinem literarischen Debüt kurz vor Toresschluss, Januar 1933, im Verlag von S. Fischer hat er nur vereinzelte Gedichte publiziert). (…)

Mit der dialektischen Volte, das „Sicherheitsgefühl des Unsicheren“ zu bejahen, sieht er sich jetzt eher als einer, der „sein Sach‘ auf nichts gestellt“ hat und legt sich selber folgendermaßen fest: „Ich weiß, dass ich ein Dichter bin und ein Schlemihl – aber mein Ziel ist Arzt.“

Hans Keilson hat sicher im Dezember 1944 noch nicht geahnt, wie weit der Weg zu diesem Ziel noch sein würde. Wie lange es überhaupt dauern würde, bis er im Leben seinen Platz zu finden vermochte. Seinen medizinischen Doktortitel erwarb er erst als Siebzigjähriger. Als Schriftsteller setzte er sich – dank der Einrichtung der „Schwarzen Reihe“ im S. Fischer Verlag, die sich den Vertriebenen und Verfemten des Dritten Reiches widmete – im Grunde erst als Achtzigjähriger durch. Die großen Ehrungen und Preise (darunter auch der „Welt“-Literaturpreis) erhielt er dann als Neunzigjähriger. Der Weltruhm kam, als er hundert geworden war. / Tilmann Krause, Die Welt

Hans Keilson: Tagebuch 1944. Herausgegeben von Marita Keilson. S. Fischer, Frankfurt/M. 256 S., 18, 99 €.

2. November

Der November ging gestern an mir vorbei
und erkannte mich nicht mehr.
»Was mach ich denn«, rief ich ihm zu,
»mit dem ganzen Restlaub,
dem Trüben, den Kreuzen auf öden Hügeln?«
Er ging stumm weiter, geht immer noch,
immer noch

Àxel Sanjosé

Aus: Versnetze sieben

1. American Life in Poetry: Column 500

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

This is our 500th weekly column, and we want to thank the newspapers who publish us, the poets who are so generous with their work, our sponsors The Poetry Foundation, The Library of Congress, the University of Nebraska-Lincoln English Department, and our many readers, in print and on line.

Almost every week I read in our local newspaper that some custodial parent has had to call in the law to stand by while a child is transferred to its other parent amidst some post-divorce hostility. So it’s a pleasure to read this poem by Elise Hempel, who lives in Illinois, in which the transfer is attended only by a little heartache.

The Transfer

His car rolls up to the curb, you switch
your mood, which doll to bring and rush

out again on the sliding steps
of your shoes half-on, forgetting to zip

your new pink coat in thirty degrees,
teeth and hair not brushed, already

passing the birch, mid-way between us,
too far to hear my fading voice

calling my rope of reminders as I
lean out in my robe, another Saturday

morning you’re pulled toward his smile, his gifts,
sweeping on two flattened rafts

from mine to his, your fleeting wave
down the rapids of the drive.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Elise Hempel and reprinted from Only Child, Finishing Line Press, 2014, by permission of Elise Hempel and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

92. American Life in Poetry – 500 Gedichte in 19 Jahren

Im März 2005 berichtete die Lyrikzeitung unter #65:

U.S. Poet Laureate Ted Kooser hat auch einen Plan. Diesen Monat startet sein American Life in Poetry Project. Es bietet lokalen Zeitungen eine freie Kolumne mit einem Gedicht eines heutigen amerikanischen Dichters, eingeleitet von Ted Kooser. Er möchte zeigen, sagt er, daß Poesie weder einschüchternd noch unverständlich sein muß. / Seattle Post – Intelligencer 11.3.

Es stellte sich dann heraus, daß nicht nur lokale Zeitungen durften. Lyrikzeitung meldete sich an und war von Anfang an dabei. 500 Gedichte sind es nun. Nummer 1 war:

American Life in Poetry: Column 1

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

We all know that the manner in which people behave toward one another can tell us a lot about their private lives. In this amusing poem by David Allan Evans, Poet Laureate of South Dakota, we learn something about a marriage by being shown a couple as they take on an ordinary household task.

Neighbors

They live alone
together,

she with her wide hind
and bird face,
he with his hung belly
and crewcut.

They never talk
but keep busy.

Today they are
washing windows
(each window together)
she on the inside,
he on the outside.
He squirts Windex
at her face,
she squirts Windex
at his face.

Now they are waving
to each other
with rags,

not smiling.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Reprinted from Train Windows, Ohio University Press, 1976, by permission of the author, whose most recent book is The Bull Rider’s Advice: New and Selected Poems. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

91. Giftpfeil und Liebeserklärung

Das „ABC des Lesens“ ist Pfeffer in den Gebetsmühlen der Gelehrsamkeit. Es ist eine Apotheose der Sprache und eine Leseliste. Ein Buch mit Anregungen, über die man sich aufregen kann. Und ein literarischer Kanon, der Ezra Pound ganz alleine singt. Es ist ein Köcher voller Giftpfeile für bornierte Akademiker und Allgemeinbesserwisser. Und es ist eine Liebeserklärung an die Literatur.

Lest! – beschwört einen Ezra Pound. Lest genau, hört zu und lernt schätzen, was ihr an Sprache habt. / Sacha Verna, DLF

Ezra Pound: „ABC des Lesens.“ Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Eva Hesse. Arche Verlag, Hamburg 2013, 140 Seiten, Preis: 14,95 Euro

90. Arseni Tarkowski

ARSENIJ TARKOWSKIJ: „REGLOSE HIRSCHE“

5 Nov 2014 – 20:00

Buchpräsentation: Martina Jakobson (als Herausgeberin und Übersetzerin des Buches) liest aus „Reglose Hirsche“, einer zweisprachigen (Dt. / Russ.) Auswahlsammlung aus dem lyrischen Werk von Arsenij Tarkowskij (ersch. Edition Rugerup, 2013) und stellt das Buch im Gespräch mit dem Lyriker und Übersetzer Alexander Filyuta vor.

Geöffnet ab 20:00 Uhr, Beginn um 20:30 Uhr 

Der Name des russischen Lyrikers Arsenij Tarkowskij gehört in eine Reihe mit Zeitgenossen wie Anna Achmatowa oder Boris Pasternak. Weltweite Bekanntheit erlangte er aber durch die Filmkunst seines Sohnes, des Regisseurs Andrei Tarkowskij, der in seinen Filmen (Stalker, Der Spiegel, Nostalghia, u.a.) Gedichte seines Vaters zitiert.

Bisher lag das poetische Werk Arsenij Tarkowskijs in der „Weißen Reihe“ des Verlages Volk & Welt (1990) vor.  Die Übersetzerin Martina Jakobson hat nun eine vielbeachtete Neuübersetzung Tarkowskijs vorgelegt, so dass dessen bedeutendes dichterisches Werk in einer neuen Auswahl  in deutscher Sprache zugänglich ist. Zudem enthält „Reglose Hirsche“ auch alle russischen Originale der von Jakobson übersetzten Gedichte.

Arsenij Tarkowskijs Gedichte sind „luftige Schwergewichte“ – Martina Jakobson stellt im Gespräch mit Alexander Filyuta dessen Lyrik und die Übersetzung vor.

Jan Kuhlbrodt über „Reglose Hirsche im Signaturen-Magazin, Auszug:

In einem Gedicht, das er seiner Freundin und Kollegin Marina Zwetajewa widmete, taucht meiner Ansicht nach etwas von dem auf, was auch seine eigene Poetologie beschreibt:

Was wandelbar schien, gewinnt an Sinn und Gestalt
die Lüfte, die dich bis zu den Sternen trugen,
der Gürtel um deine Taille, dein ungelenker Gang
und der Klang deiner scharfkantigen Gedichte.

Gerade im ersten Vers ist ein Zugang zu erkennen zu dem, was Dichtung sein kann, eine Transformation des zunächst Unbegreiflichen in Form. Und eben in lyrische Form. Es wird dadurch nicht im diskursiven Sinn erkennbar, nicht analytisch zerlegt, aber empfängt einen existentiellen Sinn in Rhythmus und Klang. Man könnte das eine Art mystische Aneignung nennen.

Über „Reglose Hirsche“ beim Verlag

89. Graphit

Alle schreiben über Marcel Beyers neuen Gedichtband. Das ist doch gut!

Unter dem Titel „Mein Blauhäher“ setzt gegen Ende des neuen Gedichtbandes „Graphit“ eine Folge von sechzehn Texten ein: „Mein Blauhäher hört auf den / Namen Ezra. So hab ich ihn / genannt, wie mich“, lauten die ersten beiden Sätze, und bevor man sich noch im Lesen die Spezialistenfrage beantworten kann, wohin denn die Anspielung auf den großen Dichter Ezra Pound als Selbstverweis wohl führen soll, wird der Blauhäher gegenwärtig – im Indikativ und den Variationen eines Wochen-Programms:

Am Montag
füttere ich ihn mit Brot
von gestern. Am Dienstag gebe
ich ihm seine Medizin.
Am Mittwoch will er seine
Lieblingsplatte hören.
Und jeden Donnerstag verlangt
er nach Salat. Am
Freitagmorgen fülle ich ihn
ab. Dann bringe ich ihn rüber
zu den Schwestern. Am Samstag
gibt es endlich ein paar
Blätter. Am Sonntagnachmittag
Besuch. Am Sonntagabend
wird der Kerl von mir geduscht.
Die Nacht auf Montag – schwierig.

Jeden Wochentag und jede der angekündigten Szenen füllen die folgenden Texte aus, mit vielen Ungewissheiten, Varianten und Details, aber immer im Indikativ: „Den einen / Dienstag will er partout / ein alter Sänger sein, den / anderen niemand außer dem / Duce.“ Bis der Eichelhäher endlich am Sonntagabend geduscht wird, ist seine Gegenwart beim Lesen bunt und vertraut geworden: „Sie können / sich ja vorstellen: Das geht nicht / gut. Ich singe ihm was von / Neapel, aus der Bucht.“ Und: „spätestens beim Frottieren hat er / sich beruhigt. Er plustert sich. Ich / streiche ihm den Scheitel glatt.“

Diese gelassene und eher freundliche Stimme des „Ich“ klingt durch die meisten Gedichte von „Graphit“, und sie wendet sich gestisch an jemanden, der hört oder liest, an „Sie“ oder „Du“. Dabei nimmt die Sprache des „Ich“ verschiedene Rhythmen an, deren Regelmäßigkeit nur selten durch Reime vervollständigt wird. Die lyrische Sprache von Marcel Beyer vollzieht sich in diesen Prosarhythmen, betont und verstärkt von den Strophenformen, mit denen sie auf die Seiten kommt.

 / Hans-Ulrich Gumbrecht, FAZ 4.10. (hier bei bücher.de)

Ferner: Jörg Magenau, Deutschlandradio Kultur 7.10. | Gisela Trahms, Die Welt 11.10. siehe hier | Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung 30.10.:

Dieses Gedicht zeigt exemplarisch Beyers Verfahren. Er spürt verborgene Verbindungen in der Geschichte auf, er zeigt Zusammenhänge, und er verfährt musikalisch. Es ist kein Zufall, dass das Gedicht, das auf „Don Cosmic“ folgt, in einer Zeile einen geheimen Nachhall birgt: „Stunden im Dämmer, plötzlich en face“ – das wirkt wie ein gefaktes Benn-Zitat, mit seiner Vorliebe für Schlagermelancholie und perlende französische Schaumweinworte.

Marcel Beyer legt seit seinen Anfängen großen Wert auf die Intonation seiner Gedichte, auf die orale Tradition – er knüpft damit an die Zeit vor dem Buchdruck an, als die Lyrik vor allem auf Mund und Ohr angewiesen war, auf den Performancecharakter. Wenn man seine Gedichte laut spricht, bemerkt man Wortverbindungen, Wiederaufnahmen, Anspielungen, die in erster Linie dem Rhythmusgefühl geschuldet sind.

Marcel Beyer: Graphit. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 207 S., 21,95 Euro. E-Book 18,99 Euro.

88. „Die Stimme / von einst“

Es existiert eine amerikanische Rezeptionslinie von Karl Marx, die über McCarthy nur müde lächelt: vom Sohn eines Hebraisten aus Baltimore Noam Chomsky sowie einem Historiker an der Boston University namens Howard Zinn. Auf dieser Linie wird man sich an die Bemerkung von Marx erinnern, wonach die Deutschen an jeder Restauration teilnahmen, aber an so gut wie keiner Revolution.

Außer im deutschen Osten. Dort fanden wirkliche Revolutionen statt, wenn auch unvollständige, verzerrte Revolutionen, deren Reichweite wir jetzt erst allmählich zu begreifen beginnen. Andere Revolutionen. Andere und anders als man hinlänglich zurechtgedeutet hat. Der Band »Trotz aller feindlichen Nachricht« (poetenladen 2014) des 1943 geborenen und heute in Leipzig lebenden Dichters Roland Erb ist ein berührendes Zeugnis für eine solche innere Revolution.

Es finden sich in diesem Band Gedichte, wie »Friedensgebet 89«, das den Kontext der friedlichen Revolution und den wöchentlichen Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche aufnimmt. Es beginnt so: »Im Hohlraum, im / Ausgehölten, / erdrosselt von / Mauern, / als die Horchenden / schweigend / saßen / beim Singen, / erhob sich funkelnd / die Stimme / von einst. « / Paul-Henri Campbell, Rezension zu Roland Erb, weiter bei Fixpoetry

Roland Erb · Ralph Lindner (Hg.) · Jan Kuhlbrodt (Hg.) · Jayne-Ann Igel (Hg.)
Trotz aller feindlichen Nachricht
poetenladen
2014 · 128 Seiten · 16,80 Euro
ISBN: 978-3-940691-60-6

87. Der arme Spitzel

Moral ist keine Privatsache. Vor allem dann nicht, wenn es um den Umgang mit mutmaßlichen Spitzeln und Denunzianten in einem totalitären Regime geht. Das stellte die Autorin Sabina Kienlechner in ihrem Aufsatz „Der arme Spitzel. Die rumäniendeutschen Schriftsteller und das juristische Debakel der Securitate-Aufarbeitung“ fest, der im März 2014 in der Zeitschrift Sinn und Form erschien. Nun scheint es, als sei die Literaturwissenschaftlerin selbst Opfer ähnlicher Verschleierungsmethoden geworden, wie sie sie in ihrem Essay aufdeckt und beklagt.

Die Gerichte, so Kienlechners These, würden in ihren Urteilen dem Persönlichkeitsschutz der Täter meist größeres Gewicht einräumen als der Aufarbeitung und Wahrheitsfindung auf Seiten der Opfer. Der scharfsichtige Text war im Sommer durch eine einstweilige Verfügung gerichtlich verboten worden. Der rumäniendeutsche Schriftsteller Claus Stephani, der von Kienlechner in ihrem Essay als „mutmaßlicher Spitzel“ bezeichnet wurde, sieht seine Persönlichkeitsrechte verletzt. (…)

Das zähe Ringen um einzelne Formulierungen hat nun ein vorläufiges Ende: Die drei beanstandeten Stellen des Aufsatzes, die einer Neuauflage entgegenstanden, wurden nun gerichtlich festgelegt. Ein Teilerfolg, findet Weichelt, der für die Zeitschrift zumindest die Möglichkeit bietet, den Essay wieder zu veröffentlichen, indem die betreffenden Formulierungen, gegen die Stephani klagte, geschwärzt werden. Weichelt will dies in jedem Fall für die Öffentlichkeit transparent machen und einen wissenschaftlichen Diskurs fördern.

Auch die Autorin betont: „Diese Debatte gehört in die Öffentlichkeit und nicht vor Gericht.“ Das eigentlich Brisante an diesem Fall sei die Tatsache, dass die Gegenseite mit allen Mitteln versuche, jegliche öffentliche Auseinandersetzung zu blockieren, erklärt der Chefredakteur: „Eigentlich geht es Stephani nicht um seinen Ruf, sondern darum, eine mögliche Aufarbeitung der rumäniendeutschen Spitzel-Vergangenheit zu verhindern.“ / Anna Steinbauer, Süddeutsche Zeitung 21.10.

86. Bilder, Schriftbilder, Sprachspiele

Visuelle Poesie von Heinrich Schürmann

Bild Flyer Schürmann

Grafisches und Literarisches sind in seinen Werken untrennbar miteinander verbunden: Ab dem 26.10.2014 zeigt das Museum für Westfälische Literatur in Oelde-Stromberg Visuelle Poesie von Heinrich Schürmann.

Das spielerische Experiment stand immer im Vordergrund: Das hatte den gelernten Maler Heinrich Schürmann (1940-2008) bereits zum Studium der Angewandten Malerei veranlasst. Spät kam neben bildkünstlerischen Arbeiten die Literatur hinzu. 1993 veröffentlichte er erste plattdeutsche Texte, 2004 schließlich das Buch „ICK. Bilder und Gedichte“. Schon dort zeigt sich deutlich: Grafik und Text sind im Werk Schürmanns kaum voneinander zu trennen.

In der Ausstellung treten somit bildnerische und literarische Werke Schürmanns ganz unvermittelt in einen Dialog. Es sind kleinste Worteinheiten, mit denen oftmals gearbeitet wird, die in Bildern auftauchen, verfremdet, verdreht und neu betrachtet werden. Ausgangspunkt ist das konkrete sprachliche Material, das in Collagen und Montagen in unver-traute Kontexte gestellt wird und so neue Bedeutungshorizonte erschließt. So entstehen Text-Bild-Konstellationen, die eine Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung einfordern.

Diese visuelle Poesie hat die Regeln der Syntax und Orthographie außer Kraft gesetzt; viel spannender ist das freie Spiel der lautlichen Elemente, die durch das Plattdeutsche ermöglichte Doppeldeutigkeit. Heinrich Schürmanns Lyrik erzählt auf diese Weise kleine Geschichten aus der westfälischen Landschaft und Region; ebenso häufig sind aber auch Buchstabenbilder, die die Imagination herausfordern wollen.

Die Ausstellung ist bis zum 18.1.2015 im Gartenhaus des Kulturguts Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg zu sehen. Kurator der Ausstellung ist der Literaturwissenschaftler Arnold Maxwill. Das Projekt wird von der Rottendorf-Stiftung gefördert.

SO 26.10.2014 – SO 18.01.2015
G4 Ausstellung im Gartenhaus
Heinrich Schürmann. Visuelle Poesie

Museum für Westfälische Literatur – Kulturgut Haus Nottbeck
Landrat-Predeick-Allee 1
59302 Oelde-Stromberg

Öffnungszeiten
Dienstag – Freitag: 14.00 – 18.00 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 11.00 – 18.00 Uhr