Sehr deutsch?

Nach zwölf Jahren lyrischer Abstinenz legt der 1965 geborene, mittlerweile in Dresden lebende Marcel Beyer mit „Graphit“ wieder einen Gedichtband vor. Mit Verweis auf die mitunter kaum zu entwirrende Polyphonie seiner meist in Quartetten, also Vierzeilern verfassten, mitunter zu Zyklen verklammerten Gedichte heißt es im Klappentext: „Solche Mehrstimmigkeit ist für Marcel Beyer das einzig wirksame Gegengift gegen den ganzen monolithischen, den fanatischen, den faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie und das Reden darüber.“

Das ist starker Tobak für die Einführung in einen Gedichtband, und man fragt sich, wer solche starken Verbalinjurien und in welcher Absicht aussendet. Wer sich der Sinn suchenden Beyerschen Vielstimmigkeit beim Schreiben entzöge, wäre bereits „fanatisch“, „faschistisch“ und „chauvinistisch“? Mir scheint, da wird mit populistischem Sprachkanonen auf Spatzen geschossen.

Und welches Ziel steckt wohl dahinter? Soll da etwa ein Autor von vornherein über alle ideologischen Grabenkämpfe erhoben und auf dem Altar der hohen Kunst kanonisiert werden? Das wäre dann sehr deutsch. (…) / Jochen Kelter, Südkurier

Marcel Beyer: „Graphit“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin. 207 S., 21,95 Euro

2 Comments on “Sehr deutsch?

  1. Hab das Buch erst jetzt gelesen. Im großen und ganzen gelungen, meine ich. Der Zyklus „Im Wörterbuch“ macht mir Beyer direkt sympathisch. Er hat Humor. Aber: „[…] der Materialist unter den Lyrikern kombiniert das Gewesene und Anwesende zu Nie-Dagewesenem[.]”? Das ist doch Sensationspresse … Überhaupt, der Verlagstext ist auf schwer zu ertragende Weise – ja, es ist überhaupt nicht zu ertragen – großmäulig und markiert ein randalierfreudiges Mackertum, das überhaupt nicht zu Beyers Subtilität passt. Wer diesen Quatsch geschrieben hat, hat Beyer einen Bärendienst erwiesen. (Freilich fällt der Beipackzettel gegenüber den Gedichten nicht ins Gewicht; die sind ja gut.)

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