66. American Life in Poetry: Column 511

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Just as it was to me, Insha’Allah will be a new word to many of you, offered in this poem by Danusha Laméris, a Californian. It looks to me like one of those words that ought to get a lot of use.

Insha’Allah

I don’t know when it slipped into my speech
that soft word meaning, “if God wills it.”
Insha’Allah I will see you next summer.
The baby will come in spring, insha’Allah.
Insha’Allah this year we will have enough rain.

So many plans I’ve laid have unraveled
easily as braids beneath my mother’s quick fingers.

Every language must have a word for this. A word
our grandmothers uttered under their breath
as they pinned the whites, soaked in lemon,
hung them to dry in the sun, or peeled potatoes,
dropping the discarded skins into a bowl.

Our sons will return next month, insha’Allah.
Insha’Allah this war will end, soon. Insha’Allah
the rice will be enough to last through winter.

How lightly we learn to hold hope,
as if it were an animal that could turn around
and bite your hand. And still we carry it
the way a mother would, carefully,
from one day to the next.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2014 by Danusha Laméris, from her recently released first book of poems, The Moons of August, Autumn House Press, 2014. Poem reprinted by Danusha Laméris and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

65. Venus und Adonis

Wenn die von Claus Eckermann vorgelegte Sonett-Übersetzung (2012) bisweilen manieriert erscheint, dann gilt Gleiches für seine jüngst erschienene Venus und Adonis-Übersetzung. Doch während dieser Manierismus der gedanklichen Beweglichkeit und der in Teilen radikalen Perspektive der Sonette nicht ganz gerecht wird, ist die gekünstelte Sprache hier ein großer Gewinn. Venus ist entbrannt für Adonis, Adonis zeigt ihr seine kalte Schulter – bei Eckermann liest man:

„Gib Mitleid,“ ruft sie, „Gunst und Gnade mir!“
Doch er springt fort und läuft zu seinem Tier.

Melodramatisch und satirisch verfremdet erscheinen diese Zeilen. Schillers „Sir, geben sie Gedankenfreiheit“ kommt einem bei „Gib Mitleid“ in den Sinn. Eckermann opfert das idiomatische „Hab Mitleid“, das textnähere „Mitleid“ oder Freiligraths „O Mitleid“ (1850) einer rhetorischen Spielerei, dem Zeugma. Dabei ist Shakespeares Venus hier bereits mit ihrem Latein und ihrer Rhetorik am Ende. Farcenhaft erscheint die vergebliche Liebesmüh’ der Göttin zu dem Jüngling Adonis. Und das Objekt ihrer Begierde wird von einer Antiklimax zur nächsten getrieben. Hier versucht er vergeblich „zu seinem Tier“ zu laufen. Bei Freiligrath war es immerhin noch sein Pferd:

„O Mitleid,“ ruft sie, „bin ich nichts denn wert?“
Doch er springt auf, und eilt nach seinem Pferd.

Bei Shakespeare heißt es:

„Pity,“ she cries, „some favour, some remorse!“
Away he springs, and hasteth to his horse.

In zwei Zeilen bringt Shakespeare hier die Verzweiflung Venus’ und die Hasenfüßigkeit Adonis’ auf den Punkt. Das ist tragisch, aber in der Anlage natürlich auch melodramatisch avant la lettre. Shakespeare dichtet parataktisch, Eckermann auch, aber die rhetorische Raffinesse in der Übertragung lässt unweigerlich eine ironische Brechung vermuten, eine Distanz zwischen Figurenperspektive, hier Venus’ Perspektive, und der Perspektive der Erzählinstanz. Diese ironische Brechung, die in Shakespeares Ovid-Lektüre bereits angelegt ist, präpariert Eckermanns Übersetzung großartig heraus. / Felix Sprang, literaturkritik.de

William Shakespeare: Venus und Adonis. Englisch/deutsch. 
Mit einem Nachwort von Christa Jansohn und Dieter Mehl. 
Übersetzt aus dem Englischen von Claus Eckermann. 
NOA NOA Hörbuchedition, München 2014. 
100 Seiten, 4,90 EUR.
ISBN-13: 9783932929823

64. Reiz Sapphos

Einige der hier versammelten Dichter rufen Sappho an, versuchen sie zu aktualisieren, mal ironisch, aber auch mit einer ernstgemeinten Leidenschaft. Oder aber sie beschäftigen sich mit der Scherbe an sich.

Zum größten Teil sind es deutsche Dichter, die zur Anthologie beigetragen haben, aber es gibt auch Unterstützung aus Griechenland und die Sappho Gedichte von Joan Larkin und Marilyn Hacker, die für die feministische Bewegung in Amerika in den 70er Jahren eine große Bedeutung gespielt haben, sind vertreten.

Die Zerstörung der Zeit, von der Sappho selbst in Bezug auch sich spricht (im von Dirk Uwe Hansen übersetzten Brief Sapphos an Aphrodite: „Alt ist meine zarte Haut geworden und weiß die schwarzen Haare, schwer die leichten Knie, die früher tanzen konnten wie Rehe.“), machen heute den besonderen Reiz ihrer Dichtung, der Beschäftigung mit ihrer Dichtung aus. / Elke Engelhardt, Fixpoetry

Michael Gratz (Hg.)  ·  Dirk Uwe Hansen (Hg.)
Muse, die zehnte.
Antworten auf Sappho von Mytilene
freiraum – verlag 2014

63. Lyrik ist Leben

Überschriften von lokalen Nachrichten aus den letzten Jahren über die „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“ alias „Nationalbibliothek ddG“:

Lyrik ist ihr Leben | Lebenslinien in Lyrik | Lyrik aus der ersten Liga | „Die Lyrik ist mein Geländer im Leben“ | Alltägliche Eindrücke in Gedichtform gegossen | Lyrik-Wettbewerb: Gedichte begleiten ihr ganzes Leben | Lyrik als Lebenshilfe

62. Grüngewandet

Die Reise, die Gerrit Wustmann unternimmt, ist eine Reise in die Jahrtausende alte persische Kultur und ihre islamischen Fundamente*. Sie ist zugleich aber auch eine Reise in unsere Gegenwart, die mit diesen literarischen Traditionen konfrontiert wird und sich ihnen stellen muss. Fließt dieser Strom weiter oder kommt es zu einem Bruch? Die Farbe Grün steht ja nicht nur für den Propheten Mohammed und das Paradies, sondern auch für die Grüne Bewegung. Diese entstand 2009 im Iran nach massiven Wahlfälschungen und wurde blutig niedergeschlagen. Den Kompass korrigieren? Ihn neu ausrichten? Ihn vielleicht sogar (wieder) eichen?

grüngewandet

nach jahren hob ich
meinen blick von deinem grünen kleid
deine blauen augen schluckten
jedes rot
von acht zimmern unseres hauses
blieben sieben
nach jahren hob ich
meinen blick und meine leber brannte
saghi, schenk mir ein

Das ist das Gedicht, das dem Band von Gerrit Wustmann seinen Titel gab. Es rückt einen Vers von Hafis in den Mittelpunkt und setzt sich mit ihm auseinander. Worum geht es in dem Gedicht? Um Sinnliches? Um Übersinnliches? Es ist mehrdeutig und spielt mit seiner bildhaften Sprache.

Ein Gedichtband, in dem sich zwei alte Kulturen begegnen und literarisch neu miteinander ins Gespräch kommen. Ein Gedichtband, der mit seiner bildlichen Kraft Fragen stellt und seine Leser in Frage stellt. / Artur Nickel, Fixpoetry

Gerrit Wustmann
grüngewandet
sabzpush
Ins Persische übersetzt von Mahmoud Hosseini Zad
sujet verlag
2014 · 78 Seiten · 12,80 Euro
ISBN:
978-3-944201-31-3

*) Die Jahrtausende alte persische Kultur und ihre islamischen Fundamente – klingt gefährlich. Zarathustra ist das eine. Und hatte Firdausi nicht wenigstens ein paar vorislamische Fundamente für sein Königsbuch? (Das ist nur ein Kommentar zu der Metapher)

61. Zwei neue Übersetzungen der Shakespeare-Sonette

Nachdichtung oder Übersetzung, Verfremdung oder Eindeutschung, philologische Akribie oder poetische Freiheit – zwischen diesen vermeintlichen Polen bewegen sich die gut siebzig Gesamtübertragungen der Sonette Shakespeares, die in deutscher Sprache vorliegen. Mit Claus Eckermanns und Alexander Gieses Übersetzungen reihen sich nun zwei weitere Gesamtübertragungen ein – und natürlich steht außer Frage, dass auch diese beiden Übersetzungen mit ihrer jeweils eigenen interpretatorischen Perspektive einen Beitrag zur Rezeption leisten; denn Eckermann und Giese gelingt es, eine jeweils eigene Tonart anzuschlagen und diese konsequent durchzuhalten. Beide Übersetzungen sind weit entfernt von Ulrike Draesners „Radikalübersetzung“ (2000), die auf eine Aktualisierung der semantischen Felder in Richtung Technik und Wissenschaft setzt und dabei Wortschöpfungen wie „tintenstrahl-füße“ hervorgebracht hat. Modernisierung ist hier nicht das Gebot der Stunde, vielmehr ist beiden Übersetzern daran gelegen, Shakespeares Klang- und Bildraum als eigenständige literarische Welt vorzustellen. Verglichen mit Christa Schuenkes Übersetzung (1999, 52011), die sich in den letzten Jahren als maßstäblich durchgesetzt hat, wirken beide Übersetzungen allerdings archisierend, wobei sich Eckermann an einem barocken, bisweilen manierierten Stilideal orientiert, während Giese das lyrische Ich als Stimme des Sturm und Drang entwirft. Insofern markieren beide Übersetzer stilistisch sehr deutlich, dass sie das Paradigma der romantischen Liebe, das dem frühneuzeitlichen Liebesdiskurs nur bedingt gerecht wird, als Rezeptionsrahmen für nicht geeignet halten.

Eckermanns Zugriff ist geradezu historisierend. Tongebend ist – trotz der fünfhebigen Jamben – ein barockes Dichtungsmodell, das antithetische Gegenüberstellungen und überhöhte Bildhaftigkeit auskostet: „confounding age’s cruel knife“ (Sonett 63) wird zu „des welken Alters scharfer Klinge“, „But if that flower with base infection meet, / The basest weed outbraves his dignity“ (Sonett 94) wird zu „Doch wo die Blum auf welkes Siechtum stieß, / Schlägt ihren Wert gar Unkraut, öd und siech. “ Diese Bildhaftigkeit schafft Distanz, entrückt die Sonette aus der Alltagserfahrung und betont deren Literarizität. Keineswegs anbiedernd ist diese Übertragung: Eckermann will es seinen Lesern sichtlich nicht leicht machen, sie sollen beim Lesen oder Rezitieren nicht vergessen, dass sie sich in einem sprachlich-formalen Kunstwerk bewegen. Es gelingt jedoch nicht immer, die angebotenen Bilder mit Leben zu füllen: mir jedenfalls fällt es schwer, eine „Blum“ zu sehen, die „auf welkes Siechtum stieß“. Zugegeben, Sonett 94 gilt als besonders schwer zu übersetzen. Shakespeares lyrisches Ich ist hier enigmatischer als sonst: Das Herrschaftsideal, das mit botanischen Vanitas-Motiven ins Bild gesetzt wird, bleibt obskur, die Botschaft, die sich an den „fair youth“ richtet, unklar. Trotz dieser Ambiguitäten ist Shakespeares Sprache jedoch direkt und aggressiv: Shakespeare verweist mit „infection“ recht deutlich auf die Syphillis, wählt mit „outbraves“ eine ironisch gebrochene Konversion, die der konventionellen Gegenüberstellung von Blume und Unkraut einen kühnen Anstrich gibt. Es gelingt Eckermann nicht immer, diese Nuancen im Register und Lexikon zu retten.

(…)

Auch Giese nutzt Abweichungen vom fünfhebigen Jambus äußerst spärlich, und doch wirkt seine Übersetzung luftiger, metrisch weniger streng organisiert. Verglichen mit Eckermanns Übertragung ist die Anrede direkter, der Sprachduktus lässiger, geradezu keck an manchen Stellen. Dieser Eindruck mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass Giese Wortwiederholungen nicht scheut. In Sonett 8 verwendet er beispielsweise viermal das Wort „süß/Süßes“ und sucht nicht nach Synonymen, im Sonett 152 begegnen uns „schwört“, „Bettschwur“, „Schwören“, „schwor“, „Schwüre“, „schwör’n“, „geschworen“, „schwören“. Gieses Liebender, aber auch der mahnende Freund zuvor, haben beide keine Zeit, nach trefflichen Worten zu suchen und ihre Ausdrücke zu modulieren. Diese Haltung zeigt sich besonders deutlich an Sonett 66, dem Meilenstein für deutsche Übersetzungen:

Bin alles müd’, nach Todesruh’ ich schrei,
Da doch Verdienst zum Bettler nur geboren,
Und nicht’ge Nullen sich freu’n an Narretei,
Und reinste Treu elendig falsch geschworen,
Und gold’ner Ruhm, schmachvoll wird er missachtet,
Und Mädchentugend rücksichtslos geschändet,
Und höchst Vollkomm’nes unverdient verachtet,
Und selbst Kraft in schwacher Herrschaft endet,
Der Kunst die Zung’ bindet die Staatsgewalt,
Und Narrheit doktorgleich treibt Wissenschaft,
Und echte Wahrheit wird verkannt als Einfalt,
Und wertvoll Gut gerät in schlimme Haft;
Müd dieser Welt ließ gern ich alles sein,
Wär nicht – stürb ich – mein Liebstes ganz allein.

Nicht großes Pathos, kein uferloser Zorn, sondern eine tiefgehende und gefasste Empörung spricht aus diesen Versen. Giese bricht mit der Anaphora in Zeile 9 und hebt mit seiner Anklage neu an. Und auch metrisch lässt sich dieser Sprecher nicht vereinnahmen: „geboren“, „geschworen“, „missachtet“, „geschändet“, „verachtet“, „endet“ wenden sich gegen das Diktat des Metrums. Somit ist diese Übertragung näher an den Übersetzungen von Lachmann (1820) und Gelbcke (1867) als an der zusatzfüßigen von Biermann (2004) oder der metrisch idealtypischen von Schuencke (1999) [Für eine ausführliche Rezension der Biermann-Übersetzung von Jürgen Gutsch siehe literaturkritik Nr. 10, Oktober 2004; ein Interview mit Christa Schuenke, das Christa Jansohn geführt hat, ist abgedruckt in literaturkritik Nr. 4, April 2014].

/ Felix Sprang, literaturkritik.de

William Shakespeare: Der Zeit entgegen – Shakespeares Vanitas Sonette [Tonträger]. Jacques Breuer liest Shakespeare.
NOA NOA Hörbuchedition, München 2012.
1 CD, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783932929793

William Shakespeare: Die Sonette. Englisch und deutsch.
Übersetzt aus dem Englischen von Claus Eckermann.
Haag + Herchen Verlag, Hanau 2012.
328 , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783898466486

William Shakespeare: Shakespeare Sonette.
E-Book.
Übersetzt aus dem Englischen von Alexander Giese.
Aumayer Druck + Verlag, Munderfing 2013.
164 Seiten, 4,90 EUR.
ISBN-13: 9783902923011

60. Gestorben

Paris/Buenos Aires (APA/dpa) – Der argentinische Dichter Arnaldo Calveyra ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Wie sein Verlag am Freitag in Buenos Aires mitteilte, erlag er am Donnerstag in Paris einem Herzinfarkt. Calveyra wurde 1929 in der argentinischen Provinz Entre Ríos geboren und ließ sich in den 60er Jahren in Frankreich nieder. / Tiroler Tageszeitung

59. 1 Gedicht und mehr

Der in Leverkusen lebende Lyriker Manfred Enzensperger ist nächster Gast bei „1 Gedicht“. Im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld an der Gutenbergstraße 21 stellt er am Mittwoch, 11. Februar, um 20 Uhr eine Auswahl seiner Gedichte vor, deren zentrales Motiv die Großstadt ist. Ihre alltäglichen Orte dienen ihm als Ausgangspunkt für seine präzisen, sensiblen und kunstvoll gearbeiteten lyrischen Texte. Literaturkritiker Dr. Henning Heske, der die Reihe künstlerisch verantwortet, wird im Gespräch mit Manfred Enzensperger und dem Publikum einzelne Texte näher betrachten. (…)

Die Reihe „1 Gedicht und mehr“ will den Zugang zu zeitgenössischer Lyrik eröffnen und zeigen, dass es sich lohnt, Lyrik intensiv zu lesen. Gedichte als inhaltlich stark verdichtete Textart verlangen Lesern in einem erheblich höheren Maß als ProsaAufmerksamkeit, Lesekompetenz und Einfühlungsvermögen ab. Sie eröffnen ihm eine breitere Palette an Interpretationsmöglichkeiten. Hier will die Reihe Hilfestellung beim Lesen und Interpretieren geben und mit Gegenwartsdichtern zeigen, dass diese Textart keineswegs überholt ist, sondern gerade in unserer schnelllebigen Zeit von hektischen E-Mails und SMS mehr Aufmerksamkeit verdient. / Pressemeldung NRW

58. Poetopie

ohne eine Ahnung von Angst finden wir auch keinen Mut

Hansjürgen Bulkowski

57. Gleitsichtwochen

Schöne Rezension von Volker Sielaff zu Bertram Reineckes Band „Gleitsichtwochen“ bei Signaturen. Auszug:

Solche Wunder sind schweigsam / wispern die papierene Rede der Ingenieure„, lese ich nun bei Reinecke, der offenbar in den Papieren [über die Blaues Wunder genannte Elbbrücke, M.G.] geblättert hat, einem „…Gebäude aus Zahlen nicht weniger undurchsichtig / als die Brücke selbst„, aber auch oft, wie man in Sachsen sagt, „rüber und nüber gegangen“ sein dürfte. Womöglich, um an einer Schule an einem Autorengespräch mit Lehrern teilzunehmen, sein Poem mit dem schönen langen Titel „Als ihm eine Schar sich fortbildender Lehrer seine Gedichte für unverständlich erklärt hatte“ gibt davon Zeugnis: „Die Frage immer / ´Wer versteht denn das` / Sie etwa nicht? / Ich kenne welche / Ja, die kommen damit ganz problemlos klar / Sind die denn schief gewickelt…“ Reineckes muntere Gegenrede ist trochäisch geprägt, was ihr auch formal einen trotzigen Schwung verleiht. Indes – viel Hoffnung hat der Dichter scheinbar nicht, konstatiert er doch einigen von den so fortgebildeten Lehrern verschulten Schülern folgendes: „sie haben Lindgren gelesen / und durchstreifen den Vorort/ vorerst gerade so, wie man es / auch gänzlich ohne Begabung könnte / führen einen Hund mit / füttern Kaninchen / betätigen ihr Handy„. Reinecke hat sich dem Gegenstand, den er hier launig bedichtet, bereits in einem seiner Essays genähert, dem Band „Gruppendynamik – Literaturprozesse am Beispiel von Lyrikwerkstätten“ (bei J. Frank in Berlin erschienen). Ob die Lehrer das wussten?

Bertram Reinecke, das macht dieses nur 30 Seiten dünne Büchlein deutlich, ist sehenden Auges und mit wachen Sinnen durch Dresden gezogen. Er lässt, wie es von den Stipendiengebern ausdrücklich gewünscht ist, in seinen Gedichten aus Dresden „einen Bezug zur Stadt Dresden oder der sächsischen Kulturlandschaft erkennen“ – mehr noch: er spielt mit diesem ihm abverlangten „Bezug“, indem er das ihm in die Hand gedrückte Blatt dreht und wendet und gelegentlich auch genüsslich zerrupft. Wenn er die Mitglieder der Dresdner Staatskapelle in einem Gedicht als „Erntehelfer“ bezeichnet, hat das mit jenem dem Dichter eigenen  abgründigen Humor zu tun, und man will hoffen, dass die „Herren in Anzügen“ genauso darüber lachen können wie der Rezensent es konnte: „Herren in Anzügen / wieso haben die eigentlich Anzüge an? / Ach das gehört sich wohl / so nah bei der Gambe / die Basso Continuo Gruppe…“  Und, ein Stück weiter im Orchesterversmaß, finden wir dann diese großartige Beschreibung des Spiels des weltberühmten Klangkörpers: „Eine Annäherung an das Nichts / sie haben das Jahrzehnte geübt / eine Art buddhistischer Praktik sehr europäischer Prägung / besoldet laut Orchestertarif / Sonst würden sie nämlich an etwas anderes denken / Der eine mag Fußball / der andere schaut gern jungen Mädchen nach / (aber doch, doch, sehr erfolgreich für sein Alter / da kann man nichts sagen) / Könnten sie jetzt sprechen meinte einer vielleicht / „Weißt Du noch unter Schreier?

56. Künstlerhaus Edenkoben

Neue Stipendiaten

Literatur:

Daniel Falb (Berlin)

Gerhard Falkner (Berlin)

Eva Roman (Leipzig)

„Übersetzer“-Stipendium

Richard Pietraß (Berlin)

55. Peter Huchel Preis 2015 an Paulus Böhmer

Der Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik geht in diesem Jahr an den Schriftsteller Paulus Böhmer. Der vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk gestiftete Preis wird seit 1983 vergeben. „Zum Wasser will alles Wasser will weg“, so heißt der prämierte Gedichtband von Paulus Böhmer. Das Langgedicht von 236 Seiten sei eine „vielstimmige Hymne auf das Leben, wortgewaltig und sprachschöpferisch, überbordend und bildgenau“, in seiner Form einzigartig in der deutschsprachigen Literaturlandschaft, begründet die Jury ihre Entscheidung. Der 78 jährige Paulus Böhmer wuchs in Oberhessen auf, studierte Jura in Frankfurt, Architektur und Literatur in Berlin, arbeitete als Stauden-und Ziergraszüchter und als Werbetexter. Inhaltlich kreisen Böhmers Gedichte um Themen des 20 Jahrhunderts: Gewalt, Kriege, Liebe und Tod. Seine lyrischen Wurzeln finden sich in der Popkultur eines Allen Ginsberg.

Die Jury besteht aus 7 stimmberechtigten Juroren, die laut Satzung maximal 4 Jahre dabei sein dürfen. Ihre aktuelle Zusammensetzung ist auf der Webseite des Preises noch nicht veröffentlicht, dürfte aber mit der von 2014 identisch sein:

Roman Bucheli, Sebastian Kleinschmidt, Christiane Lange, Tobias Lehmkuhl, Theresia Prammer, Ulf Stolterfoht, Insa Wilke, Werner Witt (ohne Stimme), Christoph Heinkele (ohne Stimme).

Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird am Geburtstag Peter Huchels, am 3.4., in Staufen (Br.) vergeben. Peter Huchel hatte seine letzten Lebensjahre in Staufen verbracht.

54. Celebrity Poets

… sind Prominente aus der Glamourwelt, die nebenher peinliche Gedichte schreiben. Michael Hollan listet „die 7 schlechtesten Celebrity Poets unter der Überschrift „No Rhyme And Even Less Reason“. Es sind:

Pamela Anderson (Our true character, collective complexities.
childish activities –
patterns- genetics? Attention deficit-
– …
SEX … a lost art– a sickness–
Perversions-
Lost sensuality -)

Kristen Stewart („My Heart Is A Wiffleball/Freedom Pole.“ There’s not much more to say about it.)

Jennifer Aniston (was dating John Mayer and wrote a poem about it)

James Franco (Its not so much poetry as it is a collection of phrases.)

Rosie O’Donnell (It’s not funny that Rosie O’Donnell had a heart attack. The poem she wrote about it, however, totally is. )

Jewel (wrote an entire book of poetry. The book is best experienced if you read it out loud and yodel all of the words.)

Britney Spears‘ poetry does rhyme, which is nice. It seems like that’s all she knew about poetry, though.

 

53. Gedicht eines Malers

Erst vergangenen Sommer hatte Wolfgang Rihm die Welt mit zwei neuen Werken für Soloinstrument und Orchester beschenkt, die ganz ungeniert die Gattungsbezeichnung „Konzert“ im Titel führen. Anders als Kollegen, die in zitathafter Manier auf die Vergangenheit anspielen, kommt der Traditionsbezug bei dem deutschen Komponisten ohne ironische Brechung aus.

Sein Werk für Violine und Orchester, das am Freitag im Konzerthaus uraufgeführt wurde, vermeidet die explizite Gattungszuordnung: Vielmehr schließt das mit „Gedicht eines Malers“ überschriebene Stück an Rihms Anne Sophie Mutter und Carolin Widmann auf den Leib komponierten Werke an, die ebenfalls poetische Titel tragen. Unüberhörbar ist die Bezugnahme auf die Tradition auch hier: Schließlich verweisen schon die Worte „Gedicht“ und „Maler“ auf die synästhetischen Bestrebungen jener Romantik, deren Nachklang Widmungsträger Renaud Capuçon in bittersüßen Phrasen beschwor. Dabei ist Rihms Musik nicht direkt antimodern, sie evoziert vielmehr die Anfänge einer Moderne, die mittlerweile auch schon zum Sehnsuchtsort einer nostalgischen Rückschau geworden ist. / Lena Dražić, Wiener Zeitung

52. Gedichtautomat

Erst Musik, dann Spiel, jetzt Poesie: Der Prager Kneipenbesitzer Ondřej Kobza will im Stadtzentrum zwei Gedicht-Automaten aufstellen. In den vergangenen beiden Jahren hat er an öffentlichen Orten bereits Klaviere und Schachbretter installiert. Im Februar soll nun auf der Insel Kampa eine Maschine in Betrieb gehen, die Lyrik auf Umlaufrollen druckt. Am Friedensplatz (Náměstí Míru) wird der Gedicht-Automat wie eine Jukebox funktionieren, die Poesie spielt statt Musik. (…) Während die Schachbretter samt Tischen im vergangenen Sommer noch von der Stadt mitfinanziert wurden – die Kosten für die ersten sechs Tische beliefen sich auf 30.000 Kronen (knapp 1.100 Euro) – setzte Kobza seine neueste Idee mithilfe von Crowdfunding um: Er sammelte Geld von Menschen, die er für die Poesie-Automaten begeistern konnte. Mehr als 93.000 Kronen kamen so zusammen. Als Gegenleistung erhielten die Spender eine Einladung zur Taufe der Automaten oder durften bei der Herstellung einen Blick hinter die Kulissen werfen. Die Gedicht-Maschine auf der Insel Kampa soll Kobza zufolge nicht dauerhaft eingerichtet werden. Er plant, sie auch an anderen Orten Station machen zu lassen.  / Prager Zeitung