36. Preisverleierung (Anmerkungen eines Ohrenzeugen)

Lyrik überfordert ihre Hörerschaft permanent. Wir können die Lyrik nicht verstehen. Wir können etwas von ihr verstehen. Wir können über sie reden, über ihre Wirkung. Das ist ein Teil des devoten Genusses: Wir geben der Sprache Macht über uns. Manche im Publikum soviel, daß sie einnicken. Wir blicken staunend auf: Ist es also unsinnig, über etwas Sinnliches zu reden? Nicht generell. Kunst sucht ihren Weg immer von einem Ich zu einem Du, und mit Kritik verhält es sich genauso. Im Idealfall sollte Kritik auch Wirkung generieren, wie die Kunst selbst, aber im intellektuellen Bereich. Authentisch wirkt sie nur, wenn sie von einer Ich-Position ausgehend über ihren Gegenstand spricht. Wenn Juroren das vergessen, geschieht es oft, daß sie sich hinter langweilenden Allgemeinplätzen und Vergleichen mit bereits etablierten Autoren verstecken.

Für manche lokal gebundenen Lyrikpreise scheint es eine übliche Praxis zu sein, ausschließlich Lyriker als Juroren zu benennen. Inwieweit diese Tatsache einem möglichst sachlichen Ausscheideverfahren dient, sei dahingestellt. Oder können wir uns Bäcker vorstellen, die, frei von eigenen Motiven, die Kekse der Konkurrenz für eine Prämierung auswählen sollen? Und wie sollten die, noch den Geschmack der zuletzt probierten Kekse im Mund, sich an den Geschmack der erstversuchten erinnern? Und überhaupt, das Thema „Geschmacks“-Sache – zutiefst menschlich und vollkommen natürlich. Es gestaltet sich erst dann problematisch, wenn der Geschmack des Jurors hinter objektivierten Argumenten versteckt werden soll. Das ist das wirklich peinliche Moment. Es soll auch niemandem bewußte Einflußnahme unterstellt werden, denn dafür besitzt der Mensch bekanntlich ein Unterbewußtsein. Das sitzt unter dem Bewußtsein und wer will behaupten, er habe es zur Gänze im Griff? Sehr problematisch können Konstellationen dort werden, wo Juror und zu bewertender Autor schon einmal im selben Boot saßen: Denn – will nicht jeder mal ans Ruder kommen, wenn‘s drum geht, den breiten Fluß zu überqueren, um bei der Mühle anzulegen? Ihr Mühlrad dreht das Mahlwerk des Lyrikbetriebs. Zum Keksebacken brauchen wir nun mal das Mehl wie auch die Mühle.

Juror zu sein, ist im literarischen Betrieb, neben der Rolle des Autors, wohl eine der undankbarsten Aufgaben. Selbst die sonst unantastbaren Vertreter des institutionellen Literaturbetriebs machen sich dadurch angreifbar. Nun wissen wir nicht erst seit Thomas Bernhard oder Ulf Stolterfoht, wie Preise vergeben werden und wie eine Jury ihre Entscheidung trifft. Oft steht der Preisträger schon vor dem ganzen Procedere samt „anonymisierter“ Einreichung fest. Aber der Masse ihre Show. Die ist auch nötig für die PR, denn es ist schon erstaunlich, wie so ein Preis am Mühlrad kurbeln kann. Kommt aber nicht zwangsweise mehr Mehl bei raus. In den Trichter des Mahlwerks gehört zuallererst das Korn geschüttet. Und das gilt es mitzubringen. Es bleibt, wie es schon immer war: Die einen nutzen die Sache aus Interesse, die anderen interessiert an der Sache nur der eigene Nutzen. Jedenfalls guten Appetit!

Wolfgang Berends

35. Sieg der Poesie

In seiner Heimat Frankreich ist der Romancier Patrick Modiano, der am Donnerstag mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, längst ein Literaturstar. In Deutschland blieb der ganz große Erfolg für den 69-Jährigen bislang aus – obschon in den 80er-Jahren Peter Handke die erste Übersetzung eines Werkes besorgte. (…)

Die melancholische Rückschau, die Trauer um längst Zurückliegendes prägt seine Romane, die nun von der Schwedischen Akademie als „sehr elegant“ gelobt wurden: Der Preis ist auch als Sieg der Poesie über das Politische oder vermeintlich historisch Gebotene zu verstehen.

Literatur-Nobelpreis 2014 geht an Franzosen Patrick Modiano | DerWesten – Lesen Sie mehr hier.

Alles über (nein, das bestimmt nicht) – mehr über Modiano entnehmen Sie den Medien. Hier eine Nebensache und zwei Trivia.

Nebensache

Außer Romanen schrieb Patrick Modiano auch einige Chansons, die von Hugues de Courson vertont und u.a. von Françoise Hardy und Mona Heftre gesungen wurden.

Françoise Hardy sang 1968 „Étonnez-moi Benoît… !“ – hier der Anfang des Textes:
Étonnez-moi, Benoît
Marchez sur les mains,
Avalez des pommes de pin, Benoît
Des abricots et des poires
Et des lames de rasoir
Étonnez-moi !

Étonnez-moi, Benoît
Faites la grand-roue
Le gros méchant loup, Benoît
Faites le grand fou
Faites les yeux doux
Étonnez-moi !

{Refrain:}
Étonnez-moi
Car de vous à moi
Cela ne peut pas, cela ne peut pas
Durer comme ça
Car de vous à moi
C’est fou ce qu’on s’ennuie, tu sais

Trivia

1

2004 veröffentlichte Vincent Delerm auf seinem zweiten Album, Kensington Square, ein Chanson mit dem Titel Le Baiser Modiano (Der Modiano-Kuß).  Es geht um die Erinnerung an einen Kuß an einem Tag, an dem die Liebenden Modiano über den Weg gelaufen sind, in einer Gegend von Paris, wie sie in Modianos Romanen vorkommt.

2

Erinnerung seiner Ehefrau Dominique Zehrfuss, die er am 12. September 1970 geheiratet hat:

„Unser Hochzeitstag war katastrophal. Es regnete. Ein wahrer Alptraum. Unsere Trauzeugen waren Raymond Queneau, der Patrick seit seiner Jugend  protegiert hatte, und André Malraux, ein Freund meines Vaters. Sie fingen an, über Dubuffet zu streiten, es war wie vor einem Tennis-Match. Es hätte gute Fotos gegeben, aber die einzige Person, die einen Fotoapparat dabei hatte, hatte den Farbfilm vergessen.“*

*) Ich gebe zu, das mit dem Farbfilm habe ich dazuerfunden. Es könnte auch ein Schwarzweißfilm gewesen sein. M.G.

34. Offener Brief an ORF, ORF Kärnten, 3sat Österreich

Wir missbilligen, dass Frau Strigl bei der Auswahl des neuen Juryvorsitzes der Tage der deutschsprachigen Literatur übergangen wurde.

Auch auf Wunsch der gesamten Bachmannpreis-Jury war Daniela Strigl im Januar vom hierfür zuständigen ORF Kärnten gefragt worden, ob sie bereit sei, den Juryvorsitz zu übernehmen. Im Juli gab sie dem ORF ihre Zusage. Vor wenigen Tagen erhielt sie vom ORF eine Absage.
Wir kennen die Gründe für diese Entscheidung nicht, können uns aber nicht vorstellen, dass diese nicht schon im Juli hätten bekannt sein können. Daniela Strigl, die sich bei der Abschaffungsdiskussion im Jahr 2013 leidenschaftlich für den Erhalt der “Tage der deutschsprachigen Literatur” eingesetzt hatte, wäre eine gute Vorsitzende geworden.
Wir verstehen gut, dass sich Daniela Strigl nach diesem Affront ganz aus der Jury zurückzieht.
Daniela Strigl urteilt messerscharf, unterhaltsam, kompromisslos in der Sache, ohne die Autoren je persönlich anzugehen. Beim diesjährigen Bewerb wurde sie per Umfrage vom Weblog “Literaturcafe” zur “Beliebtesten Jurorin 2014” gekürt.
Sie wird uns und dem Bewerb sehr fehlen!
Unter den Unterzeichnern sind – neben Mit-Juror Hubert Winkels – Autoren und Mitglieder des Literaturbetriebs, aber auch nicht-professionelle Literaturbegeisterte, Blogger und Twitterer. Frau Strigl ist in den sozialen Netzwerken – obwohl selber dort nicht aktiv – sehr beliebt.
Was wir an Daniela Strigl schätzen und lieben, haben Kathrin Passig (Ingeborg-Bachmann-Preis 2006) und Clemens J. Setz (Ernst-Willner-Preis 2008) in Sonette gefasst:

Wie es halt leider so ist

von Kathrin Passig

Es gibt sehr gute Wesen. Etwa Schnabeligel,
Schlammspringer, Molche, Ottern, Olme, Pfauenaugen
(Wenn sie auch gleich als Kritiker nicht so viel taugen)
Das beste unter ihnen ist Daniela Strigl.

Ja, besser als der Bilch. Auch besser als ein Beagle.
Und könnte man nur alles, was sie sagt, aufsaugen
Es würde aus dem eignen Pfusch, dem ungenaugen
Ein kluges Werk, und nicht nur so ein Hingebiegel.

Das sieht nicht jeder so. Und damit muss man leben.
Es gibt auch Menschen, die der Rüsselhund verdrießt,
Der Biber kalt lässt. Traurig, doch so ist es eben:

Dass sich das Richtige nicht allgemein erschließt.
Es reicht ja auch, dass nur die meisten Herzen beben,
Wenn man den Namen Daniela Strigl liest.

Protestsonett auf den Verlust von Daniela Strigl als Jurorin des Bachmannwettbewerbs

von Clemens J. Setz

Wie schaun wir drein, in jedem Sommer, wenn
Daniela Strigl vor uns steht und spricht?
Wie Sonnenblumen, high von Sonnenlicht.
Wir kichern, tänzeln, scheu wie Teenies. Nenn

mir einen andren Menschen im Betrieb,
der ähnlich uns verzaubert und beglückt!
Der uns mit seinem Charme und Geist entzückt,
dem manch ein Autor heimlich Verse schrieb…

Der ORF hat viel zu viel verlernt.
Der Bachmannpreis ist wie ein alter Hund,
der sich sein eignes Bein im Schlaf zerkaut,

und nun hat er noch sein Gehirn entfernt.
Frau Strigl ist perfekt. Sie ist der Grund,
weshalb man einmal jährlich 3sat schaut.

Verfaßt von Angela Leinen
Autorin, Bonn
http://twitter.com/innere_simone
http://sopranisse.de

Unterzeichnet haben unter anderen:

  • Hubert Winkels aus der Jury der Tage der deutschsprachigen Literatur
  • die Bachmannpreisträger Tex Rubinowitz (2014) und Kathrin Passig (2006)
  • die Preisträger der Leipziger Buchmesse und Klagenfurtteilnehmer Saša Stanišić und Clemens Setz
  • etliche weitere ehemalige Teilnehmer und Preisträger der Tage der deutschsprachigen Literatur (Christiane Neudecker, Olga Flor, Julya Rabinowich, Silvia Szymanski, Nadine Kegele, Cornelia Travnicek, Heike Geißler, Inger-Maria Mahlke, Jan Böttcher, Paul Brodowsky …)

33. Traklpreis für bildende Kunst

Salzburger Landeskorrespondenz, 9. Oktober 2014

(LK)  Der mit 4.000 Euro dotierte Georg-Trakl-Preis für bildende Kunst 2014 geht an den in Hallein aufgewachsenen Künstler Daniel Domig. Kulturreferent Landesrat Dr. Heinrich Schellhorn übergab den Preis am 9. Oktober, in der Galerie im Traklhaus in Salzburg

Domig wurde von einer unabhängigen Jury aus 30 anlässlich des 100. Todestages des Dichters Georg Trakl in der Galerie im Traklhaus ausgestellten Werken ausgewählt. Die Jury bestand aus dem Künstler Prof. Christian Ludwig Attersee, dem Verleger Dr. Jochen Jung und Dr. Johanna Schwanberg, Kunst- und Literaturwissenschaftlerin und Direktorin des Dommuseums in Wien.

Die Entscheidung für Daniel Domig erfolgte einstimmig und mit folgender Begründung der Jury: „Daniel Domig gelingt es, mit schnellem und leichtem Pinsel auf die Gedichte und die Biografie Georg Trakls einen visuellen Kommentar zu finden, ohne zu illustrieren. Die Arbeit überzeugt aufgrund ihrer medialen Vielfältigkeit, einer Mischung aus Malerei, Zeichnung, Text, Film und Ton. Zu den wesentlichen Merkmalen dieses Kunstwerkes gehören eine starke Rhythmik, farbliche Reduktion, ein Verhältnis zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit sowie eine Offenheit und Vergänglichkeit. Der Künstler bricht die Ernsthaftigkeit, die mit dem Spätwerk von Georg Trakl verbunden ist, durch ironische Akzente, wie bereits der Titel „Dear Mr Grodek“ zeigt.

In seiner für die Ausstellung zum Thema „Der späte Trakl“ geschaffenen Arbeit geht der Maler auf das wahrscheinlich letzte Gedicht Trakls „Grodek“ (der Ort in der heutigen Ukraine war 1914 Kriegsschauplatz) ein. Trakl überlagert Zeichen und Textpartien, die ganz schnell hingesetzt werden und genauso schnell wieder verschwinden. Der Film ist eine gelungene Umsetzung und gute Dokumentation spontaner Zeichnung. / Mehr

32. Nach Gezi

Ein Jahr danach: Krawalle um den Gezi-Park haben kreative Saat gesät

Von Ceyda Nurtsch, DLR

Junge Lyriker suchen nach Formen einer kritischen, ironischen Dichtung. Fünf Dichter, die bei den Protesten in Istanbul dabei waren, beschreiben die neue türkische Lyrikszene. (…)

„Ich erinnere mich an ein Graffiti: Bei Gezi bin ich der Selbstmord des Jessenin. Würde man alle Graffiti zusammennehmen, hätte man eine lückenlose Anthologie. Hinter jedem Vers verbarg sich eine tiefe Bedeutung und gleichzeitig eine konkrete Praxis, die auch durch Kameraaufnahmen archiviert wurde.“ (Mehmet Altun) (…)

„Das türkische Gedicht nach Gezi wird sich die gesellschaftsbezogene Dichtung, die sie in den letzten Jahren islamistischen Dichtern überlassen hatte, wieder aneignen und politischer dichten.“ (Gökcenur Celebioglu)

Doch auch gesellschaftlich hat sich für ihn im letzten Jahr etwas verändert. So hätten Jugendliche hätten weniger Angst vor Polizeigewalt und Autorität als die vorigen Generationen. Dass Gezi nicht nur eine neue Literaturepoche, sondern eine neue gesellschaftliche Ära eingeläutet hat, denkt auch die in Izmir lebende Neslihan Yalman. Sie ist eine der wenigen Dichterinnen der Türkei. Sie thematisiert Tabuthemen wie weibliche Erotik, Abtreibung und Gebärfähigkeit und setzt sich mit den männlichen Eigenschaften der Sprache auseinander. Sie ist sich sicher: Die neue Dichtung in der Türkei wird kritischer, ironischer und auch melodischer. Und die Gesellschaft über kurz der lang bunter – ungeachtet der Präsidentschaftswahlen.

31. Lefteris Poulios

Lefteris Poulios ist eine Ausnahmeerscheinung in der griechischen Poesie, denn er wurde vom Underground-Poeten der sechziger und siebziger Jahre zum Staatspreisträger für Lyrik 2008. Nach seinen Anfängen auf den Spuren der amerikanischen Beatniks und der psychedelischen Kultur, nach Grenzerfahrungen zwischen Wahn und Wirklichkeit, Visionen und psychiatrischer Behandlung wandelte sich Poulios’ Stil von der großen rhetorischen Geste zu einer neuen Innerlichkeit. Diejenigen, denen seine frühen Gedichte zu vulgär sind, finden Gefallen an der abgespeckten Form. Andere wieder trauern der rohen Wildheit nach und können sich mit dem geläuterten Poulios nicht anfreunden. Doch Poulios bleibt überall unverwechselbar, authentisch, unverstellt, einfach er selbst. / Michaela Prinzinger, junge Welt

30. Geehrt

Der valenzianische Dichter Francesc Viadel gewann den Lyrikpreis Josep Maria Ribelles der Stadt Puçol für sein Buch ‘Ciutat, dies insòlits’ ( vielleicht: Stadt, ungewöhnliche Tage). / La Veu

29. Was es nicht gibt

Was es hier nicht gibt, ist ein Preis für Lyrik, bedauert Seiler. Weder für Gedichte von Thomas Kunst aus Leipzig noch für Nadja Küchenmeister aus Berlin. Deren Literatur, sagt er, steht konkurrenzlos da auf einer Höhe, nach der sich manches Stück Prosa nicht zu strecken wagt.

Lutz Seiler bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises, Leipziger Volkszeitung

N.B. Die Geschmäcker sind natürlich verschieden. Ich z.B. finde nur einen der beiden genannten LyrikerInnen preiswürdig (die andre kriegt eh Preise). M.G.

28. Siegfried Lenz gestorben

„Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.“ Gestern starb Siegfried Lenz im Alter von 88 Jahren in Hamburg. Vor einigen Wochen erst wurde bekannt, daß er auch Gedichte schrieb.

Nachrufe bei 3sat und überall

27. I alone in Russia

Ilya Bernstein’s introduction to his translation of Ossip Mandelstam (free download here)

A Note on Mandelstam’s Poems

When Mandelstam wrote, “I never write. I alone in Russia work from the voice,” he was being literal. Here is how Viktor Shklovsky, Mandelstam’s neighbor for a time in the early 1920s, described him: “With his head thrown back, Osip Mandelstam walks around the house. He recites line after line for days on end. The poems are born heavy. Each line separately.” And here is how Sergey Rudakov, a young philologist and poet who visited Mandelstam in exile in Voronezh, described him in 1935: “Mandelstam has a wild way of working… I am standing in front of a working mechanism (or maybe organism, that is more precise) of poetry… The man no longer exists; what exists is – Michelangelo. He sees and remembers nothing. He walks around mumbling: ‘Like a black fern on a green night.’ For four lines, four hundred are uttered, literally… He does not remember his own poems. He repeats himself and, separating out the repetitions, writes what is new.”

26. Die Finnen

… lieben Lyrik-Performances: Auf der Frankfurter Buchmesse wandeln die Skandinavier sogar Hirnströme in Versmaße um. Der Besucher wird am Kopf verkabelt, dann werden die EEG-Kurven in leichte oder eher düstere Gedichtbrocken übersetzt und an eine Wand geworfen. „Brain Poetry“ heißt das in Finnland sehr erfolgreiche Projekt, dessen Software sich den gesammelten dichterischen Sprachschatz der Welt zunutze macht. „Ihre Gedanken können wir aber nicht lesen“, beruhigt Jukka Toivanen, einer der Entwickler. / NWZ

25. Charles Dobzynski gestorben

Der französische Lyriker Charles Dobzynski ist tot. Er wurde 1929 in Warschau geboren und kam als Kind nach Frankreich. Die deutsche Besatzung überlebte er im Versteck. In jungen Jahren begann er zu dichten und beteiligte sich an der Befreiung von Paris. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände und erhielt viele Preise, darunter den Max-Jacob-Preis 1992. Er übersetzte u.a. Rilke und Majakowski. 1971 veröffentlichte er eine Anthologie der jiddischen Lyrik. / l’Humanité 3.10.

24. Preis für Danz und Bonné

Die Bayerische Akademie der Schönen Künste zeichnet zwei Schriftsteller mit dem Rainer-Malkowski-Preis aus. Die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung geht zu gleichen Teilen an die Autoren Daniela Danz und Mirco Bonne, wie die Akademie am Dienstag in München mitteilte. Der Malkowski-Preis ist nach Akademie-Angaben einer der höchstdotierten Literaturpreise in Deutschland. / Tiroler Tageszeitung

23. Ungarischen Preis abgelehnt

Der finnische Autor Hannu Launonen hat den mit insgesamt 50.000 Euro dotierten «Janus Pannonius Preis» der gleichnamigen ungarischen Stiftung abgelehnt. Das PEN-Mitglied Launonen sagte zur Begründung, dass es ihm nicht möglich gewesen sei herauszufinden, ob der Preis nach wie vor von der ungarischen Regierung gesponsert werde. Da er die Politik der ungarischen Regierung im Hinblick auf Menschenrechte und Meinungsfreiheit als nicht vereinbar mit der Charta des internationalen PEN ansehe, sei ihm nichts anderes übriggeblieben als abzulehnen, erklärte Launonen laut Pressemitteilung des PEN (Darmstadt) von heute. / DLR

Der „Janus Pannonius Preis“ wurde 2012 gestiftet und erinnert an den bedeutendsten ungarischen Renaissance-Dichter. Bereits im ersten Jahr seiner Verleihung hatte der amerikanische Autor Lawrence Ferlinghetti den Preis aus ähnlichen Gründen wie Launonen jetzt abgelehnt. / PEN

22. „Nicht Gedicht, sondern Krallenspur“

Klaus-Jürgen Liedtke ist als Herausgeber und Übersetzer einmal quer durch die Werke von fünf finnlandschwedischen Autoren gegangen und hat eine Handvoll schöner Auswahlbände zusammengestellt. Entdecken lassen sich fünf Stimmen, die in ihren Gedichten alle Grenzen sprengen, alle Sprachschichten mischen wollten. Wenn man bedenkt, wie sehr die deutschsprachigen Expressionisten – etwa Georg Heym oder Jakob van Hoddis – noch an traditionellen Vorstellungen von Versmaß und Reim hingen, mag man ermessen, wie revolutionär hoch oben im Norden gedichtet wurde.

Elmer Diktonius mit seinen „harten Gesängen“, Gunnar Björling mit seinen flutenden Langzeilen – oder eben: Edith Södergran selbst. Wer sie nur als Künderin des Einfachen oder als melancholischen Trauervogel kannte, der von Fremdheit und Einsamkeit tönt, kann sie nun als glühenden Stern erleben, als Dichterin, die vom „wilden Blut der Zukunft“ singt. Die sich, in Anlehnung an Nietzsche, selbst neu schaffen und die Vergangenheit stürzen will, von „Fetzen, Brocken“ und „Alltagsschnipseln“ träumt, wahlweise als „Gottheit“ oder „Adler“. Jedes Gedicht „sei das Zerreißen eines Gedichts, / nicht Gedicht, sondern Krallenspur“, schreibt sie. Und: „Meine Fackeln will ich entzünden über der Erde“, „hin zu anderen maßlosen Herzen“. / Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung 7.10.