3. Hans Keilson

Hans Keilsons Tagebuch hat sich erst im Nachlass des 2011 im Alter von fast 102 Jahren gestorbenen Dichters und Psychoanalytikers gefunden. Seine Witwe Marita Keilson gibt es jetzt heraus. Es handelt sich um ein vollkommen einzigartiges Dokument. Denn es beschreibt nicht nur den Alltag eines Gejagten, der immer wieder Todesangst auszustehen hat. Es bildet auch die Gewissenserforschung eines Schriftstellers ab, der noch im Werden ist (seit seinem literarischen Debüt kurz vor Toresschluss, Januar 1933, im Verlag von S. Fischer hat er nur vereinzelte Gedichte publiziert). (…)

Mit der dialektischen Volte, das „Sicherheitsgefühl des Unsicheren“ zu bejahen, sieht er sich jetzt eher als einer, der „sein Sach‘ auf nichts gestellt“ hat und legt sich selber folgendermaßen fest: „Ich weiß, dass ich ein Dichter bin und ein Schlemihl – aber mein Ziel ist Arzt.“

Hans Keilson hat sicher im Dezember 1944 noch nicht geahnt, wie weit der Weg zu diesem Ziel noch sein würde. Wie lange es überhaupt dauern würde, bis er im Leben seinen Platz zu finden vermochte. Seinen medizinischen Doktortitel erwarb er erst als Siebzigjähriger. Als Schriftsteller setzte er sich – dank der Einrichtung der „Schwarzen Reihe“ im S. Fischer Verlag, die sich den Vertriebenen und Verfemten des Dritten Reiches widmete – im Grunde erst als Achtzigjähriger durch. Die großen Ehrungen und Preise (darunter auch der „Welt“-Literaturpreis) erhielt er dann als Neunzigjähriger. Der Weltruhm kam, als er hundert geworden war. / Tilmann Krause, Die Welt

Hans Keilson: Tagebuch 1944. Herausgegeben von Marita Keilson. S. Fischer, Frankfurt/M. 256 S., 18, 99 €.

2. November

Der November ging gestern an mir vorbei
und erkannte mich nicht mehr.
»Was mach ich denn«, rief ich ihm zu,
»mit dem ganzen Restlaub,
dem Trüben, den Kreuzen auf öden Hügeln?«
Er ging stumm weiter, geht immer noch,
immer noch

Àxel Sanjosé

Aus: Versnetze sieben

1. American Life in Poetry: Column 500

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

This is our 500th weekly column, and we want to thank the newspapers who publish us, the poets who are so generous with their work, our sponsors The Poetry Foundation, The Library of Congress, the University of Nebraska-Lincoln English Department, and our many readers, in print and on line.

Almost every week I read in our local newspaper that some custodial parent has had to call in the law to stand by while a child is transferred to its other parent amidst some post-divorce hostility. So it’s a pleasure to read this poem by Elise Hempel, who lives in Illinois, in which the transfer is attended only by a little heartache.

The Transfer

His car rolls up to the curb, you switch
your mood, which doll to bring and rush

out again on the sliding steps
of your shoes half-on, forgetting to zip

your new pink coat in thirty degrees,
teeth and hair not brushed, already

passing the birch, mid-way between us,
too far to hear my fading voice

calling my rope of reminders as I
lean out in my robe, another Saturday

morning you’re pulled toward his smile, his gifts,
sweeping on two flattened rafts

from mine to his, your fleeting wave
down the rapids of the drive.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Elise Hempel and reprinted from Only Child, Finishing Line Press, 2014, by permission of Elise Hempel and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

92. American Life in Poetry – 500 Gedichte in 19 Jahren

Im März 2005 berichtete die Lyrikzeitung unter #65:

U.S. Poet Laureate Ted Kooser hat auch einen Plan. Diesen Monat startet sein American Life in Poetry Project. Es bietet lokalen Zeitungen eine freie Kolumne mit einem Gedicht eines heutigen amerikanischen Dichters, eingeleitet von Ted Kooser. Er möchte zeigen, sagt er, daß Poesie weder einschüchternd noch unverständlich sein muß. / Seattle Post – Intelligencer 11.3.

Es stellte sich dann heraus, daß nicht nur lokale Zeitungen durften. Lyrikzeitung meldete sich an und war von Anfang an dabei. 500 Gedichte sind es nun. Nummer 1 war:

American Life in Poetry: Column 1

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

We all know that the manner in which people behave toward one another can tell us a lot about their private lives. In this amusing poem by David Allan Evans, Poet Laureate of South Dakota, we learn something about a marriage by being shown a couple as they take on an ordinary household task.

Neighbors

They live alone
together,

she with her wide hind
and bird face,
he with his hung belly
and crewcut.

They never talk
but keep busy.

Today they are
washing windows
(each window together)
she on the inside,
he on the outside.
He squirts Windex
at her face,
she squirts Windex
at his face.

Now they are waving
to each other
with rags,

not smiling.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Reprinted from Train Windows, Ohio University Press, 1976, by permission of the author, whose most recent book is The Bull Rider’s Advice: New and Selected Poems. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

91. Giftpfeil und Liebeserklärung

Das „ABC des Lesens“ ist Pfeffer in den Gebetsmühlen der Gelehrsamkeit. Es ist eine Apotheose der Sprache und eine Leseliste. Ein Buch mit Anregungen, über die man sich aufregen kann. Und ein literarischer Kanon, der Ezra Pound ganz alleine singt. Es ist ein Köcher voller Giftpfeile für bornierte Akademiker und Allgemeinbesserwisser. Und es ist eine Liebeserklärung an die Literatur.

Lest! – beschwört einen Ezra Pound. Lest genau, hört zu und lernt schätzen, was ihr an Sprache habt. / Sacha Verna, DLF

Ezra Pound: „ABC des Lesens.“ Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Eva Hesse. Arche Verlag, Hamburg 2013, 140 Seiten, Preis: 14,95 Euro

90. Arseni Tarkowski

ARSENIJ TARKOWSKIJ: „REGLOSE HIRSCHE“

5 Nov 2014 – 20:00

Buchpräsentation: Martina Jakobson (als Herausgeberin und Übersetzerin des Buches) liest aus „Reglose Hirsche“, einer zweisprachigen (Dt. / Russ.) Auswahlsammlung aus dem lyrischen Werk von Arsenij Tarkowskij (ersch. Edition Rugerup, 2013) und stellt das Buch im Gespräch mit dem Lyriker und Übersetzer Alexander Filyuta vor.

Geöffnet ab 20:00 Uhr, Beginn um 20:30 Uhr 

Der Name des russischen Lyrikers Arsenij Tarkowskij gehört in eine Reihe mit Zeitgenossen wie Anna Achmatowa oder Boris Pasternak. Weltweite Bekanntheit erlangte er aber durch die Filmkunst seines Sohnes, des Regisseurs Andrei Tarkowskij, der in seinen Filmen (Stalker, Der Spiegel, Nostalghia, u.a.) Gedichte seines Vaters zitiert.

Bisher lag das poetische Werk Arsenij Tarkowskijs in der „Weißen Reihe“ des Verlages Volk & Welt (1990) vor.  Die Übersetzerin Martina Jakobson hat nun eine vielbeachtete Neuübersetzung Tarkowskijs vorgelegt, so dass dessen bedeutendes dichterisches Werk in einer neuen Auswahl  in deutscher Sprache zugänglich ist. Zudem enthält „Reglose Hirsche“ auch alle russischen Originale der von Jakobson übersetzten Gedichte.

Arsenij Tarkowskijs Gedichte sind „luftige Schwergewichte“ – Martina Jakobson stellt im Gespräch mit Alexander Filyuta dessen Lyrik und die Übersetzung vor.

Jan Kuhlbrodt über „Reglose Hirsche im Signaturen-Magazin, Auszug:

In einem Gedicht, das er seiner Freundin und Kollegin Marina Zwetajewa widmete, taucht meiner Ansicht nach etwas von dem auf, was auch seine eigene Poetologie beschreibt:

Was wandelbar schien, gewinnt an Sinn und Gestalt
die Lüfte, die dich bis zu den Sternen trugen,
der Gürtel um deine Taille, dein ungelenker Gang
und der Klang deiner scharfkantigen Gedichte.

Gerade im ersten Vers ist ein Zugang zu erkennen zu dem, was Dichtung sein kann, eine Transformation des zunächst Unbegreiflichen in Form. Und eben in lyrische Form. Es wird dadurch nicht im diskursiven Sinn erkennbar, nicht analytisch zerlegt, aber empfängt einen existentiellen Sinn in Rhythmus und Klang. Man könnte das eine Art mystische Aneignung nennen.

Über „Reglose Hirsche“ beim Verlag

89. Graphit

Alle schreiben über Marcel Beyers neuen Gedichtband. Das ist doch gut!

Unter dem Titel „Mein Blauhäher“ setzt gegen Ende des neuen Gedichtbandes „Graphit“ eine Folge von sechzehn Texten ein: „Mein Blauhäher hört auf den / Namen Ezra. So hab ich ihn / genannt, wie mich“, lauten die ersten beiden Sätze, und bevor man sich noch im Lesen die Spezialistenfrage beantworten kann, wohin denn die Anspielung auf den großen Dichter Ezra Pound als Selbstverweis wohl führen soll, wird der Blauhäher gegenwärtig – im Indikativ und den Variationen eines Wochen-Programms:

Am Montag
füttere ich ihn mit Brot
von gestern. Am Dienstag gebe
ich ihm seine Medizin.
Am Mittwoch will er seine
Lieblingsplatte hören.
Und jeden Donnerstag verlangt
er nach Salat. Am
Freitagmorgen fülle ich ihn
ab. Dann bringe ich ihn rüber
zu den Schwestern. Am Samstag
gibt es endlich ein paar
Blätter. Am Sonntagnachmittag
Besuch. Am Sonntagabend
wird der Kerl von mir geduscht.
Die Nacht auf Montag – schwierig.

Jeden Wochentag und jede der angekündigten Szenen füllen die folgenden Texte aus, mit vielen Ungewissheiten, Varianten und Details, aber immer im Indikativ: „Den einen / Dienstag will er partout / ein alter Sänger sein, den / anderen niemand außer dem / Duce.“ Bis der Eichelhäher endlich am Sonntagabend geduscht wird, ist seine Gegenwart beim Lesen bunt und vertraut geworden: „Sie können / sich ja vorstellen: Das geht nicht / gut. Ich singe ihm was von / Neapel, aus der Bucht.“ Und: „spätestens beim Frottieren hat er / sich beruhigt. Er plustert sich. Ich / streiche ihm den Scheitel glatt.“

Diese gelassene und eher freundliche Stimme des „Ich“ klingt durch die meisten Gedichte von „Graphit“, und sie wendet sich gestisch an jemanden, der hört oder liest, an „Sie“ oder „Du“. Dabei nimmt die Sprache des „Ich“ verschiedene Rhythmen an, deren Regelmäßigkeit nur selten durch Reime vervollständigt wird. Die lyrische Sprache von Marcel Beyer vollzieht sich in diesen Prosarhythmen, betont und verstärkt von den Strophenformen, mit denen sie auf die Seiten kommt.

 / Hans-Ulrich Gumbrecht, FAZ 4.10. (hier bei bücher.de)

Ferner: Jörg Magenau, Deutschlandradio Kultur 7.10. | Gisela Trahms, Die Welt 11.10. siehe hier | Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung 30.10.:

Dieses Gedicht zeigt exemplarisch Beyers Verfahren. Er spürt verborgene Verbindungen in der Geschichte auf, er zeigt Zusammenhänge, und er verfährt musikalisch. Es ist kein Zufall, dass das Gedicht, das auf „Don Cosmic“ folgt, in einer Zeile einen geheimen Nachhall birgt: „Stunden im Dämmer, plötzlich en face“ – das wirkt wie ein gefaktes Benn-Zitat, mit seiner Vorliebe für Schlagermelancholie und perlende französische Schaumweinworte.

Marcel Beyer legt seit seinen Anfängen großen Wert auf die Intonation seiner Gedichte, auf die orale Tradition – er knüpft damit an die Zeit vor dem Buchdruck an, als die Lyrik vor allem auf Mund und Ohr angewiesen war, auf den Performancecharakter. Wenn man seine Gedichte laut spricht, bemerkt man Wortverbindungen, Wiederaufnahmen, Anspielungen, die in erster Linie dem Rhythmusgefühl geschuldet sind.

Marcel Beyer: Graphit. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 207 S., 21,95 Euro. E-Book 18,99 Euro.

88. „Die Stimme / von einst“

Es existiert eine amerikanische Rezeptionslinie von Karl Marx, die über McCarthy nur müde lächelt: vom Sohn eines Hebraisten aus Baltimore Noam Chomsky sowie einem Historiker an der Boston University namens Howard Zinn. Auf dieser Linie wird man sich an die Bemerkung von Marx erinnern, wonach die Deutschen an jeder Restauration teilnahmen, aber an so gut wie keiner Revolution.

Außer im deutschen Osten. Dort fanden wirkliche Revolutionen statt, wenn auch unvollständige, verzerrte Revolutionen, deren Reichweite wir jetzt erst allmählich zu begreifen beginnen. Andere Revolutionen. Andere und anders als man hinlänglich zurechtgedeutet hat. Der Band »Trotz aller feindlichen Nachricht« (poetenladen 2014) des 1943 geborenen und heute in Leipzig lebenden Dichters Roland Erb ist ein berührendes Zeugnis für eine solche innere Revolution.

Es finden sich in diesem Band Gedichte, wie »Friedensgebet 89«, das den Kontext der friedlichen Revolution und den wöchentlichen Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche aufnimmt. Es beginnt so: »Im Hohlraum, im / Ausgehölten, / erdrosselt von / Mauern, / als die Horchenden / schweigend / saßen / beim Singen, / erhob sich funkelnd / die Stimme / von einst. « / Paul-Henri Campbell, Rezension zu Roland Erb, weiter bei Fixpoetry

Roland Erb · Ralph Lindner (Hg.) · Jan Kuhlbrodt (Hg.) · Jayne-Ann Igel (Hg.)
Trotz aller feindlichen Nachricht
poetenladen
2014 · 128 Seiten · 16,80 Euro
ISBN: 978-3-940691-60-6

87. Der arme Spitzel

Moral ist keine Privatsache. Vor allem dann nicht, wenn es um den Umgang mit mutmaßlichen Spitzeln und Denunzianten in einem totalitären Regime geht. Das stellte die Autorin Sabina Kienlechner in ihrem Aufsatz „Der arme Spitzel. Die rumäniendeutschen Schriftsteller und das juristische Debakel der Securitate-Aufarbeitung“ fest, der im März 2014 in der Zeitschrift Sinn und Form erschien. Nun scheint es, als sei die Literaturwissenschaftlerin selbst Opfer ähnlicher Verschleierungsmethoden geworden, wie sie sie in ihrem Essay aufdeckt und beklagt.

Die Gerichte, so Kienlechners These, würden in ihren Urteilen dem Persönlichkeitsschutz der Täter meist größeres Gewicht einräumen als der Aufarbeitung und Wahrheitsfindung auf Seiten der Opfer. Der scharfsichtige Text war im Sommer durch eine einstweilige Verfügung gerichtlich verboten worden. Der rumäniendeutsche Schriftsteller Claus Stephani, der von Kienlechner in ihrem Essay als „mutmaßlicher Spitzel“ bezeichnet wurde, sieht seine Persönlichkeitsrechte verletzt. (…)

Das zähe Ringen um einzelne Formulierungen hat nun ein vorläufiges Ende: Die drei beanstandeten Stellen des Aufsatzes, die einer Neuauflage entgegenstanden, wurden nun gerichtlich festgelegt. Ein Teilerfolg, findet Weichelt, der für die Zeitschrift zumindest die Möglichkeit bietet, den Essay wieder zu veröffentlichen, indem die betreffenden Formulierungen, gegen die Stephani klagte, geschwärzt werden. Weichelt will dies in jedem Fall für die Öffentlichkeit transparent machen und einen wissenschaftlichen Diskurs fördern.

Auch die Autorin betont: „Diese Debatte gehört in die Öffentlichkeit und nicht vor Gericht.“ Das eigentlich Brisante an diesem Fall sei die Tatsache, dass die Gegenseite mit allen Mitteln versuche, jegliche öffentliche Auseinandersetzung zu blockieren, erklärt der Chefredakteur: „Eigentlich geht es Stephani nicht um seinen Ruf, sondern darum, eine mögliche Aufarbeitung der rumäniendeutschen Spitzel-Vergangenheit zu verhindern.“ / Anna Steinbauer, Süddeutsche Zeitung 21.10.

86. Bilder, Schriftbilder, Sprachspiele

Visuelle Poesie von Heinrich Schürmann

Bild Flyer Schürmann

Grafisches und Literarisches sind in seinen Werken untrennbar miteinander verbunden: Ab dem 26.10.2014 zeigt das Museum für Westfälische Literatur in Oelde-Stromberg Visuelle Poesie von Heinrich Schürmann.

Das spielerische Experiment stand immer im Vordergrund: Das hatte den gelernten Maler Heinrich Schürmann (1940-2008) bereits zum Studium der Angewandten Malerei veranlasst. Spät kam neben bildkünstlerischen Arbeiten die Literatur hinzu. 1993 veröffentlichte er erste plattdeutsche Texte, 2004 schließlich das Buch „ICK. Bilder und Gedichte“. Schon dort zeigt sich deutlich: Grafik und Text sind im Werk Schürmanns kaum voneinander zu trennen.

In der Ausstellung treten somit bildnerische und literarische Werke Schürmanns ganz unvermittelt in einen Dialog. Es sind kleinste Worteinheiten, mit denen oftmals gearbeitet wird, die in Bildern auftauchen, verfremdet, verdreht und neu betrachtet werden. Ausgangspunkt ist das konkrete sprachliche Material, das in Collagen und Montagen in unver-traute Kontexte gestellt wird und so neue Bedeutungshorizonte erschließt. So entstehen Text-Bild-Konstellationen, die eine Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung einfordern.

Diese visuelle Poesie hat die Regeln der Syntax und Orthographie außer Kraft gesetzt; viel spannender ist das freie Spiel der lautlichen Elemente, die durch das Plattdeutsche ermöglichte Doppeldeutigkeit. Heinrich Schürmanns Lyrik erzählt auf diese Weise kleine Geschichten aus der westfälischen Landschaft und Region; ebenso häufig sind aber auch Buchstabenbilder, die die Imagination herausfordern wollen.

Die Ausstellung ist bis zum 18.1.2015 im Gartenhaus des Kulturguts Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg zu sehen. Kurator der Ausstellung ist der Literaturwissenschaftler Arnold Maxwill. Das Projekt wird von der Rottendorf-Stiftung gefördert.

SO 26.10.2014 – SO 18.01.2015
G4 Ausstellung im Gartenhaus
Heinrich Schürmann. Visuelle Poesie

Museum für Westfälische Literatur – Kulturgut Haus Nottbeck
Landrat-Predeick-Allee 1
59302 Oelde-Stromberg

Öffnungszeiten
Dienstag – Freitag: 14.00 – 18.00 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 11.00 – 18.00 Uhr

85. Ars-Littera-Preis für Peter Salomon

Ars Littera
Verein zur Förderung von Kunst und Literatur
Kalvarienbergstraße 17 B . D-79780 Stühlingen

PRESSEMITTEILUNG

Stühlingen, am 28. Oktober 2014

Der in Konstanz lebende Schriftsteller Peter Salomon erhält den ersten Ars-Littera-Preis für das späte literarische Glück. Gewürdigt wird das seit vier Jahrzehnten andauernde schriftstellerische Wirken des Autors als Lyriker, Prosaschriftsteller, Literaturkritiker, Herausgeber und Literaturdetektiv. Salomon veröffentlichte zahlreiche Lyrikbände, war Mitbegründer und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift UNIVERS, hat die Buchreihe REPLIK ins Leben gerufen, die sich vergessenen expressionistischen Autoren widmet, und ist auch als Literaturkritiker und Herausgeber von Anthologien und vergriffenen Büchern tätig.

Walter Neumann schrieb über Peter Salomon: »Ein Autor, der seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten ein Stück Literaturgeschichte der Stadt Konstanz wie der gesamten Bodenseeregion geschrieben und zugleich eine unverwechselbare Note zur deutschen Literatur der Gegenwart beigetragen hat.«

Der Ars-Littera-Preis besteht aus zwei Buchpublikationen zu Ehren des Preisträgers:

– einem umfangreichen Porträtband über den Autor, der Literaturkritiken, Essays, Aufsätze, Gedichtinterpretationen, ein langes Interview, Autorenphotos sowie eine Bibliographie enthält

– einem Peter-Salomon-Lesebuch, das ausgewählte Texte des Autors versammelt, die einen repräsentativen Querschnitt durch das literarische Schaffen des Schriftstellers bieten

Der Ars-Littera-Preis wurde von der gemeinnützigen Kulturvereinigung Ars Littera ins Leben gerufen und soll in Zukunft jährlich verliehen werden.

gez.: Prof. Dr. Peter Blickle / Klaus Isele

http://www.ArsLittera.de

Interview mit dem Preisträger

Peter Blickle: In welcher literarischen Tradition stehen Sie?

Peter Salomon: Als ich ab 1967 Schriftsteller wurde, gab es einen kollektiven Impuls für eine Neue Literatur. Der wurde ziemlich bald als »Neue Subjektivität« benannt. Mir wäre »Subjektive Sachlichkeit« lieber.

In den Freiräumen, die diese neue Literatur eröffnete, entwickelte ich meinen eigenen Stil. Von den Zeitgenossen fühlte ich mich besonders Nicolas Born und Yaak Karsunke nahe. In der Rückschau fällt auf, daß schon sehr früh Dieter Leisegang und PG Hübsch diese Art Literatur versuchten.

Ich habe immer viel gelesen, das ist mir ebenso wichtig wie selber schreiben.

Deshalb gibt es viele Schriftsteller und Literatur, die mir etwas gesagt haben.

Die denkbar knappste Linie für die Beschreibung meines literarischen Rückrats würde ich so ziehen:

Nietzsche – Benn – Brecht – Günter Eich.

Peter Blickle: Warum heute noch Gedichte schreiben?

Peter Salomon: Das Lesen von Gedichten bereitet mir großes Vergnügen, wenn sie nicht allzu hermetisch sind. Ähnliches gilt für ihre Herstellung – wobei ich eher der Gelegenheitsdichter bin, der sich vom überraschenden Einfall und der gelingenden Formulierung beflügeln läßt.

Ich setze mich also nicht jeden Tag zwanghaft hin und quäle mich – aber ich versuche doch, die günstigen Gelegenheiten durch »Rumbosseln« am angesammelten Material zu provozieren.

Ich frage also nicht, ob Lyrik eine gesellschaftliche Bedeutung hat oder haben sollte.

Allerdings entgeht mir nicht, daß die Literatur ihre selbstverständliche Bedeutung in der Gesellschaft verloren hat. Das ist eine Folge des herrschenden Kapitalismus, der das Geistige klein hält. Ich will mich aber nicht davon beirren lassen, daß die Auflagen meiner Gedichtbände nicht so hoch sind, wie es das kapitalistische Prinzip an sich fordert. Hauptsache es gibt noch Verleger, die das Spiel mitmachen.

Es gibt ja auch Sportarten, die einige Zeit einen Höhenflug haben und plötzlich »out« sind – also keine TV-Sendezeiten mehr bekommen und unter Nachwuchsmangel leiden. Trotzdem wird weiter Ski gesprungen und Tennis gespielt.

Das öffentliche Interesse ändert sich ja laufend. Als ich als Lyriker anfing, war diese Gattung total »in« und boomte. Viele Jugendliche definierten sich darüber. Manche sind dabei geblieben. So wie man mit dem Lernen von Fremdsprachen neue Länder erkunden kann, beschert einem der Umgang mit Lyrik neue Blicke auf die Wirklichkeit und Erfahrungen, die man nur mittels der Dichtkunst machen kann.

Peter Blickle: Beim Lesen Ihrer Lyrik fällt mir auf, daß es eine »Schnittmenge« zwischen visueller Kunst und Wortkunst gibt – wie in der zeitgenössischen Lyrik insgesamt. In welcher Art inspiriert Sie die visuelle Kunst.

Peter Salomon: Ich bin der bildenden Kunst sehr verbunden. Auf manchen Gebieten bin ich amateurhaft-autodidaktischer Spezialist. Ich sammle auch etwas.

Trotzdem überrascht mich die Frage, weil die Bildkunst in meinem Bewußtsein von meiner literarischen Arbeit nur ganz am Rande eine Rolle spielt. Üblicherweise hole ich mir mein Material aus der Alltagswirklichkeit: Ich schaue den Leuten auf Maul, schaue, was in der Stadt abgeht, und finde Verwertbares in den Medien. Das sind natürlich nicht nur Sprachfundstücke, sondern auch visuelle – aber doch keine in Kunstform, dazu will ich sie ja in meinen Gedichten erst machen. Nur in wenigen Gedichten habe ich mich explizit mit bildender Kunst beschäftigt – aber auch das noch sehr hinterhältig: Mein Gedicht über den englischen Maler Denton Welch beschreibt scheinbar ein »Blumenstilleben mit Konfekt«. Welch war aber auch Schriftsteller. Das angebliche Welch-Gemälde, das ich lyrisch beschrieben habe, gibt es gar nicht, ich habe es erfunden. Aber diese Erfindung besteht ausschließlich aus Worten und ganzen Sätzen aus Romanen von Welch, ist also eine Collage aus seiner Literatur, während der Leser zunächst glaubt, es ginge um seine Bildkunst. Tricky, oder? Ich will damit natürlich etwas beweisen.

Peter Blickle: Lyrik bewegt sich oft in jenem unerklärlichen Zwischenland zwischem dem Universell-Menschlichen und dem Konkreten. Welche Wirkungen hatten und haben Orte auf Ihre Worte und Sprachrhythmen?

Peter Salomon: Also mit dem Universell-Menschlichen beschäftigt man sich in der Pubertät oder wenn man nicht zu sich selbst finden konnte. Die Gedichte sind dann auch danach, wenn man sich in diesem Zustand zum Dichter berufen fühlt. Ich bin eindeutig der Ansicht, daß der Dichter vom Konkreten ausgehen muß – und zwar von den kleinen Stückchen, aus denen die Wirklichkeit besteht. Er muß Stückchen zusammensetzen! Bis sich ein Mosaik zeigt, das dann ein so oder so verschobenes Abbild der Wirklichkeit ist. Man sieht sie dann plötzlich etwas anders als im Alltag. Bei bestimmten Verschiebungswinkeln mag sich dann auch gelegentlich das Universell-Menschliche zeigen. Das ergibt sich bei der Arbeit. Das kann man nicht einfach bedichten wollen. Das stellt sich erst hinterher oder mittendrin ein.

84. Der Vogel Frühling

(…) er beschrieb sie: die Ämter („Und wer kennt nicht die Behörden / und die Rennereien mit dem Schein„), das „geometrische Idyll“ oder die Parteitage („In Mitte der Hauptstadt / Tagt die aufgehende Sonne„). In seinen „Modernen Landschaften“ wuchsen „Stahlbäume“ auf Bürgersteigen:

Und es zweigen die Drähte
Von Baum zu Baum. Darunter brüllen
Die elektrischen Tiere
Mit Menschen im Herzen vorüber.
Und so mancher gehet vorbei dort
Und findet nichts weiter dabei;
Denn die steinerne Landschaft
Ist ja auch seine Mutter.

Uwe Greßmann fand etwas dabei. Er fand sich nicht ab mit dem, was er sah und hörte. Er nahm sich die Freiheit, die sprachlichen Konventionen zu verlassen und – inmitten der modernen Wirklichkeit mit ihren rasanten technischen Entwicklungen – neben Kitsch, Romantik und Ironie auch den Kosmos als poetisches Erlebnis zu feiern und Sagenhaftes wie Phantastisches mitschwingen zu lassen. 1966 erschien als erster und einziger Gedichtband zu seinen Lebzeiten „Der Vogel Frühling“. / Marie Luise Knott, Perlentaucher Tagtigall

83. George und der Krieg

August 1914, der Erste Weltkrieg beginnt. Die Kriegsbegeisterung ist in vielen Teilen Europas groß. Ganze Schulklassen melden sich freiwillig an die Front, Theologen geben dem Krieg eine religiöse Weihe und nicht nur der Schriftsteller Thomas Mann sieht in ihm eine „Reinigung“, einen Ausstieg aus der „satten Friedenswelt“. Und wie stand der Binger Dichter Stefan George zum Krieg?

(…) Doch während viele seiner jungen Anhänger sich vom „Hurrah“-Patriotismus anstecken ließen, schwieg er zunächst. Erst 1917 veröffentlichte er ein langes einzelnes Gedicht: „Der Krieg“. Dieses Gedicht, so mutmaßte der Berliner Literaturhistoriker Prof. Peter Sprengel, musste für die immer noch kriegsbegeisterte Jugend erschütternd sein. Denn George erteilt jeder Hoffnung eine Absage: „Zu jubeln ziemt nicht: kein triumf wird sein“, dichtet er. Zugleich findet er – darauf wies der Heidelberger Literaturwissenschaftler Prof. Helmuth Kiesel in seinem Abendvortrag hin – Formulierungen, die so eindrücklich und präzise sind, wie in kaum einem anderen Werk über den Krieg. Soldaten hausen in „schandbar zerwühlter Erde wie Geziefer“, sinken nach einem Granateinschlag nieder als „brei und klumpen“. Es ist eine Apokalypse von fast biblischen Ausmaß („Erkrankte Welten fiebern sich zu ende“), doch auf das Leid folgt keine Erlösung, das Opfer ist sinnlos. / Caroline Jerchel, Allgemeine Zeitung

82. Sylvia Geist

gelesen von Paul-Henri Campbell, jetzt bei Fixpoetry. Auszug:

Sylvia Geist (* 1963 in Berlin) lotet mit ihrem neuen Gedichtband »Gordisches Paradies« die Bewegung der Erinnerung selbst aus. Sylvia Geist verfolgt den Prozess der Präsentmachung des Selbst aus seiner Vergangenheit. »Gordisches Paradies«, das ist das Selbst, das sich in der Zeit entrollt, dabei verknotet, entknotet und sich weiter verknotet. Das Schöne an ihren Texten scheint mir, dass sie Poesie in Stellung bringt als eine Methode der Erzeugung von modernem Bewusstsein, von Jetztzeit, von Ich –  das Ringen um das Selbst entsteht durch seine sprachliche Selbstbehauptung.

 

Sylvia Geist
Gordisches Paradies
Hanser Berlin
2014 · 112 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24501-3

81. VERSchmuggel / SäkeenVERsoja

VERSchmuggel / SäkeenVERsoja
Finnisch- und deutschsprachige Gedichte
Herausgeber: Aurélie Maurin , Thomas Wohlfahrt
Wunderhorn

Hendrik Jackson , Jyrki Kiiskinen , Norbert Lange , Teemu Manninen , Olli Sinivaara , Kerstin Preiwuß , Thomas Rosenlöcher , Andre Rudolph , Aki Salmela , Kathrin Schmidt , Helena Sinervo , Henriikka Tavi
Erscheinungsjahr: 2014 | ISBN: 978-3-88423-474-7

Über dieses Buch

Die Lyrik in Finnland erreicht derzeit eine dort nie gekannte Sinnlichkeit und Experimentierfreude. Sie lotet Abgründe aus, mal mit Leichtigkeit, mal mit selbstironischer Verzweiflung, erprobt sich an der Moderne, lässt dabei aber nicht die Mystik der nordischen Natur aus dem Blick.

Grund genug für die Literaturwerkstatt Berlin zum poesiefestival 2013 sechs Dichter aus Finnland einzuladen: Olli Sinivaara, Helena Sinervo, Aki Salmela, Jyrki Kiiskinen, Henriikka Tavis und Teemu Manninen. Dazu kamen sechs deutschsprachige Dichterkollegen: Andre Rudolph, Kathrin Schmidt, Hendrik Jackson, Thomas Rosenlöcher, Kerstin Preiwuß und Norbert Lange. Die Autoren nahmen Teil an der Nachdichtung ihrer Werke in einer ihnen fremden Sprache, unterstützt von Sprachmittlern als Weggefährten und auf Grundlage von Interlinearübersetzungen. Im Dialog und in der gemeinsamen Lektüre galt es, die je andere Kultur, poetische Traditionen und Sprachschöpfungen zu erkunden, aber auch, das Fremde der eigenen Sprache anzueignen. Welche Verwandlung der Dichtung damit möglich wurde, dokumentiert die zweisprachige Sammlung der Gedichte, wie auch sie begleitende poetologische Essays. / Mehr