38. Jo Schulz (1920-2007)

DSCI3256
Grab des Schriftstellers Jo Schulz in Prerow / Darß.

Hier ein Gedicht aus dem Band „leben üben oder Die Emanzipation des Mannes“. Berlin (Ost): Verlag der Nation, 1979, S. 76, behandelnd einen nicht untypischen Vorfall auf einer Konferenz, vielleicht eines nicht untypischen DDR-Schriftstellerverbandes:

Die Brüderlichen
Ich habe auf einer Versammlung gesprochen,
als deren Meinung vorbildlich geeint war ...
In ein Wespennest habe ich nicht gestochen
Und wußte kaum selbst, ob ich Freund oder Feind war
Weil alles
          wie auf Kommando
                          versteint war

Am Biertisch hieß es brüderlich:
Genau wie du so denk auch ich!

37. Gewinner des 22. open mike

Die Juroren des 22. open mike haben entschieden: Der 1. Preis für Prosa ging an Doris Anselm (Berlin) für den Text „Die Krieger des Königs Ying Zheng“. Die beiden 2. Preise gingen an Mareike Schneider (Hildesheim) für den Prosatext „Die Holzmieten“ und an den Lyriker Robert Stripling (Frankfurt am Main) für seine Prosagedichte. Den Preis der taz-Publikumsjury erhielt Gerasimos Bekas (Berlin) für den Text „Feierabend“.

Der open mike wird von der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation ausgelobt und ist mit insgesamt 7500,- EURO dotiert.

Aus den knapp 600 eingegangenen gültigen Bewerbungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum wählten sechs Lektoren aus renommierten Verlagen die 22 Autoren und Autorinnen aus, die am 8. und 9. November 2014 beim Finale im Heimathafen Neukölln in Berlin ihre Texte vor täglich bis zu 500 Zuschauern vortrugen. Die Juroren Andreas Maier, Marion Poschmann und Björn Kuhligk kürten die Preisträger.

Der open mike hat sich, seitdem er 1993 zum ersten Mal verliehen wurde, zum wichtigsten deutschsprachigen Literatur-Nachwuchswettbewerb entwickelt und ist Karrieresprungbrett für junge Autoren. Gewonnen haben ihn u.a. Karen Duve, Kathrin Röggla, Jochen Schmidt, Terézia Mora, Tilman Rammstedt, Rabea Edel, Jörg Albrecht und Judith Zander.

Die Gewinner 2014:

Doris Anselm wurde 1981 in Buxtehude/Niedersachsen geboren. Sie studierte Kulturwissenschaften in Hildesheim, anschließend absolvierte sie ein journalistisches Volontariat. Von ihr erschien bereits Prosa in Anthologien und Literaturzeitschriften, z.B. entwürfe, DUM und ]trash[pool. Ihre Kurzgeschichte „Rose und Marille“ wurde mit dem Dichtungsring-Literaturpreis 2014 ausgezeichnet. Mit Lyrik war sie zum Literaturkolleg Ranis 2014 unter der Leitung von Nora Gomringer eingeladen. Doris Anselm lebt in Berlin und arbeitet als Radioreporterin.

Mareike Schneider wurde 1981 in Leipzig geboren. Sie ist diplomierte Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin. Seit dem Beginn ihres Studiums des Kreativen Schreibens lebt und arbeitet sie in Hildesheim. Sie schreibt Prosa in Form von Miniaturen und Kurzgeschichten, zudem arbeitet sie an einem Familienroman. Sie veröffentlichte in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt Trashpool Nr. 4), verdingte sich als Lektorin, betrachtet die literarische Lesung als eigenständige Kunstform und leitete 2011 zu diesem Thema eine Lehrveranstaltung an der Universität Hildesheim. Man findet sie in unregelmäßigen Abständen auf Hildesheimer Bühnen, aktuell im Theater-Soap-Projekt „Vier Wände“. mareikeschneider.wordpress.com

Robert Stripling wurde 1989 in Berlin geboren und lebt in Frankfurt am Main. Er arbeitete in der Altenpflege als Pflegeassistent, an Produktionen des Jungen Schauspiels Hannover und des Schauspiels Frankfurt. Er trat bereits mit Texten von Friedhelm Kändler auf und hielt Lesungen. Zudem erhielt er Einladungen zum Treffen Junger Autoren und zum Theatertreffen der Jugend und nahm an Schreibwerkstätten des Literaturbüros Mainz und beim ZDFkultur-Projekt Radikal Büchner teil. Er studiert Philosophie und Kunstgeschichte. Von ihm erschienen Veröffentlichungen in u.a. Bella Triste, Der Greif, STILL. Ehrenamtliche Mitarbeit in der Schreibwerkstatt der Praunheimer Werkstätten.

Gerasimos Bekas wurde 1987 in Ostwestfalen geboren und verbrachte seine Kindheit in Griechenland und Franken. Er studierte Politikwissenschaft in Bamberg und arbeitet heute als Autor und Theatermacher. Er lebt in Berlin und Athen. 2013 gewann er bei „Radikal Büchner“ von ZDF und Bauhaus Dessau. Er ist Mitglied der Bayerischen Akademie des Schreibens 2014.

Die Gewinner des open mike lesen im Anschluss in Frankfurt und Wien:

Do, 13.11., 20 Uhr, Lesung im orange peel, Frankfurt, www.orange-peel.de

Do, 20.11., 19 Uhr, Lesung im Literaturhaus Wien, www.literaturhaus.at

Der open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Kooperation mit dem Heimathafen Neukölln und dem Allitera Verlag. Mit freundlicher Unterstützung des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes Neukölln.

Die Wettbewerbstexte sind als Anthologie im Allitera Verlag (www.allitera.de) erschienen und dort oder im Buchhandel erhältlich.

Am 16.11.2014 um 0:05 Uhr sendet Deutschlandradio Kultur die Reportage „22. open mike“ von Irene Binal.

Der open mike im Netz

36. An die Teilnehmer des open mike

Von Björn Kuhligk (Auszug)

Liebe Autorinnen und Autoren,

Eure Texte haben Fürsprecher gefunden. Eure Texte haben sich gegenüber 600 anderen durchgesetzt. Ihr habt gelesen, ihr konntet einem großen Publikum Eure Texte präsentieren. Das ist ein riesiger Schritt. Herzlichen Glückwunsch!

Nun wollt Ihr veröffentlichen, Ihr wollt also Teil des Literaturbetriebs sein? Schaut Euch kontinuierlich die Programme der Verlage an, knüpft Kontakte zu Lektoren. Überlegt, wo Ihr welches Buchprojekt anbieten könnt. Die Zeit der Autorenverlage, in der Verleger bei finanziellem Notstand einen Autor durchgefüttert haben, ist vorbei, ebenso die Zeit, in der ein einziger Verlag ein komplettes Werk veröffentlichte. Seid eigenständig, bleibt eigenständig, seid beweglich, holt Euch Hilfe. Grenzt Euch ab und vermeidet übermäßigen Kontakt zu Kritikern, das macht hässlich. Kriecht niemandem in den Hintern und schleimt nicht, das macht auch hässlich. Findet einen Job, der Euch finanziell absichert, verdient auf anderen Gebieten. Schreibt weiter! Bildet Banden! Findet Vertraute! Verschickt an Zeitschriften und andere Wettbewerbe. (…) Schreibt, was Ihr schreiben wollt. Wenn es der Markt nicht will, ist der Markt der Überzeugung, es nicht verkaufen zu können. Wenn der Markt es will, habt Ihr ein Produkt, dass ihr auch so verkaufen solltet.

(…)

Ich war Ende der Neunziger in einer Berliner Bande. Ein Drittel der Bande hat aufgehört zu schreiben oder schreibt nur für sich, warum auch nicht. Die, die einen bürgerlichen Beruf angenommen haben, verdienen mehr Geld als die, die weiter geschrieben haben.

Mehr bei open mike Der Blog

35. American Life in Poetry: Column 502

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Many poets have attempted to describe the way in which flocks of birds fly, as if they were steered by a single consciousness. In the following poem, David Allan Evans gives us a new metaphor for the way light shows through the flying birds. Evans is Poet Laureate of South Dakota.

Sixty Years Later I Notice, Inside A Flock Of Blackbirds,

the Venetian blinds
I dusted off

for my mother on
Saturday mornings,

closing, opening them
with the pull cord a few

times just to watch the outside
universe keep blinking,

as the flock suddenly
rises from November stubble,

hovers a few seconds,
closing, opening,

blinking, before it tilts,
then vanishes over a hill.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by David Allan Evans from his most recent book of poems, the Carnival, the Life, Settlement House, 2013. Poem reprinted by permission of David Allan Evans and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

34. open mike – Jury hat entschieden

1. Preis: Doris Anselm, »Die Krieger des Königs Ying Zheng«

2. Preis: Robert Stripling, »Prosagedichte« & Mareike Schneider, »Die Holzmieten«

Und der Preis der taz-Publikumsjury geht an: Gerasimos Bekas »Feierabend«

33. Poetopie

verschwundene Mauern halten ewig

Hansjürgen Bulkowski

32. Wien: Literatur im Herbst

Es ist eine illustre Schar, die sich da in Wien versammelt: vom großen russischen Romancier Vladimir Sorokin über den Drehbuchautor Denis Osokin, der das Buch zu dem preisgekrönten Film „Stille Seelen“ schrieb, bis zu Jelena Fanajlowa. Sie ist nicht nur eine der prominentesten Lyrikerinnen Russlands, sondern auch eine engagierte regimekritische Journalistin. Aus dem russischen Norden schickt sie ein „Sendschreiben in den Süden“ – so der Titel eines Gedichtes über die Ukraine.

„Früher sagte man immer, die Ereignisse kommen in Kiew mit drei bis sechsjähriger Verspätung an, man hatte das Gefühl, dass die Ukraine in fast allen Bereichen hinter Russland war, heute ist das genau umgekehrt“, sagt Fanajlowa. „Jahrzehntelang hat Russland auf eine Modernisierung hingearbeitet und es jetzt ist es die Ukraine, die einen Sprung nach vorne macht. Das Blutvergießen im Osten der Ukraine ist ein Konflikt zwischen der Moderne und dem Archaischen.“

„Wir sind vom selben Stamm, eine Familie, Bruder gegen Bruder, Schwester gegen Schwester“, schreibt Jelena Fanajlowa in ihrem „Sendschreiben in den Süden“. Es sind Texte von großer poetischer Kraft, die sie der Ukraine gewidmet hat und ihren Kollegen dort, wie Serhij Zhadan, den sie ins Russische übersetzt hat. Serhij Zhadan, der im März bei den Demonstrationen in Charkiw schwer verletzt wurde. Daraus eine Gedichtzeile: „Dich bringt dieses Land um – meines.“

„In Russland gibt es wieder vermehrt politische Lyrik und diese Gedichte leuchten das ganze politische Spektrum aus – vom Putin-begeisterten Patrioten bis zum Regimegegner“, erklärt Fanajlowa. „Lyrik hat eine große Aufmerksamkeit, vor allem bei den Jungen. Der Dichter ist wieder eine moralische Autorität.“ / Kristina Pfoser, ORF

31. Klagenfurter Poetik oder Die Laienherrschaft

Aus einem Essay von Felix Philipp Ingold*

Wer sich während der diesjährigen Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur hin und wieder bei TV 3sat in die laufende Veranstaltung einschaltete, konnte auf eine illustre Kritikerrunde treffen, die eben dabei war, über einen der vorgelegten Texte zu räsonieren. Womöglich war es der denkwürdige Moment, da einer der Juroren ein vielbeachtetes Diktum verlauten ließ – sinngemäß: „Miserable Lesung und … (kurze Pause) … aber vielleicht war eben dies das Gute daran.“ Zwischen „und“ und „aber“ gab es im Publikum eine sofortige raunende Abwehrreaktion gegen das scharfe Verdikt, das vom Votanten denn auch im gleichen Atemzug bedenkenlos in sein Gegenteil verkehrt wurde: Das Gute an dem Textvortrag wäre also dessen Miserabilität gewesen. Was Wunder, dass in der Folge tatsächlich der Kandidat mit der miserabelsten Lesung den Ingeborg Bachmann-Preis entgegennehmen durfte.

Das Gute an der peinlichen Episode, so könnte man nun hinzufügen, besteht darin, dass sie die Miserabilität heutiger Literaturbetrachtung exemplarisch erkennbar werden lässt – sie tendiert (im Positiven wie im Negativen) zu unbegründeten Pauschalurteilen, es fehlt ihr an objektiven Kriterien und Prioritäten, und wo sie auf Skepsis oder Widerspruch stößt, übernimmt sie bedenkenlos den vorherrschenden Publikumsgeschmack. Der heute im Kulturbetrieb wie in der Unterhaltungsindustrie vorrangigen Laienherrschaft wird in Klagenfurt wie anderswo Genüge getan (um nicht zu sagen: Reverenz erwiesen) durch die Vergabe eines sogenannten Publikumspreises, der ausschließlich vom Kriterium des mehrheitlichen Gefallens bestimmt ist. Eine Diskussion (oder auch bloß ein Meinungsaustausch) über die zu beurteilenden Texte findet nicht statt. Entscheidend ist einzig die Anzahl der spontan abgegebenen Stimmen beziehungsweise die Mehrheit der gereckten Daumen, die als „Likes“ hochgerechnet werden. (…)

Aus den Klagenfurter Juryvoten und Preisreden ließe sich leicht so etwas wie eine Klagenfurter Poetik synthetisieren. Es ergäbe sich daraus ein „realistischer“ Literaturbegriff, der grundsätzlich an der Wirklichkeit orientiert bleibt und als dessen ständiger Bezugspunkt das „Leben“ zu gelten hat, sei’s das Leben auf der historischen Achse (Epochen-, Familiengeschichten), sei’s das persönliche Erleben der Autoren (Kindheits-, Krankheits-, Kriegs-, Sucht-, Liebes-, Reisegeschichten). Die Wettbewerbsteilnehmer reichen denn auch mehrheitlich irgendwelche – mal eigene, mal fremde – „Lebensgeschichten“ ein, und dementsprechend werden sie auch in eigens produzierten Filmportraits vorgestellt, die ihre private Lebenswelt vergegenwärtigen. Von daher erklärt sich, mit Blick auf die Jurorenrunde, der Vorrang von außerliterarischen Kriterien wie Authentizität, Einfühlung, Nachvollziehbarkeit, aber auch die Vernachlässigung künstlerischer Qualitäten (Textkomposition, Personalstil) bei der Qualifizierung der vorgelegten Texte.

Dass ein literarischer Held „die Traurigkeiten transzendiert und dennoch mitten im Leben steht“, ist wohl das Höchste, was die Klagenfurter Juroren einem Wettbewerbsbeitrag zugutehalten können – im Text wie im Leben! Mit der Parenthese Text/Leben oder Werk/Welt soll literarisches Gelingen beglaubigt werden, und dies nicht nur bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Kärnten, sondern generell im deutschsprachigen Feuilleton. „Ich behaupte“, so lässt sich ein meinungsbildender Kritiker über eine namhafte Autorin vernehmen, „dass ihre Schreib- und Lebensweise auch ein Widerhall jener tiefen Trauer ist, die dem Jahrhundert entspricht.“ Der Kritiker begnügt sich also, statt sich um eine objektive Einschätzung zu bemühen, damit, Text und Leben gleichzusetzen und gleich auch noch zu „behaupten“, das fragliche Werk stehe für die Befindlichkeit eines Jahrhunderts: Schön gesagt, aber nicht zu belegen, und zu widerlegen auch nicht – ein autoritativ vorgetragenes Diktum ohne jede literarische beziehungsweise literaturkritische Relevanz. In Wirklichkeit sind derartige Verlautbarungen nichts anderes als populistische Floskeln, die das Täuschungsgeschäft einer vorgeblich „realistischen“ Weltdarstellung und damit auch den vorherrschenden Publikumsgeschmack rechtfertigen sollen.

Dass keineswegs nur Jury und Kritik, sondern auch ein Großteil der zeitgenössischen Literaten – in Klagenfurt wie auch sonst im deutschen Sprachbereich – dieses Täuschungsgeschäft mittragen oder gar aktiv betreiben, ist offenkundig. Literatur und Kritik sind heute in einen Pakt verstrickt, der wohl die Trendbildung fördert, nicht aber der Qualitätssicherung dient und schon gar nicht der Durchsetzung riskanter, zumindest potenziell innovativer Schreibweisen. Um in Klagenfurt ausgezeichnet zu werden, muss ein Wettbewerbsbeitrag – gemäß den dort meistgenannten Kriterien – „hervorragend“, „anrührend“, „spannend“, gern auch „klassisch“ und am liebsten „wunderbar“ sein, und wenn er’s denn ist, erklärt sich der zuständige Juror (wörtlich:) für „glücklich und zufrieden“ mit dem Hinweis darauf, dass ihm der prämierte Text „sehr gut gefallen“ habe. Wo das Gefallen zum Kriterium wird, werden sachliche Argumentation und Beurteilung hinfällig, und wo Literaturkritik zur Geschmacksdebatte verflacht, triumphiert naturgemäß unergiebiger, vielleicht unterhaltsamer, insgesamt aber unbedarfter „Zoff“ in der Kritikerrunde, mithin eben jene Art von Geplauder, die dem Studio- wie dem TV-Publikum weit eher entspricht als die phrasenfreie, dafür aber begriffsstarke Debatte am Leitfaden der zu besprechenden Textvorlagen.

(…) Einzig Friederike Mayröcker, die unermüdlich experimentierende Sprachkünstlerin, hat sich – als Alibiautorin – beim Feuilleton und bei Preisjurys halten können: Von ihr wird jede Neuerscheinung jeweils sofort und stets positiv besprochen, derweil nachrückende Autoren mit vergleichbarem Profil mehrheitlich übergangen werden und damit auf engste Leserkreise verwiesen bleiben. Die Neuveröffentlichung von einstmals vielbeachteten Werken der deutschsprachigen literarischen Avantgarde (darunter Konrad Bayers Kopf des Vitus Bering, 1965, und Oswald Wieners Verbesserung von Mitteleuropa, 1969) wie auch die Vergabe des diesjährigen Büchner-Preises an Jürgen Becker, der sich in den 1960er-Jahren als experimenteller Dichter einen Namen gemacht hat, sind als Alibiübungen zu verstehen und sollen wohl einen literarischen Kontrapunkt setzen zum derzeit grassierenden „dokufiktionalen“ Realismus. Wem aber sind noch Autoren vom Format einer Marie Luise Kaschnitz, einer Ilse Aichinger, eines Hans Erich Nossack oder Günter Eich gegenwärtig? (…)

Nicht anders als in Klagenfurt fordert auch in Meran, wo alle zwei Jahre einer der renommierten Preise für deutschsprachige Lyrik vergeben wird, die Wirklichkeit ihren Vorrang vor der Kunst: Das „Poetische“ an einer Landschaft oder einer Liebesbegegnung, festgehalten in lyrischer Rede, transzendiert die Poesie. Diese vermag doch aber ihrerseits – durch Klang, Rhythmus, Metaphorik – etwas zu schaffen oder wenigstens zu evozieren, das die außerliterarische Wirklichkeit überbietet, um im Gedicht und als Gedicht eine eigene Wirklichkeit herzustellen, die der Welt, in der wir leben, zugehört, ohne bloß deren Abklatsch oder noch so „präzises Echo“ zu sein. Doch die Meraner Lyrikpreise werden konsequent an Autoren vergeben, denen es gelingt, zum Beispiel „eine Industrielandschaft, eine Zeit auf berührende Weise im Gedicht zu bewahren“ oder – wie im Fall des jüngsten Laureaten – „bei aller Fabulierkunst politische und historische Schrecken zu streifen und Haken schlagend mit kühnen Volten zwischen bitterer Komik und Melancholie zu changieren“. Sic. In solchem, eben doch wieder realistischem Verständnis dichterischer Rede wird ein anderer Preisträger dieses Jahrgangs wörtlich wie folgt gewürdigt: „Für mediterran beleuchtete Elegien, in denen Kindheitserinnerungen und Sehnsuchtslandschaften auf subtile Weise ineinander geschoben werden, für eine Poesie, in der die Reflexion auf die Reise geschickt und Stanniolpapier, Tauben und Filmdosen zu unvermuteten Bildern einer größeren Welt werden.“

Dem Hauptgewinner von 2012 wurde von der Meraner Jury zugute gehalten, er führe „die Stationen einer Biografie in schillernden Bildern“ bald salopp, bald hochtönend vor, sodass sie schließlich „ein ganzes Dichterleben umfassen“ und darüber hinaus sogar „einen Paradiesgarten finden“. Mag ja sein; doch was haben derartige Belobigungen spezifisch mit Dichtung zu tun? Braucht es das Gedicht als Spiegelbild des Lebens und als Wegweiser ins Paradies? Oder wären dafür eine Erzählung, ein Dialog, ein autobiografischer oder philosophischer Essay nicht vielleicht besser geeignet? Aber nein. In Meran werden Dichter und Dichterinnen prämiert, die „individuelle Kindheitserfahrungen und die Geschichte der Heimat zu lyrischen Miniaturen verdichten“ oder „deren Gedichte überzeugen durch ihre poetische (sic) Vielschichtigkeit in der Verknüpfung von Naturbildern mit politischer Geschichte und Kindheitserinnerungen“ u. a. m. In selbigem Verständnis wurde in Meran der 2008 „spontan gestiftete Preis der Jury“ geradezu programmatisch mit folgender Laudatio vergeben: „Den Preis erhält eine Autorin, deren im Alltag verwurzelte (sic) Gedichte von der ersten Zeile an einen poetischen (sic) Raum eröffnen, in dem die Liebe, die Poesie (sic), die Schlümpfe (sic) und jede Menge (sic) traumhafter Sequenzen zueinander finden.“ Diese Würdigung mag bei all ihrer Unbedarftheit von der Preisträgerin als Lob verstanden worden sein, in Bezug auf die Sache der Dichtung kommt sie über Banalitäten und Pleonasmen nicht hinaus, kann aber als durchaus typisch gelten für die Art und Weise, wie gegenwärtig von angeblich sachverständigen Kritikern über Lyrik geredet und geschrieben wird. Diese Art und Weise unterscheidet sich nicht mehr wesentlich von unreflektiertem Geplauder, wie man es von literaturbeflissenen Laien kennt und das im freundschaftlichen Gespräch auch seine Richtigkeit hat. Dass sich jedoch die professionelle Kritik selbst im Qualitätsfeuilleton der literarischen Laienherrschaft sichtlich unterwirft oder jedenfalls sich ihr anpasst, ist ein mit beliebig vielen Belegen zu dokumentierendes Faktum. Was sich im deutschsprachigen Literaturbetrieb neuerdings herausgebildet hat, ist „eine von der Laienperspektive her gedachte Kultur der Subjektivität“, die jeden Kulturteilnehmer, der „ich“ sagt und damit „wir“ meint, als Autor wie auch als Autorität akzeptiert. **

(…)

Und nochmals zur Lyrik und Lyrikkritik. Auch in dieser Domäne hat sich die Laienherrschaft etabliert, auch hier – im Gedicht wie in der Gedichtbesprechung – triumphiert mal die raunende, mal die burschikose Rede. „Sogenannte ‚Im-Nu-Gedichte‘, einfach und klar“, schreibt ein aufstrebender Junglyriker nach eigenem Bekunden für sich selbst und seine Generation: „Vielleicht habe ich mich sogar in diesen Gedichten wahrhaftig untergebracht und habe es nicht gewusst … oder ist es die ‚Vorbereitung auf den Tod‘, dass ich sie nun schnell an die Nachfahren los werden will oder ist es ein anderes oder …, wer weiß das schon bei Gedichten?“ Ja, wer weiß das schon? Nein, man möchte und müsste das gar nicht wissen! Doch da stellt sich dann gleich ein aufstrebender Jungkritiker ein und gibt uns zu verstehen, dass auch das Gegenteil – hoher Ton statt Alltagsparlando – eine überzeugende poetische Option sein kann: „NN will uns direkt in den Rausch der Poesie verstricken, unmittelbar haben wir es mit einer Rede zu tun, die man unschwer als poetische Rede erkennt.“ Solcher Trash wird keineswegs nur via private Blogs verbreitet, sondern gehört zum gängigen Angebot führender Internetplattformen für … ja, eben speziell für Lyrik und Lyrikkritik.

** Siehe dazu die exzellente kritische Bestandsaufnahme in dem Sammelwerk Laienherrschaft: Exkurse zum Verhältnis von Künsten und Medien, herausgegeben von Ruedi Widmer, mit Beiträgen von praktizierenden Kulturvermittlern, Medientheoretikern und Kunstpädagogen, erschienen beim Verlag Diaphanes, Zürich/Berlin 2014.

* Der Text erschien vollständig in Volltext, Heft 3/2014. Hier ebenfalls vollständig digital.

30. Der übersetzte Brand – Zu Charles Bernstein

Von Volker Sielaff via lyrikkritik.de

Das Gedicht schrieb ich nach der Lektüre des Bandes „Angriff der schwierigen Gedichte“ von Charles Bernstein (Luxbooks, 2014), die mir eine lange Zugfahrt kurz erscheinen ließ, obgleich die Bahn sich wieder einiges hatte einfallen lassen, damit der Zug mit angemessener, also ordentlicher, also beträchtlicher Verspätung seinen Zielbahnhof erreichte. Das „übersetzt“ im Titel bezieht sich auf Sprachmaterial, das ich teils unverändert, teils bearbeitet, aus einem Online-Übersetzerprogramm übernommen habe, und vielleicht auch darauf, wie wir mit Nachrichten, die uns, als Sprache, erreichen, umgehen; wie wir sie (uns) übersetzen, erträglich machen, wie die unterschiedlichen Nachrichten einander überlagern, sich mit (friedlicheren) Alltagsbildern vermischen usw. Bernstein, dessen Werk ich nicht kannte, scheint ein Meister darin zu sein, mit diesem Hybridmaterial umzugehen, es für die Dichtung nutzbar zu machen. Das Gedicht ist eine kleine Danksagung an den Autor und an seine deutschen Übersetzer, die ich hier ausdrücklich erwähnen möchte: Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler.

Der übersetzte Brand

(für Charles Bernstein)

rundum die Maschine zu brennen begann
und er wollte sie löschen, mit Schaum,
was aber, schlug er Alarm, nicht gelang
und Fische herum aus Überseen, Küsten
„bedroht weil sie aufzählen alles in Dollar“
und schicken ihr Brot, in die, es abzuwerfen
wie Waffen aus einem Helikopter, Maschine.
rundum die Maschine zu heizen begann
sprang an die Bombe, aus Splittern kleben
jedes Detail der Schale ein Unikat,
„wo vieler Wälder Gesundheit wichtiger ist“
rundum die Maschine zu weinen begann
„ein ganzes Volk wird so zum Totalausfall“
wie herzzerreißend ein einseifender Seeblick ist
auf Verständlichkeit zu prüfen, und die Maschine
auf Richtigkeit ihrer Berechnungen – vertippen
Sie sich mal und halten Eos der Morghen
röte ein Auge zu, verletzter Buchstabe, Eh und Uh
bis die Tinte verläuft in dem Spiegel, Es
und alle Sonnen schauen zu.

29. Abdelwahab Meddeb gestorben

Der tunesische Schriftstellers Abdelwahab Meddeb war für seine Kritik des Fundamentalismus im Islam bekannt. Er war „der große Aufklärer der arabischen Welt,“ meint sein deutscher Verleger Manfred Metzner. Meddeb starb gestern in Paris. (…)

Schmitz: Er war auch Lyriker. „Ibn Arabis Grab“ heißt eine seiner Gedichtsammlungen.

(…)

Metzner: Der Klang dieser Lyrik ist im Verlag dadurch mitzubekommen, dass diese Ausgabe, die wir gemacht haben, dreisprachig ist: Französisch, Deutsch und Arabisch. Und er hat Ibn Arabi dann mit den Gedichten mit seiner Übersetzung auch neu in die Moderne geholt.

Schmitz: Ein Verlust für die frankophone Literatur mit arabischem Hintergrund?

Metzner: Ja, nicht nur. Ich denke, auch eigentlich für die ganze Welt, gerade wenn man sich vorstellt, was er als mutiger großer Gelehrter und Poet durch zum Beispiel „Die Krankheit des Islam“ für Diskussionen angestoßen hat. Man kann schon sagen weltweit, dass er eigentlich der große Aufklärer der arabischen Welt war, und das als Kosmopolit mit islamischen Wurzeln. Das war ja auch das ganz Besondere an Abdelwahab. / DLF 6.11.

Mehr: NZZ /

28. Feldkircher Lyrikpreis

Preisträger/innen des Feldkircher Lyrikpreises 2014

  • 1. Preis Axel Görlach
  • 2. Preis Anja Kampmann
  • 3. Preis Ute Dietl

Jury: Tabea Xenia Magyar, Julietta Fix, Martin Amanshauser und Marie-Rose Rodewald-Cerha.

Bericht bei Fixpoetry

27. 75 Wochengedichte

Der Autor Rudolf Bussmann hat für die TagesWoche einen Blog geschrieben, in dem er zeitgenössische Lyrik kommentierte. Nun sind alle 75 «Wochengedichte» als Buch erschienen.

Rudolf Bussmann: Eine Brücke für das Gedicht. Offizin, 200 Seiten.

26. Wege ins Offene

Eines ist vorweg vorsorglich zu sagen: Peter Neumann ist ein unwahrscheinlich guter Dichter. So viel zur Stimmung. Allerdings leidet der 1987 geborene Norddeutsche, wie viele dieser Generation, am Weh der Nostalgie: jene giftige, jegliche empfindsame Erinnerung mit Aspik überziehende Pestilenz.

Gleichsam zeigt uns Peter Neumann, Förderpreis des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen (2008) und Kandidat fürs Arbeitsstipendium des Freistaates Thüringen 2012, Wege aus der verhuschten Verklemmung, die Lord Tennyson schon so unerträglich gemacht hatte, insofern wir bereit sind aus den polierten Schaufelstühlen der wurzelholzverliebten Biedermeier aufzustehen und ins Offene zu kommen. / Paul-Henri Campbell, siehe Fixpoetry

Peter Neumann
geheuer
Nachwort: Daniela Danz
Edition Azur
2014 · 88 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-942375-13-9

25. Brecht’s teeth

Brecht needed his great charm to achieve his ends because, in other respects, he was physically repellent. He seldom washed and he smelled. He didn’t brush his teeth, and, consequently, many of his teeth decayed and fell out. / Anthony Daniels, The New Criterion

Bertolt Brecht: A Literary Life, by Stephen Parker; Bloomsbury Methuen, 704 pages, $39.99.

24. open mike

Für 22 junge Autoren entscheiden am Wochenende beim open mike 15 Minuten über den Erfolg. Ausgewählt aus knapp 600 Einsendungen, ist für sie beim Finale am 8. und 9. November im Heimathafen Neukölln in Berlin 15 Minuten das Mikro geöffnet, um Jury und Publikum von ihren Texten zu überzeugen und die versammelte literarische Welt auf sich aufmerksam zu machen.

Drei Preise können die Juroren Andreas Maier, Marion Poschmann und Björn Kuhligk vergeben, insgesamt steht ein Preisgeld von 7.500 EUR zur Verfügung. / Börsenblatt

DIE FINALISTEN DES 22. OPEN MIKE

Aus knapp 600 Texten haben Diana Stübs (Rowohlt Verlag), Susanne Krones (Luchterhand Verlag), Gunnar Cynybulk (Aufbau Verlag), Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag), Günther Eisenhuber (Jung&Jung) und Hans Jürgen Balmes (Fischer Verlag)
für den 22. open mike nominiert

Lyrik
Kathrin Bach (Aarbergen)
Özlem Özgül Dündar (Solingen)
Eva Maria Leuenberger (Biel)
Arnold Maxwill (Münster)
Felix Schiller (Freiburg)
Walter Fabian Schmid (Solothurn)
Robert Stripling (Frankfurt am Main)

Prosa
Doris Anselm (Berlin)
Jenifer Johanna Becker (Hannover)
Gerasimos Bekas (Berlin)
Marie Gamillscheg (Graz)
Anna Gräsel (Wien)
Lara Hampe (Tutzing)
Simon Kalus (Leipzig)
Simone Kanter (Berlin)
Nora Linnemann (Hildesheim)
Pascal Richmann (Hildesheim)
Alexandra Riedel (Leipzig)
Mareike Schneider (Hildesheim)
Astrid Sozio (Hamburg)
René Weisel (Berlin)
Michael Wolf (Hildesheim)

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