Klaus Rifbjerg. „Gedopte Intelligenz“

Die Zeit war auch reif, als er ab 1956 die etwas marmorne Nachkriegszeit im literarischen Dänemark mit Gedichtbänden wie «Konfrontation» durcheinanderwirbelte, schon der Titel war das Programm einer neuen Epoche: Rifbjerg wurde zum Wortführer des dänischen «Modernismus». Konfrontation suchte er bis zum Schluss, erst kürzlich erhitzte er die manchmal etwas selbstzufriedenen dänischen Gemüter mit der provokanten Aussage, dass es im Königreich höchstens zweitausend begabte Köpfe gebe. Er war in seiner Heimat tatsächlich, was man in der Schweiz nur mit Frisch und Dürrenmatt und in Deutschland mit Grass, Walser und Enzensberger vergleichen kann: ein Intellektueller, der sich nicht nur zu Wort meldete, sondern tatsächlich auch etwas zu sagen hatte.

Daraus ersieht man schon, dass das ganz und gar Unprätentiöse seines Stils (sowohl literarisch als auch im zwischenmenschlichen Umgang) nichts mit übertriebener Bescheidenheit zu tun hatte. Herausfordernd war nicht nur sein Drang zum literarischen Experiment, sondern auch sein Hang zu publikumswirksamer Inszenierung. So dichtete er immer, wie der Kritiker und langjährige Weggefährte Torben Brostrøm einmal sagte, «an seinem eigenen Mythos mit». Kein Zweifel, Rifbjerg (den man nach einem Andersen-Märchen den «Grossen Klaus» nannte) war womöglich die wichtigste Institution des dänischen Geisteslebens, zumindest nach 1945.

(…) Die Lyrik war für ihn selbst immer die wichtigste Gattung, das «Herzstück der Literatur, der innere Motor jedes sprachlichen Kunstwerks». Dabei hatte er einen ungemein schnellen Blick und eine rasante Auffassung, deshalb wirken seine Gedichte so unmittelbar, ja beinahe zügellos; Hans Magnus Enzensberger hat das eine «gleichsam gedopte Intelligenz» genannt.

Es gibt von Klaus Rifbjerg etwa ein Dutzend Übersetzungen ins Deutsche, erstaunlich also, dass sein Tod, der schon am Ostersamstag dieses Jahres nach kürzerer, schwerer Krankheit eintrat, in den deutschsprachigen Ländern nicht wahrgenommen wurde*. Das mag daran liegen, dass Lyrik nicht gebührend beachtet wird, vielleicht auch daran, dass ein Grossteil seiner Romane in der DDR erschien und gar nicht erst in den Westen gelangte. / Peter Urban-Halle, Neue Zürcher Zeitung 27.4.

*) Sofern die Lyrikzeitung zum deutschsprachigen Bereich gehört, doch: Gestorben

Klaus Rifbjerg in L&Poe

Originalton SAID

„Originalton“ heißt ein täglicher Bestandteil unserer Sendung „Lesart“. Darin bitten wir Schriftsteller jeweils für eine Woche um einen kurzen Text, in dem sie kleine Formen erproben und mit den Möglichkeiten des Radios spielen.
In dieser Woche begleitet uns SAID im Originalton – mit bislang unveröffentlichten Texten, die zusammen unter dem Titel „Das vibrierende Kind“ eine Art poetischer Autobiografie ergeben. Heute zwei Stücke, „Initiation 1“, Momente, die man nicht vergisst.

Der Schriftsteller SAID wurde 1947 in Teheran geboren, mit 17 kam er in die Bundesrepublik und ist heute ein hochangesehener, vielfach preisgekrönter deutscher Dichter. Schon seine ersten Gedichte schrieb er auf deutsch, inzwischen sind zahlreiche Lyrik- und Essay-Bände erschienen, SAID war auch Präsident des Deutschen PEN und aktiv im Writers in Prison Committee. / Deutschlandradio Kultur

Literaturpreise des Bundeskanzleramts

Wie jedes Jahr tagen im Februar und März die Jurys zur Vergabe der Literaturpreise des Bundeskanzleramtes. Jetzt stehen die Preisträgerinnen und Preisträger des Jahres 2015 fest.

Der rumänische Schriftsteller Mircea Cărtărescu wird mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur ausgezeichnet, Preisträger des Ernst-Jandl-Preises für Lyrik ist Franz Josef Czernin, der Österreichische Kunstpreis für Literatur wird heuer Evelyn Schlag zuerkannt, der outstanding artist award für Literatur geht an Christoph W. Bauer und den biennal zu vergebenden Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik erhält Brigitte Schwens-Harrant.

„Von Franz Kafka stammt der Satz ‚Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns‘. Es ist gut, dass wir in unseren Buchhandlungen und Bibliotheken genügend Enteisungsmittel vorfinden. Der Welttag des Buches soll uns daran erinnern und bietet eine schöne Gelegenheit, die Gegenwartsliteratur zu feiern und Autorinnen oder Autoren mit Preisen auszuzeichnen“, so Bundesminister Ostermayer. „Ich gratuliere den Preisträgerinnen und Preisträgern sehr herzlich zu ihren Auszeichnungen und danke den Jurorinnen und Juroren für ihre Arbeit.“

Der Österreichische Staatspreis für europäische Literatur wird für das literarische Gesamtwerk einer europäischen Autorin bzw. eines europäischen Autors verliehen, das international besondere Beachtung gefunden hat. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. Die Jury unterstrich ihre Wahl mit folgender Begründung: „Auf der Folie der rumänischen Geschichte formuliert der 1956 in Bukarest geborene Schriftsteller Mircea Cărtărescu auf großartige und unvergleichliche Weise einen exzessiven, maßlosen Traum von Verwandlung und Metamorphose. Mit gleichermaßen anspielungsreichen wie wüsten und phantasmagorischen Bildern erschafft er ein Universum an der Grenze zu Perversion und Wahnsinn, in dem alle Trennungen aufgehoben sind und Erlösung verheißen wird.“

Preisträger des Ernst-Jandl-Preises für Lyrik 2015 ist Franz Josef Czernin. Der Preis wird biennal für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der deutschsprachigen Lyrik verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 15.000 Euro. In ihrer Begründung führte die Jury an: „Franz Josef Czernins Werk ist ein großes Abenteuer der Literatur, ein enzyklopädisches Unternehmen, das seinen Gegenstand in immer neuen Versuchen umkreist. Der Zusammenhang zwischen Subjekt, Sprache und Welt wird in seiner Poesie einem Spiel überlassen, bei dem Dichtung und Erkenntnis in eins fallen. Vom strengen Sonett bis zum pfingstlichen ‚zungenenglisch‘, vom Essay bis zum Aphorismus reicht der Katalog der Formen, von der Romantik über die Mystik und den Symbolismus bis zu den experimentellen Avantgarden reicht ein Kanon, den Franz Josef Czernin in sein unverwechselbar eigenes Projekt transformiert: in die mit aller Sinnlichkeit, größtem Wissen und höchster Intelligenz gestellte Frage, wie die Wirklichkeit durch die Sprache im Ich aufgeht. Und das Ich in der Sprache. Und die Sprache in der Welt. Es ist eine poetische und poetologische Gleichung mit drei Variablen und einem stets aufs Neue zu benennenden Rest.“

Der Österreichische Kunstpreis für Literatur 2015 wird Evelyn Schlag zuerkannt. Der Preis wird für das literarische Gesamtwerk einer österreichischen Autorin bzw. eines österreichischen Autors vergeben und ist mit 12.000 Euro dotiert. In der Jurybegründung heißt es: „Das Werk von Evelyn Schlag verfügt zugleich über eine hohe poetische wie politische Kraft. Es ist gleichermaßen gelungene Standortbestimmung wie Befragung weiblicher Genealogie. Im Zentrum ihrer Auseinandersetzung stehen das Verhältnis der Geschlechter zueinander, der Umgang mit dem Körper sowie Krankheitserfahrungen. In ihrem Bemühen um eine weibliche Sprache für Erotik und Liebe vermeidet Schlag in ihrer Prosa ebenso wie in der Lyrik das ungeschützte Pathos und setzt stattdessen auf Präzision und Selbstreflexion.“

Der outstanding artist award für Literatur geht an Christoph W. Bauer (geboren 1968). Der Preis wird jährlich an eine Autorin bzw. einen Autor der jüngeren oder mittleren Generation vergeben, die bzw. der bereits wichtige literarische Veröffentlichungen vorweisen kann, und ist mit 8.000 Euro dotiert.

„Christoph W. Bauer arbeitet als einer der wenigen Autoren seiner Generation in allen Gattungen, von Lyrik bis hin zu dokumentarischen Lebensbildern, vom Kinderbuch bis zu Theater und Hörspiel. Immer exakt dem jeweiligen Medium angemessen, folgen die Formen und Ausdrucksmittel seiner Texte klassischen ebenso wie selbst definierten Gesetzmäßigkeiten, bestechen durch eine unverwechselbare Rhythmik und große Gedankentiefe. In seinen Gedichten verwebt Christoph W. Bauer, der ein fundierter Kenner der Lyrik verschiedenster Sprachen und Kulturkreise ist, literarische Traditionen mit zeitgenössischer Popkultur. Er schafft es durch ein spielerisches Wieder-Holen von bekannten und weniger bekannten Verszeilen die ’scherben erinnerter reime‘ auf sehr eigenwillige und eindringliche Weise zum Funkeln zu bringen. In seinen Romanen beschäftigt er sich immer wieder auch mit der Geschichte seines Wohnortes Innsbruck; spürt mit Einfühlsamkeit und Akribie Erinnerungen nach. Sein letzter, erfolgreicher Erzählband ‚In einer Bar unter dem Meer‘ rückt verschiedene Schicksale der Generation um die 40 ins Blickfeld. Mit hoher sprachlicher Genauigkeit erzählt er von Menschen, die viel zu verlieren haben“, so die Ausführungen der Jury zur Nominierung des Preisträgers für den outstanding artist award für Literatur 2015.

Der biennal vergebene Österreichische Staatspreis für Literaturkritik geht 2015 an Brigitte Schwens-Harrant. „Sie hat nicht nur als Literaturkritikerin, also durch kluges Beurteilen und Sichten von Texten, viel zur Klärung der literarischen Produktion beigetragen, sondern darüber hinaus mit ihrer Redaktionstätigkeit Grundsätzliches für das literarische Feld in Österreich geleistet, mit ihren Publikationen Schwerpunkte gesetzt und dazu beigetragen, den Literaturbetrieb über die Beliebigkeit von Geschmacksurteilen hinauszuheben“, begründet die Jury ihre Wahl. Der Österreichische Staatspreis für Literaturkritik wird im Zwei-Jahres-Rhythmus abwechselnd mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik vergeben und ist mit 8.000 Euro dotiert. / Bundeskanzleramt Österreich

Droht in Hamburg ein Lehreraufstand?

Im Laufe seines Schülerlebens hat er bereits viele Gedichte bearbeitet, Versmaße und Reimschema bestimmt, gedeutet und interpretiert. Die meisten, sagt er, seien altmodisch geschrieben und schwer zu lesen gewesen: „Und dann kommt ein Herr Gernhardt daher und man hat Spaß.“ Na, dann ist doch alles gut? Von wegen. Einige Lehrer sind entrüstet über die Vorgabe der Schulbehörde, ausgerechnet diesen Gernhardt zu behandeln: Einen Dichter, dessen berühmtestes Sonett mit der Zeile beginnt: „Sonette find ich so was von beschissen.“

Aber es sind nicht nur die profanen, aus Sicht vieler Lehrer wenig tiefgründigen Gedichte, die in den Kollegien eine hitzige Debatte ausgelöst haben. Es ist auch die Sekundärliteratur, ein komplexer Sammelband, 240 Seiten dick, den der Sprachartist noch zu Lebzeiten an Universitäten gehalten hat* und der nun für die Schüler ebenfalls prüfungsrelevant ist. In gewichtigen Sätzen zieht Gernhardt darin den Bogen von den Klassikern über die Nachkriegslyrik bis in die Gegenwart und zu sich selbst. Ein Werk, das sich allein deshalb so liest, als sei es für fortgeschrittene Germanistik-Studenten geschrieben, nicht für Abiturienten.

„Seht ihn an, den Schreiner. Trinkt er, wird er kleiner. Schaut, wie flink und frettchenhaft er an seinem Brettchen schafft.“ / Deike Uhtenwoldt, Die Welt

*) Wie er das gemacht hast, den Band an Universitäten zu halten, darüber könnte man ein Gernhardt-Gedicht schreiben. Oder die Schüler schreiben lassen. Allemal besser als eine Interpretation, findet die Lyrikzeitung.

Mehr zum Thema Schule / Mehr über Robert Gernhardt

Iranischer Dichter in Haft

Mohammad Reza Ali Payam, für seine satirischen Gedichte bekannter iranischer Autor, trat am Mittwoch im Teheraner Evin-Gefängnis eine Haftstrafe von 15 Monaten an. Das meldeten persischsprachige Nachrichtenportale am Donnerstag (23.4.). Demnach hatte Ali Payam, der den Künstlernamen „Haloo“ trägt, die Information einen Tag zuvor selbst auf seiner Facebook-Seite gepostet: „Ein Jahr, drei Monate und einen Tag für satirische Dichtung“, schrieb er dort. Zudem gab er an, die Aufforderung zum Haftantritt sei durch das Revolutionsgericht und per Telefon erfolgt: „Ich besitze weder ein Original noch eine Kopie des Urteils gegen mich“, so „Haloo“.

Ali Payam wurde wegen „Propaganda gegen die islamische Republik durch Verbreitung von satirischen Gedichten“, „Beleidigung der heiligen Werte des Islam und des Koran“, „Beleidigung des verstorbenen Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeini und seines Nachfolgers Ayatollah Ali Khamenei“ und „Beleidigung des Präsidenten und der Regierungsverantwortlichen“ verurteilt.

Der 58-jährige Satiriker absolvierte ein Studium an der Künstler-Hochschule in Teheran und war von 1981 bis 1991 zunächst Schauspieler und Regisseur. Nachdem der Staat ihm die Arbeit in diesem Bereich verboten hatte, widmete sich Ali Payam der satirischen Dichtung. / Quelle: Iran Journal

Finnische Dichtung

Finnlands Gastspiel an der Frankfurter Buchmesse 2014 verdankt sich eine Reihe von Übersetzungen älterer Werke. Sie besitzen oft europäischen Rang und kommen in profunden Ausgaben daher.

Während Jahrhunderten Teil Schwedens, trat Finnland 1809 als autonomes Grossfürstentum des Zaren in den Kreis der Nationen. Zwei Schriftsteller prägten die Identität der jungen Nation: Elias Lönnrot präsentierte mit dem Epos «Kalevala» ein «heroic age» als nationale Vorzeit, während Johan Ludvig Runeberg die Erzählung vom duldsamen, anspruchslosen und loyalen Volk und von der kargen, fordernden Natur schuf, die eine Gabe Gottes sei, weil sie die Finnen moralisch prüfe. In seinem Balladenzyklus «Erzählungen des Fähnrich Stål» führt uns Runeberg, der selber nie einen Waffenrock trug, zurück in den Krieg von 1808/09, als das Schwedische Reich Finnland an den Zaren verlor. Runebergs Figuren prägten sich ein: Der Soldat Sven Dufva verteidigt die Brücke gegen den Ansturm eines russischen Regiments. Der Vers «Lass keinen Teufel über die Brücke!» wurde im Zweiten Weltkrieg zum Schlachtruf gegen die Sowjets.

(…)

Mitten im Ersten Weltkrieg formierte sich im finnisch-russischen Grenzland der Karelischen Landenge eine Literatur ganz anderer Art. 1916, als in Zürich der Dadaismus entstand, debütierte Edith Södergran mit «Gedichte». Ihr neuer Klang markiert die Geburtsstunde der finnlandschwedischen Avantgarde. Dass die lyrische Moderne von Finnland nach Skandinavien ausstrahlte, wird heute nicht zuletzt mit der sprachlichen Diversität ihrer Autoren in Verbindung gebracht. Schwedisch sprach Södergran in der Familie, Deutsch in der Schule in Petersburg, Russisch in der Stadt, Finnisch lernte sie von den Bediensteten. / Aldo Keel, Neue Zürcher Zeitung

  • Finnlandschwedische Literatur der Avantgarde. Edith Södergran, Henry Parland, Elmer Diktonius, Gunnar Björling, Rabbe Enckell. 5 Bände in einer Kassette. Herausgegeben und aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich, Münster 2014. 890 S., Fr. 115.90.
  • Michel Ekman: Finnlands schwedische Literatur 1900–2012. Essays von Clas Zilliacus und Klaus-Jürgen Liedtke. Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer. Kleinheinrich, Münster 2014. 365 S., Fr. 32.20.

Gestorben

Der ägyptische Dichter Abdel Rahman al-Abnoudi starb am Sonntag Ortszeit in einem Militärhospital in Kairo im Alter von 76 Jahren an den Folgen einer Operation.  Er wurde besonders für die Zusammenstellung eines Epos über den mittelalterlichen arabischen Helden Abu Zeid al-Hilali bekannt. 35 Jahre lang sammelte er die Gedichte des Epos in Ägypten, Tunesien, Marokko und Saudi-Arabien und veröffentlichte sie in zahlreichen Bänden.

Berühmt wurde Abnoudi für seine Gedichte in ägyptischem Dialekt und für Texte für populäre Chansons und patriotische Lieder. / culturebox.fr

Abderrahmane Al Abnoudi est, avec Ahmed Rami et Abdelwahab Mohamed, le plus grand parolier, poète lyrique contemporain égyptien de la deuxième moitié du XXe siècle. Il a écrit pour des noms connus de la chanson arabe, à l’image de Warda El Djazaïria, Faïza Ahmed, Abdelhalim Hafez, Mohamed Rochdi, Majda Al Roumi, Naget Al Saghira, Mohamed Mounir,  Chadia et Sabah. Il a également collaboré avec l’illustre cinéaste Youssef Chahine pour des films, comme il a écrit des dialogues et des scénarii de plusieurs longs métrages.

Ses recueils les plus célèbres sont Al zahma (L’embouteillage), Al foussoul (Les saisons), Ana ou nass (moi et les gens), Samtou al jaras (Le silence de la cloche) et Al machroue ou al mamnoue (Le permis et l’interdit), Yamna (Le nom de sa tante), Rassayel al ousta (Les lettres d’El Ousta) Ya oumma qomi (Nation soulève-toi), Al mawtou ala asphalte (La mort sur l’asphalte) sont des poèmes qui ont eu un grand succès. La force de Abderrahmane Al Abnoudi réside dans l’utilisation de l’arabe populaire dans ses textes. Des textes inspirés en grande partie de la simplicité de la vie rurale d’Al Saïd. / El Watan (Algerien)

Poetopie

Nacht für Nacht poltern schwere Güter auf Zügen durch unseren leichten Schlaf

Hansjürgen Bulkowski

Neuropoesie

Bodenlos? Verwurzelt? Wie ein Stern?

Versuch einer Rezension der Neuropoesie
Von Pier Zellin (LDL-Pressesprecher)

Tom de Toys ist kein intellektualer Metaphoriker, wie sie in der zeitgenössischen Lyrikszene häufig anzutreffen sind. Er meint alles wortwörtlich so, wie er es schreibt. Und da seine Gedichte ins Mystische hineinreichen, erweist sich sein Ansatz der sogenannten „Direkten Dichtung“ als ein Wagnis, das er aber schon 1993 im Gedicht „MYSTISCHES WAGNIS“ leichtfüßig bewältigt, wenn es da heißt: „zermalmt / im weißen loch / der seele und … die erdenzeit beginnt / zu leuchten“. Was da im Werkquerschnitt mit 90 ausgewählten Gedichten zermalmt wird, ist die Illusion des Ich, von der Alan Watts einmal sprach. Zwischen dem Auftaktgedicht „KONTAKT“ von 1989 mit den Zeilen „zwischen zwei körnern / staub / schritte im meer“ und der Variation desselben Themas in den Zeilen „tiefgang findet sich nicht / in den dingen / sondern zwischen ihnen“ im finalen Gedicht „WEXELWIRKUNG“ von 2015 finden wir eine klare, unverschnörkelt spirituelle Sprache für esoterische Bewusstseinszustände, die das Paradoxe nondual überwinden. Auf den Punkt gebracht ist das in „NULLPUNKTEN“ von 2011 mit den Zeilen „ist das nicht der wahnsinn / ALLES IST DA / und wir sind mittendrin“ oder auch schon 2005 in der „ÜBERGRÖßE“ (siehe Advaita-Ausgabe des Magazins „connection spirit“), wenn es heißt: „du mußt nicht glauben / um die welt in ihrer vollen größe / zu erkennen du / mußt nicht denken und / noch nicht einmal verstehen / du darfst einfach / so erleuchtet sein“. Dieser Gedichtband ist ein ekstatischer Bewusstseinsritt von der ersten bis zur letzten Zeile. Manche Stellen erinnern mich an Hans Arp, andere an Ernst Meister. Und durch alle Gedichte weht der Wind des „Lochismus“, der mir mit Zen und Taoismus verwandt zu sein scheint. De Toys hat seinen ganz eigenen und eigenwilligen Stil, sein Ton trifft direkt in die Seele, ohne die Umwege einer blumigen Bildersprache zu bemühen. Seine Poesie ist psychologisch und transpersonal. Nach der Lektüre ist mir das Gedicht „GOTTLOSES GEBET“ so klar, dass ich lachen muss: „es gibt kein nirgendwo / zum flüchten der / bezugspunkt liegt / im absoluten / jetzt“. Mehr lässt sich kaum dazu sagen, ich fühle mich selber jetzt „BODENLOS VERWURZELT WIE EIN STERN“. Ausnahmelyrik!

Tom de Toys: BODENLOS VERWURZELT WIE EIN STERN
– 90 Gedichte für Freigeister 1989-2015,
108 Seiten, BoD Verlag 2015, 18 Euro, ISBN 9783734775215
http://www.amazon.de/Bodenlos-verwurzelt-wie-ein-Stern/dp/3734775213
Leseprobe: www.überweltigt.de

Die Geschichte offenhalten

Ingar Solty/Enno Stahl: Die Geschichte offenhalten. Statt angesichts der herrschenden Verhältnisse zu verzagen, sollte sich die Literatur auf ihre Stärken besinnen

by Ingar Solty

Seit gut einem Jahr wird im deutschsprachigen Raum wieder über die Rolle der Literatur in der Gesellschaft diskutiert. Florian Kessler wies in der Zeit auf den Zusammenhang zwischen literarischem Erfolg und sozialer Herkunft der Autoren hin, was schnell in eine ebenso grundsätz­liche wie vage Debatte über die Qualität oder Nicht-Qualität der deutschen Literatur abdriftete. Die gesellschaftlichen Implikationen dieses Vorstoßes, den auch andere Autoren flankierten, wurden – speziell vom Großfeuilleton – bewusst ausgeklammert oder sogar strikt negiert. Eher binnenästhetisch motiviert war der… / Download bei academia.edu (Link oben) – man muß sich anmelden, aber es lohnt sich, gibt dort viel…

„ich will verstanden werden / nur von dir nicht“

I want to be understood,
just not by you

(aus Ch. Bernstein: Me and my Pharao)

Bernstein ist Jahrgang 1950, einer der führenden Protagonisten der L=A=N=G=U=A=G=E-Poetry, die nach einer von ihm zusammen mit Bruce Andrews gegründeten Zeitschrift benannt wurde. Er wurde inzwischen Professor, lange im Clinch sowohl gegen die Abwehr als auch gegen die Umarmungen des Establishments und ist einer der bekanntesten avantgardistischen Dichter Amerikas (soweit die eben bekannt sind). Das ist einerseits Drang und andererseits auch seine Begabung, er ist virtuoser Poet, eloquenter Redner, begnadeter Essayist und ein unterhaltsamer Performer von  Texten.

Und es war für ihn keine leichte Übung, einen nicht bereits besetzten Flecken zu finden, wenn man sich ein Land vorstellt, in dem Gertrude Stein ihr Unwesen getrieben hatte, in dem die Beat-Generation ihre poetischen Arbeiten hinausgeheult hatte und andererseits die zweite Welle des Modernismus mit Frank O’Hara und Ashbury sich bereits etablierte.

(…)

Kann man denn das verstehen, was er schreibt? An dieser Frage scheiden sich die Geister, denn sie impliziert, dass der Fragende schon weiß, was verstehen ist, z.B., dass die Pflastersteine in ein säuberliches Mäuerchen eingesetzt werden, hinter dem das Ich sich wohl und sicher fühlt, wie ein Gartenzwerg auf seinem Rasen. Von diesem Ich, These, will Bernstein nicht verstanden werden, das ist das ‚not by you‘ aus dem Motto oben.

Was er an die Stelle der Konvention setzt ist – in meinen Augen – von sehr unterschiedlicher Qualität, experimentelles Schreiben enthält keine Erfolgsgarantie.  Aber Bernstein war immer ein virtuoser Sprachspieler, dessen Sätze oft krude Mischungen aus dem Wortschatz der Hochgebildeten mit Alltagswendungen sind, die nur selten da einrasten, wo der übliche Wortgebrauch es erwartet, häufig klangliche Übersprünge in den ‚falschen‘ Kontext vollziehen – immer herausfordernd und nie platt.

Die Auswahl von 35 Pflastersteinen Bernsteins, die Luxbooks 2014 in seiner Americana Reihe letztes Jahr ausgekippt hat, können jedenfalls als Schule zur Entwicklung lyrischer Trittsicherheit dienen. / Franz Hofner, Fixpoetry

Charles Bernstein
ANGRIFF DER SCHWIERIGEN GEDICHTE
Aus dem Amerikanischen von Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette u. Mathias Traxler
Luxbooks
2014 · 380 Seiten · 29,80 Euro
ISBN: 978-3-939557-88-3

Das Gewicht der Poesie

in der französischen Ökonomie.

Trotz der Vorherrschaft des Romans bleibt die Lyrik lebendig mit neuen Stimmen, die versuchen sich Gehör zu schaffen in Theater, Lesung, Arbeit mit Kindern und den Initiativen des Printemps des poètes.

„Demain dès l’aube, à l’heure où blanchit la campagne, je partirai“ (Morgen, in der Dämmerung, wenn die Landschaft weiß wird, werd ich gehn – Victor Hugo); „les sanglots longs des violons de l’automne blessent mon coeur d’une langueur monotone“ (Die langen Schluchzer herbstlicher Geigen verwunden mein Herz mit monotoner Sehnsucht – Verlaine); diese und viele andere Verse schwingen in unseren Kindheitserinnerungen mit, aber könnten wir einen lebenden Dichter zitieren?

(…)

Auf Theater und Lyrik zusammen entfielen 2013 0,3% der verkauften Bücher, sagte das Syndicat national du livre (SNE). „Das ist ein kleines Marktsegment mit kleinen Verlagen, die durch Subventionen des Centre national du livre (CNL – Nationales Buchzentrum) am Leben erhalten werden, erklärt Christine de Mazières vom SNE.

„Zum Glück ist das ein gestützter Sektor!“, ruft Zéno Bianu aus, denn „er hat nicht das gleiche Maß an Sichtbarkeit“. / challenges.fr

Vor 40 Jahren starb Rolf Dieter Brinkmann

Sein Prosadebüt „In der Grube“ 1962 kommentiert Rolf Dieter Brinkmann so: Die „Hauptperson“ werde „aufgesaugt von einem Allgemeinen, das sie zu benennen versucht.“ Einem unbestimmten, allgegenwärtig Herrschenden schreibend zu widerstehen, es zu durchbrechen, ohne in dessen Bannkreis zu geraten: In dieses Spannungsfeld sieht sich der Dichter von Beginn an versetzt. Das Bedrohliche geht für ihn von der gesamten europäischen Zivilisation aus. Seine vehemente Kritik an ihr führt Brinkmann früh dazu, die Grenzen der Schrift zu überschreiten und zu intermedialen Darstellungsmöglichkeiten zu greifen.

Brinkmann strebt eine Befreiung von der etablierten Literatur an, die er als „Angstszene“ empfindet. Seine Absicht war es „von Anfang an“, wie er in einem der postum publizierten Briefe an Hartmut Schnell, den er während einer Gastprofessur in Austin im Frühjahr 1974 kennenlernt, vermerkt: „gegen den Begriff Gedicht mit meinen Gedichten zu schreiben, gegen Gedichte als elitäre Kunstprodukte“. / Hartmut Cellbrot, Badische Zeitung

Am 26. April findet im Kommunalen Kino Freiburg eine Gedenkveranstaltung für Rolf Dieter Brinkmann statt. Um 17 Uhr diskutieren Klaus Theweleit und der Filmemacher Harald Bergmann, um 19.30 Uhr wird der Film „Brinkmanns Zorn“ gezeigt.

Poems of Afghan Women

A new poetry collection connects Herat, Afghanistan, to Duluth, Minn., proving that poetry transcends geography and culture.

„Load Poems Like Guns,“ edited and translated by former Air Force officer Farzana Marie, is made up of poetry by eight young Afghan women from Herat. This ancient city on the western edge of Afghanistan near Iran has been the heart of literature and arts since the 1400s.

The collection is published by Jim Perlman’s Duluth-based Holy Cow! Press.

„Poetry is central to people’s lives in Afghanistan,“ Marie told an audience at St. Paul’s SubText bookstore recently. „Poetry thousands of years old is on people’s tongues and minds. Even illiterate people can recite vast amounts.“

Marie is passionate about this book because „access to the work of poets living and writing in Afghanistan is vital to a more complete understanding of contemporary literature.“ / twincities.com

Der perorierende Gimpel / schamlos

Auch ein Netzfund:

Genießbar nur mit Cumberlandsauce – Zu Durs Grünbeins Gefährliche Absenzen (FAZ 19.03.2015)

„Früher half die Religion mit ihren Lehren von Hoffnung auf Belohnung und Angst vor Strafe die Struktur der Gesellschaft zu erhalten. Infolge ihres Niedergangs ist die soziale Angst mit ihrem quälenden Affekt der Scham für die Erhaltung einer zivilisierten Gesellschaft wichtiger geworden als das Gewissen des Einzelnen. Sobald sich das Schamgefühl verringert oder auflöst, wird der die Gesellschaftsstruktur zusammenhaltende Kitt zum Abbröckeln neigen.“ (Henry Lowenfeld, Einige Bemerkungen über Schamlosigkeit. in: PSYCHE  10 /1977  S. 905)
„Voller Gemurmel steckt jeder. Eine Tonne, randvoll“  (Grünbein, ibid.)

Regenwassertonne?  „heute hüpft im Frühlingstanz
                                            noch froh der Knabe;
                                            morgen weht der Totenkranz
                                            schon auf seinem Grabe.“ (Hölty)

Aus den Akten des Ferienseminars der Universität Bockwurst