21. Adrenalin

Ernest Wichner im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau:

Ich hatte schon als Jugendlicher eine literarische Existenz angestrebt. Ich wollte Gedichte, Prosa, Literaturkritiken schreiben. Mit denen hörte ich dann ganz auf, als ich 2003 Leiter des Literaturhauses wurde. Ich wollte nicht, dass die ja doch sehr übersichtliche Szene dann auf Grund meiner Kritiken glaubt, mich ausrechnen zu können. So habe ich dann, weil ich ohne Schreiben nicht leben kann, mich dem Übersetzen zugewandt. Das lässt sich sehr gut mit der Arbeit im Literaturhaus – mit der Verwaltungs-, Planungs- und Organisationsarbeit – verbinden. Vor mir liegt der Text eines Autors. Ich muss mir nichts ausdenken. Ich muss mein deutsches Sprachvermögen aktivieren und kann Literatur schreiben. Wenn man beim Übersetzen knifflige Fragen klären muss, ist man intellektuell hellwach, manchmal sogar „inspiriert“, und das führt zu den gleichen Adrenalinausschüttungen, wie wenn man selber ein Gedicht schreibt

20. Finnlandschwedische Avantgarde

… fünf Autoren der Moderne (…) Edith Södergran ist natürlich dabei – ein zartes Mädchen, besessen von einem Genius, der sich mit dem von Rilke messen könnte. Sie wurde mit Anna Achmatova und Emily Brontë verglichen. Ihr Motto: «Ich mache keine Gedichte, sondern ich erschaffe mich selbst.»

Kaum zu glauben, dass zur selben Zeit der jugendliche Lebemann Henry Parland seine der Neuen Sachlichkeit verpflichteten Ding-Gedichte schrieb, zuletzt als Arbeitsmigrant im ­litauischen Kaunas. Lokomotiven, Strumpfhosen, Kinos, Jazz, Reklame, das sind seine Zeit-Indikatoren, mit denen er aber genauso ironisch abrechnete wie mit der «sentimentalen Maske des Himmels». Sein Grundsatz: die Verramschung der Ideale. «Wir müssen die Preise weiter senken.»

Dass die Kritik ihm Nihilismus vorwarf, verwundert wenig. Gedichte mit Geld statt Worten zu schreiben, schien ihm ebenso lukrativ wie Europa zu kaufen: «Einmal Europa – dankend erhalten», so quittierte er seine Vorstellung von Kapitalismus. Mit 22 Jahren schon starb dieser scharfäugige und -züngige Modernist. / Astrid Kaminski, Tagesanzeiger

Finnlandschwedische Literatur der ­Avantgarde.
Hrsg. und aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke.
Kleinheinrich, 2014. Fünf Bände in ­einer ­Kassette.
Je 180 S., ca. 125 Fr. (Die anderen Autoren sind Gunnar Björling, Elmer Diktonius und Rabbe Enckell)

19. Preis für Horst Samson

Der Gerhard-Beier-Preis 2014 der Literaturgesellschaft Hessen e. V. geht an Horst Samson. Ausgezeichnet wird sein Lyrikband „Kein Schweigen bleibt ungehört“. Die Preisverleihung findet am 19.10.2014 um 11 Uhr in der Kronberger Bücherstube, Friedrichstraße 71, 61476 Kronberg, statt.

Der Jury gehören an: Ursula Teicher-Maier, Sela König und Paul Pfeffer.

18. Jane Gentry Vance †

Former Kentucky poet laureate Jane Gentry Vance, 73, a longtime University of Kentucky professor who penned a large body of poetry, as well as critical essays and book reviews, died Thursday at Taylor Manor Nursing Home in Versailles after battling cancer. / Mehr

17. Zuhause

„Zuhause sein ist eigentlich das Schönste“. Das sagt der 51-Jährige mit leicht sächselndem Einschlag. Sein thüringisches Heimatdorf musste dem Bergbau weichen. Die Erinnerung an die verschwundenen Dörfer „aus holz, aus / stroh, aus denen wir kamen, rissig & dünn / mit einem am wind / geschliffenen echo…“ ist in seinen Gedichten aufgehoben. „Pech & Blende“ heißt sein Gedichtband von 2000, ein Geigerzähler tockt als „Stellwerk des Herzens“ in seiner Erzählung „Turksib“, für die er 2007 den Bachmannpreis erhielt. Hier in diesem von einem toten Dichter geborgten Haus in Wilhelmshorst, in der Melancholie der märkischen Ebenen, hat Seiler eine andere Heimat gefunden. „Wenn ich Erde sehe und Bäume, ist eigentlich alles gut.“

„Heimat“, sagt Lutz Seiler, „wird immer wichtiger, vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Früher dachte ich, das ist vielleicht etwas Sentimentales, etwas Gemachtes.“ Der Schriftsteller bezeichnet sich auch gerne mal als Hausmeister. Eher ist er der Heizer, der die Seele des Hauses gegen die Fröste des Vergessens warm hält, oder wie jetzt die Fenster und Türen zum Garten hin aufreißt, damit Luft in das Dichtermuseum herein kann. / Sabine Vogel, FR

16. Poetopie

78,58571428 kg – eine Zahl, die ebenso lebt wie der Leib, zu dem sie gehört

Hansjürgen Bulkowski

15. verlangsamte raserei

Unumwunden sei begonnen: Evelyn Schlag ist seit drei Jahrzehnten nicht nur eine der bedeutenden deutschsprachigen Prosaautorinnen; sie gehört zu den tragenden lyrischen Stimmen Österreichs. (…)

In den Wortpulsaten der Evelyn Schlag konzentriert sich Bewegung, die ein Gedicht „schengenraum“ als „momente politischer / freude die man im herzgefäß ablegen muss“ bezeichnet. „grenztänzer“ spielen wie „europa“, die „ukraine“ oder Benazir Bhutto eine motivische Rolle in diesen Gedichten, die den, sagen wir, empfindungspolitischen Teil dieser lyrischen Zyklen darstellen.

Diese Gedichte scheuen die große Geste; sie wirken pathosresistent. Und auch das hat poetische Gründe, wie das Gedicht „tote pose“ belegt: „manchmal vergreifen wir uns mit dem tiefen ton.“ Wir aber sollten uns von dem gewichtig leichten Ton dieser Gedichte ergreifen lassen, wieder und wieder. / Die Presse 4.10.

Evelyn Schlag
verlangsamte raserei

Gedichte. 120S., geb., €23,90 (Zsolnay Verlag, Wien)

14. Safiye Can sieht das anders

Die Offenbacher Autorin Safiye Can sieht das mit der Rezeption ihrer Werke gelassen: „Die Leute verstehen meine Gedichte.“ So auch bei ihrer Lesung in der Schillerschule. Diese ist Auftakt zum aktuellen Schulkünstlerprojekt und Can die Pate stehende Künstlerin fürs kommende Schuljahr. Ihr Debut „Rose & Nachtigall“, ein Band mit Liebesgedichten, ist im April erschienen. (…)

Das Schulkünstlerprojekt ist Teil eines vielfältigen Angebots „jenseits von Notendruck und Lehrplänen“, erläutert Orth. Wichtig sei für Schüler „die Begegnung mit Personen, die keine Lehrer sind“. Künstler kennen zu lernen soll ihnen „neue Horizonte eröffnen“. Can ist die 20. Schulkünstlerin. (…)

 Auf alle Fälle wolle sie „Spuren hinterlassen“. Wichtig ist ihr, einen Überblick zu schaffen, was Lyrik sei und „was es so gebe an zeitgenössischen Werken“. / op online

13. In der Schule

Bestimmt Lyrik den Unterricht, sinkt das Fach Deutsch bei vielen Schülern auf der Beliebtheitsskala schnell nach unten. Mit ihren kurzen Texten, in denen es nur so von Metaphern, Anaphern, Stilmitteln, Versmaßen und Strophenformen wimmelt, können Schüler häufig nichts anfangen. Laut Petra Anders, Dozentin für Fachdidaktik Deutsch an der Humboldt-Universität Berlin, liegt das vor allem an der Vermittlung von lyrischen Texten im Unterricht. „Hier könnten Lehrer gut mit Songtexten oder Raptexten einsteigen oder den Schülern zeigen, wie sie selbst ganz textnah mit Gedichten umgehen und Zeile für Zeile paraphrasieren“, sagt sie. Manchmal helfe den Schülern auch ein biografischer Zugang zum Autor, um ihn und seine Lyrik besser zu verstehen. / bildungsklick

12. Fragen an Anton Leitner

stellte Wolfgang Prochaska, Weßling, Süddeutsche Zeitung Starnberg 4.10. („Ich bin ein Medien-Unternehmer“):

SZ: Herr Leitner, das Cover der neuen Ausgabe „Der Swing vom Ding – Die Lust am Objekt“ erinnert an Heft 8, jene Ausgabe über Erotik, die Ihre Zeitschrift bundesweit in die Schlagzeilen brachte. Wollen Sie mit Ausgabe 22 wieder in die Schlagzeilen?

(…)

Früher waren die Ausgaben von Das Gedicht oft unschuldig weiß. Jetzt wählen Sie einen schwarzen Umschlag. Warum?

(…)

Haben Sie einen ganz bestimmen Autorenkreis, der dazu dann Gedichte schreiben soll? Oder wie läuft das?

(…)

Ist der Leitner-Verlag jetzt ein mittelständischer Betrieb und gleichzeitig ein Start-up?

(…)

Wird es für Sie nicht langsam unübersichtlich?

11. Quatschsätze & Kinderschutz

Eine „Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW“ (AJuM)

sichtet und prüft Kinder- und Jugendliteratur und Medien unter dem Gesichtspunkt der Verwendbarkeit in pädagogischen Arbeitsfeldern. Mehr als 500 Pädagoginnen und Pädagogen, Erzieherinnen und Erzieher, Bibliothekare und sonstige fachlich qualifizierte Personen aus allen Bundesländern tragen die Rezensionsarbeit. Die Ergebnisse fließen unmittelbar ein in die pädagogische Praxis, außerdem in die direkte Beratung von Kindern, Eltern, Lehrkräften usw., in Fortbildungsveranstaltungen und in zahlreiche Publikationen.

Folgendes haben sie über das Kinderbuch „Der Bauer schiebt den Trecker“ von Kerstin Hensel herausgefunden:

Teilweise ergeben die Verse Sinn, teilweise sind es “Quatschsätze”. Da gerade kleinere Kinder gerne Geschichten in Reimen hören, werden sie es vermutlich mit Vergnügen hören und die Bilder dazu ansehen. Insbesondere Kinder im Kindergartenalter sind zudem für “Quatschsätze” zu begeistern und werden ihren Spaß daran haben. Insgesamt halte ich jedoch Sätze wie “Die Sonne mäht die Wiesen, und Busch und Bäume niesen” oder “Es dunkelt der Holunder und zieht die Wolken zu” nicht unbedingt für sinnvoll. Kindergartenkinder werden wissen, dass dies Quatsch ist, kleinere Kinder im Alter von zwei oder drei Jahren erschließen sich jedoch teilweise ihre Umwelt über Geschichten und Bilder, ihnen müsste man dann erklären, dass die Sonne nicht die Wiese mähen kann, Busch und Bäume nicht niesen und Brombeersaft nicht durch Hecken fließt.

Fazit: „Eingeschränkt empf.“ Na dann Prost. Wie gut, daß es Prüfstellen gibt, die aufpassen, daß unsere Kinder nicht durch Poesie vergiftet werden. Wahrscheinlich setzt man dafür absolut gefestigte Charaktere ein, Leute, die garantiert nichts umhaut, wenn sie den Schutz und Schund der Poesie herauspicken.

Hier ein Beispiel für den poetischen Quatsch der Hensel:

10484173_766161230118366_2110349273311849597_o(Irgendwie versteht man, warum man in Österreich das Problem mit der Wurzel anpacken will, siehe vorige Meldung).

10. Prüfverfahren

Nachricht aus Österreich:

Volksanwalt Peter Fichtenbauer leitet ein „Prüfverfahren zum Bedeutungsverlust der Literatur im Deutschunterricht“ ein. „Ich habe die zuständige Bundesministerin für Bildung und Frauen um Stellungnahme ersucht, welche Maßnahmen sie zu ergreifen gedenkt, um das völlige Verschwinden des Literaturunterrichts zu verhindern“, so Fichtenbauer.

Die Regeln für die Zentralmatura hält der Volksanwalt für bedenklich: „Literarische Texte können nicht durch Leserbriefe, Roman-Bruchstücke oder Gebrauchsanweisungen ersetzt werden.“ /  Die Presse

Noch ein Zitat:

Mit der neuen Matura wird die Literatur im Deutschunterricht abgeschafft. Schriftsteller schlagen Alarm. Warum die Hinwendung zum rein Praktischen ein Armutszeugnis ist.

9. Gestorben

Am 27. September starb der berühmte chinesische Dichter Zhang Xianliang nach langer Krankheit im Alter von 78 Jahren.

Er wurde 1936 in Nanking geboren. 1957 wurde er verhaftet, weil seine Werke „konterrevolutionär“ seien. 22 Jahre war er in einem Lagerinhaftiert. Erst 1979 wurde er rehabilitiert. Weil er es wagte, die Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz im Jahr 1989 zu unterstützen, wurden seine Schriften erneut verboten. Er wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. / Actua Litté

8. Charles Bernstein

Aus Jan Kuhlbrodts Besprechung des neuen Bandes von Charles Bernstein bei Signaturen:

Auf das Buch der Gruppe Versatorium hatte ich an dieser Stelle schon hingewiesen. Jetzt also ist (endlich) die umfangreiche Sammlung Angriff der schwierigen Gedichte der Gruppe um Norbert Lange im Wiesbadener Verlag luxbooks erschienen.

Charles Bernstein wurde 1950 in New York geboren. Er gehört zur Gruppe der L=A=N=G=U=A=G=E Poets, deren Zusammenhang eher in theoretischen Überlegungen, als in ihren lyrischen Produkten zu finden ist. Zentral ist die aktive Rolle des Lesers, der in der Rezeption den Text gewissermaßen erst hervorbringt und somit auch den Autor und dessen quasi natürliche Präsenz hinter dem Text verschwinden lässt. Zugespitzt formuliert wird das tradierte Verhältnis von Leser und Autor in einen dynamischen Prozess umgewandelt. Diese Position ist mir sehr nahe, nicht nur, weil damit dem Autor das Deutungsprivileg am eigenen Text abgesprochen wird.

Natürlich ergeben sich daraus für eine Übersetzung enorme Konsequenzen und die Frage der Texttreue stellt sich auf einer anderen Ebene neu. Was bedeutet das Original? Und worin besteht der Versuch, ihm nahezukommen. Während das Buch der Versatoriumgruppe dieses Problem versucht auf eine gewisse spielerische Art zu lösen, und dabei die Grenzen des Mediums erweitert und überschreitet, findet es hier einen rein literarischen, aber dabei nicht minder konsequenten Niederschlag. Der Leser (und damit auch der Übersetzer, der ja zunächst auch nichts anderes ist als Leser) trägt gewissermaßen seinen eigenen Referenzrahmen an das Gedicht heran, verwandelt es. Verwandelt es in eine andere Sprache zuweilen, aber immer in ein anderes Gedicht. Das bedeutet aber auch, dass der Leser während der Lektüre nicht in die Rolle des passiven Beobachters entlassen wird. Das ganze bleibt Prozess und das Gedicht verändert sich bei jeder Lektüre.

Charles Bernstein: Angriff der schwierigen Gedichte. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. Wiesbaden (luxbooks) 2014. 380 Seiten. 29,80 Euro.

7. Ann Cotten

Ann Cotten sitzt, leicht abgewandt, ganz konzentriert auf ihren Text, an einem langgestreckten Pult, das sie sich mit DEEF teilt – so nennt sich der Musiker, der sich über einen Laptop beugt, sein Arsenal an Effektgeräten, sein „Modularsystem“ zur Seite. Über die ganze Breite des Raumes zieht sich ein gewellter Vorhang, das Licht, das auf ihn fällt, wechselt die Farbe. Immer wieder fließt Kunstnebel in den Raum, die Worte der Dichterin vermengen sich in dieser unwirklich intensiven Szenerie mit dem Klang der Maschinen.

Cotten lauscht, reagiert, beide Ebenen des Geschehens sind präzise aufeinander abgestimmt. Einmal wirkt ihre Sprache als reiner Klang, rhythmisiert, zerfällt in Bruchstücke, Wiederholungen, dann wieder taucht Sinn in diesen Worten auf. Sinn, der springt, der konkrete Szenarien heraufbeschwört, dann ins Essayistische, Assoziative oder Surreale schwenkt. / Thomas Morawitzky, Stuttgarter Nachrichten 1.10.