23. Der Wahrheit nachsinnen – Viel Schmerz!

Von Walter G. Goes (ARTus) • Bergen auf Rügen

Am 3. November 1914 starb »von eigener Hand gefällt« (Else Lasker-Schüler) in Krakau der Dichter Georg Trakl. Zeichnung: ARTus
Am 3. November 1914 starb »von eigener Hand gefällt« (Else Lasker-Schüler) in Krakau der Dichter Georg Trakl.
Zeichnung: ARTus

Auf den Dichter Georg Trakl (1887-1914) stieß ich zunächst durch Radierungen des Leipziger Künstlers Hans Schulze (1904-1982). Er zeigte mir Blätter zu Gedichten Trakls um das Jahr 1971 in seinem Atelier.

Schulze, ein Solitär unter den Künstlern Mitteldeutschlands, eine unter Insidern geschätzte, weil eigenwillige Persönlichkeit, war geprägt durch seine Ausbildung an der bis zur Nazi-Zeit freigeistigen Breslauer Akademie. Er hatte weitgespannte literarische Interessen und wusste diese in fantastische Bild-Kompositionen zu modeln. Sie vermittelten so gesehen einen gänzlich anderen Kunstdiskurs, als ihn der Tenor des in der DDR sonst Vermittelten vorgab.
Ein neu eingesetzter Leiter des damaligen Kreiskulturhauses Bergen auf Rügen, der gegenüber ungewöhnlichen Initiativen offen war und damit auch die Einrichtung einer Kleinen Galerie beförderte, ermöglichte im Jahr 1973 eine Präsentation von Arbeiten Schulzes, auch die zu Gedichten Trakls.

Zwei Jahre später, endlich, erschien bei Reclam Leipzig eine erste Werkauswahl »Gedichte« von Georg Trakl, in einer Auswahl zusammengestellt von Franz Fühmann und mit einem Nachwort von Stephan Hermlin versehen. Diese schmale 118-Seiten-Broschur war ein Ereignis. Der mit der Nummer 614 versehene Band aus Reclams Universal-Bibliothek sollte die Vorlage für mein Diplom im Jahr 1979 bilden, das ich mit Trakl-Illustrationen an der Kunsthochschule Weißensee abzuschließen gedachte. Als die Drucklegung in den schuleigenen Werkstätten beendet war, schickte ich ein Exemplar unter dem frei gewählten Titel »Verfall« an Franz Fühmann. Und… erhielt am 16. Mai 1979 Post vom Ostberliner Strausberger Platz 1. Einen Brief, der mich noch heute in Aufregung versetzt: »… haben Sie herzlich Dank für Ihr Geschenk. Es kam in einem seltsamen Augenblick: Ich sitze in meinem Essay seit Wochen an einer Analyse von Trakls Verfall und Ihr Band deckte sich mit einem der Resultate, zu denen ich kam. Es ist schwer zu sagen, auf welche Weise, doch dies Zusammentreten hat mich stark berührt. Ich erwidere Ihr Buch dann mit dem meinen, falls es erscheint. Und wenn, dann ja nicht vor dem letzten Quartal 1980. Dank + Händedruck«.
Den mir versprochenen Vorzugsband, bei Reclam 1981 in nur 115 Exemplaren erschienen, erhielt ich erst nach dem Tod Fühmanns über ein Hamburger Versandantiquariat. Bezeichnet ist er mit der Nr. 4 und enthält einen Autograph Fühmanns, eine Originalabschrift des Trakl-Gedichts »Im Schnee«, das die erschütternde, bis heute oft zitierte Zeile »Der Wahrheit nachsinnen – Viel Schmerz!« enthält.
Ein Schmerz, der den Dichter im November 1914, im Angesicht der Verrohung und des blinden Ausgeliefertseins der Menschen durch den Krieg, umbrachte. ARTus

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 662 von Walter G. Goes (ARTus) • Bergen auf Rügen

Eine gekürzte Version erscheint in der Ostsee-Zeitung Rügen am 8. November 2014

22. Linus Westheuser

Ein weiteres Debüt aus dem Lyrikkollektiv G13, diesmal bei Kookbooks: Linus Westheuser, 1989 in Berlin geboren, wo er auch studiert (Soziologie), hat bereits Gedichte in BELLA triste, Belletristik, poet, sowie einigen anderen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Außerdem ist er bei Babelsprech, dem Netzwerk für junge Lyrik aktiv, wo er zusammen mit Joel Scott und Charlotte Warsen den Blog „Hallo Präsident“ moderiert, der sich dem Themenkreis Politik und Lyrik widmet. (…)

Eine frei flottierende, überschwängliche Lyrik (die übrigens auch im Vortrag gut funktioniert) ist das, surreal, mit schlafwandlerischem Erfindungsgeist, der ganz auf das Intuitive setzt. Aber auch nach diesem Abschnitt ist Linus Westheuser noch nicht an seine Grenzen gekommen: Der Schleudersitz der Poesie fliegt immer noch, sozusagen, in das nächste Stockwerk, das im Kapitel „acht farben“ zu einem Theatersaal wird, in dem sich zwei Verliebte einen Dialog liefern, der in allen Farben der lyrischen Palette schimmert. Im Bogenschlag schließlich führen die letzten beiden Kapitel, „jäger im schnee“ und „ich bin verliebt in die großen vögel“ in die Ausgangsform zurück und schließen mit dem gleichermaßen närrischen wie hochtrabenden „ich bin der könig im elektrischen königreich“, das dem ordentlich durchgerüttelten Leser gnädig eine bonne nuit wünscht. / Fabian Thomas, Fixpoetry

Linus Westheuser
oh schwerkraft
Mit einer Coverzeichnung von Charlotte Warsen. Gestaltet von Andreas Töpfer
Kookbooks
2014 · 80 Seiten · 19,90 Euro
ISBN: 9783937445663

21. Laudatio auf Jan Kuhlbrodt

anläßlich der Verleihung des Sächsischen Literaturpreises

Von Jayne-Ann Igel

Daß wir in diesem Jahr, da sich die Friedliche Revolution des Herbstes 1989 zum 25. Mal jährt, Jan Kuhlbrodt als Träger des Sächsischen Literaturpreises ehren dürfen, empfinde ich als eine überaus glückliche Wahl der Jury. Denn mit ihm ehren wir einen Zeitgenossen, der gleich in mehrfacher Hinsicht der Literatur verbunden ist: als Autor, Kritiker, Theoretiker, Mittler, Lehrender und begeisterungsfähiger Rezipient, dessen Begeisterungsfähigkeit jedoch den analytischen Blick auf Literatur nicht verstellt. Und ehren damit einen Autor, für dessen literarisches Schaffen der Blick auf die jüngste Geschichte, Vor- und Nachwendezeit, und wie sich diese Geschichte im Gegenwärtigen widerspiegelt, bestimmend ist. Explizit in Kuhlbrodts Langgedicht „Stötzers Lied“ ist das gut zu beobachten. Hier können wir dem Erinnerungsstrom des Titelhelden, die dem Vorbild einer im übrigen historisch verbürgten Person nachempfunden ist, folgen. Einer Figur, die in Zwiesprache mit dem Autor-Ich nicht nur ihr Leben und die Wirklichkeiten in der DDR und der Zeit nach der Wende reflektiert, sondern dies alles in einen erhellenden kulturhistorischen Zusammenhang stellt. Stötzer und sein Autor mögen dabei als Sonderlinge erscheinen, die mit ihren philosophisch-poetischen Betrachtungen der Jetzt-Zeit öfters quer liegen, quer zur dominierenden Denkrichtung und Erinnerungskultur. Doch das macht das Ganze erst produktiv. Und an mancher Stelle blitzt dabei hintergründiger Witz auf, der mich an einen gewissen Herrn Keuner denken läßt …

Nachdem im Kielwasser der 1989er Ereignisse das Ende aller Utopien, ja der Geschichte überhaupt verkündet wurde und es dem Zeitgeist auch opportun erschien, das aufklärerische Moment aus der schöngeistigen Literatur zu verbannen, bedürfen wir in der Gegenwart dieser Funktion von Literatur resp. Kunst dringlicher denn je. Jan Kuhlbrodts philosophisch grundierter und genreüberschreitender künstlerischer Ansatz kann in diesem Sinne als Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart verstanden werden. Einer Zeit, in der die herrschende Ökonomie errungene Freiheiten und Individualität mehr oder weniger subtil umformt und perforiert und so neuerdings eine Uniformität erzeugt, marktkonform, wiewohl sie sich bunt gibt. Die Menschen haben darin oft nur noch Gewicht als Konsumenten, Kunden, Klienten und Selbstvermarkter, als Subjekte wie Objekte einer alle Lebensbereiche durchdringenden Ökonomisierung. Während die Kunst vom Einzelnen spricht, ihm Wesenhaftigkeit und Würde zurückgibt. In einer Sprache, die den Dingen den Charakter von Allgemeingültigkeit verleiht. Jan Kuhlbrodt, der noch zu DDR-Zeiten Politische Ökonomie studiert hat und in den 90er Jahren in Frankfurt/M. Philosophie und Soziologie, ist ein Zeitgenosse, der diese Prozesse genau beobachtet, mit einer Sensibilität auch für den Grad der damit einhergehenden Entsolidarisierung in der Gesellschaft. Geschichte, Zeitgeschichte und die Auseinandersetzung mit politischen Entwicklungen bilden ein konstitutives Element für sein Schreiben, wie er in einem Bändchen der Essayreihe „Edition Poeticon“, das im letzten Jahr im Verlagshaus J. Frank erschienen ist, bekennt. Ganz gleich, ob es dabei um Gedichte, Prosa, Essay oder Literaturkritik geht. Auch Kuhlbrodts literarischen, literaturtheoretischen wie -kritischen Exkursen eignet immer eine geschichtliche als auch zeitkritische Dimension – er verkörpert in diesem Sinne den Typus eines Intellektuellen, der sich in vielfältiger Weise in laufende Debatten einmischt. Einen Typus, den es heute kaum noch gibt, wiewohl er bitter nötig wäre, in einer Zeit schwindender gesellschaftlicher Übereinkünfte.

Jan Kuhlbrodts gattungs-, genre- und sprachübergreifendes Arbeiten dünkt mir einer jener Anknüpfungspunkte an verschüttete Literaturtraditionen vorhergehender Jahrhunderte und vor allem der Aufklärung und der Europäischen Moderne, nach denen er in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur immer und oft vergebens auf der Suche. Wenn er in seinem Geschichtsessay etwa bedauert, daß mit einigen wenigen Ausnahmen Geschichte in der deutschen Gegenwartslyrik kaum eine Rolle spielt oder auf Neuerungen in der erzählenden Prosa insistiert, so zählt für mich Kuhlbrodt unbedingt zu diesen Ausnahmen und auch zu jenen, die sich nicht scheuen, sich mit tradierten Formen auseinanderzusetzen und zu experimentieren. Insbesondere in seinen letzten Veröffentlichungen, zu denen gleichberechtigt Beiträge in digitaler Form zu rechnen sind, münden Erkundungsgänge durch die jüngere Vergangenheit, die Gegenwart und selbst durch autobiographisches Terrain immer wieder in geschichtsphilosophische Betrachtungen und zeitübergreifende Diskurse. Sie bilden den besten Beleg dafür, daß er in eben diesem Sinne unterwegs ist, und das nicht einfach, indem er die vorhandenen Traditionsfäden aufnimmt, sondern in der Verknüpfung verschiedener Reflektionsebenen daraus ein ganz eigenes Garn „spinnt“, neue Perspektiven eröffnet. Kuhlbrodts poetischen Räumen eignet immer auch eine geschichtliche Dimension und umgekehrt. Und in Geschichte, so können wir dem obengen. tiefgründigen, die Möglichkeiten und Grenzen historischen wie zeitgenössischen Künstlertums gleichermaßen auslotenden Essay weiter entnehmen, manifestiert sich vor allem Freiheit. Dabei darf Freiheit hier durchaus als emanzipatorisches Element verstanden werden. Kunst gilt ihm als Einwand gegen das Unausweichliche. Das mag zunächst paradox erscheinen, doch im genaueren Hinschauen als Widerspruch, der produktive Wirkungen zu entfalten vermag. Denn weiter heißt es: Dichtungen sind wie alle Kunstwerke das Bleibende am Vergänglichen.

Jan Kuhlbrodt, der die erste Zeit seiner Kindheit, die Jahre vor der Schrift im Karl-Marx-Städter Stadtteil Sonnenburg verbracht hat, pendelte, den Herkünften seiner Eltern geschuldet, zwischen den Polen eines mehr proletarisch geprägten Alltagsbewußtseins auf der einen und einer eher bürgerlichen Kultur auf der anderen Seite. Die Großeltern väterlicherseits besaßen eine Doppelhaushälfte am Rande dieses Viertels, ein Haus, was schon etwas bedeutete, in der DDR. Heute würde man vielleicht von einem eher bescheidenen Mittelstand sprechen, nur daß in der DDR dieser Begriff kaum Verwendung fand. Früh hat der Junge soziale und kulturelle Unterschiede wahrgenommen, ohne sie indes zu bewerten. Diese Pole bildeten für das Kind, dessen Vokabular Substantive ohne Substanz enthielt, vielmehr Anker- und Ausgangspunkte für die alltäglichen Erkundungsgänge, was sich in Jan Kuhlbrodts pointierter erzählerischer Prosa „Vor der Schrift“ wunderbar nachvollziehen läßt.

Es liesse sich noch manch anderes Lobenswertes insbesondere zu Jan Kuhlbrodts Rolle als Sondeur nicht allein in der Landschaft der deutschsprachigen Literatur hinzufügen. So erscheinen dieser Tage seine Neuübertragungen von Gedichten des griechischen Lyrikers Konstantinos Kavafis, auf der Website des poetenladen dazu in regelmäßigen Abständen Nachdichtungen der Lyrik zeitgenössischer Autorinnen und Autoren aus Griechenland. Er hat da ein Fenster aufgestoßen, zugunsten eines internationalen Austauschs … Jan Kuhlbrodt regt immer wieder zur Lektüre der Werke von Autorinnen und Autoren an, deren Namen dem Vergessen anheim gefallen sind oder denen nicht die Aufmerksamkeit zu teil geworden, die sie verdient hätten. Hier möchte ich stellvertretend nur zwei Namen nennen: Schestow und Tschurilin, letzterer erst eine jüngste Entdeckung. Wer sein Blog „postkultur“ besucht, wird reich beschenkt werden. Das Blog stellt eine Art Arbeits- und Logbuch dar, einen weiteren Raum für Reflexionen und Entdeckungen.

Jan Kuhlbrodts Künstlerschaft ist von einer Unbedingtheit – auf seine Haltung könnte zutreffen, was Reiner Kunze vor ein paar Jahren in einem Interview hinsichtlich der Entstehungsgeschichte des Gedichts von der Post formuliert hat: „Wenn Ihnen solche Einfälle kommen und Sie schreiben die Gedichte nicht, versündigen Sie sich an der Poesie, der Freiheit und den Menschen“. Und Jan Kuhlbrodt ist dabei auch einer, der die Bedingungen dieses Künstlerdaseins mitreflektiert.

Jayne-Ann Igel 05/XI/2014

20. Volksdeutsche Jugendbewegung

Als sie am 19. April 1933, kaum ein Vierteljahr nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten, aus Deutschland in die Schweiz emigrierte, war die Dichterin Else Lasker-Schüler 64 Jahre alt. Unmittelbar vorausgegangen war ihrer Flucht ein gewalttätiger Übergriff. Eine Gruppe junger SA-Männer hatte sie auf offener Straße zusammengeschlagen. Binnen weniger Tage packte sie die Koffer und verließ das Land. Berlin, das sie hinter sich ließ, hatte sie über Jahrzehnte als exzentrische Figur der Caféhaus-Boheme gekannt, sie nannte sich selbst nicht nur in ihren Dichtungen »Tino von Bagdad« und »Jussuf von Theben«, sondern unterschrieb mit diesen Kunstnamen auch Briefe und Verträge. Berlin und Theben beständig ineinander zu verwandeln, der empirischen Wirklichkeit, ohne sie zu verlassen, eine zweite, phantastischere und deshalb wirklichere abzugewinnen, in der alle, gerade weil niemand mehr auf seine gesellschaftliche Identität verpflichtet wäre, in allen ihren Möglichkeiten zu sich selbst kämen, war Telos ihrer Dichtung wie ihres Lebens. Möglich schien das innerhalb Deutschlands in den zwanziger Jahren nur in Berlin, allein hier schien der Kosmopolitismus ein Versprechen nicht der Außenpolitik, sondern des Alltags zu sein.

Doch erst indem dieser Alltag die als Teil des eigenen Skurrilitätenkabinetts geliebte Exotin als Lebensunwerte ausspuckte, kam er als Berliner Alltag zu sich selbst. Weit eher als in Militärparaden und Olympiafeiern kam in der Schlüsselerfahrung von Lasker-Schülers Emigration, in der lässig und widerspruchslos ausgelebten Gewalt einer Gruppe qua Abzeichen dazu legitimierter refraktärer Bengel gegen eine wunderliche alte Frau, das Wesen des Nationalsozialismus zum Ausdruck, der keine Ideologie Ewiggestriger, sondern eine volksdeutsche Jugendbewegung auf der Höhe der Zeit gewesen ist. Die Macht haben die Nazis nicht ergriffen, sondern erteilt, indem sie jeden Schüler und jeden Hausmeister, jede Putzfrau und jede Sekretärin zum alltäglichen sanktionslosen Judenmord, zur basisdemokratischen Ausplünderung volksfremder Nachbarn und zur Denunziation zersetzender Elemente, die einfach nur störende Konkurrenten zu sein brauchten, ermächtigten. Es bedarf lediglich etwas retrospektiver Phantasie, um zu ermessen, in welchem Maße die angeblich goldenen, libertären zwanziger Jahre, die dem vorausgingen, bis in die Kleinigkeiten des Alltags hinein gezeichnet waren von dem, was folgte. Die Neue Sachlichkeit, die einer noch immer populären Ansicht zufolge von Urbanität und Amerikanismus geprägte Kunst- und Lebenstendenz jener Zeit, war ein genuin deutsches Phänomen: deutscher Amerikanismus und eben deshalb keiner mehr. / Magnus Klaue, jungle world

19. Epitaph

Kein Gedicht Else Lasker-Schülers hat mich auf Anhieb so bewegt wie dieses. (…) Die erste Lektüre verdanke ich einem Freund. Bei einer Tagung über Trauer analysierte der Psychoanalytiker Andreas Hamburger, was ihm das Gedicht seit vielen Jahren bedeutet. Angeregt davon, habe ich seither in Gesprächen mit anderen und mit mir selbst wiederholt die Frage gestellt, wie drei einfache Sätzen eine derartige emotionale Wucht entwickeln können.

Georg Trakl

Georg Trakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt.
So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.

Kaum ein Gedicht Else Lasker-Schülers ist kürzer als dieses. Vielleicht ist es auch deshalb eines ihrer besten. Die sonst meist wort-, phantasie- und bildreiche Dichterin hat sich hier dem Konzentrationszwang einer alten literarischen Gattung gebeugt, des Epitaphs. Eine Grabschrift hat naturgemäß nur begrenzten Platz zur Verfügung. So sind hier auf nur zwei Zeilen die unerschöpflichen Stoffe verdichtet, von denen gute wie schlechte Literatur seit jeher lebt: Tod, Einsamkeit, Trauer, Liebe. Die aneinandergereihten Sätze werden immer lapidarer. Über die vier kindlich kleinen Worte der abschließenden Liebesbezeugung hinaus spricht sich die Trauer nur noch schweigend aus. / Thomas Anz, literaturkritik.de

18. Poem Talk

POEMTALK is a collaboration of the Kelly Writers House, PennSound, and the Poetry Foundation. PoemTalk’s producer and host is Al Filreis, our engineers are James La Marre and Chris Martin, and our editor for every episode has been Steve McLaughlin, who is also podcasts editor of Jacket2. PoemTalk is also available on iTunes. Click this link to subscribe; or go to your iTunes music store and type „PoemTalk“ in the search box.

For example #14:

PoemTalk listeners will want to stick around for the end of this show in particular, when Nada Gordon, a first-time PoemTalker, recites her flarfistic rewriting of Wallace Stevens’ late poem, “Not Ideas about the Thing but the Thing Itself.” Meantime, of course, we give the poem a good going-through. The talkers this time, beside Nada, are Lawrence Joseph and Charles Bernstein, and we were (for the first time in PoemTalk’s short history) on the road, at Studio 92 on the Upper West Side of Manhattan.

Anyone who deals with this poem has to understand the rhetorical gist of Stevens’s “like”: the cry he thinks he hears seemed “like” a sound in his mind; it was “like” a new knowledge of reality. Charles half-jokes that it’s anachronistically (and uncharacteristically) a 1960s like: a cool “very,” an intensifer, a pause. Al tries to stipulate that this is a Keats-at-the-casement poem: he’s inside, looking out and hearing minimal late-winter birdsong. But Larry believes firmly in the radical open-ness of this poem: we are neither inside nor out. There is no conventional place of standing. “Three times in the poem,” Nada has written elsewhere, “he says the sound was coming ‘from outside.’ But I don’t believe him. How can I believe this from a poet whose ‘actual candle blazed with artifice’?”

17. Traian Pop Traian

Prosagedichte von Traian Pop Traian nun ins Deutsche übertragen

Der 1952 in Kronstadt geborene Autor hat bereits mehrere Bücher in Rumänien veröffentlicht, darunter auch Săptămâna 53, das 1999 von der Akademie der Wissenschaften, der Literatur und Kunst Oradea preisgekrönt wurde. Nun ist nach dem Poem in drei Akten, Schöne Aussichten, auch Die 53. Woche auf Deutsch erschienen, in der edition monrepos im eignen Pop Verlag. Die Lyrik darin stammt aus den 1970er und 1980er Jahren aus Temeswar sowie im dritten Teil aus den 1990ern bis Anfang 2000. Übersetzt wurde sie von Gerhardt Csejka, Horst Fassel, Edith Konradt, Johann Lippet und Dieter Schlesak. / Siebenbürgische Zeitung

Traian Pop Traian: Die 53. Woche, aus dem Rumänischen übertragen von Gerhardt Csejka, Horst Fassel, Edith Konradt, Johann Lippet und Dieter Schlesak, Ludwigsburg, edition monrepos, Pop Verlag, 2013, 133 Seiten, 15 Euro, ISBN: 978-3-86356-62-1.

16. Modest proposals

From: 20 modest proposals toward rethinking the act of reading a poem by Mark Yadich, The Atlantic


  1. Dispel the notion that reading poetry is going to dramatically change your life. Your life is continually changing; most of the time you’re simply too busy to pay enough attention to it. Poems ask you to pay attention—that’s all.

2 When you read a poem, especially a poem not meant to be a “spoken word” poem, always read it out loud. (Never mind what they said in grammar school—to subvocalize so that you won’t bother your peers.) Your ear will pick up more than your head will allow. That is, the ear will tell the mind what to think.

6 If you don’t know a word, look it up or die.

8 A poem has no hidden meaning, only “meanings” you’ve not yet realized are right in front of you. Discerning subtleties takes practice. Reading poetry is a convention like anything else. And you learn the rules of it like anything else—e.g., driving a car or baking a cake.

13 Perform marginalia. Reading without writing in the margins is like walking without moving your arms. You can do it and still reach your destination, but it’ll always feel like you’re missing something essential about the activity.

14 There is nothing really lost in reading a poem. If you don’t understand the poem, you lose little time or energy. On the contrary, there is potentially much to gain—a new thought, an old thought seen anew, or simply a moment separated from all the other highly structured moments of your time.

15 Poetry depends on pattern and variation—even non-linear, non-narrative, anti-poetic poetry. By perceiving patterns and variations on those patterns, your brain will attempt to make order out of apparent chaos. “Glockenspiel,” “tadpole,” and “justice” have ostensibly nothing to do with each other, and yet your brain immediately tries to piece them together simply because they are there for the apprehending.

16 As your ability to read poems improves, so will your ability to read the news, novels, legal briefs, advertisements, etc. A Starbucks poster a few years ago read:Friends are like snowflakeseach one is unique. How true. But isn’t snow also cold and ephemeral? Let’s hope our friends are not.

20 Reading a good poem doesn’t give you something to talk about. It silences you. Reading a great poem pushes further. It prepares you for the silence that perplexes us all: death.

15. Poetische Horizonte in Greifswald

Dafür lohnt es glatt nach Greifswald zu pilgern:

Poetische Horizonte – Tagung zur Poesie: Dichter, Lyrikverlage, Literaturwissenschaft

13.-16.11.2014 im Koeppenhaus und Falladahaus in Greifswald

Ähnlich wie in den Wissenschaften schreitet die Differenzierung auch in der Poesie voran. Ein einzelner Dichter kann das Feld dessen, was probiert worden oder möglich ist nicht überblicken. Kein Kenner der Poesie hat für alle Richtungen der Poesie gleichermaßen Verständnis. Leider fehlt im öffentlichen Gespräch über Poesie weitgehend eine Reflexion über die Tendenz zunehmender Fragmentierung.
Für einige Tage versammeln sich Dichter und Herausgeber verschiedener Generationen und Szenen aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands in Greifswald und diskutieren gemeinsam mit Literaturwissenschaftlern Probleme, an denen sie aus jeweils unterschiedlicher Perspektive arbeiten.
Die Tagungsbeiträge werden in der randnummer – literaturhefte (Berlin) publiziert.
Alle Veranstaltungen sind öffentlich und Gäste sehr willkommen!

Veranstalter: Literaturzentrum Vorpommern in Zusammenarbeit mit dem Verlag Reinecke & Voß (Leipzig)

Wir danken für die Unterstützung: Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V (ALG), der Hanse- und Universitätsstadt Greifswald, der Universität Greifswald, randnummer – literaturhefte (Berlin) und dem pom-lit Verein/Falladahaus.

Veranstaltungsorte
Koeppenhaus, Bahnhofstr. 4-5 und Falladahaus, Steinstr. 59

Donnerstag, 13.11.2014, Falladahaus (Steinstr. 59)
17.30 Uhr, Begrüßung

18.00 Uhr, Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Sich selbst neu Erfinden – Poetische Utopien“
Norbert Lange, Bertram Reinecke, Elke Erb

21.00 Uhr, Lesung, Falladahaus, Eintritt 5/3 Euro
Norbert Lange, Elke Erb, Simone Kornappel, Bertram Reinecke

 

Freitag 14.11.2014, Falladahaus + Koeppenhaus
Fremde Literaturen

10.00 Uhr Vortrag, Falladahaus
„Pindars Traum“
Immanuel Musäus

10.30 Uhr Vortrag, Falladahaus
„Untote – Vom Weiterleben antiker Formen und Motive“
Dirk Uwe Hansen
anschließend Diskussion

12.00 Uhr Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Übersetzungen“
Christian Filips, Dirk Uwe Hansen, Ann Cotten

++++ Koeppenhaus ++++
16.00 Uhr Lesung, Koeppenhaus
Christian Filips, Jan Kuhlbrodt, Ann Cotten, Dirk Uwe Hansen lesen und kommentieren Übersetzungen von Texten von Pier Paolo Pasolini, Christian Prigent, Keith Waldrop, Konstantín Kavafis und Anderen

19.30 Uhr Buchpremiere, Koeppenhaus
„Muse, die zehnte: Antworten auf Sappho von Mytilene“
Dirk Uwe Hansen, Anne Martin, Georg Christoph Rohrbach, Bertram Reinecke

21.00 Uhr Gespräch & Lesung, Koeppenhaus, Eintritt 5/3 Euro
Gespräch zwischen Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann und Michael Gratz über die Kulturlandschaft der späten DDR
anschließend
Sounds’n’Poetry „1648“
Bert Papenfuß feat. Underwater Agent Alexander Pehlemann

 

Samstag, 15.11.2014, Falladahaus (Steinstr. 59) + Koeppenhaus (Bahnhofstr. 4-5)
Moden – Zeiten – Räume

10.00 Uhr, Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Hausse und Baisse. Über Konjunkturen und Moden in der Poesie“
Kai Pohl, Jan Kuhlbrodt, Alexander Pehlemann, Tom Bresemann

12.00 Uhr, Vortrag, Falladahaus
„Geschichte des Politischen Witzes der DDR“
Karl-Heinz-Borchardt

13.30 Uhr, Vortrag, Falladahaus
„Experiment Textanalyse“
Monika Schneikart und Gudrun Weiland

14.15 Uhr, Vortrag, Falladahaus
„Zukunft schreiben“
Eckhard Schumacher

15.30 Uhr, Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Das Zentrum und die Ränder“
Wie prägt Herkunft Schreibstile und die Wahrnehmung eines Lyrikers in der Öffentlichkeit?
Daniela Seel, Angelika Janz, Martin Holz, Simone Kornappel

++++ Koeppenhaus ++++
18.00 Uhr, Lesung, Koeppenhaus
tEXTRAbatt
Odile Endres, Irmgard Senf, Ulrike Sebert

19.00 Uhr, Lesung, Koeppenhaus
„Lyrik aus dem Hinterland“
Martin Holz, Tobias Reußwig, Christoph Georg Rohrbach, Christiane Kiesow

21.00 Uhr, Lesung, Koeppenhaus, Eintritt 5/3 Euro
Daniela Seel, Angelika Janz, Kai Pohl, Ron Winkler

 

Sonntag, 16.11.2014, Falladahaus (Steinstr. 59)

10.00 Uhr, gemeinsames Frühstück

11.00 Uhr, Schlussdiskussion & Lesung
Silke Peters und Tom Bresemann

14. Gefährliche Lektüre

Vor 100 Jahren, am 3. November 1914, starb der Dichter Georg Trakl. Als Buchpreisträger Lutz Seiler dessen Verse als Student in der DDR zum ersten Mal las, veränderten sie sein Leben. / Süddeutsche Zeitung 3.11.

„Das Werk Georg Trakls ist das Bild einer völlig geschlossenen, in sich selbst beruhenden Welt. Müsste man ihr einen Namen geben, man könnte sie nur die Trakl-Welt nennen,“ schrieb der österreichische Lyriker und Essayist Josef Leitgeb. Ludwig Wittgenstein notierte zu Trakls Gedichten: „Ich verstehe sie nicht, aber ihr Ton beglückt mich.“ / Dieter Kaltwasser, literaturkritik.de

Von den Anfängen bis zu «Grodek», dem letzten Gedicht, das auf fürchterlichen Kriegserlebnissen beruht, davon aber nur in hohen Tönen redet, hat sich Trakls Schreiben in seiner Struktur nicht wesentlich verändert. In fast jedem seiner lyrischen Texte rückt der Dichter die Extreme gegeneinander, den abgerückten Geisterraum und die tückische Gegenwelt. Eine Auflösung der Kontraste findet sich nur selten. / Beatrice von Matt, Neue Zürcher Zeitung

Mit Trakl gelingt Heidegger eine raunende Betrachtung über das Leben, das das Subjekt gleich beiseite lassen kann. „Im Gesprochenen des Gedichts west das Sprechen“, folgert Heidegger in seinem Aufsatz „Die Sprache“ (1950) auf der Grundlage von Trakls „Winterabend“ und befindet: „Die Sprache spricht als Geläut der Stille.“ Trakls Schmerz wird für Heidegger „der Unter-Schied selber“ und „Riss“ in der „Verfugung des Daseins“.

So wie andere schloss Heidegger zu Trakl aus einem zerfaserten Nachlass, stilisiert aber seine Erkenntnis gerade über die Spur der Handschrift. Ludwig von Ficker hatte Heidegger das Original der zweiten Fassung des „Winterabends“ vermacht – und Heidegger nobilitiert die lyrische Zerrissenheit zum grundlegenden Existenzial. / Gerald Heidegger, ORF.at

„O! wie weh ist die Welt, wie wahnig das Weh, wie weltlich der Wahn“, schreibt Georg Trakl im November 1912 an seinen Freund Erhard Buschbeck und protokolliert zu den Umständen seines Schreibens: „Vorgestern habe ich 10 (sage! Zehn) Viertel Roten getrunken.“ Ein „Frostbad“ danach auf dem Balkon um vier Uhr in der Früh habe ihm den Einstieg in ein Gedicht ermöglicht, „das vor Kälte schebbert“. / Gerald Heidegger, ORF.at

Bücher zum Trakl-Jubiläum

  • Rüdiger Görner: Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme. Zsolnay, 354 Seiten, 25,60 Euro.
  • Hans Weichselbaum: Georg Trakl. Eine Biografie. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2014. 224 S., Fr. 37.90.
  • Hans-Georg Kemper: Droge Trakl. Rauschträume und Poesie. Otto Müller Verlag, 340 Seiten, 35 Euro.
  • Georg Trakl: Werke. Entwürfe. Briefe. Hrsg. von Hans-Georg Kemper und Frank Rainer Max, Reclam Universal Bibliothek, 9,20 Euro.
  • Hilde Schmölzer: Dunkle Liebe eines wilden Geschlechts. Georg und Margarethe Trakl. Francke, 192 Seiten, 19,80 Euro.
  • Gunnar Decker: Georg Trakl. Leben in Bildern. Hrsg. von Dieter Stolz. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2014. 96 S., Fr. 28.40.
  • Karl-Markus Gauß, Arno Kleibel (Hrg.): Umfrage über Georg Trakl. Literatur und Kritik Mai 2014. Otto Müller Verlag, Salzburg 2014.

13. Land der Besten

Die Deutschen lieben (und honorieren) ihre Dichter, wie ich der Presse entnehme:

Sven Regener, Frontmann der Band Element of Crime, ist einer der besten deutschen Lyriker. Das sollte man einfach voranstellen, wenn man den Erfolg der Berliner Band verstehen möchte, die immerhin seit 1985 besteht.

 

12. Der Dichter Müller

Wie alle großen Dichterinnen und Dichter hat Heiner Müller vieles, was uns heute bedrängt, antizipiert, er muss also gar nicht wiederkommen, die Metapher ist groß genug. „… der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und / oder Hoffnung, dass der Hund als Wolf wiederkehrt. Der Wolf kommt aus dem Süden“, heißt es in der „Wunde Woyzeck“, einem Prosastück von 1985, als die Welt eigentlich noch streng in Ost und West gescheitelt war. Oder nehmen wir eines seiner letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte, „Ajax zum Beispiel“: „Geschrieben im Jahrhundert der Zahnärzte … / Das zu Ende geht Das kommende / Wird den Advokaten gehören die Zeit / Steht als Immobilie zum Verkauf“. Die Anrufung der Toten hat Müller wie kein anderer beherrscht. Und auch ihre Abwehr. „ICH HABE DIR GESAGT DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN TOT IST TOT“, hieß es in „Bildbeschreibung“, jenem Zwitterwesen aus Prosa und Drama, dessen in Versalien verfasste Totenbeschwörung 1992 noch einmal auftaucht in einem Gedicht, das mit „DER TOD IST EIN IRRTUM“ endet. (…)

Heiner Müller hat sein Leben lang Gedichte geschrieben, und nicht nur Blankverse. Aber viele Jahrzehnte wurden sie nicht als eigenständig in seinem Werk wahrgenommen, sondern galten eher als Selbstvergewisserungen im Zusammenhang mit seinen dramatischen Texten. 1980 schrieb die Heiner-Müller-Forscherin Genia Schulz: „Prosa und Lyrik begleiten Müllers dramatisches Werk, ohne dessen Selbstständigkeit zu haben.“ Dabei hatte Müller schon in den Fünfzigerjahren eine starke lyrische Phase gehabt, die Gedichte waren an Brecht geschult und oft in Zwiesprache mit seiner damaligen Frau, der Dichterin Inge Müller, entstanden. In ihren jeweiligen Nachlässen finden sich Gedichte zum selben Thema, mit ähnlichen Zeilen, „MAJAKOWSKI“ zum Beispiel, mit dem „bleiernen Schlusspunkt“ darin. (…)

Das änderte sich erst in den Neunzigerjahren. Das Drama fand nicht mehr statt. „Und so zieht sich Müller mit Lyrik aus dem Sumpf seiner Zeit, die er nur als Wiederkehr einer trüben Vergangenheit erlebt“, schreibt Kristin Schulz im Nachwort. Seiner Schreibblockade trotzt Müller „Mommsens Block“ ab, dem Krebs seine besten Gedichte. 355 Gedichte und Gedichtentwürfe hat Kristin Schulz in die Sammlung aufgenommen, davon 220 Texte aus dem Nachlass, 88 davon sind Erstveröffentlichungen. (…) liest man sie chronologisch von den späten Vierzigerjahren bis 1995, ist deutlich zu sehen, wie Ezra Pound sich in den Kopf des Autors stalinistischer und maoistischer Auftragsballaden setzt und da kleben bleibt bis zum Ende, während die -ismen zersplittern und Gewissheiten dem grundsätzlichen Zweifel über den Zustand der Welt Platz machen./ Annett Gröschner, Die Welt

Heiner Müller: Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Suhrkamp, Berlin. 675 S., 49,95 €.

11. Dresdner Lyrikpreis 2014

Der Dresdner Lyrikpreis feiert 2014 sein 10. Jubiläum. Alle zwei Jahre wird durch die Landeshauptstadt Dresden der mit 5000 Euro dotierte Preis an deutsch- und tschechischsprachige Autorinnen und Autoren vergeben. Es werden jeweils fünf Autorinnen und Autoren jedes Sprachraumes nominiert. In einem öffentlichen Lesewettbewerb präsentieren sie ihre Texte der siebenköpfigen Hauptjury. 2014 gab es für den Dresdner Lyrikpreis insgesamt 709 Bewerbungen von Autorinnen und Autoren aus Tschechien, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein. Eine Vorjury hat aus ihnen folgende zehn Autorinnen und Autoren nominiert:

Die Nominierten 2014

Zehn Autorinnen und Autoren – fünf deutschsprachige und fünf tschechischsprachige – wurden nominiert für den Dresdner Lyrikpreis 2014.

Die Jurys

Aus über 700 Bewerbungen mit jeweils bis zu zehn Einzeltexten hat eine sechsköpfige Vorjury im Laufe des Jahres die zehn diesjährigen Nominierten des Dresdner Lyrikpreises 2014 ausgewählt.

Die Hauptjury wählt im Anschluss an die öffentliche Wettbewerbslesung den Dresdner Lyrikpreisträger 2014.

Mitglieder der Hauptjury

  • Peter Geist
  • Veronika Dudková
  • Cornelia Eichner
  • Wanda Heinrichová
  • Christa Müller
  • Ilma Rakusa
  • Manfred Wiemer

Mitglieder der Vorjury

  • Helwig Brunner
  • Martin Fibiger
  • Martina Hefter
  • Tereza Riedlbauchová
  • Michael Špirit
  • Michael Wüstefeld

Ausschreibung und Preisträger der vergangenen Jahre

Öffentlicher Lesewettbewerb

Samstag, 22. November 2014 ab 19 Uhr
Literaturhaus Villa Augustin

Lesung der zehn Nominierten aus ihren Wettbewerbseinreichungen vor Hauptjury und Publikum.
Eintritt: frei

 

Preisverleihung

Sonntag, 23. November 2014 um 11 Uhr
Literaturhaus Villa Augustin

In einem öffentlichen Festakt mit anschließendem Empfang wird der Dresdner Lyrikpreis 2014 durch Kulturbürgermeister Dr. Ralf Lunau verliehen und es wird der Publikumspreises bekannt gegeben.

10. Ungesagtes sagen

Inwiefern das Ungesagte und Unsagbare doch zur Sprache finden können, problematisierten zu Beginn [der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt] die in London lebende Autorin Anne Duden, der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss und der Wiener Lyriker und Romancier Robert Schindel. Schindel, der anders als die meisten seiner Angehörigen, die Schoah als Kind durch Zufall überlebte, schilderte, wie er über Lektüren und durch ein indirektes Sprechen über den von seiner Familie erlebten Schrecken eine Art „Tapetenmuster“ für die Gewinnung seiner eigenen Sprache ausbildete. Dem „Ungesagten“, das in der Gewalt eines letztlich unfassbaren Suizids beschlossen liegt, stellt sich Lukas Bärfuss in seinem für den Schweizer Buchpreis nominierten Roman „Koala“. Und Anne Duden begreift das Schreiben als einen geradezu somatischen Übersetzungsakt, der Physis und Schmerz in Schrift verwandelt. / Volker Breidecker, Süddeutsche Zeitung 27.10.

9. American Life in Poetry: Column 501

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I love a good ghost story, and here’s one about a ghost cat, by John Philip Johnson, who lives in Nebraska, where most ghosts live in the wind and are heard in the upper branches of cedar trees in country cemeteries. He has an illustrated book of poems, Stairs Appear in a Hole Outside of Town.

Bones and Shadows

She kept its bones in a glass case
next to the recliner in the living room,
and sometimes thought she heard
him mewing, like a faint background music;
but if she stopped to listen, it disappeared.
Likewise with a nuzzling around her calves,
she’d reach absent-mindedly to scratch him,
but her fingers found nothing but air.

One day, in the corner of her eye,
slinking by the sofa, there was a shadow.
She glanced over, expecting it to vanish.
But this time it remained.
She looked at it full on. She watched it move.
Low and angular, not quite as catlike
as one might suppose, but still, it was him.

She walked to the door, just like in the old days,
and opened it, and met a whoosh of winter air.
She waited. The bones in the glass case rattled.
Then the cat-shadow darted at her,
through her legs, and slipped outside.
It mingled with the shadows of bare branches,
and leapt at the shadow of a bird.
She looked at the tree, but there was no bird.
Then he blended into the shadow of a bush.
She stood in the threshold, her hands on the door,
the sharp breeze ruffling the faded flowers
of her house dress, and she could feel
her own bones rattling in her body,
her own shadow trying to slip out.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2013 by John Philip Johnson and reprinted by permission of John Philip Johnson. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.