Kochs Licht

Wir haben es nicht mit Vergewisserungskunst zu tun, nicht mit der Fülle an der pseudosouveränen Rechenschaftspoesie der Bob-Dylan-Fan-Generation (männliche, weiße Europäer, geb. 1960-70). Wir sind von der Stimmung her irgendwo nun zwischen Inside Llewyn Davis (2013) und A Serious Man (2009).

Die produktive Energie aus den Gedichten von »Ich im Bus im Bauch des Wals« zeigt, dass Ulrich Koch am Ende des Tunnels angekommen ist und Licht mitgebracht hat von dorther aus der Düsternis für die Nacht, die nun vor ihm liegt.

»Sanft wie Berge gingen alle Vergleiche
neben der Rede. Schwarze
Berge, über die das Licht stieg und
fiel. Ich schnorrte Gold.

(…)

/ Paul-Henri Campbell, Fixpoetry

Ulrich Koch: Ich im Bus im Bauch des Wals
Edition Azur, 2015

Ingolds Einzeiler

Die Puppe ausgeschlachtet. Die Liebe mit künstlichen Augen. Auf Herrchens Knie die laue Schnauze.

Felix Philipp Ingold

Böhmers Gedicht

Paulus Böhmer ist der Dichter der großen Worte und der langen Rede. Im Grunde sind all seine Langgedichte Ausschnitte aus einem einzigen Gedicht, das, wenn es nur möglich wäre, das gesamte Universum vom kleinsten Kleinen bis zur Unendlichkeit umfassen würde. Jedes seiner Gedichte will die ganze sprachlich fassbare Welt festhalten, jedes einzelne Wort reckt und streckt sich lustvoll der Gesamtsprache entgegen. Böhmers Gedichte fangen irgendwo an und hören irgendwo auf, aber das ist nur ihrer unausweichlichen Verhaftetheit in der Zeit geschuldet. Sie zielen immer auf alles, sind Rausch, orgiastische Feier des Daseins, des Lebens und des Sterbens, Gebete ohne Gott, die im Überschwang auch mit einem „Amen“ oder einem schlichten „Ja“ enden können, weil sie nun mal enden müssen. (…)

Das ist in einem kleinen Band mit zwei Langgedichten nachzulesen, die zwar beide schon einmal vor 15 Jahren erschienen sind, jetzt aber als komplementäre Teile eines Ganzen beieinander stehen und die Methode Böhmers deutlich werden lassen. / Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung

Paulus Böhmer: Wer ich bin. Gedichte. Edition Faust, Frankfurt am Main 2014. 56 Seiten, 16 Euro.

Ein ukrainisches Gedicht

Die ukrainisch-deutsche Schriftstellerin und Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja erinnert sich an den ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko. 

Ich möchte Ihnen ein Gedicht vom Taras Schewtschenko vorlesen. Als ich Anfang Januar in Kiew gewesen bin und all die feiernden Menschen sah, habe ich oft an die Verzweiflung Schewtschenkos gedacht. Er gilt als der ukrainische Nationaldichter. Es sagt sich so einfach: „Nationaldichter“.

Man kennt Goethe, Byron, Puschkin. Schewtschenko war der einzige in dieser Reihe, der als Leibeigener geboren wurde. Von Kindheit an war er hochbegabt und sein „Besitzer“ hat ihm die Möglichkeit gegeben, Malerei zu erlernen, dabei war Schewtschenko buchstäblich ein Sklave im russischen Imperium des neunzehnten Jahrhunderts.

Es waren der russische Dichter Wassilij Schukowskij und der Maler Karl Brullow, die Schewtschenko freigekauft haben. Er hat aber politische Gedichte gegen den Zaren verfasst und wurde dafür zum Strafdienst in der zaristischen Arme verurteilt. Sein ganzes Leben lang hat er Prosa und Tagebücher auf Russisch geschrieben und Gedichte auf Ukrainisch.

Wir mussten in der Schule viele Freiheitsgedichte von ihm auswendig lernen, ich mochte sie nicht und habe für mich ein anderes ausgesucht. Es war eines der tragischsten Gedichte des Bandes „Kobsar“ und nun erinnert mich dieses Gedicht an „Sonett Nummer 66“ von William Shakespeare: „tired will all these for restfull death I cry.“

Vielleicht ist es die unpathetische ukrainische Variante dieser Verzweiflung. Schewtschenko schrieb das Gedicht 1860 in Sankt Petersburg kurz von seinem Tod. Es geht um die vollkommene Einsamkeit eines Menschen, der am Ende seines Lebens steht, auf nichts mehr wartet, niemanden mehr hat, an keinen Frühling mehr glaubt, an kein Wiedersehen mit seiner Heimat, nicht einmal daran, dass die Hoffnung wiederkehrt. / DLR

Sauber

An dieser Stelle zünde ich mir eine Zigarette an und lese ein wenig Monika Rinck, um mich nicht so schmutzig zu fühlen.

Zitat aus einem langen Kommentar von Yevgeniy Breyger zu allem was Spaß macht, nee, geht nicht, weh tut – ach lesen Sie selbst (bei Fixpoetry)!

sapphozuschreibun‘

Ein Wortkommentar

Thomas Kling:

sapphozuschreibun‘. nachtvorgang

………………………………………….. ab-
gesackt, hinab, ist schon der mond
und di pleiaden. mitte schon, nacht-
rinne stunde. als eine: muß ich schlafn

(für Ute Langanky)

aus: Thomas Kling: morsch. Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996, S. 67

sapphozuschreibun‘: kling verwendet radikale kleinschreibung und elemente einer privatorthographie. hier „di“ für die, die elision des e in schlafn und das weglassen des g in zuschreibung. ich nehms als performativen akt: gleich das erste wort sagt: dies ist mein reich, hier gelten meine regeln. performativ auch darin, daß man beim vortragen verunsichert wird. wie soll man das aussprechen? auf jeden fall anders als in prosa: soll man. inhaltlich bezieht sich sapphozuschreibung wohl auf die diskussion in der forschung um die echtheit des fragments. ist es von sappho oder wird es ihr nur zugeschrieben? aber zugleich eröffnet es klings poetischen akt. ich, der deutsche dichter, schreibe sappho etwas zu.

nachtvorgang: ist als zweiter teil des titels die inhaltsabgabe, ganz sachlich. der titel ist wie ein schild, auf dem steht: „achtung, hier schreibe ich sappho etwas zu, es handelt von einem nachtvorgang“

abgesackt: die aufteilung auf 2 verse betont den fragmentcharakter. gleichzeitig wieder performatives: herausforderung für vorleser. man kann es nicht wie prosa runterrasseln. soll man vielleicht singen? keine schlechte idee. kling hat gelegentlich auf die verwandtschaft zwischen lyrik und oper hingewiesen. das wort absacken ist umgangssprachlich für sinken, untergehen, auch trinken, chillen. in „schriftsprache“ kann man das wort nicht verwenden. (ansage: meine oper ist keine klassische, sondern eine moderne. hier wird gesungen, aber nicht belcanto!) auch die verdopplung:

abgesackt, hinab: geht in diese richtung. gemeint ist ja nur: der mond ist schon untergegangen.

mitte schon, nacht-/ rinne stunde: es ist mitternacht. schon spät (die zeit vergeht!). die aufteilung gabs schon im originaltext: „mitte der / nacht, die zeit vergeht“ kling verschiebt das enjambement auf den zweiten teil, eigentlich verunklart / „verfälscht“ er den text, es ist ja ein alter text in einer fremden, toten sprache. vielleicht schwer verständlich, vielleicht schwer lesbar; es ist auch nicht sapphos manuskript, sondern eine viel spätere abschrift, die vielleicht durch schreibfehler korrumpiert ist? kling instrumentiert die unsicherheiten, indem er eine eigene „deutung“ schafft (wir erinnern uns, es ist keine übersetzung, sondern eine „zuschreibun‘ „). das gedicht scheint zu stottern, alles wird zweimal gesagt, unsicher, zögerlich gesprochen. 1. der mond ist schon abgesackt / hinab 2. mitte, nacht-/rinne durch das „falsche“ enjambement wird eine doppellesbarkeit erzeugt. erste lesart die hier schon angedeutete: nachtrinne, rinne = Furche, Graben, Grube, Vertiefung. die mitternacht als furche zwischen 2 tagen. zweite: erst danach bemerkt man, daß „rinne stunde“ auch anders gelesen werden kann. es ist jetzt das verb „rinnen“ = fließen, wegsickern, verschwinden, verstreichen. rinne! (imperativ). die zweite lesart also: vergehe (endlich), stunde! es ist ein nachtvorgang. schlaflosigkeit: die kanadische dichterin anne carson, die auch altphilologin ist, übersetzt sapphos fragment 168B so: Moon has set and Pleiades: middle night, the hour goes by, alone I lie. die schlaflosigkeit der (weiblichen) sprecherin hat mit ihrer einsamkeit zu tun, mit ihrem alleinsein, sagt uns der schluß. kling führt das erzwungene alleinsein explizit ein, „muß“ ich schlafn.

als eine: ist nicht „korrektes“ deutsch. der doppelpunkt bei kling erzwingt eine denkpause, wieder verunsicherung des lesers (und ebenso des vorlesers: den doppelpunkt mitsprechen durch stimmführung und mimik). als eine: eine was? als einsame frau

(Michael Gratz)

Arbeitsbericht

Als wir den Plan (Dirk Uwe Hansens Idee, ich ließ mich zum Mittun überreden) für die Anthologie faßten, war ich neugierig und zugleich skeptisch. Klar, jeder kennt den Namen Sappho und das Fragment mit Mond und Pleiaden. Aber reicht das für produktiven dichterischen Umgang? Es gibt viele Übersetzungen, aber wer sind die Leser? – 2010 hatten 2 jüngere Dichter, Ann Cotten und Roman Graf, auf zusammen fast 10 Seiten ihre Paraphrasen des Pleiadenfragments veröffentlicht. Und dann gab es die berühmte „Sapphozuschreibung“ von Thomas Kling (1996): ab-gesackt, hinab, ist schon der mond und di pleiaden. mitte schon, nacht- rinne stunde. als eine: muß ich schlafn (für Ute Langanky) Aber ob sich das verlängern ließ? Vielleicht war das Material ausgeschöpft? Wir veröffentlichten einen Aufruf: call for poems:

Wir besitzen fast nichts mehr von ihrer Dichtung und wissen noch weniger von ihrem Leben. Und doch: Sappho lässt die Dichterinnen und Dichter, Leserinnen und Leser nicht los. Vielleicht, weil es so verführerisch ist, die Lücken, die die Überlieferung in ihr Werk gerissen hat, zu füllen; vielleicht auch, weil das Wenige, das wir lesen können, so überwältigend schön ist, dass man sich seiner immer wieder vergewissern will; es schafft sich jede Zeit ihre Sappho. Wir möchten gern wissen, welche Sappho unsere Sappho ist. Deswegen planen wir eine Anthologie mit Gedichten, die ihren Ausgang von Sapphos Poesie nehmen; um sie zu vervollständigen, ihr ein Eigenes entgegenzusetzen, sie zu verstehen, mißzuverstehen, umzudeuten, weiterzugeben, was auch immer Ihr wollt / Sie wollen.

Dem fügten wir einige Beispiele zu, die oben eingerückte Fassung von Thomas Kling z.B. oder von Anne Carson: Moon has set and Pleiades: middle night, the hour goes by, alone I lie. und von Ann Cotten: … Es regnet. Es gibt Plejaden. Es gibt mich. Man schläft. … Dann warteten wir ein halbes Jahr, und dann, allmählich, kamen so viele Texte, daß wir auswählen konnten. Besonders viele zu dem Mond-Pleiaden-Fragment, das schon seit über 200 Jahren deutsche Dichter fasziniert. Aber wir wollten keine Mondgedicht-Anthologie. Und es geschah das Wunderbare: viele Dichterinnen und Dichter aus dem gesamten deutschsprachigen Raum schickten uns ihre Sappho-Gedichte. Männer und Frauen, Jüngere und Ältere, eher traditionell „lyrische“ ebenso wie eher „experimentelle“, man verzeihe die Hilfsbegriffe. Unsere Sappho-Anthologie wurde fast zu einer Inventur gegenwärtiger Schreibweisen. Es macht mir immer wieder und noch immer Spaß, wenn ich darin lese.

Michael Gratz

Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene. Hrsg. von Michael Gratz und Dirk Uwe Hansen. Dt./altgriech. Greifswald (freiraum-verlag) 2014. 150 Seiten. 14,95 Euro.

Fremdenzimmer

Als Schwarzwaldandalusier ist José F. A. Oliver in den deutschen Literaturbetrieb eingegangen – spätestens seitdem 2007 sein Essayband „Mein andalusisches Schwarzwalddorf“ erschienen war. Dieser Titel könnte auch über seinem eben erschienenen jüngsten Prosawerk stehen – doch „Fremdenzimmer“ ist ein viel hintergründigerer, spielerischerer und poetischerer Titel für die elf Essays, die der kleine, aber sehr feine Weissbooks Verlag herausgebracht hat. José F. A. Oliver, ein Lyriker von Graden, lebt seit seiner Geburt im Jahr 1961 in Hausach, einer Gemeinde in der Nähe von Offenburg: Durch das von Oliver ins Leben gerufene Festival Hausacher LeseLenz hat die Kleinstadt einen Namen und ein Gesicht weit über die Region hinaus bekommen.

Man kann vielleicht sagen, dass der Hausacher LeseLenz das Ergebnis einer gelungenen Integration ist. Oliver, Sohn eines 1960 aus Malaga in den Schwarzwald eingewanderten Gastarbeiterehepaares, hat in seinem ländlichen Umfeld nicht nur Spanisch und Deutsch, sondern auch die alemannische Mundart gelernt – und sein poetisches Sprechen ist von diesem kleinen sprachlichen Grenzverkehr sicht- und vor allem hörbar beeinflusst – vielleicht sogar noch mehr: geboren. (…)

Emma Viktoria Welle ist es offenbar auch gewesen, die den kleinen José mit dem Alemannisch so vertraut machte, dass er sich Gedanken darüber machen musste, wie man „Heibere“ – auf Hochdeutsch: „Heidelbeeren“ – ins Spanische übersetzen kann. Und natürlich springen jemandem, der in der Familie eine andere Sprache spricht als seine Freunde, Wörter wie das schöne „wunderfitzig“ (für „neugierig“) ins Ohr. Die Sprachsituation im Haus seiner Kindheit bringt Oliver so auf den Punkt: „Im ersten Stock wurde alemannisch gesprochen, also annähernd deutsch, und im zweiten andalusisch, also annähernd spanisch.“ Nur ein paar Treppenstufen: Und aus dem weiblichen („la Luna“) wurde ein männlicher Mond. / Bettina Schulze, Badische Zeitung

José F. A. Oliver: Fremdenzimmer. Essays. Verlag Weissbooks, Frankfurt am Main 2015. 118 Seiten, 16,90 Euro.

Lesungen: Der Autor liest am 19. April um 11 Uhr in der Rainhofscheune Kirchzarten und am 25. April um 18 Uhr in der Freiburger Buchhandlung Jos Fritz im Rahmen ihres 40-jährigen Jubiläums.

Die Abrechnung

Bei Booknerds ein Interview mit Tom Bresemann – „Alles zu Pegida, mittelmäßigsten Gedichten, der Szene, dem Teilen der Bewegung. Claudia Roth, Jan Wagner, Jesus, Ton Steine Scherben, Luther, Brinkmann, Kaiser Bismarck Porträts, Putin, Merkel, NSU, und nicht be- sondern glückendes Schreiben, die Stones, linke Wichser“. Auszug:

Wenn man denkt, es gibt etwas wie mündige Leser und ich will ihnen mündige Gedichte anbieten, dann kann ich nicht so tun, als wüsste ich mehr als sie. Gerade wenn man sich mit ethisch, moralisch oder sogar juristisch bewertbaren Dingen beschäftigt, kann es im Gedicht nicht darum gehen, jemandem zu sagen: “Schau mal, das ist gut, das ist böse; gut, dass ich’s dir sage, wenn du es selber nicht schnallst.” Auch nicht: „Schau mal wie toll der Tisch ist und wie toll man ihn jetzt durch mein Gedicht anfassen kann.“ Sondern lass uns mal darüber reden, wie wir reden, wie wir kategorisieren und wo unsere Sinne zusammenlaufen. Jetzt kannst du natürlich sagen „die Sinne sind der Quell, wer will uns damit locken?“ – Aber das ist ja sowieso alles Jesus-Kram, ein Jesus-Propaganda-Gedicht.

(…)

Die Rezeption und Produktion meiner Gedichte sind demokratische Vorgänge. Und daraus entstehen Gedichte, die in undemokratischen Ländern zensiert werden könnten. Etwa Sachen wie: “Ich will auf gar keinen Fall wie ein Schwuler diskriminiert werden.” Oder: “Jeder kennt einen Antisemiten, den er mag”. Eine Zensurbehörde funktioniert ja so, dass es drei Fälle gibt: Jemand äußert sich negativ zu etwas, zu dem er es nicht sollte. Jemand äußert sich positiv. Oder jemand äußert sich so, dass man es nicht versteht. Und nur der positive Fall ist für diese Behörde ok.

Aber wenn jemand sich zwischen negativ und positiv äußert, ist das auf eine viel schwierigere Art nicht ok, weil man nicht weiß, ob es eine Art von Subversion hat. Aber: Das bestärkt eine Rezeptionshaltung, die Dinge grundsätzlich in Frage stellen möchte, die bei jedem Inhalt sagt: ‘Aha, ok, ich schau mir das noch einmal von einer anderen Seite an. Und von noch einer anderen Seite.’ Und ich lese es drei, vier, fünf Mal. So zu schreiben und so zu lesen schult eine Art von kritischem Bewusstsein, welche nur in einer demokratischen Gesellschaft Platz hat. Und deshalb würde ich sagen, dass meine Gedichte demokratische Gedichte sind.

Würdest du sagen, dass es eine Art Zensur in einer demokratischen Kultur gibt?

In Bezug auf Gedichte schönerweise nicht. Wir leben ja jetzt nach einer neuen Zeitrechnung, zwei Tage nach Beginn der Wagner-Ära. Jetzt finden alle Lyrik wichtig, weil Jan Wagner den Buchpreis gewonnen hat. Jetzt gibt es einen Markt dafür. Aber ich weiß nicht, ob es stimmt, dass wir jetzt in einer neuen Zeit leben. Die Zeit vorher war dadurch bestimmt, dass man Lyriker einfach machen ließ. Weil es ja eh keiner liest, und es keinen interessiert. Jeder Lyriker in Deutschland findet früher oder später einen Verlag, der seinen Scheiß druckt; weil es nicht viel kostet.

Keiner von uns will 10.000 € Vorschuss haben. Lyriker sind meist die, die selber Verlage gründen und sich spätestens mit dem fünften oder zehnten Buch selber verlegen. Und das Schöne an der Lyrik-Szene in Deutschland und Berlin der letzten zehn Jahre ist, dass es etwas für alle ist, dass du die mittelmäßigsten, langweiligsten und beschissensten Gedichte schreiben kannst, aber es trotzdem ein Publikum dafür gibt. Und das ist nicht einmal unbedingt kleiner als das von Jan Wagner oder irgendwem anders. Das ist ein komplettes Feld von: Alles geht.

(…)

Ich versuche mich, aus einem Jan-Wagner-Lawinenthema rauszuhalten. Aber meine These ist: Dieser Hype zementiert nur, was sowieso schon common sense ist. Würden jetzt die großen Verlage wieder ihre Lyrik-Reihen aufnehmen, die sie in den letzten Jahren alle eingestellt haben, dann würden die Freaks trotzdem nicht häufiger verlegt werden. Sondern die Naturlyriker, die Poesie, die poetisch sein will, die sagt: ‘guck mal her, ich bin ein Gedicht.’

Lyrik im Ausland

Lyriklesung: Tone Avenstroup, Helena Sinervo, Asmus Trautsch

Man kann es, mit Baudelaire, nicht oft genug sagen: „Le Printemps adorable a perdu son odeur!“ Ist aber: gar nicht weiter schlimm! Schließlich muss für einen abwechslungsreichen Lyrikabend die Frühlingswonne gar nicht duften, es genügt vollkommen, dass auch unter ihrer Schirmherrschaft die altbewährten physikalischen Gesetze der Schallfortpflanzung noch intakt sind, und das scheinen sie zu sein – und so freuen wir uns sehr auf deren Dienstbarmachung durch und ausgewählte Gedichte von:

Tone Avenstroup (auf Norwegisch und in deutscher Übersetzung),

Helena Sinervo (auf Finnisch und in deutscher Übersetzung) und

Asmus Trautsch

Do 16.4. 20:30 Uhr | 5 EUR

Tone Avenstroup wurde 1963 in Oslo, Norwegen, geboren. Zwischen 1982 und 87 hat sie Theater- und Literaturwissenschaft an der Universität in Bergen studiert und dabei 1985-86 ein Gaststudium im Fach Theaterwissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin, DDR eingelegt. Tone Avenstroup ist Mitglied im NScF und dem Norsk Dramaturgforum. 1986 war Tone Avenstroup in Bergen Gründungsmitglied der Theatergruppe BAKTRUPPEN, bei der sie bis 1995 Aufgaben und Rollen in Regie, Dramaturgie, Performance übernommen hat. Seit 1990 lebt sie in Berlin. Sie war Mitglied ‚Am Performerstammtisch’ in Berlin und Redaktionsmitglied der Zeitschrift GEGNER, Basisdruck, Berlin. Zu ihren letzten Veröffentlichungen zählen „samstemmelse / ineinandersetzung“, Distillery 38, Berlin, 2013. „i tallenes tid / in zeiten der zahlen“, Verlag Peter Engstler, Ostheim Rhön, 2010. „durch blanke landschaften. Texte aus intermedialen Produktionen“, Verlag Peter Engstler, Ostheim/ Rhön, 2013, sowie folgende Übersetzungen: Øyvind Rimbereid, „prostym nozhom“. Übersetzt von Tone Avenstroup, Bert Papenfuß. roughbook 025, Urs Engeler Verlag, Basel, 2013. Terje Dragseth, „Kvitekråkas song / Weißkräje sein Lied / Wittkreihs Leed. Jedichte und Jesänge. Een gorrlaust Machwerk“. Übersetzt von Tone Avenstroup, Bert Papenfuß. Gutleut Verlag, Frankfurt & Weimar, 2009 (aus: syssel.de).

Helena Sinervo, geboren 1961 in Tampere, Finnland, studierte Musik und verdiente ihren Lebensunterhalt als Klavierlehrerin, bevor sie sich der Literatur zuwandte – zuerst als Studentin der Literaturwissenschaft in Helsinki und in Paris, später als Lyrikerin und Romanautorin. Ihr erster Roman, eine fiktionalisierte Biografie über die finnische Dichterin Eeva-Liisa Manner, gewann den renommierten Finlandia-Preis. Ihre Lyrik ist inspiriert und beeinflusst u.a. von der Naturwissenschaft/naturwissenschaftlichen Beobachtungen, klassischen Mythen und der Beziehung von dem Menschen und der Natur. Vielseitige Stimmen mischen sich in ihrer Dichtung; eine traditionelle, von dem finnischen Nationalepos Kalevala geprägte Stimme folgt einer des beschäftigten Stadtmenschens. Sinervo ist außerdem als Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen (u.a. von Elizabeth Bishop und Stéphane Mallarmé) tätig. Zu ihren letzten Veröffentlichungen zählen „Tykistönkadun päiväperho (Der Schmetterling der Artilleriestraße)“ (2009) und „Väärän lajin laulut (Lieder falscher Art)“ (2010). (aus: literaturwerkstatt.org) http://en.wikipedia.org/wiki/Helena_Sinervo

Asmus Trautsch, geboren 1976 in Kiel, studierte Komposition, Philosophie, Mediävistik und neuere deutsche Literatur in Berlin und London. Promotion in Philosophie zur Theorie tragischer Erfahrung. Von 2003 bis 2010 arbeitete er als Co-Verleger und Lektor im LUNARDI Verlag für zeitgenössische Literatur; Stipendien führten ihn u. a. an die Columbia University New York, die Akademie Schloss Solitude und ins Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Er veröffentlicht Lyrik, Kurzprosa und Essays in Zeitschriften und Anthologien und gibt die Edition Poeticon heraus. Zuletzt erschienen: „Kalendergeschichten 2013“ (Hrsg.), „EXPedition Stuttgart“ (2013), „Treibbojen“ (Verlagshaus J. Frank, 2010). http://www.poetenladen.de/asmus-trautsch.htm


ausland – Territory for experimental music, performance and art
Lychener Str. 60, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg

Lyrik im ausland
Alexander Filyuta & Tobias Herold
www.ausland-berlin.de/lyrik-im-ausland
https://de-de.facebook.com/LyrikImAusland

 

Gruppenkritik

Von Helmut Heissenbüttel

von 25 Autoren lasen 16 zum erstenmal 10 wurden positiv 9 negativ und 6 verschieden beurteilt in der Kritik fielen von 200 Wortmeldungen je 20 auf Walter Jens und Joachim Kaiser 17 auf Walter Höllerer 16 auf Erich Fried 12 auf Günter Graß 11 auf Hans Mayer 9 auf Marcel Reich- Ranicki je 7 auf Heinz von Cramer Fritz J. Raddatz und Peter Weiß 6 auf Erich Kuby je 5 auf Hans Magnus Enzensberger Alexander Kluge Jacov Lind und Hermann Piwitt 13 Kritiker sprachen je 4 mal und weniger

Hermann Piwitt glaubt eine wirklich positive Geschichte gehört zu haben Günter Graß ist mit dieser Geschichte nicht so einverstanden Peter Rühmkorf unterscheidet einen blassen Erzähler Marcel Reich-Ranicki ist nur nicht im geringsten dafür daß die Grenze zwischen fiction und non-fiction verwischt wird Fritz J. Raddatz muß sich fragen was dem Thema nun Neues abgezwungen wird Walter Jens fragt sich in welcher Weise ein bestimmtes Milieu angemessen dargestellt werden kann also Heinz von Cramer findet das eine ganz besonders saubere Arbeit

(…)

Walter Mannzen weiß nicht ob Günter Graß weiß ob Brecht wissen konnte was Graß weiß und Unseld wissen kann was Brecht wußte und Graß weiß ob Brecht wissen konnte ob Unseld weiß was Graß nicht weiß aber er sagts auch nicht

Walter Höllerer findet sehr viel an subtiler Substanz Walter Jens findet weder Theologie noch Libretto Alexander Kluge findet eine sehr interessante Abkehr von der Rhetorik Günter Graß findet das nun einmal eine pausbäckige Angelegenheit Hans Mayer findet den Text sehr schön

(…)

(vollständiger beim Merkur)

Günter Grass †

Mitte der fünfziger Jahre debütierte Grass als Lyriker und Dramatiker, nach ersten Versuchen als Schriftsteller wurde er Mitglied der „Gruppe 47„. Von 1957 bis 1959 lebte Grass mit seiner Frau Anna in Paris. Die Bildhauerei gab er bis auf Weiteres auf und beschäftigte sich erst in späteren Jahren wieder mit der bildenden Kunst. Allerdings gestaltete er zeitlebens die Umschläge seiner Bücher selbst und illustrierte viele von ihnen.

Mit Anfang 30 setzte Grass sich in eigenen Worten „dickarschig“ hin und schrieb seinen ersten Roman über Nationalsozialismus und Weltkrieg durch die Augen des scheinbar ewigen Kindes Oskar Matzerath. Die Veröffentlichung seines Debüts „Die Blechtrommel“ 1959 machte ihn weltbekannt. Hans Magnus Enzensberger sah damals in einer Radio-Besprechung „Schreie der Freude und der Empörung“ kommen, und lobte weiter: „Unserm literarischen Schrebergarten (…) zeigt er, was eine Harke ist. Dieser Mann ist ein Störenfried, ein Hai im Sardinentümpel, ein wilder Einzelgänger in unsrer domestizierten Literatur, und sein Buch ist ein Brocken (…), an dem Rezensenten und Philologen mindestens ein Jahrzent lang zu würgen haben, bis es reif zu Kanonisation oder zur Aufbahrung im Schauhaus der Literaturgeschichte ist“.

Im Schauhaus der Literaturgeschichte kam das Werk in der Tat an, und nicht nur das. Die Verfilmung 1979 durch Volker Schlöndorff mit Mario Adorf, Angela Winkler und David Bennent erhielt den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Zusammen mit der Novelle „Katz und Maus“ (1961) und dem Roman „Hundejahre“ (1963) bildet „Die Blechtrommel“ die Danziger Trilogie. „Die meisten meiner Bücher beschwören die untergegangene Stadt Danzig. (…) Verlust machte mich beredt“, wie Grass später schrieb. Zeitlicher Hintergrund war die dramatische erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, geschildert in einem oft grotesken und expliziten Stil, der seinerzeit durchaus schockieren konnte, nicht nur ideologisch. Der ehemalige NS-Publizist Kurt Ziesel etwa setzte vor Gericht durch, Grass einen „Verfasser übelster pornographischer Ferkeleien“ nennen zu dürfen. / Irene Helmes, Süddeutsche Zeitung

Günter Grass liest das Gedicht „Mir träumte, ich müßte Abschied nehmen“ (1986)

Das letzte literarische Werk von Günter Grass kommt im Sommer auf den Markt. Der Literatur-Nobelpreisträger habe bis wenige Tage vor seinem Tod an dem Buch gearbeitet, sagte sein Verleger Gerhard Steidl am Montag in Göttingen.
„Wir haben das Buch in der letzten Woche buchstäblich fertig gemacht, es ist druckreif. Wir hätten jetzt an Feinarbeit gebastelt“, sagte Steidl. Bei dem Werk mit dem Titel „Vonne Endlichkait“ handele es sich um ein literarisches Experiment. Darin habe Grass erstmals Prosa und Lyrik miteinander verschmolzen. / Der Spiegel

Iain Bamforth würdigt Grass in der LRB als Lyriker und zitiert dieses Gedicht aus Grass‘ „Vorzügen der Windhühner“, seinem ersten Gedichtband, das auf englisch so beiläufig elegant klingt in seiner Bosheit:

„In our museum – we always go there on Sundays –
they have opened a new department.
Our aborted children, pale, serious embryos,
sit there in plain glass jars
and worry about their parents‘ future.“ / Perlentaucher (dort auch zahlreiche weitere deutsche und internationale Stimmen)

So schwer wie Gott ist das Gehirn

Ihre Zurückgezogenheit war der Schutz eines freien, wissbegierigen und schöpferischen Geistes, der sich nicht nur der Natur öffnete und Seelenzustände genau erforschte, sondern sich für Ökonomie ebenso interessierte wie für Naturwissenschaften – und für die politischen Ereignisse ihrer Zeit: Der amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) war eines der Themen, mit dem sie sich auf ihre oft überraschende Weise auseinander setzte.

Inmitten einer Umgebung, die für einen Freigeist, zumal einen weiblichen, oft erstickend gewesen sein muss, fasste die heimliche Agnostikerin Emily Dickinson ihre Gedanken in ebenso heimliche Verse, die sie selbst zu kleinen Heften band und bis auf wenige Ausnahmen niemanden sehen ließ.

Ein Gedicht über das menschliche Gehirn zum Beispiel, das 1863 entstand, hätte sie damals nicht veröffentlichen können, ohne einen Skandal mit weitreichenden Folgen heraufzubeschwören.

„Mehr als der Himmel fasst das Hirn“ beginnt es und deutet in lyrischer Kürze und Eleganz die intellektuellen, emotionalen und sinnlichen Fähigkeiten des Menschen; um am Ende zu behaupten:

„So schwer wie Gott ist das Gehirn –
Hebst du sie – Pfund um Pfund-
Sind sie verschieden – allenfalls-
Wies Laut und Silbe sind“

/ Katharina Döbler, DLR

Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte
Herausgegeben und übersetzt von Gunhild Kübler
Hanser Verlag, München 2015
1408 Seiten, 49,90 Euro

The Brain — is wider than the Sky —
For — put them side by side —
The one the other will contain
With ease — and You — beside —

The Brain is deeper than the sea —
For — hold them — Blue to Blue —
The one the other will absorb —
As Sponges — Buckets — do —

The Brain is just the weight of God —
For — Heft them — Pound for Pound —
And they will differ — if they do —
As Syllable from Sound —

Gestorben

Im Alter von 83 Jahren starb Klaus Rifbjerg, einer der einflußreichsten dänischen Autoren seiner Zeit. Er wurde am 15.12. 1931 in Kopenhagen geboren und starb am 4.4. nach langer Krankheit. Er veröffentlichte über 100 Romane, Drehbücher, Schauspiele, Fernseh- und Hörspiele, Kinder- und Tagebücher, Novellen-, Essay- und Gedichtbände.

Gedichtausgaben auf Deutsch:

  • Uhrenschlag der aufgelösten Zeit (Gedichte in bilingualer Ausgabe) Berlin: Volk & Welt, 1991; übersetzt und mit einem Nachwort herausgegeben von Lutz Volke
  • Septembersang/ Septembersong (Gedichte in bilingualer Ausgabe), Münster 1991; übersetzt von Peter Urban -Halle
  • Knastørre digte / Strohtrockene Gedichte (Gedichte in bilingualer Ausgabe, Leipzig 2009; übersetzt von Lutz Volke und mit einem Nachwort herausgegeben von Paul Alfred Kleinert)

Zabel Yesayan

Interessant sind auch die wunderbar lyrischen Kindheitserinnerungen „Die Gärten von Silahtar“ der armenischen Schriftstellerin Zabel Yesayan. Die Autorin dokumentiert darin aus kindlicher Perspektive die Reaktionen ihres familiären Umfeldes auf die in den 1890er-Jahren im Osmanischen Reich losgebrochenen armenierfeindlichen Pogrome. Dem Massenmord von 1915 konnte Zabel Yesayan sich durch Flucht entziehen, wurde als sowjetarmenische Schriftstellerin später aber ein Opfer der stalinistischen Säuberungen. / Gerd Bedszent, literaturkritik.de

Corry Guttstadt (Hg.): Wege ohne Heimkehr. Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen. 
Assoziation A, Berlin 2014. 
204 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783862414406

Zabel Jesajan (armenisch Զապէլ Եսայեան, * 4. Februar 1878 in Üsküdar, Istanbul, Osmanisches Reich; † 1943 in Sibirien, Sowjetunion) war eine armenische Romanautorin, Dichterin, Übersetzerin. Sie war Zeitzeugin des Völkermords an den Armeniern in der Türkei und Opfer der Stalinistischen Säuberungen in Russland. (…) Während der Großen Säuberung wurde sie des „Nationalismus“ bezichtigt. Sie wurde 1937 festgenommen und unter unbekannten Umständen in Sibirien getötet. / Wikipedia