85. Ars-Littera-Preis für Peter Salomon

Ars Littera
Verein zur Förderung von Kunst und Literatur
Kalvarienbergstraße 17 B . D-79780 Stühlingen

PRESSEMITTEILUNG

Stühlingen, am 28. Oktober 2014

Der in Konstanz lebende Schriftsteller Peter Salomon erhält den ersten Ars-Littera-Preis für das späte literarische Glück. Gewürdigt wird das seit vier Jahrzehnten andauernde schriftstellerische Wirken des Autors als Lyriker, Prosaschriftsteller, Literaturkritiker, Herausgeber und Literaturdetektiv. Salomon veröffentlichte zahlreiche Lyrikbände, war Mitbegründer und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift UNIVERS, hat die Buchreihe REPLIK ins Leben gerufen, die sich vergessenen expressionistischen Autoren widmet, und ist auch als Literaturkritiker und Herausgeber von Anthologien und vergriffenen Büchern tätig.

Walter Neumann schrieb über Peter Salomon: »Ein Autor, der seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten ein Stück Literaturgeschichte der Stadt Konstanz wie der gesamten Bodenseeregion geschrieben und zugleich eine unverwechselbare Note zur deutschen Literatur der Gegenwart beigetragen hat.«

Der Ars-Littera-Preis besteht aus zwei Buchpublikationen zu Ehren des Preisträgers:

– einem umfangreichen Porträtband über den Autor, der Literaturkritiken, Essays, Aufsätze, Gedichtinterpretationen, ein langes Interview, Autorenphotos sowie eine Bibliographie enthält

– einem Peter-Salomon-Lesebuch, das ausgewählte Texte des Autors versammelt, die einen repräsentativen Querschnitt durch das literarische Schaffen des Schriftstellers bieten

Der Ars-Littera-Preis wurde von der gemeinnützigen Kulturvereinigung Ars Littera ins Leben gerufen und soll in Zukunft jährlich verliehen werden.

gez.: Prof. Dr. Peter Blickle / Klaus Isele

http://www.ArsLittera.de

Interview mit dem Preisträger

Peter Blickle: In welcher literarischen Tradition stehen Sie?

Peter Salomon: Als ich ab 1967 Schriftsteller wurde, gab es einen kollektiven Impuls für eine Neue Literatur. Der wurde ziemlich bald als »Neue Subjektivität« benannt. Mir wäre »Subjektive Sachlichkeit« lieber.

In den Freiräumen, die diese neue Literatur eröffnete, entwickelte ich meinen eigenen Stil. Von den Zeitgenossen fühlte ich mich besonders Nicolas Born und Yaak Karsunke nahe. In der Rückschau fällt auf, daß schon sehr früh Dieter Leisegang und PG Hübsch diese Art Literatur versuchten.

Ich habe immer viel gelesen, das ist mir ebenso wichtig wie selber schreiben.

Deshalb gibt es viele Schriftsteller und Literatur, die mir etwas gesagt haben.

Die denkbar knappste Linie für die Beschreibung meines literarischen Rückrats würde ich so ziehen:

Nietzsche – Benn – Brecht – Günter Eich.

Peter Blickle: Warum heute noch Gedichte schreiben?

Peter Salomon: Das Lesen von Gedichten bereitet mir großes Vergnügen, wenn sie nicht allzu hermetisch sind. Ähnliches gilt für ihre Herstellung – wobei ich eher der Gelegenheitsdichter bin, der sich vom überraschenden Einfall und der gelingenden Formulierung beflügeln läßt.

Ich setze mich also nicht jeden Tag zwanghaft hin und quäle mich – aber ich versuche doch, die günstigen Gelegenheiten durch »Rumbosseln« am angesammelten Material zu provozieren.

Ich frage also nicht, ob Lyrik eine gesellschaftliche Bedeutung hat oder haben sollte.

Allerdings entgeht mir nicht, daß die Literatur ihre selbstverständliche Bedeutung in der Gesellschaft verloren hat. Das ist eine Folge des herrschenden Kapitalismus, der das Geistige klein hält. Ich will mich aber nicht davon beirren lassen, daß die Auflagen meiner Gedichtbände nicht so hoch sind, wie es das kapitalistische Prinzip an sich fordert. Hauptsache es gibt noch Verleger, die das Spiel mitmachen.

Es gibt ja auch Sportarten, die einige Zeit einen Höhenflug haben und plötzlich »out« sind – also keine TV-Sendezeiten mehr bekommen und unter Nachwuchsmangel leiden. Trotzdem wird weiter Ski gesprungen und Tennis gespielt.

Das öffentliche Interesse ändert sich ja laufend. Als ich als Lyriker anfing, war diese Gattung total »in« und boomte. Viele Jugendliche definierten sich darüber. Manche sind dabei geblieben. So wie man mit dem Lernen von Fremdsprachen neue Länder erkunden kann, beschert einem der Umgang mit Lyrik neue Blicke auf die Wirklichkeit und Erfahrungen, die man nur mittels der Dichtkunst machen kann.

Peter Blickle: Beim Lesen Ihrer Lyrik fällt mir auf, daß es eine »Schnittmenge« zwischen visueller Kunst und Wortkunst gibt – wie in der zeitgenössischen Lyrik insgesamt. In welcher Art inspiriert Sie die visuelle Kunst.

Peter Salomon: Ich bin der bildenden Kunst sehr verbunden. Auf manchen Gebieten bin ich amateurhaft-autodidaktischer Spezialist. Ich sammle auch etwas.

Trotzdem überrascht mich die Frage, weil die Bildkunst in meinem Bewußtsein von meiner literarischen Arbeit nur ganz am Rande eine Rolle spielt. Üblicherweise hole ich mir mein Material aus der Alltagswirklichkeit: Ich schaue den Leuten auf Maul, schaue, was in der Stadt abgeht, und finde Verwertbares in den Medien. Das sind natürlich nicht nur Sprachfundstücke, sondern auch visuelle – aber doch keine in Kunstform, dazu will ich sie ja in meinen Gedichten erst machen. Nur in wenigen Gedichten habe ich mich explizit mit bildender Kunst beschäftigt – aber auch das noch sehr hinterhältig: Mein Gedicht über den englischen Maler Denton Welch beschreibt scheinbar ein »Blumenstilleben mit Konfekt«. Welch war aber auch Schriftsteller. Das angebliche Welch-Gemälde, das ich lyrisch beschrieben habe, gibt es gar nicht, ich habe es erfunden. Aber diese Erfindung besteht ausschließlich aus Worten und ganzen Sätzen aus Romanen von Welch, ist also eine Collage aus seiner Literatur, während der Leser zunächst glaubt, es ginge um seine Bildkunst. Tricky, oder? Ich will damit natürlich etwas beweisen.

Peter Blickle: Lyrik bewegt sich oft in jenem unerklärlichen Zwischenland zwischem dem Universell-Menschlichen und dem Konkreten. Welche Wirkungen hatten und haben Orte auf Ihre Worte und Sprachrhythmen?

Peter Salomon: Also mit dem Universell-Menschlichen beschäftigt man sich in der Pubertät oder wenn man nicht zu sich selbst finden konnte. Die Gedichte sind dann auch danach, wenn man sich in diesem Zustand zum Dichter berufen fühlt. Ich bin eindeutig der Ansicht, daß der Dichter vom Konkreten ausgehen muß – und zwar von den kleinen Stückchen, aus denen die Wirklichkeit besteht. Er muß Stückchen zusammensetzen! Bis sich ein Mosaik zeigt, das dann ein so oder so verschobenes Abbild der Wirklichkeit ist. Man sieht sie dann plötzlich etwas anders als im Alltag. Bei bestimmten Verschiebungswinkeln mag sich dann auch gelegentlich das Universell-Menschliche zeigen. Das ergibt sich bei der Arbeit. Das kann man nicht einfach bedichten wollen. Das stellt sich erst hinterher oder mittendrin ein.

84. Der Vogel Frühling

(…) er beschrieb sie: die Ämter („Und wer kennt nicht die Behörden / und die Rennereien mit dem Schein„), das „geometrische Idyll“ oder die Parteitage („In Mitte der Hauptstadt / Tagt die aufgehende Sonne„). In seinen „Modernen Landschaften“ wuchsen „Stahlbäume“ auf Bürgersteigen:

Und es zweigen die Drähte
Von Baum zu Baum. Darunter brüllen
Die elektrischen Tiere
Mit Menschen im Herzen vorüber.
Und so mancher gehet vorbei dort
Und findet nichts weiter dabei;
Denn die steinerne Landschaft
Ist ja auch seine Mutter.

Uwe Greßmann fand etwas dabei. Er fand sich nicht ab mit dem, was er sah und hörte. Er nahm sich die Freiheit, die sprachlichen Konventionen zu verlassen und – inmitten der modernen Wirklichkeit mit ihren rasanten technischen Entwicklungen – neben Kitsch, Romantik und Ironie auch den Kosmos als poetisches Erlebnis zu feiern und Sagenhaftes wie Phantastisches mitschwingen zu lassen. 1966 erschien als erster und einziger Gedichtband zu seinen Lebzeiten „Der Vogel Frühling“. / Marie Luise Knott, Perlentaucher Tagtigall

83. George und der Krieg

August 1914, der Erste Weltkrieg beginnt. Die Kriegsbegeisterung ist in vielen Teilen Europas groß. Ganze Schulklassen melden sich freiwillig an die Front, Theologen geben dem Krieg eine religiöse Weihe und nicht nur der Schriftsteller Thomas Mann sieht in ihm eine „Reinigung“, einen Ausstieg aus der „satten Friedenswelt“. Und wie stand der Binger Dichter Stefan George zum Krieg?

(…) Doch während viele seiner jungen Anhänger sich vom „Hurrah“-Patriotismus anstecken ließen, schwieg er zunächst. Erst 1917 veröffentlichte er ein langes einzelnes Gedicht: „Der Krieg“. Dieses Gedicht, so mutmaßte der Berliner Literaturhistoriker Prof. Peter Sprengel, musste für die immer noch kriegsbegeisterte Jugend erschütternd sein. Denn George erteilt jeder Hoffnung eine Absage: „Zu jubeln ziemt nicht: kein triumf wird sein“, dichtet er. Zugleich findet er – darauf wies der Heidelberger Literaturwissenschaftler Prof. Helmuth Kiesel in seinem Abendvortrag hin – Formulierungen, die so eindrücklich und präzise sind, wie in kaum einem anderen Werk über den Krieg. Soldaten hausen in „schandbar zerwühlter Erde wie Geziefer“, sinken nach einem Granateinschlag nieder als „brei und klumpen“. Es ist eine Apokalypse von fast biblischen Ausmaß („Erkrankte Welten fiebern sich zu ende“), doch auf das Leid folgt keine Erlösung, das Opfer ist sinnlos. / Caroline Jerchel, Allgemeine Zeitung

82. Sylvia Geist

gelesen von Paul-Henri Campbell, jetzt bei Fixpoetry. Auszug:

Sylvia Geist (* 1963 in Berlin) lotet mit ihrem neuen Gedichtband »Gordisches Paradies« die Bewegung der Erinnerung selbst aus. Sylvia Geist verfolgt den Prozess der Präsentmachung des Selbst aus seiner Vergangenheit. »Gordisches Paradies«, das ist das Selbst, das sich in der Zeit entrollt, dabei verknotet, entknotet und sich weiter verknotet. Das Schöne an ihren Texten scheint mir, dass sie Poesie in Stellung bringt als eine Methode der Erzeugung von modernem Bewusstsein, von Jetztzeit, von Ich –  das Ringen um das Selbst entsteht durch seine sprachliche Selbstbehauptung.

 

Sylvia Geist
Gordisches Paradies
Hanser Berlin
2014 · 112 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24501-3

81. VERSchmuggel / SäkeenVERsoja

VERSchmuggel / SäkeenVERsoja
Finnisch- und deutschsprachige Gedichte
Herausgeber: Aurélie Maurin , Thomas Wohlfahrt
Wunderhorn

Hendrik Jackson , Jyrki Kiiskinen , Norbert Lange , Teemu Manninen , Olli Sinivaara , Kerstin Preiwuß , Thomas Rosenlöcher , Andre Rudolph , Aki Salmela , Kathrin Schmidt , Helena Sinervo , Henriikka Tavi
Erscheinungsjahr: 2014 | ISBN: 978-3-88423-474-7

Über dieses Buch

Die Lyrik in Finnland erreicht derzeit eine dort nie gekannte Sinnlichkeit und Experimentierfreude. Sie lotet Abgründe aus, mal mit Leichtigkeit, mal mit selbstironischer Verzweiflung, erprobt sich an der Moderne, lässt dabei aber nicht die Mystik der nordischen Natur aus dem Blick.

Grund genug für die Literaturwerkstatt Berlin zum poesiefestival 2013 sechs Dichter aus Finnland einzuladen: Olli Sinivaara, Helena Sinervo, Aki Salmela, Jyrki Kiiskinen, Henriikka Tavis und Teemu Manninen. Dazu kamen sechs deutschsprachige Dichterkollegen: Andre Rudolph, Kathrin Schmidt, Hendrik Jackson, Thomas Rosenlöcher, Kerstin Preiwuß und Norbert Lange. Die Autoren nahmen Teil an der Nachdichtung ihrer Werke in einer ihnen fremden Sprache, unterstützt von Sprachmittlern als Weggefährten und auf Grundlage von Interlinearübersetzungen. Im Dialog und in der gemeinsamen Lektüre galt es, die je andere Kultur, poetische Traditionen und Sprachschöpfungen zu erkunden, aber auch, das Fremde der eigenen Sprache anzueignen. Welche Verwandlung der Dichtung damit möglich wurde, dokumentiert die zweisprachige Sammlung der Gedichte, wie auch sie begleitende poetologische Essays. / Mehr

80. Poetopie

die dunkler werdenden Tage lassen uns aufhorchen

Hansjürgen Bulkowski

79. Zauner

Das Wortmaterial kommt zum Teil direkt aus zugehörigen Wortfeldern; alles ist hier – wie in den beigefügten bildkünstlerischen Arbeiten Zauners – wirbelig, torkelt, purzelt und dreht sich spiralig oder propellerartig. Dazu kommen in immer neuen Kombinationen Bildvorstellungen wie Schneise und Stelze, Leinwand und Projektor, Wackelbild und Wackelpudding, aber auch Rosenblüten und Flötenhaar, Sieb und Lasso, Mammut und Koalabär. Und Zauners bewährte Tierbildgenerationsmaschine bereichert die fantastische Zoologie auch in diesem Band um überraschende Kreationen, etwa den singenden „klarinettenrabenwedelbären“. Wie eine Flipperkugel rollen die immer neu zusammengewürfelten Wortballungen durch die Textseiten, in denen sich „alle jemals gedachten und gesprochenen worte“ in- und übereinandertürmen, sich balgend und haschend.

„ich habe also schon längst diese weltweit begehrte worterzählmaschine erfunden, jeder der zu mir rhizt erfährt sofort seine gesprochenen noch zu sprechenden wortflüsterwerte“, heißt es einmal. / Die Presse

Hansjörg Zauner: Sie ist im Lieblingssong mit Skistöcken als Lächeln hängen geblieben: Prosa. Klagenfurt: Ritter, 2013
ISBN 3854155018, 9783854155010

78. Trakl

Trakl, ein Liedermacher der Vorweltkriegsszene („ein Lied zur Guitarre, das in einer fremden Schenke erklingt“). Der kaputte Typ. Der soziale Versager. Der schwierige, bis unmögliche Freund. Nahezu alles misslang ihm im Leben, und buchstäblich alles gelang ihm im Gedicht. Trakl lebte ein Leben, das auf Gedichte ausgerichtet war. Nur öffentlich vortragen konnte er sie nicht.

Die einzige Lesung, die Trakl gab – zusammen mit dem Prosaisten Robert Michel am 10. Dezember 1913 bei einer im Innsbrucker Musikvereinssaal in der Museumstraße abgehaltenen Veranstaltung der legendären Zeitschrift „Der Brenner“, zu diesem Zeitpunkt längst Trakls wichtigstes Publikationsorgan –, litt denn offenbar unter der betont leisen Art seines Vortrags.

Nicht dass Trakl seine Stimme versagt hätte, vielmehr hat er seinen eigenen acht vorgetragenen Gedichten – sie gehören zu den Höhepunkten seines lyrischen Werks („Die junge Magd“, „Sebastian im Traum“, „Abendmuse“, „Elis“, „Sonja“, „Afra“, „Kaspar Hauser Lied“, „Helian“) – ihre wirkungsvolle stimmliche Umsetzung versagt. Oder war das Leise seiner Stimme einfach seiner notorischen Befangenheit und Nervosität geschuldet? / Rüdiger Görner, Die Presse

77. Büchnerpreis für Jürgen Becker

„Wir ehren ihn nicht nur im Rückblick, sondern auch im Hinblick darauf, dass er immer noch ein außerordentlich produktiver und innovativer Autor ist“, so Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in einem Gespräch mit der Deutschen Welle. Gerade auf diesen Aspekt hätte die Akademie besonderen Wert gelegt, so Detering. Der 1932 in Köln geborene Becker hat sich noch lange nicht aufs Altenteil zurückgezogen. Er schreibt fleißig weiter.

Und dass er auch noch viel Einfluss ausübt auf Jüngere, dass er also auch „innovativ“ ist, wurde bei der Frankfurter Buchmesse gerade noch einmal sehr deutlich. Becker stellte dort ein Buch zweier Germanisten vor, das besonders auf sein Frühwerk eingeht. Das war in den 1960er Jahren vom Zusammenspiel der verschiedenen Künste, Dichtung, Malerei und Collage, bildende Kunst und moderne Musik geprägt. Avantgardistisch und revolutionär, mutig und sperrig waren diese erste Texte Beckers – vieles, was heute als dichterische Avantgarde gilt, wirkt dagegen bieder.

(…)

In der Preisbegründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung heißt es nun, Becker habe „die Gattungsgrenzen von Lyrik und Prosa beharrlich neu vermessen und verändert. Seine Gedichte leben aus einer sensiblen, sinnlichen, neugierigen Weltzugewandtheit und einer vollendeten, dabei ganz unaufdringlichen Sprachkunst.“ Bei aller bildlichen Brillanz und aller Lust am leuchtenden Detail der umgebenden Natur erkunde sie stets eine von den Spuren der Geschichte und ihrer Katastrophen gezeichneten Landschaft. Jürgen Becker mag mit seinen nunmehr 82 Jahren ein ungewöhnlicher und beim breiteren Lesepublikum wenig bekannter Autor sein, ein würdiger ist er allemal. / Jochen Kürten, Deutsche Welle

Zum Weiterlesen: Anne-Rose Meyer-Eisenhut und Burkhard Meyer-Sickendiek: „Fluxus und/als Literatur – Zum Werk Jürgen Beckers“, Verlag edition text + kritik, 978-3-86916-325-3. Beim gleichen Verlag liegt die Zeitschrift für Literatur vor, der Band VII/03 widmet sich dem Werk Beckers. Dort schreibt auch Buchpreisträger Lutz Seiler über den Büchner-Preisträger 2014. Die Auszeichnung wurde Jürgen Becker heute im Rahmen der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen.

76. Jüdischsein

Ist es für Sie schwierig, Ihr Jüdischsein in eigene Worte zu fassen?

Nein, jedoch setze ich mich in den Büchern, die ich schreibe, mit meiner jüdischen Identität auseinander. »Four Jews on Parnassus« etwa, das ich zu einer Zeit schrieb, in der ich wusste, dass meine Frau Diane Middlebrook an Krebs sterben würde, stellt die Herangehensweisen von vier jüdischen Intellektuellen, Benjamin, Adorno, Scholem und Schönberg, an ihre jüdische Identität dar; Walter Benjamin, der jüdische Deutsche oder deutsche Jude, der Zionist Gershom Scholem, dann Arnold Schönberg, der zum Protestantismus konvertierte und später wieder dem Judentum beitrat; ich selber habe mein Jüdischsein zwar nicht verneint, aber lange versteckt.

Im Wien meiner Kindheit vor unserer Flucht vor den Nazis waren wir »Weihnachtsbaum-Juden« – wir feierten kein Chanukka, aber stellten einen Weihnachtsbaum auf – ohne Christus. Als ich dann als traumatisierter Teenager und jüdischer Flüchtling in die USA kam, vermutete ich Antisemitismus an Orten, an denen er kaum existierte, oder erlebte seine amerikanisch-akademische Ausprägung. Damals gab es zum Beispiel an der Columbia University – in New York, der jüdischsten aller Städte – einen Numerus clausus, der besagte, dass nur zehn Prozent aller Medizinstudenten jüdisch sein durften. Harvard nahm bis 1938 keine jüdischen Professoren für englische Literatur auf, weil man dachte, Juden gehörten nicht zur englischen Kultur und könnten keine englische Literatur interpretieren. Die Chemie war lange ein antisemitisches Fach; während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es an führenden Universitäten nur eine Handvoll jüdischer Chemieprofessoren. Ich bin also nie mit meinem Jüdischsein hausieren gegangen; für viele klang mein Nachname »Djerassi« arabisch.

/ SARAH PINES: Carl Djerassi, der Entwickler der ersten Antibabypille, im Gespräch mit Sarah Pines über Sex, Chemie und seine Gedichte, Jungle World

75. Mongolische Lyrik-CD

Einen Eindruck von ihren Gedichten hat die gebürtige Mongolin Solongo Treml den Meringern bereits bei der Paarkunst vermittelt. Mit den Lyrikübertragungen aus ihrer Muttersprache ins Deutsche hat sie eine ganze CD zusammengestellt. Zur offiziellen Vorstellung am 7. November findet ein großer Festakt in der mongolischen Botschaft in Berlin statt.

Solongo Treml lernte schon seit ihrem neunten Lebensjahr Deutsch bei Missionaren. / Meringerin verfasst deutsch-mongolische Lyrik-CD – weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine

74. Feldkircher Anthologie

Der Feldkircher Lyrikpreis, eine Initiative der Autorin und Literaturvermittlerin Erika Kronabitter gemeinsam mit dem Theater am Saumarkt, wird bereits seit 2003 international ausgeschrieben und soll deutschsprachige Lyrik auszeichnen.
Die Lyrik-Anthologie „Feldkircher Lyrikpreis“ erscheint jedes Jahr parallel zur Preisverleihung des Feldkircher Lyrikpreises Anfang November und gibt einen sehr reizvollen Einblick in die zeitgenössische Lyrikproduktion, denn neben Gedichten der drei Preisträger umfasst sie noch eine exklusive Auswahl an preiswürdiger Lyrik. / Vorarlberger Nachrichten

Erika Kronabitter (Hg.): „Lyrik der Gegenwart, Feldkircher Lyrikpreis 2013“, 174 S., Verlag Edition Art Science.

73. Teppich aus Luft

Gedichte von Hans Raimund aus unterschiedlichen Werkphasen hat die burgenländische „edition lex liszt“ in einem aus mehreren Gründen beachtenswerten Sammelband („Auf einem Teppich aus Luft / On a carpet made of air“) vereint. Keine „Best-of“-Blütenlese, sondern eine subjektive, vom Autor selbst getroffene, englischsprachigen Übersetzungen gegenübergestellte und in Zyklen gefasste Auswahl.

Die mühsame und oft unbedankte Praxis des Übersetzens und die Reflexion über Grenzen von Übersetzbarkeit, speziell bei Lyrik, beschäftigen den in Petzelsdorf (Bezirk Scheibbs) geborenen Niederösterreicher seit jeher. Umso reizvoller ist es nun, sorgfältige Mittel und entsprechende Zugänge mit ihm befreundeter Autoren und Übersetzer (Timothy O’Brien, David Chorlton, Robert Dassanowsky, Vera Neuroth und Christopher Whyte) zu erkunden. / Kleine Zeitung

72. Kosovarisches Lyrikertreffen

Die Einladung aus Prizren, einen Binger Lyriker zum Lyriktreffen „Takimet e Gjeçovit“ zu entsenden, ist bestes Beispiel für einen lebhaften Austausch. Auch Oberbürgermeister Thomas Feser begrüßt diese Form des kulturellen Diskurses, u.a. ein Ergebnis seines letzten Besuchs in der Partnerstadt im Juli dieses Jahres. Der Binger Lyriker Sören Heim, der auch für die AZ schreibt, hat nun die Reise angetreten und das 43. Lyriktreffen „Takimet e Gjeçovit“ besucht.

Bei diesem renommiertem Lyriktreffen in Gedenken an Shtjefën Gjeçovi, einen katholischen Mönch und Autor, haben kosovarische und albanische Autoren und Gastautoren, darunter der Binger Sören Heim, ihre Werke vor etwa 500 interessierten Gästen vorgestellt. (…)

“ (…) Mit hochkarätigen Lyrikern zusammenzutreffen, bekannte kosovarische Schauspieler kennenzulernen, vor 500 Zuhörern zu stehen und dann mit einem Preis ausgezeichnet zu werden, der Presserummel und die Aufmerksamkeit, die man der Lyrik und meiner Person gewidmet hat, ist surreal. Der Preis Pena e Anton Pashkut, zu deutsch: Stift des Anton Pashku, (Paschku gilt als der Vater der modernen albanischen Literatur) ehrt mich.“ / Allgemeine Zeitung

71. Preisverleihung

Für seinen Gedichtband „Kein Schweigen bleibt ungehört“ wurde Horst Samson, Redaktionsleiter des Bad Vilbeler Anzeigers, mit dem Gerhard-Beier-Preis der Literaturgesellschaft Hessen ausgezeichnet. Die Feierstunde fand in Kronberg statt. (…)

Außerdem erreichte Samson die Nachricht, dass er für seinen gerade erschienenen Gedichtband „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“ mit der Stefan-Jäger-Ehrenmedaille in Rumänien ausgezeichnet wird. / Frankfurter Neue Presse

Horst Samson: „Kein Schweigen bleibt ungehört“ ist im Pop-Verlag Ludwigsburg, erschienen und kostet 14,99 Euro.