Im Jahr 1976 erschien Karin Kiwus’ erster Gedichtband «Von beiden Seiten der Gegenwart». Der Band wurde von der Kritik einhellig gelobt und erlebte vier Auflagen. Es waren unruhige Zeiten damals auch für die Lyrik, aber Gedichte wurden ernst genommen, über sie wurde gestritten. Die einen wollten sie im Museum entsorgen, andere sie politisch instrumentalisieren, wieder andere sie dem Alltag öffnen. Es war eine Zeitenwende in der deutschsprachigen Dichtung. / Jochen Kelter, WoZ
Das Gesicht der Welt. Gedichte
Karin Kiwus
352 Seiten. Fr. 34.90
Verlag Schöffling & Co. Frankfurt am Main 2014
Lyrik gehört zu den Künsten, die man wohl dosiert genießen sollte. So empfiehlt es jedenfalls Rheinische Post. Ich empfehle: Wohldosiert lesen.
The most significant moment at the Eichmann Trial occurred when the Polish-born writer Yehiel Feiner collapsed while testifying on the stand in Jerusalem, after he was asked a simple procedural question at the beginning of his testimony—the reason why he concealed his identify behind the pseudonym Ka-Tzetnik 135633 (Ka-Tzetnik is the Yiddish term for a concentration camp inmate).
He responded:
“It was not a pen name. I do not regard myself as a writer and a composer of literary material. This is a chronicle of the planet of Auschwitz. I was there for about two years. Time there was not like it is here on earth. Every fraction of a minute there passed on a different scale of time. And the inhabitants of this planet had no names, they had no parents nor did they have children. There they did not dress in the way we dress here; they were not born there and they did not give birth; they breathed according to different laws of nature; they did not live—nor did they die—according to the laws of this world. Their name was the number Ka-Tzetnik.”
Later in his testimony, Ka-Tzetnik stood and turned around, and he then collapsed on the ground.
Several years ago in Tablet, David Mikics explored the literary legacy of Yehiel Feiner, with a particular focus on his post-Holocaust works of Salamandra (1946) and House of Dolls (1953), written under his name of Ka-Tzetnik 135633, and noted, almost in passing, a small book of Yiddish poetry that he published in 1931. Before the Holocaust, Feiner was a musician, writer, and poet, who contributed articles to local Yiddish newspapers and, in 1931, published a volume of twenty-two Yiddish poems. However, as historian Tom Segev writes in The Seventh Million, “[a]fter Auschwitz, [he] made every effort to consign his early work to oblivion, going so far as to personally remove it from libraries. He also discarded his original name. Auschwitz, having robbed him of his family, also robbed him of his identity, leaving only the prisoner.” More
He was born in Sosnowiec, Poland, in 1909 (not 1917, as he later claimed). A star yeshiva pupil in Lublin, he was later active in Zionist circles, and in 1931 he published a book of poetry in Yiddish. (When Ka-Tzetnik found out in 1993 that a copy of the book existed in Israel’s National Library, he stole it, burned it, and sent the charred remains back to the library with the instruction that the rest of it should be reduced to ashes, like all of his pre-Auschwitz existence.) More
Auf der Frankfurter Buchmesse ist die Lyrik noch nicht einmal Nischenprodukt, sondern quasi nicht existent. Mit Gedichten lässt sich kein Geld machen, auf der Frankfurter Messe geht es aber genau darum. Das Fachpublikum interessiert sich nur für die Businessclass der Literatur. Ein paar finnische Verse werden zwar vorgetragen, ein paar indonesische, aber das ist Lyrik für Touristen, ein Spiel mit dem Fremden – ähnlich wie die computergenerierten Gedichte im Zelt des Gastlands.
(…) gerade dort, im Orange Peel, diesem kleinen Club im Bahnhofsviertel, haut es einen vom Barhocker, wenn auf der Bühne plötzlich einer von Bäumen spricht, „die flache Hüte in die Nacht tragen“. Einer, der sich „Straßennamen für Trümmer“ wünscht und warnt: Wenn ein „Motorrad durch den Kopf fährt“, ist das „gefährlich für unsere Artisten“. Ansgar Riedißer, Jahrgang ’98, scheint sich dazu entschieden zu haben, die pubertäre Phase der Dichterei einfach zu überspringen und gleich da anzufangen, wo es ernst wird. Sirka Elspaß, drei Jahre und einige Schreibworkshops älter, macht dann dort weiter, wo es weh tut: „Manchmal sind Sachen am Leben, für die ich nichts kann. Zum Beispiel ein Mädchen, das sich mit Wimperntusche einen Hitlerbart malt“.
(…) Tom Bresemann liest Gedichte, die zunächst ganz alltäglich daherkommen, dann aber bekannte Redewendungen verfremden und auf den Kopf stellen. „Punk kommt von Pünktlichkeit“ heißt es bei ihm, oder „nur ein integrierter ist ein guter Indianer“. Bresemann entlarvt immer wieder den von Stadt- und Dorfbewohnern zur Schau getragenen Individualismus als Teil des Mainstreams, oder die Fremdenfeindlichkeit hinter den Häkelgardinen. / Lea Beiermann, FAZ
Das Gedicht heißt „Timide, timide“ und kombiniert Religion, Landschaft und Linguistik, kontrastiert Bastarda (eine spätgotische Schriftart) und Frühstücksflocken, Pilgerschaft und Autobahn – über Mangel an Vielseitigkeit kann sich kein Leser beklagen. Eher schon gerät er ins Grübeln über der Frage: Muss ich all diese Wörter und Personen kennen? entschlüsseln? verstehen? Und was, bitte, gehen sie mich an?
Nichts natürlich. Nichts im Sinne von Empathie, individueller Betroffenheit und existenziellem Schauder, wofür die Lyrik nach allgemeiner Auffassung zuständig ist. Beyers Gedicht demonstriert die hakeligen, grenzenlosen Vernetzungen der Wörter über lokale Traditionen hinaus und fordert zum Mitknüpfen auf. Katholisch muss man dafür nicht sein, nur geduldig und offen für die gedehnte Bewegung des Textes, für den kalkulierten Wechsel von Fluss und Interruptio, Stocken und Beschleunigung. Geht ins Ohr, in den Kopf und bringt gewohnte Bildsortierungen in zarte Unordnung. / Gisela Trahms, Die Welt
im Hunde- und Menschenauslaufgebiet setzt ein Terrier die Vorderpfoten auf meinen Oberschenkel und schaut mir argwöhnisch ins Notizbuch
Hansjürgen Bulkowski
Das Tier- und Pflanzenreich ist seit je ein bevorzugter Motivkreis des Lyrikers Jan Wagner. Im neuen Gedichtband könnte der Leser geradezu den Eindruck gewinnen, versehentlich in ein Naturkundebuch – freilich eines in Versen – geraten zu sein. Zoologie und Botanik dominieren, allein die ersten fünf Gedichte führen Giersch und Weide, Pferd, Esel und Tümmler im Titel. Und eine ganze Reihe weiterer Arten, das zeigt ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, steht Schlange: Schlehe und Morchel, Elch und Grottenolm, Koala und Eule – oder auch der Yak, um nur einige zu nennen. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung
Jan Wagner: regentonnenvariationen. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 2014, 104 Seiten, 15,90 Euro.
Als die Lyrikerin Eva Strittmatter ihren Gedichtband „Ich mach ein Lied aus Stille“ herausbrachte (oder eigentlich der Verlag; denn es war ihr erster Band, sie war nicht mehr ganz jung; die Entscheider des Lands DDR hatten lange gezögert, ob man solche Lyrik in einer sozialistischen Gesellschaft veröffentlichen dürfe, zuviel romantische Natur und Seelenzergliederung), Eva Strittmatter war indessen eine recht streng staatstreue Kritikerin gewesen; als er jetzt also doch erschien, da konterte Adolf Endler bei seinem nächsten Band, er schreibe „Lieder, nicht aus Stille gemacht“.
Nächste Woche erhält Gerhard Falkner den Wolfram-von-Eschenbach-Preis des Bezirks Mittelfranken. Die Hersbrucker Zeitung sprach mit dem Lyriker, Dramatiker, Essayist und literarischen Übersetzer im Vorfeld über seine Inspirationsquellen, sein Leben zwischen dem fränkischen Weigendorf sowie Berlin. (…) Zu der Verleihung des Wolfram-von-Eschenbach-Preises verrät er trocken: „Es ist nicht so schwierig, sich über Preise zu freuen – vor allem, wenn man als Künstler nicht regelmäßig Geld verdient.“ Es sind 15.000 Euro, über die er sich jetzt freuen darf. / Nürnberger Land
Charles Simic mit seinem Gedicht „Jahrmarkt“ in der jahrzehntelang von Marcel Reich-Ranicki geführten „Frankfurter Anthologie“ der FAZ. Der Kommentar ist anscheinend von Silke Scheuermann (im Netz ist das etwas versteckt).
Die stille Kunst der Lyrik geht aus Sicht dreier bekannter Kritiker auf der lauten Buchmesse all zu leicht unter.
Bedauerlich, fanden Hajo Steinert, Denis Scheck und Hubert Winkels am Freitag in Frankfurt und legten den Lesern den Lyriker Jan Wagner ans Herz. Seine Texte, zum Beispiel über das Unkraut Giersch, seien „bald so zitabel wie Robert Gernhardt“, sagte Scheck. / t-online
Antworten von Stefan Mesch (siehe #38):
83_All German children spend 9+ years in school. They have more than 9,000 hours of classes. How many of these classes should be about poetry? Poetry writing? Poetry history? Poetry analysis?
.
84_I don’t remember if, in 13 years of Deutschunterricht, we ever saw a poem by a non-German author. Even today, I could not name 5 to 10 French, Spanish or Italian poets. We had no Milton in school. No Dante. Plath, cummings, Dickinson and Blake only showed up in my A-Level English class / Englisch-LK.
.
85_Because poets know so well how to craft colorful, intelligent, surprising and precise sentences… what kind of jobs or university courses could profit from a poetry-writing class or workshop? Who could learn? And what? Teachers? Copywriters? Journalists? Anyone talking or writing?
.
86_Once I google „Why is poetry important“, I get these points and ideas:
language awareness
critical analysis
creativity and enthusiasm
and, in ALL German results: “to talk about the feelings that you can’t express otherwise”
“Dogs are so tricky!” Does poetry matter?
.
Stefan Mesch fragt – Lyrikzeitung antwortet
01_I don’t know any people who read poetry… that aren’t poets themselves.
….. We do. Well… some at least.
02_Have you ever spent money on a poetry collection?
….. Yes we have… weekly, in some years daily
03_Did you ever copy, photograph or forward a poem? They’re easy to pirate / collect / archive / spread around. Why aren’t we doing that – all the time?
….. I do this every day, day and night. Dann sind wir schon zwei!
04_Why aren’t there poems in Happy Meals? On street corners? In every issue of Der Spiegel? Poetry doesn’t take much space: Why isn’t it more present in public life?
….. Ask Der Spiegel. (When Benn read Spiegel many papers still did print poems)
05_What’s the use of studying poems in school?
….. You’ll know later… if you happened to have had a good teacher, or some good friends.
06_What’s the use of learning poems by heart?
….. If you really learned them by heart, you will be rewarded later.
08_Would you rather meet someone who wrote poems – or someone who read them? Would you rather be known as a poet… or as a reader of poems?
….. Some poets, yes. And some readers too. The others of both kinds, rather not. – If you read this, you read a reader.
16_Name three famous poets… who are still alive.
….. Famous with me? or with Spiegel readers?
17_Name one famous poet still alive… who is famous for his or her poetry: no novelists or playwrights or Bob Dylans who publish poetry on the side!
….. Adonis. Friederike Mayröcker. Elke Erb. (At least one of them equally with readers and some nonreaders).
Jetzt zwei Gegenfragen: Why do people enjoy dissing poets? And why do poets enjoy dissing poetry… and poets?
Hier kann man das ganze lesen (sehr empfohlen).
Der Autor Utz Rachowski ist einer von zwei Lenau-Preisträgern des Jahres 2014. Der in Reichenbach und Berlin lebende DDR-Dissident erhielt jetzt mit dem Lyriker Bodo Heimann den Preis im Esslinger Rathaus aus den Händen von Wolfgang Schulz, dem Bundesvorsitzenden der Künstlergilde Esslingen. Mit der Auszeichnung würdigte die Jury die ausgezeichnete Lyrik, die Rachowski in seinem jüngst erschienenen Gedichtband „Miss Suki oder Amerika ist nicht weit“ gelang. Rachowski war zuletzt für seine Erzählungen „Red mir nicht von Minnigerode“ (2006) und „Beide Sommer“ (2011) mit dem Reiner-Kunze-Preis ausgezeichnet worden. / Freie Presse (Reichenbach)
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