verschwundene Mauern halten ewig
Hansjürgen Bulkowski
Es ist eine illustre Schar, die sich da in Wien versammelt: vom großen russischen Romancier Vladimir Sorokin über den Drehbuchautor Denis Osokin, der das Buch zu dem preisgekrönten Film „Stille Seelen“ schrieb, bis zu Jelena Fanajlowa. Sie ist nicht nur eine der prominentesten Lyrikerinnen Russlands, sondern auch eine engagierte regimekritische Journalistin. Aus dem russischen Norden schickt sie ein „Sendschreiben in den Süden“ – so der Titel eines Gedichtes über die Ukraine.
„Früher sagte man immer, die Ereignisse kommen in Kiew mit drei bis sechsjähriger Verspätung an, man hatte das Gefühl, dass die Ukraine in fast allen Bereichen hinter Russland war, heute ist das genau umgekehrt“, sagt Fanajlowa. „Jahrzehntelang hat Russland auf eine Modernisierung hingearbeitet und es jetzt ist es die Ukraine, die einen Sprung nach vorne macht. Das Blutvergießen im Osten der Ukraine ist ein Konflikt zwischen der Moderne und dem Archaischen.“
„Wir sind vom selben Stamm, eine Familie, Bruder gegen Bruder, Schwester gegen Schwester“, schreibt Jelena Fanajlowa in ihrem „Sendschreiben in den Süden“. Es sind Texte von großer poetischer Kraft, die sie der Ukraine gewidmet hat und ihren Kollegen dort, wie Serhij Zhadan, den sie ins Russische übersetzt hat. Serhij Zhadan, der im März bei den Demonstrationen in Charkiw schwer verletzt wurde. Daraus eine Gedichtzeile: „Dich bringt dieses Land um – meines.“
„In Russland gibt es wieder vermehrt politische Lyrik und diese Gedichte leuchten das ganze politische Spektrum aus – vom Putin-begeisterten Patrioten bis zum Regimegegner“, erklärt Fanajlowa. „Lyrik hat eine große Aufmerksamkeit, vor allem bei den Jungen. Der Dichter ist wieder eine moralische Autorität.“ / Kristina Pfoser, ORF
Aus einem Essay von Felix Philipp Ingold*
Wer sich während der diesjährigen Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur hin und wieder bei TV 3sat in die laufende Veranstaltung einschaltete, konnte auf eine illustre Kritikerrunde treffen, die eben dabei war, über einen der vorgelegten Texte zu räsonieren. Womöglich war es der denkwürdige Moment, da einer der Juroren ein vielbeachtetes Diktum verlauten ließ – sinngemäß: „Miserable Lesung und … (kurze Pause) … aber vielleicht war eben dies das Gute daran.“ Zwischen „und“ und „aber“ gab es im Publikum eine sofortige raunende Abwehrreaktion gegen das scharfe Verdikt, das vom Votanten denn auch im gleichen Atemzug bedenkenlos in sein Gegenteil verkehrt wurde: Das Gute an dem Textvortrag wäre also dessen Miserabilität gewesen. Was Wunder, dass in der Folge tatsächlich der Kandidat mit der miserabelsten Lesung den Ingeborg Bachmann-Preis entgegennehmen durfte.
Das Gute an der peinlichen Episode, so könnte man nun hinzufügen, besteht darin, dass sie die Miserabilität heutiger Literaturbetrachtung exemplarisch erkennbar werden lässt – sie tendiert (im Positiven wie im Negativen) zu unbegründeten Pauschalurteilen, es fehlt ihr an objektiven Kriterien und Prioritäten, und wo sie auf Skepsis oder Widerspruch stößt, übernimmt sie bedenkenlos den vorherrschenden Publikumsgeschmack. Der heute im Kulturbetrieb wie in der Unterhaltungsindustrie vorrangigen Laienherrschaft wird in Klagenfurt wie anderswo Genüge getan (um nicht zu sagen: Reverenz erwiesen) durch die Vergabe eines sogenannten Publikumspreises, der ausschließlich vom Kriterium des mehrheitlichen Gefallens bestimmt ist. Eine Diskussion (oder auch bloß ein Meinungsaustausch) über die zu beurteilenden Texte findet nicht statt. Entscheidend ist einzig die Anzahl der spontan abgegebenen Stimmen beziehungsweise die Mehrheit der gereckten Daumen, die als „Likes“ hochgerechnet werden. (…)
Aus den Klagenfurter Juryvoten und Preisreden ließe sich leicht so etwas wie eine Klagenfurter Poetik synthetisieren. Es ergäbe sich daraus ein „realistischer“ Literaturbegriff, der grundsätzlich an der Wirklichkeit orientiert bleibt und als dessen ständiger Bezugspunkt das „Leben“ zu gelten hat, sei’s das Leben auf der historischen Achse (Epochen-, Familiengeschichten), sei’s das persönliche Erleben der Autoren (Kindheits-, Krankheits-, Kriegs-, Sucht-, Liebes-, Reisegeschichten). Die Wettbewerbsteilnehmer reichen denn auch mehrheitlich irgendwelche – mal eigene, mal fremde – „Lebensgeschichten“ ein, und dementsprechend werden sie auch in eigens produzierten Filmportraits vorgestellt, die ihre private Lebenswelt vergegenwärtigen. Von daher erklärt sich, mit Blick auf die Jurorenrunde, der Vorrang von außerliterarischen Kriterien wie Authentizität, Einfühlung, Nachvollziehbarkeit, aber auch die Vernachlässigung künstlerischer Qualitäten (Textkomposition, Personalstil) bei der Qualifizierung der vorgelegten Texte.
Dass ein literarischer Held „die Traurigkeiten transzendiert und dennoch mitten im Leben steht“, ist wohl das Höchste, was die Klagenfurter Juroren einem Wettbewerbsbeitrag zugutehalten können – im Text wie im Leben! Mit der Parenthese Text/Leben oder Werk/Welt soll literarisches Gelingen beglaubigt werden, und dies nicht nur bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Kärnten, sondern generell im deutschsprachigen Feuilleton. „Ich behaupte“, so lässt sich ein meinungsbildender Kritiker über eine namhafte Autorin vernehmen, „dass ihre Schreib- und Lebensweise auch ein Widerhall jener tiefen Trauer ist, die dem Jahrhundert entspricht.“ Der Kritiker begnügt sich also, statt sich um eine objektive Einschätzung zu bemühen, damit, Text und Leben gleichzusetzen und gleich auch noch zu „behaupten“, das fragliche Werk stehe für die Befindlichkeit eines Jahrhunderts: Schön gesagt, aber nicht zu belegen, und zu widerlegen auch nicht – ein autoritativ vorgetragenes Diktum ohne jede literarische beziehungsweise literaturkritische Relevanz. In Wirklichkeit sind derartige Verlautbarungen nichts anderes als populistische Floskeln, die das Täuschungsgeschäft einer vorgeblich „realistischen“ Weltdarstellung und damit auch den vorherrschenden Publikumsgeschmack rechtfertigen sollen.
Dass keineswegs nur Jury und Kritik, sondern auch ein Großteil der zeitgenössischen Literaten – in Klagenfurt wie auch sonst im deutschen Sprachbereich – dieses Täuschungsgeschäft mittragen oder gar aktiv betreiben, ist offenkundig. Literatur und Kritik sind heute in einen Pakt verstrickt, der wohl die Trendbildung fördert, nicht aber der Qualitätssicherung dient und schon gar nicht der Durchsetzung riskanter, zumindest potenziell innovativer Schreibweisen. Um in Klagenfurt ausgezeichnet zu werden, muss ein Wettbewerbsbeitrag – gemäß den dort meistgenannten Kriterien – „hervorragend“, „anrührend“, „spannend“, gern auch „klassisch“ und am liebsten „wunderbar“ sein, und wenn er’s denn ist, erklärt sich der zuständige Juror (wörtlich:) für „glücklich und zufrieden“ mit dem Hinweis darauf, dass ihm der prämierte Text „sehr gut gefallen“ habe. Wo das Gefallen zum Kriterium wird, werden sachliche Argumentation und Beurteilung hinfällig, und wo Literaturkritik zur Geschmacksdebatte verflacht, triumphiert naturgemäß unergiebiger, vielleicht unterhaltsamer, insgesamt aber unbedarfter „Zoff“ in der Kritikerrunde, mithin eben jene Art von Geplauder, die dem Studio- wie dem TV-Publikum weit eher entspricht als die phrasenfreie, dafür aber begriffsstarke Debatte am Leitfaden der zu besprechenden Textvorlagen.
(…) Einzig Friederike Mayröcker, die unermüdlich experimentierende Sprachkünstlerin, hat sich – als Alibiautorin – beim Feuilleton und bei Preisjurys halten können: Von ihr wird jede Neuerscheinung jeweils sofort und stets positiv besprochen, derweil nachrückende Autoren mit vergleichbarem Profil mehrheitlich übergangen werden und damit auf engste Leserkreise verwiesen bleiben. Die Neuveröffentlichung von einstmals vielbeachteten Werken der deutschsprachigen literarischen Avantgarde (darunter Konrad Bayers Kopf des Vitus Bering, 1965, und Oswald Wieners Verbesserung von Mitteleuropa, 1969) wie auch die Vergabe des diesjährigen Büchner-Preises an Jürgen Becker, der sich in den 1960er-Jahren als experimenteller Dichter einen Namen gemacht hat, sind als Alibiübungen zu verstehen und sollen wohl einen literarischen Kontrapunkt setzen zum derzeit grassierenden „dokufiktionalen“ Realismus. Wem aber sind noch Autoren vom Format einer Marie Luise Kaschnitz, einer Ilse Aichinger, eines Hans Erich Nossack oder Günter Eich gegenwärtig? (…)
Nicht anders als in Klagenfurt fordert auch in Meran, wo alle zwei Jahre einer der renommierten Preise für deutschsprachige Lyrik vergeben wird, die Wirklichkeit ihren Vorrang vor der Kunst: Das „Poetische“ an einer Landschaft oder einer Liebesbegegnung, festgehalten in lyrischer Rede, transzendiert die Poesie. Diese vermag doch aber ihrerseits – durch Klang, Rhythmus, Metaphorik – etwas zu schaffen oder wenigstens zu evozieren, das die außerliterarische Wirklichkeit überbietet, um im Gedicht und als Gedicht eine eigene Wirklichkeit herzustellen, die der Welt, in der wir leben, zugehört, ohne bloß deren Abklatsch oder noch so „präzises Echo“ zu sein. Doch die Meraner Lyrikpreise werden konsequent an Autoren vergeben, denen es gelingt, zum Beispiel „eine Industrielandschaft, eine Zeit auf berührende Weise im Gedicht zu bewahren“ oder – wie im Fall des jüngsten Laureaten – „bei aller Fabulierkunst politische und historische Schrecken zu streifen und Haken schlagend mit kühnen Volten zwischen bitterer Komik und Melancholie zu changieren“. Sic. In solchem, eben doch wieder realistischem Verständnis dichterischer Rede wird ein anderer Preisträger dieses Jahrgangs wörtlich wie folgt gewürdigt: „Für mediterran beleuchtete Elegien, in denen Kindheitserinnerungen und Sehnsuchtslandschaften auf subtile Weise ineinander geschoben werden, für eine Poesie, in der die Reflexion auf die Reise geschickt und Stanniolpapier, Tauben und Filmdosen zu unvermuteten Bildern einer größeren Welt werden.“
Dem Hauptgewinner von 2012 wurde von der Meraner Jury zugute gehalten, er führe „die Stationen einer Biografie in schillernden Bildern“ bald salopp, bald hochtönend vor, sodass sie schließlich „ein ganzes Dichterleben umfassen“ und darüber hinaus sogar „einen Paradiesgarten finden“. Mag ja sein; doch was haben derartige Belobigungen spezifisch mit Dichtung zu tun? Braucht es das Gedicht als Spiegelbild des Lebens und als Wegweiser ins Paradies? Oder wären dafür eine Erzählung, ein Dialog, ein autobiografischer oder philosophischer Essay nicht vielleicht besser geeignet? Aber nein. In Meran werden Dichter und Dichterinnen prämiert, die „individuelle Kindheitserfahrungen und die Geschichte der Heimat zu lyrischen Miniaturen verdichten“ oder „deren Gedichte überzeugen durch ihre poetische (sic) Vielschichtigkeit in der Verknüpfung von Naturbildern mit politischer Geschichte und Kindheitserinnerungen“ u. a. m. In selbigem Verständnis wurde in Meran der 2008 „spontan gestiftete Preis der Jury“ geradezu programmatisch mit folgender Laudatio vergeben: „Den Preis erhält eine Autorin, deren im Alltag verwurzelte (sic) Gedichte von der ersten Zeile an einen poetischen (sic) Raum eröffnen, in dem die Liebe, die Poesie (sic), die Schlümpfe (sic) und jede Menge (sic) traumhafter Sequenzen zueinander finden.“ Diese Würdigung mag bei all ihrer Unbedarftheit von der Preisträgerin als Lob verstanden worden sein, in Bezug auf die Sache der Dichtung kommt sie über Banalitäten und Pleonasmen nicht hinaus, kann aber als durchaus typisch gelten für die Art und Weise, wie gegenwärtig von angeblich sachverständigen Kritikern über Lyrik geredet und geschrieben wird. Diese Art und Weise unterscheidet sich nicht mehr wesentlich von unreflektiertem Geplauder, wie man es von literaturbeflissenen Laien kennt und das im freundschaftlichen Gespräch auch seine Richtigkeit hat. Dass sich jedoch die professionelle Kritik selbst im Qualitätsfeuilleton der literarischen Laienherrschaft sichtlich unterwirft oder jedenfalls sich ihr anpasst, ist ein mit beliebig vielen Belegen zu dokumentierendes Faktum. Was sich im deutschsprachigen Literaturbetrieb neuerdings herausgebildet hat, ist „eine von der Laienperspektive her gedachte Kultur der Subjektivität“, die jeden Kulturteilnehmer, der „ich“ sagt und damit „wir“ meint, als Autor wie auch als Autorität akzeptiert. **
(…)
Und nochmals zur Lyrik und Lyrikkritik. Auch in dieser Domäne hat sich die Laienherrschaft etabliert, auch hier – im Gedicht wie in der Gedichtbesprechung – triumphiert mal die raunende, mal die burschikose Rede. „Sogenannte ‚Im-Nu-Gedichte‘, einfach und klar“, schreibt ein aufstrebender Junglyriker nach eigenem Bekunden für sich selbst und seine Generation: „Vielleicht habe ich mich sogar in diesen Gedichten wahrhaftig untergebracht und habe es nicht gewusst … oder ist es die ‚Vorbereitung auf den Tod‘, dass ich sie nun schnell an die Nachfahren los werden will oder ist es ein anderes oder …, wer weiß das schon bei Gedichten?“ Ja, wer weiß das schon? Nein, man möchte und müsste das gar nicht wissen! Doch da stellt sich dann gleich ein aufstrebender Jungkritiker ein und gibt uns zu verstehen, dass auch das Gegenteil – hoher Ton statt Alltagsparlando – eine überzeugende poetische Option sein kann: „NN will uns direkt in den Rausch der Poesie verstricken, unmittelbar haben wir es mit einer Rede zu tun, die man unschwer als poetische Rede erkennt.“ Solcher Trash wird keineswegs nur via private Blogs verbreitet, sondern gehört zum gängigen Angebot führender Internetplattformen für … ja, eben speziell für Lyrik und Lyrikkritik.
** Siehe dazu die exzellente kritische Bestandsaufnahme in dem Sammelwerk Laienherrschaft: Exkurse zum Verhältnis von Künsten und Medien, herausgegeben von Ruedi Widmer, mit Beiträgen von praktizierenden Kulturvermittlern, Medientheoretikern und Kunstpädagogen, erschienen beim Verlag Diaphanes, Zürich/Berlin 2014.
* Der Text erschien vollständig in Volltext, Heft 3/2014. Hier ebenfalls vollständig digital.
Von Volker Sielaff via lyrikkritik.de
Das Gedicht schrieb ich nach der Lektüre des Bandes „Angriff der schwierigen Gedichte“ von Charles Bernstein (Luxbooks, 2014), die mir eine lange Zugfahrt kurz erscheinen ließ, obgleich die Bahn sich wieder einiges hatte einfallen lassen, damit der Zug mit angemessener, also ordentlicher, also beträchtlicher Verspätung seinen Zielbahnhof erreichte. Das „übersetzt“ im Titel bezieht sich auf Sprachmaterial, das ich teils unverändert, teils bearbeitet, aus einem Online-Übersetzerprogramm übernommen habe, und vielleicht auch darauf, wie wir mit Nachrichten, die uns, als Sprache, erreichen, umgehen; wie wir sie (uns) übersetzen, erträglich machen, wie die unterschiedlichen Nachrichten einander überlagern, sich mit (friedlicheren) Alltagsbildern vermischen usw. Bernstein, dessen Werk ich nicht kannte, scheint ein Meister darin zu sein, mit diesem Hybridmaterial umzugehen, es für die Dichtung nutzbar zu machen. Das Gedicht ist eine kleine Danksagung an den Autor und an seine deutschen Übersetzer, die ich hier ausdrücklich erwähnen möchte: Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler.
Der übersetzte Brand
(für Charles Bernstein)
rundum die Maschine zu brennen begann
und er wollte sie löschen, mit Schaum,
was aber, schlug er Alarm, nicht gelang
und Fische herum aus Überseen, Küsten
„bedroht weil sie aufzählen alles in Dollar“
und schicken ihr Brot, in die, es abzuwerfen
wie Waffen aus einem Helikopter, Maschine.
rundum die Maschine zu heizen begann
sprang an die Bombe, aus Splittern kleben
jedes Detail der Schale ein Unikat,
„wo vieler Wälder Gesundheit wichtiger ist“
rundum die Maschine zu weinen begann
„ein ganzes Volk wird so zum Totalausfall“
wie herzzerreißend ein einseifender Seeblick ist
auf Verständlichkeit zu prüfen, und die Maschine
auf Richtigkeit ihrer Berechnungen – vertippen
Sie sich mal und halten Eos der Morghen
röte ein Auge zu, verletzter Buchstabe, Eh und Uh
bis die Tinte verläuft in dem Spiegel, Es
und alle Sonnen schauen zu.
Der tunesische Schriftstellers Abdelwahab Meddeb war für seine Kritik des Fundamentalismus im Islam bekannt. Er war „der große Aufklärer der arabischen Welt,“ meint sein deutscher Verleger Manfred Metzner. Meddeb starb gestern in Paris. (…)
Schmitz: Er war auch Lyriker. „Ibn Arabis Grab“ heißt eine seiner Gedichtsammlungen.
(…)
Metzner: Der Klang dieser Lyrik ist im Verlag dadurch mitzubekommen, dass diese Ausgabe, die wir gemacht haben, dreisprachig ist: Französisch, Deutsch und Arabisch. Und er hat Ibn Arabi dann mit den Gedichten mit seiner Übersetzung auch neu in die Moderne geholt.
Schmitz: Ein Verlust für die frankophone Literatur mit arabischem Hintergrund?
Metzner: Ja, nicht nur. Ich denke, auch eigentlich für die ganze Welt, gerade wenn man sich vorstellt, was er als mutiger großer Gelehrter und Poet durch zum Beispiel „Die Krankheit des Islam“ für Diskussionen angestoßen hat. Man kann schon sagen weltweit, dass er eigentlich der große Aufklärer der arabischen Welt war, und das als Kosmopolit mit islamischen Wurzeln. Das war ja auch das ganz Besondere an Abdelwahab. / DLF 6.11.
Mehr: NZZ /
Preisträger/innen des Feldkircher Lyrikpreises 2014
Jury: Tabea Xenia Magyar, Julietta Fix, Martin Amanshauser und Marie-Rose Rodewald-Cerha.
Bericht bei Fixpoetry
Der Autor Rudolf Bussmann hat für die TagesWoche einen Blog geschrieben, in dem er zeitgenössische Lyrik kommentierte. Nun sind alle 75 «Wochengedichte» als Buch erschienen.
Rudolf Bussmann: Eine Brücke für das Gedicht. Offizin, 200 Seiten.
Eines ist vorweg vorsorglich zu sagen: Peter Neumann ist ein unwahrscheinlich guter Dichter. So viel zur Stimmung. Allerdings leidet der 1987 geborene Norddeutsche, wie viele dieser Generation, am Weh der Nostalgie: jene giftige, jegliche empfindsame Erinnerung mit Aspik überziehende Pestilenz.
Gleichsam zeigt uns Peter Neumann, Förderpreis des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen (2008) und Kandidat fürs Arbeitsstipendium des Freistaates Thüringen 2012, Wege aus der verhuschten Verklemmung, die Lord Tennyson schon so unerträglich gemacht hatte, insofern wir bereit sind aus den polierten Schaufelstühlen der wurzelholzverliebten Biedermeier aufzustehen und ins Offene zu kommen. / Paul-Henri Campbell, siehe Fixpoetry
Peter Neumann
geheuer
Nachwort: Daniela Danz
Edition Azur
2014 · 88 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-942375-13-9
Brecht needed his great charm to achieve his ends because, in other respects, he was physically repellent. He seldom washed and he smelled. He didn’t brush his teeth, and, consequently, many of his teeth decayed and fell out. / Anthony Daniels, The New Criterion
Bertolt Brecht: A Literary Life, by Stephen Parker; Bloomsbury Methuen, 704 pages, $39.99.
Für 22 junge Autoren entscheiden am Wochenende beim open mike 15 Minuten über den Erfolg. Ausgewählt aus knapp 600 Einsendungen, ist für sie beim Finale am 8. und 9. November im Heimathafen Neukölln in Berlin 15 Minuten das Mikro geöffnet, um Jury und Publikum von ihren Texten zu überzeugen und die versammelte literarische Welt auf sich aufmerksam zu machen.
Drei Preise können die Juroren Andreas Maier, Marion Poschmann und Björn Kuhligk vergeben, insgesamt steht ein Preisgeld von 7.500 EUR zur Verfügung. / Börsenblatt
DIE FINALISTEN DES 22. OPEN MIKE
Aus knapp 600 Texten haben Diana Stübs (Rowohlt Verlag), Susanne Krones (Luchterhand Verlag), Gunnar Cynybulk (Aufbau Verlag), Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag), Günther Eisenhuber (Jung&Jung) und Hans Jürgen Balmes (Fischer Verlag)
für den 22. open mike nominiert
Lyrik
Kathrin Bach (Aarbergen)
Özlem Özgül Dündar (Solingen)
Eva Maria Leuenberger (Biel)
Arnold Maxwill (Münster)
Felix Schiller (Freiburg)
Walter Fabian Schmid (Solothurn)
Robert Stripling (Frankfurt am Main)
Prosa
Doris Anselm (Berlin)
Jenifer Johanna Becker (Hannover)
Gerasimos Bekas (Berlin)
Marie Gamillscheg (Graz)
Anna Gräsel (Wien)
Lara Hampe (Tutzing)
Simon Kalus (Leipzig)
Simone Kanter (Berlin)
Nora Linnemann (Hildesheim)
Pascal Richmann (Hildesheim)
Alexandra Riedel (Leipzig)
Mareike Schneider (Hildesheim)
Astrid Sozio (Hamburg)
René Weisel (Berlin)
Michael Wolf (Hildesheim)
Von Walter G. Goes (ARTus) • Bergen auf Rügen

Auf den Dichter Georg Trakl (1887-1914) stieß ich zunächst durch Radierungen des Leipziger Künstlers Hans Schulze (1904-1982). Er zeigte mir Blätter zu Gedichten Trakls um das Jahr 1971 in seinem Atelier.
Schulze, ein Solitär unter den Künstlern Mitteldeutschlands, eine unter Insidern geschätzte, weil eigenwillige Persönlichkeit, war geprägt durch seine Ausbildung an der bis zur Nazi-Zeit freigeistigen Breslauer Akademie. Er hatte weitgespannte literarische Interessen und wusste diese in fantastische Bild-Kompositionen zu modeln. Sie vermittelten so gesehen einen gänzlich anderen Kunstdiskurs, als ihn der Tenor des in der DDR sonst Vermittelten vorgab.
Ein neu eingesetzter Leiter des damaligen Kreiskulturhauses Bergen auf Rügen, der gegenüber ungewöhnlichen Initiativen offen war und damit auch die Einrichtung einer Kleinen Galerie beförderte, ermöglichte im Jahr 1973 eine Präsentation von Arbeiten Schulzes, auch die zu Gedichten Trakls.
Zwei Jahre später, endlich, erschien bei Reclam Leipzig eine erste Werkauswahl »Gedichte« von Georg Trakl, in einer Auswahl zusammengestellt von Franz Fühmann und mit einem Nachwort von Stephan Hermlin versehen. Diese schmale 118-Seiten-Broschur war ein Ereignis. Der mit der Nummer 614 versehene Band aus Reclams Universal-Bibliothek sollte die Vorlage für mein Diplom im Jahr 1979 bilden, das ich mit Trakl-Illustrationen an der Kunsthochschule Weißensee abzuschließen gedachte. Als die Drucklegung in den schuleigenen Werkstätten beendet war, schickte ich ein Exemplar unter dem frei gewählten Titel »Verfall« an Franz Fühmann. Und… erhielt am 16. Mai 1979 Post vom Ostberliner Strausberger Platz 1. Einen Brief, der mich noch heute in Aufregung versetzt: »… haben Sie herzlich Dank für Ihr Geschenk. Es kam in einem seltsamen Augenblick: Ich sitze in meinem Essay seit Wochen an einer Analyse von Trakls Verfall und Ihr Band deckte sich mit einem der Resultate, zu denen ich kam. Es ist schwer zu sagen, auf welche Weise, doch dies Zusammentreten hat mich stark berührt. Ich erwidere Ihr Buch dann mit dem meinen, falls es erscheint. Und wenn, dann ja nicht vor dem letzten Quartal 1980. Dank + Händedruck«.
Den mir versprochenen Vorzugsband, bei Reclam 1981 in nur 115 Exemplaren erschienen, erhielt ich erst nach dem Tod Fühmanns über ein Hamburger Versandantiquariat. Bezeichnet ist er mit der Nr. 4 und enthält einen Autograph Fühmanns, eine Originalabschrift des Trakl-Gedichts »Im Schnee«, das die erschütternde, bis heute oft zitierte Zeile »Der Wahrheit nachsinnen – Viel Schmerz!« enthält.
Ein Schmerz, der den Dichter im November 1914, im Angesicht der Verrohung und des blinden Ausgeliefertseins der Menschen durch den Krieg, umbrachte. ARTus
ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 662 von Walter G. Goes (ARTus) • Bergen auf Rügen
Eine gekürzte Version erscheint in der Ostsee-Zeitung Rügen am 8. November 2014
Ein weiteres Debüt aus dem Lyrikkollektiv G13, diesmal bei Kookbooks: Linus Westheuser, 1989 in Berlin geboren, wo er auch studiert (Soziologie), hat bereits Gedichte in BELLA triste, Belletristik, poet, sowie einigen anderen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Außerdem ist er bei Babelsprech, dem Netzwerk für junge Lyrik aktiv, wo er zusammen mit Joel Scott und Charlotte Warsen den Blog „Hallo Präsident“ moderiert, der sich dem Themenkreis Politik und Lyrik widmet. (…)
Eine frei flottierende, überschwängliche Lyrik (die übrigens auch im Vortrag gut funktioniert) ist das, surreal, mit schlafwandlerischem Erfindungsgeist, der ganz auf das Intuitive setzt. Aber auch nach diesem Abschnitt ist Linus Westheuser noch nicht an seine Grenzen gekommen: Der Schleudersitz der Poesie fliegt immer noch, sozusagen, in das nächste Stockwerk, das im Kapitel „acht farben“ zu einem Theatersaal wird, in dem sich zwei Verliebte einen Dialog liefern, der in allen Farben der lyrischen Palette schimmert. Im Bogenschlag schließlich führen die letzten beiden Kapitel, „jäger im schnee“ und „ich bin verliebt in die großen vögel“ in die Ausgangsform zurück und schließen mit dem gleichermaßen närrischen wie hochtrabenden „ich bin der könig im elektrischen königreich“, das dem ordentlich durchgerüttelten Leser gnädig eine bonne nuit wünscht. / Fabian Thomas, Fixpoetry
Linus Westheuser
oh schwerkraft
Mit einer Coverzeichnung von Charlotte Warsen. Gestaltet von Andreas Töpfer
Kookbooks
2014 · 80 Seiten · 19,90 Euro
ISBN: 9783937445663
anläßlich der Verleihung des Sächsischen Literaturpreises
Von Jayne-Ann Igel
Daß wir in diesem Jahr, da sich die Friedliche Revolution des Herbstes 1989 zum 25. Mal jährt, Jan Kuhlbrodt als Träger des Sächsischen Literaturpreises ehren dürfen, empfinde ich als eine überaus glückliche Wahl der Jury. Denn mit ihm ehren wir einen Zeitgenossen, der gleich in mehrfacher Hinsicht der Literatur verbunden ist: als Autor, Kritiker, Theoretiker, Mittler, Lehrender und begeisterungsfähiger Rezipient, dessen Begeisterungsfähigkeit jedoch den analytischen Blick auf Literatur nicht verstellt. Und ehren damit einen Autor, für dessen literarisches Schaffen der Blick auf die jüngste Geschichte, Vor- und Nachwendezeit, und wie sich diese Geschichte im Gegenwärtigen widerspiegelt, bestimmend ist. Explizit in Kuhlbrodts Langgedicht „Stötzers Lied“ ist das gut zu beobachten. Hier können wir dem Erinnerungsstrom des Titelhelden, die dem Vorbild einer im übrigen historisch verbürgten Person nachempfunden ist, folgen. Einer Figur, die in Zwiesprache mit dem Autor-Ich nicht nur ihr Leben und die Wirklichkeiten in der DDR und der Zeit nach der Wende reflektiert, sondern dies alles in einen erhellenden kulturhistorischen Zusammenhang stellt. Stötzer und sein Autor mögen dabei als Sonderlinge erscheinen, die mit ihren philosophisch-poetischen Betrachtungen der Jetzt-Zeit öfters quer liegen, quer zur dominierenden Denkrichtung und Erinnerungskultur. Doch das macht das Ganze erst produktiv. Und an mancher Stelle blitzt dabei hintergründiger Witz auf, der mich an einen gewissen Herrn Keuner denken läßt …
Nachdem im Kielwasser der 1989er Ereignisse das Ende aller Utopien, ja der Geschichte überhaupt verkündet wurde und es dem Zeitgeist auch opportun erschien, das aufklärerische Moment aus der schöngeistigen Literatur zu verbannen, bedürfen wir in der Gegenwart dieser Funktion von Literatur resp. Kunst dringlicher denn je. Jan Kuhlbrodts philosophisch grundierter und genreüberschreitender künstlerischer Ansatz kann in diesem Sinne als Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart verstanden werden. Einer Zeit, in der die herrschende Ökonomie errungene Freiheiten und Individualität mehr oder weniger subtil umformt und perforiert und so neuerdings eine Uniformität erzeugt, marktkonform, wiewohl sie sich bunt gibt. Die Menschen haben darin oft nur noch Gewicht als Konsumenten, Kunden, Klienten und Selbstvermarkter, als Subjekte wie Objekte einer alle Lebensbereiche durchdringenden Ökonomisierung. Während die Kunst vom Einzelnen spricht, ihm Wesenhaftigkeit und Würde zurückgibt. In einer Sprache, die den Dingen den Charakter von Allgemeingültigkeit verleiht. Jan Kuhlbrodt, der noch zu DDR-Zeiten Politische Ökonomie studiert hat und in den 90er Jahren in Frankfurt/M. Philosophie und Soziologie, ist ein Zeitgenosse, der diese Prozesse genau beobachtet, mit einer Sensibilität auch für den Grad der damit einhergehenden Entsolidarisierung in der Gesellschaft. Geschichte, Zeitgeschichte und die Auseinandersetzung mit politischen Entwicklungen bilden ein konstitutives Element für sein Schreiben, wie er in einem Bändchen der Essayreihe „Edition Poeticon“, das im letzten Jahr im Verlagshaus J. Frank erschienen ist, bekennt. Ganz gleich, ob es dabei um Gedichte, Prosa, Essay oder Literaturkritik geht. Auch Kuhlbrodts literarischen, literaturtheoretischen wie -kritischen Exkursen eignet immer eine geschichtliche als auch zeitkritische Dimension – er verkörpert in diesem Sinne den Typus eines Intellektuellen, der sich in vielfältiger Weise in laufende Debatten einmischt. Einen Typus, den es heute kaum noch gibt, wiewohl er bitter nötig wäre, in einer Zeit schwindender gesellschaftlicher Übereinkünfte.
Jan Kuhlbrodts gattungs-, genre- und sprachübergreifendes Arbeiten dünkt mir einer jener Anknüpfungspunkte an verschüttete Literaturtraditionen vorhergehender Jahrhunderte und vor allem der Aufklärung und der Europäischen Moderne, nach denen er in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur immer und oft vergebens auf der Suche. Wenn er in seinem Geschichtsessay etwa bedauert, daß mit einigen wenigen Ausnahmen Geschichte in der deutschen Gegenwartslyrik kaum eine Rolle spielt oder auf Neuerungen in der erzählenden Prosa insistiert, so zählt für mich Kuhlbrodt unbedingt zu diesen Ausnahmen und auch zu jenen, die sich nicht scheuen, sich mit tradierten Formen auseinanderzusetzen und zu experimentieren. Insbesondere in seinen letzten Veröffentlichungen, zu denen gleichberechtigt Beiträge in digitaler Form zu rechnen sind, münden Erkundungsgänge durch die jüngere Vergangenheit, die Gegenwart und selbst durch autobiographisches Terrain immer wieder in geschichtsphilosophische Betrachtungen und zeitübergreifende Diskurse. Sie bilden den besten Beleg dafür, daß er in eben diesem Sinne unterwegs ist, und das nicht einfach, indem er die vorhandenen Traditionsfäden aufnimmt, sondern in der Verknüpfung verschiedener Reflektionsebenen daraus ein ganz eigenes Garn „spinnt“, neue Perspektiven eröffnet. Kuhlbrodts poetischen Räumen eignet immer auch eine geschichtliche Dimension und umgekehrt. Und in Geschichte, so können wir dem obengen. tiefgründigen, die Möglichkeiten und Grenzen historischen wie zeitgenössischen Künstlertums gleichermaßen auslotenden Essay weiter entnehmen, manifestiert sich vor allem Freiheit. Dabei darf Freiheit hier durchaus als emanzipatorisches Element verstanden werden. Kunst gilt ihm als Einwand gegen das Unausweichliche. Das mag zunächst paradox erscheinen, doch im genaueren Hinschauen als Widerspruch, der produktive Wirkungen zu entfalten vermag. Denn weiter heißt es: Dichtungen sind wie alle Kunstwerke das Bleibende am Vergänglichen.
Jan Kuhlbrodt, der die erste Zeit seiner Kindheit, die Jahre vor der Schrift im Karl-Marx-Städter Stadtteil Sonnenburg verbracht hat, pendelte, den Herkünften seiner Eltern geschuldet, zwischen den Polen eines mehr proletarisch geprägten Alltagsbewußtseins auf der einen und einer eher bürgerlichen Kultur auf der anderen Seite. Die Großeltern väterlicherseits besaßen eine Doppelhaushälfte am Rande dieses Viertels, ein Haus, was schon etwas bedeutete, in der DDR. Heute würde man vielleicht von einem eher bescheidenen Mittelstand sprechen, nur daß in der DDR dieser Begriff kaum Verwendung fand. Früh hat der Junge soziale und kulturelle Unterschiede wahrgenommen, ohne sie indes zu bewerten. Diese Pole bildeten für das Kind, dessen Vokabular Substantive ohne Substanz enthielt, vielmehr Anker- und Ausgangspunkte für die alltäglichen Erkundungsgänge, was sich in Jan Kuhlbrodts pointierter erzählerischer Prosa „Vor der Schrift“ wunderbar nachvollziehen läßt.
Es liesse sich noch manch anderes Lobenswertes insbesondere zu Jan Kuhlbrodts Rolle als Sondeur nicht allein in der Landschaft der deutschsprachigen Literatur hinzufügen. So erscheinen dieser Tage seine Neuübertragungen von Gedichten des griechischen Lyrikers Konstantinos Kavafis, auf der Website des poetenladen dazu in regelmäßigen Abständen Nachdichtungen der Lyrik zeitgenössischer Autorinnen und Autoren aus Griechenland. Er hat da ein Fenster aufgestoßen, zugunsten eines internationalen Austauschs … Jan Kuhlbrodt regt immer wieder zur Lektüre der Werke von Autorinnen und Autoren an, deren Namen dem Vergessen anheim gefallen sind oder denen nicht die Aufmerksamkeit zu teil geworden, die sie verdient hätten. Hier möchte ich stellvertretend nur zwei Namen nennen: Schestow und Tschurilin, letzterer erst eine jüngste Entdeckung. Wer sein Blog „postkultur“ besucht, wird reich beschenkt werden. Das Blog stellt eine Art Arbeits- und Logbuch dar, einen weiteren Raum für Reflexionen und Entdeckungen.
Jan Kuhlbrodts Künstlerschaft ist von einer Unbedingtheit – auf seine Haltung könnte zutreffen, was Reiner Kunze vor ein paar Jahren in einem Interview hinsichtlich der Entstehungsgeschichte des Gedichts von der Post formuliert hat: „Wenn Ihnen solche Einfälle kommen und Sie schreiben die Gedichte nicht, versündigen Sie sich an der Poesie, der Freiheit und den Menschen“. Und Jan Kuhlbrodt ist dabei auch einer, der die Bedingungen dieses Künstlerdaseins mitreflektiert.
Jayne-Ann Igel 05/XI/2014
Als sie am 19. April 1933, kaum ein Vierteljahr nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten, aus Deutschland in die Schweiz emigrierte, war die Dichterin Else Lasker-Schüler 64 Jahre alt. Unmittelbar vorausgegangen war ihrer Flucht ein gewalttätiger Übergriff. Eine Gruppe junger SA-Männer hatte sie auf offener Straße zusammengeschlagen. Binnen weniger Tage packte sie die Koffer und verließ das Land. Berlin, das sie hinter sich ließ, hatte sie über Jahrzehnte als exzentrische Figur der Caféhaus-Boheme gekannt, sie nannte sich selbst nicht nur in ihren Dichtungen »Tino von Bagdad« und »Jussuf von Theben«, sondern unterschrieb mit diesen Kunstnamen auch Briefe und Verträge. Berlin und Theben beständig ineinander zu verwandeln, der empirischen Wirklichkeit, ohne sie zu verlassen, eine zweite, phantastischere und deshalb wirklichere abzugewinnen, in der alle, gerade weil niemand mehr auf seine gesellschaftliche Identität verpflichtet wäre, in allen ihren Möglichkeiten zu sich selbst kämen, war Telos ihrer Dichtung wie ihres Lebens. Möglich schien das innerhalb Deutschlands in den zwanziger Jahren nur in Berlin, allein hier schien der Kosmopolitismus ein Versprechen nicht der Außenpolitik, sondern des Alltags zu sein.
Doch erst indem dieser Alltag die als Teil des eigenen Skurrilitätenkabinetts geliebte Exotin als Lebensunwerte ausspuckte, kam er als Berliner Alltag zu sich selbst. Weit eher als in Militärparaden und Olympiafeiern kam in der Schlüsselerfahrung von Lasker-Schülers Emigration, in der lässig und widerspruchslos ausgelebten Gewalt einer Gruppe qua Abzeichen dazu legitimierter refraktärer Bengel gegen eine wunderliche alte Frau, das Wesen des Nationalsozialismus zum Ausdruck, der keine Ideologie Ewiggestriger, sondern eine volksdeutsche Jugendbewegung auf der Höhe der Zeit gewesen ist. Die Macht haben die Nazis nicht ergriffen, sondern erteilt, indem sie jeden Schüler und jeden Hausmeister, jede Putzfrau und jede Sekretärin zum alltäglichen sanktionslosen Judenmord, zur basisdemokratischen Ausplünderung volksfremder Nachbarn und zur Denunziation zersetzender Elemente, die einfach nur störende Konkurrenten zu sein brauchten, ermächtigten. Es bedarf lediglich etwas retrospektiver Phantasie, um zu ermessen, in welchem Maße die angeblich goldenen, libertären zwanziger Jahre, die dem vorausgingen, bis in die Kleinigkeiten des Alltags hinein gezeichnet waren von dem, was folgte. Die Neue Sachlichkeit, die einer noch immer populären Ansicht zufolge von Urbanität und Amerikanismus geprägte Kunst- und Lebenstendenz jener Zeit, war ein genuin deutsches Phänomen: deutscher Amerikanismus und eben deshalb keiner mehr. / Magnus Klaue, jungle world
Kein Gedicht Else Lasker-Schülers hat mich auf Anhieb so bewegt wie dieses. (…) Die erste Lektüre verdanke ich einem Freund. Bei einer Tagung über Trauer analysierte der Psychoanalytiker Andreas Hamburger, was ihm das Gedicht seit vielen Jahren bedeutet. Angeregt davon, habe ich seither in Gesprächen mit anderen und mit mir selbst wiederholt die Frage gestellt, wie drei einfache Sätzen eine derartige emotionale Wucht entwickeln können.
Georg Trakl
Georg Trakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt.
So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.
Kaum ein Gedicht Else Lasker-Schülers ist kürzer als dieses. Vielleicht ist es auch deshalb eines ihrer besten. Die sonst meist wort-, phantasie- und bildreiche Dichterin hat sich hier dem Konzentrationszwang einer alten literarischen Gattung gebeugt, des Epitaphs. Eine Grabschrift hat naturgemäß nur begrenzten Platz zur Verfügung. So sind hier auf nur zwei Zeilen die unerschöpflichen Stoffe verdichtet, von denen gute wie schlechte Literatur seit jeher lebt: Tod, Einsamkeit, Trauer, Liebe. Die aneinandergereihten Sätze werden immer lapidarer. Über die vier kindlich kleinen Worte der abschließenden Liebesbezeugung hinaus spricht sich die Trauer nur noch schweigend aus. / Thomas Anz, literaturkritik.de
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